Vom Kaiserreich zum Trümmerland - Norbert Lüttin - E-Book

Vom Kaiserreich zum Trümmerland E-Book

Norbert Lüttin

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Beschreibung

Das Buch beschreibt die Geschichte Deutschlands bzw. des Deutschen Reichs von der Entstehung im deutsch-französischen Krieg 1870/71 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Dazu gehören auch Entwicklung und Verlauf der beiden Weltkriege sowie das Flüchtlingsdrama zum Ende des letzten Weltkrieges 1945 in Ostpreußen.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Table of Contents

Impressum

Vorwort

Das Deutsche Kaiserreich entsteht

Der Erste Weltkrieg

Die Weimarer Republik beginnt

Das Ende der Weimarer Republik

Die Nationalsozialisten kommen an die Macht

Die Zeit des Nationalsozialismus

Der Zweite Weltkrieg

Flucht aus Ostpreußen

Das Ende des Zweiten Weltkrieges

Die Herausforderung nach dem Krieg

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Vom Kaiserreich zum Trümmerland

Die ersten 80 Jahre der deutschen Geschichte

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage 2021

ISBN:

978-3-949122-66-8

ISBN E-Book:

978-3-949122-67-5

Autor:

Norbert Lüttin

Verlag:

Salpeterer-Verlag, Rüßwihl 3, D-79733 Görwihl

salpetererverlag.de

© 2021 Norbert Lüttin

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Über­setzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Haben Sie Anregungen oder Kritikpunkte zu diesem Buch? Dann senden Sie bitte eine Mail an: [email protected].

 

Titelbild

Das Bild von Peter Althoff (CC BY-ND 2.0) zeigt die noch brennende Stadt Dresden nach der Bombardierung am 15./16. Februar 1945. Links die eingestürzte Frauenkirche.

Quelle: https://www.flickr.com/photos/peterspixelde/17817985999/in/photostream/

Vorwort

Die Geschichte Deutschlands ist seit seiner Gründung 1871 maßgeblich von den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert geprägt und hat das Land zu dem geformt, was es heute ist. Daher sollte es für jeden Staatsbürger des Landes eine Selbstverpflichtung sein, sich über die Entwicklung und Entstehung dieser Kriege zu informieren.

Kriege fanden und finden ständig auf der Welt statt. Ein Krieg wird allerdings nicht nur auf dem Schlachtfeld oder an der Front ausgetragen. Die Zivilbevölkerung einer Nation leidet mindestens genauso wie deren Kämpfer und Soldaten. So geschah es auch während des größten und grausamsten Krieges den die Menschheit bisher erlebt hat, dem Zweiten Weltkrieg.

Die Generation, die als letzte Zeitzeugen vom Zweiten Weltkrieg berichten kann, ist heute über 80 Jahre alt. Ihnen wurde ein großer Teil ihrer Kindheit genommen. Dazu gehörte auch meine mütterliche Familie, die sich zum Ende des zweiten Weltkrieges vor der Roten Armee flüchten musste. Die Erstellung der Biografie dieser Familie im Buch „Eisige Flucht“ lieferte die Grundlage für die Zusammenfassung der Geschichte Deutschlands seit seiner Gründung bis zum Untergang nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieses Buch ist somit ein Exzerpt aus dem Buch mit der Familiengeschichte. Die größte Flüchtlingskatastrophe Deutschlands entstand durch die Einkesselung Ostpreußens, die auch zur größten Schlacht auf deutschem Boden führte. Dieser Verlauf wird in einem eigenen Kapitel dargestellt.

Hier ein redaktioneller Hinweis für den Leser: Quellenangaben sind in runden Klammern dargestellt. Sie finden im Anhang eine Übersicht der verwendeten Quellen und Literatur sowie eine Übersicht aller Abbildungen und Tabellen.

Einen herzlichen Dank möchte ich an meine Familie zum Ausdruck bringen, die mich im immer­währenden Kampf gegen die Tücken der Recht­schreibung unter­stützt.

Sollte der Druck- oder Fehlerteufel irgendwo zugeschlagen haben, bin ich für Korrekturhinweise dankbar. Senden Sie dazu eine Mail an: [email protected].

 

Rüßwihl, im Dezember 2021

 

Norbert Lüttin

Das Deutsche Kaiserreich entsteht

Wir beginnen unsere Zeitreise in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Geschichte und Entwicklung der politischen Verhältnisse in Europa zu dieser Zeit waren die Wegbereiter für die beiden großen Weltkriege, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so viel Zerstörung, Leid und Elend über Europa brachten. Eine kurze Zusammenfassung ist daher unumgänglich, um die politischen Veränderungen besser zu verstehen.

Die Frage der spanischen Thronfolge war der Auslöser des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Isabella II. war seit 1833, als sie zwei Jahre alt war, Königin von Spanien, bis sie 1868 durch einen Militärputsch vom Thron gestoßen wurde. Sie und ihr Ehemann waren Kinder von Geschwistern aus dem Hause Bourbon-Sizilien, einer italienischen Nebenlinie der spanischen Bourbonen. Ein neuer König wurde für Spanien gesucht, aus Italien und Portugal kamen jedoch Absagen. Doch dann wurde man fündig bei Prinz Leopold von Hohenzollern (1835 – 1905). Er stammte aus der Sigmaringer Linie der Hohenzollern und war der Sohn des ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten. Der damalige preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck1 (1815 – 1898) unterstützte seine Kandidatur.

Diese Entscheidung fiel hinter dem Rücken von Paris. Dort fürchtete man eine erneute Umklammerung von spanischen und deutschen Gebieten, wie sie bereits zu den Zeiten der Habsburger bestand. Der französische Außenminister sah dies als Affront an und beschuldigte die preußische Regierung, für diese Ehrverletzung verantwortlich zu sein.

Nach wenigen Tagen, am 19. Juli 1870, erklärte Frankreich dem Königreich Preußen den Krieg. Es war nicht der erste und es sollte nicht der letzte Krieg zwischen den „Erbfeinden“, den Franzosen und den Deutschen, sein. Doch es kam anders, als es sich die Franzosen erhofft hatten: Entgegen der Erwartung des französischen Kaisers verbündeten sich die norddeutschen Staaten („Norddeutscher Bund“) und die süddeutschen Staaten mit Preußen. Die übrigen Staaten Europas blieben in diesem deutsch-französischen Krieg 1870/71 neutral.

Die französische Armee war der Übermacht des deutschen Staatenbundes nicht gewachsen und nach wenigen Wochen waren große Teile durch das deutsche Heer bezwungen. Am 1. und 2. September kam es in den Ardennen zur bekannten Schlacht bei Sedan, wobei der französische Kaiser Napoleon III. gefangen wurde. Der Sieg dieser Schlacht war bereits eine Vorentscheidung dieses Krieges. Die provisorische Regierung in Paris rief die Republik aus und führte den Krieg mit neuen Armeen weiter. Auch die neuen Streitkräfte konnten den deutschen Truppen nicht standhalten und so kam es nach dem Fall von Paris im Februar 1871 zum Vorfrieden von Versailles. Das Ende des Krieges wurde offiziell mit dem „Frieden von Frankfurt“ am 10. Mai 1871 besiegelt.

Der preußische König Wilhelm I.2 führte den deutschen Staatenbund nach 1864 und 1866 im dritten und letzten der deutschen „Einigungskriege“. Die süddeutschen Staaten schlossen sich dem Norddeutschen Bund an und es entstand das Deutsche Kaiserreich.

 

Abbildung 1: Die Proklamation des deutschen Kaiserreichs

Am 18.01.1871 im Versailler Spiegelsaal, in der Mitte Kanzler Bismarck in weißer Kleidung, auf der Estrade links Wilhelm I. und einige Bundesfürsten (Gemälde von Anton von Werner aus (Wikipedia, Deutsches Kaiserreich)).

 

Die Proklamation des deutschen Kaiserreichs fand im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles statt und war für die Franzosen eine erneute Provokation. Der preußische König und neue deutsche Kaiser residierte von damals an im Berliner Schloss. Erster Reichskanzler und Regierungschef wurde Otto von Bismarck. Der Jubel in Preußen war unermesslich, nachdem es ein preußischer König geschafft hatte, die deutschen Länder zu einen und das neue Reich als Kaiser anzuführen.

Und was geschah in Spanien? Der Herzog Amadeus von Savoyen bestieg 1871 den Thron, dankte jedoch bereits am 10. Februar 1873 ab. Einen Tag danach wurde die spanische Republik ausgerufen. Isabella verzichtete auf ihre Krone, womit sie Platz machte für ihren Sohn Alfons XII.

Somit war in Europa das Ende der absolutistischen Regentschaften eingeläutet. Die meisten Länder hatten die Republik ausgerufen, die regierenden Monarchen arbeiteten konstitutionell, also auf Verfassungen gestützt. Das Deutsche Reich war eine Erbmonarchie des föderalen Staatenbundes.

 

Abbildung 2: Das deutsche Kaiserreich 1871-1918

Karte aus (Wikipedia, Deutsches Kaiserreich).

Die Entwicklung des deutschen Kaiserreichs in den nächsten Jahrzehnten bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges war wie in den meisten mitteleuropäischen Ländern geprägt durch die Industrialisierung. Im Wandel vom Agrarland zum Industrieland gab es nicht nur wirtschaftliche Veränderungen. Durch den medizinischen Fortschritt ging auch die Kindersterblichkeit zurück, Familien mit einer zweistelligen Anzahl Kinder waren keine Ausnahme. Die Bevölkerung wuchs kräftig: Im Jahre 1871 waren es noch 41 Mio. Einwohner, 1910 bereits 65 Mio. Menschen im deutschen Kaiserreich. Trotz der Industrialisierung mit seinen vielen neuen Arbeitsplätzen wuchs die Arbeitslosigkeit und Armut. In ländlichen Regionen reichte die Landwirtschaft nicht mehr aus, um alle zu ernähren und Realteilung in der Erbfolge zwang viele, sich eine neue Existenz aufzubauen.

Einen Neuanfang aus Existenznot suchten Millionen von Menschen als Auswanderer, deren Anzahl zum Ende des 19. Jahrhunderts stark anstieg. Sie gehörten zur Gruppe der Übersee-Auswanderer, die überwiegend von Bremen und Hamburg aus mit dem Schiff das Land verließen. Als Paradebeispiel für eine gut organisierte Ausreise mit Unterkunft, Verpflegung und medizinischer Untersuchung war die Hapag in Hamburg, die sich durch diesen Geschäftszweig zur damals weltgrößten Schifffahrtsgesellschaft entwickelte. Nach ihrem Organisator und Generaldirektor Albert Ballin (1857 – 1918) wurde die Auswandererstadt gegründet. Die Einführung der Dampfschifffahrt und die eigens für die Auswanderer gebauten Passagierschiffe Ende des 19. Jahrhunderts ließen die Sterblichkeit auf See zurückgehen und verbesserte deren Chancen, in der neuen Wahlheimat glücklich zu werden. So verließen bis 1928 rund sechs Millionen Menschen das Deutsche Reich, sie gingen zu 90 % in die Vereinigten Staaten, einige nach Südamerika und wenige nach Südafrika und Australien. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Emigranten aus dem Deutschen Reich die Haupteinwanderergruppe in den USA. Mit dem Ende der freien Landnahme in den Vereinigten Staaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ dann die Einwanderungswelle nach. An dieser Stelle möchte ich eine Empfehlung für den interessierten Leser zum Thema Auswanderung geben: Wer als Tourist die Stadt Hamburg besucht sollte das hervorragend gestaltete Auswanderermuseum in der Ballinstadt in seine Besichtigungstour mit aufnehmen.

Otto von Bismarck war der längste amtierende Kanzler des Kaiserreichs. In seiner Zeit wurde für die stetig wachsende Zahl der abhängig Erwerbstätigen die Sozialversicherung eingeführt. Außenpolitisch sicherte sich Bismarck durch den „Zweibund“, dem Bündnis mit Österreich-Ungarn zur Absicherung der Verteidigung ab.

Im Kulturkampf kam es zu Auseinandersetzungen des Reiches mit der katholischen Kirche und dessen Oberhaupt, dem Papst. Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche sollte neu geregelt werden, was auch in anderen europäischen Staaten angestrebt wurde.

So wurde es 1871 im „Kanzelparagraphen“ den Geistlichen untersagt, in ihren Verlautbarungen den öffentlichen Frieden zu gefährden. Die „Zivilehe“ wurde 1874 eingeführt, womit vor dem Gesetz für die kirchliche Trauung eine standesamtliche Eheschließung Bedingung war und vorausgegangen sein musste. Mit dem „Brotkorbgesetz“ entzog Preußen der Kirche die staatlichen Zuwendungen. Zudem wurde in Preußen die kirchliche Schulaufsicht durch die staatliche ersetzt.

Bismarck ging es darum, die Eigenständigkeit der katholischen Kirche zu bekämpfen, er brach 1872 die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan ab. Papst Pius IX. war von 1846 bis 1878 der Papst mit der längsten Zeit im Pontifikat. Er führte die Kirche durch die Zeit der Auseinandersetzungen mit den europäischen Staaten und hielt das vatikanische Konzil 1869/70 ab. Die Politik der Kirche war insbesondere den liberalen Kräften im Reich ein Dorn im Auge. Der zu dieser Zeit aufkommende Liberalismus und Sozialismus waren beide für die Entstehung des Kulturkampfes verantwortlich.

Konservative und liberale Anschauungen trafen aufeinander. Der Kulturkampf endete 1878 mit der Annäherung von Staat und Kirche.

Abbildung 3: Karikatur des Kulturkampfes

Darstellung des Kulturkampfes zwischen Kanzler Bismarck und Papst Pius IX. als Karikatur (aus „Kladderadatsch“, 1875).

 

Interessant sind an dieser Stelle die Nachwirkungen des damaligen Kulturkampfes an folgenden Beispielen: Der Kanzelparagraph wurde erst 1953 aufgehoben, das Gesetz über die Zivilehe erst 2009.

Die politischen Ziele Bismarcks im Kulturkampf wurden nicht alle erreicht. Der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811 – 1877) gründete die „Zentrumspartei“ und die katholische Arbeitnehmerbewegung. Das „Zentrum“ erhielt bei den Wahlen 1878 mit rund 23 % so viele Stimmen wie die Nationalliberalen, bei den Wahlen 1884 waren sie mit 22,6 % der Stimmen die stärkste Reichstagsfraktion.

Im Jahre 1888 wurde Wilhelm II.3 deutscher Kaiser. Er beendete die Amtszeit von Bismarck 1890, dessen politische Ziele sich nicht mit denen des jungen Kaisers deckten. Wilhelm II. nahm nun selbst wesentlich Einfluss auf die Politik, die durch ihn deutlich imperialistischer wurde. Seine Amtszeit war geprägt durch das Streben zur Weltmacht und wird auch als „Wilhelminisches Zeitalter“ bezeichnet.

Bismarck war stets um ein gutes Verhältnis mit Russland bemüht. Sein Nachfolger war Georg Leo von Caprivi (1831 – 1899), der Reichskanzler in der Zeit von 1890 bis 1894 war. Er änderte die außenpolitische Richtung und es geschah genau das, was Bismarck verhindern wollte: Der deutsch-russische Rücksicherungsvertrag wurde 1890 nicht verlängert, die beiden Länder distanzierten sich voneinander. Russland verbündete sich 1892 mit Frankreich und das Deutsche Reich lag dazwischen eingepfercht. Ein potentieller Krieg mit einem der beiden Staaten wäre damit automatisch zu einem Zweifrontenkrieg geworden. Als sich 1907 durch das Hinzukommen von Großbritannien aus dem Zweierbündnis ein Dreierbündnis, das sogenannte „Triple-Entente“ formierte, war das Deutsche Reich fast isoliert in Europa. Es blieb ihm lediglich Österreich-Ungarn als Bündnispartner. Österreich-Ungarn bestand aber aus vielen verschiedenen Völkern, zwischen denen es untereinander immer wieder Spannungen gab.

Der gesellschaftliche Wandel war in vollem Gange. Die Entstehung und Verbreitung von Tageszeitungen führte zu einem neuen Kommunikationsweg, dem ersten Massenmedium. Sie waren das neue Medium für politische Lenkungen. Rasch entwickelten sich Verbände, Parteien und Gewerkschaften, sie nutzten die Presse für ihre Arbeit. Die öffentliche Meinung gewann zunehmend an Gewicht. Auch formierten sich die ersten Frauenbewegungen mit ihren Forderungen, insbesondere nach einem Wahlrecht.

 

Abbildung 4: Kaiser Wilhelm II.

Bild von 1902, Quelle: (Wikipedia, Wilhelm II. (Deutsches_Reich)).

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es vermehrt zu innenpolitischen Spannungen im Reich. Der Welthandel florierte, es entstanden große Häfen wie z.B. in Hamburg und die Erfindung der Dampfschifffahrt beschleunigte den Warenverkehr immens. Dadurch stiegen die Importe von billigen Lebensmitteln aus verschiedenen Ländern kräftig an. Dies stellte für die vielen Großgrundbesitzer und Lieferanten von Lebensmitteln östlich der Elbe ein großes Problem dar, da sie mit der Konkurrenz der Importwaren konfrontiert wurden. Es waren die Auswirkungen der ersten Globalisierung, bei der die Kolonien der europäischen Staaten und deren Warenerzeugung eine wesentliche Rolle spielten.

Die Einführung von Schutzzöllen wurde im Reichstag von den bürgerlichen Parteien unterstützt. Das Erreichen einer Vollbeschäftigung sollte auch die sozialdemokratischen Bewegungen schwächen, die gegen die „Flottengesetze“ stimmten.

Mit dem Ausbau der Flotte zur Kontrolle der Frachtwege sollte Abhilfe geschaffen werden. Admiral Alfred von Tirpitz war seit 1897 Staatssekretär im Reichsmarineamt. In den von ihm vorgeschlagenen „Flottengesetzen“ von 1898 und 1900 wurde die rechtliche Grundlage für den Ausbau einer Hochseeflotte geschaffen. Das Deutsche Reich sollte mit einer stattlichen Anzahl von Linienschiffen, Küstenpanzerschiffen, großen und kleinen Kreuzern seine Stellung als Weltmacht festigen. Der Aufbau der Flotte war der Beginn der Aufrüstung und löste ein Wettrüsten mit anderen Staaten aus. Man hatte insgeheim auf ein Bündnis mit Großbritannien gehofft, doch die Briten sahen die Aufrüstung als Aggression an und verbündeten sich in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts mit Japan und Frankreich.

Das Streben zur Weltmacht von Kaiser Wilhelm II. führte das Kaiserreich in eine außenpolitische Isolation und erhöhte die Gefahr des Ausbruchs eines großen Krieges. Die Werften in den norddeutschen Städten expandierten und arbeiteten mit Hochdruck. Innenpolitisch sollte durch Wachstum und Beschäftigung den sozialdemokratischen Bewegungen entgegengewirkt werden.

 

Abbildung 5: SMS4 Thüringen

SM Linienschiff Thüringen war das dritte Schiff der Helgoland-Klasse, einer Klasse von Großlinienschiffen der deutschen kaiserlichen Marine. Der Stapellauf war 1909, das Schiff nahm an allen wichtigen Manövern des Ersten Weltkriegs teil.

 

Die westeuropäischen Staaten hatten die Welt untereinander aufgeteilt. Fast jedes Land verfügte über Kolonien und sicherte sich damit Rohstoffe. Einen besonders hohen Anteil an Kolonien hatte Großbritannien, die damals führende Seemacht in Europa.

Der Kampf gegen die Sozialdemokraten endete 1899. Der Reichstag verabschiedete die sogenannte „Lex Hohenlohe“, ein Gesetz benannt nach dem damaligen Reichskanzler Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Damit wurde es den Parteien ermöglicht, sich stärker zu vernetzen.

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts gab es viele Veränderungen durch Entdeckungen, Erfindungen und Fortschritt. Das Automobil, die Elektrizität und weitere bahnbrechende Forschungserfolge in der Medizin und den Naturwissenschaften prägten diesen Zeitabschnitt. Die Menschen waren erstaunt, als sie die ersten Flugzeuge am Himmel erblickten.

Der Fortschritt und der Drang zur Weltmacht führten zusammen mit der militärischen Aufrüstung zu einem stark wachsenden Bedarf an Stahl und Rohstoffen. Die Industrialisierung ging weiter voran und die Anzahl der in der Industrie Beschäftigten wuchs stetig. Damit einhergehend wanderten viele Arbeiter vom Land in die Städte, die nun noch schneller wuchsen.

In Berlin entdeckte Emil von Behring (1854 – 1917) Impfstoffe gegen Diphterie und Tetanus. Die Kindersterblichkeit ging nach vorbeugenden Massenimpfungen drastisch zurück, die Bevölkerung wuchs durch ihre kinderreichen Familien.

Auch Kunst, Literatur und Architektur waren im Zeichen des Wandels. Ein Beispiel für die damalige Architektur ist das Reichstagsgebäude, das 1894 von Kaiser Wilhelm II. in Berlin eingeweiht wurde, seine Fassade ist bis heute in ursprünglicher Form geblieben. Der Kaiser nannte das imposante Gebäude übrigens das „Reichsaffenhaus“, was seine Abneigung zum Parlament zum Ausdruck brachte.

1 Sein vollständiger Name: Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, ab 1865 Graf von Bismarck-Schönhausen, ab 1871 Fürst von Bismarck, ab 1890 auch Herzog zu Lauenburg.

2Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen (1797 – 1888) war sein vollständiger Name.

3 Sein vollständiger Name: Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen (1859 – 1941).

4SMS vor deutschen Schiffsnamen ist die Abkürzung für: „Seiner Majestät Schiff“.

Der Erste Weltkrieg

Es ist Sommer im Juli 1914. Gewitterschwangere Wolken verdunkelten den Himmel über dem Deutschen Reich und seinem Volk, es drohte Ungemach. In vielen Ländern wartete man bereits auf eine herannahende Katastrophe, einen Krieg.

In der ohnehin angespannten Situation löste folgendes Ereignis den Ersten Weltkrieg aus: Am 28. Juni 1914 erschoss ein bosnischer Serbe den österreich-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand zusammen mit seiner Frau während eines Besuches in Sarajevo. Einen Monat nach diesem Attentat erklärte Österreich-Ungarn den Serben den Krieg. Nun war Deutschland als Bündnispartner gefragt, sie sollten Österreich-Ungarn unterstützen. Allerdings erhielten die Serben Unterstützung von Russland, das wiederum mit Frankreich in einem Bündnis stand.