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Licht und Schatten. Sonne und Wolken. Im Leben wechseln einander schöne und herausfordernde Phasen immer wieder ab. Wie es gelingen kann, auch in schwierigen Zeiten Zuversicht zu bewahren, schildert Gerlinde Riegler-Aspelmayr in ermutigenden und Kraft spendenden Texten aus ihrem Leben. Achtsamkeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Aber auch das Gehen. Ohne Plan und Ziel brach sie immer wieder auf. Wo sie ankam? Bei sich selbst. Und das kann eine ganz wunderbare Erfahrung sein.
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Seitenzahl: 54
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Was ich will
Weißt du noch?
Die Linse scharf stellen
Grüner Hoffnungsträger
Im Geiste nach Italien
Hoch oben auf dem Mähdrescher
Der Tag am See
Vogelkonzert
Wanderung zu mir selbst
Raunzer-Straßen und Abzweigungen
Zurück zur Einfachheit
Alles fließt
Bruder und Schwester
Krankenhäuser lehren Demut
Der Nebelblumenfund
Slowdown statt Lockdown
Schneewanderung mit Seelennahrung
Es wird immer wieder Frühling
Überraschungen am Wegesrand
Edelsteine des Alltags
Frühsommerabend
The small things
Der Dank des Apfelbaums
Das Glück ist ein Vogerl
Zur Person
Ich will leben. Ich will lieben. Nicht einfach so. Sondern voll und ganz. Mit jeder Faser meines Körpers. Alles aufsaugen, alles einatmen. Ja, das will ich. Und dann will ich außerdem noch viel mehr.
Ich will Zeit haben. Ganz viel davon. Eine verschwenderisch große Menge an Tagen, Wochen, Monaten und Jahren. Mindestens bis 100 sollte die Anzahl meiner Lebensjahre reichen. Denn ich habe viel vor. Ich will die Welt sehen. Ich will an schönen Stränden meine nackten Füße im Sand vergraben und das Heranbrausen der Wellen mit allen Sinnen erleben. Ich will den Zeiger der Uhr vergessen und mich der Zeit ganz hingeben. Daher brauche ich auch möglichst viel davon, denn bisher rannte ich ihr immer hinterher. Wollte die größtmögliche Menge des Machbaren in sie – meine Lebenszeit – hineinpressen.
Ich will Menschen anderer Kulturen kennenlernen. Ich will deren Sprachen lernen, um sie besser zu verstehen. Sie. Diese ANDEREN, von denen es so viele da draußen gibt. Ich will atemberaubende Landschaften bestaunen. Ausblicke, die so unfassbar schön sind, dass es mir die Tränen in die Augen treiben wird. Steile Gebirgsketten, glitzernde Seen, Flüsse mit Wasserfällen, Meere voller Artenreichtum. Möglichst viel von all dem, was ich bisher nur aus Büchern, Zeitschriften und Filmen kenne, will ich sehen.
Ich will die Kinder, die ich geboren und großgezogen habe, zu wunderbaren Menschen aufblühen sehen. Und wenn ich sie anschaue, dann will ich innerlich vor Stolz platzen. Darüber, dass ich sie erschaffen und der Welt geschenkt habe. Wenn ich alt bin, dann will ich, dass mein Mann meine Hand hält und mir vielleicht manchmal zärtlich über meine Wangen streicht. Mit einem besonderen Glanz in den Augen, weil er froh ist, dass er mich gefunden hat. Weil uns ein unsichtbares Band verbindet. Und mir soll es ebenso ergehen und warm ums Herzen werden, wenn ich ihn anschaue.
Ich will, dass die Menschen, denen ich Gutes tun konnte, mit einem Lächeln im Gesicht an mich zurückdenken. Und ich will, dass jene, die ich verletzt oder denen ich Unrecht getan habe, mir verzeihen mögen. Ich will den Bäumen und den Sträuchern, die ich in unserem Garten gepflanzt habe, beim Wachsen zusehen, mich irgendwann in ihrem mächtigen Schatten ausruhen und die Stille, die ich so liebe, auskosten. Ich will klüger werden und vielleicht irgendwann einmal richtig weise sein. Und ich will über all das schreiben, schreiben, schreiben. Schon allein deswegen brauche ich noch ganz viel Zeit.
Ich will als alter Mensch im Schaukelstuhl sitzen und über das Leben nachdenken. Und ich will auch, dass ich dabei ein Lächeln auf den Lippen habe. So, als hätte ich begriffen, dass alles, was war, Sinn ergab. Dass kein einziges Puzzlestück hätte fehlen dürfen. Dass es ohne Schatten nie das viele Licht gegeben hätte. Und ohne Traurigkeit nicht die Momente der Freude. Ja, das alles will ich. Und darum brauche ich sie. Die Zeit. Und zwar möglichst viel davon.
Es werden Zeiten kommen, da werden wir über Tage wie den heutigen reden. Vielleicht werde ich das Gespräch mit Sätzen wie diesen beginnen: „Weißt du noch? Damals in jenem besonderen Frühling, als du sieben Jahre alt warst?”
Manche Dinge werden uns gleich wieder einfallen. Aber vieles werden wir vergessen haben. Darum schreib ich dir heute diese Zeilen, mein lieber Sohn. Für dich. Und für mich. Und für alle, die vielleicht so sind wie wir.
Damit sie nicht verloren gehen. Die schönen Dinge und Erlebnisse. Die Momente, die einen Unterschied im Leben machen.
Und davon gab es heute ganz viele.
Weißt du etwa noch, wie ich dir den Geheimplatz mit den Maiglöckchen, die seit einigen Tagen ihren Kopf aus der Erde stecken, gezeigt habe?
Weißt du es noch, wie wir gemeinsam einen dicken Wiesenblumenstrauß gepflückt haben? Davor bist du im Gras gesessen und hast mit Hingabe Sauerampfer gekaut. „Magst du auch ein paar Blätter haben?“, hast du mich gefragt und mir hat es schon beim Gedanken daran das Gesicht verzogen.
Wie wir tief Luft geholt und mit geschlossenen Augen auf Pusteblumen geblasen haben? Einen Wunsch haben wir dabei im Kopf gehabt. „Gell Mama, es soll nichts sein, das man mit Geld kaufen kann?”, hast du mich zuvor gefragt und ich habe dir zugenickt.
Wie ich dir die verschiedenen Wiesenkräuter – Labkraut, Spitzwegerich, Breitwegerich, Schafgarbe – gezeigt und dir erklärt habe, gegen welche Krankheiten sie helfen und was man daraus alles machen kann?
Wie wir beim Bach über einen Baumstamm balanciert sind und du meine Hand genommen hast?
Wie du dich in die mit Löwenzahn übersäte Wiese gelegt und gesagt hast: „Wenn man im Winter einen Schnee-Engel machen kann, kann man im Frühling auch einen Blumen-Engel machen!”
Wie wir ein vierblättriges Kleeblatt gesucht, aber keines gefunden haben? Die Augen haben uns schon weh getan – so mühevoll war das angestrengte Schauen für uns.
Das alles weiß ich heute noch ganz genau. Aber in ein paar Tagen oder Wochen ist meine Erinnerung vielleicht schon wieder verblasst.
Daher habe ich nun alles niedergeschrieben, mein Sohn.
Für dich. Und für mich. Und für alle, die vielleicht so sind wie wir.
Einatmen. Ausatmen. Hören. Sehen. Riechen. Schmecken. Die Linse scharf stellen – auf das, was gut läuft. Das habe ich mir vorgenommen, nachdem mich die Corona-Krise kurzzeitig in eine Schock-Starre versetzt hatte. Ich traf eine bewusste Entscheidung. Und so bin ich statt zu einer Schwarz-Seherin zu einer Bunt-Seherin geworden. Weil Angst krank macht. Weil ich es meinen Kindern und mir selbst schuldig bin. Der Frühling unterstützt mich dabei nach besten Kräften.
So nehme ich derzeit bewusst vieles wahr, was mir sonst vielleicht entgangen wäre: Ich sehe etwa, dass heute der Marillenbaum aufgeblüht ist. Ich sehe die Bienen, die sich über meinen Osterstrauch auf der Terrasse freuten.
