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Dieses Buch beschreibt das Leben von Jesus Christus. Es erhebt nicht den Anspruch, eine historisch echte Biographie des Mannes aus Nazareth zu sein. Es ist ein Roman - der Roman eines Verfassers, der sich zu Jesus Christus bekennt. Das Buch ist ein persönlicher Blick auf Jesus, ein Glaubenszeugnis wie bereits die neutestamentlichen Texte in der Bibel.
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Seitenzahl: 367
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ich widme dieses Buch der Familie des ermordeten russischen Politikers, Kremlkritikers und Antikorruptionsaktivisten Alexej Nawalny. Als die Schülerinnen und Schüler in der Klasse von Nawalnys Sohn nach dem Beruf der Eltern gefragt wurden, antworteten einige: «Mein Vater ist Arzt», andere: «Meine Mutter ist Lehrerin.» Die Antwort des zwölfjährigen Zahar Nawalny dagegen lautete: «Mein Vater kämpft gegen die bösen Menschen in Russland.»
Nachdem Alexej Nawalny sich im Krankenhaus Charité in Berlin vom ersten Giftanschlag erholt hatte und wieder nach Russland zurückgekehrt war, sprach er vor Gericht folgende Worte:
«Fakt ist, ich bin gläubig. Das macht mich selbst bei der Stiftung für Korruptionsbekämpfung und in meinem Umfeld immer wieder zur Zielscheibe von Hohn und Spott. Die meisten Leute sind ja Atheisten. Ich war selbst mal einer, sogar ein ziemlich militanter. Aber die Zeiten ändern sich, jetzt bin ich gläubig und habe festgestellt, dass der Glaube mir bei meinem Tun sehr zugute kommt. Alles wird plötzlich viel, viel einfacher. Ich verbringe weniger Zeit damit, über eine Entscheidung nachzudenken, und stehe nicht ständig vor diesen unmöglichen Entscheidungen im Leben. Weil es dieses Buch gibt, und darin steht ziemlich eindeutig geschrieben, was man in welcher Situation zu tun hat. In diesem Buch steht zum Beispiel: Selig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. Und darum ist es auch einfacher für mich als für viele andere Menschen in Russland, Politik zu machen.»
Alexej Nawalny fand für das, was er tat, Kraft bei Jeschua ben Joseph, dessen Leben in Nazareth anfing, aber bis ins Heute und Morgen weiterwirkt. Alexej Nawalny ist eine seiner Wirkungen heute. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sind vielleicht eine weitere Wirkung von heute und morgen – oder Sie könnten eine werden.
Meine Kindheit
Im Haus des Vaters
Der Zimmermann
Ein Palaver mit Folgen
Brot in der Wüste
Die Liebe der Familie
Zwei ältere Brüder
Der Besuch der Königin
Der Centurio
Jünger- und Jüngerinnenspiele
Der Berg der Sehnsucht
Träume
Zwölf Körbe voll
Immanuel
Ein Prophet ist nirgends so verachtet wie in seiner Vaterstadt und in seinem Haus
In der Fuchshöhle
Von Lugdunum nach Kapernaum
Die Provokation
Bei Nacht und Nebel
Hütten bauen
In den Sand geschriebene Namen
Alles ganz anders
Zwei halbe Väter – ein ganzer Papa
Der nicht versiegende Quell
Die Entscheidung
Hinab und Hinauf
Das auf dem Baum versteckte Abendessen
Himmel auf Erden
Der Putsch
Ein Zufall, der keiner war – der Mann mit dem Krug
Das Stärkungsmahl zur Befreiung
Der Evangelist
Stabat Mater
Der Gärtner
Der japanische Arzt
Nachwort
Erläuterungen und zitierte Bibelstellen
Ich heisse Jeschua ben Joseph. Aufgewachsen bin ich in Nazareth. Du weisst, wo das ist. Darf ich überhaupt du sagen oder willst du lieber beim Sie bleiben? Ein Du klingt viel vertrauter. Zudem kenne ich dich ja seit deiner Geburt. Wenn ich das sage, sind wir allerdings bereits im Jetzt. Ich möchte dir aber etwas vom Gestern erzählen. Das Gestern ist für mich das Dorf Nazareth. Heute eine Stadt, damals nur ein Dorf, für mich ein Dorf mit vielen Erinnerungen. Meine allererste Lebenserinnerung ist meine wunderschöne Mama, die mich liebevoll an sich drückt und ein Engellied singt:
Kind, mein liebes Kind,
Engel haben dich mir unters Herz gelegt,
Engel haben dich aus meinem Schoss gezogen.
Keine Mutter weiss,
welchen Weg du einmal gehen wirst.
Wenn’s wohl dir geht,
danke deinen treuen Engeln.
Wenn’s weh dir tut,
werden sie an deiner Seite stehen.
Fürchte dich nicht.
Du bist Gottes Kind.
Vielleicht ist diese Erinnerung so stark geblieben, weil ich dasselbe Lied auch bei meinen jüngeren Geschwistern gehört habe, bei meinen Brüdern Jakobus, Joses, Judas und Simon und den Schwestern Myriam, Debora und Zippora.
Bei meinem Vater kommt mir als erstes immer sein Duft in den Sinn. Papa roch wunderbar nach Holz; er war Zimmermann. Sein Duft war schon bei meiner Geburt da und auch bei meinem Tod roch es nach Holz. Doch dazu später.
Kinder lieben Lieder. Oft verstehen sie allerdings den Sinn der Worte nicht. Mamas Lied verstand ich so, dass Papa Joseph gar nicht mein richtiger Vater war, eher so etwas wie ein Stiefvater. Mein eigentlicher Vater war gemäss Mamas Lied Gott. Auf meine armselige Geburt in einem Stall war ich stolz. Arme Leute zogen mich zeitlebens an und durch meine Geburt im Stall war ich einer von ihnen. Kinder haben viel Fantasie und so baute ich Mamas gesungene Geschichte von den Engeln, die bei meiner Geburt dabei gewesen waren, fantasievoll aus: Hirten kamen in den Stall, um das frisch geborene Gotteskind zu sehen, aber ich erfand auch Könige und Magier aus fernen Landen dazu, denen ein Stern den Weg zu mir gezeigt hatte. Mama hatte ein Kind unter dem Herzen getragen, das nicht von Joseph stammte.
Unsere liebe Mutter, die uns Kinder nur selten körperlich bestrafte, verlor die Nerven, als sie hörte, was für eine Geschichte ich dem Zweitgeborenen erzählte. «Ich habe kein uneheliches Kind geboren!», rief sie empört. Sie schimpfte so laut, dass der Vater aus der Werkstatt herbeieilte. Mutter hatte mich bereits übers Knie gelegt, doch bevor ihre Hand meinen nackten Po traf, trat er liebevoll und mit ruhiger Stimme dazwischen, uns beide küssend und zugleich lachend. «Lass das Kind, meine Geliebte, wir dürfen unserem Erstgeborenen die Fantasie nicht austreiben. Die Welt, in der wir leben, ist hart und fantasielos genug. Aus unserem Jeschua wird vielleicht ein zweiter Salomo.» Mama war dankbar für Papas Eingreifen und schloss ihren wunderbaren Joseph und mich samt meinen Geschwistern in die Arme. «Wir sind alle Gottes Kinder», erklärte sie beschwichtigt und glücklich.
Diese Familienumarmung ist eine meiner besonders lieben Erinnerungen. Sie geht allerdings Hand in Hand mit einem grossen Erschrecken. Unsere Liebkosungen wurden nämlich jäh unterbrochen von einer Nachbarin, die mit einer Schreckensnachricht in unser Haus stürzte: «König Herodes hat drei seiner Söhne umgebracht aus Angst, dass sie ihm, wenn sie erwachsen sind, den Thron streitig machen werden!»1 Ihr auf dem Fuss folgten weitere Nachbarinnen, alle laut schreiend und weinend. Es fiel der Name Pharao, es war die Rede von Ägypten. Was dort geschehen war, wusste ich vom Passahmahl, das wir jedes Jahr feierten: Auf Befehl des Pharao wurde jedes männliche Kind der israelitischen Sklaven bei der Geburt getötet. Herodes war wie Pharao ein Kindermörder.
Das Weinen und Schreien der Frauen über den grausamen Herodes gab mir weitere Nahrung für meine Geburtsgeschichte. Meine neuste Geschichte entlockte mir meine vier Jahre jüngere Schwester Debora. Bei schönem warmem Wetter schliefen wir jeweils auf dem Dach. Das war lustig, man konnte nämlich den Nachbarn von Haus zu Haus, von Dach zu Dach alles Mögliche zurufen. An jenem Abend war die Mordtat von König Herodes das Thema, das laut über die Dächer hin und her verhandelt wurde, aber als die Sterne zu leuchten begannen, verstummten die Nachbarschaftsgespräche. Jetzt waren wir unter uns, Papa, Mama und die Geschwister. Debora schmiegte sich an mich. «Bitte, Joschi, erzähl uns eine deiner Geschichten», bat das Schwesterchen. «Ich bin ja gespannt, was jetzt kommt», hörte ich Mama in Papas Armen lachen. «Etwas vom bösen König Herodes», verdeutlichte Debi ihren Wunsch. «Das wird Joschi auf jeden Fall tun», grinste Joses von seinem Lager hinüber. «Unser Bruder macht aus jedem Tagesgeschehen eine Geschichte», pflichtete Jakobus ihm bei.
Meine Brüder kannten mich gut. Das Geschrei und das Weinen der Nachbarinnen und die Dachgespräche hatten mich erschüttert. In was für einer Welt lebten wir eigentlich? Sie war zutiefst erlösungsbedürftig. Wie könnte sie erlöst werden? Wie müsste Gott es tun? Wie hatte unser Vorfahr David es getan? Hatte er das überhaupt? Hatte er nicht gegen seinen Sohn Absalom Krieg führen müssen? War nicht auch er selber ein Herodes gewesen? Uria hatte er ermorden lassen. Weshalb verehrte unser Volk ihn? Vielleicht wollte Gott, dass einer seiner Nachkommen es besser machen würde? Ich erschrak. Ich war ja ein Davidsohn.
«Fang endlich an!», rief Jakobus. «Ich weiss doch, du hast eine Geschichte.» Ich richtete meine Augen zum Himmel. Der Mond und die Sterne zwinkerten mir ermunternd zu, meine Geschichte zu erzählen. Eigentlich war es die Fortsetzung einer Geschichte, die ich meinen Geschwistern schon oft erzählt hatte, eine, in der Sterne eine wichtige Rolle spielten. «Dass Hirten und Könige bei meiner Geburt dabei waren, habe ich euch ja schon erzählt.» – «Ja, diese Geschichte kennen wir», bestätigte Joses. «Könige, die Magier waren», ergänzte Myriam. «Magier, die aus Lehm geknetete Vögel zum Leben erweckten», rief Jakobus. Alle lachten, auch die Eltern. Ich begann die Fortsetzung meiner Geschichte mit einer Frage: «Seht ihr diesen hellen Stern dort?» – «Du meinst den Stern, der genau über dir steht», neckte Jakobus mit liebevollem Spott, «weil er immer dort stehen bleibt, wo du gerade bist.» Er ahnte bereits, was kommen würde. Auch er hatte schliesslich eine grosse Fantasie. «Ja, den hellen Stern über mir meine ich. Diese Könige, Magier oder Sterndeuter waren dem Stern zwar gefolgt, aber da sie einen Königshof suchten und nicht einen Stall, gingen sie zuerst zu Herodes. Als dieser hörte, dass ein König geboren worden war, erschrak er. Wie ihr heute ja gehört habt, hat er seine Söhne umgebracht, weil er nicht wollte, dass einer von ihnen zu seinen Lebzeiten König würde. Und nun vernahm er also, dass da sogar einer, der nicht einmal zu seiner Familie gehörte, zum König geboren war. Von den Hofpropheten erfuhr er, dass der Ort der Geburt des neuen Königs Bethlehem sei. Listig, wie er war, zeigte er den Sterndeutern den Weg nach Bethlehem, wusste aber nicht, wo genau in Bethlehem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Das sollten ihm dann die Sterndeuter mitteilen. Herodes hatte nämlich mörderische Pläne, er wollte mich umbringen. Doch Papa wurde in einem Traum gewarnt und so flohen Papa und Mama mit mir nach Ägypten.» – «Hast du das wirklich geträumt?», rief einer meiner kleinen Brüder zu Papa hinüber. «Ich denke schon», kam die Antwort. Aus Papas Stimme konnte ich deutlich ein Lächeln hören. «Auch die königlichen Magier hatten in einem Traum Weisung empfangen und waren nicht zu Herodes zurückgekehrt», fuhr ich fort. Jetzt kam der dramatische Höhepunkt. Ich liess meine Stimme gewaltig anschwellen: «Herodes bekam einen Wutanfall. Er wusste nicht, wo er mich suchen sollte. Er gab den Befehl, alle kleinen Kinder in Bethlehem umzubringen.» Debora begann zu schluchzen. «Die armen Kinder, und die Väter und Mütter!» Nun weinten alle Schwestern. «Papa, du hättest alle Väter und Mütter warnen müssen», klagten sie. «Oh, ihr Männer!» Das war Mamas Stimme, doch sie klang liebevoll. Ich hörte, dass sie aufstand. Ich fühlte einen Kuss. Mama löste die weinende Debora aus meinen Armen und trug sie zu den Schwestern hinüber. Sie begann zu singen: das Lied, das mich seit meiner Geburt begleitet hatte. Über mir sangen der Mond und die Sterne mit, selbst die Engel hörte ich in meinen Träumen das Lied singen.
Beim Frühstück bedrohte Jakobus mich spielerisch mit dem Messer. «Ich bringe dich um», drohte er lachend, «dann bin ich der König.» Papa nahm ihm das Messer aus der Hand. «Mit einem Messer spielt man nicht. Und du schon gar nicht, Jakobus. Du wirst nie Zimmermann werden. Wie oft hast du dich bei mir in der Werkstatt schon geschnitten und mit dem Hammer auf den Finger geklopft anstatt auf den Nagel. Joschi wird zwar nie König werden, aber in der Werkstatt ist er mir jetzt schon eine grosse Hilfe. Und er wird eines Tages ein grosser Erzähler sein.»
Papas Worte taten mir wohl. Ich liebte beide Eltern sehr, aber von Papa fühlte ich mich immer besser verstanden als von Mama. Mama stellte immer alles, was ich dachte, sagte oder tat, infrage. In späteren Jahren besprach sie sich vor allem mit Jakobus, ihrem Zweitgeborenen, und mit Zippora, die meist um sie waren. Ich dagegen war oft und gerne in Papas Werkstatt, wo Bretter gesägt wurden, Späne flogen und Häuser und Möbel geplant wurden. Interessante Leute gingen ein und aus. Kein Haus in ganz Nazareth, an dem nicht mein Vater Hand angelegt hätte. Er erzählte mir Geschichten, solche, die in der Thora stehen, und solche, die er von seinem Vater Jakob gehört hatte. Bis zu seinem Tod half Grosspapa fast täglich in der Werkstatt mit. Ihre Arbeit begleiteten Vater und Sohn mit Gesang. Sie hatten wunderbare Stimmen. Beide kannten die Psalmen unserer heiligen Schriften auswendig, nicht nur diejenigen von König David, der ja unser Vorfahr ist, sondern ausnahmslos alle Psalmen. Papa und Grosspapa konnten lesen und schreiben. Sie waren zwar nicht Schriftgelehrte, sie hatten die heiligen Bücher nicht bei einem der grossen Gelehrten studiert, sie hatten sie jedoch betend ein Leben lang auf sich wirken lassen. Von ihnen lernte auch ich lesen, schreiben und beten.
Wenn ich nicht in der Werkstatt war, spielte ich mit den Nachbarskindern, meistens mit Buben, doch auch Mädchen machten bei unseren Spielen mit. Mein bester Freund war der gleichaltrige Jonathan. Unsere Freundschaft sei kein Zufall, meinte er. Er war Jonathan, ich David. Das leuchtete mir ein, schliesslich war ich ein Davidsohn. David und Jonathan.
Wir Kinder gingen gerne in die nahe Lehmgrube, wo wir im Tümpel Molche beobachteten und auf den heissen Steinen den Eidechsen beim Schnappen von Fliegen zusahen. Wenn wir die Eidechsen fingen, mussten wir aufpassen, sie nicht am Schwanz zu berühren, weil sie den Schwanz abstossen konnten, um ihren Verfolgern zu entkommen. Die gefangenen Eidechsen liessen wir zuhause frei. Sie kletterten an den Wänden hoch und reinigten diese von Fliegen und Ungeziefer.
Von den Mädchen, die mit uns Buben spielten, gefiel mir Esther am besten. Einmal, als nur Esther, Jonathan und ich in der Lehmgrube waren, küsste ich Esther auf die Wange und fragte sie, ob sie meine Frau werden wolle. Sie gab mir ihr Jawort. Wir schritten sogleich zur Tat. Jonathan hatte einen Krug dabei, den drückte er mir in die Hand. Ich wusste, was ich damit zu tun hatte. Jonathan war der Rabbi, der uns zusammenführte. Ich zertrat mit den Füssen den Krug – eine Erinnerung an die Zerstörung des ersten Tempels –, dann waren wir Mann und Frau.
Wenn ich nicht mit meinen gleichaltrigen Freunden spielte, besuchte ich in der Synagoge den Rabbi, der für mich bereitwillig den Schrein mit den ehrwürdigen Thorarollen öffnete. Synagoge und Thorarollen waren für Esther uninteressant, Jonathan dagegen, der Rabbi werden wollte, wich nicht von meiner Seite. Heilige Thoraverse darf man nur fehlerfrei vorlesen. Es leuchtete mir zwar nicht ein, warum fehlerhaftes Vorlesen eine schwere Sünde sein sollte, doch wenn Rabbi Ruben das sagte, war es eben so. Er trug Jonathan und mir mit seiner warmen Stimme wunderschöne Stellen vor und wir durften diese dann fehlerfrei nachsprechen. Von den Texten, die wir lasen, gefielen mir nicht alle gleich gut. Gott befahl in diesen Texten oft Dinge, die er meiner Meinung nach nie hätte befehlen dürfen, wenn er ein guter Gott war. Der Rabbi hörte mich gütig an; er schien keineswegs beunruhigt zu sein.
Oft war ich froh, beim Spielen mit den Nachbarskindern und mit Jonathan Gott vergessen zu können. Mit ihnen durfte ich meiner Fantasie freien Lauf lassen, ohne mir von Gott etwas verbieten zu lassen. Ich zeigte mich den Kindern gerne als Magier. Schliesslich waren in meinen fantasievollen Geburtsgeschichten Magier aus fernen Landen gekommen, also musste auch ich ein Magier sein. In der Lehmgrube zeigte ich meinen Spielkameraden, wie man aus der klebrigen Teigmasse aus dem Tümpel Vögel knetet. Dann wartete ich den Augenblick ab, in dem ein Schwarm Vögel über unsere Köpfe flog, rief «Simsalabim!», versteckte gleichzeitig meine Lehmgebilde geschickt hinter dem Rücken, und meine Kameraden sahen staunend Vögel davonfliegen. Bei «Abakadabra» zauberte ich die Vögel ebenso geschickt wieder hinter dem Rücken hervor; sie waren wieder Lehmfiguren geworden.2
Die Nachbarinnen meldeten sich empört bei Mama: «Dein Sohn treibt Magie!», riefen sie in heiligem Entsetzen, «er ist vom Teufel!» Papa senkte schuldbewusst den Blick. «Ich selber habe Jeschua diesen Trick beigebracht. Das ist nicht Magie, die Lehmvögel können nicht fliegen.» Doch das Gerücht, dass ich Magie triebe, blieb bestehen. Esthers Mutter war besonders aufgebracht. Sie verbot Esther, weiter mit mir zu spielen, und forderte von Rabbi Ruben, mir den Teufel auszutreiben. Zusammen mit den Eltern musste ich bei ihm antreten. Wegen des Tricks lachte er zwar, doch tadelte er mich, weil ich die Vögel am heiligen Sabbat geknetet hatte. Kneten und Basteln war Arbeit, und Arbeit war am Sabbat verboten. Der Rabbi beharrte jedoch darauf, meinen Trick selber zu sehen und zu erlernen. Wir begaben uns in die Lehmgrube. Auch Jonathan kam mit. Die echten Tauben hatte ich mit Futter angelockt. Als ich sie gurren hörte, bat ich den Rabbi, meine Lehmvögel zu verscheuchen, was er mit einem lauten «Tschuhh, fort mit euch!» grinsend tat. Mit der einen Hand zeigte ich auf die davonfliegenden Tauben, mit der anderen Hand brachte ich die Lehmvögel zum Verschwinden. Rabbi Ruben fand nicht heraus, wie ich das machte. Er war sehr beeindruckt.
Der Rabbi mochte mich sehr. Nicht alle in Nazareth liebten den Lausbuben, der ich war. Als Esthers Bruder Manasse beim Spielen in eine Grube stürzte und tot liegen blieb, behauptete ihre Mutter, ich hätte Manasse umgebracht. Das ganze Dorf war in Aufruhr. Da kam mir mein Vater zu Hilfe – nicht Joseph, mein anderer Vater. Er liess mich ein Wunder tun. Ich berührte den toten Manasse. Dieser öffnete die Augen, stand auf und sagte: «Jeschua hat mich nicht geschubst.»3
Mein erstes Wunder überraschte mich. Ich war beglückt, aber auch beunruhigt. Nächtelang wälzte ich mich schlaflos im Bett. Wer war ich? Und wer war Gott? Was wollte er von mir? Ich war zwölf Jahre alt und hatte ein Wunder vollbracht. War ich tatsächlich ein Sohn Gottes oder nicht doch, wie die Nachbarinnen gesagt hatten, ein Sohn des Teufels? Als Sohn Gottes hätte ich die heilige Thora nie kritisieren dürfen. Rabbi Ruben war über meinen Aufschrei über gewisse Thorastellen allerdings nie entsetzt. Als ich ihm von meinen nächtlichen gottkritischen Gedanken erzählte, meinte er verständnisvoll: «Mein kleiner Hiob.»
Er öffnete den Thoraschrein, wusch sich die Hände und holte mit grosser Sorgfalt eine Schriftrolle hervor. «Eigentlich zählt Hiob nicht wie die fünf Bücher Mose zur hochheiligen Thora», erklärte er, «aber er gehört zu den fast ebenso heiligen vorderen Propheten.» Den Ausdruck ‘vordere Propheten’ hörte ich zum ersten Mal. Der Rabbi begann laut zu lesen und ich las ihm fehlerfrei nach. Ich fühlte mich beim Lesen dieses Buches verstanden. Wie dieser Hiob mit Gott rechtete! Anders als Hiob hatte ich zwar keine schlimmen Todesfälle erlebt. Papas Mutter hatte ich nie gekannt, und Grosspapa Jakob war zwar alt, aber gesund und kräftig, und würde sicher noch lange nicht sterben. Von Mamas Seite hatte ich nur meine Grossmutter Anna gekannt, doch sie war bereits krank und leidend gewesen, als ich geboren wurde. Als sie starb, war ich zwar traurig, doch ihr Tod war eine Erlösung gewesen. Selber war ich nie wie Hiob von einer lebensbedrohlichen Krankheit befallen worden, doch das Buch Hiob war ganz klar meine Geschichte. Wenn Hiob trotz seines Gottesprotests ein Sohn Gottes gewesen war, dann war auch ich mit meiner Kritik an der Thora und an Gott ein Sohn Gottes. Wieder kam mir Mamas Lied in den Sinn. Da war von Leiden die Rede.
Wenn’s wohl dir geht,
danke deinen treuen Engeln.
Wenn’s weh dir tut,
werden sie an deiner Seite stehen.
Fürchte dich nicht.
Du bist Gottes Kind.
Vielleicht warteten ja auf mich ebenfalls grosse Leiden. So ganz unschuldig wie Hiob war ich aber natürlich nicht. Als mein kleines Schwesterchen Zippora mich nämlich einmal in den Arm gebissen hatte, hatte ich sie geohrfeigt. Das tut man nicht mit einem kleinen Kind! Auch hatte ich am Sabbat aus Lehm Vögel geknetet, was Gott, wie wir ihn von der Thora her kennen, gar nicht schätzt. Aber vielleicht war Gott gar nicht so, wie ihn die Thora schilderte? Musste Gott denn tausende von ägyptischen Soldaten ertrinken lassen, damit unser Volk gerettet werden konnte? War das der Gott, der mich ein Wunder hatte tun lassen? Also wenn ich Gott wäre, hätte ich einen Sandsturm geschickt, sodass die Ägypter die Verfolgung einfach hätten aufgeben müssen.
Ich erschrak. Ich musste laut gedacht haben. Rabbi Ruben schaute mich an. Er lächelte. «Du hast recht», bestätigte er. «Manchmal muss man die Thora korrigieren. Auch Erwachsene erfinden manchmal Geschichten, nicht nur Kinder. Willst du meine Erfindung hören?» Ich nickte. «Als die Ägypter ertrunken waren, jauchzten die Engel im Himmel. Da tadelte Gott sie und sprach: ‘Da unten liegen tausende meiner Kinder tot im Meer und ihr jubelt?’»4 Ich atmete auf. Ich war froh über die Wendung, die der Rabbi der dramatischen Geschichte gegeben hatte.
Nach der Hioblesung begleitete Rabbi Ruben mich nach Hause. Das Passahfest war nah, überall wurde sauber gemacht und geschrubbt, Mama stand mit einem Tuch um den Kopf und einem Besen in der Hand vor der Tür. «Hat Jeschua wieder etwas angestellt?», fragte sie besorgt. Doch dann sah sie das fröhliche Gesicht des hohen Gastes. «In der Tat», antwortete der Schriftgelehrte lachend, «dein Sohn hat sich gut angestellt.» Als Papa die Stimmen hörte, verliess er seine Werkstatt. Er zog die Arbeitskleidung aus und kam mit einem grossen Krug selber gekelterten Weins aufs Dach. Es war ein milder Frühlingsabend, das Dach war der angenehmste Ort, um Gäste zu empfangen.
«Euer Sohn ist ein kleiner Schriftgelehrter», eröffnete der Rabbi das Gespräch. «Ich weiss, die Kenntnis der Schriften hat er von seinem Vater. Joseph, dir kann mancher Schriftgelehrte nicht das Wasser reichen. Doch der Junge sollte die heiligen Schriften in der Thoraschule in Jerusalem studieren. Maria und du, ihr werdet euren Jungen für die Passahfeier ja ohnehin mit nach Jerusalem nehmen. Ich schlage vor, dass ihr ihn bei dieser Gelegenheit für das Studium der Schriften einschreibt, Beginn des Studiums im folgenden Jahr, bei seiner Volljährigkeit.»
Bei uns wird man mit dreizehn Jahren volljährig, jedenfalls im religiösen Sinn. Jungs dürfen dann in den Gebetshäusern mit den Männern mitberaten, mitbeten und auch die heiligen Texte vortragen, sofern sie lesen und schreiben können.
Mir klopfte vor Freude das Herz – Jerusalem! Studium! Ich war noch nie in Jerusalem gewesen. Jugendliche begleiteten die Eltern erst im Alter von zwölf Jahren auf die beschwerliche, aber wunderbare Reise. Auf der Passah-Pilgerreise kam man Gott sehr nahe. Die Pilger empfanden das Unterwegssein mit all seinen Gefahren als Auszug aus Ägypten. Im Tempel in Jerusalem wurde dann die Befreiung aus dem Sklavenhaus mit vielen Ritualen ausgiebig gefeiert, mit erhabenen Gesängen, Lesungen, Gebeten und Strömen vom Blut der Opfertiere – als kleines Kind hatte ich mir immer vorgestellt, Gott bade in einem riesigen Bottich im Blut der Opfertiere.
Maria und Joseph unternahmen die Pilgerreise nicht jedes Jahr. Arbeit und Familie liessen das nicht zu. Aber ich kann mich durchaus erinnern, dass wir Geschwister manchmal längere Zeit allein in Grosspapas Obhut waren und mit ihm Passah feierten. Die Eltern erzählten nach ihrer Rückkehr jeweils mit leuchtenden Augen von Gefahren und göttlicher Bewahrung auf der Wanderung und von der wunderbaren Musik und den Gesängen im Tempel. Sie hatten bereits durchblicken lassen, dass sie in diesem Jahr wieder in Jerusalem Passah feiern würden. Als Zwölfjähriger wusste ich, was das für mich bedeutete. Von einem Studium hatten Maria und Joseph allerdings nicht gesprochen. Das also war der Grund, warum Rabbi Ruben mich nach Hause begleitet hatte.
Papa schaute den Rabbi fragend an. «Versteh mich recht, Joseph», meinte Rabbi Ruben, «aber unsere grossartigen Thoralehrer Nikodemus und Gamaliel kennen sich in den Wegen Gottes gründlicher aus als selbst du.» Joseph nahm nachdenklich einen Schluck Wein. «Das habe ich mir auch schon überlegt», sagte er mehr zu sich selber als zum Gast. Mama, die das Tuch vom Kopf genommen und sich zu uns gesetzt hatte, runzelte die Stirn: «Ist ein Studium das Richtige? Wir sind eine pharisäische Familie. Einige Lehrer an der Thoraschule sind Sadduzäer, die nicht an die Auferstehung glauben. Ich möchte, dass unser Sohn am alten Glauben festhält. Darum …» – «Mama, die Sadduzäer sind die Altgläubigen, die Neuerer sind wir», unterbrach ich sie. Rabbi Ruben lachte. «Da haben wir ihn wieder, unseren kleinen Schriftgelehrten.» – «Er weiss manches bereits besser als seine Eltern», meinte Papa. «Auch in der Werkstatt kann ich ihm kaum mehr etwas beibringen. Rabbi, ich werde dir eine kunstvolle Truhe zeigen, etwas Schöneres aus Holz hast du noch nie gesehen. Joschis Werk, ganz allein.» Wenn Papa ganz besonders zärtlich mit mir war, nannte er mich Joschi.
«Unsere Theologieprofessoren sind Nikodemus und Gamaliel. Beide sind Pharisäer», nahm der Rabbi den Faden wieder auf. Mama atmete auf: «Gott sei Dank.»
«Wird Joschi fortgehen?», fragte meine Schwester Debora mit grossen Augen. Meine Geschwister waren die Treppe hochgekommen, sie hatten die letzten Worte gehört. Sie umstanden uns – ängstlich, neugierig, aber auch erwartungsvoll. «Ich will nicht, dass Joschi uns verlässt», jammerte die kleine Zippora. «Die Ohrfeigen kann doch auch ich dir verabreichen», grinste Jakobus. «So schnell geht es nun auch wieder nicht», beruhigte der Rabbi. «Zuerst müssen wir Joschi – ich darf doch auch Joschi sagen …?» – «Selbstverständlich, Rabbi.» – «Zuerst müssen wir Joschi den Professoren vorstellen. Ich schlage vor, dass Maria und Joseph Joschi diesmal mit nach Jerusalem nehmen.» – «Das wollten wir ohnehin», entgegnete Maria. «Onkel Zacharias und Tante Elisabeth aus dem Bergland Juda werden das Passah auch in Jerusalem feiern. Dann sieht Joschi seinen Cousin Johannes wieder einmal.» – «Noch etwas», ergänzte Rabbi Ruben. «Auch Aaron und Chavah kommen mit Jonathan nach Jerusalem. Jonathan will ja ein Rabbi werden. Er war es ja sogar schon einmal», meinte er, auf meine Kinderspiele anspielend, und zwinkerte mir zu. «Vielleicht wirst du das eines Tages auch. Beim Studium der Schriften kannst du es dir dann überlegen.» – «Nein», rief ich, «ich werde Zimmermann wie mein Vater.» – «Oder König wie dein Vorfahr», meinte der Rabbi lachend – eine weitere Anspielung. Er fuhr mir mit der Hand väterlich durchs Haar. «Wie schnell vergeht doch die Kinderzeit.»
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Die Tage nach dem Gespräch mit Rabbi Ruben benutzten die Reisewilligen, und das waren in Nazareth nicht wenige, zur Vorbereitung. Mit welchen Eseln reisen wir? Wer darf reiten? Wer in den von Eseln gezogenen Karren mitfahren? Wer muss zu Fuss gehen? Was für Proviant nehmen wir mit? Wie viele Hühner für Eier und Fleisch für den Verzehr, aber auch für den Tauschhandel auf den Dorfmärkten? Und was ist mit den Opferlämmern? Wieder kam mir der im Blut badende Gott in seinem riesigen Bottich in den Sinn. Im Tempel konnte man kultisch reine Tiere kaufen. Das handelsübliche römische Geld wurde jedoch im heiligen Bereich nicht akzeptiert und musste zuerst in Tempelgeld umgewandelt werden. Der Geldwechsel war teuer. Solle man das Opferlamm daher vielleicht lieber aus Nazareth mitbringen? Was aber, wenn es nach der langen Pilgerreise lahmte und für das Opferritual nicht mehr infrage kam? Wer schaute zuhause zu den Kindern? Konnten Mutter und Schwiegermutter so lang zum Rechten sehen? Sie waren ja nicht mehr die Jüngsten. Wer bestellte die Äcker? Es gab Fragen über Fragen. Für einige Familien waren sie unlösbar, sie gaben auf. Andere liessen sich den Wunsch nach einem echten Tempelgottesdienst mit Blut und Opferrauch nicht nehmen. Sie brauchten endlich etwas anderes als den braven, trockenen Thorasingsang in der Nazareth-Synagoge. Für meine Eltern war mit Onkel Zacharias und Tante Elisabeth alles seit Monaten abgesprochen, Briefe waren hin- und hergegangen. Onkel und Tante waren viel älter als Maria und Joseph, sie würden wohl nicht mehr lange leben. Es war klar, man würde sie an diesem Fest zum letzten Mal sehen. Ich konnte mich an ihren Sohn, meinen Cousin, kaum erinnern. Von Rabbi Ruben wusste ich jedoch, dass Johannes genauso ein Gottessucher und Thorakritiker war wie ich. Ich freute mich auf die Gespräche mit ihm. Und dann ereignete sich noch ein Glücksfall: Aaron und Chavah mussten wegen der kranken Grossmutter auf die Pilgerreise verzichten und ihr Sohn Jonathan sollte stattdessen mit uns reisen. Etwas Besseres konnte mir nicht passieren.
Endlich war es soweit. Männer und Frauen, auch solche mit Kindern, die zwölf Jahre oder älter waren, insgesamt an die hundert Personen, versammelten sich vor der Synagoge, um von Rabbi Ruben den Reisesegen zu empfangen. Und dann ging es im Namen Gottes los, mit Gesang und Eselsgeschrei, mit dem Rumpeln der Karren, dem Gegacker der Hühner und dem Blöken der Opferlämmer, die einige Nazarener trotz ernster Bedenken mitführten.
In jedem Dorf wurde der Zug der Pilger grösser. Der erste Teil der Pilgerreise war angenehm. Es ging durch Täler mit Feldern und Äckern, Weingärten und Olivenhainen. Von den Hügeln strömten, der Jahreszeit entsprechend, Bäche, an denen wir uns erquickten. Doch es nahte das erste Abenteuer. Wir waren etwa vier Stunden gewandert, als der Himmel sich verdunkelte. Es blitzte und donnerte, ein sintflutartiger Regen prasselte auf uns nieder. Die Rinnsale wurden zu Bächen, die Bäche zu Strömen und das Erdreich zu klebrigem Matsch, der sich an die nackten Füsse oder an das Schuhwerk heftete. Gastfreundschaft gilt als heilige Pflicht. Im Dorf Nain öffneten die Bewohner bereitwillig ihre für das Passahfest blitzsauber gereinigten Häuser, obwohl unsere Aufnahme für die armen Frauen ein neues Passah-Putzfest bedeutete. Als der Regen aufhörte und die Sonne durch die Wolken brach, flatterten auf allen Dächern der Gastgeber und über den Ästen der Olivenbäume nasse Mäntel, Tücher und Überwürfe.
Es wurde Abend. Die Kinder und Jugendlichen wurden für die Nacht von den Eltern getrennt. Eine Gastfamilie nahm sämtliche Buben auf, eine andere die Mädchen. Zum Abendessen gab es in der Buben-Gastfamilie Hummus auf ungesäuertem Passahbrot, danach wurden wir für die Nachtruhe nebeneinander gequetscht. Es war so eng, dass wir uns auf unseren Matten kaum von einer Seite auf die andere zu drehen vermochten. Es roch durchdringend nach Schweiss und Bubenfüssen. Der Gastgeber sprach den Segen und bat um Ruhe. Doch selbst als die Gespräche aufgehört hatten, wurde es nicht ruhig. Es wurde geschnarcht, gestöhnt und gefurzt. Eigentlich hätte es eine schreckliche Nacht sein müssen. Das war es aber nicht – jedenfalls nicht für mich. Im Gegenteil, ich genoss Jonathans Nähe. Wir waren einander noch nie so nahe gekommen wie in diesem Gedränge. Sein Atem berührte mein Gesicht, ich spürte seinen Herzschlag, seine Arme hielten mich umschlungen. Ich war ein sehr liebender Junge. Ich liebte meine Eltern, meine Geschwister, besonders die jüngsten, wenn sie nachts auf mein Lager krochen und sich an mich schmiegten. Ich liebte Esther und dachte gerne an den Kuss zurück, den wir tauschten, als wir im Kinderspiel heirateten. Und ich gebe es zu, wir hatten uns seither immer wieder geküsst, ganz im Versteckten hinter den Olivenbäumen. Ich liebte oft und gern. Ich liebte viele Menschen, sogar Esthers Mutter, die mich zutiefst hasste. Ich liebte unseren alten Rabbi und meinen Freund Jonathan. Ich liebte sogar die Samaritaner und die Römer. Aber ein Liebesgefühl wie in jener Nacht in Nain hatte ich nie zuvor erlebt. Jeder Herzschlag meines Freundes erfüllte mich mit tiefem Glück. Ich dachte dabei auch an Esther. Wenn schon die körperliche Nähe mit Jonathan, der gemeinsame Atem und Herzschlag mit ihm so wunderbar war, wie musste das erst mit Esther sein!
Alles geht vorüber, auch diese Gefühlsnacht, die für alle andern schrecklich war. Die Hähne krähten, ein neuer Tag brach an. Die Frauen hatten in der Synagoge übernachtet, die Männer in verschiedenen Häusern. Nun galt es zu danken und zu teilen. Die Pilger aus Nazareth hatten vor der Abreise auf dem Markt noch frisch gelieferten Fisch aus Kapernaum gekauft, den wir nun mit den freundlichen Gastgebern von Nain teilten. Eine willkommene Abwechslung zu dem getrockneten Fisch, den sie kannten.
Nachdem die Esel, Hühner und Opferlämmer gefüttert waren, brachen wir auf. Die Landschaft war an diesem zweiten Tag eine andere. Der Pilgerzug bewegte sich zwischen roten Felsen durch eine enge Schlucht. Die Stimmung war fröhlich. Es war noch recht kühl, die Sonne hatte die schmale Spalte zwischen den Felsen noch nicht erreicht. Wir sangen das Morgenlob, das von den Felsen zurückgeworfen wurde, dass es klang wie von einem mehrstimmigen Chor. Mir fiel auf, dass Jonathan nicht mitsang. Er biss vielmehr die Zähne zusammen. «Eigentlich müsste ich mal», murmelte er, «und zwar ganz ernsthaft.» Es war nicht, dass Jonathan sich hätte schämen müssen, die Notdurft vor anderen Menschen zu verrichten. Es war bei uns durchaus Brauch, dass Männer ihr Geschäft mit Männern und Frauen mit Frauen erledigten; das war ein gesellschaftlicher Anlass wie essen und trinken. Jonathan hatte in der Felsenlandschaft vielmehr ein Problem mit der Thora: «Was mache ich mit 5. Mose 23,13?», stöhnte er: «Du sollst vor das Lager hinausgehen, und wenn du dich niederkauerst, sollst du deine Notdurft vergraben. Wo soll ich denn in diesen Felsen graben?» Jonathan konnte nicht mehr warten, bis wir aus den Felsen herauskamen und auf grabbaren Grund stiessen. Aber Thora ist Thora, das Gesetz musste befolgt werden. Oder zumindest so gebrochen, dass kein Gesetzestreuer etwas davon merkte. Pilger waren sehr gesetzestreu. Ich zeigte mit dem Finger auf einen bestimmten Punkt. «Siehst du diese Felsspalte dort? Dort schlüpfst du hinein und ich setze mich davor, massiere mir die Beine, wie wenn ich Muskelkater hätte. Niemand wird sehen, dass du ein Gesetzesbrecher bist.» Es war höchste Zeit. In der Felsspalte knatterte es, als ob der Berg herunterkäme. Es waren Jonathans erleichterte Därme. Als mein Freund aus der Spalte heraustrat, stellte er fröhlich fest: «Gott hat mich nicht erschlagen, obwohl ich das Gesetz gebrochen habe.» – «Er hat auch Saul am Leben gelassen, als er in mörderischer Absicht auf der Suche nach David für sein Geschäft just in die Höhle kroch, in der David sich vor ihm versteckt hatte. David hätte ihn ermorden können, hat es aber nicht getan.» – «Diese Notdurftgeschichte ist Teil deiner Familiengeschichte, du Sohn Davids», witzelte Jonathan. «Und sie steht in der heiligen Schrift», ergänzte ich. Beide brachen wir in Lachen aus. «Hahaha», schallte es aus den Felsen zurück. «Hahahah!» Gott lacht mit, stellten wir fest. Ich griff nach meinem Ledersack und goss Wasser über Jonathans Hände. Und Jonathan sprach – diesmal ohne ein Gebot der Thora zu brechen – korrekt die vorgeschriebenen Worte des Ascher Jazzar, die jeder Gläubige bei der Waschung nach der Darmentleerung betet, ein Dank für Gesundheit und Leben. Ein durchaus sinnvolles und empfehlenswertes Gebet. Ich liebte unser Darm- und Blasenentleerungs-Dankgebet. Ich vergass nie, es zu beten, wenn ich ein Bächlein machte oder einen Grossen setzte. Meine Muttersprache war Aramäisch, aber ich betete das Notdurftgebet immer auf Hebräisch, so wie ich es von Mama seit meiner Geburt immer gehört hatte. Ich hatte oft mitgebetet, wenn sie es betete, während sie meinen kleinen Geschwistern die Windeln wechselte. Jetzt hörte ich es in schönstem Hebräisch aus dem Mund von Jonathan.
Ascher Jazzar ha-adam bechochmah
Der den Menschen in Weisheit erschuf
und schuf ihm viele Öffnungen und Hohlräume.
Wenn einer der Hohlräume aufbrechen sollte
oder eine der Öffnungen verstopft sein sollte,
wäre es unmöglich, vor dir, Herr, zu stehen.
Baruch athah Adonai rapheh kol baschar u-maphalih la-aschot
Gelobt seist du, der alles Fleisch heilt und Wunder wirkt.5
Nach der Waschung und dem Gebet schnupperte Jonathan an seinen Händen. «Du kannst mich wieder anfassen.» Hand in Hand eilten wir dem Pilgerzug nach.
Als die Echoschlucht hinter uns lag, führte die Wanderung erneut über grüne Wiesen, was vor allem die Esel und die Opferlämmer erfreute, die sich am Wegrand am frischen Gras sättigten. Die Hühner erhoben gackernden Protest. Mit Recht. Die Thora hat nicht nur das Wohl der Menschen im Sinn, sondern auch dasjenige der Tiere. Du sollst dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden.6 Die Pilger hatten die Thora bestimmt auf ihrer Seite, als sie dieses Wort auch auf die Schnäbel der Hühner bezogen. Diese blieben zwar auf den Karren festgebunden, doch wurden sie mit mitgebrachten Maiskörnern entschädigt.
Am Rand eines Zedernwaldes in der Nähe eines Bachs schlugen wir das Nachtlager auf. Das Erdreich war immer noch sehr weich vom Regen. Mein Vater schaffte klare Verhältnisse: «Die Frauen und Mädchen zur Linken, die Männer und Buben zur Rechten. Bitte die Schaufeln nicht vergessen.» Ein lahmendes Schaf wurde geschlachtet, eine Abwechslung auf dem Speiseplan. Wir Kinder blieben unter uns. Beim Essen hatten wir Gesellschaft von unzähligen Tauben, die Lust auf unser ungesäuertes Passahbrot hatten. Aus dem weichen Erdreich knetete ich meine bekannten Vögel, die alsbald vor den Augen meiner staunenden Wanderfreundinnen und -freunde davonflogen. Um keine Missverständnisse entstehen zu lassen, erklärte ich ihnen den Trick. Sie versuchten es ebenfalls, waren aber nicht schnell genug. Die Tauben lebten wohl an den vielen Versuchen.
Zum Schlafen hatten wir diesmal Platz genug. Wir konnten uns unter den Bäumen auf den Faltmatten hinlegen, ohne uns ineinander zu verkeilen. Mit Jonathan hatte ich zunächst keinen Körperkontakt. Ich wartete, bis er eingeschlafen war. Als er ruhig atmete, drehte ich mich wie zufällig in seine Richtung, bis mein Kopf den seinigen berührte. Kopf an Kopf schlief ich neben ihm glückselig ein. Am Morgen blickte mich Jonathan seltsam an und sagte: «Mir hat geträumt, wir hätten die ganze Nacht Wange an Wange geschlafen.» – «War es ein angenehmer Traum?», fragte ich etwas unsicher. «Ein sehr angenehmer Traum.» – «Ich hatte denselben Traum», gestand ich. Lächelnd gab er mir einen Kuss. Wir waren beide wach gewesen. Wir brauchten nicht mehr zu tun als ob. Wir freuten uns, den Traum auch in den nächsten Nächten zu träumen.
Die Eltern sah ich den ganzen Tag nur ab und zu von fern. Da unser Pilgerzug in jedem Dorf grösser geworden war, hatten die Erwachsenen genug damit zu tun, sich mit den Neuen zu unterhalten, die uns in vielen Fällen über längst verstorbene Onkel, Tanten, Basen und Vettern verwandt waren. Und wir waren mit den neu zu uns gestossenen Kindern ebenso beschäftigt. Wir freuten uns, neue Vettern und Basen kennenzulernen.
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An dritten Tag erreichten wir die Oase Jericho. Jericho liegt tief unter dem Meeresspiegel in der Jordansenke, kurz bevor der Fluss ins Tote Meer mündet. Jericho war für uns ein Umweg, der kürzere und auch weniger gefährliche Weg von Galiläa nach Jerusalem führte über Samarien. Ein Land jedoch, das Juden nicht betraten. Um im Tempel als echte gläubige Juden zu gelten, mussten wir den Umweg in Kauf nehmen. Dass die Juden Samarien ablehnten, hatte geschichtliche Gründe. Unser Zwölfstämmestaat war nach dem Tod Salomos in zwei Teile auseinandergebrochen, im Norden gab es den Staat Israel, später Samarien genannt, mit einem eigenen König, im Süden Judäa mit den Nachkommen Davids auf dem Thron. Durch Kriege, Exil und die Einwanderung fremder Völker mit ihren Religionen war der grössere Norden, Samarien, vom Jahweglauben abgekommen.
Das Wort Jahweglauben hätte ich eigentlich nicht aussprechen dürfen. Jahwe, den Namen Gottes, in den Mund zu nehmen, ist ein Verstoss gegen die Thora. Soeben hatte ich ihn ausgesprochen. Aber da war ich halt noch ein Kind, da konnte das passieren. Doch zurück zu der historischen Entwicklung, der Ablehnung Samariens.
In Samarien hatten sie einen Mischglauben entwickelt, im Süden war das Gegenteil der Fall: Im Süden herrschte nach der Exilzeit ein strikter Jah… – Nein, nicht schon wieder ein Verstoss gegen die Thora! Ich sprach den Namen nicht aus. Es gibt dafür ein griechisches Wort: Monotheismus. Papa, der ein bisschen Griechisch sprach, hatte es mir beigebracht. Im Süden herrschte ein strikter Monotheismus. Seit der Exilzeit hatte nie auch nur ein einziger Jude etwas mit fremden Göttern zu tun gehabt. Ganz hoch oben im Norden, in Galiläa, waren wir dem monotheistischen Glauben ebenfalls treu geblieben. Im Süden glaubten sie uns diese Treue allerdings nicht so ganz. «Die Galiläer sind doch auch im Norden», sagten sie. «Kann man denen da in Nazareth überhaupt trauen?» Es gibt sogar ein judäisches Sprichwort: Was soll aus Nazareth Gutes kommen?7 Um den Judäern zu beweisen, dass wir überzeugte Monotheisten waren, setzten wir Galiläer nie einen Fuss in das ungläubige, unreine samaritanische Land, in dem es von Teufeln und Dämonen nur so wimmelte. Aus diesem Grund musste auch unser Pilgerzug Samarien umwandern und in die Wüste hinabsteigen. Und genau da befanden wir uns jetzt. Es war glühend heiss. In den Bergen Samariens wäre es sicher angenehmer gewesen.
Einmal mehr meldete sich mein kritischer Geist. Ich war zornig. Der Pilgerzug benahm sich, als ob der Umweg ein heiliges Gesetz wäre. Zwar gab es in der Thora kein Samarienumgehungsgebot, aber die Thora enthielt durchaus andere Gebote und Verbote, die ähnlich unsinnig waren wie dieser erzwungene Umweg. Vielleicht waren gewisse seltsame Gesetze in grauer Vorzeit sogar einmal sinnvoll gewesen? Ob das so war, musste ich in meinem künftigen Studium unbedingt herausfinden. Es war wichtig, die Thora gründlich zu studieren, um all dem Guten und auch dem weniger Guten, das dort stand, auf den Grund zu gehen. Am Passahfest würde ich solche Fragen mit den Priestern und Schriftgelehrten diskutieren und mich für das Thorastudium anmelden.
Der Pilgerzug kam in der Wüste nur schleppend voran. Die Gespräche waren verstummt. Alle hatten Durst. Erschöpfte Frauen und Kinder wurden auf die Wagen gehoben. Die Esel liessen die Köpfe hängen, blieben jedoch nicht störrisch stehen. Es war, als ob sie in der Ferne Wasser witterten. «Der Jordan!» Der Mann an der Spitze des Pilgerzuges hatte den Ruf ausgestossen. Die Köpfe hoben sich – der Jordan! Die Schritte wurden wieder schneller – der Jordan! Und dann sahen wir ihn alle, in der Talebene. Der Jordan! Welch ein erquickendes Wort. Die Frauen jubelten es, die Männer brüllten es, die Rinder muhten es, die Esel i-ahten es, die Hühner gackerten es – der Jordan! der Jordan! Menschen und Tiere rannten und stolperten, die von den Eseln gezogenen Wagen holperten. Und dann – geschafft. Frauen, Männer und Kinder knieten nieder, schöpften Wasser, tauchten den Kopf in den Fluss oder sprangen gleich in den Kleidern mitten hinein. Jonathan und mir reichte das Wasser bis an den Hals. Auch von anderen Kameraden waren nur die Köpfe zu sehen. Alle spritzten einander an.
«Rette sich, wer kann!», schrie unvermittelt Spassvogel Jonathan. «Ein Krokodil!» Er zeigte auf einen Baumstamm, der sanft daherschaukelte. Einige Kinder retteten sich in Panik aus dem Wasser. Die andern lachten schallend. «Im Jordan gibt es doch keine Krokodile!» Einer hielt einen zappelnden Fisch in der Hand. «Beim Tauchen zwischen den Steinen erwischt», rief er triumphierend. Quellen und Bäche kannten wir Nazarener. Galiläa war ein fruchtbares Land. Auf heisse trockene Monate folgten der Winter mit Regen oder Schnee und der Frühling mit seinen Gewittern. Am See Genezareth war ich schon mehrmals gewesen. Der Jordan floss durch diesen See. Hier, mitten in der trockenen Wüste, war nun derselbe Jordan aber viel grösser als bei uns in Galiläa!8 Wir staunten. Vergessen waren all die Not und Mühe. Der Umweg hatte durchaus sein Gutes. Das Grossartigste an der Pilgerreise würde das Passahfest im Tempel sein, doch schon jetzt hatte sich die Wanderung gelohnt. Was wir alles erlebt hatten! Jonathan drückte meine Hand. Ich wusste, was er dachte. Unsere Freundschaft hatte sich vertieft. Vergnügt bespritzten wir uns erneut mit dem warmen und doch kühlenden Nass.
«Na, Jungs, wie geht’s?» Papa und Mama kamen im Wasser auf uns zugewatet. «Wir haben euch lange nicht mehr gesehen. Ihr könntet verlorengehen und wir würden es nicht einmal merken, weil ihr die ganze Zeit bei euren Freunden steckt. Bald geht’s ans andere Jordanufer. Aber nicht hier; an dieser Stelle ist der Jordan zu tief, da kommen wir mit den Wagen nicht durch. Wir überqueren den Jordan bei der Furt bei Jericho.»
«Wollen wir hier essen?», fragten einige Badende, die zum ersten Mal auf der Pilgerreise waren. «Es wäre doch wunderbar, im Wasser sitzend zu essen.» – «Nein», antworteten die erfahrenen Altpilger. «Wir essen erst in der Oase Jericho. Dort gibt es schattenspendende Palmen, Märkte, wo man einkaufen kann, und mehrere Gasthäuser und Herbergen.» Nach einem kleinen Happen verlangten trotzdem nicht nur wir Kinder, sondern auch die Erwachsenen. Das Bad hatte hungrig gemacht. Manna fiel keines vom Himmel, doch unsere Esel hatten genügend ungesäuerte Passahfladen mittragen müssen. Nass, wie wir waren, ging die Reise weiter. In der Hitze der Wüste waren die Kleider schnell wieder trocken.
