4,49 €
Vollmondkälte erzählt die Geschichte der Jugendlichen Greta, die mit dem Capgras-Syndrom lebt und in der norddeutschen Kleinstadt Reinfeld (Holstein) zunehmend zwischen Fürsorge, Kontrolle und sozialer Ausgrenzung zerrieben wird. Als sie Sven begegnet, entsteht eine Beziehung, die von Anfang an von Machtasymmetrien, emotionaler Abhängigkeit und subtiler Manipulation geprägt ist. Während Greta versucht, sich in einer Welt aus Betreuung, Werkstattalltag und institutionellen Entscheidungen zu behaupten, gerät sie immer tiefer in ein Geflecht aus toxischer Nähe und gesellschaftlicher Selbstzufriedenheit. Die Geschichte beleuchtet nicht nur die Dynamik zwischen Täter, Mitläufer und System, sondern stellt auch unbequeme Fragen nach Verantwortung, Wegsehen und dem Preis von "Ruhe". Diese Dark-Romance verzichtet bewusst auf romantische Verklärung. Sie zeigt psychische Erkrankung realistisch, Machtmissbrauch ungeschönt und Selbstbestimmung als riskanten, aber notwendigen Schritt. Der Schauplatz Reinfeld (Holstein) wird dabei selbst zum stillen Akteur: eine Stadt, die Ordnung liebt – und Menschen verliert. Vollmondkälte ist eine düstere, psychologisch dichte Geschichte über das Gehen, wenn Bleiben bedeutet, sich selbst aufzugeben. Achtung: Der Autor verwendet zum Erstellen seiner Texte meistens künstliche Intelligenz (und muss das angeben, was er hiermit macht)! Das Cover und die Geschichte wurden mit Chatgbt generiert.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2026
Vollmondkälte
Untertitel
Eine Dark-Romance-Geschichte über Kontrolle, psychische Grenzzustände und den Preis von Selbstbestimmung
Vorwort:
Diese Geschichte ist dunkel, weil sie dort hinschaut, wo Menschen oft wegsehen. Sie erzählt von psychischer Erkrankung, von Abhängigkeit und von Liebe, die sich nicht eindeutig gut oder böse anfühlt. Greta ist keine Heldin im klassischen Sinn. Sie ist verletzlich, manchmal widersprüchlich, manchmal schwer zu ertragen – genau wie das Leben selbst.
Reinfeld (Holstein) bildet dabei nicht nur den geografischen Rahmen, sondern auch eine seelische Landschaft. Vertraute Straßen, ruhige Seen und scheinbar harmlose Orte werden zu Schauplätzen von Angst, Nähe und Kontrolle.
Diese Geschichte will nicht schockieren um des Schocks willen. Sie will zeigen, wie schnell Romantik in Dunkelheit kippen kann und wie schwer es ist, zwischen Schutz und Bevormundung zu unterscheiden, wenn Krankheit, Liebe und Macht ineinandergreifen.
Trigger Warnung / Wichtiger Lesehinweis
Dieses Buch ist eine Dark-Romance-Geschichte mit einem sehr starken psychologischen, emotionalen und realitätsnah belastenden Schwerpunkt. Es enthält Inhalte, die verstörend, beängstigend oder retraumatisierend wirken können. Dazu gehören unter anderem die Darstellung psychischer Erkrankungen, insbesondere Wahrnehmungsstörungen wie das Capgras-Syndrom, emotionale Abhängigkeit, schleichende Manipulation, Kontrollverhalten, Grenzverschiebungen unter dem Deckmantel von Fürsorge, Machtungleichgewichte in Beziehungen, Stalking-ähnliche Dynamiken, psychische Krisen, Angstzustände, Panikreaktionen, Kontrollverlust über die eigene Wahrnehmung, Bevormundung durch Betreuungssysteme sowie Situationen, in denen Schutz und Übergriff nicht klar voneinander zu trennen sind. Nähe wird in dieser Geschichte nicht als sicherer Ort dargestellt, sondern als etwas, das zugleich Halt geben und zerstörerisch wirken kann.
Ich schreibe diese Trigger Warnung ganz bewusst und ausdrücklich. Ich möchte nicht, dass dieses Buch von kleinen Jungen oder kleinen Mädchen gelesen wird. Ebenso möchte ich nicht, dass psychisch kranke, seelisch instabile oder akut belastete Menschen diese Geschichte lesen. Ich will nicht, dass jemand durch meine Bücher einen Knacks in der Seele bekommt. Ich will nicht, dass sich jemand durch die beschriebenen psychischen Zustände, Kontrollmechanismen oder Abhängigkeitsstrukturen innerlich verliert oder sich im schlimmsten Fall selbst etwas antut.
Ich übernehme mit dieser Trigger Warnung Verantwortung. Worte wirken. Geschichten wirken. Gerade Geschichten über psychische Erkrankungen, Kontrolle, Verlust von Selbstbestimmung und manipulative Nähe können sehr tief nachhallen und bestehende innere Verletzungen verstärken. Deshalb soll dieses Buch nicht von Minderjährigen oder besonders schutzbedürftigen Personen gelesen werden. So wie man keine Zigaretten an zwölfjährige Kinder verkauft, sollen auch diese Inhalte nicht ungeschützt oder unreflektiert konsumiert werden.
Dieses Buch ist keine romantische Verklärung psychischer Erkrankungen, keine Rechtfertigung für Kontrolle, Bevormundung oder emotionale Abhängigkeit. Es ist keine Anleitung für Beziehungen und kein Ersatz für therapeutische, medizinische oder rechtliche Hilfe. Die dargestellten Dynamiken werden bewusst kritisch gezeigt, mit ihren seelischen Konsequenzen und Gefahren. Die Geschichte will sensibilisieren, nicht verherrlichen.
Bitte lesen Sie dieses Buch nur, wenn Sie volljährig sind, sich psychisch stabil fühlen und wissen, dass Sie mit sehr intensiven, düsteren und psychologisch belastenden Themen umgehen können. Wenn Sie unsicher sind, ob diese Inhalte für Sie geeignet sind, lesen Sie dieses Buch bitte nicht.
Ihre seelische Gesundheit ist wichtiger als jede Geschichte.
Haftungsausschluss:
Dieses Buch ist ein fiktionales Werk. Alle dargestellten Personen, Handlungen und Ereignisse sind frei erfunden, auch wenn reale Orte aus Reinfeld (Holstein) und der umliegenden Region verwendet werden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind nicht beabsichtigt.
Psychische Erkrankungen, insbesondere das Capgras-Syndrom, werden in dieser Geschichte realistisch, aber literarisch verarbeitet dargestellt. Die Geschichte ersetzt keine medizinische, therapeutische oder rechtliche Beratung.
Dieses Buch wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Die Inhalte dienen der Unterhaltung und literarischen Auseinandersetzung mit schwierigen Themen wie psychischer Erkrankung, Macht, Kontrolle und toxischen Beziehungen.
Die Geschichte richtet sich an ein erwachsenes Publikum, das sich bewusst auf dunkle, belastende und emotional intensive Inhalte einlassen möchte.
Imprint:
V. i. S. d. P.: Marcus Petersen-Clausen, Ginsterweg 7, 30900 Mellendorf/Wedemark (DE) - Tel.: 491796162178
Dieses Dokument ist lizenziert unter dem Urheberrecht!
(c) 2025 Marcus Petersen-Clausen
(c) 2025 Köche-Nord.de
Achtung: Der Autor verwendet zum Erstellen seiner Texte meistens künstliche Intelligenz (und muss das angeben, was er hiermit macht)! Das Cover und die Geschichte wurden mit Chatgbt generiert.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 – Die Stelle, an der Gesichter kippen
Kapitel 2 – Das Protokoll der Normalität
Kapitel 3 – Der Mann am Bahnsteig
Kapitel 4 – Die Kante zwischen Hilfe und Griff
Kapitel 5 – Worte im Stein, Hände im Schatten
Kapitel 6 – Gerüchte, Lücken, Nachhall
Kapitel 7 – Das Geräusch der Abwesenheit
Kapitel 8 – Die Akte mit dem falschen Datum
Kapitel 9 – Zwei Arten von Kontrolle
Kapitel 10 – Rick unter der Uhr
Kapitel 11 – Bruchlinien
Kapitel 12 – Der Preis der Sicherheit
Kapitel 13 – Die falsche Sicherheit
Kapitel 14 – Sichtbar werden
Kapitel 15 – Aktenruhe
Kapitel 16 – Das Unordentliche
Kapitel 17 – Der Ort, der bleibt
Kapitel 18 – Die peinliche Wahrheit
Kapitel 19 – Nachhall
Kapitel 20 – Öffentlichkeit ohne Bühne
Kapitel 21 – Die freundliche Umklammerung
Kapitel 22 – Nutzbar gemacht
Kapitel 23 – Die Stadt, die schaut
Kapitel 24 – Kulissen
Kapitel 25 – Der Tag, an dem alle da sind
Kapitel 26 – Freundliche Fronten
Kapitel 27 – Die Einladung
Kapitel 28 – Die Geschichte ohne dich
Kapitel 29 – Stadtplan
Kapitel 30 – Schutz, der sich gut anhört
Kapitel 31 – Das Angebot
Kapitel 32 – Der Schnitt
Kapitel 33 – Nachhall
Kapitel 34 – Erfolgsmeldung
Kapitel 35 – Anpassung
Kapitel 36 – Der Abend, der ruhig sein sollte
Kapitel 37 – Der Preis der Sichtbarkeit
Kapitel 38 – Die Entscheidung, die niemand sehen will
Kapitel 39 – Ohne Netz
Kapitel 40 – Vollmondkälte
Epilog – Was bleibt
Kapitel 1 – Die Stelle, an der Gesichter kippen
Greta blieb stehen, genau dort, wo die Straße einen leichten Knick machte und die Häuser für einen Moment auseinandertraten, als hätten sie Platz geschaffen für einen Gedanken, der zu schwer war, um ihn im Gehen zu tragen. Die Paul-von-Schoenaich-Straße lag still vor ihr. Es war einer dieser Abende, an denen Reinfeld (Holstein) wirkte wie eingefroren, als hätte jemand die Zeit angehalten und vergessen, sie wieder in Bewegung zu setzen. Die Luft roch nach feuchtem Asphalt und Laub, nach einem Herbst, der zu früh kam und zu lange bleiben würde.
Greta zog die Schultern hoch. Nicht aus Kälte, sondern aus Gewohnheit. Ihr Körper hatte gelernt, sich selbst zu schützen, lange bevor sie verstanden hatte, wovor eigentlich. Ihre Finger krallten sich um den Riemen ihres Rucksacks. Der Stoff war rau, abgewetzt an der Stelle, an der sie ihn immer hielt. Ein kleiner, verlässlicher Schmerz. Echt. Greifbar.
Gesichter waren das Problem. Nicht alle. Nicht immer. Aber oft genug, um wachsam zu bleiben.
Sie ging weiter, Schritt für Schritt, den Blick gesenkt. Der Bürgersteig war ihr vertraut. Jeder Riss, jede schief liegende Platte war wie ein stiller Marker in ihrem Kopf. Hier hatte sie einmal fast gestrauchelt. Dort hatte Frau Krüger aus dem Eckhaus sie vor Jahren gefragt, wie es in der Schule laufe, mit diesem mitleidigen Ton, der Greta noch Stunden später im Ohr geklungen hatte. Erinnerungen funktionierten. Orte funktionierten. Menschen nicht.
Als Greta an der kleinen Bäckerei vorbeikam, deren Schaufenster längst dunkel war, sah sie ihr Spiegelbild im Glas. Für einen Sekundenbruchteil hielt sie an. Ihr eigenes Gesicht erkannte sie immer. Das war wichtig. Die Therapeutin hatte gesagt, das sei ein Anker. Greta hatte genickt, obwohl sie nicht wusste, wie lange auch dieser Anker halten würde.
Blonde Haare, ein bisschen zu lang, ein bisschen ungepflegt. Augen, die älter wirkten als siebzehn Jahre. Ein Mund, der selten lächelte, nicht weil sie nicht wollte, sondern weil ihr Körper es verlernt hatte. Sie hob die Hand und berührte die Scheibe. Die Bewegung im Glas folgte ihr. Keine Verzögerung. Kein Fremdsein.
Gut.
Der Weg führte sie weiter Richtung Herrenteich. Das Wasser lag ruhig da, spiegelglatt, als würde es alles schlucken, was man hineinwarf. Gedanken. Zweifel. Vielleicht auch Menschen, wenn man lange genug hinsah. Greta blieb am Geländer stehen. Ihre Hände umfassten das kalte Metall. Sie spürte, wie die Kälte langsam in ihre Haut kroch, und ließ es zu. Schmerz war ehrlich. Schmerz veränderte sich nicht plötzlich.
„Nicht alles, was sich fremd anfühlt, ist gefährlich“, hatte ihr gesetzlicher Betreuer gesagt. Herr Kranz. Jahrgang Anfang sechziger Jahre. Seriöse Brille. Ruhige Stimme. Zu ruhig manchmal. Greta hatte ihm nicht widersprochen. Widerspruch kostete Kraft. Aber geglaubt hatte sie ihm auch nicht.
Sie wusste es besser.
Es begann nie laut. Nie dramatisch. Es war ein leises Kippen. Ein minimaler Riss in etwas, das eigentlich vertraut sein sollte. Ein Gesicht, das plötzlich nicht mehr passte. Augen, die zu leer wirkten. Ein Lächeln, das zu spät kam oder zu früh. Dann dieser Gedanke, scharf und klar wie Glas: Das ist nicht die Person, die sie vorgibt zu sein.
Capgras-Syndrom. Ein Wort, das sich fremd und technisch anhörte, als hätte es nichts mit ihr zu tun. Als sei es ein Fehler in einem System, nicht ein Gefühl, das ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Menschen wurden zu Kopien. Zu Hüllen. Und sie wusste nie, wann es passierte.
Greta atmete langsam aus und sah auf das Wasser. Sie zwang sich, die Geräusche zu benennen. Ein Fahrrad in der Ferne. Schritte auf Kies. Wind in den Bäumen. Benennen half manchmal. Struktur gegen Chaos.
„Greta?“
Die Stimme kam von rechts. Ruhig. Männlich. Sie erstarrte.
Nicht sofort umdrehen, sagte sie sich. Erst hören. Erst fühlen. Ihr Herz schlug schneller, aber gleichmäßig. Noch kein Alarm. Nur Vorsicht.
„Greta, ich wollte Sie nicht erschrecken.“
Sie drehte sich langsam um.
Der Junge stand ein paar Schritte entfernt. Dunkle Jacke. Hände offen, sichtbar. Eine Haltung, die nichts forderte. Sein Gesicht war schmal, die Züge weich, fast zu ruhig. Er wirkte… unverändert. Als hätte der Abend ihn nicht berührt.
Greta musterte ihn. Suchte nach dem Riss. Nach dem Moment, in dem etwas kippte.
„Kennen wir uns?“ Ihre Stimme klang flacher, als sie wollte.
Er lächelte leicht, nicht aufdringlich. „Aus der Schule. Sven. Wir haben Bio zusammen.“
Bio. Greta ließ das Wort durch ihren Kopf laufen. Bio funktionierte. Fakten. Diagramme. Der menschliche Körper als etwas Erklärbares. Sie erinnerte sich an den Platz am Fenster. An das Summen der Neonröhre. An einen Jungen, der immer ruhig wirkte.
Sie nickte langsam. Noch kein Alarm.
„Sie wirken, als wären Sie weit weg“, sagte Sven. Seine Stimme war leise. Zu leise vielleicht. Aber nicht falsch.
Greta zog die Hände vom Geländer. Ihre Finger waren rot vor Kälte. „Ich mag den Herrenteich. Abends.“
„Ich auch“, sagte er. „Dann ist er ehrlich.“
Sie runzelte die Stirn. „Ehrlich?“
Er zuckte leicht mit den Schultern. „Er tut nicht so, als wäre er etwas anderes.“
Das traf sie unerwartet. Greta spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Worte konnten gefährlich sein. Worte konnten Türen öffnen, die sie lieber geschlossen hielt.
„Ich muss nach Hause“, sagte sie abrupt.
Sven nickte. Kein Nachfragen. Keine Enttäuschung in seinem Gesicht. Nur Akzeptanz. Das machte es schlimmer. Menschen wollten normalerweise etwas. Nähe. Erklärungen. Kontrolle.
„Dann sehen wir uns morgen“, sagte er.
Keine Frage. Eine Feststellung.
Greta ging an ihm vorbei, spürte seinen Blick auf ihrem Rücken. Sie wartete auf das Kippen. Auf den Moment, in dem ihr Kopf ihr zuflüsterte, dass dieser Junge nicht echt war. Dass er ersetzt worden war. Aber nichts passierte.
Das machte ihr Angst.
Zu Hause schloss sie die Tür leise hinter sich. Ihre Mutter war in der Spätschicht. Die Wohnung roch nach abgestandenem Kaffee und Waschmittel. Vertraut. Sicher. Greta lehnte sich gegen die Tür und schloss die Augen.
Svens Gesicht tauchte vor ihr auf. Ruhig. Unverändert.
„Nicht alles, was sich fremd anfühlt, ist gefährlich“, hallte Herr Kranz’ Stimme in ihrem Kopf nach.
Aber was, wenn etwas Gefährliches sich gar nicht fremd anfühlte?
Greta öffnete die Augen. Draußen begann der Mond hinter den Wolken hervorzutreten. Vollmond. Fast.
Und irgendwo in ihr regte sich ein Gefühl, das sie lange nicht zugelassen hatte.
Nähe.
Kapitel 2 – Das Protokoll der Normalität
Am Morgen roch die Küche nach abgestandenem Kaffee und dem Reinigungsmittel, das ihre Mutter benutzte, wenn sie nachts nach der Spätschicht noch einmal über die Arbeitsfläche wischte, als könne sie damit auch die Gedanken wegwischen, die am Rand klebten. Greta stand barfuß auf dem kalten Linoleum und hörte in die Wohnung hinein. Kein Fernseher. Kein Radio. Nur das leise Brummen des Kühlschranks und das ferne Geräusch von Autos, die irgendwo auf der Bundesstraße vorbeizogen, als wäre Reinfeld nur eine Zwischenstation, eine kleine Ausbuchtung, die man mitnimmt, wenn man eigentlich woanders hinwill.
Sie nahm die Tasse aus dem Schrank, die immer am gleichen Platz stand. Der Platz war wichtig. Wenn Dinge ihren Platz verließen, begann es manchmal in ihrem Kopf zu kribbeln, als hätte jemand ein Kabel freigelegt. Ein Geräusch, das niemand hörte, aber das ihr sagte, dass alles kippen könnte.
Greta füllte Wasser in den Wasserkocher, stellte ihn an, sah zu, wie die rote Lampe aufleuchtete. Sie wartete, bis das Wasser kochte. Warten konnte sie. Warten war kontrollierbar. Menschen waren es nicht.
In ihrem Handy blinkte eine Erinnerung: Werkstatt. Berufsbildungsbereich. 07:45 Uhr: Abfahrt. Es war nicht ihr eigenes Handy gewesen, als sie diese Erinnerungen das erste Mal gesehen hatte. Es war Herr Kranz gewesen, der es eingerichtet hatte. „Damit Sie Struktur haben“, hatte er gesagt, als wäre Struktur ein Geschenk, das man ihr einfach geben konnte. Greta hatte nicht widersprochen. Sie hatte sich gefragt, ob er verstand, dass Struktur auch ein Käfig sein konnte, wenn man nicht selbst den Schlüssel hatte.
Ihre Mutter hatte ihr am Abend vorher noch eine Nachricht geschickt: „Bin früh weg. Brot ist da. Denk an Jacke. Love you.“ Die letzten zwei Worte waren neu. Sie tauchten erst seit einigen Wochen auf, wie eine vorsichtige Übung. Greta wusste nicht, ob sie sie mochte. Sie wusste nicht, ob ihre Mutter sie meinte, oder ob sie sie meinte, weil man es so machte.
Greta stellte das heiße Wasser in den Becher, rührte den Tee um, obwohl sie keinen Zucker hineingetan hatte. Die Bewegung beruhigte sie. Kreisen. Wiederholen. Als könnte man damit etwas glätten, das innen rau war.
Dann kam wieder dieses Bild: Sven am Herrenteich, seine Stimme, sein Blick, und dieser Satz, der sie getroffen hatte, ohne dass er ihn wie eine Waffe benutzt hatte. „Dann ist er ehrlich.“
Ehrlich.
Greta presste die Lippen aufeinander. Sie kannte Ehrlichkeit nur in zwei Formen: brutal oder gar nicht. Dazwischen lag die Welt der anderen, die lächelten, weil man lächelte, die „Wie geht es Ihnen?“ fragten, ohne eine Antwort zu wollen, und die sich wunderten, wenn Greta nicht mitspielte.
Sie trank einen Schluck Tee, zog die Jacke an, nahm ihren Rucksack. Im Flur hing ein Spiegel. Ein schmaler, der an der Wand klebte, als hätte man ihn nicht richtig befestigt. Greta blieb davor stehen. Das machte sie immer. Nicht aus Eitelkeit. Aus Kontrolle. Sie musste sehen, ob das Gesicht da war, ob es ihr gehörte, ob die Augen zurückschauten wie gestern, wie vorgestern.
Sie sah sich an. Sie war da. Sie war Greta.
Sie atmete aus. Dann ging sie los.
Draußen war es kalt, aber klar. Der Himmel war grau, und irgendwo hinter den Wolken drückte sich der Mond als blasser Fleck durch, als wollte er sich erinnern lassen. Greta zog die Kapuze hoch und ging Richtung Bushaltestelle. Die Straßen wirkten am Morgen anders: harmloser, alltäglicher. Menschen mit Einkaufstaschen, Fahrräder, ein Hund, der an einer Laterne schnupperte. Alles wirkte wie Normalität. Und genau das machte Greta misstrauisch. Normalität war eine Kulisse, hinter der etwas passieren konnte.
Im Bus saß sie hinten, wie immer. Sie setzte sich ans Fenster, legte die Stirn kurz gegen das kalte Glas, beobachtete die Häuser, die an ihr vorbeizogen. Das Gefühl, sich zu bewegen, war gut. Bewegung bedeutete Veränderung. Veränderung bedeutete, dass man nicht feststeckte. Manchmal.
Die Werkstatt für behinderte Menschen lag nicht weit weg, aber weit genug, um sich wie ein eigener Kosmos anzufühlen. Ein Gelände mit mehreren Gebäuden, einem Parkplatz, einem kleinen Gartenstreifen, der im Sommer gepflegt aussah und im Winter wie eine vergessene Idee. Greta kannte die Wege dort so gut wie die Risse in den Gehwegplatten vor ihrer Wohnung. Weg A führte zur Anmeldung. Weg B zum Berufsbildungsbereich. Weg C zu den Toiletten, die sie nur benutzte, wenn es nicht anders ging, weil Gerüche und Geräusche dort wie ein Angriff wirken konnten.
Als sie aus dem Bus stieg, spürte sie sofort das Gewicht des Tages. Nicht körperlich, sondern als Druck im Kopf. Stimmen. Bewegungen. Türen, die klackten. Menschen, die sich nicht immer an Regeln hielten, weil sie ihre eigenen Regeln hatten, und weil manchmal niemand wusste, welche Regeln eigentlich gelten sollten.
Sie ging zur Eingangstür, zog ihre Karte durch den Leser, hörte das Piepen, trat ein. Drinnen roch es nach Kantine, nach Papier, nach Metall, nach warmer Luft. Ihre Schritte hallten kurz auf dem Boden.
„Morgen, Greta“, rief Frau Möller vom Empfang. Jahrgang irgendwo in den sechziger Jahren, Haare kurz, Stimme klar. Frau Möller war zuverlässig. Greta wusste, wie ihr Gesicht aussah, wenn sie freundlich war. Wie es aussah, wenn sie genervt war. Es war nie plötzlich ein anderes.
Greta nickte. „Morgen.“
Frau Möller lächelte. „Heute ist Gespräch mit Ihrem Betreuer, richtig? Der kommt gegen Mittag.“
Greta spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Sie hasste diese Sätze, die so nebenbei klangen und trotzdem die Richtung ihres Tages bestimmten. „Ja.“
„Nicht vergessen. Raum drei. Ich hab es Ihnen auch in den Kalender geschrieben.“
Greta nickte wieder. Raum drei. Betreuer. Mittag. Als wäre ihr Leben eine Liste, die andere abarbeiteten.
Im Berufsbildungsbereich saßen schon einige an den Tischen. Es gab Stationen: Verpacken, Montage, Sortieren, einfache Büroarbeiten. Heute stand für Greta „Montage“ auf dem Plan. Kleine Teile zusammenstecken, Schrauben, kontrollieren. Die Arbeit war wiederholbar. Das mochte sie. Wiederholungen waren ehrlich.
Ihre Gruppenleiterin, Jana, kam auf sie zu. Jana war Anfang dreißig, zu jung, um in Gretas Kopf in die Kategorie „Autorität“ zu fallen, aber alt genug, um es trotzdem zu sein. Jana hatte eine Art, Dinge zu sagen, ohne Greta zu überrollen. Greta wusste das zu schätzen, auch wenn sie es nie zeigte.
„Guten Morgen“, sagte Jana. „Wie war Ihr Abend?“
Greta zuckte mit den Schultern. „Normal.“
Jana ließ es gelten. „Okay. Heute machen wir die Steckverbindungen. Ich setze Sie an Tisch zwei. Neben Dennis.“
Dennis winkte kurz. Dennis, Jahrgang 1990. Dennis war laut und nervös, aber ehrlich in seiner Lautstärke. Er spielte nichts. Greta mochte das.
Sie setzte sich, zog die Kiste mit den Teilen heran. Plastikteile, Metallstifte, kleine Schrauben. Jana zeigte noch einmal die Reihenfolge. Greta nickte. Sie konnte es. Sie brauchte nur, dass niemand sie dabei störte.
Die ersten Minuten verliefen gut. Greta steckte Teil A in Teil B, drückte, bis es klickte, drehte die Schraube, kontrollierte mit den Fingern, ob alles fest war. Klick. Dreh. Kontrolle. Klick. Dreh. Kontrolle.
Dann trat das ein, was immer passierte, wenn sie sich zu sehr beruhigte: Ihr Kopf wurde leiser. Und in der Stille schlichen sich Gedanken hinein.
Sven.
Sein Name war wie ein Finger, der an eine Tür klopfte, die sie nicht öffnen wollte. Sie hatte ihn gestern gesehen. Sie hatte ihn erkannt. Oder geglaubt, ihn zu erkennen. Und es hatte nicht gekippt.
Das war ungewöhnlich.
Greta spürte, wie ihr Blick kurz zu den Gesichtern im Raum wanderte. Dennis, der die Zunge zwischen die Zähne klemmte, während er schraubte. Jana, die am Whiteboard etwas notierte. Frau Schulz, die eine andere Gruppe beaufsichtigte und dabei immer wieder auf die Uhr schaute. Alles normal. Alles fest.
Und trotzdem begann ihr Herz schneller zu schlagen, als hätte jemand einen Alarm auf leise gestellt.
Capgras war nicht nur „Ich erkenne jemanden nicht“. Es war eine Überzeugung, die sich wie Wahrheit anfühlte. Es war der Gedanke: Das ist nicht meine Mutter. Das ist nicht die Person, die ich kenne. Sie sieht aus wie sie. Sie spricht wie sie. Aber sie ist es nicht.
Greta hatte es zum ersten Mal mit dreizehn gehabt. Ihre Mutter war aus dem Bad gekommen, hatte die Haare nass, ein Handtuch um die Schultern, hatte Greta gefragt, ob sie Hunger habe. Greta hatte ihr ins Gesicht gesehen und wusste, dass diese Frau nicht ihre Mutter war. Es war kein „Vielleicht“. Es war ein Schlag. Sie hatte damals geschrien. Sie hatte die Tür zugeschlagen. Sie hatte sich im Zimmer eingeschlossen und geweint, weil niemand verstand, dass das Weinen nicht nur Angst war, sondern Trauer: Trauer darüber, dass das Vertraute plötzlich weg war, auch wenn es noch vor ihr stand.
Seitdem war es immer wieder passiert. Mal selten, mal häufig. Mal nur ein paar Stunden, mal Tage. Manchmal betraf es nur eine Person. Manchmal mehrere. Und das Schlimmste war, dass sie nie wusste, wann es losging.
Sie drehte eine Schraube zu fest. Das Plastik knackte. Greta hielt inne. Ihr Atem blieb kurz hängen.
„Alles okay?“ Dennis schaute rüber.
Greta zwang sich, die Kiste zu betrachten, nicht sein Gesicht. „Ja.“
Dennis grinste. „Ich mach auch ständig kaputt.“
Seine Ehrlichkeit nahm dem Knacken etwas von seinem Gewicht. Greta holte ein neues Teil. Jana kam vorbei, sah kurz auf die defekte Verbindung, nickte nur. Kein Ärger. Keine große Sache. Greta spürte, wie sich etwas in ihr entspannte, aber nur ein bisschen.
In der Pause ging sie nicht in die Kantine. Sie ging nach draußen, stellte sich an die Seite des Gebäudes, wo der Wind weniger direkt war. Sie zog ihr Handy raus. Eine neue Nachricht. Unbekannte Nummer.
„Herrenteich war wirklich ehrlich gestern. Ich hoffe, Sie sind gut nach Hause gekommen. Sven.“
Greta starrte auf den Bildschirm. Ihr Hals wurde trocken. Woher hatte er ihre Nummer? Sie hatte sie ihm nicht gegeben. Sie konnte sich nicht erinnern, dass er sie gefragt hatte. Oder hatte er? Hatte sie genickt, ohne es zu merken? Oder hatte er sie irgendwo her?
Sie spürte, wie etwas Dunkles in ihr hochstieg. Nicht nur Angst. Auch Wut. Und darunter, sehr leise, ein anderer Ton: eine Art Wärme, die sie hasste, weil sie gefährlich war. Er hatte an sie gedacht. Er hatte sie gefunden.
Das war Kontrolle, verpackt als Fürsorge.
Sie tippte nicht sofort. Ihre Finger schwebten über der Tastatur. Was schrieb man, wenn man nicht wusste, ob man sich bedanken oder wehren sollte? Greta atmete aus, schrieb schließlich: „Woher haben Sie meine Nummer?“
Die Antwort kam schneller, als ihr lieb war. „Aus der Klassenliste. Wir haben doch die Gruppe in Bio. Ist das okay?“
Greta spürte, wie ihr Blick in die Ferne ging. Klassenliste. Gruppe. Bio. Natürlich gab es eine Liste. Natürlich gab es Wege. Natürlich war es „normal“. Und trotzdem fühlte es sich an, als hätte er in eine Schublade gegriffen, die nicht ihm gehörte.
Sie schrieb: „Bitte fragen Sie vorher.“
Wieder sofort: „Okay. Tut mir leid. Ich wollte nur, dass Sie wissen: Sie müssen nicht alleine sein.“
Greta schluckte. Sie merkte, wie ihre Brust sich eng anfühlte. Dieser Satz war gefährlich. Nicht, weil er böse war. Sondern weil er sich so sehr nach etwas anfühlte, das sie wollte.
Sie steckte das Handy weg, als könnte sie damit auch die Worte wegstecken. Aber die Worte blieben. „Sie müssen nicht alleine sein.“ Sie hörte sie wie ein Echo, das sich an ihren Rippen festhielt.
Als sie wieder reinging, waren die Geräusche lauter. Zu viele Stimmen. Zu viele Bewegungen. Greta setzte sich an ihren Tisch und konzentrierte sich wieder auf das Klick-Dreh-Kontrolle. Aber es half nicht so wie sonst.
Gegen Mittag kam Frau Möller in den Raum. „Greta, Raum drei. Herr Kranz ist da.“
Greta stand auf, spürte, wie ihre Beine kurz schwer wurden. Herr Kranz war kein böser Mensch. Aber er war ein Mensch, der Entscheidungen traf, weil er dafür bezahlt wurde, und weil ein Gericht gesagt hatte, dass Greta das nicht alleine könne. Und jedes Mal, wenn sie mit ihm sprach, fühlte sie sich gleichzeitig beschützt und entmündigt.
Raum drei war klein. Ein Tisch, drei Stühle, ein Fenster, das auf den Parkplatz zeigte. Herr Kranz saß schon da. Dunkler Mantel über dem Stuhl, Notizmappe vor sich, Brille auf der Nase. Er lächelte, als Greta reinkam. Ein kontrolliertes Lächeln, das in seinem Gesicht wohnte wie ein Möbelstück.
„Guten Tag, Greta“, sagte er. „Setzen Sie sich.“
Greta setzte sich. Sie legte die Hände in den Schoß, damit er nicht sah, wie ihre Finger zitterten.
„Wie geht es Ihnen?“ fragte Herr Kranz.
Greta sagte wie immer: „Geht.“
Er nickte, als wäre „geht“ eine Information, mit der man arbeiten konnte. „Ich habe Rückmeldung aus der Werkstatt. Es läuft stabil. Sie wirken konzentriert, zuverlässig. Das ist gut.“
Greta starrte auf die Tischkante. „Ich mach nur das, was ich soll.“
„Das ist mehr, als viele schaffen.“ Herr Kranz schlug die Mappe auf. „Wir müssen heute auch über den Antrag sprechen. Sie wissen, dass Ihre Mutter möchte, dass Sie perspektivisch mehr allein können. Einkaufen, Termine, vielleicht irgendwann eine eigene kleine Wohnung, betreutes Wohnen, nicht sofort, aber als Ziel.“
Greta spürte, wie ihr Magen sich wieder zusammenzog. Wohnen. Allein. Das Wort schmeckte nach Leere.
„Ich will nicht weg“, sagte sie leise.
Herr Kranz hob die Augenbrauen minimal. „Es geht nicht um Weg. Es geht um Selbstständigkeit.“
„Selbstständigkeit heißt allein“, sagte Greta. Ihre Stimme wurde härter. „Und allein heißt…“ Sie brach ab. Sie wollte nicht sagen: allein heißt kippen. Allein heißt, dass niemand da ist, wenn die Gesichter fremd werden.
Herr Kranz räusperte sich. „Greta, ich verstehe Ihre Sorge. Aber wir arbeiten daran. Sie haben ja auch therapeutische Begleitung. Und die Werkstatt gibt Struktur.“
Struktur. Wieder dieses Wort. Greta hätte lachen können, wenn sie nicht so müde gewesen wäre. Struktur war das, was man auf sie legte, wenn man Angst vor dem Chaos hatte, das in ihr wohnte.
„Ich hab gestern jemanden getroffen“, sagte Greta plötzlich. Sie wusste nicht, warum sie es sagte. Vielleicht, weil sie testen wollte, wie es sich anfühlte, es laut zu sagen.
Herr Kranz hob den Kopf. „Wen?“
„Sven. Aus der Schule.“
„Aha.“ Herr Kranz wirkte aufmerksam, aber neutral. „Und?“
Greta zögerte. „Er hat mir geschrieben. Er hat meine Nummer aus der Liste genommen.“
Herr Kranz’ Gesicht blieb ruhig, aber seine Augen wurden schärfer. „Haben Sie sich unwohl gefühlt?“
Greta presste die Lippen zusammen. „Ich weiß nicht.“
„Das ist eine wichtige Frage“, sagte Herr Kranz. „Greta, Sie sind in einer Phase, in der Beziehungen…“ Er hielt kurz inne, als wolle er das richtige Wort suchen. „…kompliziert sein können. Besonders wegen Ihrer Wahrnehmungsproblematik.“
Wahrnehmungsproblematik. Als würde man es weich machen, damit es weniger weh tat.
„Er hat gesagt, ich muss nicht allein sein“, sagte Greta.
Herr Kranz lehnte sich zurück. „Das kann gut gemeint sein. Es kann aber auch ein Einstieg sein, um Nähe herzustellen, bevor man Grenzen verschiebt. Sie wissen, dass Menschen das tun können.“
Greta spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie hasste es, dass er recht haben konnte. Sie hasste es, dass sie selbst es gespürt hatte. Und sie hasste es, dass ein Teil von ihr trotzdem an dieser Wärme hing, die der Satz ausgelöst hatte.
„Was soll ich machen?“ fragte sie.
Herr Kranz faltete die Hände. „Das entscheiden Sie nicht allein. Aber Sie können lernen, Signale zu erkennen. Wenn er Sie kontaktiert, sagen Sie klar, was Sie wollen. Und wenn Sie sich unsicher fühlen, sprechen Sie mit Jana, mit Ihrer Therapeutin, mit Ihrer Mutter. Und auch mit mir.“
Mit mir. Immer wieder er. Immer wieder Kontrolle.
Greta nickte, aber sie fühlte nichts wie Zustimmung. Sie fühlte nur, dass ihr Leben aus Fäden bestand, die andere hielten.
„Ich möchte auch“, fuhr Herr Kranz fort, „dass wir über Ihre Medikamente sprechen. Ihre Mutter sagt, Sie nehmen sie unregelmäßig.“
Greta hob den Blick. „Ich nehme sie, wenn ich muss.“
„Das ist nicht der Sinn.“ Herr Kranz’ Stimme blieb ruhig, aber jetzt war da ein Ton von Autorität. „Unregelmäßigkeit kann Ihre Symptome verstärken.“
„Ich will nicht, dass mein Kopf leer wird“, sagte Greta schnell. „Wenn ich sie nehme, ist alles so… gedämpft. Dann fühle ich nichts. Dann ist alles gleich. Dann…“ Sie brach ab, weil sie nicht sagen wollte: dann fühle ich mich wie Sven.
Herr Kranz sah sie einen Moment lang an. „Wir können das mit der Ärztin besprechen. Aber bitte halten Sie sich an den Plan, bis wir etwas ändern. Das ist wichtig, Greta.“
Greta nickte. Wieder nicken. Immer nicken.
Als sie aus Raum drei rausging, fühlte sie sich leichter und gleichzeitig kleiner. Sie ging auf die Toilette, schloss sich in eine Kabine, atmete ein paar Mal tief durch. Ihre Hände zitterten.
Sie holte das Handy raus. Keine neue Nachricht. Aber als sie den Bildschirm einschaltete, sah sie etwas, das ihr die Luft nahm: Eine neue Kontaktanfrage auf einer Plattform, die sie selten nutzte. Profilbild: Sven. Darunter: „Ich möchte Sie besser kennenlernen.“
Greta starrte auf das Bild. Sein Gesicht war dasselbe wie gestern. Ruhig. Unverändert. Zu glatt.
Und plötzlich, ohne Vorwarnung, fühlte sie dieses Kippen. Nicht ganz, nicht wie damals bei ihrer Mutter, aber wie ein feiner Riss. Etwas in ihr flüsterte: Er ist nicht, wer er sagt, dass er ist.
Greta presste das Handy gegen ihre Handfläche, als könnte sie den Gedanken zerdrücken. Sie lehnte den Kopf an die Wand der Kabine, schloss die Augen.
Sie wollte Nähe. Und sie wollte fliehen.
Sie öffnete die Augen wieder und hörte draußen Schritte. Stimmen. Leben. Alles normal. Und in ihr drinnen begann etwas Dunkles, etwas Unruhiges, das nicht mehr zurück in die Kiste wollte.
Am Abend, als sie wieder am Herrenteich vorbeiging, stand Sven nicht da. Das beruhigte sie kurz. Dann sah sie ihn doch – nicht am Geländer, sondern ein Stück weiter, halb im Schatten der Bäume, als hätte er sich absichtlich so platziert, dass sie ihn erst spät wahrnahm.
Greta blieb stehen. Ihr Atem stockte.
Sven trat nicht sofort auf sie zu. Er wartete. Er gab ihr den Raum, damit es wie ihre Entscheidung wirkte, näherzukommen. Das war klug. Das war gefährlich.
Als Greta schließlich ein paar Schritte machte, lächelte er nur leicht. „Ich wollte nicht aufdringlich sein.“
„Sie sind es trotzdem“, sagte Greta, überrascht von ihrer eigenen Härte.
Sven nickte. Keine Verteidigung. Keine Entschuldigung. „Ich hab es verdient, dass Sie das sagen.“
Greta spürte, wie dieser Satz sie verwirrte. Menschen, die Schuld zugaben, nahmen einem den Boden. Man konnte sie nicht so leicht wegschieben.
„Warum verfolgen Sie mich?“ fragte Greta.
„Ich folge Ihnen nicht“, sagte Sven ruhig. „Ich bin hier. So wie Sie.“
„Sie haben mir geschrieben.“
„Ja.“ Sein Blick war ruhig, aber intensiv. „Weil ich das Gefühl hatte, Sie gehen immer, bevor jemand bleibt.“
Greta schluckte. Sie hasste es, wie genau er traf. Sie hasste es, dass ein Teil von ihr es als Zärtlichkeit empfand.
„Ich kenne Sie nicht“, sagte sie.
Sven machte einen Schritt näher, langsam. „Dann lernen Sie mich kennen.“
Greta spürte, wie ihr Körper sich anspannte. Nicht nur aus Angst. Auch aus etwas anderem, etwas, das sie nicht benennen wollte.
„Und wenn ich Sie plötzlich nicht erkenne?“ fragte sie. Ihre Stimme war leise. „Wenn Sie… wenn Ihr Gesicht…“
Sven hielt inne. Für einen Moment war da etwas in seinen Augen, das nicht weich war. Etwas Dunkles, ein Schatten. Dann lächelte er wieder, fast sanft. „Dann bleibe ich trotzdem.“
Greta spürte einen Schauer. Diese Antwort war falsch. Niemand sagte so etwas, ohne dafür einen Preis zu wollen.
„Warum?“ flüsterte sie.
Sven sah sie an, als würde er etwas abwägen, das er ihr nicht geben sollte. „Weil ich weiß, wie es ist, wenn einem die Menschen wegsterben. Wenn man bleibt und alle anderen gehen.“
Greta fühlte, wie ihre Haut kalt wurde. Wegsterben. Bleiben. Diese Worte passten nicht zu einem siebzehn- oder achtzehnjährigen Jungen. Sie passten zu jemandem, der älter war. Viel älter. Und trotzdem stand er da, unverändert.
„Sie reden komisch“, sagte Greta.
Sven lächelte, aber es war nicht mehr ganz warm. „Vielleicht bin ich komisch.“
Greta wollte weggehen. Sie wollte rennen. Aber ihre Füße blieben stehen, als hätten sie beschlossen, dass Angst allein kein Grund mehr war.
„Ich muss nach Hause“, sagte sie schließlich.
Sven nickte. „Natürlich. Ich wollte nur, dass Sie wissen: Ich sehe Sie.“
Greta ging. Sie spürte seinen Blick wie eine Hand zwischen ihren Schulterblättern. Nicht grob. Nicht zwingend. Aber präsent. Besitzergreifend auf eine Art, die man erst merkte, wenn man sich bewegte.
Zu Hause schloss sie die Tür, lehnte sich dagegen, atmete schwer. Sie presste die Stirn gegen das Holz. In ihrem Kopf wirbelten Worte: Struktur. Kontrolle. Bleiben. Wegsterben.
Sie ging ins Bad, drehte das kalte Wasser auf und spülte ihre Hände mit kaltem Wasser ab, lange, bis die Haut taub wurde. Dann sah sie in den Spiegel.
Ihr Gesicht war da.
Aber in ihren Augen war etwas Neues: eine Mischung aus Angst und Hunger. Als hätte ihr Körper beschlossen, dass Nähe auch dann noch etwas ist, wenn sie gefährlich ist.
Greta stellte das Wasser ab.
Und irgendwo draußen, hinter Wolken und Kälte, zog der Mond weiter in Richtung Vollmond, als würde er sich beeilen.
Kapitel 3 – Der Mann am Bahnsteig
Der Tag begann mit einem Geräusch, das Greta nicht mochte: dem Klacken des Briefkastens unten im Hausflur. Es war kein lautes Geräusch, eher ein trockenes Einschnappen, aber es bedeutete, dass etwas Neues in die Wohnung kam. Etwas, das sie nicht kontrollieren konnte. Werbung, Rechnungen, Schreiben vom Amt. Manchmal auch Briefe, die man besser nicht öffnete, weil sie wie ein kalter Finger über die eigene Zukunft strichen.
Greta stand im Flur, den Rucksack schon auf dem Rücken, die Hand am Türgriff. Sie hörte, wie unten jemand die Haustür wieder zuzog. Schritte auf der Treppe, die nicht hochkamen. Dann Stille. Ihre Mutter war bereits weg. Spätschicht bedeutete früh schlafen, früh raus, kaum Zeit für Gespräche, die ohnehin oft in müden Halbsätzen endeten.
Greta ging hinüber zum Spiegel im Flur. Sie tat es automatisch, wie eine Kontrolle vor dem Start. Ihr Gesicht war da. Ihre Augen wirkten heute unruhiger. Das lag nicht am Schlaf. Das lag an dem Gefühl, dass seit gestern etwas an ihr hing, etwas Unsichtbares, das aber Gewicht hatte.
Sven.
Sein Satz am Herrenteich hatte sich in ihr festgesetzt wie eine kleine Widerhaken. „Ich sehe Sie.“ Es klang wie Zärtlichkeit. Es fühlte sich aber auch an wie Besitz. Greta hatte die Nacht über immer wieder daran gedacht, obwohl sie es nicht wollte. Ein Teil von ihr wollte die Wärme. Ein anderer Teil spürte, dass Wärme in ihrem Leben selten ohne Preis kam.
Sie ging die Treppe hinunter, öffnete unten den Briefkasten. Zwei Werbezettel. Ein Umschlag. Absender: Amtsgericht. Greta spürte, wie ihr Magen kurz hart wurde. Sie nahm den Umschlag mit nach oben, legte ihn auf den Küchentisch, ohne ihn zu öffnen. Sie wusste, dass Herr Kranz ihn wahrscheinlich ohnehin schon kannte. Oft war es so: Die Dinge passierten erst auf Papier, dann in ihrem Leben.
Draußen war der Morgen grau, aber nicht neblig. Reinfeld wirkte in diesem Licht klarer, fast zu klar. Die Bahnhofstraße lag wie ein Band vor ihr, und die Häuser sahen aus, als würden sie noch schlafen. Greta ging zur Bushaltestelle, stellte sich so, dass sie die Straße sehen konnte und gleichzeitig niemand direkt hinter ihr stand. Sie mochte es nicht, Rücken zu haben, die sie nicht kontrollieren konnte.
Der Bus kam. Sie setzte sich wie immer hinten ans Fenster. Die Fahrt zur Werkstatt war kurz, aber in ihrem Kopf war sie lang. Sie merkte, wie sie unbewusst die Gesichter der anderen Fahrgäste prüfte. Nicht, weil sie sie kannte. Sondern weil ihr Gehirn ständig nach dem Kippen suchte, nach dem Moment, in dem es sagte: falsch.
Capgras war manchmal wie ein Sturm. Manchmal war es wie ein leises Tropfen, das erst nach Stunden die Decke durchweichte.
An der Werkstatt stieg sie aus, ging die bekannten Wege, zog die Karte durch den Leser, hörte das Piepen, trat ein. Drinnen war es warm. Es roch nach Kantine und Papier und der Art von Luft, die in Gebäuden hängt, in denen viele Menschen denselben Tagesrhythmus teilen.
„Morgen, Greta“, sagte Frau Möller am Empfang.
Greta nickte. „Morgen.“
„Alles gut? Sie wirken blass.“
„Geht“, sagte Greta, weil „geht“ immer funktionierte.
Im Berufsbildungsbereich wartete Jana schon an der Tafel. Jana hatte die Ärmel ihres Pullovers hochgeschoben, als würde sie sich auf einen langen Tag einstellen. „Heute machen wir weiter mit den Steckverbindungen“, sagte sie. „Und danach haben Sie mit mir eine kurze Rückmeldung. Nur fünf Minuten. Wegen Ihrer Zielplanung.“
Zielplanung. Greta hasste dieses Wort. Es klang wie ein gerader Weg. Ihr Leben war kein gerader Weg. Es war eher ein Labyrinth, in dem plötzlich Türen auftauchten, die gestern noch nicht da gewesen waren, und in dem vertraute Menschen manchmal falsche Gesichter trugen.
Sie setzte sich an Tisch zwei. Dennis war schon da, trommelte mit den Fingern auf die Kiste. „Ey, heute bin ich schneller als Sie“, sagte er, als wäre das ein Spiel.
Greta zuckte mit den Schultern. „Ist mir egal.“
Dennis grinste. „Sie sind immer so kalt.“
Greta antwortete nicht. Kalt war sicher. Warm war gefährlich.
Sie begann zu arbeiten: Teil A in Teil B, Klick, Schraube, Kontrolle. Wiederholung. Struktur. Für einige Minuten war alles gut. Dann hörte sie Schritte hinter sich. Nicht Jana. Nicht Dennis. Schwerere Schritte, langsamer, als würde jemand sich Zeit nehmen.
Greta sah nicht sofort hoch. Sie zwang sich, weiter zu arbeiten. Klick. Schraube. Kontrolle.
„Entschuldigung“, sagte eine männliche Stimme. Nicht Sven. Älter. „Ich suche Jana.“
Greta hob den Blick.
Der Mann stand zwischen den Tischen. Vielleicht Mitte vierzig. Kurze Haare. Eine Jacke, die er nicht ausgezogen hatte, als wäre er nicht hier, um zu bleiben. Seine Augen wanderten über den Raum, als würde er die Menschen sortieren. Greta spürte sofort, wie sich in ihr etwas straffte. Nicht, weil er bedrohlich wirkte. Sondern weil er so schaute, wie manche Menschen schauten: als wäre alles hier nicht ganz richtig, als müsste man es prüfen.
Jana kam von der Tafel. „Ja? Kann ich helfen?“
Der Mann lächelte kurz. „Ich bin von der Kooperation mit der Schule. Wir haben heute eine Begehung wegen Praktikumsplätzen.“
„Ah“, sagte Jana. „Dann kommen Sie mit. Ich zeige Ihnen alles.“
Sie gingen an Greta vorbei. Greta hörte den Mann sagen: „Wie viele Teilnehmende sind aktuell im Berufsbildungsbereich?“
Die Frage klang normal. Aber Gretas Kopf hing an einem anderen Detail: Er hatte „Teilnehmende“ gesagt. Nicht „Menschen“. Nicht „Leute“. „Teilnehmende“ klang wie eine Kategorie. Wie ein Etikett. Greta spürte diesen alten Zorn, der aufstieg, wenn sie merkte, wie schnell man in Schubladen gesteckt wurde.
Sie senkte den Blick wieder auf die Teile. Klick. Schraube. Kontrolle.
Und dann, ohne Vorwarnung, traf es sie: ein Bild von Sven, nicht als Erinnerung, sondern wie ein Einbruch. Sein Gesicht tauchte in ihrem Kopf auf, und für einen Sekundenbruchteil war es nicht sein Gesicht. Es war fast sein Gesicht. Aber die Augen waren anders. Kälter. Fremder. Wie eine Maske, die zu gut saß.
Greta hielt inne. Ihre Finger erstarrten über der Schraube. Ihr Herz schlug plötzlich nicht schneller, sondern unregelmäßig, als hätte es den Takt verloren.
„Greta?“ Dennis beugte sich vor. „Alles okay?“
Greta sah Dennis an.
Und da passierte es.
Dennis’ Gesicht kippte. Nicht komplett, aber genug, dass Greta es spürte wie ein Ziehen an der Innenseite ihres Kopfes. Seine Augen wirkten plötzlich hohl, sein Grinsen zu breit, sein Blick nicht mehr Dennis. Eine Kopie. Eine Hülle. Ein Fremder, der Dennis’ Gesicht trug.
Greta atmete scharf ein. Sie drückte die Handflächen auf den Tisch, als müsste sie sich festhalten. Geräusche wurden lauter. Stimmen wurden zu einem Summen. Das Licht über ihnen flackerte nicht, aber es fühlte sich so an, als würde es flackern.
„Sie sehen komisch aus“, sagte Dennis, und in Gretas Kopf war die Stimme plötzlich nicht mehr seine.
Greta stand abrupt auf. Der Stuhl kratzte über den Boden. Mehrere Köpfe drehten sich. Jana schaute sofort rüber. Jana hatte diesen Blick, der gleichzeitig ruhig und wach war, als hätte sie gelernt, dass in solchen Momenten nicht die Lautstärke half, sondern die Richtung.
„Greta“, sagte Jana ruhig. „Kommen Sie kurz mit mir.“
Greta nickte nicht. Nicken war zu langsam. Sie ging einfach los, schnell, ohne Dennis anzusehen. Sie spürte ihren eigenen Atem wie einen fremden Motor. Jana nahm sie nicht am Arm, drängte sie nicht. Sie ging nur neben ihr, hielt Abstand, ließ Greta das Gefühl, sie könne jederzeit weglaufen.
Sie gingen in einen kleinen Nebenraum, der nach Papier und Kaffee roch. Jana schloss die Tür nicht ganz, nur so, dass die Geräusche draußen leiser wurden.
„Ist es heute wieder schwierig?“ fragte Jana.
Greta starrte auf ihre Hände. Sie zitterten. „Er ist nicht er“, sagte sie leise.
Jana nickte langsam, ohne erschrocken zu wirken. „Meinen Sie Dennis?“
Greta presste die Lippen zusammen. „Ja.“
Jana setzte sich auf den Stuhl, aber nicht direkt gegenüber, eher seitlich, so dass Greta nicht das Gefühl hatte, sie müsse in ein Gesicht starren. „Okay“, sagte Jana. „Dann machen wir das, was wir geübt haben. Sie sagen mir drei Dinge, die Sie im Raum sehen.“
Greta schluckte. Ihre Kehle war trocken. „Tisch“, sagte sie. „Ordner. Fenster.“
„Gut“, sagte Jana. „Drei Geräusche.“
Greta hörte hin. „Stimmen. Schritte. Heizkörper.“
„Gut. Und jetzt spülen Sie Ihre Hände mit kaltem Wasser ab“, sagte Jana. „Im Waschbecken. Ganz langsam.“
Greta stand auf, ging zum Waschbecken, drehte das kalte Wasser auf und spülte ihre Hände mit kaltem Wasser ab. Das Wasser war echt. Die Kälte war echt. Sie spürte, wie die Taubheit langsam in die Finger kroch. Wie ihr Kopf ein kleines Stück zurück in die Realität rutschte.
„Atmen“, sagte Jana ruhig. „Sie müssen nichts beweisen. Sie müssen nicht funktionieren, wenn es gerade nicht geht.“
Greta spürte Tränen in den Augen, aber sie ließ sie nicht laufen. Tränen waren unkontrollierbar. Tränen konnten Leute anziehen. Leute, die Fragen stellten. Leute, die über sie sprachen.
„Ich will nicht, dass es passiert“, flüsterte Greta.
„Ich weiß“, sagte Jana.
Greta presste die Hände auf die Kante des Waschbeckens. „Und dann ist da noch…“ Sie brach ab.
Jana wartete. Kein Drängen. Das war gut. Und gleichzeitig machte es Greta Angst, weil es bedeutete, dass Jana Platz ließ. Platz war gefährlich. In Platz konnten Dinge wachsen.
„Sven“, sagte Greta schließlich.
Jana hob den Blick. „Sven aus Ihrer Klasse?“
Greta nickte, diesmal klein. „Er ist überall.“
Jana runzelte die Stirn. „Wie meinen Sie das?“
Greta zog das Handy aus der Tasche, zeigte Jana die Kontaktanfrage, ohne sie anzusehen. Jana las, ihr Gesicht blieb ruhig, aber etwas in ihrer Haltung wurde fester. „Hat er Sie gefragt, ob er Ihnen schreiben darf?“
„Nein.“
„Okay“, sagte Jana. „Das ist nicht gut. Sie haben das Recht, Grenzen zu setzen.“
Grenzen. Greta dachte an Herr Kranz. An seine Warnung. Und sie dachte daran, wie Sven am Herrenteich gestanden hatte, halb im Schatten, als hätte er verstanden, dass man Menschen nicht mit Druck kriegt, sondern mit Raum, in den sie selbst treten.
„Er sagt Sachen“, flüsterte Greta. „Sachen, die… die zu genau sind.“
Jana nickte langsam. „Dann müssen wir das ernst nehmen. Ich möchte, dass Sie das auch Ihrer Therapeutin sagen. Und Ihrem Betreuer.“
Greta zuckte zusammen. Betreuer. Herr Kranz. Wieder ein Faden, den jemand anders hielt.
„Ich will nicht“, sagte Greta. Ihre Stimme wurde hart. „Dann machen die wieder alles kaputt. Dann darf ich nichts mehr. Dann sagen die wieder, ich bin nicht bereit.“
Jana sah sie an. „Greta, ich will Ihnen nichts wegnehmen. Ich will, dass Sie sicher sind. Es gibt einen Unterschied.“
Greta lachte kurz, ohne Humor. „Sicher heißt eingesperrt.“
Jana schwieg einen Moment, als würde sie abwägen. „Manchmal“, sagte sie dann ehrlich, „fühlt es sich so an. Aber Sie sollen nicht allein bleiben mit so etwas.“
Wieder dieser Satz. Nicht dieselben Worte. Aber derselbe Kern. Greta spürte, wie es in ihr arbeitete: der Wunsch, gesehen zu werden, und die Angst, dass Gesehenwerden immer Kontrolle bedeutete.
Nach einer Weile ließ Jana sie wieder in den Arbeitsraum, aber nicht an Tisch zwei. Sie setzte Greta an eine Station am Rand, wo weniger Menschen waren. Greta arbeitete weiter, langsam, konzentriert. Dennis war wieder Dennis. Sein Gesicht hatte sich zurückgeschoben in das, was Greta kannte. Aber der Schreck blieb in ihr wie ein Nachbrennen.
Am Nachmittag, nach Feierabend, ging Greta nicht direkt nach Hause. Sie ging in die Stadt. Sie brauchte Luft, aber nicht nur Luft. Sie brauchte Bewegung, damit die Gedanken nicht in ihrem Kopf stehen blieben.
Sie ging die Marktstraße entlang Richtung Marktplatz. Der Platz lag offen, mit dem Rathaus von 1907 in Sichtweite, das im Abendlicht fast freundlich aussah, als wäre Geschichte etwas Warmes. Greta blieb kurz stehen und schaute auf die Fenster. Dort drinnen saßen Menschen, die über andere Menschen entschieden. Termine, Anträge, Betreuung, Bewilligungen. Papierleben.
Sie ging weiter, vorbei an kleinen Geschäften, vorbei an Menschen, die Tüten trugen, als hätten sie einfache Tage. Greta fragte sich, ob solche Tage wirklich existierten oder ob sie nur gut darin war, sie bei anderen zu sehen.
Sie bog Richtung Matthias-Claudius-Kirche ab, den Eichberg hoch. Die Kirche lag erhöht, als wollte sie über Reinfeld wachen, über den Herrenteich, über die Straßen, über die Menschen. Greta blieb am Rand stehen, spürte den Wind. Sie mochte die Höhe. Höhe bedeutete Übersicht. Übersicht bedeutete Kontrolle.
Sie dachte daran, dass Matthias Claudius hier geboren worden war. Dass es eine Gedenkstätte am Herrenteich gab, mit Texten, die in Stein gehauen waren, als könnte man Gefühle damit festnageln. Greta fragte sich, ob das funktionierte. Gefühle festnageln. Angst festnageln. Liebe festnageln.
Als sie den Hügel wieder hinunterging, sah sie unten an der Uferpromenade den Herrenteich liegen. Das Wasser war dunkler als gestern. Der Himmel spiegelte sich darin wie ein verschlucktes Gesicht.
Greta ging am Ufer entlang, vorbei an der Stelle, wo die Matthias-Claudius-Gedenkstätte stand. Sie blieb kurz stehen, legte die Hand auf den kalten Stein. Wörter im Stein. Ruhe im Stein. Unbeweglichkeit.
„Unbeweglichkeit“ war ein harmloses Wort. Es klang nicht wie Fluch. Aber plötzlich dachte sie an Sven. Unverändert. Stillstehend. Bleibend.
Sie ging weiter, am Naturerlebnispfad entlang, der den Herrenteich umrundete. Bäume, Schilf, Wasser. Und irgendwo dort, wo der Weg einen kleinen Bogen machte, hörte sie Schritte hinter sich.
Greta blieb stehen.
Sie drehte sich langsam um.
Sven stand da, ein paar Meter entfernt, als hätte er gewusst, dass sie hierher kommen würde. Seine Jacke war dunkel, sein Gesicht ruhig. Sein Blick traf sie, als würde er sie nicht nur ansehen, sondern lesen.
„Sie sind wieder hier“, sagte er.
„Das ist ein öffentlicher Weg“, sagte Greta. Ihre Stimme war scharf, um sich selbst Mut zu geben.
Sven nickte. „Ja. Ich bin auch nur hier.“
„Sie sind immer nur hier“, sagte Greta.
Ein kleines Lächeln. „Vielleicht, weil ich weiß, dass Sie hierher gehen, wenn es Ihnen zu viel wird.“
Greta spürte, wie es ihr den Atem nahm. „Wer hat Ihnen das gesagt?“
„Niemand.“ Sven trat einen Schritt näher. Nicht zu nah. Gerade so, dass Greta es merkte. „Ich beobachte einfach gut.“
„Das ist krank“, sagte Greta.
Sven blieb stehen. Sein Blick wurde für einen Moment härter. „Sagen Sie nicht krank.“
Greta blinzelte. „Warum nicht?“
Sven atmete aus, als würde er sich beherrschen. Dann wurde seine Stimme wieder weich. „Weil Menschen dieses Wort benutzen, um andere klein zu machen.“
Greta spürte, wie ihre Hände kalt wurden. „Ich bin krank“, sagte sie leise. „Ich habe Capgras.“
Sven sah sie an, als hätte er darauf gewartet. „Ich weiß.“
Greta erstarrte. „Woher?“
Sven hielt den Blick. „Weil ich zuhöre. Weil ich nicht wegsehe.“
„Wer hat es Ihnen gesagt?“ Greta merkte, wie ihre Stimme zitterte, obwohl sie es nicht wollte. „Jana? Herr Kranz? Meine Mutter?“
