Waffenbrüder im Streit - Manuel Winkelkotte - E-Book

Waffenbrüder im Streit E-Book

Manuel Winkelkotte

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Beschreibung

Im Nahostkonflikt wurden verhandlungsbereite Fraktionen auf der arabischen Seite von radikalen Störern aus den eigenen Reihen an einer Konfliktlösung mit Israel gehindert. Diesen internen Streit untersucht Manuel Winkelkotte anhand der palästinensischen Nationalbewegung als einen Kampf um die Vorherrschaft von einer Fraktion. In seiner historisch-vergleichenden Studie zeigt er, dass dieser symbolische Kampf vorrangig von der Akkumulation und Monopolisierung von Kriegercharisma bestimmt wurde. Dabei wird die Nationalbewegung nach Pierre Bourdieu als ein politisches Feld definiert, auf dem die Fraktionen dazu bereit waren, sich gegenseitig als Waffenbrüder anzuerkennen, und die mutigste Fraktion konnte für sich hierdurch den Rang eines Vorkämpfers beanspruchen. Herausforderer inszenierten sich jedoch regelmäßig als Avantgarde im Kampf, um dieser Fraktion ihren Rang streitig zu machen, wohingegen der etablierte Vorkämpfer nach einem Ausstieg aus dem Konkurrenzkampf um Kriegercharisma suchte. Die Strategien der Monopolisierung von Kriegercharisma des Vorkämpfers und die Gegenstrategien der Herausforderer mündeten dabei in eine Eigendynamik der Gewalteskalation, deren Mechanismen im Buch aufgedeckt werden. Mit dieser Formalisierung einer Eigendynamik von Gewalt erbringt die Studie einen wichtigen Beitrag zur Konflikt- und Gewaltforschung und behandelt die Frage nach den Möglichkeiten einer Beendigung des Nahostkonfliktes unter einer völlig neuen Perspektive.

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Seitenzahl: 426

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Die vorliegende Arbeit wurde im Jahr 2014 als Dissertation an der Philosophischen Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin angenommen. Sie entstand im Rahmen einer Mitgliedschaft an der Berlin Graduate School of Social Sciences (BGSS) und wurde von der Exzellenzinitiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) gefördert.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Nationalbewegung als politisches Feld

1.1 Der symbolische Kampf um die Repräsentation

1.2 Konkurrenz- und Klassifizierungskämpfe

1.3 Gewaltformen der Macht- und Kampfbeziehung

2 Die Einheit im Kampf als charismatische Ordnung

2.1 Glorifizierung des Leiters und das Nachfolgeproblem

2.2 Kodifizierung der Idee und der charismatische Zyklus

2.3 Einheit im Kampf und Enteignung der Krieger

3 Die Transformation der Nationalbewegung

3.1 Struktur des Feldes der Nationalbewegung

3.2 Institutionalisierung der Bewegung als Quasi-Staat

3.3 Das Transformationsdilemma

4 Erster Zyklus: Der Dauerkriegszustand (1948-68)

4.1 Ursprüngliche Akkumulation in der Suezkrise

4.2 Monopolisierung in der Vereinigten Arabischen Republik

4.3 Institutionalisierung der Gewaltordnung in der PLO

4.4 Transformation nach der Niederlage Nassers

5 Zweiter Zyklus: Der Volkskampf (1967–83)

5.1 Ursprüngliche Akkumulation im Karame-Mythos

5.2 Monopolisierung des Kriegercharismas in der PLO

5.3 Institutionalisierung der PLO als Quasi-Staat im Libanon.

5.4 Transformation durch die diplomatische Wende der PLO

6 Dritter Zyklus: Der bewaffnete Jihad (1983–2012)

6.1 Ursprüngliche Akkumulation in der Ersten Intifada

6.2 Monopolisierung der Intifada durch Hamas und Fatah

6.3 Institutionalisierung von Fatah und Hamas

6.4 Transformation der Hamas in den Parlamentswahlen

7 Die Eigendynamik von Kriegercharisma

7.1 „Einheit im Kampf“ als charismatische Gewaltordnung

7.2 Institutionalisierung der Gewaltordnung

7.3 Transformation der charismatischen Gewaltordnung

Schlussbemerkung

Literatur

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Die symbolischen Positionen auf dem Feld

Tab. 2: Die drei charismatischen Zyklen

Tab. 3: Mechanismus der Institutionalisierung

Tab. 4: Mechanismen der Verselbständigung

Tab. 5: Mechanismus der Transformation – Vorkämpfer

Tab. 6: Mechanismus der Transformation – Feld

Abkürzungsverzeichnis

9/11

World-Trade-Center-Anschläge (11.09.2001)

AL

Arabische Liga (1945–)

ALF

Arab Liberation Front (Irakische Baath-Partei, 1969–)

AMB

Al-Aqsa-Martyrs-Brigades (Fatah, 2000–2007)

BaN

Bewegung arabischer Nationalisten (1948–1967)

BSO

Black September Operation (Fatah-Abspaltung, 1971–1973)

CIA

Central Intelligence Agency (USA)

(P)DFLP

Democratic Front for the Liberation of Palestine (1969–)

DoP

Declaration of Principles (Vertrag von Oslo, 1993)

ESF

Executive Security Force (PA/Hamas, 2006–2007)

EU

Europäische Union

Fatah

Bewegung zur nationalen Befreiung Palästinas (1959–)

FHC

Fatah Higher Committee (Fatah, 1991–)

FLN

Front de Libération Nationale (Algerien, 1954–)

FRC

Fatah Revolutionary Council (Abu Nidal, 1974–)

Hamas

Islamische Widerstandsbewegung (1987–)

IDF

Israel Defence Forces

IJ

Islamischer Jihad in Palästina (1980–)

IQB

Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigaden (Hamas, 1991–)

IWF

Internationaler Währungsfonds

MB

Muslimbruderschaft (Ägypten, 1928–; Palästina, 1945–)

NGO

Non-Governmental Organization

NSF

Palestinian National Security Forces (PA-Polizei, 1994–)

PA

Palästinensische Autonomiebehörde (1994–)

PASC

Palestine Armed Struggle Command (PLO, 1969–)

PFLP

Peoples Front for the Liberation of Palestine (1967–)

PFLP-GC

PFLP-General Command (Ahmed Jibril, 1968–)

PLA

Palestine Liberation Army (PLO-Armee)

PLC

Palestinian Legislative Council (PA-Parlament, 1994–)

PLF

Palestine Liberation Front (1977–)

PLO

Palestine Liberation Organisation (1964–)

PNC

Palestinian National Council (PLO-Parlament)

PNF

Palestinian National Front (besetzte Gebiete, 1973–1982)

PPSF

Palestinian Popular Struggle Front (1967–)

PRC

Popular Resistance Committees (1987–)

PSF

Preventive Security Force (Dahlan/Rajoub; 1994–)

Sa’iqa

Vanguard for the Popular Liberation War (Syrische Baath, 1966–)

SJ

Salafi-Jihadisten (Gazastreifen, 2006–)

STA

Selbsttötungsanschlag (Märtyreroperation/Selb stmordanschlag)

UAC

Unified Arab Command (Ägypten, 1964–1967)

UN

United Nations

UNC

United National Command (PLO, besetzte Gebiete, 1987– 1993)

UNRWA

United Nations Relief and Work Agency (1949–)

USA

United States of America

VAR

Vereinigte Arabische Republik (Ägypten und Syrien, 1958– 1961)

Danksagung

In den mehrjährigen Vorbereitungen haben viele Weggefährten – Betreuer, Kollegen, Freunde und auch meine Mutter – durch ihre Unterstützung, Anregung und Kritik dabei mitgeholfen, dass dieses Buch überhaupt erst entstehen konnte. So bin ich zunächst Herfried Münkler und Klaus Schlichte zu Dank verpflichtet, dass sie die Dissertation betreut und kritisch begutachtet haben. Darüber hinaus haben Michael Kreile, David Apter und Hans Blokland an entscheidenden Wegpunkten dabei geholfen, den aufkommenden Hindernissen zu begegnen. Ohne sie gäbe es dieses Buch nicht.

Ferner möchte ich der „Berlin Graduate School of Social Sciences“ für die Finanzierung meiner Dissertation und meines Forschungsaufenthaltes im Westjordanland danken. Für die Unterstützung vor Ort danke ich Majid Shihade, Helga Baumgarten, Arnaud Garcette und vielen anderen, die mir dort geholfen haben. Zudem hat der „Deutsche Akademische Austauschdienst“ mit seinem Kurzstipendium dafür gesorgt, dass ich das Projekt an der Yale University beginnen und mich dort von einem einzigartigen Umfeld inspirieren lassen konnte. Für ihre kritische Lektüre von Teilen des Manuskriptes möchte ich mich bei André Bank, Barbara Mayer-Scholl, Bernhard Forchtner, Erik Jentges, Margret Johannsen, Sandra Greiffenstern, Sebastian Schiek und Thorsten Peetz bedanken, die dieses Buch erst zu seinem Abschluss gebracht haben. Die Verantwortung für etwaige Ungenauigkeiten und Unzulänglichkeiten verbleibt allein in meiner Hand.

Berlin, 15.12.2014

Manuel Winkelkotte

Einleitung

Warum sind kriegerische Konflikte nur so schwer durch Friedensverhandlungen zu beenden? Warum werden solche Verhandlungen so häufig durch Streit innerhalb einer Konfliktpartei behindert? Warum entstehen dabei radikale Splittergruppen, die den Konflikt so gewaltsam zu eskalieren versuchen? In diesem Buch wird anhand des Nahostkonflikts untersucht, warum kriegerische Konflikte nur schwer durch Verhandlungslösungen zu beenden sind und sich über Jahrzehnte hinziehen können. So befanden sich im Nahostkonflikt zwischen 1948 und 2012 mehrere arabische Staaten und nichtstaatliche Gewaltakteure trotz zahlreicher Verhandlungen kontinuierlich im Krieg mit dem Staat Israel, auch wenn es nur gelegentlich zu Kampfhandlungen kam.

Im Nahostkonflikt zeigte sich wie auch in anderen Fällen, dass nicht nur die Beziehung zwischen den Konfliktparteien entscheidend ist, sondern ebenso Konflikte zwischen rivalisierenden Fraktionen innerhalb der Konfliktparteien eine Verhandlungslösung behindern können. So versuchten Störer wiederholt, den Kampf fortzusetzen, um Fraktionen aus dem eigenen Lager von einer Einigung mit dem Feind abzuhalten. Dieses Buch konzentriert sich allerdings ausschließlich auf die arabische Konfliktpartei, und hierbei vorrangig auf die palästinensische Nationalbewegung, um das besagte Problem zu untersuchen. Dies liegt nicht etwa daran, dass dieses Problem auf israelischer Seite nicht bestünde – man denke dabei nur an die Attentate radikaler Siedler im Friedensprozess –, sondern weil das Problem auf arabischer Seite deutlicher zu Tage trat.

So berührte der Streit innerhalb einer Konfliktpartei immer auch die wichtige Frage, wen die Verhandlungsführer eigentlich repräsentieren. Konnten sie überhaupt kollektiv verbindliche Entscheidungen treffen und wenn ja, für wen? Auch Störer waren letztlich politische Akteure, die nicht einfach nur Verhandlungen blockierten, sondern ebenso eine politische Alternative anboten und damit eigene Repräsentationsansprüche formulierten. In diesem Buch werden daher nicht Mediation, Demobilisierung oder Versöhnungsprozesse thematisiert, sondern das Problem behandelt, dass sich bei Waffenstillständen und Verhandlungen der ursprüngliche Konsens auflöst, der den inneren Zusammenhalt in der Konfliktpartei gestiftet hatte. Dieser Konsens war die Einheit der Waffenbrüder im Kampf, in der Gewaltakteure als Repräsentanten einer imaginierten Gemeinschaft gemeinsam vorgaben, diese stellvertretend zu verteidigen.

Damit wendet sich dieses Buch gegen die Vorstellung, dass die Demobilisierung von Gewaltakteuren lediglich eine Anpassung der Mittel darstellt, mit denen die Konfliktpartei ihre politischen Zwecke zu verwirklichen versucht. Vielmehr handelt es sich um einen Transformationsprozess, bei dem sich das innere Gefüge einer Konfliktpartei ändert, da sich die Einheit im Kampf auflöst und Streit unter den Waffenbrüdern aufkommt. Damit ähnelt das Transformationsproblem einer Konfliktpartei jenem, das eine Oppositionspartei zu bewältigen hat, wenn sie die Regierungsverantwortung übernimmt und Kompromisse eingehen muss.

Dieses Transformationsproblem soll hier in der Entwicklung der palästinensischen Nationalbewegung untersucht werden, bei der drei Zyklen unterschieden werden können (Baumgarten 2005, S. 44). Nachdem arabische Staaten die Entstehung Israels im Krieg von 1948 nicht hatten verhindern können, gründeten palästinensische Araber im Ersten Zyklus die „Bewegung arabischer Nationalisten“ (BaN). Sie begriffen die Palästinenser allerdings noch als Teil einer panarabischen Nation und orientierten sich politisch an dem ägyptischen Präsidenten Nasser. Dieser versuchte, die panarabische Gemeinschaft durch ein imperialistisches Feindbild zu festigen und propagierte die Gründung eines panarabischen Staates. Seinen Hegemonialanspruch versuchte er mit der Gründung der „Palestine Liberation Organisation“ (PLO) zu festigen, die die Palästinenser als Gruppe repräsentieren sollte. Nasser scheiterte jedoch daran, die palästinensischen Rebellen mit der PLO zu kontrollieren. Seine Vorherrschaft zerfiel mit der Niederlage der arabischen Staaten im Sechstagekrieg, woraufhin sich die BaN auflösten. Die Transformation im ägyptisch-israelischen Friedensschluss von Camp David beschwor jedoch im darauffolgenden Zyklus noch interne Konflikte herauf.

Eine eigenständige politische Rolle erhielt die PLO erst im Zweiten Zyklus, nachdem sie von der „Fatah“ übernommen worden war. Von Exilpalästinensern in Kuwait gegründet, hatte sich die Fatah unter der Leitung von Yassir Arafat bereits im Kampf gegen Israel bewähren können und propagierte das Ziel einer palästinensischen Staatsgründung. Sie wurde jedoch bis in die 1980er Jahre von der palästinensischen Linken herausgefordert, die den Kampf gegen den Imperialismus zu radikalisieren versuchten. Unter der Führung der Fatah wandte sich die PLO schrittweise vom bewaffneten Kampf ab, um eine palästinensische Staatsgründung durch Verhandlungen voranbringen zu können. Sie scheiterte jedoch daran, an der Friedenslösung von Camp David beteiligt zu werden, die daher keine Staatsgründung, sondern eine palästinensische Autonomie als Ziel formulierte.

Mit den landesweiten Massenprotesten gegen die israelische Militärbesatzung verdrängten dann national-islamische Gruppen in der Ersten Intifada die linken Fraktionen als zentrale Opposition. Die Grundstruktur des Streits – bewaffneter Kampf oder Staatsbildung – blieb im Dritten Zyklus hingegen dieselbe. Vor allem die neu gegründete Hamas stellte den Führungsanspruch der Fatah sowie die Repräsentativität der PLO als Ganzes in Frage und radikalisierte den bewaffneten Kampf. Nach einer Anerkennung Israels und dem Beginn des Osloer Friedensprozesses in den 1990er Jahren transformierte sich die PLO dann letztlich in die quasi-staatliche palästinensische Autonomiebehörde (PA), die eine von Israel eng begrenzte Gebietsherrschaft im Gazastreifen und dem Westjordanland auszuüben begann. Nach dem Scheitern des Friedensprozesses in der Zweiten Intifada vollzog die Hamas dann die eigene Transformation, indem sie an den Parlamentswahlen der PA teilnahm und nach ihrem Sieg die Regierung stellte. Den folgenden Machtkampf mit der Fatah löste sie militärisch, woraufhin sie die alleinige Gebietsherrschaft als staatliche Autorität im Gazastreifen übernahm und nun von islamistischen Gruppierungen herausgefordert wurde.

Trotz dieses permanenten Streits bildeten die Förderung der arabischen Nation und der palästinensischen Nationalbewegung einen verbindlichen normativen Rahmen politischen Handelns, dem sich alle Beteiligten grundsätzlich unterordneten. Diesen Rahmen nutzten die hegemonialen Fraktionen, um gegenüber Konkurrenten Loyalitätserwartungen zu begründen und Unterordnung einfordern zu können. Die hierfür notwendige Selbstverpflichtung der hegemonialen Fraktionen konnten die Konkurrenten wiederum dazu nutzen, um sie mit Verleumdungen oder eigenen Forderungen moralisch unter Druck zu setzen.

Die Wirksamkeit des normativen Rahmens zeigte sich nicht zuletzt darin, dass alle Fraktionen der palästinensischen Nationalbewegung kontinuierlich versuchten, die gewaltsame Eskalation der internen Konflikte zu vermeiden. Eine solche Eskalation gab es jedoch immer dann, wenn eine Transformation durch symbolische Handlungen angekündigt oder vollzogen wurde, weswegen die grundlegende Frage des Buches folgendermaßen lautet: Warum führte die Transformation der palästinensischen Nationalbewegung zu einer gewaltsamen Eskalation des Streits zwischen konkurrierenden politischen Fraktionen?

Eine solche Untersuchung der internen Konflikte in einer Konfliktpartei bei Verhandlungen ist vor allem deswegen relevant und wichtig, weil sich die bisherige Forschung zur Bürgerkriegsbeendigung stark auf externe Anreize und Mediation konzentriert hat, um etwa das Sicherheitsdilemma zwischen den verfeindeten Parteien überwinden zu können. Störungen durch Splittergruppen wurden dabei meist als strategisches Handeln aufgefasst und direkt auf die Verhandlungssituation bezogen (Stedman 1997, S. 10; Kydd und Walter 2002, S. 289). Innere Dynamiken von Konfliktparteien blieben dabei jedoch unberücksichtigt (Pearlman 2008, S. 79f.), obwohl Kämpfe zwischen Führungspersonen oder Fraktionen in einer Konfliktpartei den Erfolg von Friedensverhandlungen nachweislich stark beeinträchtigten (Zartman 1995, S. 14, 23; King 1997, S. 30–34). Insgesamt blieb in der Debatte unklar, warum, wann und wie Störer als neue Gruppen entstehen.

Auch die Debatte um die Transformation von bewaffneten Gruppen in reguläre politische Akteure thematisiert solche inneren Konflikte kaum. Eine Position versteht unter einer Transformation einen linearen Prozess, bei dem eine bewaffnete Gruppe demilitarisiert und zu einer politischen Partei umgestaltet wird, die sich dann letztlich demokratischen Wahlen stellen muss (Lyons 2004, S. 38; Manning 2004, S. 69; Söderberg Kovacs 2007, S. 176). Eine andere Position kritisiert die Vorstellung einer Demokratisierung und verweist vielmehr auf die Kontinuität autoritärer Strukturen nach einer erfolgreichen Transformation (Close und Prevost 2007, S. 11f.; Deonandan 2007, S. 238–242; Zeeuw 2008, S. 16– 19). Für eine erfolgreiche Transformation sei daher weniger der Demokratisierungsgrad als eine funktionsfähige Organisationsstruktur entscheidend (Nissen und Schlichte 2006, S. 44–47; Dudouet 2012, S. 107). In dieser Debatte wird allerdings keine Erklärung dafür geboten, warum Transformationsprozesse so häufig stagnieren und interne Konflikte hervorrufen, ja sogar deren gewaltsame Eskalation begünstigen.

Erklärungen einer solchen Eskalation finden sich hingegen in der Debatte zum Auftreten kriegerischer Gewalt. Hier fällt auf, dass das innere Gefüge von Gewaltakteuren und deren Organisationsstruktur in den meisten Erklärungen überhaupt keine Rolle spielt. Bei makroquantitativen Studien verschwindet etwa das Gewalthandeln hinter abstrakten Einflussfaktoren und monokausalen Erklärungen wie Leid, Gier und Repression (Gurr und Moore 1997, S. 1081; Collier und Hoeffler 2004, S. 587f.; Fearon und Laitin 2003, S. 75f.). Mikroökonomische Erklärungen bieten eine bessere Rückbindung an die Empirie, konzentrieren sich aber auf das Gewalthandeln von Einzelindividuen und berücksichtigen daher weder die Organisationsstruktur noch die sozialen Grenzen der komplexen Gewaltakteure (Kalyvas 2006, S. 174, 2008, S. 1055). Wenn innere Dynamiken eine Rolle spielen, dann wird die Eskalation von Gewalt meist mit dem Zerfall von Ordnung und Disziplin in Verbindung gebracht (Münkler 2002, S. 134f.; Enzensberger 1994, S. 33; Kaplan 1994, S. 74).

Der Zusammenhang zwischen der Entstehung von Gewaltakteuren und ihrem Gewaltverhalten wird aber nur von wenigen Autoren thematisiert, die auch nur am Rande auf interne Konflikte eingehen (Schlichte 2009, S. 30–36; Reno 2005, S. 129; Weinstein 2007, S. 12; Pearlman 2011, S. 14–20). Lediglich die Radikalisierungsforschung bindet die Entstehung von Splittergruppen an das Ende der Protestzyklen von Bewegungen, wenn sich einzelne Gruppen von der Bewegung lösen, in den Untergrund gehen und ihre Gewaltpraktiken verschärfen (Della Porta und Tarrow 1986; Della Porta 1995, S. 107–134; Crenshaw 2001, S. 19–24). Die Eskalation von innerer Gewalt wird hier durch staatliche Repression, den Wettbewerb zwischen klandestinen Gruppen und ihrer wachsenden Entfremdung von der eigenen Bezugsgruppe erklärt (Malthaner 2011, S. 251–255; Della Porta 2013, S. 71). Allerdings wird hier als Problem hauptsächlich der Zerfall von Protestbewegungen und nicht etwa die Transformation in reguläre politische Akteure behandelt.

Zuletzt können in der Literatur zum Nahostkonflikt drei zentrale Erklärungen für innerpalästinensische Gewalt gefunden werden. Eine erste Position sieht die Ursache der Gewalt in der politischen Exklusion und Repression von palästinensischen Arabern durch die israelische Militärbesatzung, deren Kollaborateure von Rebellen gewaltsam bekämpft würden (Gordon 2008, S. 11f.; Lustick 1993, S. 385–405; Tamari 1990, S. 44; Johannsen 2003, S. 581). Diese Position kann aber nicht erklären, warum sich die Dynamiken der innerpalästinensischen Konflikte in den besetzten Gebieten und in der Diaspora ähnelten, obwohl es in der Diaspora keine Militärbesatzung gab. Die zweite Position macht die sich selbst entgrenzende Dynamik des Terrors nichtstaatlicher Gewaltakteure und die ihm zugrundeliegenden Gewaltideologien für die Eskalation der Gewalt verantwortlich, durch die moderate von radikalen Gruppen verdrängt würden (Netanyahu 1986, S. 218; Levitt 2006, S. 5, 107; Schanzer 2008, S. 55, 195). Sie bietet aber keine Erklärung, woher die beobachtbare Dynamik der Entgrenzung der Gewaltpraktiken eigentlich herrührt. Zuletzt erklärt die dritte Position eine Entgrenzung aller Gewaltformen aus dem Scheitern der Verhandlungen und damit verbunden auch der Transformation der palästinensischen Nationalbewegung (Ghanem 2010, S. 18; Bucaille 2004, S. xix; Hammami und Tamari 2001, S. 18; Legrain 2007, S. 147). Fraglich bleibt jedoch, warum einzelne Schritte in Richtung einer Transformation bereits vor Aufnahme der Verhandlungen regelmäßig zu innerpalästinensischer Gewalt führten.

Um die Eskalation interner Konflikte im Transformationsprozess untersuchen zu können, behandelt dieses Buch die palästinensische Nationalbewegung als ein politisches Feld, dessen Entwicklung historisch-vergleichend untersucht wird. Auf diesem Feld stritten die unterschiedlichen Fraktionen um die legitime Repräsentation der nationalen Gemeinschaft aller Palästinenser. Untersucht wird, wie sich in der Nationalbewegung dauerhafte asymmetrische Machtbeziehungen bildeten und veränderten, die „ein Netz oder eine Konfiguration von objektiven Relationen zwischen Positionen“ (Bourdieu und Wacquant 2006, S. 127) schufen. Solche dauerhaften Feldpositionen konnten dann von unterschiedlichen politischen Fraktionen besetzt werden, die jeweils auf derselben Position ähnliche Handlungen vollzogen oder ähnliche Stellungnahmen abgaben.

Um die dauerhaften Machtkämpfe zwischen Feldpositionen aufdecken zu können, wird der Zweite Zyklus des Kampfes gegen Israel in der Diaspora von 1960 bis 1983 mit dem Dritten Zyklus des Kampfes in den von Israel besetzten Gebieten von 1983 bis 2012 verglichen. Die Feldanalyse untersucht dabei in einem ersten Schritt, wie sich die unterschiedlichen Gruppen im Streit um ein bestimmtes Thema zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten in Bezug aufeinander inhaltlich unterschiedlich positionierten (Swartz 2012, S. 185f.). In einem zweiten Schritt definiert die Feldanalyse Wendepunkte, an denen sich die Beziehungen zwischen den Gruppen auf diesem Feld geändert haben. In einem dritten Schritt werden diese Veränderungen verglichen, um charakteristische Muster zu identifizieren.

Im vorliegenden Fall bestand der Streit darin, ob die Wiederherstellung der Ehre der Palästinenser eher durch eine Vernichtung des Gegners im Kampf oder eine Anerkennung als Staat in der Staatengemeinschaft zu erreichen sei. Anstatt nun Kooperation oder Konflikt zwischen den Fraktionen der Nationalbewegung auf individuelle strategische Entscheidungen zurückzuführen, wird in der Feldanalyse untersucht, wie eine Veränderung der Feldstruktur die Strategiewahl der Fraktionen beeinflusste. Aufgedeckt werden soll hierdurch die Eigendynamik eines politischen Kampfes, der eine Geschichte aufwies und auf einem geteilten normativen Rahmen beruhte, der erst Versprechungen, Verhaltenserwartungen und Vertrauen zwischen den Fraktionen ermöglichte. Im Gegensatz zu einer Spieltheorie, in der Strategien rein auf zukünftiges Handeln hin ausgerichtet werden, berücksichtigt diese Herangehensweise auch diejenigen Verbindlichkeiten, die die Beteiligten bereits zuvor eingegangen waren (Hollis 1995, S. 248).

Als Wendepunkte in der Feldentwicklung werden symbolische Einsetzungsakte identifiziert, durch die die Transformation für Beteiligte und Beobachter gleichermaßen sichtbar und real wurde. Bei diesen symbolischen Akten handelte es sich um offizielle Stellungnahmen und Handlungen, durch die das einigende Feindbild der „Freunde“ in der Bewegung und damit die Einheit im Kampf bedroht wurde. Dies war etwa der Fall, wenn eine Fraktion Waffenstillstände einging, offiziell dem bewaffneten Kampf abschwor oder aber sich an Friedensverhandlungen beteiligte.

In der Rekonstruktion der Feldentwicklung wird vor allem auf drei Materialarten zurückgegriffen. In zentralen Schriften wie dem Manifest der BaN (Zurayk 1956), der PLO-Charta (Harkabi 1980, S. 138–145) und der Hamas-Charta (Mishal und Sela 2002, S. 175–199) präsentierten die Fraktionen ihre eigene Sicht auf das Feld, positionierten sich darin und begründeten die Notwendigkeit wünschenswerter Veränderungen. Die Veränderung der Beziehungen auf dem Feld wird im Anschluss daran aus der umfangreichen Sekundärliteratur rekonstruiert, wobei schwerpunktmäßig auf Standardwerke zurückgegriffen wird. In die Rekonstruktion der symbolischen Konflikte werden zudem Stellungnahmen einbezogen, die über Flugblätter (Legrain 1991b; Mishal und Aharoni 1994), Zeitungen, Presseagenturen und den BBC Monitoring Service verbreitetet wurden. Zusätzlich wurden in einem dreimonatigen Feldaufenthalt im Frühjahr 2011 Experteninterviews erhoben, um widersprüchliche Angaben überprüfen zu können. Die hier vorgenommene Beschränkung auf Sekundärliteratur und zentrale Dokumente ist gerechtfertigt, da in der Arbeit keine neue Geschichte der palästinensischen Nationalbewegung geschrieben werden soll, sondern der Vergleich von Konfliktzyklen der Erklärung des Transformationsproblems und damit der Theoriebildung dient.

Als zentrale These wird für das Transformationsproblem der palästinensischen Nationalbewegung die Eigendynamik einer Herrschaft verantwortlich gemacht, die auf Kriegercharisma beruhte und die die Einheit im Kampf stiftete. Kriegercharisma war dasjenige Prestige, das Gewaltakteure durch spektakuläre Gewaltakte und durch heroische Selbstopfer für die Kriegergemeinschaft erhielten. Eine Herrschaft über Kriegercharisma begründete die Gemeinschaft der Krieger und beruhte grundsätzlich auf einer freien Anerkennung der heroischen Akte durch die Charismagläubigen, wodurch sie nicht erzwungen werden konnten (Weber 1989, S. 121). Eine solche Einheit im Kampf band die Krieger einerseits über Selbstverpflichtungen an die Verteidigung der imaginierten Gemeinschaft, begründete andererseits aber auch Loyalitätserwartungen gegenüber denjenigen, für die stellvertretend gekämpft wurde und die dadurch im Kampf repräsentiert wurden. Diese Loyalitätserwartungen wurden durch das Selbstopfer im Kampf geschaffen, das ein moralisches Schuldverhältnis aufrecht erhielt: „Ihr könnt leben, weil wir für euch sterben.“

Die Einheit im Kampf erhielt aber nicht nur die besagte Gemeinschaft, sondern stabilisierte auch die Hierarchien im Innern der Bewegung. Da die charismatische Herrschaft auf freier Anerkennung beruhte, konnte sich die „mutigste“ Fraktion mit den meisten Märtyrern im Wettbewerb um Kriegercharisma durchsetzen und im Feld die dauerhafte Machtposition des „Vorkämpfers“ besetzen. Herausforderer versuchten allerdings weiterhin, den Wettbewerb um Kriegercharisma mit Anschlägen und Selbstopfern aufrechtzuerhalten, um hierdurch langfristig den Vorkämpfer von seinem Thron stoßen zu können. Der Wettbewerb führte somit zu einer Veralltäglichung des Kriegercharismas, durch die die Hegemonie des Vorkämpfers bedroht wurde.

Der jeweilige Vorkämpfer wurde hierdurch mit dem Transformationsdilemma konfrontiert. Versuchte er, den Konkurrenzkampf um Kriegercharisma durch die Einführung von Regeln zu begrenzen, so entfernte er sich von dem Ideal der freien Gefolgschaft und musste die Ordnung letztendlich mit einer Polizei notfalls gewaltsam durchsetzen. Versuchte er hingegen, den Konkurrenzkampf durch eine Transformation des Konfliktes im Rahmen einer Verhandlungslösung insgesamt zu beenden, so bildete sich eine Avantgarde, die sich leichter als neuer Vorkämpfer inszenieren konnte. Dies war ein Dilemma, da beide Lösungen gleichermaßen interne Konflikte eskalieren ließen und die Einheit im Kampf auflösten. Fatal war, dass die Fraktionen die Einheit im Kampf häufig über eine Eskalation der Gewalt gegen den gemeinsamen Feind wiederherzustellen versuchten.

In den drei folgenden Kapiteln wird zunächst die Theorie des Transformationsdilemmas dargelegt. Da Beobachtungen nie unabhängig von sozialtheoretischen Vorannahmen sind (Joas und Knöbl 2004, S. 25), werden im zweiten Kapitel die grundlegenden Begriffe der hier verwendeten Feldtheorie Pierre Bourdieus eingeführt. Mit der Unterscheidung von Kampfbeziehung und Machtbeziehung werden neue Begriffe geschaffen, um den Wandel der Beziehungen auf dem politischen Feld beschreiben zu können. Das dritte Kapitel thematisiert die Eigendynamik einer auf Kriegercharisma basierenden Herrschaft. Es wird argumentiert, dass die Veralltäglichung dieser charismatischen Herrschaft in der Nationalbewegung charakteristische Konflikte zwischen rivalisierenden Leitern, Fraktionen und Funktionsgruppen hervorrief. Das vierte Kapitel behandelt dann konkret die palästinensische Nationalbewegung als ein politisches Feld (Sayigh 1997b, S. vii; Hilal 2010, S. 37). Hier wird untersucht, wie sich die Struktur des Feldes im Transformationsprozess wandelte, und es wird die Dynamik des Transformationsdilemmas erläutert.

Auf diese theoretische Einführung folgt eine Untersuchung der drei Zyklen der palästinensischen Nationalbewegung. In den drei Kapiteln wird gezeigt, dass die symbolischen Kämpfe in allen drei Zyklen von der Akkumulation und Veralltäglichung von Kriegercharisma bestimmt wurden. Das fünfte Kapitel dient vor allem der Einführung, weil der Konflikt mit Israel im Ersten Zyklus noch vorrangig von arabischen Staaten und deren regionalen Hegemonialkämpfen und nicht von palästinensischen Gruppen geprägt war (Barnett 1998, S. 90, 123). Hier war es die kriegerische Rhetorik eines „permanenten Kriegszustands“, mit der der ägyptische Präsidenten Nasser eine Vorherrschaft unter den Gegnern Israels beanspruchte. Das sechste Kapitel stellt den Zweiten Zyklus vor, in dem sich die Fatah nach dem Rückzug der israelischen Truppen bei Karame mit ihrem „Volkskampf“ und dem Kollektivsymbol des Fatah-Kämpfers (Fida’i) als neuer Vorkämpfer etablieren konnte. Durch die Übernahme der PLO sicherte sich die Fatah ihre Hegemonie auf dem Feld. Das siebte Kapitel stellt den Dritten Zyklus vor, der mit dem landesweiten Aufstand der Ersten Intifada begann, durch den sich der palästinensische Steinewerfer (Shahid) als neues Kollektivsymbol eines primär zivilen Ungehorsams etablierte. Zugleich formierte sich aber auch eine Avantgarde nationalislamischer Fraktionen, die den bewaffneten Kampf mit der Idee des „Jihad“ und dem Kollektivsymbol der „Märtyreroperation“, den Selbsttötungsanschlägen, neu besetzte.

Das achte Kapitel vergleicht die letzten beiden Zyklen, um Mechanismen zu identifizieren, mit denen eine Eskalation von interner Gewalt im Transformationsprozess der palästinensischen Nationalbewegung erklärt werden kann. Hier wird gezeigt, warum sowohl die Transformation als auch die Einführung einer Gewaltordnung zur Begrenzung des Konkurrenzkampfes zu einer Legitimitätskrise führte und in interne Gewalt mündete. Dieses Kapitel konkretisiert das Transformationsdilemma, indem es die Prozesse der Veralltäglichung von Kriegercharisma als Mechanismen formalisiert, um andere Fälle einer Transformation bewaffneter Gruppen untersuchen zu können.

1 Die Nationalbewegung als politisches Feld

Dieses Kapitel dient dazu, in die zentralen Konzepte der Sozialtheorie von Pierre Bourdieu einzuführen, in der auch der Streit um die politische Repräsentation auf dem politischen Feld behandelt wird. Diese Theorie ist wichtig, weil sie verdeutlicht, dass Repräsentation und Stellvertretung nicht ausschließlich durch Wahlen hergestellt werden. Vor allem in unverfassten Gemeinwesen wie einer Nationalbewegung wird deutlich, dass diese über eine Art der „Amtsanmaßung“ hergestellt wird, der immer auch widersprochen werden kann. Das heißt, politische Akteure können sich selbst zum Anwalt einer Gruppe aufschwingen und durch die Inszenierung stellvertretenden Handelns von dieser Gruppe anerkannt werden und Glaubwürdigkeit erlangen. Gibt es jedoch wie im vorliegenden Fall mehrere Fraktionen, die Repräsentationsansprüche anmelden, dann befinden sich diese als Konkurrenten in einem symbolischen Kampf und bilden ein politisches Feld.

Dieses Buch greift Bourdieus Theorie symbolischer Kämpfe auf und folgt damit der Vorstellung, dass in politischen Feldern ständig Hegemonialkämpfe ausgefochten werden, die in Konkurrenzkämpfe und Klassifizierungskämpfe unterschieden werden können. In Konkurrenzkämpfen ist der Streitgegenstand selbst unstrittig, sodass es lediglich darum geht, wer sich in Bezug auf den gemeinsam geteilten Wert am besten bewährt. In diesem Fall war es vor allem das Wohl der Nation und der bewaffnete Kampf gegen Israel. Bei Klassifizierungskämpfen wird zusätzlich darum gestritten, welcher Wert am wichtigsten ist, ob also eine Staatsbildung oder der Kampf Vorrang hat.

In diesem Kapitel wird die Theorie erweitert, um die Entstehung von physischer Gewalt als eine Felddynamik erklären zu können, bei der Konkurrenzkämpfe in Klassifizierungskämpfe umschlagen. Konkurrenzkämpfe werden vor allem über symbolische Gewalt ausgetragen. Die beidseitige Anerkennung eines gemeinsamen Wertes bildet die Grundlage für eine Machtbeziehung zwischen den Konkurrenten. Sie setzen sich dann gegenseitig dadurch unter Druck, indem eine Partei behauptet, dass die Aktionen der anderen Partei den Ansprüchen dieses Wertes nicht genügen bzw. dass sie selbst einfach mehr leistet. Sind sich beide Parteien hingegen nicht mehr über den gemeinsamen Wert einig, so kommt es zum offenen Konflikt, durch den die Machtbeziehung in eine Kampfbeziehung übergeht und beide Parteien eine Schädigungsabsicht entwickeln, bei der nun auch physische Gewalt hinzugezogen werden kann.

1.1 Der symbolische Kampf um die Repräsentation

In diesem Buch wird nicht eine einzelne bewaffnete Gruppe, sondern werden die Entstehung und der Wandel mehrerer Gruppen auf dem Feld der Nationalbewegung mit der Feldtheorie Pierre Bourdieus untersucht. Damit bildet dieses Feld und nicht etwa eine einzelne politische Fraktion den zentralen Untersuchungsgegenstand. Da unterschiedliche Fraktionen in der palästinensischen Nationalbewegung um die legitime Repräsentation der Palästinenser stritten, handelt es sich um ein politisches Feld, auf dem Politiker und Parteien vorgeben, für eine bestimmte Gruppe zu sprechen und zu handeln.

Stellvertretendes Handeln und politische Repräsentation stellen laut Bourdieu auf einem solchen Feld immer eine Form der Amtsanmaßung dar, wodurch sich sein Repräsentationsbegriff deutlich von dem der Demokratietheorie unterscheidet, die diesen eng an Wahlen bindet (vgl. Mansbridge 2003). Politiker und politische Fraktionen beziehen ihm zufolge ihre Macht immer aus „dem Glauben der Gruppe an seine [und ihre] Repräsentation der Gruppe, die eine Repräsentation der Gruppe selbst und ihrer Beziehungen zu den anderen Gruppen ist“ (Bourdieu 2001a, S. 99). Damit garantiert allein der Glaube und nicht eine spezifische Form der Herstellung dieser Beziehung die Gültigkeit von Repräsentation.

Die Gültigkeit einer Repräsentationsbeziehung ist aber nicht nur davon abhängig, ob die repräsentierte Gruppe dies glaubt, sondern auch davon, ob die beanspruchte Repräsentation von den anderen Gruppen anerkannt wird, gegenüber denen die Gruppe vertreten werden soll. Repräsentation wird durch Repräsentationsansprüche der Repräsentanten geschaffen und stellt eine Beziehung zwischen der Gruppe der Repräsentierten, dem Repräsentanten selbst und Dritten her, gegenüber denen die Gruppe repräsentiert werden soll (Jentges 2010, S. 80; Saward 2006, S. 298).

Ein politisches Feld unterscheidet sich von einer einfachen Repräsentationsbeziehung dadurch, dass mehrere Akteure um die Durchsetzung ihrer Repräsentationsansprüche kämpfen. Repräsentationsansprüche einzelner Akteure werden somit beständig herausgefordert, wobei sich die Kontrahenten immer darüber einig sein müssen, dass die Repräsentationsbeziehung, um die letztlich gestritten wird, grundsätzlich besteht. Damit pendeln die Beziehungen auf dem Feld permanent zwischen Kampf und Konkurrenz (vgl. Simmel 1972, S. 88–92; Bourdieu und Wacquant 2006, S. 38), da sich die Feldteilnehmer nicht nur aneinander orientieren, sondern sich auch auf Unterstützergruppen in angrenzenden Feldern beziehen (Bourdieu 2001a, S. 86–88). Als Repräsentanten müssen sie daher nicht nur um die Gunst der repräsentierten Gruppe, sondern auch die derjenigen Gruppen werben, vor denen die Repräsentierten vertreten werden sollen. Letztere entscheiden dann zunehmend über Sieg und Niederlage in den symbolischen Kämpfen auf dem Feld der Repräsentation. Gleichzeitig kämpfen sie aber auch direkt auf dem Feld um die Vorherrschaft, also um die Rolle des legitimen Repräsentanten, die allein durch eine Anerkennung von Seiten der Konkurrenten erreicht werden kann.

Das politische Feld ist somit ein Kampffeld, auf dem politische Fraktionen um die legitime Repräsentation der gemeinsamen Bezugsgruppe vor anderen Gruppen streiten. Als Feld ist es „ein Netz oder eine Konfiguration von objektiven Relationen zwischen Positionen“ (Bourdieu und Wacquant 2006, S. 127), bildet also dauerhafte und hierarchische Machtbeziehungen zwischen identifizierbaren Positionen aus, die von unterschiedlichen Akteuren besetzt werden können. Eine relative Autonomie erhält ein Feld dadurch, dass seine Positionen nicht mehr unmittelbar an bestimmte Personen oder Fraktionen gebunden sind. Die Position des Parteichefs bleibt etwa auch dann erhalten, wenn der charismatische Leiter das Amt aufgibt.

Das politische Feld ist aber vor allem erkennbar an der „Doxa“, dem zentralen Glauben, dem alle Feldteilnehmer anhängen, etwa die Heiligkeit der Nation, des Staates oder der parlamentarischen Debatte. Was jeweils als heilig gilt, hängt mit Form und Grad der Institutionalisierung von politischer Herrschaft zusammen, etwa der Stärke des Staates und dem Stellenwert von Demokratie. So zeigt sich die Stärke des gemeinsamen Glaubens der Feldteilnehmer darin, wie sehr diese gemeinsam „Ungläubige“ diffamieren, die den Wert des gemeinsamen Spiels missachten (Bourdieu 2001a, S. 79). Die „Doxa“ verbindet als heiliger Kern eines Feldes dessen Mitglieder, indem diese die Gruppe als Gruppe achten, sich also gegenseitig anerkennen.

Darüber hinaus definiert das Feld eine spezifische „Illusio“, die bestimmt, worum in dem jeweiligen Feld gekämpft wird. Im Fall des politischen Feldes heißt dies, dass die Konkurrenten nicht primär an Geld oder Erkenntnis interessiert sind, sondern um die Macht kämpfen, das Leben der Repräsentierten verändern zu können. Ihr gemeinsames Interesse ist somit in der Regel, „die Macht über den Staat“ zu erlangen (Bourdieu 2001a, S. 51). Es wird deswegen von „Illusio“ gesprochen, weil für Außenstehende der Wert des Spiels vollkommen unverständlich ist, ihnen das Spiel daher nur als eine Illusion erscheint. Für die Feldteilnehmer aber ist es die Voraussetzung dafür, dass sie ihr Handeln gegenseitig verstehen und aufeinander reagieren können. Eine gemeinsame Illusio der Praktiken ist notwendig, damit Handlungen im Feld relevant werden und anschlussfähig bleiben. Ist dies nicht der Fall, so droht der Ausschluss oder im besten Fall werden Handlungen von anderen Teilnehmern als irrelevant bezeichnet und ignoriert.

Dass Handlungsmotivationen vom Feld geschaffen werden, wird vor allem in den Fällen deutlich, wo Menschen einen Großteil ihrer Zeit und ihre Gesundheit als Einsatz in das Spiel einbringen oder sogar ihr Leben freiwillig für das Spiel opfern. Gerade letzteres ist aus der Perspektive nutzenmaximierender Individuen unverständlich, da eine Kalkulation von Nutzen immer auf den Fortbestand des Individuums angewiesen ist. Der eigene Tod hat für das Individuum aber keinen Nutzen, mit ihm lässt sich einfach nicht kalkulieren. Warum sich Personen dennoch freiwillig opfern, kann mit einem auf ein Feld bezogenes Interesse besser erklärt werden: Die Feldteilnehmer sind so sehr vom Spiel gefangen, dass sie den Wert des Spiels über das eigene Leben stellen. Die Illusio ist somit eine Einsicht darin, dass sich das eigene Engagement und die Investitionen in das Spiel lohnen, und kann sich zu einer Leidenschaft entwickeln, die im Extremfall in die völlige Selbstunterwerfung unter die Logik des Spiels mündet (Bourdieu 2007b, S. 140–150).

Je mehr sich politische Felder institutionalisieren und eine „Doxa“ und „Illusio“ ausbilden, desto stärker kommt es unter den Teilnehmern zur Entstehung eines spezifischen Gruppenhabitus. Der Habitus ist das Resultat einer früheren Sozialisation des Körpers in sozialen Feldern und damit verinnerlichtes Praxiswissen über die Welt. Der Habitus stellt „Erzeugungs- und Ordnungsgrundlagen für Praktiken und Vorstellungen“ (Bourdieu 2008, S. 98) bereit, um in sozialen Feldern überhaupt sinnhaft handeln zu können. Wie wichtig ein solcher Habitus ist, zeigt sich meist in informellen und formellen Aufnahmehürden des Feldes. Diese können den Charakter einer mehrjährigen Initiation annehmen, in der junge Politiker juristische Expertise erwerben und von älteren Politikern in Tricks und Kniffe eingewiesen werden (Bourdieu 2001a, S. 48). Die Initiation und Verinnerlichung ähnelt dann einer zweiten Geburt und unterscheidet sich von einem bloßen Erlernen, wie das Verhältnis eines Muttersprachlers zu einem Sprachschüler (Bourdieu 2008, S. 123–125). Daher schafft das Praxiswissen des Habitus einen unbewussten Sinn für das Spiel, was sich bei Politikern in einer Kompetenz äußert, gemessen an seiner Position im Feld richtig zu handeln und das Passende zu sagen, ohne hierüber jederzeit reflektieren zu müssen:

Ein erfahrener Politiker ist in der Lage, den objektiven Sinn und die soziale Wirkung seiner Stellungnahmen praktisch zu kontrollieren aufgrund seiner Kenntnis des Raums der aktuellen und vor allem potentiellen Stellungnahmen, genauer: des Prinzips dieser Stellungnahmen, nämlich des Raums der objektiven Positionen im Feld und der Dispositionen derjenigen, die diese Positionen besetzen (Bourdieu 2010, S. 53f.).

Aber nicht nur der einzelne Politiker, sondern auch die Parteien müssen sich an dem Raum von Positionen orientieren, deren eigene Stellung darin von ihrer Glaubwürdigkeit abhängt. In Demokratien wird die Frage der Glaubwürdigkeit häufig auf Wahlen und Demoskopie reduziert. Dabei wird aber übersehen, dass die Glaubwürdigkeitsfrage zuvorderst im Feld selbst gestellt wird, und zwar von den Kontrahenten. Inwiefern ihre Kritik berechtigt ist, bemisst sich allerdings nicht nur am Wahrheitsgehalt der Kritik, sondern vor allem an der Glaubwürdigkeit des Kritikers. Das heißt, dass die Glaubwürdigkeit immer nur relativ als Beziehung zwischen dem politischen Prestige der Kontrahenten einer symbolischen Auseinandersetzung bestimmt werden kann. Dabei handelt es sich aber nicht um ein Nullsummenspiel, da auch das gesamte Feld bei „Politikverdrossenheit“ an Glaubwürdigkeit verlieren oder bei einer breiten Mobilisierung der Massen Glaubwürdigkeit gewinnen kann.

Prestige auf dem politischen Feld wird politisches Kapital genannt. Hierbei handelt es sich um eine feldspezifische Form des symbolischen Kapitals, dessen Ausmaß das soziale Prestige einer Person oder einer Gruppe widerspiegelt. In der Regel beruht symbolisches Kapital auf materiellen Kapitalsorten, die als Träger des Prestige dienen (Bourdieu 2007b, S. 108). Laut Bourdieu (2005, S. 57) bestimmen drei grundlegende materielle Kapitalsorten die Kämpfe in allen sozialen Feldern: ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. Hierbei handelt es sich um nichts anderes als akkumulierte Arbeit, akkumuliertes Wissen und mobilisierbare Kontakte bzw. die Organisationsmacht einer Gruppe. Diese sind distributiv, das heißt, ihr Nutzen ist vom relativen Seltenheitswert abhängig und sie sind in begrenztem Maße wechselseitig transformierbar, etwa wenn eine Gruppe zur eigenen Bereicherung Raubüberfalle organisiert, oder wenn Individuen vorhandene Geldmittel zur Durchführung eines Vollstudiums nutzen.

Dauerhafte Machtpositionen werden vor allem durch institutionalisierte Formen der jeweiligen Kapitalsorten abgesichert: Das Eigentumsrecht schützt den Besitz, Diplome und Zeugnisse sichern die Exklusivität von Wissen und Fertigkeiten und dauerhafte Beziehungsnetzwerke zeigen sich in Ehren- und Adelstiteln. Was alle Kapitalsorten eint – und was sie gesellschaftlich zu einem Unterscheidungs- und Hierarchisierungsinstrument werden lässt – ist die Zeit, die man zu ihrer Akkumulation aufwenden muss. Monopole wie Parteien und Staaten können gebildet und verteidigt werden, weil in ihnen über Jahrzehnte oder Jahrhunderte Kapital angehäuft wurde, was die Gruppe potenzieller Herausforderer mit einer ähnlichen Kapitalausstattung eng begrenzt.

Inwiefern die Kapitalsorten aber in symbolischen Konflikten auch tatsächlich eingesetzt werden können, hängt von der Verschleierung dieser Machtformen durch das symbolische Kapital ab, das Machthandeln erst als legitime Herrschaft erscheinen lässt. Fehlt dieses symbolische Kapital, dann werden nicht selten Besitz als Enteignung, Diplome als verschleierte Inkompetenz und Beziehungen als Klüngel diffamiert. Damit beruht die Wirkung des symbolischen Kapitals immer auf der stillschweigenden Einwilligung der Machtunterworfenen, die prinzipiell auch entzogen werden kann. Entsprechend ist das symbolische Kapital nicht distributiv, sondern evaluativ und abhängig von Diskursen und sozialen Kämpfen um die Definitionsmacht auf einem Feld (Eder 2002, S. 65). Da es an andere Kapitalsorten gebunden ist, kann Prestige nie unabhängig, wohl aber relativ autonom sein, da es grundsätzlich auf Anerkennung beruht.

Politisches Kapital kann aber auch institutionalisiert werden, indem es in Machtsymbole wie etwa die Krone überführt wird (Bourdieu 2001a, S. 98). Aber auch Gebäude wie Regierungssitz und Parlament haben einen solchen symbolischen Wert und werden daher bei Putschversuchen und Revolutionen zum Ziel der Aufständischen. Die entscheidende materielle Kapitalsorte, die hinter dem politischen Kapital steht, ist das soziale Kapital (Bourdieu und Wacquant 2006, S. 152). Die politische Macht einer Gruppe erwächst zunächst aus der gegenseitigen Anerkennung ihrer Mitglieder und ihr Zusammenhalt beruht auf dem Glauben an die Höherwertigkeit der eigenen Gruppe. Da bewaffnete Gruppen ebenso politische Akteure sind, gilt für sie das Gleiche: Ihre Mitglieder müssen sich gegenseitig darin anerkennen, dass der gemeinsame Gebrauch von Gewalt gegen politische Gegner grundsätzlich legitim ist. Ihr Zusammenhalt ist bedroht, wenn dies nicht mehr der Fall ist.

Ob Partei, politische Fraktion oder bewaffnete Gruppe, alle begrenzen die Beteiligung von Individuen an der Politik, wenn sie ein Monopol auf politisches Kapital herausbilden (Bourdieu 2001a, S. 69). Zwar können unabhängige Politiker durch eigene Heldentaten und die Bewältigung von Krisen persönliches Charisma akkumulieren (Bourdieu 2001a, S. 100f.). Ebenso können Adelige und Notabeln auf das persönliche Charisma ihrer Familie zurückgreifen. Dennoch wird der Spielraum charismatischer Individuen begrenzt, wenn sich das politische Feld institutionalisiert und von professionellen Parteien kontrolliert wird, die über die Aufstellung von Kandidaten entscheiden. Die Beteiligung von Laien wird schon allein dadurch eingeschränkt, dass sie nicht von der Politik leben und daher weniger Zeit investieren können. Außerdem wird der politische Diskurs von den Parteien beschränkt, die darüber befinden, ob etwas im Feld relevant ist oder nicht.

Laut Bourdieu (2001a, S. 53) ist die Partei damit „eine Art Bank mit einem politischen Kapital und der Generalsekretär eine Art Bankier“, welche den Zugang von Personen zu politischen Spitzenpositionen kontrollieren. In planwirtschaftlich organisierten Staaten, in denen die Bildung unabhängiger ökonomischer Machtpositionen unterbunden wird, ist der Zugang zum politischen Kapital sogar grundlegendes Unterscheidungsmerkmal und Hierarchisierungsprinzip (Bourdieu 2007b, S. 31). Dies zeigt sich dann in einer dem Adel ähnelnden Politikerdynastie und der privaten Aneignung öffentlicher Güter, wie etwa Dienstwohnung und -wagen und einem privilegierten Zugriff auf staatliche Dienstleistungen.

Auf den ausdifferenzierten politischen Feldern westlicher Staaten kämpfen somit Personen mit einem Politikerhabitus mit- und gegeneinander, deren Macht von der Position ihrer Partei und ihrer Position innerhalb dieser Partei abhängt, die alle zusammen der Illusio unterliegen, dass sich die Investition von Zeit in endlose Debatten und magere Kompromisse prinzipiell lohnt und dem gemeinsamen Glauben anhängen, dass ihr Spiel vor einer lethargischen und apolitischen Mehrheit geschützt werden muss. Das politische Feld bildet dann eine Arena, in der Politiker und Parteien gegeneinander antreten. Eine solche Arena ist aber nicht nur ein Kampfplatz, sondern gleichzeitig auch Bühne und Schauplatz, auf dem Inszenierungen strategisch eingesetzt werden, um bei einem oder mehreren Publikumskreisen eine bestimmte Wirkung zu erzielen (Willems 2009, S. 80, 105 Fn 62).

1.2 Konkurrenz- und Klassifizierungskämpfe

In parlamentarischen Demokratien stehen sich Parteien wie Kampforganisationen gegenüber. Dort findet aber eine „sublimierte Form des Bürgerkriegs“ (Bourdieu 2001a, S. 83) statt und in der Regel wird mehr debattiert als geschossen. Dies ist in anderen Weltgegenden allerdings nicht der Fall, wo politische Gewalt einen wichtigen Stellenwert in der Bekämpfung von Konkurrenten einnimmt. Wie kann die Anwendung von physischer Gewalt in symbolischen Kämpfen erklärt werden?

Zunächst einmal muss man zwischen Konkurrenz- und Klassifizierungskämpfen unterscheiden. In Konkurrenzkämpfen sind sich Parteien über den Streitgegenstand einig – etwa der Sieg über den Feind oder der Kampf gegen die Armut – und versuchen, die Unterstützung anderer Gruppen zu mobilisieren. Aus dieser Organisationsmacht einer Fraktion, dem persönlichen Kapital ihrer Mitglieder und den Koalitionen mit anderen Gruppen ergibt sich somit ihr relatives Machtpotenzial vis-à-vis anderer Fraktionen auf dem politischen Feld. In Konkurrenzkämpfen muss die Organisationsmacht allerdings über die Praktiken des Regierens in die Praxis von Entscheidungen überführt werden, wodurch eine materielle Ebene von einer symbolischen Ebene der Inszenierung unterschieden werden kann.

Die Kluft zwischen materiellem Sein und symbolischen Schein ermöglicht überhaupt erst Strategien des Blendens und Täuschens in symbolischen Kämpfen (Schwingel 1993, S. 102f.). Dies machen sich gerade bewaffnete Gruppen zunutze, wenn sie als politische Akteure die von ihnen repräsentierte Gruppe vor einem externen Gegner zu schützen versuchen. In westlichen Staaten besitzt das Militär ein Monopol auf den Kampf gegen externe Gegner und Parteien verfügen nicht über eigene Milizen, um sich in symbolischen Kämpfen hierüber profilieren zu können. Im vorliegenden Fall bildet dieser Kampf jedoch einen Teil der politischen Auseinandersetzung. Auf einer materiellen Ebene befinden sich die Gruppen unmittelbar mit ihrer Organisationsmacht in Konkurrenz zueinander, die sich in der Anzahl an Militäroperationen oder an mobilisierter Gefolgschaft auch direkt messen lässt. Darüber hinaus gibt es allerdings noch die symbolische Ebene, auf der die Repräsentationsbeziehung inszeniert wird.

Die Anerkennung auf der symbolischen Ebene folgt der Logik des Gabentauschs (Mauss 2007/1924, S. 58, 84): Repräsentanten inszenieren die Beziehung, indem sie ihr Handeln als stellvertretendes Handeln, als Gabe an die Repräsentierten darstellen. Ob diese Gabe durch eine Gegengabe der Anerkennung akzeptiert wird, hängt dann von der Glaubwürdigkeit der Inszenierung und ebenso davon ab, ob ihr wichtige Gruppen widersprechen. So können bewaffnete Gruppen mit dem minimalen Aufwand eines Sprengstoffanschlags auf ein Herrschaftssymbol des Gegners, maximale symbolische Profite erzielen. Strategisch eingesetzt kann die Performance somit als „Camouflage“ hinter dem tatsächlichen Machtpotenzial zurückbleiben oder als „Bluff“ darüber hinausweisen. Materiell-distributive und symbolisch-evaluative Logiken sind somit nur lose gekoppelt, da materielle Kapazitäten immer auch symbolisch inszeniert werden müssen, um wirksam zu werden.

Es geht aber in den Kämpfen auf dem Feld um mehr als die bloße Akkumulation symbolischen Kapitals zur Erhaltung der Hegemonie über die Mitkonkurrenten. Politische Kämpfe sind vor allem auch Klassifizierungskämpfe um die Durchsetzung einer bestimmten Weltsicht, um die Definition symbolischer Grenzen, mit der soziale Gruppen unterschieden und ihnen unterschiedliche Attribute zugeschrieben werden. Dabei greifen politische Agenten meist auf bereits bestehende soziale Unterschiede zurück, um diese dann mit Bedeutung aufzuladen. Die Repräsentationsbeziehung ist somit zirkulär, da irgendwann nicht mehr erkennbar ist, ob die Gruppe ihren Repräsentanten oder der Repräsentant die Gruppe erschafft (Schwingel 1993, S. 155–160).

Aus diesem Grund ist jeder Versuch, die eigenen Sicht- und Teilungsprinzipien öffentlich durchzusetzen, ein politischer Akt. Damit verbunden ist auch jeder Anspruch auf Repräsentation einer Gruppe ein politischer Akt und muss sich dem Spiel auf dem politischen Feld stellen, wo er meist von Konkurrenten in Frage gestellt wird. Auf dem politischen Feld kämpfen die Repräsentanten somit immer um die Absicherung ihrer Machtpositionen als legitime Herrschaft, indem sie ihre Sicht- und Teilungsprinzipien als allgemeingültig durchzusetzen versuchen. In institutionalisierten politischen Feldern mündet dies in einen Kampf um die Macht über den Staat als zentrale Instanz, die Klassifikationen und Normen festschreibt und für andere soziale Felder handlungsrelevant werden lässt (Bourdieu 2001a, S. 55).

Hierzu positionieren sich die Kämpfenden mit charismatischen Ideen im politischen Feld, die den Repräsentierten eine eigene Weltsicht und einen Zukunftsentwurf bereitstellen. Sie präsentieren somit eine eigene Interpretation des Feldes und relevanter Probleme, die sie zu lösen beabsichtigen, um damit das Leben der Repräsentierten zu verbessern. Das heißt, dass charismatische Ideen etablierter Gruppen von aufstrebenden Gruppen immer nur mit Hilfe einer neuen charismatischen Idee herausgefordert werden können, die einerseits die „Doxa“ des Feldes aufgreift und anerkennt, diese aber anderseits mit anderen Inhalten besetzt und damit den Repräsentierten eine neue Perspektive auf die Welt präsentiert:

Politik ist ein Kampf um Ideen, aber einen ganz besonderen Typ von Ideen, fundamentale Ideen (idées-forces), die als Mobilisierungskraft fungieren. Wenn das von mir vorgeschlagene Teilungsprinzip von allen anerkannt wird, wenn mein nomos zum universellen nomos wird, wenn alle die Welt so sehen, wie ich sie sehe, dann habe ich die ganze Kraft der Personen, die meine Sicht teilen, hinter mir (Bourdieu 2001a, S. 51).

Da diese Ideen jedoch abhängig von den Positionen auf dem Feld und der dort als Adressaten zu mobilisierenden Gruppen sind, können sie auch als Stellungnahmen untersucht werden, die sich aufeinander beziehen und Repräsentationsansprüche darstellen (Saward 2006, S. 298). Diese müssen nicht ausschließlich Sprechakte sein, auch (Gewalt-) Handlungen können im Kontext der Beziehungen als Stellungnahme gelten oder eine solche bekräftigen. Die Feldanalyse untersucht dann die Beziehungen auf dem Feld, indem sie diese aus den sich aufeinander beziehenden Stellungnahmen dechiffriert.

Durch den Inhalt, die Art und den Adressaten einer Beleidigung können unter Berücksichtigung der Reaktionen der betroffenen Gruppe sowohl die sozialen Positionen der Gruppen auf dem Feld als auch die zwischen ihnen stattfindenden symbolischen Kämpfe rekonstruiert werden. Während die Gemeinsamkeiten in den Stellungnahmen die Konkurrenz der Fraktionen in der Repräsentationsbeziehung gegenüber der gemeinsamen Bezugsgruppe darstellt, kann man aus den Unterschieden und den wechselseitigen Bezügen in den Stellungnahmen den Kampf auf dem Feld ermitteln. Sich aufeinander beziehende politische Ideen zeigen somit die Machtbeziehungen auf dem Feld, wobei häufig eine charakteristische Konfliktbeziehung zwischen pragmatischen Realisten (etablierte Arrièregarde) und Idealisten (aufstrebende Avantgarde) erkennbar ist (Bourdieu 2001a, S. 88–95). Solch eine stabile Konfliktbeziehung ist aber nur ein Grenzfall, da es in der Regel mehrere Konflikte gibt, wodurch sich Koalitionen je nach Streitgegenstand ständig verschieben.

Woher aber beziehen charismatische Ideen ihre Glaubwürdigkeit, warum vertrauen die Repräsentierten den Repräsentanten? Da sich politische Ideen auf Projekte in der Zukunft beziehen, sind es Versprechungen, deren Umsetzbarkeit im Moment der Formulierung kaum überprüft werden kann. Die Glaubwürdigkeit steht damit zunächst in enger Verbindung mit der Organisationsmacht derjenigen Fraktion, die hinter dieser Idee steht und die für ihre Gültigkeit bürgt. Wie bei einer Bonitätsprüfung kann nur an dem Unterstützerkreis, dessen Opferbereitschaft und den früheren Heldentaten der Fraktion abgeschätzt werden, ob die Bürgschaft trägt. Analog zu den Konkurrenzkämpfen ist auch hier die richtige Inszenierung für die Glaubwürdigkeit entscheidend. Politische Ideen sind somit anerkennungsbedürftige Zukunftsversprechen, deren Glaubwürdigkeit sowohl von dem politischen Kapital der Fraktion als auch von der Performance, einer Bewährung durch Taten abhängt:

Was im Munde des einen ‚inkompetentes Gerede‘ wäre, ist eine vernünftige Vorhersage im Munde des anderen. Politische Äußerungen, Programme, Versprechen, Prognosen […] sind nie logisch verifizierbar oder falsifizierbar; sie sind nur in dem Maße wahr, wie derjenige, der sie äußert […] imstande ist, sie vor der Geschichte wahr zu machen, indem er sie in der Geschichte geschehen lässt (Bourdieu 2001a, S. 97).

Eine charismatische Idee kann man daher auch als einen Scheck bezeichnen, von dem nicht ganz klar ist, ob er gedeckt ist oder nicht, ob also das Versprechen am Ende tatsächlich eingelöst werden kann. Nun liegt es in der Natur politischer Utopien, dass deren Versprechen von „Befreiung“, „sozialer Gerechtigkeit“, oder „Wohlstand“ in der Regel nie voll eingelöst werden können. Solange eine Fraktion allerdings nicht unmittelbar Regierungsverantwortung übernehmen muss, haben die Charismagläubigen kaum die Möglichkeit, eine Kluft zwischen Versprechung und tatsächlichem Handeln zu entdecken. Auch ein ungedeckter Scheck ist damit glaubwürdig, solange er nicht eingelöst wird. Die Hoffnung auf eine Verwirklichung des politischen Heilsversprechens bildet somit die Mobilisierungskraft der „idées forces“.

Eine Fraktion schöpft somit ihr politisches Kapital aus dem Vertrauen der Repräsentierten, dass die charismatische Idee insgesamt Gültigkeit besitze und prinzipiell umsetzbar sei. Gemäß der Logik des Gabentausches wird ihr dadurch der oben beschriebene Kredit zuteil. Die Repräsentierenden sind aufgrund dieser Schuld gezwungen, bis zur Gegengabe – eine im Prinzip nie vollständig eintretende Erfüllung der Prophezeiung – eine gute Figur zu machen und ihrer Idee gegenüber Ernsthaftigkeit zu beweisen. Daher sind politisch Handelnde, seien es Individuen oder Gruppen, so stark von allem betroffen, was ihre Glaubwürdigkeit bedrohen könnte.

Es sind also Verleumdungen, Verdächtigungen und Skandale, die das Versprechen auf eine Erfüllung der Gegengabe in Frage stellen (Bourdieu 2001a, S. 99). Ist stellvertretendes Handeln einer politischen Fraktion im Kern immer eine Form der Amtsanmaßung, dann begründet die vorgegebene Repräsentation ein Schuldverhältnis der Repräsentierenden gegenüber den Repräsentierten. In symbolischen Kämpfen versuchen die Kontrahenten daher die Glaubwürdigkeit der eigenen Idee zu bewahren und diejenige des Gegners durch Diffamierungen zu unterminieren. Das heißt, dass sie sich gegenseitig die Ausgabe ungedeckter Schecks unterstellen und hierfür Belege nennen bzw. das eigene Handeln gemessen an dem Wohl der Repräsentanten als höherwertig darzustellen versuchen. Diese Angriffe treffen vor allem deshalb, weil die Kontrahenten dabei eine Form von symbolischer Gewalt gegeneinander ausüben können.

Symbolische Gewalt wirkt, weil sie das Handeln des Gegners an Standards misst, denen er sich selber unterwirft, er also im Prinzip sein Fehlverhalten anerkennen muss. Emotional drückt sich dies dann in Gefühlen wie Scham und Peinlichkeit aus. Das heißt, symbolische Gewalt beruht in politischen Kämpfen immer darauf, dass die Kontrahenten einen gemeinsamen Herrschaftsglauben teilen und sich den gleichen Standards unterwerfen. Etablierte Gruppen verteidigen ihre Position dann mit Verweis auf ihre zentrale Position durch „offizielle Nominierungen“ und werden von aufstrebenden Gruppen durch „Beleidigungen“ herausgefordert (Bourdieu 1985, S. 732).

Die palästinensische Nationalbewegung zeigte, dass bewaffnete Gruppen sehr erfolgreich darin sein können, ihre spezifische „Doxa“ auf die gesamte Bezugsgruppe auszuweiten. Gerade diese Ausweitung der Herrschaft erzeugt dann aber einen Widerstand von Machtgruppen, die eine Beschränkung ihres Spielraums zu bekämpfen versuchen. Sie können in der symbolischen Auseinandersetzung dann unweigerlich selbst Teil des Feldes werden, wenn sie Repräsentationsansprüche der hegemonialen Gruppe im Feld durch die Formulierung eigener Ansprüche herausfordern. Feldgrenzen sind somit flexibel und werden häufig erst in symbolischen Kämpfen definiert, etwa indem Herausforderer ihre Feldzugehörigkeit demonstrieren und etablierte Gruppen ihnen diese abzusprechen versuchen. Überall dort, wo Gruppen auf Basis einer geteilten „Doxa“ um Inklusion und Exklusion ringen, herrscht somit die Logik des Feldes (Bourdieu und Wacquant 2006, S. 131).

Diese Kämpfe sind somit doppelt determiniert, da die Kontrahenten neben der Verschiebung symbolischer Grenzen ein gemeinsames Interesse an deren Aufrechterhaltung entwickeln, um Übergriffe aus anderen Feldern abzuwehren und den gemeinsamen Glauben zu schützen. Das bedeutet, dass die Kontrahenten durch die Kämpfe im Feld sozialisiert werden, indem sie sich in ihrem gemeinsamen Interesse anerkennen und eigene Standards in Form einer Kodifizierung von Praktiken entwickeln (Bourdieu 2002, S. 103). Diesen Standards unterwerfen sie sich dann gemeinsam und versuchen, sie dem Rest des Feldes aufzuoktroyieren, etwa durch die Initiation neuer Individuen und Gruppen (Monopolbildung). Durch diese kodifizierten Praktiken weisen soziale Felder eine soziale Geschichte auf, die beständig herausgefordert und bekräftigt wird, wodurch sich die Feldtheorie deutlich von den formalisierten Spielmodellen der rationalen Wahlhandlung unterscheidet.

Wie Anerkennungsprozesse gemeinsamer Standards verlaufen und wie stark diese auf eingelebten Routinen (Bourdieu 2006, S. 21), bürokratischen Verfahren (Luhmann 1983, S. 37), verallgemeinerungsfähigen Normen (Habermas 1992, S. 138f.) oder performativer Inszenierung (Scott 1990, S. 3) beruhen, ist weiterhin unklar. Plausibel erscheint aber Bourdieus Argument (2008, S. 132), dass eine habituelle Anerkennung nie voraussetzungslos stattfinden kann, sondern vorher durch eine entsprechende Sozialisation in den Körper eingeschrieben werden muss und hierbei auch auf Widerstand trifft. Durch Erziehung, Ausbildung oder Disziplinierung werden somit Bewertungsmuster geschaffen, die hauptsächlich emotional als unbewusste Leidenschaften oder Ängste wirken und sich daher häufig einer sprachlich-diskursiven Reflexion entziehen (Bourdieu 2006, S. 71).

Symbolische Herrschaft stimuliert dann diese Muster im Habitus und beeinflusst hierdurch Denken und Handeln. Ihre Kraft bezieht sie vor allem daraus, dass der Betroffene in Autoritätsmuster aus früheren Phasen der Sozialisation, etwa in der Familie, zurückgeworfen wird (Bourdieu 2001c, S. 217). Symbolische Kämpfe zeigen dann, dass symbolische Herrschaft brüchig wird oder sich noch nicht vollständig im Habitus verankert hat und eine habituelle Anerkennung damit noch nicht stattfindet. Dies ist immer dann der Fall, wenn die im Habitus verankerten Klassifizierungsschemata nicht zu den im Feld wirksamen passen, der Habitus also mit seinem Verhalten „aneckt“ und dies als Widerspruch thematisiert wird (Bourdieu 2008, S. 117).

Damit müssen bewaffnete Gruppen, weil sie für die Verbreitung eigener Subjektivitäten einen längeren Zeitraum benötigen, zunächst auf Herrschaftsformen zurückgreifen, die sie nicht selbst geschaffen haben. Gerade in traditional-patriarchalischen Gesellschaften ist dies hauptsächlich die männliche Herrschaft, die sich in der Autorität über die Familie und einer Bereitschaft zu deren kämpferischer Verteidigung manifestiert (Bourdieu 2006, S. 92–95). Diese definiert aber nicht nur eine Machtasymmetrie zwischen Mann und Frau, sondern ebenso eine Asymmetrie zwischen Männern, die sich am Ideal von Mut und Durchsetzungsfähigkeit orientiert. Kriegerische Gewalt ist somit auch ein Initiationsritual, durch den sich die Kriegergemeinschaft als Männerbund konstituiert (Brunotte 2000, S. 357). Zudem bildet die traditionale Legitimität familiärer oder ethnischer Beziehungen meist die Hauptressource für den Zusammenhalt bewaffneter Gruppen (Schlichte 2009, S. 85–91).

1.3 Gewaltformen der Macht- und Kampfbeziehung