Vom Antun und Erleiden - Laura Wolters - E-Book

Vom Antun und Erleiden E-Book

Laura Wolters

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Beschreibung

Laura Wolters legt mit ihrer umfassenden Studie die erste Soziologie der Gruppenvergewaltigung vor und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu einem gesellschaftlich und politisch überaus relevanten Thema. Wenn sich im Winter die Übergriffe der Kölner Silvesternacht abermals jähren, wird in den Debatten wohl auf ein Neues die Frage nach dem »Warum« im Zentrum stehen.  In einem Spannungsverhältnis zur öffentlichen Aufmerksamkeit und zum Ringen um die Ursachen von Gruppenvergewaltigungen steht der Umstand, dass es zu kollektiver sexueller Gewalt bislang wenig Forschung gibt, die dazu oft auch noch einen blinden Fleck aufweist: Das Gewaltgeschehen selbst wird kaum zum Thema gemacht.  In ihrer so klugen wie umsichtigen Studie über Gruppenvergewaltigungen rückt Laura Wolters die Gewaltpraktiken und Interaktionen in den Mittelpunkt. Sie plädiert dafür, Fragen zur kollektiven sexuellen Gewalt stärker empirisch zu wenden und das Gewaltphänomen als soziales Geschehen ernst zu nehmen.  Anhand von Gerichtsakten, autobiografischen Zeugnissen sowie Erfahrungs- und Augenzeugenberichten nimmt sie eine spezielle Form des Antuns und Erleidens in den Blick.

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EPUB

Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Laura Wolters

VOM ANTUN UND ERLEIDEN

Eine Soziologieder Gruppenvergewaltigung

Hamburger Edition HIS Verlagsges. mbH

Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Mittelweg 36

20148 Hamburg

www.hamburger-edition.de

© der E-Book-Ausgabe 2022 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-460-2

E-Book Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde

© 2022 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-360-5

eISBN 978-3-86854-461-9

Umschlaggestaltung: Lisa Neuhalfen, Berlin

Inhaltsverzeichnis

AUFTAKT

1Einleitung: Was wir über Gruppenvergewaltigungen wissen und was wir wissen wollen

1.1»Das ›Ereignis‹ Köln«

1.2Was wir wissen: Gruppenvergewaltigung in der Forschung

1.3Was wir wissen wollen: Über diese Studie

1.4Vorgehen

2Vorüberlegungen zu einer Soziologie der sexuellen Gewalt

2.1Ein adäquater Gewaltbegriff?

2.2Vergewaltigung zwischen gewaltsamem Sex und sexualisierter Gewalt

2.3Was ist sexuelle Gewalt? Einige Definitionsversuche

2.4Woran sich sexuelle Gewalt vergeht

2.5Sexuelle Gewalt als soziales Geschehen

GEWALT

3Warum Gewalt?

Vignette 1Die Kriegsreporterin

3.1Konventionen des Gewalterklärens …

3.2… und die gewaltsoziologische Erwiderung

3.3Situative Deutungsangebote

Vignette 2La Tournante

4Vergewaltigen und Strafen

Vignette 3»Beating the girl with the belt«

4.1Legitimitätsempfinden

4.2Strafaffekte

Vignette 4»He had the right to explain«

4.3Sexuelle Gewalt als Regulativ sozialer Beziehungen

Vignette 5»Training that bitch«

4.4Gewaltdeutungen: Ein Zwischenfazit

SEXUALITÄT

5Mitwirkung und Deutungshoheit

5.1Evidenzerfahrungen, Situationsdeutungen und Sexualität

5.2Verhandlung und Übermächtigung

Vignette 6Über die Harbour Bridge

5.3Agency und sexuelle Skripte

5.4Forcing a yes out

Vignette 7»You have to sleep with one of us«

5.5Ringen um Situationsdeutung: Ein zweites Zwischenfazit

GRUPPE

6Übermut und Arbeitsteilung

6.1Gruppenvergnügen

6.2Beziehungsgeflechte und Eskalation

Vignette 8»Nimm mal von da auf«

6.3Gruppen als Medium von Situationsdeutungen: Ein letztes Zwischenfazit

SCHLUSS

7Noch einmal Silvester, noch einmal Tahrir

8Eine Soziologie der Gruppenvergewaltigung: Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Dank

Zur Autorin

AUFTAKT

1EinleitungWas wir über Gruppenvergewaltigungen wissen und was wir wissen wollen1

1.1»Das ›Ereignis‹ Köln«2

Als am Neujahrsmorgen 2016 in einer Pressemitteilung der Kölner Polizei von »ausgelassener Stimmung« und »weitgehend friedlich« verlaufenen Feiern die Rede war,3 da ahnte von den Verantwortlichen wohl noch niemand, wie sehr sich diese Wortwahl alsbald gegen sie wenden würde. Ausgelassen und friedlich, das waren nach Ansicht der Polizei zu diesem Zeitpunkt noch die Silvesterfeiern in und um Köln, unter anderem »auf den Rheinbrücken« und »in der Kölner Innenstadt«.4 In der Pressemitteilung ist von Sachbeschädigungen, Körperverletzungsdelikten, Ruhestörungen zu lesen. Eine kurze Notiz informiert über die Räumung des übervollen Bahnhofsvorplatzes. Sexuelle Übergriffe5 werden nicht erwähnt.

Nur wenige Tage später wird sich diese Einschätzung grundlegend geändert haben. Als sich erst im Netz und dann in regionalen und überregionalen Medien die Berichte über gemeinschaftlich begangene sexuelle Übergriffe – dem Vernehmen nach durch Täter mit Migrationshintergrund – in der Silvesternacht nicht nur häufen, sondern den Eindruck eines ungekannten Ausmaßes erwecken, ist auch bei den Behörden von ausgelassenen und friedlichen Feiern keine Rede mehr.

Die Silvesterübergriffe, nach Abschluss der Ermittlungen knapp 500 Taten mit sexueller Komponente allein im Raum Köln,6 haben sich zu einer der wichtigsten Chiffren im bundesdeutschen Diskurs der 2010er Jahre entwickelt. Bedenkt man das schiere Ausmaß des Einflusses, den die Ereignisse in Köln auf die deutsche Gesellschaft hatten (und haben), kann man sich fragen, wie das Land 2021 wohl ohne sie aussehen würde: der Backlash nach dem »Sommer des Willkommens« 2015; das gewaltige Mobilisierungspotenzial von Pegida, AfD und Gesinnungsgenossen; die neue Dominanz rechtspopulistischer Kräfte bei der Themensetzung in Politik und Diskurs; bestimmt nicht neue, aber mit einem neuen Selbstbewusstsein offen vorgetragene rassistische Ressentiments quer durch die Gesellschaft und die erschreckend gesteigerte Bereitschaft, die Verteidigung des »Vaterlandes« in die eigenen Hände zu nehmen;7 eine Politik, die darauf mit strengeren Asyl- und verschärften Polizeigesetzen reagiert und die sich schließlich eingestehen muss, dass sie mit den schlimmsten Umtrieben in ihren eigenen Behörden konfrontiert ist.8 Alles nicht »wegen Köln«, natürlich nicht, aber ohne einen Verweis auf die Silvesterübergriffe und den anschließenden Diskurs sind diese Entwicklungen auch nur schwer erzählbar. Silvester und seine Folgen bedeutet aber auch: Anliegen der feministischen Bewegungen stehen plötzlich wieder auf der Agenda. Die Bundesrepublik diskutiert über Vergewaltigung wie seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr. Plötzlich nehmen jahrelang kaum beachtete Bestrebungen zur Reform des Sexualstrafrechts wieder Fahrt auf. Nur wenige Monate nach Silvester gibt es den Beschluss des Bundestags zu einer Neuregelung des § 177 StGB im Sinne von »Nein-heißt-Nein« – ein Meilenstein! Allerdings wohl einer mit einem bitteren Beigeschmack.

Will man verstehen, warum Köln den öffentlichen Diskurs mit einer derartigen Wucht traf, lässt sich an ein ganzes Bündel von Ursachen denken: mediale Aufmerksamkeitsökonomien; das seit jeher große »moral-panic«-Potenzial von Sexualverbrechen; die zu dem Zeitpunkt schon angeheizten Migrations- und Asyldebatten, die geradezu organisch mit der (zugeschriebenen oder tatsächlichen) Herkunft der Täter9 korrespondierten; Entsetzen über die Unfähigkeit der Polizei, Übergriffe dieses Ausmaßes auch nur zu sehen, geschweige denn, ihnen irgendetwas entgegenzusetzen.

Der vielleicht bemerkenswerteste Anlass für die Annahme, dass man es in Köln mit etwas ganz und gar Außergewöhnlichem zu tun hatte, war aber sicher die Art und Weise, wie die Übergriffe verübt wurden. Dieses als »neuer Modus Operandi«10 in die Ermittlungsarbeiten sowie in die Berichterstattung über die Silvesternacht eingegangene Vorgehen lässt sich etwa so beschreiben: Innerhalb einer Menschenmenge umzingelt eine Gruppe Männer eine einzelne Frau oder eine kleine Gruppe Frauen. Die Täter beginnen, ihre so eingekesselten Opfer anzufassen; sie berühren sie am ganzen Körper, greifen aber vor allem an intime Stellen, an Brust, Gesäß und Schritt. Die Opfer der Attacken werden manchmal gezielt festgehalten, zumeist können sie sich den Übergriffen allein schon deshalb nicht entziehen, weil das große Gedränge aus Körpern sie daran hindert. Oft versuchen die Täter, sich auch unter der Kleidung Zugang zu den Körpern ihrer Opfer zu verschaffen. In den schlimmsten Fällen schieben sie ihre Hände unter Hosenbünde oder Röcke, zerreißen, wenn sie können, Stoffbarrieren wie etwa Strumpfhosen und dringen mit ihren Händen in den Körper der Betroffenen ein – eine Vergewaltigung, auch im Sinne der deutschen Gesetzgebung. Auffällig ist, dass es im Zuge dieser Übergriffe zwar sehr wohl zu digitalen Penetrationen kommt – Vergewaltigungen mit Händen oder Gegenständen –, penile Vergewaltigungen, also das Eindringen mit dem Penis, aber keine Rolle spielen – weder im Gedränge, noch in den umliegenden Straßen oder im Umfeld der Neujahrsfeiern.

Dieses Vorgehen, und die Tatsache, dass die Betroffenen sehr einhellig von »ausländischen / südländischen«, »arabischen« oder »nordafrikanischen« Tätern berichteten,11 hat die öffentliche Debatte relativ schnell auf zwei Annahmen festgelegt: Erstens könne all dies unmöglich Zufall gewesen sein, eine derartige Vielzahl einander so ähnlicher Fälle müsse auf einen höheren Organisationsgrad der mutmaßlich vielen Hundert Täter hindeuten. Zweitens lasse sich dieses ausgesprochen spezifische und vor allem neuartige Vorgehen nicht aus hierzulande üblichen Praktiken sexueller Gewalt, gewissermaßen einer »deutschen Vergewaltigungskultur« heraus erklären, die Inspiration dafür müsse von woanders stammen. Nach einer kurzen Suche war dieses »Woanders« mit Ägypten, genauer gesagt dem Kairoer Tahrir-Platz, und der »Modus Operandi« mit dem bedrohlich arabisch klingenden Begriff »Taharrush Gamea«12 konkret benannt. Beide Annahmen können im Zuge der rechtlichen, politischen und wissenschaftlichen Aufarbeitung als widerlegt gelten. Zunächst erscheint es zwar angemessen, die einzelnen Attacken um die Kölner Innenstadt jeweils als koordiniert zu bezeichnen – die Täter arbeiten miteinander und reagieren aufeinander, um den Übergriff gemeinschaftlich zu begehen. Auch ist die Annahme plausibel – wenngleich nicht bewiesen13 –, dass es Verbindungslinien zwischen einzelnen Übergriffen gab, dass also einzelne Täter oder auch Konstellationen aus Tätern an mehreren Taten beteiligt waren. Nichts deutet jedoch darauf hin, dass sich im Vorfeld der Neujahrsfeiern Gruppen von Männern verabredet haben, um gemeinschaftlich diese Art von Übergriffen zu begehen.14 Die augenscheinlichen Ähnlichkeiten zu den sexuellen Übergriffen in Kairo, die es im Nachgang des Arabischen Frühlings 2011 zu trauriger Berühmtheit brachten, führten bei näherer Betrachtung ebenfalls nicht sehr weit.15 Das vermeintliche »Phänomen« Taharrush hat sich weitgehend in Luft aufgelöst – nicht nur, weil vergleichbare Massenübergriffe nicht landauf, landab im nordafrikanischen Raum bekannt waren, sondern sich nur relativ konzentriert auf dem Kairoer Tahrir-Platz ereigneten und sich Betroffene und Aktivistinnen aus Ägypten erheblich gegen eine entsprechende Besetzung des Begriffs gewehrt haben; zu groß waren auch die Unterschiede zwischen beiden Kontexten: auf der einen Seite Gruppenübergriffe, die aus einer Praxis sexueller Repression gegen demonstrierende Oppositionelle hervorgegangen waren, auf der anderen spontane Angriffe auf Frauen aus einer ausgelassenen Feiermenge heraus, der man trotz verzweifelter Bemühungen diverser Beteiligter keine politische Motivation zuschreiben konnte, zumindest keine politische Motivation in irgendeinem instrumentellen Sinne.16

Was bleibt, ist die These von einem für Europa neuartigen Phänomen. Auch diese war hart umkämpft, und es ging dabei zweifellos um mehr als um die schlichte empirische Frage, ob solche sexuellen Übergriffe hierzulande bereits einmal beobachtet worden waren oder nicht; gerungen wurde um nicht weniger als um den Ort der Gewalt – war sie ein Phänomen der Peripherie oder des Zentrums der Gesellschaft? War sie Angriff auf die oder Ausdruck von den gesellschaftlichen Verhältnissen? Der bereits skizzierten These, die Silvesterübergriffe seien erst mit Flucht- und Migrationsbewegungen nach Deutschland gelangt, hielt etwa eine um Antirassismus bemühte Position entgegen, sexuelle Gewalt in all ihren Variationen sei auch für die euro-atlantischen Gesellschaften konstitutiv und alltäglich.

Etwas abseits der Frage »neu oder nicht neu« bzw. »importiert, autochthon oder universell« haben sich die Erklärungsansätze der Ermittlungsbehörden und der politischen Aufarbeitung recht schnell auf Situationsdynamiken in der Nacht und dabei vor allem die Rolle der Polizei konzentriert. Im Untersuchungsausschuss des Landtags NRW zu den Vorfällen in Köln hat sich weitgehend eine Broken-Windows-These17durchgesetzt, nach der es zu den massenhaften Übergriffen kommen konnte, weil die Polizei nicht rechtzeitig interveniert hat.18 Damit wurde, wenig überraschend, eine explizit devianztheoretische Perspektive eingenommen. In dieser Lesart ist der sexuelle Übergriff schlicht ein deviantes Verhalten unter vielen, das sich eben mittels Strukturen oder Theorien abweichenden Verhaltens erklären lasse. Das eigentliche Corpus Delicti erscheint hier regelrecht austauschbar, denn welche Formen das deviante Verhalten annimmt, also ob Fenster zerschlagen oder Frauenkörper vergewaltigt werden, scheint für diese Erklärung zunächst einmal zweitrangig.

So viel über die Übergriffe diskutiert wurde, so bemerkenswert ist dabei, dass diese selbst – um eine weitere Formulierung Gabriele Dietzes aufzugreifen – in ihrem »Ereigniskern leer«19 bleiben. Das gilt einerseits mit Blick auf die Aufklärung der Übergriffe. Eigentlich bleibt alles an der Kölner Silvesternacht unsichtbar, sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Die Videoaufnahmen sind verschwommen, es sind kaum Tatverdächtige verurteilt oder auch nur ermittelt worden, und viele der beschriebenen Praktiken waren zum Zeitpunkt der Silvesternacht überhaupt nicht strafbar, geraten also eigentlich gar nicht in das Sichtfeld behördlicher Aufklärungsarbeit.20 Dies gilt in einem weiteren Sinne aber auch für die öffentliche Bearbeitung, in der sich die Übergriffe durch eine merkwürdige Selbstverständlichkeit auszeichnen. Ob in ihrer kulturalistischen Deutung als importiertes Problem, aus Sicht einer universellen Vergewaltigungskultur oder aus devianztheoretischer Perspektive, in der die Polizei nicht rechtzeitig eingeschritten ist: Die eigentliche Ausübung der Taten scheint beinahe selbsterklärend. In allen drei Varianten begeht eine Männerhorde die Übergriffe, weil man sie lässt – und weil sie bestimmte kulturelle Vorstellungen von Sex, Geschlecht und Gewalt umsetzen.

Alle drei Varianten der Erklärung beziehen sich auf Ursachen, die jenseits der Gewalt liegen. Das ist offensichtlich für kulturalistisch oder strukturell argumentierende Ansätze, gilt aber auch für die devianztheoretische Perspektive, die sich zwar für die Dynamiken im Sinne der Vorkommnisse in der Tatnacht interessiert, aber letztlich nicht für die Dynamiken der Gewalt im Vollzug. Dass aber die Art und Weise, wie sich die Übergriffe vollziehen, nicht weiter erklärungsbedürftig sein soll, steht im starken Kontrast zur gefühlten Außerordentlichkeit der Ereignisse – war es doch gerade die spezielle Form der sexuellen Gewalt, die überhaupt erst eine breite Empörung erzeugt hat. In der öffentlichen Bearbeitung der Übergriffe steckt ein scheinbar nicht aufzulösendes Spannungsverhältnis: Einerseits drehte sich fast die gesamte Debatte um den »Modus Operandi« und seine (angenommene) Neuartigkeit, von der offenbar so viel abhing. Andererseits hörte das Erkenntnisinteresse gewissermaßen vor dem ersten Körperkontakt auf.

Dabei gäbe es genug interessante Fragen an die Vorkommnisse dieser Nacht zu richten, und zwar nicht nur aus sozialwissenschaftlicher Perspektive. Unter anderem solche von schon fast praktischer oder banaler Qualität: Wie (und nicht warum) kommen Täter eigentlich dazu, solche Taten zu begehen? Reden sie vorher darüber? Dabei? Wie werden entsprechende Absichten und die situativ notwendigen Koordinationen kommuniziert? Wie geht solche Gewalt eigentlich und, wichtiger noch, woher wissen die Täter, wie das geht? Wie machen die das miteinander?

Wenn wir uns, um eine andere Richtung einzuschlagen, andererseits so sicher sind, dass dort Männer Spaß daran hatten, Jagd auf Frauen zu machen, die sie für Freiwild hielten, dann drängen sich mindestens zwei weitere Fragen auf: Erstens, ob sich diese Deutungen tatsächlich in den Interaktionen zeigen oder ob wir sie uns einfach nur so vorstellen, und zweitens, was das eigentlich für unser (soziologisches) Verständnis von Spaß bedeutet.

Wenn, drittens und mit guten Gründen, angenommen wird, dass normative Vorstellungen, etwa über Geschlecht und Sexualität, tief Einzug in die Gewalt halten, dann kann man wiederum zweifach fragen – einerseits, welche Normen in der Gewalt eigentlich relevant werden und welche nicht; und andererseits, wie sie relevant werden. Denn wenngleich es selbstverständlich Ideen davon gibt, dass etwa Geschlechter- und Sexualitätsvorstellungen mit den Ereignissen in Köln etwas zu tun haben, so führt doch längst nicht jede Art von Sexismus oder Misogynie in genau diese Art von Gewalt mit all ihren Spezifika: das Gedränge, die Gemeinschaftlichkeit der Täter, die digitale Penetration.

Insgesamt bleibt bei aller Diskussion über die Kölner Silvesterübergriffe ein soziologisches Kernanliegen überraschend unthematisiert: die Interaktion – also das, was dort zwischen allen Beteiligten auf dem Bahnhofsvorplatz vorgeht. Im Grunde wissen wir – als mit dem Thema befasste Sozialwissenschaftler:innen – weder, mit Howard Becker gesprochen, was dort eigentlich der Fall ist oder von was ein Fall die Übergriffe sind;21 noch haben wir eine Idee, wie die Beteiligten dies deuten, welche Antwort vor allem die Täter auf Goff- mans Frage: »Was geht hier eigentlich vor?«22 haben.

All dies sind Fragen dieses Buches, das keines »über Köln« ist, sondern eines über das gemeinsame Vergewaltigen als soziologisches Problem. Ziel ist es, eine gewaltsoziologische Perspektive darauf zu entwickeln, wie Menschen miteinander und aneinander sexuelle Gewalt begehen: eine Soziologie der Gruppenvergewaltigung. Die hier skizzierten offenen Fragen und Rätsel lassen sich ja gleichermaßen an alle kollektiven, sexuellen Gewaltübergriffe herantragen – und so dient mir die Irritation nach den Kölner Übergriffen als Zugang zu einem sozialen Geschehen, das als Interaktion bislang nur wenig untersucht ist.

Beckers Frage nach dem Fall ist hier mehr als ein Verweis auf einen soziologischen Klassiker – sie deckt eine Merkwürdigkeit im Diskurs über die Kölner Silvesterübergriffe auf, die bislang nur wenig thematisiert wurde. In der Diskussion darum, von was Köln ein Fall ist, kommt der Begriff Gruppenvergewaltigung höchstens am Rande vor. So viel über die Übergriffe geredet wurde, so wenig sind sie mit einem akademischen Wissensstand zu kollektiver sexueller Gewalt in Zusammenhang gebracht worden.23 Das ist, denkt man genauer darüber nach, durchaus überraschend und wirft Fragen auf: Welches Wissen gibt es eigentlich über das gemeinsame Vergewaltigen? Wie sieht der Forschungsstand aus, von dem man sich doch eigentlich recht viele Einsichten in Ereignisse wie in Köln versprechen könnte? Und gibt es Gründe dafür, warum man ihn offenbar nur schlecht mit der Kölner Silvesternacht in Verbindung bringen kann?

Ich denke, diese Gründe gibt es, und sie haben mit den spezifischen Blickrichtungen und Forschungstraditionen zu tun, die bei der Untersuchung kollektiver sexueller Gewalt eine Rolle spielen. Bevor ich also die Anliegen dieser Studie und mein eigenes Vorgehen konkretisiere, bzw. konkretisieren kann, gehe ich zunächst auf die akademischen Wissensbestände zu meinem Gegenstand ein.

1.2Was wir wissen: Gruppenvergewaltigung in der Forschung

Wer mit seiner Suche zum Forschungsstand über Gruppenvergewaltigungen bzw. kollektive sexuelle Gewalt beginnt, wird vermutlich recht schnell und recht ernüchtert feststellen: Er ist sehr überschaubar. Im Gegensatz zur inzwischen erheblich beforschten sexuellen Gewalt insgesamt gibt es nur vergleichsweise wenige Studien, die sich dezidiert mit Gruppenübergriffen befassen. Will man den aktuellen Wissensstand zum Thema zusammentragen, dann bietet es sich an, dies entlang zweier Linien zu tun. Die erste ist eine historische Perspektive, die der speziellen Aufstellung des Forschungsfeldes geschuldet ist: Die frühesten Arbeiten zum Thema stammen aus den 1950er Jahren, und bis etwa zur Jahrtausendwende haben sich gerade einmal eine Handvoll Arbeiten eingehender mit dem Gegenstand beschäftigt. Diese sind dafür, trotz einer Ausweitung des Feldes, bis heute überaus prägend. Zum anderen lohnt es sich, die Erkenntnisse entlang disziplinärer Verortungen zu strukturieren, die sich entlang der Zeitachse herausbilden. Die frühesten Studien zu Gruppenvergewaltigungen entstammen der (seinerzeit noch stark psychoanalytisch beeinflussten) klinischen Psychologie (1); aufgenommen wurde der Faden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von einer stärker sozialwissenschaftlich verorteten Kriminologie, die sich bis heute vielleicht am intensivsten mit dem Thema auseinandersetzt (2); quer, nicht nur zum zeitlichen Verlauf, sondern auch zu disziplinären Zuordnungen, liegen schließlich Ansätze, die Gruppenvergewaltigungen seit den 1990er Jahren verstärkt im Kontext von sexueller Gewalt im Krieg diskutieren (3); und solche, die eine dezidiert feministische Perspektive auf das Phänomen entwickeln (4).

Bevor ich entlang dieser Linien wissenschaftliche Erklärungsansätze für kollektive sexuelle Gewalt nachzeichne, ist zunächst ein Blick in die nüchterne Datenlage und das quantitative Vorkommen des Phänomens geboten. In verschiedenen Forschungsprojekten,24 Reviews der bestehenden Literatur25 und Erhebungen der Ermittlungsbehörden26 zeichnet sich ein wenig eindeutiges Bild der empirischen Realität kollektiver sexueller Gewalt ab, das im Grunde kaum verallgemeinernde Aussagen über Emergenz, Bedingungen und Verlauf von Gruppenvergewaltigungen erlaubt. Mit aller gebotenen Vorsicht gegenüber den erhobenen Zahlen, die zum Teil aus sehr unterschiedlichen Quellen stammen und daher nur bedingt vergleich- und verallgemeinerbar sind, lassen sich aber dennoch einige interessante Schlaglichter werfen: Der Anteil von Gruppenübergriffen an sexuellen Gewalttaten insgesamt liegt je nach Sample bei 2 bis 27 Prozent27, zum Teil sogar bei bis zu einem Drittel,28 wobei die einzelnen Zahlen oft aus regional begrenzten Stichproben stammen und nicht scharf zwischen Dunkel- und Hellfeldstudien unterschieden wird. In Bezug auf die Repräsentativität der Zahlen ist außerdem zu bedenken, dass es Gründe gibt, sowohl eine verringerte als auch eine erhöhte Anzeigebereitschaft bei Gruppenübergriffen in Erwägung zu ziehen – je nachdem, in welchem Kontext sich die Fälle ereignen. So ist zum Beispiel davon auszugehen, dass Gruppenvergewaltigungen innerhalb bestehender Peer Groups weniger häufig zur Anzeige gebracht werden,29 bei Stranger Rapes – also bei überfallartigen Vergewaltigungen durch Täter, die dem Opfer nicht bekannt sind – ist die Anzeigebereitschaft eher höher als bei anderen Taten.30

Im Gegensatz zu Einzelvergewaltigungen sind Gruppenübergriffe im Schnitt brutaler (d. h. gehen öfter mit schweren körperlichen Verletzungen für das Opfer und Waffengebrauch einher),31 es handelt sich öfter um Stranger Rapes oder flüchtige Bekanntschaften zwischen Tätern und Opfer.32 Die Täter sind in aller Regel männlich, im Durchschnitt jünger als Einzeltäter33 und oft im selben Alter wie ihre in großer Mehrheit weiblichen Opfer.34 Vereinzelt gibt es Hinweise darauf, dass sich im Schnitt mehr männliche Personen unter den Opfern befinden als bei angezeigten Einzeltaten.35 Die Größe der Tätergruppen kann je nach Fall erheblich variieren, mehrheitlich handelt es sich jedoch um kleinere, in Bezug auf Alters- und Sozialstruktur sehr homogene Gruppen mit zwei bis vier Tätern.36

Zahlen speziell für Deutschland sind bislang nur vom kriminalistischen Institut des Bundeskriminalamtes aufgearbeitet worden.37 Trotz Einschränkungen bei der Repräsentativität38 zeigt die Auswertung recht deutlich, dass sowohl die absoluten Zahlen der angezeigten Gruppenvergewaltigungen, als auch ihr Anteil am Gesamtdeliktfeld seit Anfang der 1990er Jahre weitgehend stabil sind – auch nach 2015.39 Die Erhebung bestätigt viele Erkenntnisse der internationalen Forschung – etwa in Bezug auf die Beziehung zwischen Tätern und Opfer, Gruppengröße und Geschlechterverteilung, nicht jedoch die erhöhte Brutalität. Bemerkenswert ist allerdings der Fund »unterschiedliche[r] Deliktmuster«40 je nach Alter der Täter. Die Autor:innen können zeigen, dass zwar der Anteil an Stranger Rapes bei Gruppenvergewaltigungen höher ist als bei Einzeltaten, allerdings vor allem bei erwachsenen Tätern. Die – im Vergleich zu anderen schweren Sexualstraftaten deutlich überrepräsentierten – minderjährigen Täter verübten ihre Übergriffe in aller Regel innerhalb ihres sozialen Umfeldes und häufiger an männlichen Opfern.41

Die an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten gesammelten Daten sind hilfreich, um sich, auch aus soziologischer Perspektive, dem Thema kollektiver sexueller Gewalt anzunähern – viel darüber verraten können sie uns jedoch nicht. Nicht mit Blick auf die Kölner Silvesternacht, die ja Anstoß meines Nachforschens ist. Und auch nicht mit Blick auf die Frage, was in den Interaktionen eigentlich geschieht. Im Folgenden widme ich mich daher überblicksartig der Forschungsliteratur, die sich jenseits reiner Faktenerhebungen auch entschieden als Erklärungsansatz zu Gruppenvergewaltigungen versteht.

Psychologische Anfänge

Eine der frühsten und einflussreichsten Publikationen, die sich dezidiert und empirisch mit Gruppenvergewaltigungen auseinandersetzt, stammt aus dem Jahr 1959.42 William H. Blanchard, ein Psychologe, der in den 1950er Jahren in einer Einrichtung für jugendliche Straftäter zu den Unterschieden zwischen individuellem und Gruppenverhalten forscht, dokumentiert in dem Artikel zwei Fallstudien, die er mittels psychoanalytisch inspirierter Gruppen-Rorschach-Verfahren43 durchgeführt hat.

In dem aus heutiger Sicht äußerst kurzen und methodisch zumindest ungewöhnlichen Aufsatz produziert Blanchard zwei zentrale Erkenntnisse, deren Einfluss sich bis heute in wissenschaftlichen wie alltäglichen Annahmen über Gruppenvergewaltigungen nachzeichnen lässt. Erstens sieht der Psychologe die Dynamik gemeinsamer sexueller Übergriffe maßgeblich durch eine Hierarchisierung von Gruppen in »Anführer« und »Mitläufer«44 geprägt, wobei die Gewalt durch den Anführer initiiert und durch die Konkurrenz der anderen um seine Anerkennung vorangetrieben wird. Zweitens betont Blanchard, dass bei der gemeinsamen Vergewaltigung einer Frau durch eine Gruppe Männer homosexuelle bzw. homoerotische Motive eine Rolle spielen. Hintergrund dieser These ist die Freud’sche Vorstellung eines libidinösen, Familiendynamiken nicht unähnlichen Verhältnisses innerhalb der Gruppe.45 Entsprechend deutet Blanchard Gruppenvergewaltigungen auch als Ausdruck eines (vielleicht unterdrückten) Begehrens der Täter untereinander: »Die Idee, sich ›mit den Jungs ein Mädchen zu teilen‹, sich gemeinsam um ein Sexualobjekt zu versammeln und zusammen als Gruppe sexuell erregt zu werden, hat gewiss eine homosexuelle Dimension.«46

Man könnte nun erwarten, dass Blanchards Thesen mit der Zeit wieder verschwunden wären. Das Vorgehen erweckt den Eindruck von Befangenheit des Untersuchungsleiters, und einige seiner Interpretationen erscheinen aus heutiger Perspektive zumindest fragwürdig. Überhaupt, das Vorgehen: Damals zu sehr Zeitgeist, waren die Rorschachtests und der starke Bezug auf Freud schon wenige Jahre später überholt, zumindest in der klinischen Psychologie. Die beiden Thesen zur Erklärung von Gruppenvergewaltigung – Gruppenprozesse und Homoerotik – bleiben aber hängen und bilden den Hintergrund, vor dem Gruppenvergewaltigungen in den folgenden Jahrzehnten erforscht werden sollten.

Die Homoerotik-These bleibt durchaus umstritten, wird aber sowohl in Narrativen als auch Forschungen zum gemeinsamen Vergewaltigen immer wieder reaktiviert47 – obwohl The Group Process in Gang Rape bis heute die einzige empirische Untersuchung zum homoerotischen Moment in Gruppenvergewaltigungen bleibt. Erheblich einflussreicher und folgenreicher ist die Gruppenprozessperspektive, und das, obwohl Blanchards psychoanalytisches Verfahren schon kurze Zeit später von Kolleg:innen in der Psychologie als spekulativ48 verworfen wird.

Die Blanchard nachfolgende Forschung zu kollektiver sexueller Gewalt richtet ihren Fokus zunehmend auf das Gruppengeschehen, d. h. auf Gruppenvergewaltigung als etwas, das primär zwischen den Tätern geschieht. Im Lichte dessen ist es nur wenig verwunderlich, dass die Diskussionen zur Kölner Silvesternacht kaum darauf Bezug nehmen. Alles, was man über die Gruppen in der Nacht sagen könnte, ist hochgradig spekulativ. Sie bleiben, wie Gabriele Dietze ganz richtig festgestellt hat, unsichtbar49– eine amorphe Masse, in der Gruppendynamiken nicht auszumachen sind.

Kriminologische und sozialwissenschaftliche Ansätze

Zwischen dem frühen Blanchard und der Jahrtausendwende setzt sich gerade einmal eine Handvoll Arbeiten dezidiert mit dem Thema Gruppenvergewaltigung auseinander50 – und die meisten von ihnen in einer ähnlichen Spur. Das zunächst starke psychoanalytische Paradigma wird schrittweise von im weiteren Sinne sozialwissenschaftlichen Annäherungen an das Phänomen abgelöst, die deutlich von einem sehr zeitgenössischen Denken in Devianztheorien geprägt sind. Auch deshalb zieht sich durch die meisten dieser Texte ein erhebliches Interesse an dem schon von Blanchard erwähnten Verhältnis von Anführer und Mitläufer in vergewaltigenden Gruppen.

Menachem Amir, Kriminologe an der Hebrew University, setzt sich in seiner umfassenden Studie Patterns in Forcible Rape51 als einer der Ersten empirisch mit Gruppenvergewaltigungen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive auseinander.52 Stark geprägt von der Literatur zu Jugend- bzw. Straßengangs, geht es Amir vor allem um die Frage, wie Mitglieder einer Gruppe dazu gebracht werden, an einer devianten Aktion – in diesem Fall der sexuell-aggressiven Gruppenvergewaltigung – teilzunehmen, gegen die eigentlich eine innere Hemmung zu erwarten sei.53 Er versteht Gruppenvergewaltigung als ein multikausales Geschehen, in dem viele Faktoren zusammenwirken: Gruppendynamik, Normen, situationale Faktoren – und schlichter Zufall. Damit individuelle Gruppenmitglieder zur Teilnahme an der Vergewaltigung mobilisiert werden können, braucht es nach Amir aber vor allem eine Form von Anführerschaft, die er als »Prozess der Einflussnahme auf die Handlungen anderer Gruppenmitglieder in entscheidenden Gruppensituationen«54 versteht. Gemeint ist also nicht notwendigerweise ein formaler Anführer, sondern eine die Situation kontrollierende und anleitende Person (»focal person«)55, die die anderen Mitglieder zum Mitmachen anregt oder verführt. Dieser – vielleicht nur situative – Anführer erlaube den anderen Mitgliedern Exkulpation, Enthemmung und Diffusion der Verantwortung.

Der Akt der Gewalt selbst wird in dieser Perspektive nicht thematisiert – was an die Aufarbeitungen von Köln erinnert. Was genau getan wird, welche Praktiken die Täter also einsetzen, spielt nur insofern eine Rolle, als diese Praktiken vom Anführer angeregt oder vorgemacht werden. Amirs Erklärung konzentriert sich auf Anführerschaft und eine auf devianztheoretischen Überlegungen fußende Gewalthemmung – Menschen müssten dazu gebracht werden, Gewalt zu begehen, was grundsätzlich bei »Jugendlichen aus der Unterschicht«56 mit verwahrloster Sexualität leichter falle, während Mitglieder bürgerlicherer Schichten sexueller Interaktion mehr Bedeutung als nur Triebabfuhr und Befriedigung zurechnen würden.

Nicholas Groth, Leiter eines »Sex Offender Programs« im US-amerikanischen Strafvollzug, argumentiert explizit gegen diese Auffassung:

»Sexuelle Befriedigung ist bei einer Gruppenvergewaltigung ebenso wenig wie bei einer Vergewaltigung durch eine Einzelperson das Motiv. Wahrscheinlicher ist, dass es bei der Gruppenvergewaltigung um Verbrüderung und Kameradschaft mit den anderen Mitgliedern der Gruppe geht und dass die sexuellen Aspekte des Verbrechens die Mittel dafür liefern. Die gemeinsame Vergewaltigung ist ein Weg, sich miteinander in Beziehung oder Wettstreit zu setzen.«57

Groth führt Gespräche mit verurteilten Tätern gemeinschaftlicher sexueller Übergriffe und stellt fest, dass die Männer regelmäßig mehr über das Verhältnis zu ihren Mittätern als über ihre Opfer reden. Darüber hinaus haben viele seiner Patienten zum Zeitpunkt der Tat funktionierende, sexuell aktive Beziehungen, sodass Groth davon ausgeht, dass nicht sexueller Trieb oder sexuelles Begehren gemeinsames Vergewaltigen erklärt – auch nicht ein verdecktes homosexuelles Begehren à la Blanchard –, sondern dass es sich dabei um Beziehungsarbeit unter Männern handelt.58 Groth folgt damit nicht der strengen Anführerthese von Amir, er betont stattdessen die Beziehungsdynamik innerhalb der Gruppe: Gruppenvergewaltigung sei etwas, das in erster Linie zwischen den Tätern stattfinde, es gehe um Male Bonding.

Ab Ende der 1980er Jahre wird in Bezug auf Gruppenvergewaltigungen dann auch die Klassenfrage anders als etwa noch bei Amir diskutiert. Als eine Reihe von Gruppenvergewaltigungen an US-amerikanischen Colleges das öffentliche und zum Teil akademische Interesse wecken, verschiebt sich die Aufmerksamkeit hin zu dem, was hinter verschlossenen Türen in den Verbindungshäusern der Universitäten stattfindet, also in den Refugien von Söhnen aus sog. besserem Hause. Zunächst Sanday59 und kurze Zeit später O’Sullivan60 argumentieren, dass der innere Zusammenhalt von Männerbünden der erklärende Faktor im Vollzug von Gruppenvergewaltigungen sei. Sanday, die mit ihrer Arbeit zu vergewaltigungsfreien und vergewaltigungsanfälligen Gesellschaften61 bereits Grundlagenforschung für Konzepte von Rape Culture betrieben hat, reaktiviert Blanchards These der verborgenen Homoerotik und verknüpft sie mit einem Diskursargument. O’Sullivan betont dagegen die vorbestehenden Beziehungen und Strukturen innerhalb von Gruppen und Männerbünden und schlägt als Präventionsmaßnahme gegen gemeinsame Übergriffe vor, diese Männergruppen – also etwa Studentenverbindungen oder Sportmannschaften – aufzubrechen.62

Mit der Jahrtausendwende schließlich steigt langsam das Interesse am Phänomen der Gruppenvergewaltigung, weiterhin auch im – im weiteren Sinne – kriminologischen Umfeld. Einzelne quantitative Studien und Erhebungen zu den Merkmalen von kollektiven sexuellen Übergriffen verdichten sich langsam zu einem Feld, das sich erklärtermaßen mit der Erforschung von »Multiple Perpetrator Rape« (MPR) befasst.63 Diese auf Liz Kelly und Miranda Horvath zurückgehende Bezeichnung64 dient dabei als Sammelbegriff für verschiedene Phänomene kollektiver sexueller Gewalt, der weder definitorisch zu sehr einengt noch politische oder konzeptuelle Altlasten von zuvor gebräuchlichen Termini wie Group Rape, Gang Rape oder gar Pack Rape reaktiviert.65

Innerhalb dieses Feldes werden verschiedene theoretische Ansätze diskutiert, die das Auftreten und den Verlauf von Gruppenvergewaltigungen erklären sollen. Sie bewegen sich fast alle im Spannungsfeld von individuellen, psychologischen Faktoren und sozio-kulturellen Einflüssen; in jüngster Zeit zeigen sich jedoch auch Bestrebungen, stärker auf das situative Geschehen und die prozessuale Entfaltung von Gewalt zu blicken. Gemein ist den Ansätzen abermals die Prämisse, nach der es sich bei der Teilnahme an einem gemeinsamen sexuellen Übergriff um deviantes Verhalten handelt, dessen Auftreten im Gegensatz zu nichtdeviantem Handeln gesondert erklärt werden müsse.

Diese Erklärungen nehmen inzwischen jedoch nicht mehr unveränderliche Persönlichkeitsmerkmale an,66 sondern diskutieren verzerrte Weltsichten (»cognitive distortions«)67 als wichtigen Faktor im Entstehen von Gruppenvergewaltigungen, also Einstellungen oder Glaubenssätze, die deviantes Handeln normalisieren, rationalisieren oder neutralisieren, z. B. Vorstellungen im Sinne impliziter Theorien über die soziale Welt, etwa über das Verhältnis der Geschlechter, Männlichkeit, Sexualität etc. Mit diesem Ansatz wird eine Art Brücke zwischen einer stärker empirisch orientierten Kriminologie und etwa der feministischen Philosophie geschlagen, die in ihren eigenen Erklärungen sexueller Gewalt ganz ähnlich argumentiert. Dabei verbleibt die hier rezipierte MPR-Forschung aber weitgehend auf der Ebene des Individuums, dessen Vorstellungen sie als eben als verzerrt begreift.

Problematisch daran ist, dass sich der Zusammenhang von Gewalt und Kognition empirisch gar nicht so leicht nachweisen lässt. Zwar erheben insgesamt nur wenige Studien die Einstellungen und Weltsichten von Vergewaltigern; wo es aber geschieht, wird sichtbar, dass frauenverachtende, geschlechterhierarchische oder hypermaskuline Vorstellungen zwar durchaus vorkommen, dass die Täter selbst aber zumeist auf andere Zusammenhänge verweisen, um ihre Taten zu erklären.68Gleichzeitig ist aus dem Material kaum herauszulesen, welche Aussagen Versuche der Täter sind, für sich selbst Sinn aus der Tat zu ziehen, was nachträgliche Neutralisierungen und Rechtfertigungen sind und was im Vollzug der Gewalt selbst präsent war. Hinzu kommt, dass kulturelle Prägungen oder Habitualisierungen auch sehr viel subtiler in die Handlungen eingehen können und nicht unbedingt als Motive oder Gründe zu verbalisieren sind.

Da der Zusammenhang von Subjekt und sozio-kulturellem Einfluss für die MPR-Forschung so schwer zu systematisieren ist, konzentriert sie sich zunehmend auf greifbarere Variablen; etwa auf Tätergruppen mit gefestigten Strukturen – z. B. etwa Fraternities, Straßengangs oder Sportmannschaften69 –, oder sie geht sehr viel näher an das Gewaltgeschehen selbst heran, mit Forschungsdesigns, die sich auf Rekonstruktionen von Crime Scene Behaviors konzentrieren, also kleinschrittige Handlungsabläufe und Interaktionssequenzen in der Gruppenvergewaltigung.70

Woodhams, Taylor und Cooke71 etwa revidieren in einer entsprechenden Untersuchung, eigene und im Feld weit verbreitete Thesen über gemeinschaftliche Vergewaltigung. So halten sie etwa die Anwesenheit eines Anführers oder einer »focal person« für den Vollzug der Gewalt zwar nicht für irrelevant, bemerken aber, dass ihr Einfluss in der Forschung als zu hoch eingeschätzt wird. Auch finden sie weder Hinweise darauf, dass mit der Gruppengröße das Maß an Gewalt steigt – obwohl die Argumente der Verantwortungsdiffusion und der Entsubjektivierung dies nahelegen könnten –, noch darauf, dass das Verhalten der Opfer Einfluss auf die Brutalität des Übergriffs hat. Sie widersprechen damit der heute immer noch populären und häufig reproduzierten These, (Gruppen-)Vergewaltigungen würden erst durch die aktive Gegenwehr des Opfers besonders gewalttätig.

Mit einem etwas anderen Fokus versuchen Chambers, Horvath und Kelly dem Verhältnis von gewaltsamen, sexuellen und intimen Handlungen im sexuellen Übergriff auf die Spur zu kommen.72 In ihrer Analyse von Tatortvariablen in 75 Fällen können sie zeigen, dass nicht einfach das Maß an Gewalt von Fall zu Fall variiert, sondern dass sich das Handeln der Täter vor, während und nach der Tat um die Brutalität clustert. Die Forscherinnen identifizieren vier unterschiedliche Pfade durch die Gruppenvergewaltigung, die je ganz eigene Interaktionsordnungen aufweisen, etwa mit Blick auf Initiierung des Übergriffs, die angewandte Brutalität und den anschließenden Umgang mit dem Opfer (Intimität, Gewalt, Sexualität und Kriminalität). Die Pfade unterscheiden sich jeweils darin, ob das spätere Opfer in den kollektiven Übergriff gelockt oder gezwungen wird, wie stark sie einvernehmlichen Sexualkontakt imitieren oder extreme Sexualpraktiken inszenieren und schließlich, wie nach dem Ende der Gewalt mit dem Opfer umgegangen wird. So wird in erstaunlich vielen Fällen (außer bei überfallartigen Stranger Rapes) das Opfer nach der Tat von den Tätern nach Hause gefahren, oder es wird im Nachgang freundschaftlicher Kontakt zum Opfer gesucht. Das ist insofern ein interessanter Befund, als dass bislang die Beziehungsarbeit zwischen den Tätern im Fokus der Forschung zu Gruppenvergewaltigungen stand. Die Ergebnisse sind einerseits ein Hinweis darauf, dass bestimmte Gruppenprozesse, wie etwa Anführerschaft, für die Erklärung kollektiver sexueller Gewalt nicht überstrapaziert werden dürfen, andererseits werfen sie ein Schlaglicht auf das, was zwischen Tätern und Opfer geschieht – bislang ein mehr oder weniger blinder Fleck der Forschung, die seit Blanchard sehr einhellig davon ausgeht, dass es bei einer Gruppenvergewaltigung »mehr um die Beziehung zwischen den Jungen untereinander geht als um die Beziehung zwischen einem der Jungen und dem betroffenen Mädchen«.73

Auffällig ist, dass kaum Synergieeffekte zwischen der in diesem Abschnitt skizzierten Forschung und dem großen Feld feministischer Gewalttheorien entstehen – selbst dort nicht, wo durchaus miteinander vereinbare Grundintuitionen, Stichwort »cognitive distortions«, das Denken anleiten. Der Grund dafür liegt vermutlich im devianztheoretischen Fundament der weitgehend kriminologisch bestimmten MPR-Forschung. Darin nämlich unterscheiden sich diese Ansätze sehr grundsätzlich von zwei anderen Feldern, in denen Gruppenvergewaltigungen als Gegenstand diskutiert werden: Forschung zu sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten und feministischer Philosophie.

Konfliktbezogene sexuelle Gewalt

Die längste Zeit galten Kriegsvergewaltigungen als unvermeidlicher Nebeneffekt bewaffneter Konflikte und wurden deshalb als nicht weiter erklärungsbedürftig eingestuft. Erst Mitte der 1990er Jahre, vor dem Hintergrund der im Bosnienkrieg und während des ruandischen Genozids flächendeckend und systematisch vorkommenden sexuellen Gewalt, haben internationale Organisationen und Wissenschaft gleichermaßen Kriegsvergewaltigungen als eigenes und eigenständiges Menschenrechtsvergehen (an-)erkannt und betreiben seitdem erheblichen Aufwand, es zu untersuchen und zu bekämpfen. Ergebnis dieser neuen, internationalen Aufmerksamkeit war und ist eine Lesart sexueller Gewalt als eigenständige Waffe, Strategie oder Taktik der Kriegführung. Sexuelle Gewalt in diesem Sinne wird als Mittel der »ethnischen Säuberung«, des Genozids oder der Destabilisierung von verfeindeten Gemeinschaften verstanden, deren Frauen als reproduktive Zentren attackiert und die so in ihren familiären Strukturen angegriffen werden können.74 Die Weapon-of-War-Erzählung hat sich dabei weit über jene Fälle hinaus durchgesetzt, in denen Vergewaltigungen zweifelsfrei strategisch – z. B. in speziellen Rape Camps75 – eingesetzt wurden. Sie ist, zumindest zeitweise, zur dominanten Deutung aller im Kontext bewaffneter Konflikte auftretenden sexuellen Gewalt geworden, was sicherlich auch diskursiven und politischen Implikationen geschuldet ist, die diese Perspektive mit sich bringt:

»Die Erzählung von sexueller Gewalt als Kriegswaffe bricht mit der Vorstellung von Vergewaltigung als tragischer, aber natürlicher und unvermeidlicher Folge von Krieg und männlicher Sexualität und stellt sie stattdessen als vermeidbar dar. […] Vergewaltiger werden als rationale moderne Subjekte verstanden, die für ihre Entscheidung, die Strategie umzusetzen und Vergewaltigung als Waffe einzusetzen, zur Verantwortung gezogen werden können.«76

Und, so ließe sich ergänzen, diese Erzählung verschiebt die Aufmerksamkeit und Verantwortlichkeit von einzelnen Soldaten als Akteuren der Vergewaltigung hin zu den Kommandostrukturen und ihren militärischen und ideologischen Zielen.

Interessant für unseren Zusammenhang ist dieser Diskurs deshalb, weil es sich bei Vergewaltigung als Kriegswaffe schon per Definition um eine kollektive Form sexueller Gewalt handelt77 – obschon über diese Definitionen noch zu reden sein wird – und weil es, im Gegensatz zu den bisher diskutierten Ansätzen, im Weapon-of-War- Diskurs nicht darum geht, abweichendes Verhalten zu erklären, sondern (mit den Zielen der Militärführung) konformes. Wird sexuelle Gewalt als gezielt eingesetzte Strategie verstanden, dann liegt die Erklärungslast auf den Makrostrukturen – eine Militärführung entscheidet, ob sie zu dieser Strategie greift, und lässt sie durch ihre Einheiten umsetzen. Diese stark rationale und instrumentelle Rahmung von soldatischem Handeln ist aus soziologischer Perspektive nicht unproblematisch und auch innerhalb der SVAC-Diskurse (»sexual violence in armed conflicts«) ist vermehrt Kritik über diese Vereinfachung laut geworden.78 Darüber hinaus ist die Vorstellung von Soldaten als schlichten Erfüllungsautomaten nicht nur aus Perspektive der Sozialtheorie äußerst fragwürdig, sie deckt sich auch kaum mit der Realität des Krieges:

»Denn wie jeder Mann* und jede Frau*, die schon einmal an einer militärischen Mission teilgenommen hat, weiß: Kein Soldat befolgt lediglich Befehle. Soldaten begreifen und bewerten Befehle im Rahmen ihres Interpretations- und Handlungsspielraums, und dementsprechend treffen sie situative Entscheidungen – auf dem Schlachtfeld ebenso wie in Besatzungssituationen.«79

Diese situationsbezogenen Entscheidungen sind oft weder primär durch militärische Strategie noch durch ideologische Überzeugungen geprägt und deshalb nie zu hundert Prozent kongruent mit den Vorstellungen der Militärführung.80 Regina Mühlhäuser argumentiert, dass Militärführungen ein durchaus ambivalentes Verhältnis zur sexuellen Gewalt ihrer Soldaten haben können; sie müssen sich zur Möglichkeit sexueller Gewalt verhalten, aber ob sie sie gezielt anordnen, sie verbieten und sanktionieren oder aber die sexuellen Übergriffe der Soldaten tolerieren, das ist selbst Teil der strategischen Überlegungen einer Militärführung.81 Weil Soldaten aber eben keine schlichten Erfüllungsautomaten von Kommandoentscheidungen sind, können diese strategischen Überlegungen nur bedingt das Auftreten von sexueller Gewalt erklären. In Anerkennung dieses Problems diskutieren jüngere Arbeiten sexuelle Gewalt im Krieg stärker mit Blick auf Gruppendynamiken,82 die Varianzen im Vorkommen sexueller Gewalt im Krieg und ihre Praxisartigkeit83 oder ihre Kontingenz und Vielschichtigkeit im Erleben der Akteure.84 Gemeinsam können diese Ansätze ein Bild davon vermitteln, dass eine zu einfache, zu stringente und vielleicht auch zu bequeme Erzählung von sexueller Gewalt als Kriegswaffe wenig hilfreich ist, um kollektive Vergewaltigung im Krieg zu erklären.

Mit Blick auf eine Soziologie der Gruppenvergewaltigung sind diese Arbeiten ein interessanter, aber nicht uneingeschränkt übertragbarer Wissensvorrat. Zunächst wird in den allermeisten Studien und Erhebungen zu konfliktbezogener sexueller Gewalt nicht speziell zwischen Gruppenübergriffen und den Übergriffen einzelner Täter unterschieden.85Die Auffassung dieser Taten als kollektiv ergibt daraus, dass sie im Rahmen einer militärischen Kampagne geschehen. Allerdings macht es für eine Phänomenologie der Tat – und nur hier verspricht die Forschung zu Kriegsvergewaltigungen eine sinnvolle Vergleichsfolie zu sein, weil Militärführungen in zivilen Fällen ja nun einmal fehlen – durchaus einen erheblichen Unterschied, ob mehrere Täter wenigstens zeitweise kopräsent sind. Die Spannung zwischen unterschiedlichen Vorstellungen dessen, was das Kollektive an kollektiver sexueller Gewalt ist, zeigt sich etwa in einem Argument, das in der Forschung in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat – dem der Gruppenkohäsion. Die Politologin Dara Cohen konnte zeigen, dass bestimmte Formen der Zwangsrekrutierung und das Auftreten von sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikt korrelieren.86 Cohen argumentiert, dass es Einheiten, die durch (gewaltsame) Zwangsrekrutierung entstanden sind, an Kohäsion mangele. Weil aber Kohäsion überaus zentral für das eigene Überleben und den Erfolg der Kampfhandlungen sei,87 versuchten die Einheiten dies zu kompensieren – mittels Gruppenvergewaltigung. Dass gemeinsames Vergewaltigen dazu geeignet sei, Gruppenkohäsion zu stärken, belegt Cohen mit hier bereits rezipierter, kriminologischer Literatur.88 Ein durchaus überzeugendes Argument, allein: Wie die Autorin selbst einräumt, ist gar nicht geklärt, ob die sexuellen Übergriffe in ihrem Datenset gemeinsam – also in Kopräsenz – verübt wurden oder nicht. Die von ihr gefundene Korrelation besteht nicht zwischen Zwangsrekrutierung und Gruppen vergewaltigung, sondern zwischen Zwangsrekrutierung und sexueller Gewalt generell.89 Das relativiert nicht nur die Überzeugungskraft von Cohens Argument, ihre Empirie lässt sich umgekehrt auch nicht als Beleg für die in der Kriminologie verbreitete Gruppendynamikthese lesen.

Für meine Arbeit bleibt der produktive Anschlusspunkt, dass sich die Forschung zu konfliktbezogener sexueller Gewalt das in der Kriminologie so verbreitete Devianztheorem nicht zu eigen macht. Gleichzeitig liegt darin wohl der Grund, warum es nur denkbar wenige Verbindungslinien zwischen diesem und dem Feld der MPR-Forschung gibt und dass sie dort, wo sie gezogen werden, sich kaum richtig entfalten können. Stattdessen baut Forschung zu Kriegsvergewaltigung stark auf Einsichten aus der feministischen Philosophie, zu der hier im Grunde keine scharfe disziplinäre Trennung gezogen werden kann. Im folgenden Abschnitt geht es daher nicht um die Frage, wie feministische Forschung im Unterschied zum in diesem Abschnitt rezipierten Feld Gruppenvergewaltigungen diskutiert, sondern wie sich ähnliche Grundüberzeugungen auf die Erklärung ziviler Gruppenvergewaltigungen auswirken, die nicht auf das Argument der Kriegswaffe zurückgreifen können.

Feministische Theorien ziviler Gruppenvergewaltigungen

Es ist einigermaßen überraschend, dass innerhalb der ohnehin überschaubaren Forschung zu Gruppenvergewaltigungen solche Arbeiten, die explizit aus einer feministischen Theorie heraus argumentieren, den kleinsten Teil ausmachen. Denn trotz eines über die letzten Jahrzehnte immens gewachsenen Korpus an Forschungsliteratur zu sexueller und geschlechtsbezogener Gewalt,90 ist die Zahl der Studien, die sich dezidiert mit Gruppenphänomenen auseinandersetzen, nur minimal. In den allermeisten Fällen wird zwar von Gruppenvergewaltigungen nicht geschwiegen, häufig laufen sie aber als eine nicht gesondert erklärungsbedürftige Variante sexueller Gewalt mit, ohne selbst ins Zentrum des Erkenntnisinteresses zu rücken.91 Für sich genommen soll das keine Kritik dieser Arbeiten darstellen. Gerade wer in weiten Suchbewegungen die Zusammenhänge zwischen Geschlechterverhältnissen, Ideologie und sexueller Gewalt gesellschaftsdiagnostisch zu ergründen sucht – und nicht wenige Studien aus der feministischen Forschung haben ja gerade diesen Anspruch –, dem oder der kann man kaum sinnvollerweise vorwerfen, einen bestimmten Nischenaspekt nicht genug gewürdigt zu haben; noch dazu einen Nischenaspekt mit politischer Brisanz: Nicht zuletzt die Kölner Silvesterübergriffe haben ja eindrücklich gezeigt, dass Gemeinschaftstaten ein enormes öffentliches Skandalisierungspotenzial haben, obwohl Gruppenübergriffe insgesamt nur einen kleinen Teil aller Fälle von sexueller Gewalt ausmachen.92 Gruppenvergewaltigungen sind allein schon deshalb stärker für eine Skandalisierung geeignet, weil sie öfter als sexuelle Übergriffe durch Einzeltäter unter das fallen, was Hilkje Hänel als (verzerrtes) dominantes Alltagsverständnis von Vergewaltigung bezeichnet.93 Sie sind leichter als Vergewaltigungen zu erkennen, weil sie öfter dem entsprechen, was wir uns unter einer Vergewaltigung im Allgemeinen vorstellen – unabhängig davon, ob die Mehrheit an sexuellen Übergriffen überhaupt so oder so ähnlich aussieht –, und sie sind deshalb auch einfacher öffentlich zu problematisieren und zu skandalisieren. Forschung, die sich auf solche Varianten von sexueller Gewalt konzentriert (auch diese!), läuft immer auch Gefahr, sich der öffentlichen Empörung anzudienen und reale, empirische Verhältnisse zu verschleiern. Das bedeutet nicht, dass Phänomene wie Gruppenvergewaltigung nicht erforscht werden müssen und sollten – andernfalls gäbe es dieses Buch wohl nicht –, wohl aber, dass es sehr gute Gründe dafür geben kann, sie nicht immer schon ins Zentrum zu stellen, wenn es um sexuelle Gewalt geht.

Dieses Problem wird besonders offensichtlich, wenn man bedenkt, wie sehr sich öffentliche Diskurse über kollektive sexuelle Gewalt mit jenen über Geschlecht und Migration vermischt haben, weil den Tätern bestimmter high-profile- Fälle94 eine Migrationsgeschichte unterstellt wurde oder sie sie tatsächlich hatten. Das war nicht nur nach der Kölner Silvesternacht in Deutschland so, vergleichbare Diskurse gab es in den letzten Jahrzehnten etwa auch in Frankreich und Australien.95 Im Ergebnis werden vor der Folie der Gruppenübergriffe oft ganz andere und sehr umkämpfte politische und gesellschaftliche Fragen verhandelt. Natürlich sind diese Fälle relevant, gleichwohl gilt es zu problematisieren, dass bestimmte Formen und Täter in der öffentlichen Wahrnehmung überrepräsentiert sind – auf Kosten anderer, im Verborgeneren stattfindenden Formen sexueller Gewalt. Das ist etwas, das die feministische Forschung lang erkannt hat. Folgerichtig gehört es inzwischen fest zur einstudierten Choreografie im Umgang mit solchen Gewaltphänomenen, dass, wann immer öffentlich über einen Vorfall gestritten wird, sich fast zeitgleich die Stimmen mehren, die die Art und Weise des Sprechens über sexuelle Gewalt problematisieren. Entsprechend beschäftigen sich die wichtigsten Publikationen zur Kölner Silvesternacht und zu vergleichbaren Ereignissen weniger mit der Gewalt selbst, sondern mit der dringend notwendigen Entwirrung dieser Verhältnisse.96 Das macht nicht nur deshalb Sinn, weil diese Diskurse ein legitimes politisches und wissenschaftliches Anliegen sind, sondern auch, weil die Heuristik dieser Forschungen nahelegt, dass sexuelle Gewalt und das Reden über sexuelle Gewalt unmittelbar miteinander verwoben sind und auf denselben Begründungszusammenhang aufbauen: Rape Culture und eine patriarchale und heteronormative Geschlechterordnung. Das meint nicht nur, dass sexuelle Gewalt stattfindet und danach diskursiv relativiert wird, sondern auch, dass diese Relativierungen selbst wieder den Boden für neue Übergriffe bereiten. So kommt etwa Kiran Grewal in ihrer Analyse der entsprechenden Gruppenvergewaltigungsdiskurse in Australien und Frankreich zu dem Schluss, dass

»die normativen Vorstellungen von Geschlecht und Heteronormativität, die diese Vergewaltigungen möglich gemacht haben, in der öffentlichen Diskussion der Vorfälle weitgehend unbeachtet geblieben sind. Wir können davon ausgehen, dass die Übergriffe unter anderem deshalb so breite Empörung erfahren haben, weil sie die Kriterien von [vermeintlich] ›echter Vergewaltigung‹ so perfekt erfüllt haben […] und weil sie den Fokus auf sexuelle Gewalt durch ganz bestimmte Männer gelenkt haben: junge muslimische Männer in Australien und männliche Banlieue- Bewohner in Frankreich.«97

Es geht also darum, dass die Art des Redens über Gruppenvergewaltigung eine Kultur stabilisiere, die sich dann selbst wieder in konkreten Übergriffen niederschlage. Arbeiten jedoch, die den hier von Grewal gemachten Zusammenhang an empirischen Fällen von Gewalt und nicht am Diskurs untersuchen, sind äußerst rar gesät. Die wohl einflussreichste Publikation in dieser Hinsicht und zum Thema Gruppenvergewaltigungen ist Peggy Sandays Fraternity Gang Rapes.98 In ihrer Analyse von als »pulling train«99 bezeichneten kollektiven Übergriffen auf einem amerikanischen College-Campus verbindet sie eine psychoanalytisch inspirierte Interpretation von Gewaltereignissen mit der diskursiven Aufarbeitung des Geschehenen in den Verbindungshäusern. In beidem sieht sie die expressive Performance männlicher Heterosexualität, die als Ideal die Kultur der Verbindungshäuser prägt. Aus dem, was die Verbindungsbrüder später erzählen, und dem, was in den von ihr untersuchten Gruppenvergewaltigungen situativ stattfindet – was sie eher anekdotisch rekonstruiert –, destilliert Sanday ein an Blanchard anschließendes Argument, in dem ein Spannungsverhältnis zwischen Homoerotik und Homophobie im gemeinsamen Akt der Vergewaltigung an zentrale Stelle rückt:

»Eine Gruppe von Männern beobachtet sich gegenseitig beim Sex mit einer Frau, die vielleicht sogar bewusstlos ist. Man kann sich fragen, warum diese Frau für die sexuelle Inszenierung der Männer füreinander überhaupt notwendig ist. […] Die Antwort darauf scheint Homophobie zu sein. Es ist zu vermuten, dass der polymorphen Sexualität homophober Männer durch das ›pulling train‹ eine strikt heterosexuelle Form gegeben wird.«100

In den mit starken Loyalitätsanforderungen und libidinös aufgeheizten, männerbündischen Fraternities entstehe eine maskuline, inhärent sexistische Subjektivität der Verbindungsbrüder, die sich in der Aufführung des »pulling train« entlade.101

Sanday reaktiviert damit das Argument, in Gruppenvergewaltigungen ginge es in erster Linie um das, was zwischen den Tätern geschehe. Folgerichtig erscheint ihr damit das Opfer als weitgehend austauschbar und requisitenhaft. In ähnliche Richtung argumentiert auch Karen Franklin in ihrem Vergleich von anti-queerer Gewalt und Gruppenvergewaltigung. Wie Sanday, und in Übereinstimmung mit großen Teilen des mit Gruppenvergewaltigung befassten Forschungsfeldes, besteht sie darauf, dass die Übergriffe performative Aufführungen von Männern für Männer seien und die Opfer austauschbare Requisiten, die das feminine Andere symbolisierten – also Frauen oder schwächere, als weiblich abgewertete oder nichtheterosexuelle Männer.102 Anders jedoch als bei Sanday gerät die sexuelle Dimension für Franklin in den Hintergrund. Sie betont, in Anlehnung an Groth und in Übereinstimmungen mit Autorinnen wie Susan Brownmiller103, die bemerkenswert nichterotischen Erfahrungen von Gruppenvergewaltigern.104 Das ist in Franklins Lesart insbesondere bei solchen Fällen augenscheinlich, in denen die sexuelle Gewalt nicht mit (offensichtlicher) sexueller Erregung oder Befriedigung einhergeht, also in Fällen von digitaler Penetration. Entsprechende Gegenstände interpretiert Franklin als »symbolische Penisse« und wertet sie als weiteren Beleg ihrer »enacting-masculinity«-These.105 Weniger noch als Sanday koppelt Franklin ihre durchaus weitreichenden Interpretationen jedoch an empirisches Material, sodass man letztlich einwenden muss, dass sie die Relevanz von Maskulinität und die Bonding-Effekte stärker voraussetzt, als dass sie sie belegt.

Zusammenfassung

Der Forschungsstand über kollektive sexuelle Gewalt entfaltet sich zusammengefasst entlang dreier Achsen: Alle Forschungen verhalten sich in ihren Erklärungsansätzen implizit oder explizit zu Gruppenvergewaltigung als gemeinsames Tun, als Ausdruck von Sexualität und als Gewalt. Sie sind die drei Horizonte, vor denen kollektive sexuelle Gewalt in der Forschung – und, wie wir sehen werden: nicht nur dort – gedeutet wird und Erklärungsansätze formuliert werden.

Gruppe / Kollektivität: Zentral für fast alle hier rezipierten Überlegungen ist, dass sie Gruppenvergewaltigung als etwas fassen, das primär zwischen den Tätern geschieht. Diese These zieht sich in großer Einhelligkeit vom frühen Blanchard hin zu zeitgenössischen kriminologischen und feministischen Ansätzen. Darüber, was genau zwischen den Beteiligten vor sich geht, gibt es freilich unterschiedliche Positionen. So liegt der Fokus in manchen Fällen stärker auf einer die Gewalt erst ermöglichenden Form von Anführerschaft, in anderen auf der durch die Gewalt erzeugten Kohäsion bzw. dem Male Bonding. Gemein ist ihnen dabei aber eine Perspektive auf das Opfer der Gruppenvergewaltigung, das als Akteurin oder Subjekt praktisch kaum in Erscheinung tritt: Es ist austauschbare Repräsentantin, Requisit oder Proxy. Die Betroffene wird mit der Gewalt zu einem »Ding« gemacht, an und auf dem die Täter ihre Beziehung aushandeln.

Sexualität: Beides, sowohl der Gruppenfokus als auch die Requisitenhaftigkeit des Opfers, verweisen auf spezifische Vorstellungen über die sexuelle Dimension der Gruppenvergewaltigung. Dabei verfolgt der Großteil der Forschung das, was ich eine Entsexualisierungsthese nenne. Diese Arbeiten betonen, dass es bei den entsprechenden Gewaltakten nicht um sexuelles Begehren bzw. sexuelle Befriedigung, ja überhaupt nicht um Sexualität ginge. Zu beachten ist dabei allerdings die implizit enthaltene Vorstellung, bei einvernehmlichen sexuellen Interaktionen ginge es vornehmlich um sexuelle Bedürfnisse und nicht etwa ebenfalls um Beziehungsarbeit, Macht, Intimität, Kontrolle bzw. Kontrollabgabe und all die anderen Dinge, die sich auch dann zwischen Menschen abspielen, wenn sie sich im gegenseitigen Einverständnis wechselseitig erregen. Dies wird in den folgenden Kapiteln zu diskutieren sein; für den Moment sei lediglich daraufhingewiesen, dass offenbar alle Theorien (kollektiver) sexueller Gewalt implizit auch Annahmen über Sexualität enthalten, diese aber selten wirklich offengelegt werden. Andere Ansätze, vor allem solche, die stärker zur Psychoanalyse neigen, stellen hingegen sehr wohl auf das libidinöse Moment der Gruppenvergewaltigung ab. Weil aber auch sie daran festhalten, dass Gruppenvergewaltigung vornehmlich zwischen den Tätern geschieht und das Opfer eher als Statistin oder Requisit aufgefasst werden muss, richten diese Ansätze ihren Blick auf ein homoerotisches Geschehen im gemeinsamen sexuell-gewalttätigen Handeln bzw. auf die Spannung zwischen Homoerotik und Homophobie der jeweiligen Männlichkeitskonzeptionen.

Gewalt: Gewalt schließlich ist in vielen Forschungen zu Gruppenvergewaltigung vergleichsweise schwer zu fassen, denn sie hat in vielen der Theorien keinen konzeptionellen Ort – sexuelle Gewalt als Gewalthandeln, noch dazu als ein körperliches Geschehen, bleibt überraschend unthematisiert. Stattdessen nimmt das Gewaltsame der Vergewaltigung zumeist eine implizite Stellung ein, nämlich in Form von devianztheoretischen Vorannahmen. Ein wirklicher Begriff von sexueller Gewalt wird dabei kaum einmal zu formulieren versucht. Dies ist besonders in jenen kriminologischen Arbeiten eklatant, die Gewalt bzw. Brutalität als Zusatz zur Vergewaltigung verstehen, der gesondert erklärt werden muss – dort gibt es den sexuellen Übergriff auf der einen Seite und eine darüber hinausgehende, gewissermaßen »unnötige« physische Gewalt auf der anderen. Ein wirkliches Konzept von sexuell-gewaltsamem – oder gewaltsam-sexuellem – Handeln bleibt in der hier rezipierten Forschungsliteratur unterentwickelt. Feministische Arbeiten hingegen können sich auf eine lange Forschungstradition berufen, in der der Begriff sexueller Gewalt problematisiert wurde. Auch über diesen Gewaltbegriff wird im Folgenden zu diskutieren sein.

Wenn in nachforschender oder erklärender Absicht über kollektive sexuelle Gewalt gesprochen wird, dann scheinen die drei Dimensionen Gewalt, Sexualität und Kollektivität immer wieder als Sinnhorizonte auf. Es ist daher wichtig, sich jeweils zu vergegenwärtigen, in welchem Verhältnis die Dimensionen zueinanderstehen und was dies jeweils über das Erkenntnisinteresse verrät: Will ich etwas über die Gruppe lernen, die sexuelle Gewalt begeht, oder doch über sexuelle Gewalt, die kollektiv begangen wird? Möchte ich etwas über die Sexualisierung von Gewalt herausfinden oder doch über Sex, der gewaltsam gewendet wird? Diese Überlegungen eignen sich weder als trennscharfe Forschungsfragen, noch müssen sie überhaupt notwendigerweise beantwortet werden, aber sie immer wieder zu stellen erleichtert es, sich seine eigene Perspektive auf den Gegenstand zu vergegenwärtigen. In jedem Fall helfen sie, die Blindstellen des bisherigen Forschungsstandes zu identifizieren.

Dass über die Kölner Silvesternacht geredet wurde, wie über sie geredet wurde, ist in diesem Lichte kaum verwunderlich. Die Forschungsliteratur zu Gruppenvergewaltigung konzentriert sich vornehmlich auf die gewaltsamen Gruppen und was zwischen ihren Mitgliedern geschieht. Über die Tätergruppen aus Köln wissen wir aber buchstäblich nichts – sie sind weder als Gruppengefüge noch ihre Mitglieder als Personen oder Akteure sichtbar geworden. Deshalb scheint kaum etwas von dem hier Rezipierten so richtig dabei zu helfen, dass sich aus den Geschehnissen der Kölner Silvesternacht Sinn ergibt.

Gleichzeitig fällt auf, dass die Forschung in Bezug auf eine Interaktionsebene bislang nur wenig über ihren Gegenstand zu sagen weiß. Kaum ein Ansatz tastet sich an Gewalthandeln als soziales Geschehen heran und fragt, was dort eigentlich vorgeht – oder wie die Beteiligten diese Frage beantworten würden.106 Ob aber eine Handlung als sexuell erlebt wird, ob ihre Ausübung durch eine Gewalthemmung gestört ist oder ob die Täter sie in Kameraderie oder Konkurrenz ausüben, das sind Fragen, die man letztlich nur mit einem sehr genauen Blick in die Empirie beantworten kann. Die wenigen Ansätze, in denen die Gewaltpraktiken tatsächlich in den Blick geraten – Stichwort Crime Scene Behaviour und unterschiedliche Deliktmuster je nach Situation –, bleiben zwar lange vor den Deutungsprozessen der jeweiligen Beteiligten stehen; doch sie zeigen bereits, dass lang etablierte Annahmen der Forschung im Detail schnell brüchig werden können – etwa dann, wenn in den Gewaltinteraktionen entgegen den Thesen von Gruppenaktivität und Requisitenhaftigkeit des Opfers erheblicher Aufwand betrieben wird, die Interaktion mit dem Opfer zu inszenieren und zu gestalten.107

1.3Was wir wissen wollen: Über diese Studie

Aus dem Forschungsstand zu kollektiver sexueller Gewalt wird zweierlei ersichtlich. Erstens verhalten sich alle Untersuchungen auf die ein oder andere Weise zu den drei Aspekten des Phänomens: Gewalt, Sexualität und Gruppe bzw. Kollektivität. Selbst wenn diese Triade in den jeweiligen Studien nicht transparent gemacht wird, so enthalten alle Erklärungsansätze mindestens implizite, gleichwohl sehr unterschiedliche, Annahmen zur Gewalthaftigkeit der Situationen, zur Sexualisierung der Taten und zur Kollektivität der Täter und zu ihrem Verhältnis untereinander. Ihnen gemein ist allerdings, dass in ihnen die (sexuelle, kollektive) Gewaltinteraktion leer bleibt. Gewaltinteraktionen als soziales Geschehen zwischen deutenden, Sinn produzierenden Subjekten kommt im Grunde nicht vor. Phänomenologische oder interaktionistische Zugänge zur Gewalt, oder die Frage danach, wie die Beteiligten in der Gewaltsituation – Täter und Opfer – ihr Tun im Vollzug deuten, spielen in der Forschung zu Gruppenvergewaltigung kaum eine Rolle.

An dieser Stelle setzt die vorliegende Studie an. Eine Soziologie der Gruppenvergewaltigung hat, das ist die meinen Argumenten zugrunde liegende Überzeugung, bei der Gewalt als sozialem Geschehen und bei den Situationsdeutungen der Beteiligten anzusetzen. Diese Überzeugung gründet auf Debatten, die in Deutschland seit den 1990er Jahren unter dem Stichwort »neuere Gewaltsoziologie« geführt werden und die, so meine ich, für die gegenwärtige Forschung zu Gruppenvergewaltigung nach wie vor Gültigkeit besitzen. Die Kritik, die von Soziologinnen und Soziologen aus dem Umfeld Trutz von Trothas und Birgitta Nedelmanns stammt, lässt sich im Wesentlichen auf eine Handvoll Einwände kondensieren:108 Erstens scheitere Gewaltforschung, so wie sie üblicherweise betrieben werde, daran, neue Erkenntnisse zu produzieren, weil sie auf immer gleichem Wege immer dieselben Zusammenhänge nachzeichne, z. B. den Zusammenhang von sozioökonomischen Faktoren und Gewaltkriminalität. Zweitens seien die meisten Untersuchungen zur Gewalt entweder eine »biedere ›Faktorensoziologie‹«109, die sich im Aufzählen statistischer Korrelationen erschöpfe und wenig über die Reichhaltigkeit der sozialen Welt zu sagen wisse, oder sie ergingen sich im Gestus großer Theorien, die gleichermaßen alles und nichts erklärten. Drittens liefen Forschungen zu strukturellen oder kulturellen Vorbedingungen der Gewalt Gefahr, einer Entsubjektivierung der Gewalt Vorschub zu leisten, weil so die Handelnden letztlich aus dem Blick geraten würden. Insgesamt ginge der Gewaltforschung so eine Perspektive auf »Gewalt als soziales Handeln«110 und als »›normale‹ Machtaktion«111 verloren, also ein Verständnis von Gewalt nicht als Devianz oder existenziellem Ausnahmezustand, sondern als alltäglicher Handlungsoption oder Praxis. Schlussendlich, so das Urteil von Trothas, sei ein Gros der sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit Gewalt gar keine Gewaltsoziologie im engeren Sinne, sondern die Wissenschaft von den (sozialen) Ursachen der Gewalt. Über Gewalt selbst, als leiblich wirksames Antun und Erleiden, erführe man bedenklich wenig. Als Alternativprogramm schlagen von Trotha, Nedelmann112 und andere nun eine soziologische Untersuchung der Gewalt selbst vor:

»Man muss die Praktiken der Gewalt im einzelnen untersuchen […]. Der Kern des Verstehens der Gewalt liegt in dem, was die Gewalt selbst zum Ausdruck bringt, ermöglicht und vor allem in Gang setzt. […] So nimmt die Gewaltanalyse das gemeinsame Handeln und Leiden der Beteiligten, ihre Wahrnehmungen, ihr Denken und Empfinden, die Beziehungen zwischen den Tätern, Helfershelfern, Zuschauern und Opfern in den Blick. Sie fragt: Um welchen Typ von Gewalt handelt es sich genau? Welche Art sozialer Beziehung stellt das gewalttätige Handeln her? Was wird bei der Ausübung von Gewalt verletzt […]?«113

Diese Überlegungen auch für die Untersuchung von Gruppenvergewaltigung zu übernehmen, verspricht allein deshalb produktive Einsichten, weil ein Großteil der bisherigen Untersuchungen zu kollektiver sexueller Gewalt auf die ein oder andere Weise unter das zu fallen droht, was die neuere Gewaltsoziologie als Ursachenforschung oder – etwas abfällig – als Mainstream der Gewaltforschung bezeichnet,114 und weil die Gewaltsoziologie selbst sexuelle Gewalt als Gegenstand bislang kaum in den Blick genommen hat. Ein stärkerer Fokus auf die Gewaltanalyse kann, nicht als Konkurrenz zum bisher Rezipierten, sondern als Ergänzung, das akademische Wissen über dieses Gewaltphänomen erweitern.

Ziel dieser Studie ist es also, eine gewaltsoziologische Perspektive auf kollektive sexuelle Gewalt zu entwickeln, d.h. die Überlegungen der neueren Gewaltsoziologie als Einflugschneise zu verwenden und die Gruppenvergewaltigung selbst ins Zentrum der Analyse zu stellen. Mein Begriff von kollektiver sexueller Gewalt ist dabei zunächst ein sehr pragmatischer – ich meine solche Fälle, bei denen sexuelle Gewalt gemeinsam und wenigstens zeitweise in Kopräsenz ausgeübt wird.

Mit dieser empirisch gesättigten Theoriearbeit verfolge ich zwei Anliegen: Einerseits will ich Erkenntnisse über bislang nur wenig beforschte Formen sexueller Gewalt gewinnen, andererseits beabsichtige ich, etwas zu den theoretischen Debatten einer zeitgenössischen Soziologie der Gewalt beizutragen. Im Zentrum meines Arguments stehen dabei Fragen nach den Situationsdeutungen der Beteiligten. Wie deuten und erleben sie die Situation, in der sie sich befinden, und ihr eigenes Tun darin?

Die Gliederung der Arbeit ist in Anlehnung an die in der Forschungsliteratur identifizierten Achsen entstanden, entlang derer man Gruppenvergewaltigung als soziales Geschehen beschreiben bzw. erklären kann: Gewalt, Sexualität und Gruppe / Kollektivität. Diese Dreiteilung ist dabei nicht allein meiner Lesart der Forschungsliteratur entlehnt, sie stammt auch unmittelbar aus der Analyse selbst, in der sich die Interpretationen von Gruppenvergewaltigung als Gewalt, als Sex(ualität) und als Gruppenaktivität als für die Beteiligten besonders leicht verfügbare Deutungsrahmen herausgestellt haben – dies ist das argumentative Herzstück dieser Studie.

Nach einigen Anmerkungen zu meinem Vorgehen geht es mir im zweiten Kapitel zunächst darum, die Vorbedingung der hier eingenommenen Perspektive zu diskutieren. Das bedeutet vor allem, einen gewaltsoziologischen Begriff von sexueller Gewalt zu problematisieren. Da sich die gewaltsoziologische Orientierung an physischer Verletzung