Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das sagt sich so leicht: Die Wahrheit, die ganze, die volle, die reine, die schlichte, die bittere, die halbe und nichts als die Wahrheit. Aber was ist sie allen Ernstes essenziell? Wie offenbart sie sich uns, wie finden wir sie und wann dürfen wir ihrer sicher sein, wenn überhaupt? Diesen und anderen Fragen zu dem spannenden Begriff der Wahrheit geht Ursula Kessel in ihrem vorliegenden Essay nach. Ein Versuch mit offenem Ausgang.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 73
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für
Renate Schinze
meine liebe Freundin
und vertraute Knotenlöserin
Was braucht‘s als Einleitung? Niemand hat die Wahrheit, aber vermutlich sucht sie jeder. Können wir ein Ergebnis dieser Suche erwarten? Auch wenn das wohl nicht der Fall ist: Lassen Sie uns trotzdem die Wahrheit suchen. Eine Wahrheit, unsere eigene Wahrheit.
Philosophische und theologische Grundlagenerwägungen sind von mir hier ebenso wenig beabsichtigt wie ein fachlicher Diskurs über Quantenphysik. Ja, was dann? Mein Anliegen ist, ein allgemeineres Verständnis für die Verbindungslinien zwischen den Disziplinen zu vermitteln. Ich meine, dass Wahrheit irgendwo zwischen dem individuellen Verständnis von Wahrheit, den philosophischen und theologischen Näherungsversuchen und den physikalischen – insbesondere den aktuellen quantenphysikalischen – Grundlagen zu finden ist. Und Wahrheit hat definitiv mit Sprache, auch mit Mathematik und Musik zu tun.
Ganz schön viel für ein paar Seiten Papier… aber ich nehme ja auch nicht in Anspruch, das ganz große Problem lösen zu können. Ein paar neue Denkanstöße für die Leserschaft, das wäre doch auch schon etwas. Und davon, so meine ich, gibt es einige, die nicht nur zum Denken sondern auch zu Diskussionen Anstoß geben können.
Aber zur Wahrheitsfindung soll an dieser Stelle auch etwas gesagt werden:
Es ist doch nicht zu übersehen, dass beispielsweise politische Wahrheiten etwas sehr Unterschiedliches zur justiziellen Wahrheit sind. Was in der Politik für wahr gehalten und propagiert wird, muss nicht zu dem Bestreben nach Wahrheitsfindung in der Justiz passen. In der Politik beanspruchen Mehrheiten oder schlimmstenfalls Diktatoren, die Wahrheit für unsere Lebensumstände gefunden und für richtig gehalten zu haben.
Die Wahrheitsfindung in der Justiz wird auf der Grundlage von Gesetzen, die teilweise mit genormten Vermutungen und sogar Fiktionen arbeiten, im Prinzip grundsätzlich auf einem prozessualen Weg gefunden. Das Urteil in der Justiz basiert auf einer auf diesem Weg gefundenen Wahrheit. Sie gilt etwa nach Erschöpfung des Rechtsweges als gültig.
Schon diese Merkmale der unterschiedlichen Wahrheitsfindungen und Beanspruchungen zeigen die schillernde Vielfalt dessen, was wahr sein könnte.
Die Schriftzeichen bedeuten in der hebräischen Sprache Emeth, was in unserer Sprache ungefähr so viel wie Wahrheit, Wirklichkeit heißt. Da ich die hebräische Schrift nicht gelernt habe, wollte ich es mir einfach machen und die technischen Möglichkeiten meines Computers nutzen. Also kam ich auf die zugegebenermaßen etwas seltsame Idee, die Schriftzeichen einfach durch ein geeignetes Programm konvertieren, also übersetzen zu lassen.
Ergebnis des Programmeinsatzes: – ich nehme es nicht symbolisch, denn erst einmal ist es optisch nachvollziehbar. Dass das Wort Wahrheit nicht einfach unter NIX eliminiert werden kann, dürfen wir durchaus voraussetzen – oder?
Wir können aber auch interpretieren: DIE WAHRHEIT IST IM NICHTS!
Und dabei wären wir schon bei einer tiefgehenden philosophischen Aussage, der nachzugehen in einer Einleitung viel zu weit gehen würde.
Wahrheit – was ist das? Wer kennt sie? Alle oder niemand? Ist Wahrheit etwas vollkommen Subjektives, etwas objektiv Definierbares oder vielleicht nur eine Illusion?
Seit ich mich intensiv mit Fragen von Raum und Zeit, Quantenphysik, Urknall, Glaubensfragen und all den Zweifeln befasse, die vielleicht viele, ganz viele von uns heutigen Menschen bewegen, stelle ich fest, dass etliche der alten Quellen Ähnlichkeiten aufweisen. Wie ein roter Faden ziehen sich sehr ähnliche spirituelle Konzepte von Geist und Ursprung der Welt(en) durch Geschichten und Geschichte unserer Erde, durch Ost und West. Griechische Philosophen, fernöstliche Traditionen wie beispielsweise Yoga und Zen sind auf gleicher Spur zu finden wie die Hebräer des Alten Testaments und der große Christliche Mystiker Meister Eckhart. Ich vermute, dass diese großen Zusammenhänge ihren Ursprung darin haben, dass Menschen Erkenntnismöglichkeiten haben, die sie gleichermaßen zu grundlegenden Wahrheiten führen können. Wie auch immer es funktionieren mag, will ich hier nicht zu erhellen versuchen.
Da also meiner Meinung nach das alles irgendwie mit Wahrheit zu tun hat, möchte ich ein paar wenige Aspekte beispielhaft im Folgenden beleuchten. Dabei werde ich einen fließenden Übergang zwischen den Kulturkreisen wagen.
Um dem auf den Grund zu gehen, fangen wir einmal ganz vorne an, am Anfang gewissermaßen. Es bleibt aber ein schwieriges Unterfangen, denn – wie sagt man so schön: die Wahrheit hat niemand gepachtet.
Zuerst geht es um das Wort. Am Anfang war das WORT.
Nach dem deutsch-hebräischen Online-Wörterbuch1 besagt das Wort
„Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, einer Tatsache, einem Sachverhalt oder einer als normativ als richtig ausgezeichneten Auffassung.
Das, was der Wirklichkeit entspricht.“
Diese Definition entspricht dem, was wir heute üblicherweise für Wahrheit halten. Wobei ich schon hier anmerken möchte, dass es interessant ist, Wahrheit und Wirklichkeit gleich zu setzen, denn da sehe ich durchaus Unterschiede. Dazu aber später.
Um der ursprünglichen Bedeutung des hebräischen Wortes (Emeth) auf die Spur zu kommen, hilft eine genauere Analyse der Schreibweise:
Es besteht, von rechts nach links gelesen, wie es im Hebräischen geschieht, aus
, Zahlenwert 1, Symbolwert Ursprung,
, Zahlenwert 40, Symbolwert Zeit,
, Zahlenwert 400, Symbolwert Ewigkeit2
Spüren wir diesen Zahlenwerten nach, bringt uns Friedrich Weinreb weiter. Es ist anfangs etwas schwierig, weil die Denkweise abstrakt ist. Es genügen aber einige wenige notwendige Sprünge, um in eine Vorstellungswelt einzutauchen, die später auch Verbindungen zu fernöstlichen Philosophien aufzeigen kann.
Friedrich Weinreb stellt in seinem Buch „Der göttliche Bauplan der Welt, der Sinn der Bibel nach der ältesten jüdischen Überlieferung“ dar, dass die Zahl <Eins> der Ursprung der Zahlen ist, sie ist die Ein-heit und repräsentiert „eine Welt, außerhalb welcher nichts besteht, da Alles, buchstäblich Alles in ihr enthalten ist (auch die anderen Zahlen). Der Begriff <Zwei> ist daher in der Welt3der <Eins> unmöglich.“ Teilt sich die Eins, entsteht die <Zwei>, die eine neue, eine andere Welt ist. Aus der Einheit ist die Viel-heit geworden. Eine der Folgen aus der Existenz der <Zwei> ist, dass dadurch, dass sie mit sich selbst in Beziehung treten kann, also durch Potenzierung der <Zwei>, 22, die <Vier> entsteht. Mit dem Entstehen der <Zwei> wird also nicht nur die <Drei> möglich (durch Addition) sondern auch die <Vier>, die lt. Weinreb das Ende des Zyklus der Schöpfungsgeschichte bezeichnet.4 „Was nachher folgt, ist nur noch Abwandlung und Wiederholung. In der Welt des Dualismus, der Zwei-heit, ist der Begriff <Vier> die am weitesten entfernte Möglichkeit5“. Das Anfügen von einer Null oder zwei Nullen, also Zehner oder Hunderter gibt in dieser Überlieferung „nur bestimmte Nuancen an, welche man sich als <dasselbe Ding auf einer anderen Ebene> vorstellen kann“6.
Die schriftliche Überlieferung wird im jüdischen Kulturkreis so ernst genommen, dass es nicht zulässig ist, nur „ein Jota“ an der Schreibweise zu verändern, da dadurch unweigerlich der gesamte Sinn der biblischen Worte, der sich in der Zahlensymbolik äußert, verändert werden würde.
Wir sollten also den Respekt des Judentums vor der buchstabengetreuen Übertragung der Thora bzw. des Alten Testaments anerkennen – was allerdings nicht davor schützt, dass heutige Interpreten des Textes im Kontext des heutigen Lebens der Überlieferung einen anderen Sinn zuschreiben. Die Abweichungen im Umgang mit überlieferten Texten sorgen heute immer wieder weltweit für schwerwiegende politische Konflikte.
1https://de.glosbe.com/de/he/Wahrheit, (14.01.2019)
2 Spätere Bedeutung: Kreuz
3 Hervorhebungen durch die Autorin
4 (wir könnten es auch als eine Mathematik der Paarung betrachten)
5 (Weinreb 1978), S. 36
6 (Weinreb 1978), S. 51
Ursprung, Zeit und Ewigkeit gehören zusammen, um das Wort Wahrheit zu bilden. Es handelt sich dabei um die andere – höhere – Ebene von
Ohne Ursprung in der Ein-heit kein Leben in Zeit und Ewigkeit.
