Vom Jagen und Versagen - Knut Koopmann - E-Book

Vom Jagen und Versagen E-Book

Knut Koopmann

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Beschreibung

Vom Jagen und Versagen. Ein Episoden-Roman von Knut Koopmann. Alles, was Knut zum Thema „Jagen und Versagen“ aufgeschrieben hat, entspricht mehr oder weniger der Wahrheit. Oft weniger als mehr. Jeder geneigte Leser erfährt - ob er will oder nicht -, wie es einem geht, wenn man jeden Tag aufs Neue auf der Jagd ist. Da braucht einer schon verdammt viel Humor. Aber den hat Knut. Ähnlichkeiten mit auf diesem Planeten existierenden Wesen sind nicht ausgeschlossen. Das kann man gar nicht ausschließen. Es wird immer jemanden geben, der sagt: „Kenne ich“, „Frag mich mal…!“. Wer wissen will, wie es sich anfühlt, täglich aufs Neue hinter dem Glück, dem Geld, den Frauen und dem Erfolg hinterher zu rennen und dabei trotzdem niemals an sich selbst verzweifelt, sollte - nein, MUSS - dieses Buch lesen.

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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2015

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für Feli, Tine und alle,

die mich liebhaben und natürlich auch für die,

die mich nicht liebhaben

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkungen

Facebook-Freunde

Seniorentanz

Kinderlieb

Blütenzauber

Gehacktes

Nacktschnecke

Flyball

Jagdfieber

Polster

Trommelwirbel

Schlossherr

Quoten-Mann

Goldmarie

Ruhe

Design

Ratschefummel

Weltkulturerbe

Hirnsport

Waldemar

Vorbemerkungen

Alles, was hier steht, habe ich mehr oder weniger erlebt. Oft weniger als mehr. Hier kann also jeder lesen, wie es einem geht, wenn man jeden Tag aufs Neue auf der Jagd ist. Da braucht einer schon verdammt viel Humor. Aber den hab ich ja.

Es kann natürlich sein, dass nicht jeder diesen Humor teilt. Wahrscheinlich teilt ihn kaum jemand mit mir. Doch wer nicht mit mir lachen kann, muss das auch nicht. Es muss schließlich auch niemand dieses Buch kaufen und lesen. Wer dieses Buch trotz aller Warnungen liest und sich auf den Schlips getreten fühlt, … Pech! Ich habe niemanden dazu gezwungen. Das ist eine freiwillige Entscheidung. Ähnlichkeiten mit auf diesem Planeten existierenden Wesen sind nicht ausgeschlossen. Das konnte ich gar nicht ausschließen. Es wird immer jemanden geben, der sagt: „Kenne ich“, „Frag mich mal…!“.

Und dann möchte ich an dieser Stelle noch etwas an die Lektorin loswerden, die geschrieben hatte, ich würde mich überhaupt nicht weiterentwickeln. Das will ich auch nicht. Schließlich wird aus einer Nacktschnecke auch kein Seeadler, egal, was sie anstellt.

So wünsche ich all denen, die meine geistigen Ergüsse zu schätzen wissen, viel Spaß beim Lesen und allen anderen auch.

Euer Knuti

„Keine Frau? Kein Haus? Kein Boot? Kein Pferd? Kein Job? Keine Freunde und irgendwie krank? Naja, es gibt Wichtigeres.“ (KK)

Facebook-Freunde

Ich mache jetzt in Aktien. Seit einer Woche bin ich nämlich Mitglied in einer AG. Voll aktiv im Facebook-Portal, das hat nun ein Face mehr. Man muss ja informiert sein, was in der Szene passiert. Ohne Facebook läuft nichts mehr.

Das fängt schon damit an, wenn ich mir einen Song im Rundfunk wünschen will. Ohne eine Mitgliedschaft bei Facebook werde ich im öffentlichen Leben richtig diskriminiert. Dabei zahle ich Rundfunkgebühren. Wozu eigentlich? Man ist fast gezwungen, sich bei Facebook anzumelden. Nur, um einen Song-Wunsch zu äußern. Als Nicht-Facebook-Nutzer gehört man gleich zur gesellschaftlichen Randgruppe.

Seit einer Woche bin ich also gezwungenermaßen drin. Facebook hat einen Nutzer mehr und wie ich das nutzen werde, volles Rohr. Ich habe allerdings noch keinen einzigen Facebook-Freund und Facebook ohne Freunde geht nun gar nicht. Das ist ja der Sinn und Zweck der Übung, alles mit seinen Freunden teilen. Vor allen Dingen private Fotos, die niemanden interessieren, nicht einmal die besten Freunde. Aber egal, bei Facebook braucht man Freunde.

Deshalb habe ich gleich die Namen der vier Freunde eingegeben, die ich habe. Und was passierte? Null Treffer. Richtige Facebook-Verweigerer sind das. Kann man mal sehen. Ich bin also seit vielen Jahren mit Verweigerern befreundet. Und ich dachte immer, das sind echte Freunde, die mit mir auf einer Linie sind. Sind die überhaupt nicht, wir haben überhaupt keine Gemeinsamkeiten. Was soll ich mit Freunden, die ignorant sind und die Augen vor der Welt verschließen? Das werde ich denen bei Gelegenheit sagen, was sie für Hinterweltler sind. Kein Interesse am aktuellen Zeitgeschehen. Die wissen gar nicht, wie wichtig Social Media ist. Heute kann der interessierte Web-Nutzer im Live-Stream miterleben, wie sein Freund vom Einer ins beheizte Schwimmbecken springt. Solche sensationellen Acts würden ohne die ganzen virtuellen Kanäle glatt an uns vorbeigehen. Meine Freunde leben ihrer Zeit echt hinterher. Man gut, dass ich das noch rechtzeitig gemerkt habe. Da ist man jahrelang mit Menschen befreundet, die am wahren Leben und an meinem erst recht nicht teilnehmen wollen. Ich werde ihnen die Freundschaft kündigen. Ich muss bestimmt nicht mit jedem befreundet sein, gerade, wo ich angefangen habe, mich ins virtuelle Leben zu stürzen. Da findet man jede Menge Freunde.

Nur im Moment noch nicht. Aber daran arbeite ich. Ich habe das Benachrichtigungs-Tool so eingestellt, dass ich sofort, wenn mir jemand eine Freundschaftsanfrage stellt, eine SMS bekomme. Das Handy habe ich immer parat, Tag und Nacht. Ich stelle es extra laut, damit ich nicht überhöre, wenn Freundschaftsanfragen kommen. Ich warte und warte. Leider passiert nichts. Wenigstens ruft meine Mutter jeden Tag an und fragt, ob es mir gutgehe. Klar Mama, sag ich dann, mir geht’s total gut, alle Welt will demnächst mit mir befreundet sein. Dann freut sich Mama sehr und ist stolz darauf, dass sie in Kürze so einen beliebten Sohn hat, mit dem die ganze Welt befreundet ist.

Blöd, dass ich seit fast einer Woche nicht mehr richtig arbeiten kann. Ich bin mit meinen Facebook-Freunden unglaublich beschäftigt. Dabei hatte ich dem Chefredakteur Günther vom Pflanzenmagazin versprochen, dass er meinen Artikel über Kompostanlagen garantiert nächste Woche bekommt. Bislang habe ich keine einzige Zeile geschrieben. Aber das ist mehr als verständlich. Wer will sich schon mit Abfall beschäftigen, wo zwischenmenschliche Beziehungen viel wichtiger im Leben sind? Das ist wissenschaftlich erwiesen.

Soziale Kontakte fördern das Wohlbefinden. Da muss ich erst mal dran arbeiten, an den sozialen Bindungen. Gerade jetzt, wo ich meine vier einzigen Freunde wahrscheinlich verloren habe. Das will doch keiner, dass ich krank werde, weil ich keine Freunde habe. Das wird auch Günther verstehen. Wenn ich krank bin, kann ich erst recht nicht über Kompost schreiben.

Gerade habe ich meine Facebook-Seite gecheckt. Da ist nichts geschehen. Seit zwanzig Minuten beobachte ich sie, während ich frühstücke. Noch nicht mal in Ruhe frühstücken kann ich. Jede Sekunde ist wertvoll und geht für die Kontaktsuche drauf. Was tut man nicht alles für seine Gesundheit? Bis zur völligen Selbstaufgabe und das alles, weil Günther einen Artikel über Kompostanlagen haben will. Ich werde den gleich mal anrufen und ihm sagen, dass ich mich nicht mehr ausnutzen lasse. Meine ganze Freizeit geht drauf, um Freunde zu finden, nur damit ich gesund genug bin, um für andere zu schuften und sinnlose Artikel über Kompost für ein unbedeutendes Gartenmagazin zu schreiben. Na, wenn das keine Selbstverleugnung ist!

Mein Problem muss ich ganz allein lösen. Ich meine mein freundloses Dasein bei Facebook. Den Weg werde ich bis zur letzten Konsequenz gehen. Wo kommen wir denn da hin, wenn sich jeder anmeldet und dann nicht aktiv nach Freunden sucht. Bei Facebook wären nur noch lauter kranke, isolierte Menschen. Da meine vier bislang einzigen Freunde seit Kurzem nun meine Ex-Freunde sind, werde ich aktiv einen neuen Freundeskreis aufbauen müssen, schon wegen meiner Gesundheit.

Weil mir sonst kein Name einfällt, schreibe ich in das Feld „Personen suchen“ mal den Namen Müller.

Wow, davon gibt es jede Menge. Denen schicke ich gleich mal eine Freundschaftsanfrage. Kann nie verkehrt sein, wenn man mit vielen Müllers befreundet ist. Wer weiß, wozu die alle gut sind? Richtige Medizin sind die für mich.

Ich schicke an zweihundertdreiundzwanzig Müllers eine Freundschaftsanfrage. Mehr habe ich nicht geschafft, wegen der Verspannungen im Nacken, vom vielen Sitzen am Computer. Außerdem habe ich Hunger und gehe nun erst mal zum Dönerladen. Das Handy nehme ich mit, falls die Müllers antworten, schreibe ich gleich zurück. Die sollen wissen, dass ich es mit der Freundschaft ernst meine.

Ich bin nicht so jemand, der sagt, ich melde mich und rühre mich dann drei Monate nicht. Nee, auf mich ist als Freund voll Verlass.

Während mir die Dönerstücke aus dem Fladenbrot auf meine frisch gewaschene Hose fallen, weil ich das Brot in der einen und mein Handy in der anderen Hand halte, starre ich gebannt auf mein Display. Da! Tatsächlich! Eine E-Mail von Müller. Welcher Müller? Egal, Hauptsache Müller. Ich öffne schnell mein Postfach. Doch was lese ich da? Den Müller soll ich nicht mehr mit dämlichen Freundschaftsanfragen behelligen, er kenne mich schließlich nicht. Ein Idiot, denke ich. Der hat meine Freundschaft überhaupt nicht verdient. Die kannste echt knicken, die Müllers. Das hätte ich mir gleich denken können, dass jemand mit dem Allerweltsnamen Müller nichts mit einer intellektuellen Größe wie mir anfangen kann. Ich lösche die Nachricht und probiere es mit Schröder. Zwei Stunden später meldet sich aus der Fraktion immer noch niemand, nicht mal der Gerhard, obwohl er es, seit er nicht mehr Kanzler ist, doch dringend nötig haben müsste, echte Freunde zu finden. Die arme Sau ist doch bestimmt total einsam ohne die applaudierenden Genossen. Dann eben nicht! Das haben sie nun davon, SPD wähle ich nicht mehr. Die sind für mich gestorben. Früher waren sie noch an der Basis interessiert.

Ich mache mich schlau über die Gruppen bei Facebook. Ich könnte ja einer Gruppe beitreten, in der Leute sind, die mir intellektuell gewachsen sind. Es dauert nicht lang, da werde ich fündig: Die Nutella-Gruppe. Die Beiträge da sind zum Wegschmeißen komisch. Die Leute geben sich betont dumm, damit ihre Komik überhaupt zum Tragen kommt. Schreiben wichtige Dinge wie den aktuellen Preis von einem 800 g Glas Nutella und dass Kakao ja an den Bäumen wächst und deshalb Obst sei. Solche komischen Beiträge kann ich jede Menge liefern. Gleich mit Foto, das wird richtig komisch, saukomisch. Dafür müsste ich einen Kabarett-Preis gewinnen und Gold-Mitglied bei der Nutella-Gruppe werden. Ich fang sofort an. Aus dem Schrank hole ich ein weißes T-Shirt, schreibe mit den Fingern mangels Nutella mit Nusspli in fetten Buchstaben „Nutella“ auf das Shirt. Das mit dem Nusspli merkt ohnehin keiner und das hat sozusagen doppelte Komik, zumindest für mich. Ich ziehe vorsichtig das Shirt an und stopfe vorn ein Kissen drunter. Die Schrift passt gut. Auf dem dicken Bauch prangt mittig das Wort Nutella. Ich mache gleich mehrere Fotos von meinem dicken Nutella-Bauch. Das ist der schwierigste Teil, weil meine Arme doch nicht so lang sind, wie ich dachte. Als Selfie habe ich da noch nicht die richtige Übung. Schließlich klappt es.

Ich finde, das habe ich richtig gut gemacht. Das bringt mir sicher jede Menge Freunde. Ich poste das Bild in der Gruppe und schreibe darunter: Wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin. Na, ist das nicht ein gelungener Gag? Jetzt brauch ich nur noch zu warten, bis die Mitglieder der Gruppe ihre Freundschaftsanfragen schicken. Mit einem lustigen Menschen wie mir muss man einfach befreundet sein.

Ich warte. Ich warte einen ganzen Tag und die Nacht dazu. Die einzige Anfrage, die kommt, ist eine E-Mail von meinem Redakteur, wo denn mein Artikel bleibe.

Weil ich meine letzte Wohnungsmiete erst mit drei Wochen Verzug bezahlen konnte, darf ich meinen einzigen Auftraggeber nicht verprellen, sonst ist nicht nur mein Auftraggeber sauer, sondern mein Vermieter gleich mit. Obwohl ich mich von Günther ganz schön ausnutzen lasse und somit meine Gesundheit ruiniere. Und wenn man richtig krank ist, bekommt man Ärger mit der Krankenkasse. Die wollen einen dann in die Zwangsverrentung treiben, damit man denen nicht mehr auf der Tasche liegt. Für Rente fühle ich mich zu jung, da bin ich für Frauen bestimmt noch weniger interessant, als ich ohnehin schon bin.

Also antworte ich Günther, dass ich gerade auf Recherche-Reise wäre und den Artikel in Kürze liefern würde. Das schafft Luft. Ein Kompostartikel ist schnell zusammenkopiert, da muss ich das Rad nicht neu erfinden. Das machen Promovierte schließlich auch nicht. Was die können, kann ich schon lange. Das Internet ist für alle da, ob mit oder ohne Doktortitel.

Nach 24 Stunden log ich mich wieder bei Facebook ein. Der erste Login schlägt fehl, der zweite und dritte auch. Was ist denn das? In meinem privaten E-Mail-Postfach finde ich eine Nachricht von Facebook, von der Nutella-Gruppe. Die haben mich doch glatt gesperrt. Beschimpfen mich, ich hätte versucht, mich mit meinem Pseudo-Nutella bei der Gruppe einzuschleichen. Einen Betrüger, der Nusspli als Nutella verkaufe, habe bei ihnen nichts zu suchen. Voll die Null-Checker, haben keine Ahnung von Komik. Die werden sich eines Tages vor mir auf den Boden werfen, damit ich als Träger des ersten deutschen Kabarett-Preises wieder bei ihnen mitmache. Sollen sie wimmern. Das habe ich überhaupt nicht nötig, wo ich bald einer der beliebtesten Facebook-Nutzer sein werde.

Ein Problem ist natürlich, dass ich gerade jetzt, wo die Schrödersuch-Aktion ins Rollen kommt, keinen Zugriff mehr auf mein Profil habe. Aber ich habe das Problem fest im Griff und melde mich unter dem Namen Georg Clooni neu an. Das ist total schlau. Ich lasse einfach den letzten Buchstaben beim Vor- und Nachnamen weg und schwupp bin ich wieder dabei, mitten im Leben. Mit dem Namen werde ich jede Menge Freundschaftsanfragen bekommen, natürlich von Deppen, die nicht wissen, wie man Clooney korrekt schreibt und nicht darüber stolpern, warum der Mann Beiträge auf Deutsch postet.

Besser einen Idioten zum Freund als gar keinen. Aber hallo – das funktioniert wie geschmiert. Nach drei Minuten die erste Freundschaftsanfrage. Die bestätige ich natürlich gleich, wie gesagt, auf mich kann man als Freund zählen, Tag und Nacht. Das läuft ja richtig gut. Da muss ich wohl eine Nachtschicht einlegen.

Die ganze Nacht habe ich geschuftet. Bis sechs Uhr heute Morgen ohne Ende Freundschaftsanfragen bestätigt. Und nun kann ich mich nicht mal hinlegen, weil bis 18.00 Uhr der Kompostartikel fertig sein soll. Wenn mein Redakteur den nicht pünktlich kriegt, ist er die längste Zeit mein Redakteur gewesen. Das hat er mir geschrieben. Die Welt ist total undankbar. Anstatt, dass er sich darüber freut, weil so ein beliebter Journalist für ihn arbeitet, der über dreitausend Freunde bei Facebook hat, droht er mit Rausschmiss. Wenn ich die nächste Miete bezahlt habe, werde ich dem meine Meinung sagen. Das soll der ruhig versuchen, eine Freundschaftsanfrage bei mir zu stellen, die werde ich glatt ablehnen.

Jetzt fahr ich gleich zu meinem Bruder aufs Land. Der hat einen Komposthaufen. Den werde ich fotografieren. Ich bin immer nah am Zeitgeschehen, mittags fotografiert und bis 18.00 Uhr der Redaktion geschickt. Schneller geht’s wirklich nicht.

Seniorentanz

Kaum habe ich den Kompostartikel an den undankbaren Günther geschickt, meldet sich das Telefon. Ah, der Basti, das sehe ich an der Nummer. Der Basti ist einer meiner vier Ex-Freunde. Mit dem bin ich so was von fertig wegen seiner Ignoranz gegenüber den neuen Medien, besonders gegenüber Facebook.

Aber holla, ist der hartnäckig, das Telefon hört gar nicht auf zu vibrieren. Ich lass das Telefon Telefon sein und gucke in meinen Kühlschrank. Verdammt leer dort drin. Nicht ein einziges Bier. Der Basti hat immer Bier. Sein Kühlschrank ist stets gut gefüllt, er manchmal auch. Doch das kann er sich locker leisten. Er bekommt sein Gehalt schließlich aus dem öffentlichen Dienst und vertrinkt das Steuergeld, das ich mühsam als Freiberufler mit qualifizierten Beiträgen über Kompost verdient habe. Das geht ja eigentlich nicht. Scheint mir irgendwie ein wenig rücksichtslos. Von Bastis Bier gehört mir mindestens die Hälfte. Das hat er es von meinem Steuergeld gekauft.

Als ich den Anruf entgegennehmen will, ist er weg. Ich drücke Bastis Nummer und beschließe, ihm heute seine Facebook-Verweigerung nicht vorzuwerfen und meine Freundschaft doch nicht gleich zu kündigen. Das kann ich immer noch machen. Jetzt habe ich Durst auf Bier. Ein Mann muss Prioritäten setzen. Das können wir Männer unheimlich gut, uns auf das Wesentliche konzentrieren. Und das Wesentliche offenbart sich gerade in den vier Buchstaben B, I, E und R.

„Hi, Basti!“, rufe ich gekonnt fröhlich ins Handy, „du hast gerade versucht mich zu erreichen. Telefon ist immer furchtbar unpersönlich, dachte, ich komm gleich vorbei, damit wir mal wieder reden können, von Mann zu Mann. Bin gleich da!“ Auf seine Antwort warte ich nicht weiter, sondern unterbreche die Verbindung sofort. Denn ich bin ein Mann der Tat und nicht der großen Worte. Im Grunde kenne ich in diesem Moment nur ein Wort, nämlich das Wort Bier.

Zum Glück wohnt der Basti nicht so weit weg. Einen weiten Weg hätte ich heute beim besten Willen nicht geschafft. Ich wäre zwischenzeitlich ohne Bier elendig verdurstet. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Warum wohnt der überhaupt in diesem runtergekommen Altbau im vierten Stock ohne Fahrstuhl? Allein von meinen Steuern könnte er sich locker eine schicke Penthouse-Wohnung im Neubau leisten. Ich hechele die Treppen rauf. Oben angekommen werde ich fast ohnmächtig vor Bierdurst und klingele Sturm.

Basti öffnet und will mich gerade per Handschlag begrüßen, doch ich gehe ohne Worte schnurstracks in seine Küche, reiße die Kühlschranktür auf, greife mir ein Astra und öffne es mit meinem Flaschenöffner. Den habe ich immer dabei, seit ich das Rauchen aufgegeben habe und keine Feuerzeuge mehr mit mir rumschleppe.

Ich nehme einen kräftigen Schluck. „Boah, tut das gut!“, seufze ich und setze die Pulle ein zweites Mal an den Hals.

„Guten Tag, Knut. Wie wäre es denn mit einem freundlichen Hallo-Basti-Schön-dich-zu-sehen?“, fragt Basti und mustert mich vorwurfsvoll.

„Jo, guten Tag, Basti, geht gleich wieder. Aber ich war so ausgedörrt, dass ich alle meine Kraft brauchte, um mich hier die fiesen Treppen hochzuschleppen“, antworte ich und klopfe ihm freundschaftlich auf die Schulter.

„Naja, und die Kraft hat schon zu Hause nicht gereicht, mal den gammeligen Trainingsanzug in vernünftige Outdoor-Kleidung zu tauschen?“, fragt mich mein Kumpel. Wenn er einen fast Verdursteten weiter mit Vorwürfen zu trivialen Kleiderfragen belastet, kündige ich ihm in wenigen Sekunden die Freundschaft, spätestens nach dem dritten Bier, besser nach dem vierten Bier, weil mein Durst unheimlich groß ist.

„Nun mach mal halblang. Ich war tierisch im Stress, hab die letzten Nächte geschuftet. Wie ein Irrer hab ich für die Redaktion geschuftet, bis zu der Sekunde, als du angerufen hast. Wenn ein guter Freund meine Hilfe braucht, bin ich zur Stelle. Da halte ich mich mit Modefragen nicht auf, lass alles stehen und liegen und komme sofort in den vierten Stock. Bis zur völligen Erschöpfung gebe ich für einen Freund alles.“

Bastis Gesichtszüge entspannen sich, ja, sie zeigen fast einen Anflug von Mitleid. Ich bin auch wahrhaftig zu bemitleiden, wo ich mich immer selbstlos für andere aufopfere.

„Das ist lieb gemeint, Alter. Aber ich bin in keiner Notlage. Ich wollte dich mit meinem Anruf bloß fragen, ob wir zusammen ein Bierchen zischen wollen.“

Mein Blick fällt auf meine ausgebeulte Jogginghose. Damit kann ich selbst im Vollrausch nicht in die mieseste aller miesen Kneipen gehen. Außerdem hab ich kein Geld für eine Kneipentour. Ich muss dem Basti wohl oder übel Recht geben, meine Beinkleidung ist unmöglich, das sieht er durch seine Brille total richtig.

„Mensch, da sind deine Signale bei mir falsch angekommen. Ein Sender-Empfänger-Problem sozusagen. Wenn du meine Hilfe nicht brauchst, kann ich ja wieder gehen“, sage ich zu Basti und frage mich, wann er mir endlich das nächste Bier anbietet, denn meine Pulle ist leer.

Gefühlte sechzig Sekunden verharre ich in erwartungsvoller Körperstarre, bis er endlich die rettende Frage stellt: „Willst du noch ein Bier?“

Dem zweiten folgt ein drittes und das vierte und fünfte passt ebenfalls rein. Bevor ich den schweren Abstieg aus dem vierten Stock antrete, verabreden wir uns für Freitagabend zum Frauengucken. Bis dahin müsste das Honorar für meinen Kompostartikel auf dem Konto sein. Frauengucken heißt, wir suchen uns eine Tanzparty und gucken, was auf der Tanzfläche rumwackelt. Ich verspreche Basti, dass ich die angesagtesten Partys recherchieren werde. Recherche kann ich unglaublich gut, das ist ja meine Profession. Was ich allein schon für Facebook und den Kompostartikel recherchiert habe, das macht mir so schnell keiner nach.

Die nächsten zwei Tage öffne ich meine Kühlschranktür nicht mehr. Macht keinen Sinn und nichts ist schlimmer, als seine kostbare Zeit mit sinnlosen Handlungen zu verschwenden. Denn dass sich im Kühlschrank nichts Essbares befindet, weiß ich definitiv. Um nicht gänzlich zu verhungern, was bei hundert Kilo nicht wahrscheinlich scheint, besuche ich bis zur nächsten Honorarzahlung halt jeden Tag meinen Bruder. Das erweist sich als kluge Entscheidung. Der hat vier Kinder, eine Frau, ein Haus, zwei Autos, sechs Fahrräder, einen eigenen Komposthaufen und, weil er von allem nicht genug bekommen kann, auch einen prall gefüllten Kühlschrank. Da habe ich mich wieder geopfert und zwei Tage lang den Kühlschrank aufgeräumt. Nun hat er endlich wieder Platz für frische Wurst, Käse und Bier. Der müsste sich täglich freuen, dass er so einen ordnungsliebenden Bruder wie mich hat. Der isst, wenn es sein muss, auch den Joghurt, bei dem die Haltbarkeitsgarantie seit drei Wochen überschritten ist. Auch zwei Tage Non-Stop-Kindergeschrei macht nicht jeder Verwandte mit. Nur ich, ich bin da eisenhart im Nehmen.

Endlich ist Freitag und es gibt die Aussicht auf einen vergnüglichen Abend mit Basti, der sich gerade in der Bewährungsphase befindet. Ja, er bekommt seine Chance, weiter mein Freund zu sein, zumindest für den Freitag. Im Vorfeld habe ich jede Menge Mega-Partys recherchiert. Bevor ich Basti abhole, prüfe ich mein Konto. Was sehe ich da, nur sechzig Prozent vom erwarteten Honorar wurden für meinen Kompostartikel gezahlt.

Kurz darauf lese ich im E-Mail-Postfach die Nachricht von meinem Redakteur Günther, dass in meinem Artikel ein Haufen Quatsch stehe und er deshalb meinen Beitrag zusammenkürzen musste. Da ich nach gedruckten und nicht nach abgelieferten Zeilen bezahlt werde, falle die Bezahlung eben geringer aus. Na, von dieser ungebildeten Null Günther lasse ich mir den Party-Abend mit Basti jedenfalls nicht versauen.

Da wird der Basti mir sicher mit ein paar Bier über den ersten Schmerz hinweghelfen. Außerdem habe ich saugute Party-Recherche betrieben.

Das erste Bier trinken wir an diesem Abend erst mal beim Basti, das zweite auch, bevor wir Richtung Fischmarkt aufbrechen. Da soll laut Programm in einem Schuppen eine ultrageile Latin-Salsa-Party steigen.

Im Eingangsbereich sind wir zunächst den prüfenden Blicken der Kassierer ausgesetzt. Wenn die uns den Zugang verweigern, würde ich mich mit denen trotz meines Heldentums nicht anlegen, durchtrainiert wie die sind. Zehn Euro verlangt der Kassierer, das ist ganz schön übertrieben, wo wir noch nicht mal wissen, ob das Frauengucken sich da überhaupt lohnt. Was soll’s. Ultrageil darf sich nicht nur auf die Musik beziehen, da muss auch dem Auge was Ordentliches geboten werden, sonst wäre es reine Abzocke.

Es ist reine Abzocke. Wir sind fast so schnell draußen wie wir reingekommen sind, vielleicht sogar einen Tick schneller. Astra haben sie gar nicht, für einen simplen Caipi wollen sie ebenfalls einen Zehner und die paar Mädels auf der Tanzfläche sehen aus, als ob sie nie der Werbung von Haarwaschmitteln erliegen würden. Und von der Kleidung will ich lieber nicht reden, dagegen war meine Jogginghose das neueste Modell. Basti sagt zum Glück nichts Kritisches. Das wäre auch noch schöner gewesen, erst mir die aufwändige Recherche-Arbeit überlassen und hinterher meckern. Das hab ich besonders gern. Aber Basti hält sich zurück. Der legt es echt darauf an, länger mein Freund zu sein. Da will ich mal nicht so sein und schlage die nächste Station auf meiner Recherche-Liste vor: Party im Bunker, House-Dance-Classics.

Wir sind eh mehr für das Klassische, als ältere Generation. Also nehmen wir den nächsten Bus und fahren zum Bunker. Am Kiosk holen wir uns vorher ein Astra. Das stürzen wir schnell runter, da man seit neuestem im Bus keinen Alkohol mehr trinken darf. Kann ich verstehen, immer diese Alkis um einen rum und man selbst hat gerade kein Bier dabei und wird richtig neidisch. Da will man gegen Missgunst und Neid ein positives Zeichen setzen. Das habe ich verstanden. Nachteil ist, dass die Leute sich zwar aufgrund der neuen Verordnung nicht mehr im Bus volllaufen lassen, sondern bereits voll einsteigen. Da kommt es dem einen oder anderen gleich beim Anfahren hoch. Dann doch lieber im Bus betrinken und nach dem Aussteigen entleeren. Die Entscheider bei den Verkehrsmittelbetrieben fahren halt selbst nie Bus, sondern werden gefahren, nicht im Bus, eher in Limousinen.

Kaum sind wir beim Bunker angekommen, müssen wir uns in die Reihe der Wartenden einreihen. Ich riskiere schon mal ein Lächeln bei einer wartenden Blondine, doch sie betrachtet mich wie Luft, nämlich gar nicht. Nach zwanzig Minuten Beine in den Bauch stehen dürfen wir endlich der Kassiererin unsere sechs Euro geben. Ein Schnäppchen im Vergleich zu der freudlosen Party vorher. Wir suchen uns gleich einen guten Ausguckplatz an der Theke und beobachten die Menge, die gnadenlos den Raum füllt. Wenn das in der Form weitergeht, ist der Sauerstoff bald verbraucht und die ersten fallen in Ohnmacht. Außer Beobachten geht auch nichts weiter. Die Musik beschallt den Bunker ordentlich mit House-Musik. Bislang hatte das Wort Haus immer etwas Beschützendes für mich, doch bei dem Krach hege ich eher Fluchtgedanken. Aus lauter Verzweiflung investiere ich mein sauer verdientes Geld in ein Bier, das glatt zwei Euro mehr kostet als vorhin am Kiosk. Wenigstens schauen die Frauen nicht allzu schlecht aus, im Gegensatz zum ersten Schuppen. Nachdem ich Basti und mir ein Bier gekauft habe - ja unglaublich großzügig wie ich bin, habe ich meinem fast Ex-Freund eins spendiert – sehen die Frauen gleich noch besser aus. Auf der Tanzfläche entdecke ich die Blondine, die mich am Eingang wie Luft behandelt hat. Ich kippe den letzten Rest Bier in mich rein und gehe zielstrebig auf die Tanzfläche. Mühsam versuche ich in der Musik einen Rhythmus zu finden und drehe ein wenig die Hüften im Takt, sofern ich einen Takt erkennen kann. Nachdem ich mich ein wenig eingetanzt habe, steuere ich Hüfte schwingend auf die Blondine zu und lächele, was die Zahnreihen hergeben.

Die Kleine ist mindestens zwanzig Jahre jünger als ich und lächelt mich tatsächlich an. Ich ziehe die Mundwinkel noch weiter zu den Ohren, da kommt sie sehr nah an mich ran. Ihr Parfüm strömt etwas Animalisches aus und ich bekomme sofort Lust. Sie tanzt näher an mich heran und schreit mir ins Ohr: „Alter, keine Chance, verpiss dich!“

Ich dachte erst, ich hätte mich bei dem Krach verhört, doch dann folgt ihrer unpassenden Bemerkung eine wegwerfende Handbewegung, als wäre ich eine Schmeißfliege, die sie vertreiben müsste. Na, der Abend scheint nicht allzu positiv zu verlaufen. Mein Alkoholpegel sinkt zunehmend. Ich fühle mich wie ein begossener Pudel und völlig ernüchtert, wie es an einem Freitagabend auf keinen Fall sein dürfte. Ich verlasse die Tanzfläche und brülle Basti ins Ohr, dass der Laden völlig uncool sei und ich ein paar weitere Highlights auf meiner Liste hätte, die wir uns unbedingt nicht entgehen lassen sollten.

„Wieso wolltest du denn weg?“, fragt mich Basti, als wir draußen sind.

„Die Frauen geben nichts her“, antworte ich unwirsch.

„Ich fand sie gut“, sagt Basti.

„Gut ist keine eins. Wir fahren jetzt nach Bergedorf. Da steigt in einem Tagungshotel eine Ü-40-Party. Da tanzen die geilsten Schnallen“, meine ich optimistisch. Insgeheim hoffe ich, dass mein Glaube an Superlative nicht enttäuscht wird und Bergedorf seinem Namen keine Ehre macht, in dem sich auf der Tanzfläche alle Dorfpomeranzen versammelt haben.

„So alt bin ich nun auch wieder nicht“, mault Basti, aber er folgt brav. Das hätte ich ihm sonst übel genommen, wo ich so viel Zeit in die Vorbereitung des Freitagabends investiert habe. Da kann er durchaus ein bisschen Dankbarkeit zeigen. Am besten, er bezahlt das nächste Bier, da ist er mal wieder dran, denke ich, ich muss ja nun nicht immer bezahlen.

Das Hotel wirkt sehr gediegen. Schnurstracks gehe ich auf die Rezeption zu und frage dort den übermüdet wirkenden Herrn nach der Party.

„Ach, Sie meinen den Seniorentanz?“, fragt er nach und mir scheint, als ob er dabei hämisch grinst. Vielleicht ist sein Grinsen auch einfach nur dämlich und gar nicht gewollt hämisch. Ich könnte gleich eine Diskussion mit dem Herrn anfangen, lass es aber lieber, schließlich bin ich nicht zum Diskutieren nach Bergedorf gekommen.

„Nee, nee, schon weniger Tanz, mehr Party“, erklärt Basti, der wohl ebenso wenig wie ich uninformiertes Personal ausstehen kann. Schließlich arbeitet der Herr hier, der muss doch wissen, was gerade angesagt ist.

Er zuckt resignierend mit den Schultern und weist mit einem Kopfnicken auf eine mahagonifarbene Tür. Geht doch. Warum tut er erst so unwissend? Ich öffne die besagte Tür und kapiere gleich, was der Typ mit Seniorentanz gemeint hat. Auf einer Bühne klimpern ein paar angegraute Musiker und im Zeitlupentempo schlürfen weißhaarige Personen über die Tanzfläche. Gegen die Musik war die Max-Greger-Band die reinste Punk-Gruppe. Echt mitreißende Stimmung. So mitreißend, dass wir sofort ausreißen. Manchmal verstehen Basti und ich uns auch ohne Worte.