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Im Garten finden viele Menschen Entspannung, schöpfen neue Kraft und kommen zur Ruhe. Der Prozess des Pflanzens und Pflegens, Säens und Erntens beeinflusst unser Wohlbefinden, unsere Fähigkeit zur Selbstreflexion und unsere Kreativität. Gartenarbeit ist aber auch ein bewährtes Heilmittel zur Behandlung vieler psychischer Probleme – von Sucht- und Angststörungen bis hin zu Depressionen und Traumata. In diesem Buch zeigt die Psychiaterin und begeisterte Gärtnerin Sue Stuart-Smith, wie sich die Natur positiv auf unsere innere Welt auswirkt, uns Inspiration bietet und den Geist bereichert.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:www.piper.deFür TomDie Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel The Well Gardened Mind bei William Collins, an imprint of HarperCollinsPublishers, LondonCopyright © Sue Stuart-Smith 2020Für die deutsche Ausgabe:© Piper Verlag GmbH, München 2021Covergestaltung: Cornelia Niere nach einem Entwurf von Barbara van RuijvenCovermotiv: Barbara van Ruijven unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.comSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.
Cover & Impressum
Motto
1 Die Anfänge
2 Grüne Natur – menschliche Natur
3 Samen und Selbstvertrauen
4 Der sichere grüne Raum
5 Natur in der Stadt
6 Wurzeln
7 Flower-Power
8 Radikale Lösungen
9 Krieg und Gartenarbeit
10 Die letzte Lebensphase
11 Gartenzeit
12 Blick aus dem Krankenzimmer
13 Grüne Kapsel
Dank
Literatur
Bildteil
Bildnachweis
Stichwortverzeichnis
Anmerkungen
Alle wirklich klugen Gedanken sind schon tausendmal gedacht worden; um sie zu unseren eigenen zu machen, müssen wir sie aufrichtig überdenken, bis sie sich in unseren persönlichen Erfahrungen niederschlagen.
Johann Wolfgang von Goethe
Heraus, das Licht der Dinge macht nicht blind: Lass die Natur dein Lehrer sein![1]
William Wordsworth (1770–1850)
Lange bevor ich den Wunsch verspürte, Psychotherapeutin zu werden, lange bevor ich auch nur ahnte, dass das Gärtnern einmal eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen könnte, erinnerte ich mich gelegentlich daran, dass in meiner Familie darüber gesprochen wurde, wie mein Großvater nach dem Ersten Weltkrieg wieder ins Leben zurückfand.
Mein Großvater hieß Alfred Edward May, wurde aber von allen Ted genannt. Er war fast noch ein Kind, als er in die Royal Navy eintrat. Dort ließ er sich zum Marconi-Funker ausbilden und wurde Matrose auf einem U-Boot. In der Schlacht von Gallipoli im Frühjahr 1915 lief sein U-Boot in den Dardanellen auf Grund. Fast die gesamte Mannschaft überlebte, geriet aber in türkische Kriegsgefangenschaft. Die ersten Monate seiner Gefangenschaft hielt Ted in einem winzigen Tagebuch fest. Dann folgte eine Phase der Internierung in mehreren barbarischen Arbeitslagern, die nicht dokumentiert ist. Zuletzt arbeitete er in einer Zementfabrik am Marmarameer, aus der er im Jahr 1918 über das Meer entkommen konnte.
Ted wurde geborgen und auf einem britischen Lazarettschiff versorgt. Kaum war er wieder halbwegs bei Kräften, wagte er die lange Heimreise über den Landweg. Er wollte so schnell wie möglich seine Verlobte Fanny wiedersehen. Er hatte sie als stattlicher junger Mann verlassen, nun stand er in einem abgewetzten, alten Regenmantel und mit einem türkischen Fez auf dem Kopf vor ihrer Tür. Sie erkannte ihn kaum wieder, denn er wog gerade mal 38 Kilo und hatte seine Haare verloren. Er erzählte Fanny, dass die 4000 Meilen lange Reise »ein Horror« gewesen sei. Seine Unterernährung war derart fortgeschritten, dass man ihm nach einer medizinischen Untersuchung im Krankenhaus der Navy nur noch wenige Monate gab.
Fanny pflegte Ted aufopferungsvoll, flößte ihm stündlich wenige Löffel voll Suppe und anderen Speisen ein, bis er langsam wieder in der Lage war, Nahrung zu verdauen. Nach und nach kam Ted wieder zu Kräften, und kurz darauf heirateten sie. In diesem ersten Jahr strich Ted oft stundenlang mit einer weichen Bürste über seinen kahlen Schädel, um seine Haare zum Wachsen zu animieren. Und tatsächlich wuchsen sie wieder, waren aber weiß geworden.
Mit Liebe, Geduld und Entschlossenheit trotzte Ted seiner düsteren Prognose, doch seine Erlebnisse der Kriegsgefangenschaft verließen ihn nicht und quälten ihn nachts. Vor allem Spinnen und Läuse machten ihm Angst, denn sie hatten die Gefangenen heimgesucht, wenn sie schlafen wollten. Noch jahrelang konnte er nicht allein im Dunkeln sein.
Die nächste Phase seiner Genesung begann im Jahr 1920, als er sich zu einem einjährigen Gartenbaulehrgang anmeldete; es war eine der vielen Maßnahmen, die in der Nachkriegszeit zur Wiedereingliederung von kriegsversehrten Veteranen durchgeführt wurden. Nach der Ausbildung reiste Ted nach Kanada, ohne Fanny. Er suchte nach neuen Arbeitsmöglichkeiten, auch in der Hoffnung, durch Landarbeit seine körperlichen und seelischen Kräfte wiederzugewinnen. Die kanadische Regierung hatte damals ein Programm aufgelegt, um ehemalige Weltkriegssoldaten ins Land zu holen. Tausende folgten ihrem Ruf und machten sich auf die lange Reise über den Atlantik.
Ted arbeitete zuerst in Winnipeg bei der Weizenernte und fand dann auf einer Rinderfarm in Alberta eine feste Anstellung als Gärtner. Zwei Jahre blieb er in Kanada, und einen guten Teil der Zeit war auch Fanny bei ihm, aber aus welchen Gründen auch immer kam ihr Traum eines neuen Lebens nicht zustande. Gleichwohl kehrte Ted gekräftigt und gesund nach England zurück.
Nach einigen Jahren erwarben die beiden einen kleinen Bauernhof in Hampshire, wo Ted Schweine, Bienen und Hühner hielt und Blumen, Obst und Gemüse anbaute. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Funker in der Admiralty Wireless Station in London. Meine Mutter erinnert sich noch an seinen mit Fleisch aus eigener Schlachtung und selbst gezogenem Gemüse vollgepackten schweinsledernen Koffer, mit dem er nach London reiste. Und dann kam er mit dem Koffer voll mit Zucker-, Butter- and Teevorräten wieder zurück. Nicht ohne Stolz erzählt sie, dass die Familie während des Kriegs niemals Margarine essen musste und dass Ted sogar seinen eigenen Tabak anbaute.
Ich erinnere mich an seinen Humor und an sein warmherziges Wesen. In meinen Kinderaugen war er ein Mann, der robust und mit sich selbst im Reinen zu sein schien. Ich musste keine Angst vor ihm haben, und er trug seine Kriegstraumata nicht nach außen. Er verbrachte Stunden mit der Arbeit im Garten und in den Gewächshäusern, immer die Pfeife dabei und den Tabaksbeutel in Reichweite. Teds langes und gesundes Leben – er wurde beinahe achtzig Jahre alt – und die Tatsache, dass er sich mit den in der Kriegsgefangenschaft erlittenen Misshandlungen abzufinden vermochte, ist Teil unseres Familienmythos über die regenerierende Wirkung von Gartenarbeit und Ackerbau geworden.
Ted starb ganz unerwartet an einem Aneurysma, als er gerade mit seinem geliebten Shetland Schäferhund spazieren ging. Ich war damals zwölf Jahre alt. Die Überschrift seines Nachrufs in der Lokalzeitung lautete: »Ehemals jüngster U-Boot-Matrose gestorben.« Dort stand, dass Ted im Ersten Weltkrieg zweimal für tot erklärt worden war und dass er und die anderen Häftlinge, mit denen er aus der Zementfabrik geflohen war, sich 23 Tage lang nur von Wasser ernährt hatten. Der Schlusssatz des Nachrufs bezog sich auf seine Liebe zum Gärtnern: »Er widmete seine Freizeit der Pflege seines großen Gartens und erlangte mit einigen seltenen Orchideenarten lokale Berühmtheit.«
Vielleicht hat sich meine Mutter unbewusst daran ein Beispiel genommen, als mein Vater noch vor seinem fünfzigsten Geburtstag starb und sie als relativ junge Witwe zurückließ. Im zweiten Frühling nach seinem Tod zogen wir in ein anderes Haus, und sie machte sich daran, einen verwahrlosten Bauerngarten herzurichten. Selbst ich in meiner jugendlichen Selbstbezogenheit bemerkte, dass sie sich beim Graben und Jäten mit ihrem Verlust abfand.
In dieser Phase meines Lebens konnte ich mir nicht vorstellen, dass mich Gartenarbeit jemals intensiv beschäftigen würde. Mich interessierte die Welt der Literatur, und ich wollte mir das Leben des Geistes erschließen. Gartenarbeit war für mich eine Art ins Freie verlagerte Hausarbeit, und Unkraut zupfen kam mir genauso wenig in den Sinn wie Kuchen backen oder Vorhänge waschen.
Während meines Studiums war mein Vater immer wieder im Krankenhaus; er starb, als gerade mein letztes Studienjahr begonnen hatte. Die Nachricht erreichte mich in den frühen Morgenstunden per Telefon. Kaum war die Sonne aufgegangen, ging ich durch die stillen Straßen von Cambridge, durchquerte den Park und kam hinab zum Fluss. Es war ein heller, sonniger Oktobertag; die Welt war grün und still. Die Bäume, das Gras und das Wasser hatten etwas Tröstliches. Erst in dieser friedvollen Umgebung war ich fähig, mich der schrecklichen Wahrheit zu stellen, dass mein Vater diesen schönen Tag nicht mehr erleben konnte.
Vielleicht erinnerten mich das Grün und das Wasser an glücklichere Tage und an die ersten Landschaften, die als Kind Eindruck auf mich gemacht hatten. Mein Vater hatte ein Boot auf der Themse, und als mein Bruder und ich noch klein waren, verbrachten wir viele Ferien und Wochenenden auf dem Wasser. Einmal machten wir eine Expedition bis zur Quelle des Flusses, oder so nah wir ihr eben kamen. Ich erinnere mich noch an die Stille des Morgennebels, an meine Freiheitsgefühle, als wir auf den Sommerwiesen spielten. Angeln gehörte damals zu unseren Lieblingsbeschäftigungen.
Während meiner letzten Semester in Cambridge erschloss sich mir ein neuer, sehr emotionaler Zugang zur Lyrik. Meine Welt hatte sich unwiederbringlich geändert, und ich klammerte mich an Verse, die von der tröstenden Natur und vom Kreislauf des Lebens handelten. Dylan Thomas und T. S. Eliot waren mir eine Stütze, aber hauptsächlich wandte ich mich Wordsworth zu, jenem Dichter, der selbst erfahren hatte:
Zu betrachten die Naturnicht mehr gedankenlos wie in der Jugend,vernehmend oftmals nun den ruhigen,getragenen Gesang der Menschheit …[2]
Trauer macht einsam, selbst wenn sie gemeinsam erfahren wird. Ein Verlust, der eine Familie erschüttert, weckt das Bedürfnis, sich gegenseitig zu stützen; doch gleichzeitig verstummen die Menschen und erleiden einen seelischen Zusammenbruch. Sie entwickeln den Impuls, sich gegenseitig vor zu heftigen Gefühlen zu bewahren, und es erscheint ihnen einfacher, ihren Gefühlen im Stillen freien Lauf zu lassen. Bäume, Wasser, Steine und Himmel mögen menschlichen Gefühlen gegenüber gleichgültig sein, aber sie weisen uns auch nicht zurück. Die Natur ist von unseren Gefühlen unbeeindruckt, und da sie sich von uns nicht anstecken lässt, erfahren wir in ihr einen die Einsamkeit des Verlusts lindernden Trost.
In den ersten Jahren nach dem Tod meines Vaters fühlte ich mich zur Natur hingezogen – nicht zu Gärten, sondern zum Meer. Seine Asche war den Wassern des Solent übergeben worden, einer von Booten und Schiffen viel befahrenen Meerenge unweit seines an der Südküste gelegenen Elternhauses. Am meisten Trost fand ich jedoch an den langen, einsamen Stränden im Norden von Norfolk, wo kaum ein Boot in Sicht war. Der Horizont erschien mir so unendlich weit, als befände ich mich am äußersten Rand der bekannten Welt – und ihm so nahe, wie es irgend ging.
Für eine Prüfung an der Universität hatte ich mich mit Freuds psychoanalytischer Theorie beschäftigt. Mein Interesse für die Funktionsweise der menschlichen Psyche war geweckt. Meine angestrebte Promotion in Literatur gab ich auf und entschied mich für ein Studium der Medizin. Dann heiratete ich im dritten Studienjahr Tom, für den das Gärtnern Teil des Lebens war. Er liebte es so sehr, dass ich mich entschied, es ebenfalls zu lieben, wenngleich ich, ehrlich gesagt, immer noch eine Gartenskeptikerin war. Gärtnern war für mich lediglich eine zu erledigende Aufgabe, wenngleich es draußen im Freien – jedenfalls wenn die Sonne schien – schöner war als im Haus.
Nach einigen Jahren zogen wir mit Rose, unserem Baby, auf einen umgebauten Bauernhof unweit von Toms Familie in Serge Hill in Hertfordshire. Im Laufe der folgenden Jahre kamen noch unsere Söhne Ben und Harry hinzu. In dieser Zeit machten Tom und ich uns mit Feuereifer daran, einen von Grund auf neuen Garten anzulegen. The Barn (die Scheune), wie wir unser neues Zuhause nannten, war von Feldern und Wiesen umgeben und, da das Gelände sich an einem Nordhang erstreckte, Wind und Wetter ausgesetzt. Als Erstes bauten wir also einen Windschutz. Wir gruben an mehreren Stellen den steinigen Boden um, pflanzten Bäume und Hecken, hegten Flächen mit Flechtzaun ein und arbeiteten an der Verbesserung des Bodens. Dies alles wäre ohne die enorme Unterstützung und Ermutigung von Toms Eltern und einer Reihe von hilfsbereiten Freunden nicht möglich gewesen. Manchmal feierten wir Steinlesefeste; dann halfen Rose, ihre Großeltern, Tanten und Onkel und füllten Eimer um Eimer mit großen und kleinen Steinen, die weggeschafft werden mussten.
Ich war körperlich wie seelisch entwurzelt und musste erst wieder ein neues Heimatgefühl entwickeln, dennoch war mir damals noch nicht ganz bewusst, dass die Gartenarbeit mir möglicherweise dabei half, Wurzeln zu schlagen. Viel gegenwärtiger war mir die wachsende Bedeutung des Gartens im Leben unserer Kinder. Sie bauten Unterschlüpfe in den Büschen und verbrachten Stunden in selbst erschaffenen Fantasiewelten. Der Garten war ein Reich der Fantasie und zugleich ein realer Ort.
Toms kreative Energie und seine Vision trieben unsere Gartengestaltung voran. Erst als Harry, unser Jüngster, im Krabbelalter war, begann ich selbst etwas anzupflanzen. Ich interessierte mich für Kräuter und vertiefte mich in die einschlägige Literatur. Dieses neue Studiengebiet führte zu einigen Versuchen in der Küche und zu einem »eigenen« kleinen Kräutergarten. Es gab auch ein paar gärtnerische Missgeschicke wie das Ausreißen eines kriechenden Borretschs und eines hartnäckigen Seifenkrauts, aber es war eine Bereicherung, unser Essen mit allen möglichen selbst gezogenen Kräutern zu würzen. Danach war es nur noch ein kleiner Schritt zum Gemüseanbau. Damals reizte es mich am meisten, selbst Lebensmittel anzubauen.
Ich war Mitte dreißig und arbeitete als Assistenzärztin für Psychiatrie im National Health Service. Die Gartenarbeit belohnte meine Mühen mit sichtbaren Erträgen und stellte ein Gegengewicht zu meinem Berufsleben dar, in dem ich mit den weniger greifbaren Eigenschaften der Psyche zu tun hatte. Die Arbeit auf der Station und in der Ambulanz fand vorwiegend in Innenräumen statt, wogegen die Gartenarbeit mich nach draußen brachte.
Ich entdeckte die Freude, mit frei schwebender Aufmerksamkeit durch den Garten zu schlendern und zu registrieren, wie sich die Pflanzen veränderten, wuchsen, kränkelten, Früchte hervorbrachten. Meine Einstellung zu profanen Tätigkeiten wie Unkrautjäten, Hacken und Gießen änderte sich. Ich stellte fest, dass es weniger wichtig war, alles zu erledigen, als sich ganz in die Arbeit zu vertiefen. Gießen beruhigt – solange man nicht in Eile ist –, und eigenartigerweise fühlt man sich nach getaner Arbeit ebenso erfrischt wie die eben gewässerten Pflanzen.
Bis heute begeistert mich beim Gärtnern am meisten, Pflanzen aus Samen zu ziehen. Samen verraten nicht, was einmal aus ihnen werden wird. Ihre Größe ist unabhängig von dem ihnen innewohnenden Leben. Bohnen keimen effektvoll und sind dabei nicht besonders schön, aber man spürt von Anfang an die sich in ihnen entfaltende impulsive Energie. Die Samen vom Ziertabak sind fein wie Staubkörnchen, man sieht sie eigentlich nicht beim Säen. Kaum vorstellbar, dass aus ihnen etwas entstehen könnte – Wolken von duftenden Blüten –, und doch ist es so. Ich spüre, wie das neue Leben eine Bindung schafft, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich fast zwanghaft zurückkomme, um nach meinen Samen und Setzlingen zu sehen, wie ich zum Gewächshaus hinausgehe, mit angehaltenem Atem hineintrete, um ja nichts zu unterbrechen und die Stille des gerade entstehenden Lebens nicht zu stören.
Die Jahreszeiten lassen beim Gärtnern grundsätzlich nicht mit sich debattieren – vielleicht verzeihen sie einem einen kleinen Aufschub. Ich säe diese Samen oder pflanze jene Sämlinge erst am nächsten Wochenende aus. Doch an einem gewissen Punkt merkt man, dass eine Verzögerung zur verpassten Chance wird, zu einer ungenutzten Gelegenheit. Hat man jedoch seine Setzlinge in die Erde ausgebracht, wird man von der Energie des Erdenkalenders fortgetragen wie von einem Fluss.
Besonders liebe ich die Gartenarbeit im Frühsommer, wenn die Wachstumsenergie am stärksten ist und es viel zu pflanzen gibt. Habe ich einmal begonnen, will ich nicht mehr aufhören. Ich arbeite bis zum Einbruch der Dunkelheit, wenn ich fast nichts mehr sehe. Dann zieht mich der warme Schein der Lampen wieder ins Haus hinein. Und wenn ich mich am nächsten Morgen aus dem Haus schleiche, sehe ich es: An welchen Beeten ich auch gearbeitet habe, alle haben sich über Nacht gesetzt und eingelebt.
Natürlich muss man beim Gärtnern immer auch Niederlagen einstecken – insbesondere wenn man voller Erwartung den Garten betritt und mit den traurigen Überresten von allerliebsten jungen Salatpflänzchen oder Reihen von unbarmherzig kahl gefressenem Grünkohl konfrontiert wird. Zugegeben, das unbekümmerte Essgebaren der Schnecken und Kaninchen kann hilflose Wutanfälle auslösen, und die Beharrlichkeit und Ausdauer von Unkraut kann sehr, sehr zermürbend sein.
Die aus der Pflege von Pflanzen resultierende Befriedigung hat nicht nur mit dem Erschaffen von Neuem zu tun. Der Gartenarbeit ist auch ein destruktives Element eigen, aber das Gute daran ist, dass es nicht nur erlaubt, sondern sogar notwendig ist, denn wenn es nicht geschieht, wird man überwuchert. Viele Tätigkeiten bei der Gartenpflege sind also auch von Aggressionen durchdrungen – sei es beim Schneiden mit der Heckenschere, beim Rigolen des Gemüsebeets, beim Schneckenmorden, beim Vernichten von Blattläusen, beim Ausreißen von Gänsegras oder beim Ausgraben von Brennnesseln. Man kann sich rückhaltlos und ohne Probleme in diese Arbeiten stürzen, denn sie sind Formen der Destruktivität, die dem Wachstum dienen. Dauert solch eine Phase sehr lang, ist man möglicherweise vollkommen verausgabt, fühlt sich innerlich aber seltsam erneuert – gereinigt und gleichzeitig gestärkt, als hätte man bei diesem Vorgang an sich selbst gearbeitet. Eine Art Garten-Katharsis.
Jedes Jahr, wenn der Winter vorbei ist und die Welt im kalten Märzwind fröstelt, zieht mich das Gewächshaus mit seiner verlockenden Wärme an. Was macht das Betreten eines Gewächshauses so besonders? Liegt es an der Sauerstoffsättigung der Luft, an der Art des Lichts und der Wärme? Oder ist es einfach die Nähe der Pflanzen, ihr Grün und ihr Duft? Als wären alle Sinne in diesem intimen, geschützten Raum geschärft.
An einem verhangenen Tag im vorigen Jahr war ich mit Arbeiten im Gewächshaus beschäftigt – Gießen, Säen, Kompost umsetzen und überhaupt alles herrichten. Dann riss der Himmel auf, die Sonne strömte hinein und versetzte mich in eine Welt aus schillerndem Grün und vom Licht durchschienenen Blättern. Die Tropfen auf den frisch gegossenen Pflanzen fingen aufreizend funkelnd das Licht auf, und einen Augenblick lang wurde ich von einer Empfindung irdischer Güte überwältigt – einem Gefühl, das ich mir bewahrt habe, wie ein Geschenk zur rechten Zeit.
An diesem Tag säte ich im Gewächshaus Sonnenblumen aus. Als ich die Keimlinge ungefähr einen Monat später ins Freie pflanzte, dachte ich, dass es einige nicht schaffen würden. Die größeren sahen vielversprechend aus, andere jedoch wirkten im Freien schmächtig und ungeschützt. Zufrieden beobachtete ich, wie sie größer und allmählich auch kräftiger wurden, auch wenn ich das Gefühl hatte, sie immer noch besonders im Auge behalten zu müssen. Dann nahm ihr Wachstum Fahrt auf, und ich widmete mich anderen, empfindlicheren Setzlingen.
Für mich ist Gärtnern ein sich wiederholendes gegenseitiges Geben. Ich mache etwas, dann verrichtet die Natur ihren Teil, dann reagiere ich darauf und so weiter – fast wie in einem Gespräch. Es ist kein Flüstern, Schreien oder Sprechen, aber das Hin und Her ist ein verlangsamter, ununterbrochener Dialog. Ich gebe zu, dass ich manchmal die Langsame bin und mich etwas zurückhalte. Zum Glück gibt es Pflanzen, die trotz Vernachlässigung überleben. Und wenn man Zeit mit anderen Dingen verbracht hat, ist die Faszination bei der Rückkehr umso größer, als würde man entdecken, was der andere in seiner Abwesenheit ausgeheckt hat.
Eines Tages bemerkte ich, dass die ganze Reihe von Sonnenblumen kräftig gewachsen war und ihre knospenden Blüten hochmütig und selbstbewusst emporreckte – und ich fragte mich: Wann und wie seid ihr so groß geworden? Es verging nicht viel Zeit, und der erste vielversprechende Keimling – immer noch die kräftigste Pflanze von allen – blickte mit seinem strahlend gelben Blütenteller von weit oben auf mich herab. Ich kam mir in seiner Gegenwart sehr klein vor, fühlte mich aber eigenartig bestätigt, hatte ich doch sein Leben auf den Weg gebracht.
Wie sehr hatten die Sonnenblumen sich nach gut einem Monat verändert! Die Bienen hatten sie ausgesaugt; ihre Blütenblätter waren verblasst, und die größte Blume konnte kaum ihren herabhängenden Kopf stützen. Gerade noch so stolz, und jetzt so melancholisch! Ich hätte sie am liebsten alle abgeschnitten, aber ich wusste, dass sie, würde ich ihre desolate Traurigkeit noch eine Weile ertragen, sie in der Sonne bleichen und trocknen und mit dem heranziehenden Herbst eine andere Gestalt annehmen würden.
Die Pflege eines Gartens ist wie ein immerwährendes Kennenlernen. Es setzt voraus, ein Verständnis dafür zu entwickeln und zu verfeinern, was funktioniert und was nicht. Man muss eine Beziehung zu dem Ort in seiner Gesamtheit aufbauen – zu seinem Klima, seinem Boden und den Pflanzen, die in ihm wachsen. Das sind die Realitäten, mit denen man sich auseinandersetzen muss, und auf dem Weg dorthin müssen fast immer bestimmte Träume aufgegeben werden.
Unser Rosengarten, mit dessen Anlage wir begannen, als wir das erste Mal einige Beete aus dem steinigen Feld herausarbeiteten, war solch ein verlorener Traum. Wir hatten die Beete mit den schönsten alten Rosensorten bepflanzt: Belle de Crécy, Cardinal de Richelieu und Madame Hardy; meine Lieblingsrose aber war die zarte, berauschende und bezaubernde Rose Fantin-Latour mit ihren breiten Blütenblättern, die wie blassrosa Seidenpapier leicht gerüscht sind. Sie ist so weich und samtig, man kuschelt sich in ihre Blüte hinein und versinkt in ihrem Duft. Wir wussten nicht, dass sie nur kurze Zeit bei uns bleiben würden, doch schon bald lehnten sie sich gegen ihre Lebensbedingungen auf. Unser Boden war für Rosen nicht geeignet, und die mangelhafte Belüftung innerhalb unserer Einhegungen tat das ihrige. Jedes Jahr ein neuer Kampf gegen Sternrußtau und Mehltau, von denen sie immer häufiger befallen wurden. Wenn wir sie nicht spritzten, sahen sie traurig und krank aus. Wir zögerten erst, sie herauszureißen, aber gibt es einen Grund, sich beim Gärtnern gegen die Natur zu stellen? Natürlich nicht, also mussten sie fort. Oh, wie habe ich sie vermisst und vermisse sie immer noch! Und obwohl jetzt keine einzige Rose in diesen Beeten mehr wächst und wir längst Stauden dort gepflanzt haben, sprechen wir immer noch von unserem Rosengarten. So bewahren wir die Erinnerung.
Weder Tom noch ich waren Befürworter chemischer Spritzmittel. Vor allem ich fürchtete sie aufgrund der Krankheit meines Vaters. Als ich Kind war, entwickelte er eine Knochenmarkinsuffizienz, die durch ein Umweltgift hervorgerufen worden war. Man fand nie genau heraus, was die Katastrophe ausgelöst hatte, aber als ein möglicher Verursacher wurde ein längst verbotenes, im Gartenschuppen lauerndes Insektengift ausgemacht sowie ein Antibiotikum, das ihm im Sommer des vorausgegangenen Jahres bei einem Italienurlaub verschrieben worden war. Er wäre damals beinahe gestorben, doch die Krankheit konnte eingedämmt werden, und obwohl er nicht geheilt wurde, waren ihm noch weitere vierzehn Lebensjahre vergönnt. Er war ein großer, kräftiger Mann, und manchmal vergaßen wir, dass sein Knochenmark nur halb funktionsfähig war. Doch im Hintergrund war die Krankheit immer präsent, und wenn seine sporadischen Gesundheitskrisen auftraten, blieb uns nichts als die Hoffnung.
In dieser Phase meiner Kindheit gab es einen Garten, der meine Fantasie weit mehr beflügelte als der Garten zu Hause. Oft ging meine Mutter mit meinem Bruder und mir und irgendwelchen Freunden im Schlepptau zur Isabella Plantation, einem Waldgarten im Richmond Park. Kaum waren wir angekommen, rannten wir los und verschwanden im Rhododendrondickicht, um es mit Schaudern zu erforschen und uns darin zu verstecken. So dicht standen die Büsche, dass es durchaus möglich war, sich für kurze Zeit darin zu verirren und die Panik der Trennung zu spüren.
Es gab auch noch ein weiteres, eher verstörendes Element in diesem Garten. Auf einer kleinen Lichtung entdeckten wir einen rot-gelb gestrichenen Wohnwagen aus Holz, über dessen Tür ein Schild hing, in das die Worte eingeschnitzt waren: »Die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!« Wir forderten uns gegenseitig heraus, der Anweisung zu trotzen, aber die Hoffnung aufzugeben war etwas, was ich nicht auf die leichte Schulter nehmen konnte – ganz so, als würde, wenn ich die Tür öffnete, die schreckliche Angst freigesetzt, die ich nicht in die Welt zu entlassen wagte. Am Ende erwies sich, wie bei allem Unbekannten, die Fantasie als weitaus mächtiger als die Realität. Als wir eines Tages doch die Tür öffneten, offenbarte sich uns lediglich ein gelb gestrichener Raum mit einer hölzernen Schlafkoje, und natürlich geschah nichts Schreckliches.
Erfahrungen prägen uns. Aber wir sind uns dessen nicht bewusst, während wir sie machen, denn was auch immer geschehen mag, es ist einfach unser Leben. Wir haben kein anderes, und es ist immer ein Teil dessen, was wir sind. Erst viel später, als ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Psychoanalytikerin mit meiner eigenen Analyse begann, wurde mir klar, wie sehr die Welt meiner Kindheit von der Krankheit meines Vaters erschüttert worden war. Ich verstand nun, warum die Anweisung an der Tür des Wohnwagens meine kindliche Vorstellungskraft so geprägt hatte, und auch, warum ich im Alter von sechzehn Jahren den Nachrichten über ein Leck in einer chemischen Fabrik im italienischen Seveso so viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte.[3] Eine Explosion hatte toxische Gase freigesetzt. Das ganz Ausmaß der verheerenden Folgen wurde erst nach und nach bekannt. Der Boden war verseucht, und die Gesundheit der Menschen dieser Region war schwerwiegend und langfristig beeinträchtigt. Die Katastrophe bewirkte, dass ich mich zum ersten Mal mit Umweltthemen und Umweltpolitik beschäftigte. Mein Unterbewusstsein hinderte mich, eine Parallele zu dem unbekannten Gift zu ziehen, das meinen Vater so krank gemacht hatte. Nur eins war mir klar: Mein Umweltbewusstsein wurde mit Macht wachgerüttelt.
Die Beschäftigung mit der Vergangenheit und das Wiederaufgreifen solcher Erinnerungen im Laufe meiner Analyse schärften auch meinen Blick für einen weiteren Aspekt – den des Seelenlebens. Ich begriff, dass Trauer nach unten sinken kann und Gefühle andere Gefühle verdecken können. Momente neuer Einsichten durchdringen die Psyche, erschüttern sie und wühlen sie auf. Und obwohl manche willkommen und erfrischend sein mögen, sind andere schwerer zu integrieren und anzupassen. Während dieser ganzen Zeit arbeitete ich auch im Garten.
Der Garten schenkt uns einen physischen Schutzraum, der uns hilft, unser Gespür für geistige Räume zu schärfen. Er schenkt uns Ruhe, sodass wir unsere eigenen Gedanken hören können. Je mehr wir uns in die Arbeit mit den Händen vertiefen, desto mehr Freiheit haben wir innerlich, Gefühle zu sortieren und zu verarbeiten. Heute wende ich mich der Gartenarbeit zu, wenn ich mich beruhigen und mental entspannen möchte. Das Geflecht widerstreitender Gedanken beruhigt und klärt sich mit jedem vollen Eimer. Ideen, die im Untergrund schlummerten, kommen an die Oberfläche, und Gedanken, die bis dahin kaum ausgebildet waren, verknüpfen sich und nehmen unerwartet Gestalt an – als würde ich neben all der körperlichen Arbeit auch meine Seele beackern.
Heute weiß ich, dass bei der Gestaltung und Pflege eines Gartens existenzielle Prozesse beteiligt sein können. Daher frage ich mich: Welche Auswirkungen hat das Gärtnern auf uns? Wie kann es uns helfen, unseren Platz in der Welt zu finden oder wiederzufinden, wenn wir ihn verloren glauben? Gegenwärtig werden immer mehr Menschen von Depressionen, Ängsten und anderen psychischen Erkrankungen heimgesucht; unsere allgemeine Lebensweise wird zunehmend urban und technologieabhängig, daher ist es vielleicht wichtiger denn je, die vielfältigen Interaktionsprozesse zwischen unserer Psyche und dem Garten zu verstehen.[4]
Bereits in der Antike wurde die regenerative Wirkung des Gartens erkannt. In zahlreichen Ländern auf der ganzen Welt gehört das Gärtnern heute zu den zehn beliebtesten Hobbys. Die Pflege eines Gartens ist im eigentlichen Sinn eine fürsorgliche Tätigkeit, und für viele Menschen gehört seine Bewirtschaftung neben Kindern und Familie zu den wichtigsten Dingen im Leben. Natürlich gibt es auch diejenigen, für die Gartenarbeit eine lästige Pflicht ist und die immer lieber etwas anderes machen würden. Die Kombination von Bewegung im Freien und einer alle Sinne umfassenden Aktivität wird von vielen als beruhigend und zugleich belebend anerkannt. Auch wenn andere Bewegungsformen im Freien und wiederum andere kreative Aktivitäten sich ebenfalls positiv auswirken können, ist die enge Beziehung, die bei der Gartenarbeit zu den Pflanzen und dem Erdreich entsteht, etwas ganz Besonderes. Unsere Beziehung zur Natur wirkt sich auf unterschiedlichen Ebenen aus. Manchmal sind wir ganz davon erfüllt, voll präsent und erfassen ihre Auswirkungen; aber diese Beziehung wirkt auch langsam und unbewusst auf uns ein, und zwar auf eine Weise, die besonders für Menschen hilfreich sein kann, die unter Traumata, Krankheit und Verlust leiden.
William Wordsworth erforschte vielleicht intensiver als jeder andere den Einfluss der Natur auf unsere Gemütsverfassung. Er war hinsichtlich unserer seelischen Befindlichkeit sehr weitsichtig, und aufgrund seiner Fähigkeit, sich auf das Unterbewusstsein einzustimmen, wird er manchmal als ein Vorläufer des psychoanalytischen Denkens angesehen.[5] Instinktiv verstand Wordsworth – und die moderne Neurowissenschaft bestätigt das –, dass unsere Sinneswahrnehmungen nicht passiv aufgezeichnet werden, sondern dass wir Erfahrungen konstruieren, während wir sie erleben.[6] Wie er es ausdrückte, »halb erschaffen« wir die Welt um uns herum und nehmen sie zugleich auch sinnlich wahr. Die Natur belebt den Geist, und umgekehrt belebt der Geist die Natur. Wordsworth glaubte, dass eine so geartete lebendige Beziehung zur Natur eine Kraftquelle darstellt, die die gesunde Entwicklung des Geistes fördern kann. Und er wusste, was es bedeutet, Gärtner zu sein.
Für Wordsworth und seine Schwester Dorothy war die gemeinsame Arbeit im Garten ein wichtiger Akt der Wiedergutmachung.[7] Sie war eine Reaktion auf einen Verlust, denn die Eltern starben, als sie noch Kinder waren, und sie mussten eine lange und schmerzliche Phase der Trennung ertragen. Nachdem sie sich im Dove Cottage im Lake District niedergelassen hatten, wurde der gemeinsam angelegte Garten ein zentrales Element ihres Lebens und ermöglichte es ihnen, wieder ein inneres Heimatgefühl zu entwickeln. Sie zogen Gemüse, Heilkräuter und andere Nutzpflanzen. Den größeren, sich steil hügelaufwärts ziehenden Teil des Grundstücks gestalteten sie jedoch als naturnahen Landschaftsgarten. Dieser kleine »Winkel des Berggartens«, wie Wordsworth ihn bezeichnete, war voll von »Geschenken« – Wildblumen, Farnen und Moosen –, die er und Dorothy auf ihren Wanderungen gesammelt und wie Opfergaben dem heimischen Garten dargebracht hatten.[8]
In diesem Garten arbeitete Wordsworth oft an seinen Gedichten. Er beschreibt das Wesen der Poesie als ein »Gefühl, dessen man sich in Ruhe erinnert«.[9] Und das gilt auch für uns; wir müssen uns in der richtigen Umgebung befinden, um die notwendige Seelenruhe zu erlangen, starke oder aufwühlende Gefühle zu verarbeiten. Der Garten des Dove Cottage mit seiner Geborgenheit und seinen herrlichen Ausblicken vermittelte Wordsworth genau dies. Dort schrieb er viele seiner bedeutendsten Gedichte. Dort gewöhnte er sich an, im Versmaß die Wege abzuschreiten und dabei laut die Verse zu deklamieren – eine Gewohnheit, die er sein Leben lang beibehielt.[10] Der Garten stellte also sowohl einen physischen Rahmen für das Haus als auch einen Rahmen für die Seele dar – einen Rahmen, der umso mehr Bedeutung hatte, als er von seinen und Dorothys eigenen Händen geschaffen worden war.
Wordsworths Liebe zum Gartenbau ist ein weniger bekannter Aspekt seines Lebens, aber er blieb bis ins hohe Alter ein passionierter Gärtner.[11] Er legte mehrere Gärten an, auch einen geschützten Wintergarten für seine Gönnerin Lady Beaumont. Als therapeutisches Refugium gedacht, sollte er ihre Anfälle von Melancholie lindern. Der Sinn eines solchen Gartens war, schrieb er, »der Natur beizustehen und die Erkrankung zu beseitigen«.[12] In Gärten wirken die Heilkräfte der Natur in konzentrierter Dosis auf unsere Gefühle ein; doch auch wenn sie als Refugium bestimmt sind, befinden wir uns, wie Wordsworth schreibt, »inmitten der Realitäten des Lebens«. Sie umfassen sowohl die Schönheiten der Natur als auch den Kreislauf des Lebens und den Wechsel der Jahreszeiten. In anderen Worten: Gärten mögen uns Rast und Ruhe bieten, bringen uns aber auch mit den grundsätzlichen Aspekten des Lebens in Verbindung.
Der geschützte Raum des Gartens ermöglicht unserer inneren und unserer äußeren Welt, unabhängig von den Zwängen des Alltags nebeneinander zu existieren, als würde er uns von der Zeit entbinden. In diesem Sinn verschaffen uns Gärten einen Zwischenraum, der ein Begegnungsort unseres von Träumen durchdrungenen Selbst und der realen physischen Welt ist. Der Psychoanalytiker Donald Winnicott bezeichnete dieses Auflösen der Grenzen als einen »Übergangsbereich« von Erfahrungen.[13] Bis zu einem gewissen Grad war Winnicotts Konzeptualisierung von Übergangsprozessen von Wordsworths Auffassung beeinflusst, dass wir der Welt in einer Kombination von Wahrnehmung und Imagination begegnen.
Winnicott war auch Kinderarzt, und seine Theorie bezieht sich auf die Beziehung des Kindes zur Familie und des Babys zur Mutter. Er betonte, dass ein Baby nur aufgrund seiner Beziehung zu einer Betreuungsperson existieren kann. Wenn wir Mutter und Kind von außen betrachten, ist es leicht, sie als zwei getrennte Wesen zu unterscheiden, aber die subjektive Erfahrung jedes Einzelnen ist nicht so eindeutig. Die Beziehung umfasst einen wichtigen Überlappungs- oder Zwischenbereich, in dem die Mutter die Gefühle, die das Baby äußert, wahrnimmt, und das Baby wiederum noch nicht die physischen Grenzen zu seiner Mutter erfassen kann.[14]
So wie es kein Baby ohne einen Betreuer geben kann, so wenig kann es einen Garten ohne einen Gärtner geben. Der Garten ist immer Ausdruck der Seele eines Menschen und das Ergebnis seiner Pflege. Auch bei der Gartenpflege lässt sich nicht scharf voneinander trennen, was »Ich« und »Nicht-Ich« ist. Wie können wir unterscheiden, was die Natur bereitgestellt und was wir selbst beigetragen haben, wenn wir unsere Arbeit betrachten? Dies ist selbst während der Arbeit nicht immer klar. Manchmal, wenn ich ganz in der Gartenarbeit aufgehe, kommt in mir ein Gefühl auf, dass ich ein Teil davon bin und es ein Teil von mir ist. Die Natur wirkt in mir und durch mich.
Der Garten verkörpert einen Übergangsraum, stellt einen Zwischenbereich zwischen dem Haus und der umgebenden Landschaft dar. In ihm überschneiden sich die wilde und die kultivierte Natur, und wenn der Gärtner in der Erde wühlt, widerspricht das nicht den Träumen vom Paradies oder den kultivierten Idealen von Raffinesse und Schönheit. Der Garten ist ein Ort, an dem diese Gegensätze zusammenkommen – vielleicht der einzige Ort, an dem sie so ungehindert zusammenkommen können.
Donald Winnicott glaubte, dass das Spiel grundsätzlich befriedigend sei; er betonte jedoch, dass wir uns, um in eine imaginäre Welt einzutreten, sicher und frei von Kontrolle fühlen müssen.[15] Unter Verwendung einer seiner bekannten Paradoxien griff er diese Erfahrung auf und verwies darauf, wie wichtig es für das Kind sei, die Fähigkeit zu entwickeln, im Beisein der Mutter allein zu sein.[16] Bei meiner Gartenarbeit habe ich oft das Gefühl, in ein Spiel vertieft zu sein – als befände ich mich im geschützten Raum des Gartens in einer Gesellschaft, die es mir ermöglicht, allein zu sein und in meine eigene Welt einzutauchen. In der psychologischen Forschung wird zunehmend die Bedeutung der Tagträume und Spiele für die seelische Gesundheit hervorgehoben, und dieser Nutzen besteht auch über die Kindheit hinaus.
Der emotionale und körperliche Einsatz bei der Gartenarbeit durchwirkt mit der Zeit immer mehr unser Identitätsgefühl und kann so auch zu einem schützenden Teil unserer Identität werden, der uns auffängt, wenn es wirklich schwer wird. Doch in dem Maß, wie das traditionelle Muster einer verwurzelten Beziehung zur Scholle verloren gegangen ist, haben wir auch aus den Augen verloren, welche potenziell stabilisierenden Auswirkungen die Bindung an ein Stück Land auf uns haben kann.
Der Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby leistete in den 1960er-Jahren Pionierarbeit auf dem Gebiet der Bindungstheorie, über die heute umfangreich geforscht wird.[17] Für Bowlby war die Bindung der Grundstein der Humanpsychologie. Seine Leidenschaft für die Natur inspirierte die Entwicklung seiner Theorie. Er beschrieb, wie Vögel Jahr für Jahr denselben Ort zum Nestbau aufsuchen, oft in der Nähe ihres Geburtsorts, und dass Tiere nicht aufs Geratewohl umherstreifen, wie oft angenommen wird, sondern ein Heimatrevier rund um ihr Lager oder ihren Bau besetzen.[18] In diesem Sinn schrieb er, dass die Umgebung jedes Menschen einzigartig für ihn sei.
Bindung an einen Ort und Bindung an einen Menschen haben einen gemeinsamen entwicklungsgeschichtlichen Weg, und ihre Einmaligkeit ist für beides von zentraler Bedeutung.[19] Die Ernährung eines Säuglings allein reicht nicht aus, um Bindung herzustellen, denn wir sind biologisch so programmiert, dass die Besonderheit von Gerüchen, Texturen und Geräuschen sowie angenehme Gefühle Bindung herstellen. Auch Orte rufen Gefühle hervor, und Naturschauplätze sind besonders reich an Sinnesfreuden. Wir sind heute immer häufiger von rein funktionalen Orten umgeben, denen es an Charakter und Individualität mangelt, wie zum Beispiel Supermärkten oder Einkaufszentren. Sie versorgen uns mit Lebensmitteln und anderen nützlichen Dingen. Wir entwickeln ihnen gegenüber jedoch keine liebevollen Bindungen; tatsächlich wirken sie oft sogar zutiefst beunruhigend auf uns. Deshalb rückt für uns die Vorstellung eines Ortes immer mehr in den Hintergrund, und die Interaktion mit ihm ist, falls überhaupt vorhanden, nur vorübergehend; jedenfalls stellt sie keine lebendige Beziehung von Dauer dar.
Im Zentrum von Bowlbys Theorie steht die Annahme, dass die Mutter der allerwichtigste Bezugspunkt für das Kind ist. Kinder suchen ihre schützenden Arme, wenn sie Angst haben, müde oder wütend sind. Dieser »sichere Hafen« wird nach Bowlby zur »sicheren Basis« durch wiederholte kurze Erfahrungen von Trennung und Verlust, denen Wiedervereinigung und Erholung folgen. Wenn ein Sicherheitsgefühl besteht, fühlt sich das Kind ermutigt, seine Umgebung zu erforschen; es verliert die Mutter aber als Rückzugsort nie ganz aus den Augen.
Das Spielen im Freien ist heute für Kinder leider in den Hintergrund getreten. Ursprünglich stellten Parkanlagen und Gärten einen wichtigen Rahmen für fantasievolles und erforschendes Spielen dar. Im Gebüsch Unterschlüpfe als »erwachsenenfreie Zone« zu bauen ist eine Möglichkeit, zukünftige Unabhängigkeit zu erproben, und dies ist auch von emotionaler Bedeutung. Untersuchungen zeigen, dass Kinder, wenn sie wütend sind, instinktiv ihre »speziellen« Orte als sicheren Hafen aufsuchen. Dort fühlen sie sich geschützt, während ihre aufgewühlten Gefühle abklingen.[20]
Bindung und Verlust gehören zusammen, sagt Bowlby. Wir sind nicht dafür gerüstet, Bindungen zu trennen; wir sind dafür gerüstet, die Wiedervereinigung anzustreben. Gerade die Stärke unseres Bindungssystems macht es so schmerzhaft und schwer, uns von einem Verlust zu erholen. Wir besitzen zwar eine starke angeborene Fähigkeit, Bindungen einzugehen, aber wir sind biologisch nicht darauf programmiert, mit Bindungen umzugehen, die gebrochen werden, und das bedeutet, dass wir Trauer durch Erfahrung kennenlernen müssen.
Zur Bewältigung von Verlust müssen wir einen sicheren Hafen finden – oder wiederfinden – und den Trost und das Mitleid der anderen spüren. Für Wordsworth, der als Kind einen schmerzlichen Verlust erlitten hatte, waren die sanften Seiten der Natur auf eine tröstende, mitfühlende Art präsent. Darauf spielt die Psychoanalytikerin Melanie Klein in einer ihrer Schriften über das Trauern an, wenn sie schreibt: »Der Dichter erzählt uns, die Natur trauert mit den Trauernden.«[21] Und weiter zeigt sie uns, dass wir ein Gefühl für das Gute in der Welt und in uns selbst wiedererlangen müssen, wenn wir aus dem Stadium der Trauer wiederauftauchen wollen.
Wenn ein sehr nahestehender Mensch stirbt, ist es, als stürbe auch ein Teil von uns. Wir wollen diese Nähe festhalten und unseren emotionalen Schmerz ausschalten. Doch dann kommen wir an den Punkt, an dem wir uns fragen: Wie werden wir wieder lebendig? Wenn wir eine Gartenfläche bearbeiten, Pflanzen aufziehen und pflegen, sind wir ständig mit Verschwinden und Wiederkehr konfrontiert. Der natürliche Kreislauf von Wachstum und Verfall hilft uns, Trauer als Teil des Lebenskreislaufs zu sehen und zu verstehen, dass ein ewiger Winter über uns hereinbräche, wenn wir unfähig wären zu trauern.
Rituale und andere symbolische Handlungen ermöglichen uns, der Erfahrung einen Sinn zu geben. In der profanen, vom Konsumdenken geprägten Welt, in der wir heute leben, haben wir jedoch die Verbindung zu traditionellen Ritualen und Riten verloren, die uns helfen könnten, unseren Lebensweg zu finden. Auch Gärtnern kann eine Art von Ritual sein. Es verwandelt die äußere Realität und schafft Schönheit um uns herum, aber es wirkt durch seine symbolische Bedeutung auch in uns. Der Garten bringt uns mit Metaphern in Kontakt, die die menschliche Psyche seit Jahrtausenden tief greifend geprägt haben – so tief, dass sie in unserem Denken fast verborgen sind.[22]
Beim Gärtnern treffen zwei kreative Energien aufeinander – die Kreativität des Menschen und die Kreativität der Natur. Hier überschneiden sich das Ich und das Nicht-Ich – das, was wir uns vorstellen, und das, was die Umwelt uns an Arbeit überträgt. Wir schlagen also eine Brücke über die Kluft zwischen unseren Träumen und dem Boden unter unseren Füßen und wissen, dass wir die Kräfte von Tod und Verderben zwar nicht aufhalten, ihnen aber zumindest trotzen können.
Irgendwo in den Tiefen meines Gedächtnisses verbarg sich eine Geschichte, die ich wohl als Kind gehört hatte und die beim Schreiben dieses Buchs wiederauftauchte. Es handelt sich um ein klassisches Märchen, in dem es um einen König, seine liebliche Tochter und viele um ihre Hand anhaltende Freier geht. Der König beschließt, die Freier loszuwerden, und stellt ihnen eine unerfüllbare Aufgabe. Er verkündet, dass derjenige seine Tochter zur Frau bekäme, der ihm einen einzigartigen Gegenstand beschaffen würde – etwas Besonderes, völlig Unbekanntes. Nur er dürfe diesen Gegenstand als Erstes erblicken. Die Freier machen sich also auf den Weg, reisen in entlegene Länder, an fremde Orte und suchen den Preis, der ihnen den Erfolg sichern soll. Sie kehren mit ungewöhnlichen, neuartigen Geschenken zurück, auf die sie selbst noch keinen Blick geworfen haben. So sorgfältig verpackt, so außergewöhnlich ihre Fundstücke auch sind – immer hat ein menschliches Auge sie schon gesehen. Irgendjemand hat den schönen Gegenstand entweder hergestellt oder gefunden, wie den Edelstein aus der tiefsten Diamantenmine, das seltenste und kostbarste aller Geschenke.
Der Gärtner des Königs hat einen Sohn, der die Prinzessin heimlich liebt und die Aufgabe auf eine andere, naturgemäße Weise interpretiert. Die Bäume um das Schloss biegen sich unter der Last der vielen Nüsse. Der junge Mann überreicht also dem König eine Nuss und einen Nussknacker. Der König ist irritiert, dass er etwas so Gewöhnliches wie eine Nuss geschenkt bekommt. Doch dann erklärt der Gärtnersohn, dass der König, wenn er die Nuss aufbreche, etwas sehe, was noch keine Menschenseele vor ihm gesehen habe. Der König kommt nicht umhin, sein Versprechen einzulösen, und so ist es, wie in jedem guten Märchen, eine Geschichte vom Aufstieg eines Armen und der Vereinigung von Liebenden. Aber es geht auch darum, wie sich die Wunder der Natur uns offenbaren, wenn wir nicht über sie hinwegsehen. Zudem ist es ein Märchen über die Selbstkompetenz des Menschen, weil die Natur allen zugänglich ist.
Gäbe es keinen Verlust in der Welt, wären wir nicht motiviert, etwas zu erschaffen. Dir Psychoanalytikerin Hanna Segal drückt es folgendermaßen aus: »Wenn die Welt in uns zerstört wird, wenn sie tot und lieblos ist, wenn unsere Lieben vernichtet sind und wir selbst in hilfloser Verzweiflung, müssen wir unsere Welt in allen Teilen neu erschaffen, die Teile sammeln, den toten Fragmenten Leben einhauchen und das Leben neu erschaffen.«[23]
Beim Gärtnern geht es darum, Leben in Gang zu setzen. Samen, toten Fragmenten gleich, helfen uns, die Welt neu zu erschaffen. Es ist genau dieses Neue, das den Garten so unwiderstehlich macht. Er ist ein Ort, wo das Leben endlos erneuert und umgestaltet wird – ein Ort, an dessen Anfängen wir teilhaben und an dessen Gestaltung wir mitwirken können. Sogar der bescheidene Kartoffelacker bietet diese Möglichkeit, denn beim Wenden der aufgehäuften Erde wird ein Kartoffelhaufen ans Licht gebracht, den noch niemand zuvor gesehen hat.
Wer hätt gedacht, mein Herz, verdorrt?
Würd wieder grün? Ganz unter Grund geronnen
War’s schon
George Herbert (1593–1633)[24]
Schneeglöckchen sind das erste Zeichen für neues Leben in unserem Garten, wenn der Winter seinen Höhepunkt überschritten hat. Ihre grünen Triebe tasten sich aus der dunklen Erde empor, und ihre einfachen weißen Blüten weisen unmissverständlich auf einen Neuanfang hin.
Jedes Jahr im Februar, bevor die Schneeglöckchen wieder absterben, vereinzeln wir einige von ihnen und pflanzen sie um. Einen Großteil des Jahres sind sie unsichtbar; sie wachsen und vermehren sich im Untergrund. Die Mäuse im Garten ernähren sich von anderen Blumenzwiebeln; sie lassen die Schneeglöckchen in Ruhe, sodass sich diese hemmungslos vermehren. Nicht nur ihre schiere Masse beeindruckt, sondern auch ihr Sinn für Vermächtnis. Die Legionen von Schneeglöckchen, die heute unseren Boden bedecken, stammen von ein paar Eimern voll Zwiebeln, die vor mehr als dreißig Jahren aus dem Garten von Toms Mutter verpflanzt wurden.
In der Pflanzenwelt finden Erneuerung und Regeneration auf natürliche Weise statt, die psychische Instandsetzung bei uns Menschen ist jedoch nicht so selbstverständlich. Obwohl dem Menschen ein natürlicher Drang zu Wachstum und Entwicklung innewohnt, funktioniert er nicht ohne Tücken. Bei Traumata und Verlusterfahrungen wirken viele unserer automatischen Reaktionen – zum Beispiel Vermeidungsverhalten, Erstarrung, Isolation und das Wiederkäuen negativer Gedanken – der Möglichkeit einer Genesung entgegen.
Bei Depressionen treten sich wiederholende Muster von angstbesetztem und zwanghaftem Denken auf, die einen Teufelskreis in Bewegung setzen. Mit solchen beherrschenden Gedanken versuchen wir den Dingen einen Sinn zu geben. Wenn wir aber schwerwiegende Probleme angehen, sind wir in einer Endlosschleife gefangen, die uns am Weiterkommen hindert. In Depressionen ist noch eine andere Schleife eingebaut: Wenn wir deprimiert sind, nehmen wir die Welt und uns selbst viel negativer wahr und interpretieren sie auch viel negativer. Dies wiederum nährt unsere schlechte Stimmung und verstärkt den Drang, uns zu isolieren. Und wenn wir uns selbst überlassen sind, führt uns die Psyche schnell in eine Abwärtsspirale.
Vor vielen Jahren hatte ich eine Patientin, die, lange bevor ich anfing, über die therapeutischen Auswirkungen der Gartenarbeit nachzudenken, einen Samen in meinen Kopf säte. Kay lebte mit ihren beiden Söhnen in einer Wohnung, zu der ein kleiner Garten gehörte. Sie litt unter wiederkehrenden depressiven Phasen, von denen einige schwerwiegend waren. Ihre Kindheit war von Gewalt und Vernachlässigung geprägt gewesen. Als Erwachsene hatte sie Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen; ihre Söhne hatte sie weitgehend allein erzogen. Die Teenagerjahre der Jungen verliefen sehr konfliktreich, und als die beiden rasch nacheinander das Haus verließen, verfiel Kay wieder in Depressionen. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren lebte sie wieder allein.
In ihrer Therapie wurde deutlich, dass sie viele negative Gefühle über sich selbst verinnerlicht hatte – Gefühle, die aus der Kindheit herrührten und die es ihr schwer machten, Gutes in ihrem Leben zuzulassen, weil sie tief in ihrem Inneren überzeugt war, Gutes nicht zu verdienen. Wenn etwas Gutes in ihr Leben trat, bekam sie nach einer gewissen Zeit Verlustängste. Infolgedessen sabotierte sie oft Beziehungen und andere Gelegenheiten, ihr Leben zu verändern, und nahm damit die Enttäuschungen vorweg, von denen sie dachte, dass sie, wie das Leben sie gelehrt hatte, unweigerlich folgen würden. Auf diese Weise kann die Depression zu einem sich selbst verstärkenden Zustand werden. Aus Angst, von Enttäuschungen in noch tiefere Abgründe gestoßen zu werden, erscheint es dann sicherer, nichts wachsen zu lassen und lieber keine Hoffnung zu wecken.
Auf der Rückseite von Kays Wohnung befand sich ein kleiner Garten, der im Laufe der Jahre von ihren Söhnen verwüstet worden war. Nun, da sie nicht mehr zu Hause wohnten, beschloss sie, die Fläche wieder für sich zu nutzen, und in den folgenden Monaten wurde ihr die Gartenarbeit zur Gewohnheit. Eines Tages sagte sie mir: »Das ist die einzige Zeit, in der ich spüre, dass ich gut bin.«[25] Ich fand diese Aussage bemerkenswert, einmal wegen der Entschiedenheit, mit der sie geäußert wurde, aber auch, weil es ihr so schwerfiel, sich selbst zu mögen.
Was meinte Kay also mit diesem Gefühl des Gutseins? Die Arbeit im Garten lenkte die Aufmerksamkeit nach außen und gab ihr einen geschützten Ort; beides war hilfreich für sie. Vor allem aber lieferte die Gartenarbeit eine lebensnahe Bestätigung dafür, dass die Welt nicht so schlecht war, dass auch sie nicht so schlecht war. Kay entdeckte, dass sie Dinge zum Wachsen bringen konnte. Gartenarbeit war zwar kein Heilmittel für ihre schon sehr lange währende Depression, aber sie half ihr, sich zu stabilisieren, und schenkte ihr einen dringend benötigten Impuls, ihr Selbstwertgefühl zu steigern.
Gärtnern findet oft keine besondere Wertschätzung, obwohl es ein kreativer Akt ist. Manchmal wird es als »nettes« Hobby oder als überflüssiger Luxus bagatellisiert. Oder es wird zur niederen Handarbeit degradiert. Der Ursprung dieser gegensätzlichen Betrachtungsweise lässt sich auf die Bibel zurückführen. Der Garten Eden ist fruchtbar und schön, und Adam und Eva leben in einem Zustand der Vollkommenheit, bis sie aus diesem Paradies vertrieben werden und sich auf hartem Boden abrackern müssen. Der Garten steht also einerseits für das Paradies und andererseits für die harte Arbeit als Form der Bestrafung. Gibt es jedoch auch einen Weg dazwischen? Wo finden wir eine Beschreibung der Gartenarbeit als sinnstiftende Tätigkeit?
Die Geschichte des heiligen Maurilius, Bischof von Angers Anfang des 5. Jahrhunderts, trägt zur Beantwortung dieser Frage bei.[26] Eines Tages, während Maurilius die Messe zelebrierte, betrat eine Frau die Kirche und flehte ihn an, sie zu begleiten und ihrem sterbenden Sohn das heilige Sakrament zu spenden. Maurilius erkannte nicht die Dringlichkeit der Situation und fuhr mit der Messe fort. Noch bevor er sie beendet hatte, war der Junge tot. Von Schuldgefühlen und dem Empfinden der eigenen Unwürdigkeit gepeinigt, verließ der Bischof heimlich Angers und bestieg ein Schiff nach England. Auf der Reise fielen ihm die Schlüssel zur Kathedrale ins Meer; Maurilius nahm dies als Zeichen, dass er nicht zurückkehren sollte. In England arbeitete er dann als Gärtner für einen hochstehenden Adligen. Unterdessen schickten die Einwohner von Angers einen Suchtrupp nach ihrem geliebten Bischof aus. Nach sieben Jahren gelangten sie schließlich zu dem Herrenhaus des Adligen und trafen auf Maurilius, der gerade aus dem Garten kam, um seinem Herrn Obst und Gemüse zu bringen. Sie begrüßten ihn herzlich, und Maurilius war erstaunt, als sie ihm die verlorenen Schlüssel übergaben, die sie auf ihrer Reise wiedergefunden hatten.
Als Maurilius erkannte, dass ihm nun vergeben war, nahm er sein Leben als Bischof wieder auf und wurde später heiliggesprochen. Auf Wandgemälden in der Kathedrale von Angers und in einem erhaltenen Fragment eines Wandteppichs ist dargestellt, wie er, von Obstbäumen und Blumen umgeben, den Garten des englischen Adeligen umgräbt und ihm die Früchte seiner Arbeit darbietet.
Ich interpretiere die Geschichte von Maurilius folgendermaßen: Reue und Schuldgefühle, die er nach dem Tod des Jungen empfand, erschütterten sein Identitätsgefühl und lösten eine Art depressiven Zusammenbruch aus. Über geraume Zeit versuchte er sich mit dem zu versöhnen, was er als Versagen in seiner Fürsorgepflicht betrachtete. Mithilfe der Gartenarbeit fand er einen Weg, eine Art Wiedergutmachung für seine Schuld und sein Gefühl der Unwürdigkeit zu leisten. Am Ende erlangte er sein Selbstwertgefühl zurück (was in der Geschichte durch die Rückgabe der Schlüssel versinnbildlicht wird). So konnte er in seine Gemeinde zurückkehren und seine frühere Funktion wieder aufnehmen.
Nach dem Tod von Maurilius interpretierten Religionsgelehrte die sieben Jahre Gartenarbeit jedoch als Beispiel, wie Sünden gesühnt werden können, indem wir »unsere Arbeit im Geiste der Buße verrichten«.[27] Für mich verweist die Geschichte des Maurilius jedoch nicht auf Buße oder Selbstbestrafung. Er floh nicht wie die frühchristlichen Mönche in die Wüste und kultivierte den harten Boden; er ging auch nicht in ein einsames Exil wie die Heiligen Phokas und Fiacrius, die Schutzheiligen der Gärtner. Stattdessen entschied er sich dafür, Blumen und Früchte an einem weltlichen Ort anzubauen. Vielleicht fand er durch die Arbeit im Garten des Adligen eine Beziehung zu seinem Gott, die nicht ein Übermaß an Selbstbestrafung verlangte, sondern ihm auf eine gütigere Weise eine zweite Chance bot – eine Chance, »wiedergutzumachen« und schließlich seine Rolle in der Welt zurückzugewinnen. Mir gefällt der Gedanke, dass es sich um eine frühe Dokumentation einer praktischen Umsetzung des therapeutischen Gartenbaus handelt, und ich sehe darin eine Allegorie des heilenden Potenzials der Gartenarbeit.
Im folgenden Jahrhundert war es der heilige Benedikt mit seinem Regelkatalog für das monastische Leben, der die Gartenarbeit offiziell aus dem Reich der Buße entließ und die Heiligkeit der körperlichen Arbeit pries.[28] Benedikts Überlegungen waren revolutionär, als er sie zum ersten Mal vorbrachte – nicht nur innerhalb der Kirche, denn bis dahin wurde die Bodenbearbeitung mit Leibeigenschaft und einem drangsalierten Bauernstand verbunden. Für die Benediktiner war die Gartenarbeit ein Ausgleich, und niemand innerhalb des Klosters war zu hochstehend oder zu gelehrt, um nicht einen Teil des Tages im Garten zu arbeiten. In Benedikts Lehre standen Fürsorge und Ehrfurcht im Mittelpunkt, die Werkzeuge des Gärtners sollten mit dem gleichen Respekt behandelt werden wie die Gefäße des Altars. Es war eine Lebensweise, in der Körper, Geist und Seele im Gleichgewicht gehalten wurden und in der das tugendhafte Leben Ausdruck unserer Vernetzung mit der Natur war.
Nach dem Untergang des Römischen Reiches brachen dunkle Zeiten über Europa herein, eine landwirtschaftliche Neuorientierung war dringend erforderlich. Unter römischer Herrschaft waren große Landgüter, sogenannte Latifundien, entstanden, die mithilfe von Sklaven bewirtschaftet worden waren. Der Boden war bis zur Erschöpfung ausgebeutet worden. Als der Orden des heiligen Benedikt an Größe und Einfluss zunahm, übernahm er einige dieser verlassenen Landgüter, ließ sie zu Klöstern ausbauen und sorgte für die Regeneration des Bodens. Die von den Benediktinern geleistete Aufbauarbeit war sowohl materieller als auch spiritueller Natur. Beides war untrennbar miteinander verbunden, denn der heilige Benedikt glaubte, dass das geistige Leben auf eine Beziehung mit der Erde gegründet werden müsste.
Das typische Kloster besaß Weinberge, Obstgärten und Parzellen für den Anbau von Gemüse, Blumen und Heilkräutern. Es gab auch umfriedete Gärten, die als Ruheräume für die Meditation und zur Erholung von Krankheiten dienten. Der Bericht des heiligen Bernhard über die Hospizgärten der Abtei von Clairvaux in Frankreich stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist eine der frühesten Beschreibungen eines therapeutischen Gartens.[29] »Der Kranke sitzt im grünen Gras«, schrieb er, und »zur Linderung seiner Schmerzen zieht der Duft von allerlei Gras in seine Nasenlöcher … das liebliche Grün von Kräutern und Bäumen nährt seine Augen … der Chor der bunten Vögel liebkost seine Ohren … die Erde atmet vor Fruchtbarkeit, und der Kranke selbst trinkt mit Augen, Ohren und Nasenlöchern die Freuden der Farben, Lieder und Düfte.« Es ist eine beeindruckend sinnliche Beschreibung dessen, wie Kraft aus der Schönheit der Natur geschöpft wird.[30]
Die im 12. Jahrhundert lebende Äbtissin Hildegard von Bingen führte die benediktinische Lehre weiter. Als Komponistin und Theologin sowie als Heilkräuterkundige hoch geachtet, entwickelte sie ihre eigene Philosophie, die auf der Verbindung zwischen dem menschlichen Geist und der Wachstumskraft der Erde basierte – sie bezeichnete sie als Viriditas.[31] Wie die Quelle eines Flusses ist Viriditas die Quelle der Energie, von der letztlich alle anderen Lebensformen abhängen. Das Wort ist eine Verbindung aus dem Lateinischen für Grün und für Wahrheit. Viriditas, die Grünkraft, ist die Quelle von Güte und Gesundheit, im Gegensatz zu Ariditas, der Trockenheit, die Hildegard als ihr lebensfeindliches Gegenteil betrachtete.
Die Grünkraft ist sowohl wörtlich als auch symbolisch zu verstehen. Sie bezieht sich sowohl auf das Erblühen der Natur als auch auf die Lebendigkeit des menschlichen Geistes. Indem Hildegard »Grün« in den Mittelpunkt ihres Denkens stellte, verwies sie darauf, dass der Mensch nur gedeihen kann, wenn die Natur gedeiht. Sie erkannte, dass es eine zwangsläufige Verbindung zwischen der Gesundheit des Planeten und der körperlichen und geistigen Gesundheit des Menschen gibt, weshalb sie zunehmend als Vorreiterin der modernen ökologischen Bewegung angesehen wird.
In einem lichtdurchfluteten und von der Energie des neuen Wachstums durchdrungenen Garten ist der grüne Puls des Lebens am stärksten zu spüren. Ob wir uns die natürliche Wachstumskraft im Sinne von Gott, Mutter Erde, Biologie oder einer Mischung aus diesen Begriffen vorstellen – immer ist eine lebendige Beziehung am Werk. Gärtnern ist eine Schnittstelle, an der die Natur unserem Wunsch nach Wiedergutmachung Leben einhaucht, sei es durch die Umwandlung von Abfall in nährstoffreichen Kompost, die Unterstützung der Bestäubung bei der Vermehrung oder die Verschönerung der Erde. Zur Gartenarbeit gehört das Bemühen, Schädlinge und Unkraut in Schach zu halten, um Nahrung in all ihren verschiedenen Formen hervorzubringen – Grün in allen Abstufungen, Farbe und Schönheit und alle Früchte der Erde.
Die emotionale Bedeutung der Wiedergutmachung wird in der heutigen Welt eher übersehen, aber sie spielt eine wichtige Rolle für unsere psychische Gesundheit.[32] Im Gegensatz zur religiösen Absolution ist die psychoanalytische Sichtweise der Wiedergutmachung nicht schwarz-weiß. Im Gegenteil: Wie ein kontinuierlich arbeitender Gärtner müssen wir verschiedene Formen der emotionalen Wiederherstellung und Instandsetzung im Laufe des Lebens immer wie-der überarbeiten. Melanie Klein erkannte dies zum ersten Mal, als sie kleine Kinder beim Spielen beobachtete. Sie war beeindruckt, wie oft in ihren Zeichnungen und imaginären Spielen destruktive Impulse zum Ausdruck gebracht oder erprobt wurden, auf die dann Wiedergutmachungsakte folgten, in denen sie Liebe und Besorgnis ausdrückten, und dass dieser ganze Zyklus intensiv mit Bedeutung aufgeladen war.
Klein veranschaulichte ihr Denken anhand einer Betrachtung von Maurice Ravels Oper L’enfant et les sortilèges (Das Kind und der Zauberspuk).[33] Die Handlung, die auf einer Geschichte der Schriftstellerin Colette basiert, beginnt damit, dass ein kleiner Junge von seiner Mutter auf sein Zimmer geschickt wird, weil er sich weigert, seine Hausaufgaben zu machen. In seiner Verbannung bekommt er einen Tobsuchtsanfall; er verwüstet sein Zimmer und fällt über seine Spielsachen und Haustiere her. Doch mit einem Mal erwacht das Zimmer zum Leben, und das Kind fühlt sich bedroht und hat Angst.
Zwei Katzen erscheinen und bringen den Jungen in den Garten, wo ein Baum, an dem er am Tag zuvor die Rinde verletzt hatte, vor Schmerzen stöhnt. Der Junge empfindet Mitleid und legt seine Wange an den Baumstamm, wird aber von einer Libelle zur Rede gestellt, deren Partner er kürzlich gefangen und getötet hat. Es wird ihm langsam bewusst, dass die Insekten und Tiere im Garten einander lieben. Als einige der Tiere, die er zuvor verletzt hatte, anfangen, sich zu rächen, und ihn beißen, bricht ein Kampf aus. Bei der Auseinandersetzung wird ein Eichhörnchen verletzt, und der Junge nimmt instinktiv sein Halstuch ab, um seine verletzte Pfote zu verbinden. Mit diesem Akt der Fürsorge verwandelt sich die Welt um ihn herum. Plötzlich ist der Garten kein feindlicher Ort mehr, die Tiere loben singend seine Güte und helfen ihm zurück ins Haus, um mit seiner Mutter wiedervereint zu werden. Wie Klein schrieb: »Er ist in die humane Welt der Hilfsbereitschaft zurückgekehrt.«
Kinder brauchen eine positive Bestätigung ihrer selbst in der sie umgebenden Welt, und sie müssen an ihre Fähigkeit zu lieben glauben. Erwachsene sind nicht anders. Aber wenn wir in eine Spirale aus Wut und Groll geraten, wie der kleine Junge in Ravels Oper, fällt es uns möglicherweise schwer, unseren Unmut auf sich beruhen zu lassen, besonders wenn Stolz mit im Spiel ist. Was schließlich dazu führt, dass sich diese Gefühle verlagern und eine Rückkehr zu fürsorglicheren Impulsen bewirkt, ist eine Art Rätsel, und es vollzieht sich manchmal über Umwege. Die Umgebung des Gartens machte dem kleinen Jungen die Verletzlichkeit und Verbundenheit des Lebens bewusst und half ihm, Mitgefühl zu entwickeln. Daraufhin konnte er sich wieder mit seiner Mutter verbinden. Die Wiedererlangung von großherzigen und fürsorglichen Gefühlen setzt eine positive Entwicklung in Gang, die anstelle von Wut und Verzweiflung Hoffnung aufkommen lässt. Dieser Aspekt unserer inneren Entwicklung steht im Gegensatz zum Lebenskreislauf in der Natur, bei dem auf Zerstörung und Verfall Wachstum und Erneuerung folgen.
Pflanzen sind viel weniger fordernd und einschüchternd als Menschen, und die Arbeit mit ihnen kann uns helfen, uns wieder mit Leben spendenden Impulsen zu verbinden. Für meine Patientin Kay war Gartenarbeit eine Möglichkeit, einer fürsorglichen Seite Ausdruck zu verleihen, die von der Unberechenbarkeit und Komplexität menschlicher Beziehungen nicht zunichtegemacht wurde. Wenn wir uns in einem Garten aufhalten, nehmen wir Hintergrundgeräusche weniger wahr. Hier können wir den Gedanken und Urteilen anderer Menschen entfliehen und fühlen uns vielleicht freier, uns selbst mit positiven Gefühlen wahrzunehmen. Diese Befreiung vom zwischenmenschlichen Lebensbereich birgt paradoxerweise die Chance, sich wieder mit unserer Menschlichkeit zu verbinden.
Wie bei der Kindererziehung haben wir auch im Garten nie alles unter Kontrolle. Der Gärtner kann nicht viel mehr tun, als gute Wachstumsbedingungen zu schaffen. Alles andere hängt von der Lebenskraft der Pflanzen ab, die in ihrem eigenen Tempo und auf ihre eigene Weise wachsen. Das heißt nicht, dass der Gärtner eine Laisser-faire-Haltung einnehmen darf, denn Pflege erfordert eine besondere Form der Aufmerksamkeit – ein Einfühlungsvermögen, bei dem es darum geht, auf die kleinen Details zu achten. Pflanzen reagieren sehr empfindlich auf ihre Umwelt, und natürlich sind komplexe Variablen im Spiel – Temperatur, Wind, Regen, Sonne und Schädlinge. Viele Pflanzen halten trotzdem durch, aber der Gärtner muss ihnen genug Aufmerksamkeit schenken; er muss die ersten Anzeichen von schlechter Gesundheit bemerken und herausfinden, was sie brauchen, um zu gedeihen.
Wenn wir den Boden kultivieren, entwickeln wir auch eine fürsorgliche Haltung gegenüber der Welt. Diese Haltung wird gegenwärtig meistens nicht gefördert. Die Kultur des »Ersetzens« statt des »Reparierens«, einhergehend mit fragmentierten sozialen Netzwerken und der Schnelllebigkeit des städtischen Lebens, hat zu einer die Fürsorglichkeit hintanstellenden Werteordnung geführt. Wir sind sogar so weit davon entfernt, die Fürsorge in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen, dass sie, wie die Umweltschützerin und Sozialaktivistin Naomi Klein bemerkte, zu einer »radikalen Idee« geworden ist.[34]
Es geht dabei nicht nur um Werte – in unserer heutigen Welt wirken viele Faktoren diesen Impulsen entgegen. Unsere Maschinen sind viel zu komplex geworden, als dass die meisten von uns auch nur daran denken könnten, sie zu reparieren, und wir haben uns an das ständige Feedback und die »Likes« gewöhnt, die wir über unsere Smartphones und andere Geräte erhalten. Die langsameren Rhythmen der natürlichen Abläufe – nicht nur der Pflanzen, sondern auch unseres Körpers und unseres Geistes – werden abgewertet. Diese Rhythmen passen nicht zu der »Schnellreparatur«- Mentalität, die inzwischen so viele Bereiche des modernen Lebens beherrscht.
