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Endlich da: das Buch zum Mund Wie funktioniert Schmecken? Und wie entstehen die Laute, die unsere Sprache bilden? Warum und wovor müssen wir die härteste Substanz unseres Körpers, den Zahnschmelz, schützen? Und wozu haben wir überhaupt Milchzähne? Wieso ist unsere Mundhöhle ein Ökosystem und wie können wir dieses Biotop beeinflussen? Warum müssen wir eigentlich Gähnen? Dieses Buch greift viele Fragen rund um die Mundhöhle auf und gibt interessante Antworten. Unser vielseitigstes Organ wird in einer „Höhlenexpedition“ einmal ausgeleuchtet und informativ und unterhaltsam erkundet. 27 Abbildungen illustrieren und erläutern diesen Rundgang und helfen dabei, unser Zentralorgan besser zu verstehen. Dr. Justus Hauschild ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert in unzähligen Mundhöhlen unterwegs gewesen und praktiziert als Zahnarzt in der Nähe von Hannover. Nadja Stortz, Jahrgang 1988, ist seit 2014 selbstständige Grafikerin und Illustratorin. Wenn sie nicht gerade zeichnet, übt sie sich gerne im historischen Schwertkampf. Sie lebt und arbeitet in Stuttgart.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
(Mt. 12,34)
Vorwort von Prof. Dr. Jens Christoph Türp
Warum gibt es eigentlich keinen Mundarzt?
1.
Lippenerkenntnisse
Was Lippen können
Das Lippenrot
Verschlusssache – nicht nur für den Dienstgebrauch
Pimp your lips
Wangenröte
2.
Lecker. Und was unsere Zunge sonst noch kann
Einstein und die Rocker
Zungenanatomie
Landkartenzunge
Das Zungeninnere
Die Zunge ist ein Multitalent
Schnarchen und Atemstillstand
Zungentraining
TCM
Die Zungenoberflächen
Der Mundboden
Die eigentliche Mundhöhle
Wie funktioniert eigentlich Schmecken?
Die Zungenpapillen
Fadenpapillen
Pilzpapillen
Wallpapillen
Blattpapillen
Im Hinterzimmer
Zusammenfassung
3.
Gaumenfreude
Die Mundhöhle ist »Außenwelt«
Das Gaumensegel
Gähnen – das Mysterium der Chasmologen
Knigge gähnte auch, sprach aber nicht drüber
Sieben Thesen über das Gähnen
Gähnen als Zwangsentspannung?
4.
Haben wir ein Sabberproblem? Wir nehmen eine Speichelprobe
Die Lama-Affäre
Der Zaubertrank
Ein halbes Prozent Sensation
Carrier-Karriere
Ein Blutprodukt
2000 Zutaten für den Protein-Shake
Die Pellikel – Der Schlüssel zur Mundgesundheit
Ist Plaque also wirklich schlecht?
Wann ist die Plaque schädlich?
Zahnstein
Muköser und seröser Speichel
Ein Wiener Schnitzel, Pawlows Hunde und Ihr vegetativesNervensystem
Schlucken
Mundumschutz
Mundtrockenheit
Ein Förderprogramm
Speicheltests – Sinn und Unsinn
5.
Voller Leben – Die Mikrobiologie der Mundhöhle
Das Mikrobiom
Ökosystem Mundhöhle
Unauffällige Mitbewohner
Pionierbataillon streptococcus mutans
Die Siedler – Bakterien, Viren und andere Trittbrettfahrer
Pilze
Viren
Mikroorganismen
Warum haben wir all diese verschiedenen Mitbewohner?
Öko-Test
Mundtrockenheit
6.
Unsere Zähne – Kronen der Schöpfung?
Zahnlos in Seattle?
Die Kunst des Seinlassens
Hart im Nehmen
Was weg ist, ist weg
Wie lange halten Zähne eigentlich?
Unser Zahnstatus
Schneidezähne
Eckzähne
Backenzähne
Der Aufbau der Zähne
Das Dentin
Die Pulpa
7.
Wozu brauchen wir eigentlich Milchzähne?
Der Durchbruch
Wie Wurzel und Knochenfach entstehen
Qualifikationsmaßnahme: Mukosa wird zu Gingiva
Fehlbildungen
Biologische Festplatten
8.
Der Zahnhalteapparat
Die Verankerung des Zahnes im Knochen
Der Parodontalspalt – Problemzone für die Hälfte
der Menschheit
Checkbiss
So geht »Kiefer-Orthopädie«
Sch(m)utzmanschette
Gingivitis
Parodontitis
9.
Warum Zähneputzen hilft und Prophylaxe wirkt
Hidden Caries
Warum Zähneputzen hilft
Angriff und Abwehr
Die Prophylaxe-Strategie
Was für eine Rolle spielen die Fluoride in der Defensive?
Der Zahnschmelz. Hart aber gerecht.
Die fabelhafte Welt der Ameloblasten
Fluoridquellen
Salz: ja. Tabs: nö
Flüssiger Zahnschmelz?
Wie geht Zähneputzen?
Zweimal Zähneputzen pro Tag genügt
Zwei Minuten Zähneputzen
Welche Zahnbürste? Welche Zahnpasta?
Putztechnik
Zahnseide
Alternativen für die Zwischenräume
Locus minorae resistentiae? Das Problem mit der Fissur
Pro und Contra Fissurenversiegelung
Kariesdiagnostik
Nachdenken hilft
10.
Vox. Das Wunder der Mundhöhle
Vokale
Konsonanten
Artikulation
11.
Mundvoll
Vitalfunktionen
Sozialkompetenzen
Lustgewinn
Mundwerk
Quellenverzeichnis
Von Prof. Dr. Jens Christoph Türp, Universitäres Zentrum für Zahnmedizin Basel
Zwar gilt der Mensch als das einzige zahntragende Lebewesen, das auch ohne Zähne überlebt, aber besser ist es durchaus, seine eigenen Zähne lange zu behalten. Am besten das ganze Leben lang. Denn auch das beste Implantat vermag den eigenen Zahn nicht vollständig zu ersetzen.
Wozu benötigt man eigentlich Zähne? Zweifelsohne zum Abbeißen und Zermahlen von Nahrung. Aber wozu noch?
Nun, für eine Vielzahl anderer Aufgaben.
Hier ist eine Auswahl:
Zur Gewährleistung einer korrekten Aussprache: Bestimmte Laute (die sogenannten dentalen Frikative: ð, Ѳ) können ohne Zähne nicht gebildet werden.
Als Tastorgan – über Mechanorezeptoren im Zahnhalteapparat.
Als »dritte Hand«: Weil die beiden »echten« Hände gerade mit anderen Dingen beschäftigt sind, klemmt man kurzerhand Gegenstände (Handschuhe, Nägel, Zettel, …) zwischen die Frontzähne.
Als Waffe. Erinnern Sie sich noch an Evander Holyfields abgebissenes Stück Ohr? Es war das Werk der scharfen Zähne Mike Tysons, damals, 1997, in Las Vegas.
Als Stressventil – beim Kieferpressen und Zähneknirschen. Falls dies auch Sie betrifft, sollten Sie im Schlaf eine Schiene tragen, am besten eine Michigan-Schiene.
Natürlich als Warninstrument: Schmerz! »Die Backe schwillt. Die Träne quillt. Ein Tuch umrahmt das Jammerbild.« (Wilhelm Busch, 1883)
»Während die Schleimhaut der Mundhöhle im Vergleich zu anderen Körperregionen eine deutlich herabgesetzte Empfindlichkeit besitzt, ist der Zahn ein sehr schmerzempfindliches Organ. Gleichgültig, ob es sich um physikalische (mechanische, thermische, elektrische) oder chemische Reize handelt, ist die Antwort immer ein eher heftiges Schmerzgefühl, und stets reagiert der ganze Zahn.«
(Pritz und Stockinger 1971)
Zur Verminderung des Demenzrisikos – und dies sind recht neue Erkenntnisse: Bei erheblichem Zahnverlust ist die kognitive Leistungsfähigkeit tendenziell erniedrigt, und das Demenzrisiko ist erhöht.
Für ein ästhetisch ansprechendes Äußeres. Es ist, wie es ist: Deutlich sichtbare Lücken aufgrund eines oder mehrerer fehlender Zähne, auffallend schief stehende oder verfärbte Zähne gehen mit Nachteilen in der sozialen Interaktion einher.
Ach ja, die Ästhetik und Zähne. Da sind wir bei einem ziemlich aktuellen Thema. Der in der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel lehrende Theologe Professor Dr. Martin Karrer hat sich intensiv mit der soziokulturellen Rolle der Zähne beschäftigt. Er berichtet von einem interessanten historischen Wandel, was die Zurschaustellung von Zähnen angeht:
»Die Darstellung des Gesichtes und namentlich der Mundpartie mit den Zähnen unterliegt in der Vor- und Frühgeschichte der Menschheit Bedenken, die sich nicht medizinisch erklären lassen. Die Kunst bekundet vielmehr, abstrahiert von medizinischen und biologischen Befunden, eine kulturelle Scheu vor dem sich zu den Zähnen öffnenden Mund.«
(Karrer 2008a)
»Während frühere Generationen ihre Zähne verbargen, präsentieren heute fast alle Menschen unserer westeuropäischen (und der nordamerikanischen) Gesellschaft ihre Zähne beim Sprechen, Lächeln, auf Fotos und neuerdings sogar manchmal auf gemalten Porträts (auf Porträts ist das Beharrungsvermögen der alten Leitkultur am stärksten, dominiert der geschlossene Mund daher bis heute noch am ehesten).«
(Karrer 2005)
Aber es gibt noch einen anderen Bereich, in dem man seit jeher den Mund lieber geschlossen hält:
»Eine andere Reminiszenz erhielt sich unauffällig, doch markant. Typisch für das kulturelle Gedächtnis, stoßen wir auf sie in einer weit verbreiteten Sitte: Bis heute gilt es als geboten, den Mund beim Essen zu schließen. Kein Mahlteilnehmer soll sehen, wie die Zähne die Speisen des Mahles zermahlen und Fleisch zerreißen. Der Brauch scheint selbstverständlich und keiner Legitimation zu bedürfen; gespeist aus dem Unterbewussten, hält er die vornehme Tradition des Altertums aufrecht.«
(Karrer 2008b)
Die Zähne selbst sind ein wahres Wunderwerk der Natur, ein Wunderwerk, das sich bis zu einem gewissen Grad sogar in Zahlen fassen lässt. Der Mainzer Professor Dr. Dr. Werner Ketterl hat einmal vorgerechnet: Das menschliche Erwachsenengebiss besitzt 200 Millionen Odontoblasten. Die Odontoblasten kleiden den Hohlraum (die Pulpa) innerhalb eines jeden Zahnes wie eine Tapete aus und bilden das Zahnbein (Dentin), das den Hauptteil der Zähne ausmacht. Mit ihren Ausläufern, den Odontoblastenfortsätzen, ragen sie von der Pulpa ausgehend in mikrokleinen Kanälchen in das Dentin hinein. Ein vollständig bezahntes Erwachsenengebiss enthält sage und schreibe 170 Millionen solcher Dentinkanälchen. Würde man sie alle hintereinander anordnen, so käme man auf eine Gesamtstrecke von rund 320 km!
Die Zähne selbst sind nicht fest im Kieferknochen verankert, wie dies bei einem dentalen Implantat der Fall ist. Vielmehr sind die Zähne mit ihren Wurzeln in einem Zahnfach des Kieferknochen aufgehängt – und daher immer leicht beweglich. In etwa vergleichbar mit einer Hängematte. Die Zahnwurzeln sind von einer dünnen Zementschicht überdeckt. Zwischen dieser Zementschicht und der Außenwand des knöchernen Zahnfachs erstrecken sich bindegewebige Faserbündel, an denen der Zahn aufgehängt ist. An einem Quadratmillimeter Zementoberfläche haften durchschnittlich 28.000 Faserbündel an. Rund 250 Millionen sind es in einem intakten Gebiss. Die Fasern sind rund vier Tausendstel Millimeter dünn und durchschnittlich 0,2 mm lang. Wenn man alle Zähne eines Erwachsenengebisses zusammennimmt, ergibt sich eine Fasergesamtlänge von über 50 km. Unvorstellbar!
Die Zahnbögen des Ober- und Unterkiefers werden umgeben von Lippen, Wangen, Zunge, Mundboden, Gaumen. All diese Strukturen sind mit Mundschleimhaut bedeckt. Den Lippen kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Neben ihrer kosmetischen und erotischen Funktion bilden sie den Eingang in das Reich der Mundhöhle. Kauen, schlucken, schmecken, gähnen, schnarchen – all dies und noch viel mehr spielt sich in der Mundhöhle und ihren angrenzenden Regionen ab. Die Mundhöhle bietet eine Heimstätte für unzählige Bakterien – zigmal mehr, als Menschen auf der Erde leben! Kaumuskeln und Kiefergelenke schließlich erlauben Bewegungen des Unterkiefers, die die vielfältigen Aufgaben der Zähne und ihrer umgebenden Strukturen erst ermöglichen.
Die Mundhöhle hat aber noch eine ganz andere Bedeutung, nämlich eine psychologische. Diese bedeutende Funktion beginnt schon vom ersten Atemzug an. Der Kieferorthopäde Professor Dr. Wilhelm Balters bemerkte dazu im Jahre 1964:
»Der Mund ist ein Sinnesorgan. Der Mund ist der erste und bleibende Erlebnisraum. Er ist zugleich das Urerfolgsorgan. Der Mund ist nicht nur für die Speisen da. Im Munde entscheidet sich über den Geschmack unser Verhältnis zur Außenwelt und zur Mitwelt, zu den Dingen überhaupt. Hier entscheidet sich, was Annahme und Ablehnung erfuhr.«
Priv.-Doz. Dr. Joachim Finke, ehemaliger Oberarzt der Universitäts-Nervenklinik, Eberhard Karls Universität Tübingen, ergänzt:
»Beim Säugling ist der Mund das Kontaktorgan schlechthin. Ein bestimmtes psychisches Entwicklungsstadium des Menschen wird von tiefenpsychologischer Seite geradezu als ›orale Phase‹ bezeichnet.«
Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt. Plaque, Zahnstein, Karies, Gingivitis, Parodontitis gar – Gefahr droht allerorten für Zähne, Zahnfleisch und Zahnhalteapparat. Der Speichel mit seinen schützenden Funktionen kann nicht alles richten. Daher kommt der Durchführung einer wirksamen Mundhygiene eine ausschlaggebende Bedeutung zu. Heute weiß man, dass mangelhafte Mundhygiene, Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparats) und starker Zahnverlust in enger Beziehung zu mundhöhlenfernen chronischen Krankheiten stehen, wie chronischen Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes mellitus, kognitive Störungen und bösartige Tumoren.
Angesichts dieser Zusammenhänge aber wird die Zahnmedizin ein integraler Teil der Medizin. Für die Zahnärzte ergibt sich dadurch ein gesamtmedizinischer Auftrag. Prof. Dr. Hans Moral und Dr. Günther Sponer von der Klinik und Poliklinik für Mund- und Zahnkrankheiten der Universität Rostock hatten das Problem bereits im Jahre 1924 erkannt:
»Es ist eine langbekannte Tatsache, daß verschiedene als ›Allgemeinleiden‹ bezeichnete Erkrankungen in der Mundhöhle Veränderungen hervorrufen, – und hier oft früher als an anderen Stellen des Körpers – an denen sie erkannt werden können. So kommt denn der Zahnarzt, der ja so oft wie kein anderer am Menschen arbeitende Fachmann Gelegenheit hat, die Mundhöhle zu untersuchen, nicht so ganz selten dazu, derartige Veränderungen zu finden, und somit bietet sich ihm die Gelegenheit, solche Erkrankungen als erster zu sehen und weitere, unter Umständen schwere Schädigungen des Kranken zu verhindern.«
Dies wiederum hat zur Folge, dass der Begriff »Zahnarzt« im Grund zu kurz greift. Dies wird ebenfalls seit langer Zeit moniert:
»Gerade die vielfachen Beziehungen der Zahn- und Mundkrankheiten zu den anderen Erkrankungen des Menschen, die durch den Studienplan der modernen Zahnheilkunde eindringlich zu lehren und zum Wohle der Patienten auszunutzen sind, plaidiren für die treffendere Berufsbezeichnung Mundarzt.«
(Glogau 1923)
All diese Aspekte so aufzubereiten, dass sie nicht nur für Fachpersonen, sondern für jedermann einerseits gut verständlich und andererseits informativ und amüsant sind, ist dem Autor des vorliegenden Buchs, Dr. Justus Hauschild, in vortrefflicher Weise gelungen. Gewürzt mit praktischen Hinweisen und Tipps, kleinen Anekdoten und knallharten Fakten ist dieses Werk geeignet, den Lesern profunde Kenntnisse über die Mundhöhle und ihre Bestandteile und Funktionen zu vermitteln. Ein solches Buch war längst überfällig! Daher wünsche ich eine anregende und gewinnbringende Lektüre. Denn vergessen Sie nie: »Ihr eigener Zahn ist der einzig wahre Zahn!«
Um das Herz kümmert sich der Kardiologe, um die Lunge der Pneumologe. Die Haut betreut der Dermatologe, den Enddarm der Proktologe. Für Gelenke sind die Orthopäden zuständig, das Gehirn beackern Neurologen oder Psychologen bzw. Psychiater.
Aber wer ist der Arzt für den Mund?
Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt liegt mit seiner Zuständigkeit dafür knapp daneben (rein topografisch natürlich). Und der Zahnarzt schaut ja immer »nur« nach Zähnen und Zahnfleisch.
Wer hilft mir mit meiner Mundtrockenheit, wie bekomme ich vollere Lippen und wer kann mir die merkwürdige Oberfläche meiner Zunge erklären?
Wenn man im Branchenbuch oder Internet nach zuständigen Ärzten sucht, findet sich unter »Mund« wahrscheinlich ziemlich wenig. Mit etwas Nachdenken oder der guten alten Finger-auf-und-ab-Recherche dürfte man sehr bald auf einen Oral-Chirurgen treffen. Immerhin. Aber Chirurg? »Ich wollte mich doch nicht gleich operieren lassen – und Chirurgen wollen doch schließlich immer nur Blut, unglücklicherweise dann wohl mein Blut sehen.« Gute Spur, aber Nö.
So hießen in der ehemaligen DDR die – Zahnärzte!
Seit der Wiedervereinigung Deutschlands ist diese Gebietsbezeichnung vielleicht auch deswegen untergegangen, weil ein Wort, das gleich dreimal den Vokal »O« enthält, für Sachsen möglicherweise noch ganz witzig klingen mag, den Rest der neuen bundesrepublikanischen Gesamtbevölkerung aber zu sehr an Erichs Arbeiter-und Bauernparadies erinnerte. So wurden dann aus allen ostdeutschen Stomatologen auf einen Wupps Zahnärzte. Eigentlich schade.
In vielen europäischen Ländern, wie unter anderen in Polen, Frankreich oder Kroatien, ist diese Berufsbezeichnung aber völlig üblich; und wenn man mal einen Blick auf deutsche Fakultäten richtet, in denen Zahnmediziner ausgebildet werden, dann liest man dort regelmäßig: »Klinik für Zahn-, Mund-und Kieferkrankheiten«. Also geht es doch schon etwas mehr als nur um Zähne.
Somit ist Ihre Zahnärztin respektive Ihr Zahnarzt eigentlich auch Mundärztin beziehungsweise Mundarzt. Das klingt ungewöhnlich. Ist aber so. Beziehungsweise sollte eigentlich so sein!
Dennoch darf sich kein Zahnarzt einfach so als Mundarzt bezeichnen.
Die Berufsbezeichnung »Arzt« setzt nämlich ein erfolgreich absolviertes Studium der Humanmedizin voraus. Ein Zahnarzt beziehungsweise eine Zahnärztin hat aber Zahnmedizin studiert. Das ist etwas anderes, etwas weniger human. Aber Spaß beiseite, denn juristisch betrachtet ist ein Zahnarzt eben kein Arzt. Auch kein Mund-Arzt.
Vor gut 250 Jahren, lange noch bevor es Zahnärzte gab, existierten offenbar schon Mundärzte. In seiner »Oeconomischen Encyclopädie« beschrieb 1779 Johann Georg Krünitz den Mundarzt als » … an einigen Höfen, ein Arzt, welcher die medicinische Besorgung der Zähne der Herrschaft auf sich hat, und am kaiserlichen Hofe zu Wien der Kammer-, Zahn- und Mundarzt heißt, wo er von dem Zahn-Chirurgo noch verschieden ist.«
150 Jahre später befand der »Erfinder« des Zahnhalteapparates (siehe Kapitel 8), der Arzt und Zahnarzt Oskar Weski (1879 – 1952), »dass dem heutigen Zahnarzt dieser Name eigentlich nicht mehr zustehe [ …], sondern heute sei der Zahnarzt dank seiner tieferen Ausbildung eben der Mundarzt, der den Zahn nur mehr im Rahmen des Gesamtorganismus und im festen Zusammenhange mit ihm ansehen dürfe.«
Wir können davon ausgehen, das Weski die Arbeiten des Amerikaners Willoughby Dayton Miller (1853 – 1907) gelesen hatte, der rund 50 Jahre zuvor zeitweilig gemeinsam mit Robert Koch (1843 – 1910) am zahnärztlichen Institut der Berliner Charité die Rolle der oralen Mikroorganismen erforschte. Millers Manifest »Die Mikroorganismen der Mundhöhle – Die örtlichen und allgemeinen Erkrankungen, welche durch dieselben hervorgerufen werden« von 1889 begründet den Anspruch der Zahnmedizin, Teil der Medizin zu sein, im Grunde bis heute.
Daher ist natürlich auch in meinem Buch der Mikrobiologie des Mundes ein eigenes Kapitel gewidmet.
Dass die moderne Zahnmedizin mittlerweile weit, weit mehr leisten kann als das im vergangenen Jahrhundert in den USA den um die wissenschaftliche Anerkennung als seriöses Fachgebiet bemühten Zahnmedizinern entgegen gehöhnte »drill, fill, bill« (frei übersetzt: bohren, füllen, abkassieren), scheint leider heutzutage in unserer Gesellschaft noch nicht wirklich endgültig angekommen zu sein.
Zahnmedizin anno 2019 beinhaltet mehr »medizinisches« als Sie vielleicht wussten: Nehmen wir als Beispiel einmal die eingangs aufgezählten Fachrichtungen. Hier haben Zahn-, Mund-und Kieferkrankheiten wichtige und gelegentlich sogar direkte Bezüge:
Die entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparats beispielsweise, die Parodontitis, gilt nicht nur als erheblicher Co-Faktor für die Entwicklung von Herz-und Gefäßerkrankungen und Infarktverursacher, sondern zeichnet auch als Risikofaktor für Lungenentzündungen bei Pflegebedürftigen, also z. B. Intensiv- oder Heimpatienten verantwortlich.
Einige dermatologischen Erkrankungen wie Herpesinfektionen, Syphilis und sogar Krebsformen wie das Melanom sind gelegentlich auch oder wirklich zuerst in der Mundhöhle zu erkennen.
Die Mundhöhle ist als Beginn des Verdauungstraktes logischerweise untrennbar mit seinem Ende verbunden: was unten heraus kommt, musste irgendwann zuvor oben hinein gesteckt oder gegossen worden sein. Die Ernährung respektive die Aufnahme und Zerkleinerung der Nahrung ist Mundsache.
Die meisten Orthopäden kennen sich bestens mit Schulter, Knien und Hüften aus, verweisen aber beim Kiefergelenk gerne auf den Zahnarzt. Und wozu? Zu Recht!
Und selbst Neurologen und Psychiater sind oft auf die konsiliarische Hilfe der »Stomatologen« angewiesen, nicht nur, wenn sich ein »atypische Gesichtsschmerz« als entzündeter Zahnnerv oder eine vermeintliche »Trigeminus-Neuralgie« als Zahnfraktur oder Prothesendruckstelle entpuppt. Sondern auch Stress und Sorgen der Patienten, die beim Psychiater auf der Couch liegen, werden oft durch intensives Knirschen der Zähne abzuleiten versucht.
Mit den HNO-Kollegen teilen wir uns die Kieferhöhle, die hintere Mundhöhle, die Speicheldrüsen und ganz sicher auch das Ohr, wenn dieses durch Kiefergelenksbeschwerden in Mitleidenschaft gezogen ist.
Man könnte hier noch etliche andere Schnittmengen mit Internisten, Pädiatern, sogar Gynäkologen oder anderen ärztlichen Fachrichtungen beschreiben, aber ich bin mir sicher, dass Sie mich verstanden haben:
Der Zahnarzt ist für den gesamten Mund zuständig und nicht nur für Ihre Beißerchen. Er ist per se ganzheitlich unterwegs. Oder sollte es wenigstens sein.
Gesund beginnt im Mund!
Seien Sie daher herzlich willkommen zu einer Expedition durch die Mundhöhle. Entdecken Sie mit mir vielleicht vertrautes, aber dennoch unbekanntes Terrain und staunen Sie über die Vielseitigkeit und Faszination unseres Zentralorgans. Mit unterhaltsamen und informativen Fakten und Geschichten über den vollen Mund werden wir an einigen Stationen unserer Tour halt machen. Die eine oder andere Höhlenmalerei illustriert mit einem Augenzwinkern anatomische oder physiologische Sachverhalte.
In der ersten Abbildung können wir einen Blick auf die Navigation werfen und dann geht´s auch schon los! Folgen Sie mir bitte auf unserer Vollmund-Expedition!
Mit den Lippen ist es ein bisschen so wie mit dem großen Bühnenvorhang im Theater oder Kino. Sie sind schön rot, gehen auf und zu, und sie verbergen etwas Verheißungsvolles. In unserem Falle wartet hinter dem Vorhang auf der Bühne ein spannendes Ökosystem mit ein paar bekannten Hauptakteuren wie Zunge oder Zähnen sowie einigen Überraschungsgästen und natürlich jede Menge guter Unterhaltung.
Aber zurück zu den Lippen, die ja nicht nur auf unserer Mundhöhlenexpedition gewissermaßen den Einstieg darstellen, sondern auch bei der ärztlich oder zahnärztlich geäußerten Bitte »Mund weit auf« möglicherweise schneller übergangen werden als sie es verdient hätten.
Die Lippen spielen für die Menschen eine nicht unbedeutende physiologische und soziale Rolle: Sie dienen der Nahrungsaufnahme, formen Laute und Worte, sie tragen unsere Emotionen nach außen und wieder andere Emotionen nach innen, zum Beispiel beim Küssen: unsere Lippen gelten aufgrund der hohen Nervdichte und der Koppelung an das sogenannte limbische System (das ist die Funktionseinheit unseres Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient) als erogene Zone.
Entsprechend viel Aufmerksamkeit wird den Lippen von den meisten Frauen weltweit in der Kosmetik gewidmet. Gemäß einer von der Welt am Sonntag bereits 2005 veröffentlichten Statistik benutzen 60 Prozent der Frauen ab dem 15. Lebensjahr einen ihrer durchschnittlich vier Lippenstifte, um damit im Laufe ihres Lebens ca. 2,7 Kilo künstliches Lippenrot aufzutragen. Lippenpflegestifte werden rund um den Globus 8000 Mal pro Stunde gekauft und das Aufspritzen von Lippen mit Hyaluronsäure macht ca. ein Fünftel aller nicht-chirurgischen kosmetischen Eingriffe aus.
Lippen sollen also nicht nur zum Essen und Trinken, Sprechen und Singen, zum Posaune oder Querflöte Spielen, zum Pfeifen, Flirten oder Küssen benutzt werden, nein, sie sollen einfach nur da sein und sie sollen schön sein. Was macht Lippen schön? Ganz simpel: die Farbe, die Größe und die Form.
Und vergleichsweise einfach sind unsere Lippen im Grunde auch konstruiert: ein ringförmiger Muskel, in den einige andere Muskeln hineingreifen. Ein bisschen Haut und Schleimhaut mit der entsprechenden geweblichen Basis und den üblichen Ausstattungsmerkmalen wie Schweiß-, Talg- und Speicheldrüsen. Ein paar Blutgefäße und Nerven dazu und fertig ist der Mundvorhang (siehe Abbildung 2). Etliche Säugetierarten verfügen übrigens auch über dieses paarige Organ.
Der interessanteste Abschnitt der Lippen ist – natürlich – das Lippenrot. Hier trifft die äußere Haut, die Epidermis, auf die Mundschleimhaut, die Mukosa. Wir können also quasi eine »innere« Lippe von einer »Äußeren« unterscheiden.
Der Übergang dieser beiden Anteile ist weder richtige Haut, noch besitzt diese Zone alle Merkmale der Mundschleimhaut und heißt daher auch pars intermedia, besser bekannt als Lippenrot. Es kommt im Gegensatz zu anderen Säugetieren nur beim Menschen vor.
Das Lippenrot hat eine deutlich dünnere Hornschicht als die Gesichtshaut, besitzt dafür aber wesentlich mehr sogenannter Bindegewebspapillen. Das sind kleine nach außen gerichtete Zapfen des Unterhautgewebes, die sehr stark durchblutet sind. Beides, weniger Verhornung und stärkere Durchblutung, sorgt für die intensiv rote Färbung. Die Farbe der Lippen kann sich mit dem Grad der Durchblutung natürlich verändern, was diagnostisch genutzt werden kann:
Wenn der Sauerstoffgehalt der Lippen sinkt oder die Durchblutung bei großer Kälte verlangsamt ist, sehen wir das unter anderem an dunkleren beziehungsweise lividen Lippen. Auch vegetative Störungen wie ein Schock, eine Ohnmacht oder ein tüchtiger Schreck zeigt sich am Lippenrot: es erblasst. So kann der Notarzt gelegentlich eine Erstdiagnose regelrecht von den Lippen ablesen.
Aber warum und wozu haben wir eigentlich das Lippenrot?
Der Sinn dieser einzigartigen Konstruktion liegt wohl hauptsächlich in der Gewährleistung einer Funktion, die ich eingangs etwas unterschlagen habe zu erwähnen, nämlich der Abdichtung.
Unsere Lippen sind ein sagenhafter Verschluss. Fast wie ein Gefrierbeutel gleichermaßen luft- wie wasserdicht, dabei aber wesentlich schneller und flexibler. Und individuell regelbar, das heißt durch den inneren Ringmuskel stufenlos auf den jeweiligen Mundinnendruck einstellbar.
Das ist durchaus ganz praktisch beim Essen und Trinken, damit wir nicht sabbern und uns beispielsweise mit dem Cabernet Sauvignon bekleckern, den wir genüsslich im Mund hin und her bewegen.
Aber auch ein koordinierter und fein abgestimmter Lippenschluss ist bei der Lautbildung (näheres dazu im Schlusskapitel), also beim Sprechen unerlässlich. All das, was Tiere eben nicht so gut können oder brauchen.
Für die Atmung ist ein dichter Lippenschluss wichtig, nicht nur beim Luft anhalten, sondern auch bei der Nasenatmung: beim Riechen schließen wir den Mund. Probieren Sie es doch gleich einmal! Wenn Sie mit offenem Mund schnuppern können, haben Sie etwas geschummelt und zur Abdichtung das Gaumensegel, etwas weiter hinten im Mund, benutzt. Für die Nasenatmung und das Riechen brauchen wir einen luftdichten Mundschluss.
Nicht nur der Druck dieses Verschlusses ist regulierbar, auch die Dichtigkeit des Lippenschlusses selber. So bleibt bei der wichtigsten Aktivität des Neugeborenen neben dem Atmen, nämlich dem Saugen an der Mutterbrust oder einige Jährchen später bei Saugen am Strohhalm einer Caipirinha, aber auch beim Pfeifen oder Flöte spielen ein Teil der Lippen offen, während die benachbarten Abschnitte dicht schließen. Dieser geniale Mechanismus würde weder auf der äußeren Haut so gut funktionieren noch mit glitschiger Mundschleimhaut.
Das Lippenrot der Oberlippe trifft auf das untere im Bereich der Mundwinkel. Nicht selten liegt hier eine Falte, die sogenannte Kommissur. Praktisch, um die ohnehin schon sensationelle Flexibilität bzw. Dehnbarkeit der Lippen zu verbessern. Problematisch, weil diese Falte oft durch Austrocknung, Verletzungen oder Infektionen beschädigt ist. Wer schon einmal wunde Mundwinkel hatte, erinnert sich sicher, dass man in dieser Phase ungern den Mund weit aufmacht. Dann ist Butterbrot statt Burger angesagt.
Apropos Ernährung: das Lippenrot ist bedingt durch die sehr hohe Nervdichte natürlich auch eine hochsensible Zone, was eben nicht nur hilfreich für das Erlebnis eines Kusses ist, sondern auch praktisch für das Ertasten und die Analyse der Nahrung. Ein zu heißer Kaffee wird als solcher bereits von den Lippen erkannt und durch Pusten (mit gespitzten Lippen) abgekühlt, bevor man sich den Mund verbrüht.
