Wach werden - Frank Kralemann - E-Book

Wach werden E-Book

Frank Kralemann

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Beschreibung

Sie funktionieren. Aber leben Sie wirklich? Jeden Morgen wachen Sie auf, gehen zur Arbeit, erledigen Ihre Aufgaben, kommen nach Hause und doch fühlt es sich an, als würden Sie nur auf Autopilot durch Ihr Leben gleiten. Die Tage verschwimmen zu Wochen, die Wochen zu Jahren. Irgendwo zwischen den ToDo Listen und den endlosen Ablenkungen haben Sie sich selbst verloren. Dieses Buch ist Ihr Weckruf. Wach werden zeigt Ihnen, wie Sie aus dem Schlaf des Autopiloten erwachen und das Leben wiederentdecken, das Sie wirklich leben wollen. Mit einer einzigartigen Mischung aus neuester Neurowissenschaft, zeitloser spiritueller Weisheit und praktischen Übungen führt Sie dieses Buch Schritt für Schritt zu einem tieferen Verständnis Ihrer selbst. Sie werden lernen: Wie Ihr Verstand Sie in automatischen Mustern gefangen hält und wie Sie sich befreien Warum Sie ständig gestresst sind, obwohl keine echte Gefahr besteht Wie Sie den inneren Kommentator zum Schweigen bringen, der Ihr Leben bewertet Warum das Bedürfnis, recht zu haben, Ihre Beziehungen zerstört Wie Sie aus dem Gefängnis Ihrer Glaubenssysteme ausbrechen Was es wirklich bedeutet, im gegenwärtigen Moment zu leben Wie Sie Konflikte als Spiegel für Ihr eigenes Wachstum nutzen Warum Akzeptanz nicht Aufgeben ist, sondern der Beginn echter Veränderung Dies ist kein weiteres Selbsthilfebuch voller leerer Versprechungen. Es ist eine ehrliche, manchmal unbequeme, aber zutiefst befreiende Reise zu dem, was Sie wirklich sind jenseits Ihrer Gedanken, Ihrer Ängste, Ihrer Geschichten über sich selbst.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Einleitung

Kapitel 1: Der Autopilot

Kapitel 2: Das Sorgennetzwerk

Kapitel 3: Die Rechthaber-Falle

Kapitel 4: Der innere Kommentator

Kapitel 5: Urteile – Die unsichtbare Mauer

Kapitel 6: Der Balkon voller Müll

Kapitel 7: Glaubenssysteme als Gefängnisse

Kapitel 8: Wer beobachtet den Verstand?

Kapitel 9: Du bist nicht dein Lebenslauf

Kapitel 10: Akzeptanz ist kein Aufgeben

Kapitel 11: Die Gegenwart betreten

Kapitel 12: Verantwortung ohne Schuld

Kapitel 13: Beziehungen ohne Projektion

Kapitel 14: Konflikte als Spiegel

Kapitel 15: Entscheidungen aus Klarheit

Kapitel 16: Arbeit als Ausdruck

Kapitel 17: Geld und der Mangel-Mythos

Kapitel 18: Liebe jenseits des Brauchens

Kapitel 19: Die Überstimme

Kapitel 20: Leben als Experiment

Kapitel 21: Die Wand

Kapitel 22: Einen Unterschied machen

Epilog: Der leichte Schritt

LITERATURVERZEICHNIS

Disclaimer: Dieses Buch dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung dar. Der Inhalt ist kein Ersatz für eine professionelle Diagnose oder Behandlung. Suchen Sie bei Fragen zu einer Erkrankung immer den Rat Ihres Arztes oder eines anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleisters. Missachten Sie niemals professionellen medizinischen Rat oder zögern Sie nicht, ihn einzuholen, weil Sie etwas in diesem Buch gelesen haben. Der Autor und der Verlag sind nicht für Handlungen oder Unterlassungen des Benutzers verantwortlich. Alle Personen sind erfunden, Ähnlichkeiten sind rein zufällig.

EINLEITUNG

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ – Antoine de Saint-Exupéry

Stellen Sie sich für einen Moment vor, Ihr Leben wäre ein hochentwickeltes Computerprogramm. Es läuft seit Ihrer Geburt ununterbrochen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Es steuert Ihre Reaktionen, formt Ihre Entscheidungen und malt die Farben Ihrer emotionalen Welt. Dieses Programm ist so tief in Ihre Existenz eingewoben, dass Sie es nicht mehr als Programm erkennen. Sie halten es für sich selbst. Es ist das stille Betriebssystem Ihres Lebens, ein Autopilot, der Sie durch die Komplexität des Alltags navigiert. Dieses Buch ist eine Einladung, einen Schritt zurückzutreten und dieses Betriebssystem zum ersten Mal bewusst zu betrachten. Es ist eine Konfrontation mit der mächtigsten und zugleich unsichtbarsten Kraft in Ihrem Leben: Ihrem eigenen Verstand.

Wir leben in einer Zeit der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Das Wissen der Welt ist nur einen Klick entfernt, wir können mit Menschen am anderen Ende des Planeten in Echtzeit kommunizieren und unser Leben mit einer Fülle von Erfahrungen und Gütern füllen. Und doch macht sich bei vielen von uns ein leises, aber hartnäckiges Gefühl breit: das Gefühl, dass etwas fehlt. Wir funktionieren, aber wir fühlen uns nicht wirklich lebendig. Wir haben alles, was wir uns vermeintlich wünschen, aber die innere Erfüllung bleibt aus. Wir jagen dem nächsten Ziel, der nächsten Beförderung, der nächsten Beziehung oder dem nächsten Urlaub hinterher, in der Hoffnung, dort endlich das zu finden, was uns fehlt. Doch das Gefühl der Leere kehrt immer wieder zurück. Es ist ein Paradoxon des modernen Lebens: eine äußere Fülle, die einer inneren Leere gegenübersteht. Wir optimieren unsere Kalender, unsere Ernährung, unsere Fitness – und fühlen uns am Ende doch nur wie eine effizientere Version einer Maschine. Die Freude, die wir suchen, scheint immer einen Schritt entfernt zu sein, ein flüchtiger Schatten im grellen Licht unserer Errungenschaften.

Dieses Dilemma wird im 21. Jahrhundert durch eine neue, unerbittliche Kraft verschärft: die digitale Aufmerksamkeitsökonomie. Unsere Bewusstheit ist zur wertvollsten Währung geworden, und Konzerne geben Milliarden aus, um sie zu kapern. Jede Benachrichtigung, jeder „Like“, jeder endlose Newsfeed ist darauf ausgelegt, unser Belohnungssystem zu aktivieren und uns in einem Zustand der ständigen, leichten Ablenkung zu halten. Unser Verstand, ohnehin schon anfällig für das Neue und Bedrohliche, wird in diesem digitalen Ökosystem zu einem leichten Opfer. Die Folge ist eine Fragmentierung unserer Aufmerksamkeit, eine „Hyperaufmerksamkeit“, die uns zwar befähigt, schnell zwischen Reizen zu wechseln, uns aber die Fähigkeit zur tiefen Konzentration und zur stillen Reflexion raubt. Wir verlernen es, einfach nur zu *sein*, weil wir ständig dazu getrieben werden, etwas zu *tun* – zu klicken, zu swipen, zu reagieren. Diese äußere Zerstreuung spiegelt und verstärkt eine innere Zerrissenheit. Der Lärm der Welt übertönt die leise Stimme unseres inneren Kompasses.

Dieses Buch argumentiert, dass die Wurzel dieses Problems nicht im Außen liegt – nicht in unserem Job, unserem Partner, unserem Kontostand oder der Technologie selbst. Die Wurzel liegt in unserem Inneren, in der Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen und auf sie reagieren. Sie liegt in dem stillen Betriebssystem, das unbemerkt im Hintergrund läuft. Dieses Betriebssystem, unser Verstand, ist ein evolutionäres Meisterwerk. Es hat uns als Spezies das Überleben gesichert, indem es uns befähigt hat, Gefahren zu erkennen, Probleme zu lösen und aus der Vergangenheit zu lernen. Es ist eine unermüdliche Maschine, die ständig analysiert, bewertet, vergleicht und vorhersagt. Doch genau diese Stärke ist in der modernen Welt zu unserer größten Schwäche geworden. Der Verstand, der einst unser treuer Diener war, ist zu einem unberechenbaren Herrn geworden.

Der Verstand operiert im Automatikmodus. Er reagiert auf die Gegenwart mit den Mustern der Vergangenheit. Er erschafft eine endlose Schleife von Gedanken, Sorgen und Urteilen, die uns von der unmittelbaren Erfahrung des Lebens abschneiden. Wir leben nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern in einem ständigen inneren Dialog über das, was war, was sein wird und was sein sollte. Wir verwechseln diese Gedanken mit der Realität. Wir glauben, dass unsere Urteile über uns selbst, über andere und über die Welt die Wahrheit sind. Wir identifizieren uns so sehr mit der Stimme in unserem Kopf, dass wir vergessen, dass wir mehr sind als diese Stimme. Wir sind der Beobachter hinter den Gedanken, das stille Bewusstsein, in dem das ganze Schauspiel des Verstandes stattfindet. Diese Identifikation ist der Kern unseres Leidens. Sie ist die unsichtbare Mauer, die uns von der Fülle des Lebens trennt. Wir sind so gefangen im Theater unserer Gedanken, dass wir den Theatersaal selbst nicht mehr wahrnehmen.

Dieses Buch ist keine Sammlung von weiteren Tipps und Techniken, um Ihr Leben zu „optimieren“. Es ist keine Anleitung, um ein „besserer“ oder „erfolgreicherer“ Mensch zu werden. Es ist eine radikale Einladung, die grundlegendste Annahme über sich selbst in Frage zu stellen: die Annahme, dass Sie Ihr Verstand sind. Es ist eine Reise zur Entdeckung des Beobachters in Ihnen, jenes Teils von Ihnen, der unberührt bleibt von den Stürmen des Denkens und Fühlens. Es ist ein Wegweiser zur Befreiung aus dem Gefängnis Ihrer eigenen Überzeugungen. Es geht nicht darum, positive Gedanken zu erzwingen oder negative zu unterdrücken. Es geht darum, eine neue Beziehung zu Ihrem Verstand zu entwickeln – eine Beziehung, in der Sie nicht mehr der Sklave Ihrer Gedanken sind, sondern der Meister Ihres Bewusstseins.

Wir werden gemeinsam die Architektur dieses inneren Betriebssystems erforschen. Wir werden die Mechanismen aufdecken, die uns in alten Mustern gefangen halten, wie das unstillbare Bedürfnis, recht zu haben, dass so viele Beziehungen zerstört. Wir werden die verborgenen Ängste aufdecken, die unseren Überzeugungen zugrunde liegen und unser Potenzial begrenzen. Und wir werden lernen, wie Transformation nicht durch Anstrengung oder Willenskraft geschieht, sondern durch die einfache, aber tiefgreifende Praxis der Beobachtung und der Übernahme von Selbstverantwortung. Wir werden sehen, dass wahre Veränderung nicht darin besteht, etwas zu *tun*, sondern darin, etwas zu *sehen* – die Mechanismen unseres eigenen Verstandes klar zu erkennen. In dem Moment, in dem wir das Muster sehen, verlieren wir unsere Identifikation damit. Das Licht des Bewusstseins ist das stärkste Lösungsmittel für die Fesseln des automatischen Verstandes.

Dieses Buch verbindet jahrtausendealte Weisheit mit den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der kognitiven Verhaltenstherapie, insbesondere der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Es verzichtet bewusst auf esoterische Sprache und spirituellen Jargon. Stattdessen bietet es eine klare, direkte und wissenschaftlich fundierte Perspektive auf die Natur des Bewusstseins und den Weg zur inneren Freiheit. Anhand von konkreten Fallgeschichten aus dem Alltag, dem Berufsleben und Beziehungen werden die abstrakten Konzepte greifbar und nachvollziehbar gemacht. Wir werden den Manager treffen, der jeden Tag die gleichen frustrierenden Meetings erlebt, ohne zu erkennen, dass er selbst das Muster erschafft. Wir werden das Paar begleiten, das sich wegen einer Banalität trennt, weil keiner von beiden bereit ist, sein Bedürfnis nach Rechthaberei aufzugeben. Und wir werden die Frau kennenlernen, die entdeckt, dass die Überzeugungen, die sie für ihre eigenen hält, in Wirklichkeit die ungeprüften Überbleibsel ihrer Kindheit sind. Am Ende jedes Kapitels finden Sie praktische Reflexionsfragen, die Sie einladen, das Gelesene auf Ihr eigenes Leben anzuwenden und Ihre eigenen Entdeckungen zu machen.

Dieses Buch ist für die Mutigen geschrieben. Für diejenigen, die bereit sind, sich ihren inneren Dämonen zu stellen und die Komfortzone ihrer gewohnten Denkweisen zu verlassen. Es ist für diejenigen, die spüren, dass es mehr im Leben geben muss als das ständige Streben nach dem Nächsten und Besseren. Es ist für diejenigen, die bereit sind, die Kontrolle aufzugeben, um wahre Freiheit zu finden. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Leben zwar funktioniert, aber nicht wirklich lebendig ist, dann halten Sie das richtige Buch in den Händen. Es ist an der Zeit, den Autopiloten abzuschalten und das Steuer Ihres Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Es ist an der Zeit, aufzuwachen. Die Reise, die vor uns liegt, ist nicht einfach. Sie erfordert Ehrlichkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich unbequemen Wahrheiten zu stellen. Aber sie ist die lohnendste Reise, die ein Mensch unternehmen kann.

Die Reise, die vor uns liegt, ist herausfordernd, aber auch zutiefst lohnend. Sie führt nicht zu einem fernen, mystischen Zustand der „Erleuchtung“, sondern zu einer einfachen, aber tiefgreifenden Veränderung in der Art und Weise, wie Sie jeden einzelnen Moment Ihres Lebens erfahren. Sie führt zu einem Leben, das nicht mehr von Angst und Mangel geprägt ist, sondern von Klarheit, Präsenz und einem tiefen Gefühl der Verbundenheit. Sie führt zu einem Leben, in dem Sie nicht mehr die Marionette Ihres Verstandes sind, sondern der bewusste Schöpfer Ihrer Realität. Sind Sie bereit, den ersten Schritt zu tun? Die Tür steht offen. Sie müssen nur hindurchgehen. Der erste Teil dieses Buches, „Die Maschine verstehen“, wird Ihnen die Blaupausen dieses Betriebssystems offenlegen. Wir beginnen mit dem grundlegendsten Mechanismus von allen: dem Autopiloten.

TEIL I: DIE MASCHINE VERSTEHEN

KAPITEL 1: DER AUTOPILOT

„Wir sind, was wir wiederholt tun. Exzellenz ist also keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.“ – Aristoteles

Markus erwacht um Punkt 6:15 Uhr, noch bevor der Wecker klingelt. Sein Körper, ein präzises Uhrwerk, hat sich auf diesen Rhythmus konditioniert. Er greift nach seinem Smartphone auf dem Nachttisch, der erste Akt des Tages, noch bevor seine Füße den Boden berühren. Die Finger wischen und tippen in einer vertrauten Choreografie: E-Mails überfliegen, die Schlagzeilen der Nacht scannen, den Kalender für den bevorstehenden Tag prüfen. Ein Gefühl der Dringlichkeit macht sich breit, ein leiser, aber stetiger Druck, der sich wie ein feiner Nebel über sein Bewusstsein legt. Er steht auf, geht ins Bad, putzt sich die Zähne, duscht. Während das Wasser auf ihn herabprasselt, plant sein Verstand bereits das erste Meeting, formuliert Argumente für eine bevorstehende Verhandlung und notiert mental eine Erinnerung, die Kindergartentasche für seine Tochter zu packen. Er frühstückt nicht, dafür ist keine Zeit. Ein schneller Espresso im Stehen, während er die Aktentasche packt. Auf dem Weg zur Arbeit, im dichten Stadtverkehr, telefoniert er mit einem Kollegen, diktiert eine E-Mail in sein Headset und hört mit einem halben Ohr die Wirtschaftsnachrichten. Er kommt im Büro an, begrüßt seine Assistentin mit einem knappen Nicken und stürzt sich in die erste Besprechung des Tages. Am Abend, auf dem Heimweg, fühlt er sich erschöpft, aber seltsam unerfüllt. Er hat unzählige Aufgaben erledigt, Entscheidungen getroffen und Probleme gelöst. Er hat funktioniert. Aber hat er auch gelebt?

Die Geschichte von Markus ist keine Ausnahme, sie ist die stille Norm für Millionen von Menschen in unserer modernen Leistungsgesellschaft. Es ist die Geschichte eines Lebens, das auf Autopilot geschaltet ist. Ein Leben, das von einer unsichtbaren Kraft gesteuert wird, die so allgegenwärtig ist, dass wir sie für unser eigenes Ich halten: die Macht der Gewohnheit, das unbewusste Skript unseres Verstandes. Der Autopilot ist das Betriebssystem, das wir in der Einleitung kennengelernt haben, in seiner vollen, alltäglichen Ausprägung. Er ist der Grund, warum wir morgens zur Kaffeemaschine greifen, ohne darüber nachzudenken, warum wir im Stau automatisch zum Radio oder zum Handy greifen und warum wir auf Kritik mit Verteidigung oder Gegenangriff reagieren, noch bevor wir die Worte des anderen vollständig verarbeitet haben.

Neurowissenschaftliche Forschungen zeigen, dass ein erstaunlich großer Teil unseres täglichen Verhaltens – Schätzungen reichen von 40 bis zu 95 Prozent – von unbewussten Programmen gesteuert wird. Das Gehirn, in seinem unermüdlichen Bestreben, Energie zu sparen, ist ein Meister der Effizienz. Jede Handlung, jeder Gedanke, der wiederholt wird, bahnt einen neuronalen Pfad. Je öfter dieser Pfad genutzt wird, desto breiter und schneller wird er, bis er zu einer Art mentaler Autobahn wird. Diese automatisierten Routinen werden in den Basalganglien gespeichert, einer tief im Gehirn liegenden Struktur, die als Schaltzentrale für Gewohnheiten und prozedurales Gedächtnis fungiert. Jedes Mal, wenn wir eine Handlung wiederholen, wird die neuronale Verbindung, die dieser Handlung zugrunde liegt, durch einen Prozess namens Langzeit-Potenzierung gestärkt. Mit der Zeit wird die Handlung so automatisch, dass der präfrontale Kortex, der Sitz des bewussten Denkens, der Analyse und des Willens, kaum noch beteiligt ist. Er hat die Aufgabe delegiert. Das ist unglaublich effizient. Stellen Sie sich vor, Sie müssten jeden Morgen neu lernen, wie man Zähne putzt, Auto fährt oder eine Tasse Kaffee kocht. Wir wären handlungsunfähig, gelähmt von der schieren Menge an Entscheidungen.

Der Autopilot ist also nicht unser Feind. Er ist ein überlebenswichtiger Mechanismus, der uns entlastet und kognitive Ressourcen für neue und komplexe Aufgaben freisetzt. Das Problem entsteht, wenn dieser Autopilot nicht nur einfache motorische Abläufe steuert, sondern unser gesamtes Leben übernimmt. Wenn er nicht nur unsere Handlungen, sondern auch unsere Wahrnehmungen, unsere Urteile und unsere emotionalen Reaktionen diktiert. Wenn wir aufhören, bewusste Entscheidungen zu treffen, und stattdessen nur noch auf die Reize der Umwelt reagieren, wie eine Maschine, die ihr vorprogrammiertes Skript abspult. Dann wird der effiziente Diener zum unbemerkten Diktator.

Betrachten wir Markus‘ Tag weiter. Im ersten Meeting des Tages präsentiert ein jüngerer Kollege eine Idee, die Markus‘ eigenem Vorschlag widerspricht. Noch bevor der Kollege ausgeredet hat, spürt Markus einen Anflug von Irritation. Sein Autopilot hat den Reiz – „Widerspruch“ – sofort als „Bedrohung“ eingestuft. Das Programm, das nun abläuft, heißt „Status verteidigen“. Markus unterbricht den Kollegen, zählt die Schwachstellen des Vorschlags auf und wiederholt seine eigenen Argumente mit lauterer Stimme. Er gewinnt die Diskussion, der Vorschlag des Kollegen wird vom Tisch gewischt. Markus fühlt eine kurze Welle der Befriedigung. Sein Autopilot hat funktioniert, die „Bedrohung“ wurde abgewehrt. Was er nicht bemerkt: Er hat eine potenziell innovative Idee im Keim erstickt, den jungen Kollegen demotiviert und das Klima im Team verschlechtert. Er hat nicht bewusst gehandelt, er hat reagiert. Sein Verhalten war das automatische Ergebnis eines tief verwurzelten Programms, das vielleicht schon in der Schulzeit entstanden ist, als er lernte, dass Rechthaben Anerkennung bedeutet.

Dieser Zustand der permanenten geistigen Abwesenheit ist das Markenzeichen des Autopiloten. Wir sind körperlich anwesend, aber geistig abwesend. Wir hören zu, aber wir hören nicht wirklich hin. Wir schauen hin, aber wir sehen nicht wirklich. Wir essen, aber wir schmecken nicht. Das Leben wird zu einer Abfolge von Aufgaben, die erledigt werden müssen, anstatt zu einer Reihe von Momenten, die erfahren werden wollen. Die Ironie dabei ist, dass Markus sich wundert, warum sich in seinem Leben nichts ändert. Er sehnt sich nach mehr Ruhe, mehr Verbindung zu seiner Familie, mehr Sinn in seiner Arbeit. Aber wie soll sich etwas ändern, wenn er jeden Tag die gleichen unbewussten Entscheidungen trifft? Wie soll er neue Wege entdecken, wenn er immer nur auf den ausgetretenen Pfaden seiner neuronalen Autobahnen wandelt?

Der Autopilot ist heimtückisch, weil er uns die Illusion von Wahlfreiheit lässt. Markus würde von sich behaupten, dass er ein selbstbestimmter Mensch ist, der seine Entscheidungen bewusst trifft. Er hat sich bewusst für seine Karriere entschieden, für seine Familie, für sein Auto. Aber er erkennt nicht, dass die unzähligen Mikro-Entscheidungen, die seinen Alltag ausmachen, längst nicht mehr von ihm getroffen werden. Sie werden von dem Programm getroffen, das aus seinen vergangenen Erfahrungen, seinen Überzeugungen und seinen Ängsten besteht. Er reagiert auf eine kritische E-Mail mit einer sofortigen, scharfen Antwort, weil sein Autopilot gelernt hat: „Gefahr! Verteidige dein Territorium!“ Er greift in einer Stresssituation zu einem ungesunden Snack, weil sein Autopilot gelernt hat: „Unbehagen! Suche schnelle Belohnung!“ Er vermeidet ein schwieriges Gespräch mit seiner Frau am Abend, weil er müde ist und sein Autopilot gelernt hat: „Konflikt! Flieh! Das kostet zu viel Energie.“

Die meisten dieser Programme sind uns nicht bewusst. Sie sind die unsichtbaren Fäden, die uns bewegen. Wir halten unsere automatischen Reaktionen für gerechtfertigt und angemessen. Wir glauben, dass die Welt so *ist*, wie wir sie sehen, und erkennen nicht, dass wir nur eine Interpretation der Welt sehen – eine Interpretation, die von unserem Autopiloten gefiltert und gefärbt wird. Wenn Markus im Stau steht und sich über die „Idioten“ vor ihm aufregt, erlebt er nicht den Stau an sich. Er erlebt seine *Reaktion* auf den Stau, ein automatisches Programm, das auf der Überzeugung basiert, dass die Dinge anders sein sollten, als sie sind. Der Stau ist neutral. Er ist einfach eine Ansammlung von Autos. Die Wut, der Stress, der Ärger – all das ist das Produkt seines eigenen Verstandes, seines Autopiloten, der eine Geschichte über die Situation erzählt: „Ich komme zu spät. Das ist eine Katastrophe. Diese Leute können alle nicht fahren. Mein Tag ist ruiniert.“