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"Von morgens bis mitternachts" von Georg Kaiser. Veröffentlicht von e-artnow. e-artnow ist Herausgeber einer breiten Büchervielfalt mit Titeln jeden Genres. Von bekannten Klassikern, Belletristik und Sachbüchern bis hin zu in Vergessenheit geratenen bzw. noch unentdeckten Werken der grenzüberschreitenden Literatur, bringen wir Bücher heraus, die man gelesen haben muss. Jede eBook-Ausgabe von e-artnow wurde sorgfältig bearbeitet und formatiert, um das Leseerlebnis für alle eReader und Geräte zu verbessern. Unser Ziel ist es, benutzerfreundliche eBooks auf den Markt zu bringen, die für jeden in hochwertigem digitalem Format zugänglich sind.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Kleinbankkassenraum. Links Schalteranlage und Tür mit Aufschrift: Direktor. In der Mitte Tür mit Schild: Zur Stahlkammer. Ausgangstür rechts hinter Barriere. Daneben Rohrsofa und Tisch mit Wasserflasche und Glas.
Im Schalter Kassierer und am Pult Gehilfe, schreibend. Im Rohrsofa sitzt der fette Herr, prustet. Jemand geht rechts hinaus. Am Schalter Laufjunge sieht ihm nach.
KASSIERER
klopft auf die Schalterplatte.
LAUFJUNGE
legt rasch seinen Zettel auf die wartende Hand.
KASSIERER
schreibt, holt Geld unter dem Schalter hervor, zählt sich in die Hand — dann auf das Zahlbrett.
LAUFJUNGE
rückt mit dem Zahlbrett auf die Seite und schüttet das Geld in einen Leinenbeutel.
HERR
steht auf.
Dann sind wir Dicken an der Reihe.
Er holt einen prallen Lederbeutel aus dem Mantelinnern.
Dame kommt. Kostbarer Pelz, Geknister von Seide.
HERR
stutzt.
DAME
klinkt mit einigem Bemühen die Barriere auf, lächelt unwillkürlich den Herrn an.
Endlich.
HERR
verzieht den Mund.
KASSIERER
klopft ungeduldig.
DAME
fragende Geste gegen den Herrn.
HERR
zurückstehend.
Wir Dicken immer zuletzt.
DAME
verneigt sich leicht, tritt an den Schalter.
KASSIERER
klopft.
DAME
öffnet ihre Handtasche, entnimmt ein Kuvert und legt es auf die Hand des Kassierers.
Ich bitte dreitausend.
KASSIERER
dreht und wendet das Kuvert, schiebt es zurück.
DAME
begreift.
Pardon.
Sie zieht den Brief aus dem Umschlag und reicht ihn hin.
KASSIERER
wie vorher.
DAME
entfaltet noch das Papier.
Dreitausend bitte.
KASSIERER
überfliegt das Papier und legt es dem Gehilfen hin.
GEHILFE
steht auf und geht aus der Tür mit dem Schild: Direktor.
HERR
sich wieder im Rohrsofa niederlassend.
Bei mir dauert es länger. Bei uns Dicken dauert es immer etwas länger.
KASSIERER
beschäftigt sich mit Geldzählen.
DAME
Ich bitte: in Scheinen.
KASSIERER
verharrt gebückt.
DIREKTOR
jung, kugelrund — mit dem Papier links heraus.
Wer ist —
Er verstummt der Dame gegenüber.
GEHILFE
schreibt wieder an seinem Pult.
HERR
laut.
Morgen, Direktor.
DIREKTOR
flüchtig dahin.
Geht's gut?
HERR
sich auf den Bauch klopfend.
Es kugelt sich, Direktor.
DIREKTOR
lacht kurz. Zur Dame.
Sie wollen bei uns abheben?
DAME
Dreitausend.
DIREKTOR
Ja drei — dreitausend würde ich mit Vergnügen auszahlen —
DAME
Ist der Brief nicht in Ordnung?
DIREKTOR
süßlich, wichtig.
Der Brief geht in Ordnung. Über zwölftausend —
Buchstabierend.
Banko —
DAME
Meine Bank in Florenz versicherte mich —
DIREKTOR
Die Bank in Florenz hat Ihnen den Brief richtig ausgestellt.
DAME
Dann begreife ich nicht —
DIREKTOR
Sie haben in Florenz die Ausfertigung dieses Briefes beantragt —
DAME
Allerdings.
DIREKTOR
Zwölftausend — und zahlbar an den Plätzen —
DAME
Die ich auf der Reise berühre.
DIREKTOR
Der Bank in Florenz haben Sie mehrere Unterschriften geben müssen —
DAME
Die an die im Brief bezeichneten Banken geschickt sind, um mich auszuweisen.
DIREKTOR
Wir haben den Avis mit Ihrer Unterschrift nicht bekommen.
HERR
hustet; blinzelt den Direktor an.
DAME
Dann müßte ich mich gedulden, bis —
DIREKTOR
Irgendwas müssen wir doch in Händen haben!
EIN HERR
winterlich mit Fellmütze und Wollschal vermummt — kommt, stellt sich am Schalter auf. Er schießt wütende Blicke nach der Dame.
DAME
Darauf bin ich so wenig vorbereitet —
DIREKTOR
plump lachend.
Wir sind noch weniger vorbereitet, nämlich gar nicht!
DAME
Ich brauche so notwendig das Geld!
HERR
im Sofa lacht laut.
DIREKTOR
Ja, wer brauchte keins?
HERR
im Sofa wiehert.
DIREKTOR
sich ein Publikum machend.
Ich zum Beispiel —
zum Herrn am Schalter.
Sie haben wohl mehr Zeit als ich. Sie sehen doch, ich spreche mit der Dame noch. — Ja, gnädige Frau, wie haben Sie sich das gedacht? Soll ich Ihnen auszahlen — auf Ihre —
HERR
im Sofa kichert.
DAME
rasch.
Ich wohne im Elefant.
HERR
im Sofa prustet.
DIREKTOR
Ihre Adresse erfahre ich mit Vergnügen, gnädige Frau. Im Elefant verkehre ich am Stammtisch.
DAME
Kann der Besitzer mich nicht legitimieren?
DIREKTOR
Kennt Sie der Wirt schon näher?
HERR
im Sofa amüsiert sich köstlich.
DAME
Ich habe mein Gepäck im Hotel.
DIREKTOR
Soll ich Koffer und Köfferchen auf seinen Inhalt untersuchen?
DAME
Ich bin in der fatalsten Situation.
DIREKTOR
Dann reichen wir uns die Hände: Sie sind nicht in der Lage — ich bin nicht in der Lage. Das ist die Lage.
Er gibt ihr das Papier zurück.
DAME
Was raten Sie mir nun zu tun?
DIREKTOR
Unser Städtchen ist doch ein nettes Nest — der Elefant ein renommiertes Haus — die Gegend hat Umgegend — Sie machen diese oder jene angenehme Bekanntschaften — und die Zeit geht hin — mal Tag, mal Nacht — wie sich's macht.
DAME
Es kommt mir hier auf einige Tage nicht an.
DIREKTOR
Die Gesellschaft im Elefant wird sich freuen, etwas beizutragen.
DAME
Nur heute liegt es mir dringend an dreitausend!
DIREKTOR
zum Herrn im Sofa.
Bürgt jemand hier für eine Dame aus der Fremde auf dreitausend?
DAME
Das könnte ich wohl nicht annehmen. Darf ich bitten, mir sofort, wenn die Bestätigung von Florenz eintrifft, telephonisch Mitteilung zu machen. Ich bleibe im Elefant auf meinem Zimmer.
DIREKTOR
Persönlich — wie gnädige Frau es wünschen!
DAME
Wie ich am raschesten benachrichtigt werde.
Sie schiebt das Papier in das Kuvert und steckt es in die Tasche.
Ich spreche am Nachmittag noch selbst vor.
DIREKTOR
Ich stehe zur Verfügung.
DAME
grüßt kurz, ab.
HERR
am Schalter rückt vor und knallt in der Faust einen zerknüllten Zettel auf die Platte.
DIREKTOR
ohne davon Notiz zu nehmen, sieht belustigt nach dem Herrn im Sofa.
HERR
im Sofa zieht die Luft ein.
DIREKTOR
lacht.
Sämtliche Wohlgerüche Italiens — aus der Parfümflasche.
HERR
im Sofa fächelt sich mit der flachen Hand.
DIREKTOR
Das macht heiß, was?
HERR
im Sofa, gießt sich Wasser in ein Glas.
Dreitausend ist ein bißchen hastig.
Er trinkt.
Dreihundert klappern auch nicht schlecht.
DIREKTOR
Vielleicht machen Sie billigere Offerte — im Elefant, auf dem Zimmer?
HERR
im Sofa.
Für uns Dicke ist das nichts.
DIREKTOR
Wir sind mit unserm moralischen Bauch gesetzlich geschützt.
HERR
am Schalter knallt zum zweitenmal die Faust auf die Platte.
DIREKTOR
gleichmütig.
Was haben Sie denn?
Er glättet den Zettel und reicht ihn dem Kassierer hin.
LAUFJUNGE
hatte die Dame angegafft, dann die Sprechenden — verfehlt die Barriere und rennt gegen den Herrn im Sofa.
