Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Kurzgeschichten aus Familie und Alltag. Humoristische Betrachtungen des Lebens und dem, was es ausmacht.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für Solveig, Vigdis, Risto, Sinikka, Tinna und Riikka Wie immer.
Dem LüttLiv in Hamburg-Barmbek, dem Synonym für liebevolle Gastfreundlichkeit. Wo es den besten Kaffee der Stadt – ach was, der Welt – gibt.
Und, natürlich, für die Leserin und den Leser.
Paradies
Kettenköchin
Pauli
Angeln ist Silber, Schweigen ist Gold
Tipp 1: Leertaste
Messi mit e
Dialog im Dunkeln
Nachtgespräch
Ein Blesshuhn macht köwk
Gollum & Siri
Tipp 2: Eisbergsalat
Blitz-Rettung
Kleiner Feigling
Ich, Luther
Erniedrigt
O ´zapft is!
Trinkfreude
Tipp 3: Pfandflaschen I
Tupper
Klingeling
Klingeling II
Halloween
Tipp 4: Pfandflaschen II
Der Panther hieß nicht Huber
Herr K
.
Wunderheilung
Tipp 5: Zwiebeln schneiden
Wunderheilung reloaded
Handelsbeziehungen
Sitzpisser
Der Koch im Manne
Spieglein Spieglein
Tipp 6: Schluckauf
Knut
Voll peinlich
Tipp 7: Cola
Sanifair
Vom Partnertausch und anderen Muschis
Tipp 8: Abgekühlt
Danke, Vodafone
Schlangen sehen
Der Senf-Skandal
First man
Tipp 9: Plümper
Neulich in der Bäckerei Charmant
Mit Hut
Migrationsküche
Das Feierbiest
Wunder-Bar
Tipp 10: Reden. Reden. Reden
.
Mother´s Fine Coffee
Zugabe
Eine Träne
Türkenstolz
Die peste Mammi der weld
In unserer hektischen eiligen Welt mit ihrer ständigen Erreichbarkeit sind Rückzuggebiete wichtiger denn je. Orte, an denen man abschalten kann. Plätze, an denen die Seele baumeln darf. Kleine persönliche Paradiese.
Fragt man jemanden nach so einem Ort, kommt in der Regel eine Antwort irgendwo zwischen dem Ballermann, Kampen oder Tulum an der Riviera Maya in Mexiko, dem angeblich schönsten Strand der Welt. Je nach Kontostand, Flugangst oder Geselligkeit. Oft wird ein Fleckchen am Meer genannt, manchmal auch eine Kneipe, was beim Ballermann irgendwie dasselbe ist. Nur ein paar wenige nennen ihren Schreibtisch im Büro, den Küchentisch der Oma oder Platz 3, Block 2B, Osttribüne in der heimischen Fußballarena.
Noch viel weniger teilen meine Vorliebe.
Ich lasse meine Seele am liebsten auf dem Klo baumeln. Es ist nicht nur einer der wenigen Plätze, an denen, ganz anderes als in der Beziehung oder dem Büro, der Erfolg an der Scheiße bemessen wird, die man macht, sondern einer der letzten Zufluchtsorte, die in einer großen Familie bleiben. Wo sonst gibt es bei 5 Kindern noch einen Freiraum, an dem man ungestört nachdenken und seine Zeitung oder ein gutes Buch lesen kann? Die Toilette ist das letzte Fleckchen Erde, an den niemand kommt, um Rat und Geld (oder beides) einzufordern oder einem die letzte Entwicklung in 50667 Köln zu erzählen.
Mein Lieblingsklo ist nicht bei uns zu Hause, auch keine x-beliebige Bahnhofstoilette oder eines dieser geschmackvollen Badezimmer in einem englischen B&B. Wobei mit stark gemustertem hochflorigem Teppichboden ausgelegte WCs für Menschen mit hoher Ekelschwelle durchaus ein intensives Gefühlserlebnis für alle Sinne bieten können. Nein, ich liebe es, auf unserem Plumpsklo in Schweden zu sitzen.
Da kann ich nicht nur die Seele, sondern konstruktionsbedingt auch die Beine baumeln lassen und Käfern beim Graben zuzuschauen. Was für ein Frieden. Besonders, wenn ich ausreichend Mückenschutzmittel aufgetragen und das jährliche Wespennest entfernt habe.
Das Utedass, wie es dort heißt, ist ein heller freundlicher Ort mit zwei kunstvoll ausgesägten Löchern über großen Eimern, deren Entleerung in mühsam zu grabende Kuhlen im steinigen Waldboden olfaktorisch einen ganz eigenen Reiz hat und immer dem neusten Gast als Inauguration gestattet wird.
Zwei Löcher, für die, die es auch an stillen Örtchen gern gesellig haben. Einem Örtchen ohne Netzempfang, mit kleinen Gardinen vor dem Oberlicht, aus dem man zur Not wie Anton Svensson nach Miiichel oder Eeeemil rufen kann, falls man einmal festsitzt und Hilfe benötigt. In einem rostigen Korb liegen abgegriffene Frauenmagazine aus dem letzten Jahrzehnt, in den erstaunlicher Weise immer dasselbe steht wie in den aktuellen Ausgaben, mit deren Erwerb der weibliche Teil meiner Familie die Tankstellenpächter vor dem Fährhafen nach Dänemark am Leben erhält.
Auf einem wackeligen Bord steht ein Strauß frisch gepflückter Wiesenblumen in einer angestoßenen Kaffeekanne und an der Wand voller Wurmlöcher hängen lustige Bilder, vielleicht vom König oder der Bundeskanzlerin, und helfen beim Drücken oder vertreiben dem Gast die Zeit, falls ihm nicht der Sinn nach Lektüre ist. In der Ecke wartet ein Reisigbesen auf meine Frau oder darauf, dass eine schwedische Osterhexe auf ihm reitet und das fröhlich angeknabberte Handtuch beweist, dass hier Mäuse oder Mukla wohnen. Für die Nacht steht eine Laterne bereit, denn Strom gibt es nicht und wenn man allein im Urlaub ist, kann man die Tür auf lassen. Das ist das Schönste: Während einem ein lauer Luftzug um den Popo wehrt und glänzende dicke Brummer brummen, geht der Blick über das wogende Gras und Felsen voller Moos. Hin zum faluroten Haus mit den weißen Kanten unter dem blausten Himmel der Welt, an dem – träge wie die eigenen Gedanken – leuchtend weiße Schäfchenwolken mit Nils Holgersson auf seiner Gans um die Wette ziehen. Es duftet ein wenig nach den dutzenden Parfümproben aus den Modemagazinen und kräftig nach Sägespänen oder frisch gemähtem Rasen und ein letzter Hauch 95 Oktan von Statoil liegt in der Luft. Aus der Küche schwebt sanft der wundervolle Geruch von Kaffee oder der im Ofen langsam vor sich hin backenden Kanelbullarn (schwedischen Zimtküchlein) meiner Frau heran. Dazu erklingt leise das alte rostige Windspiel im knorrigen Apfelbaum. Die Kühe auf der Weide nebenan muhen im Takt.
Hummeln summen tief in den unzähligen Blüten wie im Duett mit dem Rauschen des Windes in der alten Eiche neben dem Schuppen. Man kann gar nicht anders, als von diesen sinnlichen Eindrücken in eine Art Trance versetzt zu werden und den Alltag zu vergessen.
Ich möchte nie wieder aufstehen.
Hier macht Verstopfung Spaß.
Einen ganz besonderen Reiz hat eine Nachtsitzung. Von der Laterne angelockte Fledermäuse oder große Falter heißen einen Willkommen und während man drückt, schweift der Blick zum überwältigenden Sternenhimmel oder folgt Reinecke Fuchs und Gevatter Dachs, die in gebührlichem Abstand über den Rasen schnüren. Nachtvögel schreien schrill und die Kühe stampfen und schnauben ein wenig furchtsam dumpf durch den Morast. Und über allem liegt der Duft der klaren schwedischen Nacht.
Jedenfalls am Anfang.
Und wenn es Winter ist und das Thermometer minus 20°C sagt. Dann verhindern die zugefrorenen Nasenhärchen, dass hinterher überhaupt was zu riechen ist. Auch vor Wespen und Mücken muss man dann übrigens keine Angst haben. Und selbst wenn der Schnee meterhoch liegt und durch das Nachthemd dringt: Was ist eine Erkältung gegen das Glücksgefühl, durch das Gestöber überhaupt den Weg zum Utedass gefunden zu haben? Ich werde zu Amundsen auf dem Weg zum Südpol, zu Michel, der Alfred durch den Schneesturm zum Arzt in Mariannelund schafft.
Ich pfeife auf Tulum.
Ich ahne, wo Astrid Lindgren ihre besten Ideen hatte.
Ich habe mein Paradies gefunden.
Ich bin Paradies-Oskar auf einer Kacktonne.
Ich bin glücklich.
Ich frage mich nur, wer das letzte Blatt Toilettenpapier verbraucht hat.
Bisher hatten wir das Koch-Talent unserer mittleren Tochter ihrem Platz in der Familie entsprechend auch mittig einsortiert. Irgendwo zwischen ihrem Großvater väterlicherseits, dessen legendäre spätachtundsechziger Schaschlikorgien mit trocknem Weißbrot und Rosentaler Kadarka noch heute Gesprächsstoff in den Plattenbausiedlungen des Hamburger Speckgürtels sind und dem Vater ihrer Mutter, der schon einmal zwanzig Minuten lang kochendes Wasser umrührt und auf Nachfrage erklärt, damit das Anbrennen verhindern zu wollen. Oder mittig auch unter ihren Geschwistern; zwischen dem älteren Bruder, der sich nach Jahren des bloßen Konsumierens endlich traut, eine in Gold aufzuwiegende Weihnachtsgans aus dem zarten Geschlecht derer von Demeter bei zu viel Oberhitze zu verbrennen und ihren kleinen Schwestern, die als Pfadfinderinnen eine gewisse Affinität zu einer Art Matschepampe aus Tofu, Käse und den sich langsam vom Kochgeschirr lösenden Anhaftungen unzähliger Großfahrten entwickelt haben.
Die Mitteltochter hatte bis vor kurzem nur ein Standardgericht, das trotz schmackhafter Variationen nicht den Schluss zuließ, dass sie meine frühere Aussage, es gäbe keine großen Köchinnen, sondern nur Köche, widerlegen könnte: Entweder bereitete sie Spaghetti mit weißer Sauce zu oder Spaghetti Carbonara. Manchmal auch weiße Schinkensauce mit Nudeln. Kredenzt je nach Grund für den akuten Anfall fürsorglicher Hausfraulichkeit an einer wunderbar gedeckten Tafel oder im Stehen in der Küche.
Letzteres, wenn das Kochen nicht einem inneren Antrieb entspringt, sondern eine elterliche Bitte darstellt. Anders sieht es aus, wenn sie ganz konkrete Gründe dafür hat, uns Eltern durch eine fettige Eiernudelspeise mit Speck und Sahne in einen pumperlrundzufriedenen Zustand zu versetzen, der dazu führt, dass unsere Denkfähigkeit durch das körperliche Abpumpen von Ressourcen aus dem Gehirn in den Verdauungsapparat merklich nachlässt. In diesen Momenten wird uns dann der wochenlang sicher in der Schultasche verwahrte Zettel des Lehrers (der mit dem Hinweis: Wichtige Information an die Eltern!) vorgelegt und wir erfahren eher unangenehme Neuigkeiten wie zum Beispiel den bereits morgen zu zahlenden Zuschuss zu einer Klassenfahrt, die ja heute nicht mehr in die schöne Holsteinische Schweiz, sondern nach Rom oder in eine andere ewig teure Stadt führen muss. Oder wir werden um Gefälligkeiten gebeten: Der Bund spannt gemütlich, man lehnt sich nudeldickesatt zurück, ein angenehmer Nachgeschmack von Pesto umschmeichelt den Gaumen und schon haben wir zugesagt, sie um Mitternacht zur Party auf den Kiez zu fahren oder ihr Geld zu leihen, obwohl sie das Taschengeld bis zu ihrem dreiundvierzigsten Geburtstag bereits in Stiefel, Topps oder den lokalen Pizzaservice investiert hat.
Manchmal sind es aber auch lediglich reine Beschwichtigungsessen. Sie können sich vorstellen, wie fettig die Mahlzeit und wie schön der Tisch an dem Tag gedeckt war, als sie es als eines der wenigen mir bekannten Mädchen fertig gebracht hatte, schon weit vor dem Erwerb des Führerscheins unser Auto kaputt zu fahren. Gut, ich war selbst ein wenig Schuld oder hatte zu großes Zutrauen in ihre Fahrkünste. Aber auf schwedischen Waldwegen hatte sie ihre Sache immer sehr gut gemacht, sich trotz 0,5km/h Durchschnittsgeschwindigkeit angeschnallt und nach Schulterblick & Co. vorschriftsmäßig geblinkt, wenn es hieß, um einen Frosch, eine tote Maus oder ein Schlagloch herumzufahren. Deshalb traute ich es ihr ohne weiteres zu, unseren Wagen in der Einfahrt nach Hinten zu versetzen, damit ich besser an unseren Briefkasten voller schöner Rechnungen gelangen konnte.
Nach der optischen Begutachtung der sicherheitsrelevanten Teile (Beleuchtung, Reifenprofil, Verbandskasten) konnte die Fahrt also direkt nach der Ölstandskontrolle, dem Anschnallen und der Überprüfung der Frisur beginnen. Ich blieb in der Nähe, denn die Strecke von 100 Zentimetern sollte nicht allzu lange dauern.
Sie lächelte mir noch einmal zu und gab kräftig, ausdauernd und geräuschvoll Gas. Dabei rührte sie noch etwas im Getriebe umher, dass es nur so knirschte. Als die stocktauben Nachbarn an die Fenster traten, hätte ich bereits stutzig werden sollen. Ich verkniff mir gerade mit hochgezogenen Augenbrauen eine launige Anmerkung (das hat die Mitteltochter nicht so gern), als sie abwinkte, den Rückwärtsgang und die Kupplung fand – und abschoss wie eine Rakete. Ihr Gesicht mit einem Ausdruck zwischen Verzweiflung und Erstaunen wischte an mir vorbei. Der geplante Meter verging wie im Fluge und tatsächlich hob der Wagen Sekunden später ab, denn sie hatte es geschafft – wie ist bedeutenden Physikern und mir bis heute ein Rätsel – auf den großen Feldsteinen, die rund um unser Haus liegen, zur Landung zu kommen.
Da hing sie dann, blass und das Kopfschütten des Automechanikers vorwegnehmend, der Tage später ratlos vor dem Schaden stand und fragte, wie man so etwas denn hinbekommen und ob er Fotos davon auf dem nächsten Treffen des „Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe e.V.“ verwenden dürfe. Wie gesagt: Das Essen an diesem Tage war besonders kalorienreich und der Tisch außergewöhnlich liebevoll gedeckt. Silberbesteck statt Plastik, Stoffservierten statt Zewa, Wein statt Wasser!
Neuerdings aber hat sich etwas geändert. So wie es inzwischen Frau Poletto, Sarah Wiener oder Antje Bröhl verstehen, sich im Küchendschungel gegen Tim Mälzer und Jamie Oliver zu behaupten, hat unsere Tochter ihre Bandbreite über Carbonara hinaus erweitert. Zunächst zwar nur für sich selbst, aber immerhin ist das ein Anfang.
Sie ist Kettenköchin geworden. Das ist deutlich angenehmer als Kettenraucher, auch wenn der Geruch eingebrannter Milch einem Besuch im Zimmer unseres rauchenden Sohnes nur wenig nachsteht.
Die Mitteltochter kreiert neuerdings Menüs, die sich ganz progressiv nicht an einer überkommenen zeitlichen Einteilung wie Vorspeise, Hauptgang und Dessert orientieren, sondern alle Elemente zufallsartig vereinen.
Das fängt dann so an, dass sie von der Leibesertüchtigung oder ihrem Freund nach Hause kommt, uns liebevoll die nach Zirkeltraining müffelnde Sporttasche in das Wohnzimmer knallt, die Schuhe auf den Haufen mit den anderen nicht weggeräumten Schuhen stapelt, sich mittels einer kurzen Umarmung unserer Zuneigung versichert, nur um uns daraus in einer fließenden Bewegung aus dem Weg zu drücken:
Sie hat Hunger.
„Mach dir doch Smacks“, schlugen wir ihr kürzlich in unserer Einfalt vor, doch ihr stand der Sinn nach Lasagne.
Ausnahmsweise sollten wir Eltern keine Arbeit haben. Sie wollte selbst kochen. Außerdem stand ihr Sinn danach, später von uns zur Fahrstunde gefahren zu werden. Deshalb heißt die Fahrstunde ja schließlich so: Weil Mama Taxi eine Stunde fährt, damit sie 45 Minutenlang etwas über Kupplung, Bremswege und die privaten Sorgen des Fahrlehrers lernt. Meiner hatte zum Beispiel ein Problem mit Lehrern als Fahrschüler und mit Tauben. Warum, erfuhr ich nie. Ich sollte sie immer überfahren (also die Tauben, nicht die Lehrer!), doch das gelang nie und ärgerte ihn maßlos. Wahrscheinlich stand ihm der Sinn nach einem kleinen Snack: Für den kleinen Hunger zwischendurch: Müller-Milchreis Taube… oder was?
Zurück zu Lasagne. Die drei großen ‚E‘ werden mit einer lässigen Handbewegung abgetan. EEE? Etwaige elterliche Einwände: Haben wir überhaupt Nudeln im Keller? Denke daran, dass das Hack erst auftauen muss. Die Abfälle gehören in den Müll! Und vergiss bitte hinterher den Abwasch nicht.
Besonders die letzte Bitte wird in der Regel mit einem giftigen Blick quittiert, der an sich sogar schon den hartnäckigen Schmutz vom Pfadfinder-Kochgeschirr ihrer Schwestern lösen könnte. Als ob sie schon einmal den Abwasch hätte stehen lassen. Nun, ich möchte es einmal so sagen: Rissige Spülhände hat sie nicht gerade und das liegt weder an der guten Pflege mittels der Handcreme, die ihre Mutter gern einmal verzweifelt sucht oder daran, dass wir eine Spülmaschine hätten.
Die Tochter begann also mit der Herstellung einer Lasagne. Der Ofen wurde vorgeheizt, Hack aus dem Kühlfach entnommen, ein Topf auf den Herd gestellt. Doch plötzlich meldete sich ihr Magen durch ein vernehmliches Knurren oder es dämmerte ihr, dass sie nach zu spätem Essen nicht schlafen kann. (Obwohl das, rückwirkend gesehen, Unsinn ist, denn nachts schläft unsere Mittlere nicht. Spätpubertierende sind ja bekanntlich wie Schichtarbeiter, Heimchen oder Eulen nachaktive Lebewesen. Sie schläft also vormittags und kommt deshalb zum Frühstück nur mürrisch und ungeschminkt angeschlurft, quält sich ein halbes Brötchen rein, schnauzt wahlweise uns Eltern oder die Geschwister an und hat anschließend kaum noch Kraft zum Tischabräumen. Mit den Worten „kann jetzt nicht helfen, muss noch schlafen“ verschwindet sie dann für die nächsten Stunden im Bett.)
Es musste also alles schneller gehen. Ihr schwante, dass die Zubereitung ihrer italienischen Spezialität Zeit in Anspruch nehmen würde. Zeit, die eigentlich schon verplant war. Chat-Kollegen warteten im Netz, Freunde brauchten sie im Facebook, in Berlin wurde Tag zur Nacht.
Was nun?
Ein Zwischensnack war die Lösung. Also wieder in den Keller. Im Tiefkühlschrank kämpfte noch eine letzte Pizza gegen den Gefrierbrand, wohlig umhüllt von bunten Pappen und blassen Folienknäueln. Pizza-Kartons werden von unseren Kindern aufgrund bisher unerforschter Befindlichkeiten nie entsorgt. Neulich habe ich meine Frau gefragt, warum sie die Altpapiertonne in den Keller gestellt habe. Das wäre nicht die Tonne, hatte sie geantwortet, sondern der Tiefkühlschrank, ihr käme da aber eine Idee (wir hatten damals einen langen und kalten Winter): Wie wäre es, wenn wir die Pizza gleich in der blauen Altpapiertonne lagern? Das würde uns viel Arbeit ersparen.
Leider mussten wir den Vorschlag verwerfen, weil es den Kindern nicht zuzumuten ist, die Plastikfolie der Pizzen in die gelbe Wertstofftonne zu tun und wir beim immensen Pizzakonsum unserer Kinder damit das gesamte deutsche Papierrecyclingsystem durch Tonnen von Folie zum Zusammenbruch bringen würden.
Wenig später garte also die Pizza im Ofen.
Aber auch das ging nicht schnell genug.
Folglich holte sie Butter, Aufschnitt und Salat hervor und packte zwei Toasts in den Toaster.
Unsere schwächelnde Stromversorgung aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts meldete sich mit ersten Spannungsschwankungen zu Wort.
Unser Toaster ist zwar schnell, aber nicht schnell genug. Ihr Blick irrte umher - und fiel auf eine Tüte mit Brötchen, die ich mir zum Frühstück gekauft, aber in der Firma doch nicht gegessen hatte.
„Darf ich?“ lautete ihre proforma gestellte Frage, während sie das erste Brötchen bereits aufschnitt. Um dann festzustellen, dass ihr das alles viel zu lange dauern würde und sie sofort etwas zum Essen bräuchte. Also nahm sie eine Schüssel, füllte Smacks ein, goss Milch darauf und verzog sich mit der Schüssel in ihr Zimmer an den Laptop. Die Kette war geschlossen. Hatten wir Eltern das nicht gleich…
Rumms. Die Tür war das letzte, was wir an diesem Abend von ihr hörten. Der Ofen heizte für die Lasagne vor, ein Topf glühte auf der Platte, während gleichzeitig die Pizza aufblühte. Im Toaster kühlte langsam der Toast und das Brötchen trocknete von Innen aus wie ein afrikanisches Bachbett nach der Regenzeit.
Und getreu dem Motto „Nur nichts umkommen lassen“, bereiteten meine Frau und ich die Speisen zu Ende zu und saßen später am Abendbrottisch, obwohl eine zu späte Nahrungsaufnahme Gift für uns ist und wir eigentlich gar keinen Hunger hatten.
Wer den Abwasch gemacht hat?
Na, dreimal dürfen sie raten.
Unsere Tochter? Nein.
Unsere Tochter? Nei-ein. (Bitte strengen sie sich an!)
Wir?
Natürlich!
Und die Begründung unserer Tochter war einleuchtend:
Bewegung tut euch gut: Ihr könnt ja nach spätem Essen sowieso nicht so leicht einschlafen.
Stimmt!
Ob wir sie nicht noch zur Party in die Innenstadt fahren wollen?
Klar. Und so gut denken können wir nach spätem Essen eben auch nicht.
Was wohl mit den vielen Gläsern passiert, die morgens an Sonnabenden oder Sonntagen auf St. Pauli herumstehen und den erstaunten Betrachter das Gefühl vermitteln, ins schwedische Glasreich geraten zu sein und nicht in das Amüsierviertel Hamburgs. Ob sie von den Mitarbeitern der Stadtreinigung eingesammelt werden und sich die Müllmänner daran eine goldene Nase verdienen oder die eigenen Küchenschränke damit auffüllen? Kommen Billy oder Barbro oder sonst wer von IKEA, um die Ladenregale damit günstig zu bestücken? Ingvar Kamprad soll ja ein rechter Geizhals sein. Oder beschäftigen die Barbesitzer auf dem Kiez studentische Hilfskräfte, die morgens durch die Straßen rund um die Reeperbahn ziehen, um die unzähligen Gläser einzusammeln, die Kneipen- und Clubbesucher auf Fenstersimsen, Verteilerkästen oder Autos haben stehen lassen, weil sie rauchen wollten und das aufgrund des Passivraucherschutzgesetzes an der Bar nicht durften? Die Kneipiers laufen womöglich nicht Sturm gegen das Rauchverbot, weil ihnen Gäste wegbleiben, sondern weil die Gäste zum Rauchen nach draußen gehen, dabei ihr Getränk mitnehmen und die Gläser dann nicht zurückbringen. Ein Sturm ums Wasserglas, sozusagen.
Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich meiner Tochter an einem sonnigen Morgen beim Umzug auf den Kiez helfe. Die Frühsonne spiegelt sich in mehr oder weniger sauberen Gläsern unterschiedlichster Formen und Farben, ein quietschbuntes Potpourri, das Gehwege, Hundeabtrittflächen und Schaltkästen bedeckt. Wer nicht übermäßig etepetete ist: Ein kleiner Rausch ist so immer noch drin. Inklusive Kippenstummel für ein gelungenes erstes Frühstück.
Vom Fluss dröhnt der sehnsuchtsvolle Ton aus dem Typhon eines Kreuzfahrers und schwappt langsam und tief wie eine Flutwelle die Davidstraße hinauf. Die Tür zur Maria-Bar öffnet sich und entlässt einen letzten Gast in den frühen Morgen. Der Mann blinzelt in die Sonne und geht dann vorsichtig, mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf an einen Mönch erinnernd, die Hopfenstraße entlang. Dann und wann bleibt er stehen und bückt sich nach Dingen, die dort nicht liegen und vermutlich nie gelegen haben. Ein Betrunkener junger Mann schwankt ihm entgegen, für einen Moment scheint der Zusammenstoß unvermeidlich, doch dann treibt ihn ein Torkler im rechten Moment genau in einen Hauseingang hinein. Der Mann nutzt die Gelegenheit zum konzentrierten Studium der Klingelknöpfe, doch scheinbar ist es nicht das richtige Haus. An der Wand Halt suchend wie Kuddel Daddeldu an der Reling bei schwerer See, tritt er wieder auf den Gehweg, wischt ein paar leere Biergläser von einem Mauervorsprung und probiert, aufrecht in den nächsten Eingang zu gelangen, wo er erneut die Klingeln absucht, ehe er weiter kopfschüttelnd von Treppenhaus zu Treppenhaus zieht. Ein Mann, der nicht findet, wonach er sucht. Ich spürte ein schwaches Mitgefühl, einen Anflug von Verständnis und wünsche ihm viel Glück, während er sich langsam im Morgendunst auflöst.
Dann ist meine Pause vorbei. Ich schultere einen Karton und mache mich auf. 4 Etagen, kein Fahrstuhl. Im Hauseingang sieht es aus wie im Fundbüro am Tag der Fahrradauktion. Auf der Straße darf man nichts stehen lassen, deshalb wechseln wir uns mit der Wache ab. Wer hier alte Möbel entsorgen will, der muss nicht zum Recyclinghof fahren oder den Sperrmüllabholdienst beauftragen; man stellt sein altes Bett oder die Kommode einfach vor das Haus und ein paar Minuten später ist sie in neuen Händen. Aber Vorsicht: Fahrräder gelten auf St. Pauli als zur Mitnahme berechtigte Sitz-Möbel. Zumindest die, von denen niemand den Sattel abmontiert hat.
Nachdem ich meinen Karton, eine Lampe aus Schweinehaut und ihren Persianer in die vegane Wohngemeinschaft meiner Tochter gewuchtet habe, nehme ich bei einem Schinkensandwich und kaltem Milchkaffee aus einem Thermobecher meinen Wachdienst wieder auf. Die Raute auf meinem HSV-Trikot glänzt im Sonnenschein, während mich von Hauswänden, Autos und Laternen unzählige Pauli-Totenköpfe voller Toleranz gegenüber dem Andersgläubigen anstarren und mich daran erinnern, eigentlich in Feindesland zu sein. Irgendwo läuten Kirchenglocken. Der Mönchartige kommt suchend zurück und als sich die Tür der Maria-Bar wieder öffnet, hoffe ich, der Papst würde mit einer protestantischen Prostituierten im Arm heraustreten, doch es ist ein dicker Farbiger, der fröhlich pfeift und mit einem Schrubber einen kleinen Tanz hinlegt.
Die Straße erinnert an einen Nordseestrand nach schwerem Weststurm. Überall liegen die Überreste der Nacht wie überbordgegangene Schiffsladung oder von Deck gespültes Arbeitszeug der Fischer. Gläser, Flaschen, Bretter, Handschuhe und Stiefel. Handtücher, Waschlappen, Kartons mit unbekanntem Inhalt. Es lockt mich magisch, das Strandgut aufzuheben; ich freue mich über jeden Fund wie ein Kind, aber nicht wie meine Kinder, die mich angewidert und lautstark ermahnen, die Finger von dem Dreck zu lassen. Im Alter kehrt sich alles um, denke ich, und meine Mutter kommt mir in den Sinn, die vor ihrem Tod gepflegt und gefüttert werden musste wie ein Baby.
Ich überlasse den Wachdienst meinem Sohn und folge dem Mönch in Richtung Davidstraße. Ein gelber Camaro blubberte mit seinen 6 Litern V8 auf die Reeperbahn zu. Gegenüber lockt die Sichtblende der Herbertstraße. Als wenn ich verbotene Früchte naschen will, luge ich um die Ecke in die für Besucherinnen nicht erlaubte Gasse. Als Jugendlicher war ich einmal hindurchgegangen und hatte vor lauter Herzklopfen gar nichts gesehen. Jetzt bin ich nicht mehr aufgeregt, schon gar nicht erregt, aber ich sehe auch diesmal nichts, da keine Prostituierten da sind. In den Schaufenstern versprechen leere, überdimensionale Barhocker mit ordentlich zusammengelegten Badelaken kuschelweiches Vergnügen. Aber halt:
Aus einem Hauseingang sticht ein Profil hervor. Der gewaltige Busen einer Frau in einem rosafarbenen Pullover. Vor ihr steht ein Mann, der mir aus dem Tal zwischen den Brüsten zuruft, dass "hier geöffnet und noch eine wäre". Ich winke dankend ab und wundere mich über die Reinheit des Pflasters. Kein Glas, kein Papier, kein Dreck. In dieser Frauenwelt mit Verbot für Frauen achtet man auf Sauberkeit.
Zurück an meinem Auto kann ich den lautstarken Streit eines jungen Pärchens verfolgen, der durch die ganze Straße hallt. In einem Buggy schreit ihr Kind und sieht seinen Eltern traurig dabei zu, ihre Ehe zu retten. Es ist gut, sich auszusprechen, auch wenn es ein ganzer Stadtteil hört. Ein Polizeiwagen patrouilliert langsam vorbei. Ein bärtiger Mann mit Gitarre und sein Kumpel scheinen auf dem Weg zum morgendlichen Gig. Sie sehen aus wie Schweden und werden bestimmt bald auf YouTube zu sehen sein.
Wieder tönt ein Schiffshorn. Eine Taube gurrt. Glas klirrt.
Ein Fahrradfahrer versichert voller Inbrunst, dass Gott mit mir sei. Na denn.
Zeit zu gehen. Es ist fast schade, als der letzte Karton oben ist, doch viele Besitztümer hat meine Tochter nicht. Schon gar kein Geschirr.
Das findet sie auf der Straße vor ihrem Haus.
Und alles andere, was Leben ausmacht.
Ich habe immer gedacht, wenn mein Vater und ich unterwegs waren, ging es schweigsam zu.
Da konnte man schon einmal von Hamburg nach, sagen wir mal, Dortmund fahren, ohne dass ein einziges unnötiges Wort fiel. Da die Strecke klar, der Regen kräftig und die Blase entleert (und vor allem männlich war), gab es keine Notwendigkeiten oder Pinkelpausen. Also schwiegen mein Vater und ich. Das mit den Pinkelpausen muss ein weibliches Gen sein: Wenn ich heute mit meinen Frauen unterwegs bin, müssen wir alle zwei Stunden bei „Tank und Rast“ einkehren und dort Toilettengutscheine wie andere Leute Sammelbilder horten. Wenn Panini schlau wäre, würden wir Männer nicht nur während einer Fußballwelt- oder Europameisterschaft dem Sammelwahn verfallen, sondern auch in der großereignisfreien Zeit. Ein WC-Gutschein mit dem Bild von Messi oder Ronaldo würde den Halt in Buddikate-West oder Allertal-Ost nicht nur für Männer attraktiv machen, sondern dem italienischen Sammelbildimperium, wie auch den Autobahnraststätten, Geld im wahrsten Sinne des Wortes ins Portemonnaie spülen.
Heute wird der aus männlicher Sicht völlig unnötige Stopp natürlich vorher wortreich angekündigt und besprochen. Wer mit wem auf Toilette geht (Männer machen das, wenn überhaupt, allein!), was man kaufen möchte und so weiter. Damit heißt es: Ruhe ade. Wenn man die mit Frauen im Auto denn jemals hatte. Das Schweigen mit meinem Vater war nicht unangenehm.
