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In unterschiedlichen, zum Teil lose zusammenhängenden Kurzgeschichten werden zwischenmenschliche Beziehungen, Liebe und Leiden in ihren humorvollen und manchmal auch skurrilen Ausprägungen geschildert. Manchmal melancholisch geprägt, meist jedoch mit einer dahinter verborgenen optimistischen Weltsicht skizzieren diese Episoden die Facetten unseres Daseins.
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Torsten Uhlig
Vor dem Schatten
Für Ulli
IMPRESSUM
Texte: © Copyright by Dr. Torsten Uhlig
Umschlaggestaltung und Illustration:
© Copyright by Dr. Ulrike König-Uhlig/Dr. Torsten Uhlig
Verlag:
Dr. Torsten Uhlig
Eckinger Str. 10
Inhalt
Prinzen gibt es nur im Märchen6
Zu viel gegessen gestern Abend8
Verschwörungsmythen10
The times they are changing12
Frühherbst14
Zähneputzen vor dem Frühstück16
Der Turban20
Ameisen beim Chillen22
Rotation24
Brot26
Nebel28
Energieverschwendung31
Das Haustier33
Marmelade35
Wiesenblumen38
Wie die Schöpfung wirklich ablief41
Ritt in den Sonnenuntergang45
Pheromonfallen und die Liebe48
Die Sternschnuppensammlerin50
Fußnägel, rot lackiert52
Die Zeit ist doch kein Camembert54
Nochmal tanzen56
Herbst58
Dreitagebärte60
Testosteronspiegel und die Wiege der Kultur62
Zähneputzen und die Freiheit65
Göttlicher Regen69
Wolkentürme72
Überflutung74
Fortschritt78
Frau Pawlovsky83
Zwischen den Spiegeln86
Die Jagd89
Ein Tag im Leben von Herrn Pawlovsky93
Der Käfer98
Hoffnung101
Der Körper106
Meditationsübungen109
Träume112
Das Meer114
Schnee116
Schneeflocken sind einzigartig118
Zwischen den Lippen liegt eine ganze Welt121
Die Schneekugel123
Schwarmintelligenz126
Der Terminal Man128
Gefühle und andere schlimme Dinge131
Neujahr134
Altwerden ist kein Zeitvertreib136
Der Mann mit dem Bauchladen138
Das Karussell142
Herr Pawlovsky wärmt seine Füße144
Der Geschmack von Äpfeln149
Das Paket152
Das Ticken der Uhr157
Die alte Dame161
Lost and Found165
Magische Zahlen168
Außerirdische172
Es klingelt175
Prinzen gibt es nur im Märchen, das Happy End im Kino oder bei Netflix.
Das ist doch Quatsch, sagte die Prinzessin, legte den Kopf ein wenig schief und wippte mit den Zehenspitzen. Natürlich ist der Mann ein unvollkommenes Wesen, und der Schöpfer hat ihn wohl eher aus einer spontanen Laune heraus produziert und nicht weiter vorher darüber nachgedacht, welche Konsequenzen das mal haben könnte. Aber manche Exemplare, beileibe nicht alle, erfüllen durchaus, mal abgesehen von ihrer Reproduktionstätigkeit zur Erhaltung der Spezies, höhere Qualitätsansprüche.
An dieser Stelle setzte sich die Prinzessin kerzengerade, wohl um dem Gehalt ihrer Aussage besonderes Gewicht zu verleihen. Man sagt zwar, eine Frau ohne Mann sei wie ein Fisch ohne Fahrrad, aber mal ehrlich: die Zweisamkeit in einer Beziehung verleiht dem zuweilen fade schmeckenden Leben seine ganz besondere Würze. Und wenn man ein großer Glückspilz ist, dann kann man zusammen die Seele baumeln lassen ohne viel zu reden, und alles wird gut. Oder wenn nicht, dann kann man das zumindest mit dem anderen teilen, was nicht gut werden kann.
Die eigene Endlichkeit, sagte die Prinzessin, denkst du auch manchmal darüber nach?
Ich meine, wir leben so dahin jeden Tag, frühstücken, gehen unserem Tagewerk nach, lachen, lieben, wenn wir das Glück haben, lieben zu dürfen, putzen uns die Zähne, genießen das Gefühl, wenn nach dem Kratzen der Juckreiz aufhört, gehen ins Bett- kurzum: wir tun so, als ob das alles selbstverständlich wäre und nie enden würde, bis auf den Juckreiz natürlich.
Und doch wissen wir, dass das nicht stimmt. Dass alles, was uns gerade beschäftigt, uns bis in die Träume verfolgt, all unser Sehnen, unsere Ängste, irgendwann bedeutungslos ist. Vielleicht würden wir uns dann fragen, ob wir uns mit den richtigen Dingen beschäftigt haben. Oder auch mit den richtigen Menschen umgeben. Wollen wir auf unserem Grabstein die Worte lesen: hier liegt die reichste Person auf dem Friedhof? Oder aber: sie hat Spuren in unseren Herzen hinterlassen?
Du merkst schon, sagte die Prinzessin, das viele Essen gestern Abend hat mir eine unruhige Nacht beschert, dann dreht und wendet man sich hin und her, und dann kommen einem so komische Dinge in den Sinn.
Ich werde langsam träge, faul und apathisch. Jedenfalls behauptet mein Computer das. Immer öfter in letzter Zeit. Sie waren inaktiv und wurden ausgeloggt, steht dann da auf dem Bildschirm. Keine Entschuldigung, nicht mal eine halbwegs nette Einleitung, wie sie auf den Briefen steht, die ich bekomme. Sicher haben Sie übersehen, dass die Rechnung zur Zahlung fällig war, steht dort. Aber wieso ist die Rechnung da so sicher? Vielleicht hatte ich einfach nur keine Lust, oder wollte keine Überziehungszinsen an die Bank zahlen.
Der Fall ist eindeutig: die Dinge beobachten mich. Sie zeichnen meinen Aktivitätsstatus auf, sehen, dass ich träumerisch in die Luft starre, statt meine App zu bedienen oder Geld zu überweisen. Irgendwie haben sie auch mein Auto überzeugt, da mitzumachen, und jetzt ruckelt das Lenkrad und es schlägt mir vor, eine Kaffeepause zu machen, nur weil ich gerade Lust hatte, auf der Mittellinie zu fahren. Das machen die Italiener doch die ganze Zeit, und ich habe noch nie gesehen, dass die von ihrem Lenkrad durchgerüttelt werden.
Die Zeiten sind komisch. Streckst du deine Hand zum Handschlag aus, gucken die Leute, als hättest du Krätze. Dagegen sieht die Begrüßung so aus, als wollten sich zwei Boxer abtasten, bevor sie in den Ring steigen. Manchmal ist diese Geste ja auch ehrlicher, lupus est homo homini.
Die meisten meiner Mitmenschen kenne ich nur vom Jochbein aufwärts, bei manchen reicht das auch völlig. Seltsam ist, die Säuglinge lächeln zurück, wenn du mit Maske verschanzt ihnen zulächelst. Es sind wohl die Augen, die wichtig sind, auf den Mund kann man verzichten. Geredet wird eh viel zu viel, und in letzter Zeit kommt aus viel zu vielen Mündern viel zu viel Unsinn raus, da haben die Masken echt was Gutes. So manches Gerede wird da zum unverständlichen nasalen Gebrabbel.
Und in der nächsten Generation haben wir alle Abstehohren, dafür wird die Epigenetik schon sorgen, und die Masken sind dann viel leichter zu befestigen. Auch ein Kuss wird ein kompliziertes Unterfangen, zwei Lagen partikelundurchlässiges Gewebe verhindern zu 94 Prozent die Angleichung des Mikrobioms und eventuell überschäumende Spontaneität. Aber das liegt wohl voll im Trend der heutigen Zeit, körperliche Berührungen sind dank me too- Debatten ja völlig out und für das männliche Geschlecht existenzgefährdend, ebenso wie Komplimente wegen eines schönen Kleids. Aber das wird ja auch noch wegfallen, wenn die Wissenschaft erst festgestellt hat, dass Viren auch über das Dekolleté übertragen werden können und wir uns alle mit coronakompatibler Schutzkleidung verhüllen müssen. Da hätte der alte Mao noch wahrscheinlich seine Freude dran.
Draußen laufen Leute rum, auf deren Plakaten Freiheit steht. Freiheit für was? Nur das zu tun, was einem selbst in den Sinn kommt? Egal, welche Folgen es für alle anderen hat? Es ist wohl ziemlich aus der Mode gekommen, Verantwortung für die Mitmenschen zu übernehmen. Und die Kinder, die Alten und die Schwachen, um die sollen sich doch die Pflegerinnen in den Heimen kümmern, die Ärzte in den Krankenhäusern und die Lehrerinnen. Und Bildung für die Jungen? Da gibt es ja tolle Software auf den Computern und Handys, auf denen du mit anderen Online lernen kannst. Wen kümmert es dann, wenn der eine oder andere Jugendliche aus dem Fenster springt oder das Essen einstellt?
Und viele haben Angst. Angst davor, von Reptilienmenschen unter der Erde regiert zu werden; Angst, einen Chip eingepflanzt zu bekommen, mit dem man bei Amazon noch bequemer bargeldlos bezahlen kann. All die, die sich mit Sophie Scholl vergleichen und sich einer vermeintlichen Diktatur in den Weg werfen, abends mit Fackeln vor den Häusern von Politikern stehen. Da werden Erinnerungen wach an die Reichskristallnacht, an Bücherverbrennungen und Hexenjagden. Hauptsache, man entlarvt einen vermeintlich Schuldigen, dann ist das Problem gelöst, da sind wir ja ziemlich geübt darin.
Und zur gleichen Zeit betteln sie um Impfungen in Afrika, verhungern kleine Kinder, und man stirbt wieder an AIDS und Malaria, weil die ganzen Hilfsprogramme eingestampft werden mussten.
Wir saßen auf der Bank, und alles war still. Sogar das herbstliche Knistern des Laubs hatte aufgehört und das Rascheln, mit dem die müden Blätter sonst den leisen Windhauch begrüßen. Die Prinzessin gähnte, wie nur Prinzessinnen gähnen können. Völlig entspannte Mundpartie, dem der Körper nach kurzem Nachdenken in der Erschlaffung folgt, nachdem er sich aufgebäumt und gedehnt hat, die Augen während des Gähnvorgangs fest geschlossen und dann, abschließend, ein tiefer Seufzer, in den Augenwinkeln ein wenig Feuchtigkeit.
Sooo, mein Lieber, sagte die Prinzessin, als hätte sie damit bereits ein Großteil ihres Tagewerks vollbracht. Durch das noch belaubte Geäst verirrten sich noch ein paar milchige Sonnenstrahlen, denen schon die Wucht des Sommers fehlte und die zusammen mit den Falten des Stoffes fahlgelbe Muster auf ihr Kleid malten. Und was jetzt, sollen wir etwa sitzen bleiben, und irgendwann finden sie uns, spinnwebenüberzogen und vertrocknet oder gar steifgefroren mit einer Haube aus Schnee? Nee, mein Lieber, das Leben ist dafür definitiv zu kurz und zu aufregend.
Lass uns losgehen, Hand in Hand, und uns ganz tief im Wald verirren, ein Bett im Moos bereiten und den wechselnden Farben der Dämmerung zuschauen. Ich hab nämlich gerade meine romantische Phase, und auch wenn du vielleicht nicht der Prinz bist, der mich auf sein Pferd hebt und mit mir in den Sonnenuntergang reitet, hätte es mich beziehungsmäßig doch deutlich schlimmer treffen können. Ja, sagte die Prinzessin, und stand ziemlich plötzlich auf, meinen Komplimenten kann einfach keiner widerstehen, ich weiß schon. Dann lass uns mal loshoppeln, Liebster.
Irgendetwas muss sich Gott doch dabei gedacht haben, als er die Großhirnrinde schuf. Ich meine, vielleicht war auch nur zu viel Material geliefert worden, und unter der Schädeldecke war noch jede Menge Platz. Wenn der nicht aufgefüllt würde, gäbe es beim Laufen, Rennen, Hüpfen sonderbare glucksende Geräusche.
Die Prinzessin hatte ihre Denkerstellung eingenommen, das Kinn auf die leicht geschlossene Faust gestützt, der Blick bekam etwas Entferntes, Träumerisches und oberhalb der Nase bildeten sich kleine senkrechte Fältchen. Ich wusste, in diesem Stadium sollte man sie besser nicht stören. Oder was denkste?
Vielleicht aber steckte damals ein Plan dahinter, so eine Art Filterstation für das limbische System. Damit nicht jeder spontane Impuls sofort in irgendeine unsinnige Handlung mündet? Damit man Zeit gewinnt, nochmal kurz nachzudenken, bevor man sich von der Klippe stürzt oder in der Fußgängerzone einen Passanten küsst, bloß weil der dich angelächelt hat.
Nein, das Großhirn könnte helfen, mal kurz in die Zukunft zu gucken und die Folgen unserer nächsten Handlung abzuschätzen. Ich meine, jeden Tag treffen wir Unmassen von Entscheidungen. Unwichtigen wie zum Beispiel, ob man sich die Zähne vor oder nach dem Frühstück putzt. Und ganz Fundamentalen. Und jede dieser Entscheidungen führt dein Leben in eine andere Richtung. Wie leicht hätte es passieren können, dass du in Alaska an einem Loch im Eis sitzt und du darauf wartest, dass endlich ein Fisch anbeißt.
Also, wir haben an jedem einzelnen Tag die Wahl, wie unser weiteres Leben verläuft. Wie ein Baum verästelt sich der Verlauf unseres Daseins, je nachdem, welchen Weg wir jeweils einschlagen. Das ist doch phantastisch, selbst bestimmen zu können, oder? Die Prinzessin hatte jetzt dieses Leuchten in den Augen, das jedes Mal auftauchte, wenn ihre Gedanken an Fahrt aufnahmen. Aber was machen die Menschen daraus? Viele scheinen so vor sich hinzuleben von Tag zu Tag, zu warten, was als nächstes auf sie zukommt oder noch schlimmer: allem Unbekannten aus dem Weg zu gehen, dass sie von der altgewohnten täglichen Routine abhält. Wie viele verpasste Chancen, wie viele ungeahnte Wendungen, die ihr Leben hätte nehmen können!
Und dann gibt es auch noch die anderen, die der schnellen Lust hinterherjagen, immer auf der Suche nach einem kurzen Glückgefühl. Mehr Geld auf dem Konto, Gratulation von den Kollegen, der schnelle Sex zur Bestätigung des eigenen Egos, der Lebenslauf in Wikipedia. Nee, mein Lieber, für die wurde die Großhirnrinde nicht gemacht. Oder genauer: die nutzen nicht ihre Möglichkeiten und bleiben auf ihrem Ästchen sitzen.
So, genug gequasselt, das viele Reden hat mir ordentlich Lust aufs Frühstück gemacht.
Wenn der Regen warm ist und ich die einzelnen Tropfen auf der Haut spüre, habe ich das Gefühl, ganz lebendig zu sein, kennst du das? Die Prinzessin saß rittlings auf ihrem Lieblingshocker, die Haare mittels Handtuch zu einem Turban geformt, und ein Hauch von Duschgel, Parfum und Körperduft erfüllte den Raum. Was die Tropfen wohl beim Aufprall spüren? Ich meine, die haben ja eine ziemlich lange Reise hinter sich, haben sich in irgendeiner Wolke zusammengefunden und dann gemeinsam in die Tiefe gestürzt, sozusagen einem ungewissen Schicksal entgegen. Da gehört schon eine ziemliche Portion Mut dazu. Ob die sich noch oben ihr Ziel aussuchen? Vielleicht gibt es ja die Tollkühnen, die ohne langes Nachdenken den Absprung wagen, und die Zauderer, die sich noch irgendwo festklammern wollen und in ihrer vertrauten Umgebung bleiben?
Was denkst du denn, mein Liebster, fragte die Prinzessin und drehte ihren Kopf so abrupt, dass der Frotteeturban in bedenkliche Schieflage geriet. Wärst du einer von den Bedenkenlosen, die Liebgewordenes aufgeben für den Rausch des Neuen, auch wenn er nur flüchtig wäre?
Oder würdest du die Behaglichkeit des Altbekannten vorziehen?
