Walter Ulbricht - Ilko-Sascha Kowalczuk - E-Book

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Ilko-Sascha Kowalczuk

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Beschreibung

Walther Ulbricht prägte die deutsche und europäische Geschichte im 20. Jahrhundert wie nur wenige andere. Der erste Band von Ilko-Sascha Kowalczuks monumentaler Biographie ist auf ein fulminantes öffentliches Echo gestoßen. Nun folgt der zweite Band, der zeigt, wie der deutsche Kommunist zum kommunistischen Diktator wurde. Als er 1945 aus der sowjetischen Emigration nach Deutschland zurückkam, war Ulbricht bereits der für Moskau wichtigste Funktionär der deutschen Kommunisten. Er betrieb unter Anleitung Stalins die Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED und gründete die DDR. Er schlug den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 nieder und ließ die Mauer bauen, die für immer mit seinem Namen verbunden bleiben wird. Ilko-Sascha Kowalczuk hat dieses exemplarische Leben im Zeitalter der Extreme so gründlich erforscht wie noch keiner vor ihm. Seine beeindruckende Studie wird auf lange Zeit ein Standardwerk bleiben: zur Geschichte der DDR, des deutschen Kommunismus und des 20 . Jahrhunderts. Ab Frühling 1945 konnte Walter Ulbricht seinen langgehegten Traum verfolgen: ein kommunistisches Deutschland zu schaffen. Als Stalins wichtigster Mann in der sowjetisch besetzten Zone wurde er zum eigentlichen Staatsgründer der DDR, der allerdings erst 1960 auch formell zum obersten Funktionär aufstieg. Immer wieder konnte er seine Macht behaupten, so beim Aufstand vom 17. Juni 1953 , der gegen seine Herrschaft gerichtet war. Als sie 1960/61 erneut in Gefahr geriet, errichtete er die Mauer. Anschließend erfand sich Ulbricht neu und versuchte als «Landesvater» die DDR im begrenzten Rahmen zu verändern. Er scheiterte an seinen konservativen Gegenspielern in der SED-Spitze. Der Sturz Ulbrichts 1970/71 war allerdings nicht nur dieser mächtigen, von Moskau unterstützten Gruppe geschuldet – denn Ulbricht war inzwischen krank und alt. Kowalczuks Biographie zeichnet nicht nur all diese politischen Entwicklungen präzise und quellennah nach, sie zeigt auch, wie Ulbricht abseits des Protokolls lebte, wer die wichtigsten Menschen in seinem Umfeld waren und warum die Geschichte der DDR und des Kommunismus ohne Kenntnis der Biographie Ulbrichts nicht zu verstehen ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ilko-Sascha Kowalczuk

Walter Ulbricht

Der kommunistische Diktator (1945–1973)

C.H.Beck

Zum Buch

Der erste Band von Ilko-Sascha Kowalczuks monumentaler Ulbricht-Biographie ist auf ein furioses öffentliches Echo gestoßen. Nun folgt der zweite Band, der zeigt, wie der deutsche Kommunist zum kommunistischen Diktator wurde. Damit liegt Kowalczuks beeindruckende Studie vollständig vor, die auf viele Jahre ein Standardwerk bleiben dürfte: zu Walter Ulbricht, aber auch zur Geschichte der DDR und des deutschen Kommunismus.

Ab Frühling 1945 verfolgte Ulbricht seinen langgehegten Traum, ein kommunistisches Deutschland zu schaffen, und wurde zum eigentlichen Staatsgründer der DDR — als Stalins wichtigster Mann in Deutschland, der allerdings erst 1960 auch formell zum obersten Funktionär in der DDR aufstieg. Immer wieder konnte er seine Macht behaupten, so beim Aufstand vom 17. Juni 1953, der gegen seine Herrschaft gerichtet war. Als sie 1960/61 erneut in Gefahr war, errichtete er die Mauer. Anschließend erfand sich Ulbricht neu und versuchte als «Landesvater» die DDR im begrenzten Rahmen zu verändern. Das scheiterte an seinen konservativen Gegenspielern in der SED-Spitze. Der Sturz Ulbrichts 1970/71 war allerdings nicht nur dieser mächtigen, von Moskau unterstützten Gruppe geschuldet — denn Ulbricht war inzwischen krank und alt. Kowalczuks Biographie zeichnet aber nicht nur all diese politischen Entwicklungen präzise und quellennah nach, sie zeigt auch, wie Ulbricht abseits des Protokolls lebte, wer die wichtigsten Menschen in seinem Umfeld waren und warum die Geschichte der DDR und des Kommunismus ohne Kenntnis der Biographie Ulbrichts nicht zu verstehen ist.

Vita

Ilko-Sascha Kowalczuk ist Historiker und Publizist sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hamburger Stiftung zur Förderung der Wissenschaften und Kultur. Er ist einer der renommiertesten deutschen Experten für die Geschichte der DDR und des Kommunismus. Bei C.H.Beck sind von ihm erschienen: «101 Fragen: DDR» (2009), «Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR» (2. Auflage 2009, C.H.Beck Paperback 2015), «17. Juni 1953» (2013), «Stasi konkret» (2013), «Die Übernahme» (6. Auflage 2019) sowie «Walter Ulbricht. Der deutsche Kommunist» (2. Auflage 2023).

Inhalt

Vorbemerkung

Die Grundtorheit der Epoche. Einleitung

Diktator neuen Typs

1. Von der KPD zur SED (1945/46)

Die Potsdamer Konferenz

Hiroshima und Nagasaki

Wahrnehmungen sowjetischer Soldaten

Vergewaltigungen

Erster «Ausflug» nach Berlin

Radikale Entnazifizierung?

Aufbau der Verwaltung

Umzug nach Lichtenberg am 8. Mai

Was demokratisch aussehen sollte

Machtbewusstsein

Personalpolitik

Die erste KPD-Funktionärsversammlung und die neue Partei

Gegen eine Einheitspartei

Partei der Werktätigen

Zwischenstopp: Nachwirkungen des Nationalsozialismus

Arbeit am KPD-Aufruf in Moskau

Der KPD-Aufruf vom 11. Juni 1945

Trostlosigkeiten und Vertreibungen

Die KPD-Spitze

Das Toleranz-Paradoxon

SPD-Zentralausschuss und Kurt Schumacher

CDU und LDP

Kümmerpartei

Gesprächsaufnahme

Erneut in Moskau

Kein Stacheldraht in Berlin?

Erste Funktionärskonferenz: Die Grundsatzrede

Die Verwaltung als Kern des staatlichen Neuaufbaus

Hermann Brill, Andreas Hermes u.a.

Justiz im Aufbau

Die neuen Schulen

Arbeitslosigkeit

«Demokratie» als Kampfform

Bodenreform

Der Kampf gegen unabhängige Christdemokraten

Demontagen

Blockpolitik

Transmissionsriemen

Sowjetische Uniform?

FDGB-Gründungsaufruf

«Diktatur der Mehrheit»

Gewerkschaft als Teil der Volksfront

«Direkte Demokratie»

Im Feindesland auf einer Insel

Gewerkschaften als Unternehmer?

FDGB-Gründung

Staatskapitalismus?

Dem Morgenrot entgegen: Jugendorganisation

Manfred Klein

Die neue KPD als Vorbild für den neuen Staat

Geheimapparate und Überprüfungspraxis

Umzug nach Pankow und Berlin-Mitte

Reisen in die Zone

«Banditen in Rotarmistenuniform»

Neue Mitglieder für die neue KPD

Die verfeindeten Geschwister: KPD und SPD

Schnelles Ziel: Einheitspartei

Kritik an Ulbricht

Rückschlag freie Wahlen und freie Fahrt zur Einheitspartei

Das neue Jahr: Erwartungen

Neue Probleme auf dem Weg zur Einheit

Erneut in Moskau

Die Bildung der SED

Die Legende: «Gibt es einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus?»

Proteste der SPD-Basis

Der Druck nimmt zu

Gegen Stacheldraht in Berlin und für die Diktatur

Urabstimmung

Vereinigungsparteitag

Die Parteispitze

Zwangsvereinigung?

2. Von der SBZ zur DDR (1946–1949)

«Sozialismus»

Wirtschaftsprobleme

«Rotlackierte Nazis»: Der richtige Sozialismus …

Zuständigkeiten und Parteiapparat

Volksentscheid in Sachsen

Wahlfragen

Einschätzungen durch die Sowjets

Grundrechte

«Frauenpolitik»

Wahldebakel

Für die Einheit in Bayern

«Wir müssen überall Vertrauensleute haben.» Terror und geheimpolizeiliche Strukturen

Verfassungsfragen

Offenbarungen: Treffen mit Stalin

Verwaltungsakademie: Kader für den neuen Staat

Konferenz der Ministerpräsidenten in München

Zentralisierung der Wirtschaft

Leninismus als offizielle Ideologie: Der zweite SED-Parteitag im September 1947

Die letzte Etappe auf dem Weg zur DDR-Gründung

Diktatur des Proletariats

Immer wieder diese Vergangenheit …

Sowjetisierung

Erich Gniffke

Stalin: «Zickzack»

Inszenierte Hochzeit?

Erste SED-Parteikonferenz

Bürokratisierung und Überwachung

Mitläufer und Feinde gesucht

Wahlen: Kampf gegen die SED

Schlüsselposition im neuen Staat: Regierungsbildung

Speziallager

Gründung der DDR

3. Stalins Gebiet (1949–1953)

Dauerbedrohung und Dauermobilisierung

Privates bleibt nicht privat: Frauen, Kinder, Familie

Görlitzer Vertrag

Die führende Rolle

Huldigungen Stalins

Staatssicherheit

Vorbereitung des III. SED-Parteitages

III. SED-Parteitag

Von Stalin lernen … Noel Field und Paul Merker

«Wahlen»

Parteisäuberung

«Deutsche an einen Tisch»

Thomas Mann an Ulbricht

Erste Anzeichen von Personenkult

Die Stalin-Note

Vorbereitung einer neuen Offensive

Umsetzung ohne Geschrei

Orientierungen für den forcierten Kurs

Die 2. SED-Parteikonferenz

Terror gegen die Gesellschaft

Neue Säuberungswelle: Merker und Dahlem

Arbeitsproduktivität und Normen

Der Schock

4. Krisen im Sozialismus (1953–1961)

Verkündigungen: Stimme und Macht

Ulbrichtstadt?

Auf die Krise mit Terror reagieren

Der «Neue Kurs»

Ulbricht trägt die Hauptverantwortung

«Das» Kommuniqué

Selbstkritisches von Ulbricht

Volksaufstand

Der Aufstand: Ulbrichts Rettung und das Ende des Personenkults

Zuflucht in Karlshorst

«Faschistischer Putschversuch»

Raus aus der Defensive

Verhärtete Fronten im Politbüro

Entscheidung in Moskau

Max Fechner

Abrechnung mit «Herrnstadt-Zaisser»

Der bedeutendste Sieg der Karriere

Der Kern der Partei

Die innere Staatsgründung

Kampf um die Zukunft: Jugend

Der Führer ist tot, es lebe die Partei: Tauwetter

Der IV. SED-Parteitag

Deutschland im internationalen Ränkespiel

Die organisierte Verantwortungslosigkeit: Wirtschaft und Bürokratismus

Das Jahr 1956

Der XX. Parteitag der KPdSU

Die 3. SED-Parteikonferenz

Zukunft: Keine Aufarbeitung der Vergangenheit

Das «persönliche Regime»

«Frauenpolitik»

Ulbricht in China

Die ungarische Revolution: Der Feind als Revisionist

Die reformsozialistische Opposition

Die 30. ZK-Tagung

«Ulbricht muss weg!»

Rückenwind aus Moskau

«Spiegel»-Interview

Abrechnung

«Schirdewan-Wollweber-Fraktion»: Die Unterwerfung der Partei

Der Machiavellist

Der V. SED-Parteitag

Zukunftsplanungen

«Sozialistische Menschengemeinschaft»

«Weltall-Erde-Mensch»

Schlagabtausch mit Kurt Mothes

«Babelsberger Konferenz»

«Kulturrevolution»

«Sozialistischer Realismus» und Formalismus

Bertolt Brecht

Johannes R. Becher

«Bitterfelder Weg»

Die Zukunft in der Gegenwart: Der neue Mensch

Architektur und Stadtplanung

Abrisspolitik

«Waltershausen»

Stars und Henselmann

Franziska Linkerhand: Träume und Enttäuschungen

5. Der neue Traum vom Sozialismus (1960–1968)

«Ganz Berlin»

«Unsere Welt von morgen»

Flora und Jolanthe

Blitzkriegspläne

Krisenbewältigungsstrategie

Krisen als Stabilitätsanker

«Störfreimachung»

Warschauer-Pakt-Treffen: Die ersten Steine werden vermauert

Die berühmtesten Sätze Ulbrichts

Three Essentials

Der Beschluss zum Mauerbau

«Sperrwand eines Konzentrationslagers»

«Antifaschistischer Schutzwall»

Von Politbürokraten zu Technokraten

Staatsrat

Eingaben: Bittgesuche statt Verwaltungsgerichtsbarkeit

Das Netzwerk

Erste Mauerwirkungen: Besuche und Wahlen

Dankbarkeit, Obrigkeit und kommunistischer Mensch

«Es ist jetzt beendet»: Entstalinisierung

Geschichte als Legitimationsinstanz

Probleme mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus

«Ist es, weil ich Jude bin?»

«Zwangsläufigkeiten» und Ulbrichts Veröffentlichungen

Thälmann-Kult

«Nackt unter Wölfen»

«Unsere Geschichtsforscher befassen sich zu sehr mit Fragen der Vergangenheit»

«Zur Geschichte der neuesten Zeit»

Immer wieder 1918

Zentralisierung von Quellen und Forschungen

Historiker im dritten Beruf: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung

Zukunft Kybernetik

Wissenschaftlich-technische Revolution und Produktivkraft Wissenschaft

Zukunftspolitik und Jugend

Neue Kader braucht das Land

«Freiheitsdebatte» und Rechtspflege

Staatsbürgergesetz und «Grundgesetz» der DDR

«Weil er ein guter Mensch ist»: Heiland, Diktator, Landesvater, Führerkult

Demütigungen alter Kontrahenten auf dem Zenit der Macht

«Die Leuten spucken vorn drauf …»: Dauerserie

Witze und Gerüchte

Attentate?

Abschottungen

Staatsjagd und Sport

Groß Dölln

«Verräter» und «Renegaten»

Neue bundesdeutsche Blicke auf den Osten und Ulbricht I

Gesundheit

Der Hauptmann von Lychen: Kuriositäten, Satire und Karikaturen

Ulbricht im Kloster: Kunstschinken und anderes

Patenonkel

Vater und Tochter

«I thought I had married a carpenter»

First Lady

Privatbibliothek

Modern sind bei uns nur die Resolutionen: Die DDR mit allen Mitteln retten

Abbruch des Siebenjahrplans

Eher Sisyphos denn Herkules: Versuch, die Wirtschaft zu reformieren

Die «goldenen» sechziger Jahre

«Wir haben keine Zeit mehr»: Konflikte und der Fall Havemann

«Wir befreien uns von einigen politischen Häftlingen.» Opfer der eigenen Propaganda und Abschied von Chruschtschow

Die Krise spitzt sich zu: Konflikte im Vorfeld des 11. SED-Plenums

Erich Apel

Exempel: Wolf Biermann

Die 11. Tagung des ZK der SED

«Realer Sozialismus» und «10. Industriestaat» in der Welt

Den Sozialismus vollenden

Der letzte Parteitag als Chef: Reaktionen von Bahro, Biermann und Havemann

«Die DDR ist keine Zone mehr»: Neue bundesdeutsche Blicke auf den Osten und Ulbricht II

Stamokap und Konvergenztheorie

Erste außenpolitische Knospen

«Prag ist das Stalingrad für Ulbricht»: Der «Prager Frühling»

6. Die Ablösung als Parteichef (1969–1973)

«Überholen, ohne einzuholen»

Konflikte um die Deutschlandpolitik

Die Frage der Nation

Kritik an Honecker und Breschnews Absage an Ulbrichts Entmachtung

Scherbengericht und Beginn der Entmachtung

«Rücktritt»: Ende der Ulbricht-Ära

Demütigungen: Ulbricht fällt

Reaktionen und ungeahnte Wertschätzungen

Gesundheitliche Probleme

Feindschaft zu Honecker

Showdown: Ulbricht kämpft im Politbüro

Neue Demütigung

Stasi hört mit

Die Hymne der DDR

Ulbricht schaltet ein letztes Mal Breschnew ein

Verlust der Hoheit über die eigene Vergangenheit

Keine Memoiren

Letzte Amtshandlungen

Der 80. Geburtstag

Letzte Demütigung: Herbert Wehner in Ost-Berlin

Letzte Besucherinnen und Besucher

Der Tod

Kurze Staatstrauer

Ulbrichts Tod in der Welt

Ulbrichts Akten

Unperson?

Ulbricht bei Mittenzwei

Ulbricht in der Geschichtspolitik nach 1990

Ulbricht reloaded: Hacks, Wagenknecht oder Krenz erfinden ihn neu

Ulbricht in der Historiographie

Neue Quellen

Lotte Ulbricht und Beate Matteoli

Hätte Walter Ulbricht «1989» erleben können?

Persönliches

Editionshinweise

Anmerkungen

Die Grundtorheit der Epoche. Einleitung

1. Von der KPD zur SED (1945/46)

2. Von der SBZ zur DDR (1946–1949)

3. Stalins Gebiet (1949–1953)

4. Krisen im Sozialismus (1953–1961)

5. Der neue Traum vom Sozialismus (1960–1968)

6. Die Ablösung als Parteichef (1969–1973)

Persönliches

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsnachweis

Personen- und Ortsregister

«Käfige sind zum Ausbrechen da.» («Katze», 1980, Udo Lindenberg)

Ich widme diesen zweiten Band der Biographie Walter Ulbrichts allen Maueropfern und allen, die unter der Mauer litten. Die Mauer war weitaus mehr als ein Grenzbauwerk. Sie ging durch fast jeden Menschen hinter dem Eisernen Vorhang hindurch. Mir ist es unverständlich, wie der Mauerstaat DDR, eines der größten Freiluftgefängnisse Europas nach 1945, mit jedem Jahr mehr verniedlicht, verschönert, verharmlost wird. Mauern, nicht nur aus Beton, sind gegen Freiheit gerichtet – Freiheit ist das Wichtigste, was Menschen sich im Zusammenleben geben können. Nur in und mit Freiheit kann es Frieden geben. Ich bin gegen Mauern, gestern, hier und heute, überall und immer.

In der Leipziger Gottschedstraße 4 (heute 25) lebte Walter Ulbricht mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern bis 1902 in der obersten Etage. In diesem Haus wohnten auch Gustav Mahler (1886-1887) und Gustav Stresemann (1898-1901).

Walter Ulbrichts Eltern Pauline Ida Rothe und Ernst August Ulbricht heirateten am 6. Februar 1892 in der Leipziger Kirche St. Matthäi.

Schwester Hildegard Ulbricht kam am 1. August 1899 zur Welt, ihr Bruder Erich folgte am 18. Februar 1901. Die Aufnahme zeigt Walter Ulbricht mit seiner Schwester im Jahr 1900.

Rechts im Bild Walter Ulbricht am Beginn einer Lehre zum Möbeltischler, 1907. Die Gesellenprüfung bestand er 1911 mit «gut».

Im Mai 1911 ging Walter Ulbricht auf die Walz. Die Aufnahme zeigt ihn in der Mitte mit seinen Freunden Otto Heyden und Alfred Arnhold, die ihn zunächst begleiteten. Im Sommer 1912 kehrte Ulbricht nach Leipzig zurück.

Ausflug des Arbeiterjugendvereins, Leipzig 1908; oberste Reihe, 2. von links Walter Ulbricht mit 15 Jahren.

Neben Ausflügen, Wanderungen und Geselligkeit zählte Fortbildung zum festen Bestandteil der Arbeiterbildungsvereine. Walter Ulbricht war seit seiner Jugend auch in Arbeitersportvereinen – ebenfalls fester Bestandteil der organisierten Arbeiterbewegung – aktiv. Er ist in der Bildmitte zu sehen.

Am Ersten Weltkrieg musste Walter Ulbricht von 1915 bis 1918 teilnehmen. Dieses Foto (Ulbricht ganz rechts im Bild) entstand während dieser Zeit. Genauer Ort und Zeitpunkt sind nicht bekannt.

Vermutlich ist dieses Foto um 1916 in Mazedonien, wo Ulbricht in einem Train der IX. Armee diente, aufgenommen worden. Es ist der einzige Beleg dafür, dass Ulbricht (4. von links) reiten konnte.

Die deutsche Delegation zum IV. Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1922. Zu erkennen sind u.a.: 1. Reihe sitzend 2. von rechts August Thalheimer; 2. Reihe: Clara Zetkin (2. von links), Karl Radek (4.), Ernst Meyer (5.), Ruth Fischer (6.), Fritz Heckert (7.), Grigori J. Sinowjew (8.), Nikolai I. Bucharin (9.); 3. Reihe: Hugo Urbahns (3.), Edwin Hoernle (4.), Leo Trotzki (7.), Albert Schreiner (8.), Walter Ulbricht (10.), Hugo Eberlein (11.).

Walter Ulbricht verband so manches politische Treffen mit seiner Sportleidenschaft. Hier ist er im Riesengebirge bei einem illegalen Treffen etwa 1930 zu sehen. Von links nach rechts: Walter Ulbricht, Fritz Lange, Albert Lange, Bernhard Bästlein und Rosa Michel.

Sitzung des KPD-Zentralausschusses in Berlin 1922, sehr vermutlich mit Abgeordneten. Denn das Foto ist entweder im Preußischen Abgeordnetenhaus, zu dessen Wahlen die KPD 1921 7,4 Prozent der Stimmen errungen hatte, oder im Roten Rathaus, wo die KPD seit 1921 mit 20 Abgeordneten vertreten war, aufgenommen worden. Sehr gut zu erkennen ist übrigens auch, was zuweilen übersehen wird, dass die Revolutionäre wie im 19. Jahrhundert Wert auf bürgerliche Umgangsformen und Gewohnheiten legten. Einzelne Personen auf dem Bild sind nicht zweifelsfrei zuzuordnen. Walter Ulbricht könnte rechts der sechste von vorne sein.

Am 22. Januar 1931 kam es im «Saalbau Friedrichshain» zu einer «Redeschlacht» zwischen Walter Ulbricht und Joseph Goebbels vor 4000 bis 5000 Menschen, Tausende standen vor dem Saal. Der Chef der KPD Berlin-Brandenburg ging häufig in Veranstaltungen politischer Gegner. An diesem Tag kam es zur größten «Saalschlacht» mit etwa 100 Verletzten.

Auf dem Friedhof Berlin-Spandau redet Walter Ulbricht am 19. Juli 1932 vor Zehntausenden Anhängern zu Ehren von zwei von Nationalsozialisten ermordeten KPD-Mitgliedern. Es handelte sich um Ferdinand Grothe und Georg Brechlin. Spandau, Siemensstadt und andere Stadtteile waren von der Polizei geradezu militärisch belagert.

Die letzte Kundgebung der KPD in Berlin vor der Machtübernahme durch die NSDAP: Am 25. Januar 1933 standen vor dem Karl-Liebknecht-Haus in Berlin-Mitte bei arktischer Kälte auf der Tribüne, von links nach rechts: Wilhelm Hein, unbekannt (wahrscheinlich Franz Dahlem), Walter Ulbricht, Artur Golke, John Schehr und Ernst Thälmann. In der DDR ist das Foto von 1955 bis 1986 nur retuschiert erschienen. Hein war seit 1924 als «Vertrauensmann» für die Politische Polizei und ab 1933 für die Gestapo tätig. Das nach der Kundgebung in der «Roten Fahne» (26. 1. 1933) publizierte Foto unterschied sich von diesem, so trugen die Männer z.B. Mützen.

Das Moskauer «Hotel Lux» ist 1911 als Luxushotel «Frankreich» in der Twerskaja (später Gorki, heute wieder Twerskaja) eingeweiht worden. 1921 ging es in den Besitz der Kommunistischen Internationale über, die hier fortan über ihr berühmtestes Gästehaus verfügte. Die Herkunft des Namen «Lux» ist umstritten, jedenfalls war es weder ein Hotel noch luxuriös, sondern streng abgeschirmt und innen sehr einfach ausgestattet. 1933 sind zwei weitere Etagen auf das Gebäude gesetzt worden. Die Unterkunft verfügte über etwa 300 Wohnräume sowie weitere Nebengebäude. Die letzten politischen Gäste verließen das Haus 1954. Anschließend ist es mit dem Namen «Zentralnaja» sowohl als Hotel (obere Etagen) als auch als Bürogebäude benutzt worden. Die Fassade steht noch, aber dahinter sind die anderen Baulichkeiten abgerissen bzw. saniert und modernisiert worden. Seit Jahren wird um die Einrichtung eines Luxushotels gerungen.

Im Dezember 1942 und Januar 1943 arbeitete Walter Ulbricht an der Front in Stalingrad. Er vernahm Gefangene und agitierte die Wehrmachtssoldaten aus Schützengräben heraus, den Kampf einzustellen und überzulaufen. Im Bild ist er links zu erkennen, vorn ist Erich Weinert, der mehrere Wochen mit Ulbricht gemeinsam an der Front tätig war, zu sehen.

Die Gründung des «Nationalkomitees Freies Deutschland» am 12./13. Juli 1943 im Lager Krasnogorsk bei Moskau ging von der sowjetischen Führung unter maßgeblicher Hilfe Walter Ulbrichts (rechts sitzend im Bild) aus. Erich Weinert bei der Unterzeichnung des Gründungsdokuments.

Walter Ulbricht präsentiert die Fahne der SED. Am 3. Januar 1946, am 70. Geburtstag von Wilhelm Pieck, hatten dieser und Otto Grotewohl erstmals symbolträchtig einander auf offener Bühne lange die Hände gereicht als Zeichen für das angebliche Ende des «Bruderkampfes».

Wilhelm Pieck (KPD) und Otto Grotewohl (SPD) besiegeln die Vereinigung zur SED am 21./22. April 1946. Die Zwangsvereinigung war das wichtigste und nachhaltigste Nachkriegsereignis, das die deutsche Teilung beförderte. Wichtigster Akteur der Vereinigung war Walter Ulbricht (rechts im Bild).

Im Sommer 1946 reiste Walter Ulbricht zur Propagandatätigkeit nach Bayern, wo er auf gut besuchten öffentlichen Veranstaltungen zu Tausenden sprach, so wie hier in Nürnberg.

Sitzung von Mitgliedern und Mitarbeitern des ZK der KPD 1945 in Berlin. In der hinteren Reihe unter dem Porträt von Ernst Thälmann sitzend zu erkennen von rechts nach links: Elly Schmidt, Franz Dahlem, Wilhelm Pieck, Anton Ackermann, Walter Ulbricht und Elli Winter. In der Bildmitte (vor Pieck) könnte Lotte Ulbricht sein, vorn sitzt Grete Keilson, links daneben Bruno Leuschner.

Am 21. Dezember 1949 inszenierte der Kreml aus Anlass des 70. Geburtstages von Stalin eine große Jubelfeier. Im Moskauer Bolschoi-Theater sprach auch Ulbricht und sagte einige Sätze auf Russisch. Im Bild zu sehen sind von links nach rechts: Anastas Mikojan, Mao, Nikolai Bulganin, Stalin, Ulbricht, Jumdschaagiin Tsedenbal (Mongolei) und Chruschtschow. Das Bild wurde retuschiert, im Hintergrund waren weitere Personen abgebildet.

Die Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 wurde vier Tage später mit einem umstrittenen Fackelzug der FDJ «Unter den Linden» in Berlin gefeiert. Zwischen Ulbricht und Ministerpräsident Otto Grotewohl ist FDJ-Chef Erich Honecker zu erkennen. Dann kommen Hermann Kastner (LDPD), wie Ulbricht stellvertretender Ministerpräsident, und Staatspräsident Wilhelm Pieck.

Nur symbolisch übergibt die sowjetische Regierung, vertreten durch General Wassili Tschuikow, der von ihr ernannten ostdeutschen Regierung die Amtsgeschäfte. Von links nach rechts: Hermann Kastner (LDPD), Otto Grotewohl (SED), Otto Nuschke (CDU) und Walter Ulbricht.

Am 3. August 1951 weihten Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht in Ost-Berlin in der Stalin-Allee gegenüber der «Deutschen Sporthalle» (1951 errichtet, 1972 abgerissen) das Stalin-Denkmal ein. In der Mitte verdeckt ist Erich Honecker zu erkennen. Die Denkmalkopie des sowjetischen Bildhauers Nikolai Tomski war statt der gewünschten Höhe von 16 Metern «nur» 4,80 m hoch. Der Sockel war etwa 3 Meter hoch. In der Nacht zum 14. November 1961 ist es abgerissen worden. Das letzte Stalin-Denkmal in der DDR ist in Hettstedt im Dezember 1955 eingeweiht worden.

Beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 stand auch Ulbrichts Macht zur Disposition. Hunderttausende forderten «freie Wahlen», denn «Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!» Die Aufnahme entstand in Ost-Berlin am 17. Juni 1953.

Walter Ulbricht ist während seiner Herrschaft häufig in den DDR-Medien als Freizeitsportler abgebildet worden. Er wollte als Vorbild dienen, damit alle regelmäßig Sport treiben, um Körper und Geist für den Sozialismus zu stählen. Die meisten Aufnahmen, wie diese 1968 in einem Pionierferienlager, waren jedoch gestellt.

Lotte und Walter Ulbricht in den 1960er Jahren im Thüringer Wald, wo sie häufig Urlaub machten. Er war ein begeisterter Sportler, die weiße Pudelmütze liegt heute im Deutschen Historischen Museum.

Der wohl berühmteste Satz von Walter Ulbricht fiel am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz. Nach dem Mauerbau sind solche Tafeln entlang der Berliner Sektorengrenzen im Westteil aufgestellt worden, um die Ulbricht-Lüge zu entlarven.

Der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow und Walter Ulbricht fahren am 28. Juni 1963 durch die Ostberliner Innenstadt – an die Straßenränder waren Zehntausende Menschen zum Jubeln hinbeordert worden. Zwei Tage später beging Ulbricht seinen 70. Geburtstag.

1918

1919

1922

1930er

1931

1938

1959

etwa 1965

1990er

1913/1914

1922

etwa 1934/35

1944

etwa 1945

etwa 1949

1958

1969/70

1972Lotte

Der Landsitz von Walter Ulbricht in Groß Dölln war offiziell auch Amtssitz des Staatsratsvorsitzenden. Ulbricht hielt sich hier mit zunehmendem Alter immer öfter auf. Hier starb er auch am 1. August 1973.

Zum 60. Geburtstag von Walter Ulbricht sollte der 24 Pfennigwert der Dauerserie mit seinem Porträt geprägt werden. Nach dem 17. Juni ist die bereits gedruckte, aber noch nicht ausgelieferte Marke eingestampft worden. Als Ersatz kam am 21. November 1953 die 24-Marke mit der Stalin-Allee in Ost-Berlin heraus. Ulbricht ist so womöglich erspart geblieben, was gefälschten Briefmarken mit Wilhelm Pieck in den 1950er Jahren geschah: Dem Staatspräsidenten ist eine Halskrause aus Stacheldraht umgehängt worden.

Walter und Lotte Ulbricht besuchten fast jedes Jahr die «Ostseewoche» (1958-1975), eine Veranstaltung, um der DDR vor allem unter den Ostseeanrainerstaaten mehr Geltung zu verschaffen. Das Foto ist am 8. Juli 1968 am Leuchtturm in Warnemünde aufgenommen worden. Im Hintergrund ist Willi Stoph zu sehen.

Beate 1959 in Pizunda an der sowjetischen Schwarzmeerküste.

Lotte, Beate und Walter Ulbricht auf einem inszenierten Familienfoto für die Öffentlichkeit, etwa 1963. Es war Beate nicht vergönnt, ein unbeschwertes Leben führen zu dürfen.

Lotte und Walter Ulbricht hielten sich immer wieder zur Erholung an der sowjetischen Schwarzmeerküste auf. Diese Aufnahme mit Beate entstand Anfang der 1960er Jahre.

Martha Ulbricht, geb. Schmellinsky, Ulbrichts erste Ehefrau. Sie lebte bis kurz vor ihrem Tod 1973 in der mit Ulbricht Ende 1920 bezogenen Wohnung in der Leipziger Geißlerstraße. Die letzte Lebenszeit verbrachte sie dann in einem «Feierabendheim». Sie hatte, wie sie selbst sagte, einen Tischler geheiratet und einen Funktionär bekommen.

Dora Ulbricht, später verheiratete Heyden, Walter Ulbrichts erste Tochter, die er mit seiner ersten Ehefrau Martha Schmellinsky 1920 bekommen hatte. Zu Dora hatte er ab den frühen 1930er Jahren nur noch selten Kontakt. Die Aufnahme zeigt sie etwa im Alter von 18 Jahren.

Rosa Michel, Ulbrichts zweite Lebensgefährtin, etwa Anfang der 1930er Jahre.

Rosa Michel starb 1990 in Ost-Berlin. Die Aufnahme entstand in den 1980er Jahren. Sie liebte Ulbricht über dessen Tod hinaus.

Die private Aufnahme entstand Anfang August 2021 im Ostseebad Heringsdorf. Das Kunstwerk war nur kurze Zeit zu sehen, ehe eine Welle kam. Die Kunstschaffenden sind dem Autor leider nicht bekannt.

Etwa 40.000 Menschen sollten Walter Ulbricht zu dessen 70. Geburtstag am 30. Juni 1963 gratulieren. Für Zehntausende von ihnen nahmen stellvertretend Glückwunschkomitees die Grüße entgegen.

Lotte und Walter Ulbricht fahren am 30. Juni 1963 zum Amtssitz des Staatsratsvorsitzenden. Schon auf der Fahrt dorthin säumten Tausende den Straßenrand.

Die Westberliner Satirezeitschrift «Tarantel», die illegal in der DDR verbreitet wurde, hatte mit ihrem beißenden Humor Ulbricht oft und meist treffend im Visier.

Kurt Wanskis (1922–2012) Zeichnungen sind ganz einzigartige Zeugnisse der Art Brut. Deshalb wurde er von den Berliner Künstlern besonders geschätzt. Geboren am Rande Berlins hat Kurt Wanski die Stadt nie verlassen. Er verbrachte sein ganzes Leben in Heimen und Hospitälern und gelangte schließlich in die geschützte Umgebung des St. Joseph Stifts in Berlin-Weißensee. Wanski war wahrscheinlich von einem Foto inspiriert, das Ulbricht und Erich Honecker im Januar 1960 am Krankenbett des schwer verletzten Skispringers Harry Glaß zeigt.

Ein 1967 beförderter Brief. Ob der Absender bewusst die Marken so klebte?

Bei der Bildhauerin Ruth Hahne saß Walter Ulbricht 1964/65 mehrfach Modell.

Der vielbeschäftigte Ulbricht sitzt für zwei Gemälde und eine Büste gleichzeitig Modell im Schloss Niederschönhausen 1964. Wahrscheinlich ist das nur ein Fototermin gewesen.

Der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew wird am Flughafen Berlin-Schönefeld am 14. Juni 1971 von Walter Ulbricht, Erich Honecker und Willi Stoph zum VIII. SED-Parteitag begrüßt. Hinter Breschnew ist verdeckt Werner Eberlein zu sehen. Rechts hinter Stoph läuft der sowjetische Botschafter in der DDR, Pjotr Abrassimow. Zwischen Ulbricht und Breschnew geht Generaloberst Wiktor Kulikow, Oberbefehlshaber der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Ulbricht war so schwer krank, dass er der Eröffnung des Parteitages am nächsten Tag nicht beiwohnen konnte.

Die Privataufnahme von Erich Honecker und Walter Ulbricht in einer Ausflugsgaststätte entstand etwa 1970.

Walter und Lotte Ulbricht stehen vor Neubauplänen für Rostock. Zwischen beiden ist Harry Tisch, 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Rostock, zu sehen. Ulbricht ließ sich bei solchen Gelegenheiten nicht nur die Vorhaben erläutern, er mischte sich zum Missvergnügen der Städteplaner und Architekten auch mit Vorschlägen in die Planungen ein.

Am 30. Juni 1971 muss Walter Ulbricht aus Anlass seines 78. Geburtstages Nachfolger Erich Honecker und das SED-Politbüro im Bademantel empfangen. Er war krank und durfte nur für diesen wohlkalkulierten Fototermin das Bett verlassen.

Nach der Trauerfeier im Staatsratsgebäude in Berlin-Mitte wurde der Sarg mit einem Militärfahrzeug zum rund zehn Kilometer entfernten Krematorium Berlin-Baumschulenweg gefahren. Den Straßenrand säumten Zehntausende Menschen – viele davon kamen, was sehr selten geschah, freiwillig. Am 1. August 1973 verstarb Walter Ulbricht. Es gab nur eine eintägige Staatstrauer am 7. August 1973 – für kommunistische Verhältnisse sehr kurz. Auch der Sarg wurde nur drei Stunden öffentlich aufgebahrt.

Als Walter Ulbricht starb, fanden in Ost-Berlin gerade die kommunistischen Weltfestspiele der Jugend statt. Die SED-Führung hatte beschlossen, die Spiele fortzusetzen und behauptete, dies sei der Wunsch Ulbrichts gewesen. Eine Lüge, die vermutlich im Sinne des Verstorbenen war.

«Die Vereinheitlichung der intellektuellen Funktion, kraft welcher die Herrschaft über die Sinne sich vollzieht, die Resignation des Denkens zur Herstellung von Einstimmigkeit, bedeutet Verarmung des Denkens so gut wie der Erfahrung; die Trennung beider Bereiche läßt beide als beschädigte zurück. In der Beschränkung des Denkens auf Organisation und Verwaltung, von den Oberen seit dem schlauen Odysseus bis zu den naiven Generaldirektoren eingeübt, ist die Beschränktheit mitgesetzt, welche die Großen befällt, sobald es nicht bloß um die Manipulation der Kleinen geht. Der Geist wird in der Tat zum Apparat der Herrschaft und Selbstbeherrschung, als den ihn die bürgerliche Philosophie seit je verkannte. Die tauben Ohren, die den fügsamen Proletariern seit dem Mythos blieben, haben vor der Unbewegtheit des Gebieters nichts voraus. Von der Unreife der Beherrschten lebt die Überreife der Gesellschaft. Je komplizierter und feiner die gesellschaftliche, ökonomische und wissenschaftliche Apparatur, auf deren Bedienung das Produktionssystem den Leib längst abgestimmt hat, um so verarmter die Erlebnisse, deren er fähig ist. (…) Durch die Vermittlung der totalen, alle Beziehungen und Regungen erfassenden Gesellschaft hindurch werden die Menschen zu eben dem wieder gemacht, wogegen sich das Entwicklungsgesetz der Gesellschaft, das Prinzip des Selbst gekehrt hatte: zu bloßen Gattungswesen, einander gleich durch Isolierung in der zwangshaft gelenkten Kollektivität. Die Ruderer, die nicht zueinander sprechen können, sind einer wie der andere im gleichen Takte eingespannt wie der moderne Arbeiter in der Fabrik, im Kino und im Kollektiv. Die konkreten Arbeitsbedingungen in der Gesellschaft erzwingen den Konformismus und nicht die bewußten Beeinflussungen, welche zusätzlich die unterdrückten Menschen dumm machten und von der Wahrheit abzögen. Die Ohnmacht der Arbeiter ist nicht bloß eine Finte der Herrschenden, sondern die logische Konsequenz der Industriegesellschaft, in die das antike Fatum unter der Anstrengung, ihm zu entgehen, sich schließlich gewandelt hat. (…) Ein Proletarier ist schon vor dem Gewerkschaftsbonzen, fällt er diesem einmal auf, geschweige vor dem Manager, nichts mehr als ein überzähliges Exemplar, während der Bonze wiederum vor seiner eigenen Liquidation erzittern muß.»[1]

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 1944

Vorbemerkung

Der Band «Walter Ulbricht – Der deutsche Kommunist» (2023) zeichnete nach, wie der Tischler aus Leipzig, geboren 1893, bis zum Anfang der 1940er Jahre durch vielerlei Umstände und Zufälle – sein Überleben war sowohl im Ersten Weltkrieg, in der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland wie auch in der kommunistischen Diktatur in der Sowjetunion von vielen Zufällen abhängig – zum wichtigsten deutschen Kommunisten aufgestiegen war. Er verfügte über eine feste ideologische Weltsicht. Seine Überzeugungen von der «Partei neuen Typus», der «Diktatur des Proletariats», der «Volksfront» und der «Volksdemokratie» in einer «deutschen demokratischen Republik» hatten sich stark verfestigt und waren in vielen Debatten in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus sowie in der Emigration in Prag, Paris und Moskau gestählt worden. Nicht erst der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg ließen die Kommunisten glauben, allein ihre Staats- und Gesellschaftsvorstellungen würden die Welt zum Besseren führen. Die Hitler-Diktatur aber bestätigte sie in ihrem Glauben, nur sie allein könnten mit ihren umfassenden Sozialisierungsvorhaben verhindern, dass es jemals wieder zu einer solchen Katastrophe kommen könne. Ulbricht war zugleich der Überzeugung, dass der Aufbau des Sozialismus/Kommunismus im Nachkriegsdeutschland in Etappen vollzogen werden müsse, da die Mehrheit der deutschen Gesellschaft noch nicht reif für das kommunistische System sei. Als er am 30. April 1945 in Bruchmühle bei Berlin seinen ersten Stützpunkt aufbaute, war er dennoch der festen Überzeugung, in seinem künftigen Machtbereich könne nur Stalins Sowjetunion als Vorbild und Orientierungspunkt dienen. Das schloss auch ein, wie er es selbst noch in Moskau formuliert hatte, eine solche Sozialdemokratie zu schaffen, die alsbald in einer Partei unter Hoheit der Kommunisten verschwinden würde. Noch bevor Ulbricht nach Deutschland zurückgekehrt war, hatte es bereits einen ersten Dämpfer bei den Zukunftsplanungen gegeben: Gingen die Funktionäre bis Februar 1945 davon aus, ihre politischen Vorstellungen in Gesamtdeutschland verwirklichen zu können, so mussten sie nach der Konferenz von Jalta hinnehmen, dass sie vorerst ihr Gesellschaftsexperiment nur in einem kleineren Teil Deutschlands, der Sowjetischen Besatzungszone, umsetzen könnten. Das sollte nicht die einzige Überraschung bleiben.

Die Grundtorheit der Epoche. Einleitung

Seit den 1920er Jahren beschworen an Moskau orientierte Kommunisten, der Kapitalismus stelle eine unlösbare Vorbedingung des Faschismus dar. In dieser Perspektive stand jedes nichtdestruktive Mittun in der kapitalistischen Wirtschaft und der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie unter Faschismusverdacht. Der Vorwurf an Sozialdemokraten, «Sozialfaschisten» zu sein, entsprach ebenso dieser kommunistischen Logik wie der Anspruch, allein darüber befinden zu können, wer «Faschist» sei. In den Debatten um die «Volksfront» schälte sich heraus, wie elastisch die Kommunisten dabei vorgehen konnten, sofern es ihre Interessen berührte, und wie selbstverständlich sie in jedweder Lage die politisch-ideologische Führung beanspruchten. Das gipfelte in ihren Nachkriegsplanungen. Die bereits im ersten Band dieser Biographie erwähnte Notiz: «Wir müssen selbst Hand anlegen in der Schaffung einer solchen Sozialdemokratie, die mit uns zusammenarbeitet»,[1] steht exemplarisch für den politischen Ansatz, den die aus Moskau nach Deutschland zurückgekehrten Kommunisten vertraten. Walter Ulbricht betonte noch im Exil, weil «die Arbeiterklasse» nach den Verwüstungen der letzten zwölf Jahre noch nicht für einen sofortigen Aufbau des Sozialismus bereit sei, ganz ähnlich wie 1918, sei die Partei gezwungen, die Macht zunächst mit anderen antifaschistischen Kräften zu teilen. Das erschien logisch – nur die Logik der Kommunisten entsprach keineswegs dem «gesunden Menschenverstand», denn sie beanspruchten auch zu definieren, wer «Antifaschist» sei. Das war ein zentraler Schlüssel für die historischen Entwicklungen, ein Schlüssel, der die Ulbricht-Ära entscheidend prägte und an dem die Honecker-Ära lediglich kosmetische Änderungen vornahm. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde mit einer politisch völlig neuen Wucht – nämlich getragen von einer moralischen und alsbald staatlichen Dauerverkündung, die auf dem realen Verfolgungsmartyrium der Kommunistinnen und Kommunisten unter den Nationalsozialisten beruhte – ein Antifaschismusverständnis verbreitet, das bis heute vital geblieben ist: Antikommunismus gilt demnach als Zwilling des Faschismus, sogar als weitgehend kongruent. Wer künftig Faschismus verhindern wolle, sei gezwungen, die einzige Alternative zum Kapitalismus, den Kommunismus, als Weltanschauung zu wählen. Antikommunisten waren in dieser Perspektive allein verkappte, oft offene Faschisten. Auch hier spielte den leninistischen Ideologen die nationalsozialistische Ideologie in die Hände, hatte diese doch die «bolschewistisch-marxistisch-jüdische Weltverschwörung» zum Hauptfeind erklärt. Namhafte Kritik an solchen Thesen griffen die Kommunisten gern auf und verbreiteten sie. In diesem Fall beriefen sie sich auf niemand Geringeres als Thomas Mann, die moralische Instanz mit weltweitem Ansehen. In mehreren Vorträgen hatte er 1943 gesagt, dass er schwerlich als «ein Vorkämpfer des Kommunismus» gelten könne. «Trotzdem komme ich nicht umhin, in dem Schrecken der bürgerlichen Welt vor dem Wort Kommunismus, diesem Schrecken, von dem der Faschismus so lange gelebt hat, etwas Abergläubisches und Kindisches zu sehen, die Grundtorheit unserer Epoche.»[2] 1944 wurde der Vortrag unter dem Titel «Schicksal und Aufgabe» veröffentlicht. In den USA sorgten Manns Einlassungen für Aufsehen, weil er sich hier marxistischen und ur-kommunistischen Ideen gegenüber öffnete wie nie zuvor. In einem Brief an Brecht schrieb Mann, er habe sich «über die blödsinnige Panik der bürgerlichen Welt vor dem Kommunismus … lustig gemacht».[3]

Richtig berühmt machten diesen Vortrag aber erst die ostdeutschen Kommunisten. Sie wurden nicht müde, ihn unter der irreführenden Überschrift (als hätte Mann sie gewählt) «Der Antibolschewismus – die Grundtorheit unserer Epoche» auszugsweise zu verbreiten.[4] Immer wieder plakatierten sie mit dieser Überschrift Straßen, Plätze, Zonen-, Grenz- und Sektorenübergänge. Das veranlasste schließlich Erika Mann Mitte der 1960er Jahre, scharf dagegen bei der SED zu protestieren. Sie sprach davon, dass die Verknappung einer «Fälschung» gleichkomme.[5] Denn Mann sagte nicht nur, kommunistische Ideen seien älter als Marx und die Zukunft sei «schwerlich ohne kommunistische Züge vorzustellen …, das heißt, ohne die Grundidee des gemeinsamen Besitz- und Genußrechtes an den Gütern der Erde, ohne fortschreitende Einebnung der Klassen-Unterschiede, ohne das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit für alle». Das zitierten die Kommunisten mit Genuss. Aber zugleich ließen sie die eigentliche Pointe immer aus. Denn Mann hatte einleitend zu dieser Passage ausgeführt, dass im Osten, also in der Sowjetunion, «die Idee bürgerlicher Freiheit keine Stätte mehr findet» und er in einem solchen Sozialismus, «in dem die Idee der Gleichheit die der Freiheit vollkommen überwiegt, nicht das menschliche Ideal erblicke». Thomas Mann war nicht zu einem Sozialismus-/Kommunismusbefürworter geworden, er hatte vor dem Hintergrund des deutschen Faschismus die Kommunismusfurcht des Bürgertums, die maßgeblich zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen habe, als kindisch und abergläubisch ins Lächerliche gezogen. Daher fehlten auch in den kommunistischen Verknappungen die nachfolgenden Sätze: Kommunismus, dieses «Wort gleicht tatsächlich einem Schreckgespenst für Kinder. Der Kommunismus ist der Gottseibeiuns der Bourgeoisie, genau so, wie es um das Jahr 1880 bei uns in Deutschland die Sozial-Demokratie war.» Er höre noch, wie der Schuldirektor maßregelte mit den Worten: «Ihr habt Euch benommen, wie die Sozial-Demokraten!» Und er fuhr fort, er wolle nicht missverstanden werden, «Kommunismus ist ein scharf umschriebenes, politisch-ökonomisches Programm, gegründet auf die Diktatur einer Klasse, des Proletariats, geboren aus dem historischen Materialismus des neunzehnten Jahrhunderts, und in dieser Form stark zeitgebunden.» Dessen Vision aber sei zugleich viel älter.[6] 1949, nach seinem Deutschlandbesuch, wird er schreiben, er sei bekanntlich «mehr Nicht-Kommunist als Antikommunist», aber: «Ich bin fremd dem totalitären Staat, seinem humorlosen Optimismus, seiner Verpönung bourgeoiser Verfeinerung und all dessen, was er dekadent, volksfremd und formalistisch nennt.» Wenn ausgerechnet Thomas Mann wem auch immer «Humorlosigkeit» vorwarf, musste es wirklich düster aussehen. Dass er ein gewisses Vertrauen «bei den Gläubigen jener Sozialreligion» genieße, so Mann, hänge wohl allein mit dem Umstand zusammen, dass er sich in der McCarthy-Ära weigere, an «der grassierenden Hysterie der Kommunistenverfolgungen teilzunehmen und dem Frieden zugunsten rede in einer Welt, deren Zukunft ohne kommunistische Züge längst nicht mehr vorzustellen ist …»[7] Im Frühjahr 1951 wandte sich Mann an Ulbricht und protestierte in einem vergleichsweise scharfen Ton gegen Massenverfolgungen ohne rechtsstaatliche Grundsätze (Waldheimer Prozesse).[8] Diese beiden zitierten Dokumente wurden in der DDR nie publiziert. Sie hätten ebenso wie ein kompletter Nachdruck des Aufsatzes «Schicksal und Aufgabe» die parteipolitische Instrumentalisierung und Verfälschung von Manns Aussage über den Kommunismus offengelegt. Wirkungsgeschichtlich entfaltete diese Verfälschung eine enorme Ausstrahlungskraft – denn zweifellos war nach dem Nationalsozialismus ein radikaler Neubeginn in Deutschland alternativlos. Über die verschiedenen Möglichkeiten des staatlichen, ökonomischen, gesellschaftlichen Neuaufbaus hingegen gab es vielfach Streit und letztlich zwei Realgeschichten, die symbolisch mit «Ost» und «West» umschrieben werden. Für den Osten spielte dabei das alternativlose Antifaschismusverständnis mit dem «gesetzmäßigen» Kommunismusweg die maßgebliche, aus der Theorie wie Praxis abgeleitete zentrale Legitimation – bis zum Untergang.

Diktator neuen Typs

Niemand wird als Diktator geboren. Auch Ulbricht nicht. Das belegt sein Lebensweg bis 1945.[9] Diktator kann nur jemand sein, der einen Staat beherrscht. Wie ein Staat zur Diktatur wird, hat Historikerinnen und Historiker schon immer interessiert, selbst wenn sie die Diktatur nicht Diktatur nannten. Diktaturen sind keine Erfindung der Neuzeit.[10] Erst der Gegensatz zur modernen Demokratie formte das historische Bewusstsein für Diktatur und Diktatoren aus.[11] Deutschland ist ein klassischer (wenn auch besonders drastischer) Musterfall, wie sich zu Beginn der 1930er Jahre eine Demokratie in eine Diktatur verwandelte. Nach 1945 stellte die SBZ einen historischen Sonderfall dar: Der Befreiung folgte stehenden Fußes eine neue, diesmal eine von außen oktroyierte Diktatur. Die Befreier, Besatzer und neuen Herrscher installierten staatliche Strukturen und eine Satrapie, die ihnen faktisch unterstand, aber in der Öffentlichkeit und alsbald auch in den internen Entscheidungsprozessen selbstständig auftrat. Auch der Diktator in der SBZ/DDR war ein Diktator neuen Typs: Er entwickelte sich nicht aus dem System heraus,[12] sondern wurde von einer fremden Macht eingesetzt. Walter Ulbricht war nicht zufällig auserkoren worden, diese Rolle zu übernehmen. Die sowjetische Besatzungsmacht, Stalin persönlich, setzte ihn ein, weil er in ihren Augen alle Voraussetzungen mitbrachte, um ihre Aufgaben zu erfüllen, weil er als einer der ihrigen galt. Und auch wenn die staatspolitischen Vorstellungen der Kommunisten frühzeitig offen zutage traten, entwickelten sich das System und mit ihm ihr oberster Lenker von einem militärischen Besatzungsregiment zu einer eigenständigen kommunistischen Diktatur erst im Laufe der ersten Monate und Jahre. Auch Ulbricht musste erst in die neue Rolle hineinwachsen.

Jede Biographie herausgehobener Persönlichkeiten, der Geschichte ihren Stempel aufdrückender Menschen, besteht fast immer aus vier Teilen: dem Aufstieg, dem «Stempel», dem Abgang und dem Nachleben. Bei Walter Ulbricht war das nicht anders. Bei ihm wie bei vielen anderen kommt nun etwas hinzu, was Historiker*innen regelmäßig vor ein großes methodisches Problem stellt: Sie haben über einen längeren Zeitraum die Geschicke ihres Landes derart nachhaltig geprägt, dass es schwierig ist, zwischen der allgemeinen politischen Geschichte und der Biographie zu unterscheiden. Dies betrifft Diktatoren in einem weitaus stärkeren Maße als demokratisch legitimierte Politikerinnen und Politiker, denen die Macht nur leihweise übertragen wird. Aber an den Beispielen Churchill, Adenauer oder de Gaulle, aber auch Kohl, Brandt oder Merkel ließe sich zeigen – und ist es vielfach belegt worden –, wie schwierig auch hier die Trennung zwischen Amt und Person fällt. Es gab in den Jahren seit 1945 kaum etwas in diesem kleinen Land, wofür sich Ulbricht nicht verantwortlich fühlte oder womit er nicht auf die eine oder andere Art verbandelt war. Um keine als Biographie verbrämte SBZ/DDR-Gesamtgeschichte zu schreiben, bleibt der Fokus auf Ulbricht gerichtet, auf ihn als Funktionär, als Handelnden, als Person, und daher folgt hier eine exemplarische, aber keineswegs erschöpfende Darstellung, die nur eine Gesamtgeschichte der Zeit, keine Biographie einer einzelnen Person zu leisten versuchen könnte. Es geht um Walter Ulbricht, nicht um eine Gesamtgeschichte der SBZ/DDR.

1.

Von der KPD zur SED (1945/46)

Die Potsdamer Konferenz

Vom 17. Juli 1945 bis 2. August 1945 fand in Potsdam das dritte Treffen der «Großen Drei» statt. Für den am 12. April 1945 verstorbenen US-Präsident Roosevelt reiste Nachfolger Harry Truman an. Stalin hatte das Treffen am 27. Mai angeregt.[1] Truman wollte die Konferenz in Alaska abhalten. Churchill setzte sich mit seiner Idee vor, die Siegertagung in Deutschland durchzuführen. Da in Berlin kein geeignetes Areal verfügbar war, wich die Konferenz mit den etwa 1500 Beteiligten nach Potsdam-Babelsberg aus.

Am frühen Morgen des 15. Juli 1945 stieg Stalin in Moskau in einen Sonderzug. Nur wenige Tage zuvor hatte er sich zum «Generalissimus» ernannt. Der Reisezug, eigens aus dem Museum herbeigeschaffte Salonwagen, die zuletzt den russischen Zar befördert hatten, brachte ihn über Litauen und Ostpreußen ins fast 2000 Kilometer entfernte Potsdam. Stalin soll nur zweimal geflogen sein – von Baku nach Teheran und zurück, und das in einer amerikanischen, nicht in einer sowjetischen Maschine. Seit Anfang Mai existierte das russische Breitspurgleis von Moskau bis Berlin. Für Stalins Reise wurde es bis Potsdam verlängert. Entlang der Strecke standen 18.500 Geheimdienstleute, um für eine reibungslose Fahrt zu sorgen. Zusätzlich wurden die Salonwagen von acht Panzerzügen begleitet. Am 16. Juli gegen 11 Uhr Moskauer Zeit, die 1945 in der SBZ galt, rollte der Tross im Potsdamer Bahnhof ein. Am Tag darauf begann die Operation «Terminal», der interalliierte Code für die letzte der drei Kriegskonferenzen.

Bereits am 15. Juli 1945 war Truman nach einer neuntägigen Reise eingetroffen. Den ehemaligen Vizepräsidenten begleiteten etwa 450 Personen. Churchill traf nur eine Stunde nach Truman, aus einem einwöchigen Erholungsurlaub in Südwestfrankreich kommend, in Berlin ein. Truman fuhr ins Berliner Stadtzentrum und besichtigte die Ruinen der Reichskanzlei. «Eine derartige Zerstörung», schrieb er in seinen Erinnerungen, «habe ich nie wieder gesehen.» Truman hielt fest: «Noch deprimierender als der Anblick der zerstörten Gebäude wirkte jedoch die nie endende Kette von alten Männern, Frauen und Kindern, die ziellos auf der Autobahn und den Landstraßen einher wanderten und den Rest ihrer Habe vor sich herschoben oder nachschleppten. In dieser zweistündigen Fahrt wurde ich Zeuge einer großen Welttragödie, und ich war aus tiefstem Herzen dankbar, daß meinem Lande diese unvorstellbare Zerstörung erspart geblieben war.»[2]

Im Tagungsort Schloss Cecilienhof hatten bis zum März 1945 Familienmitglieder der Hohenzollern gewohnt. Der Bau wies 176 Räume auf. In Moskau wurde der runde Konferenztisch hergestellt. Er erwies sich mit etwa sieben Metern im Durchmesser als zu groß für die Empfangshalle und musste verkleinert werden. An der notdürftigen Restaurierung des Schlosses waren über 1200 sowjetische Soldaten sowie deutsche Arbeiter und Techniker beteiligt. Im Schlosshof wurde aus Tausenden roten Geranien ein Sowjetstern gepflanzt.

Am 17. Juli 1945 eröffnete Stalin die Potsdamer Konferenz. Acht Tage später wurden die Verhandlungen für drei Tage unterbrochen, weil Churchill und Clement Attlee nach London reisten, um der Bekanntgabe der Ergebnisse zu den Unterhauswahlen beizuwohnen. Attlee, Oppositionsführer der Labour Party und als Lordsiegelbewahrer zugleich Mitglied im Kabinett Churchills, errang einen Sieg und kehrte als britischer Premier nach Potsdam zurück.

Die Potsdamer Konferenz drohte von Anfang an, «in einem Morast der Erfolglosigkeit zu versacken».[3] Der Streit um die polnische Frage, vor allem aber die Auseinandersetzungen um die Reparationszahlungen ließen die Verhandlungen immer wieder in eine Sackgasse geraten. Die Sowjetunion beharrte auf der in Jalta festgelegten Mindestsumme von zehn Milliarden Dollar. Die USA dagegen wollten die Reparationszahlungen aus der laufenden Produktion beziehen, weil sie befürchteten, dass sie selbst es sein würden, die Deutschland wiederaufbauen müssten. Der Sowjetunion erschien dies – nachvollziehbar – angesichts ihres eigenen verwüsteten und ausgeplünderten Landes nebensächlich. Die Debatten über die ökonomischen Probleme und die dabei zutage tretenden gegensätzlichen Ansichten offenbarten die ideologische Kluft zwischen der Sowjetunion und den USA. Am Vormittag des 2. August 1945 wurde das Kommuniqué über die Potsdamer Konferenz veröffentlicht. Als höchste Regierungsgewalt wurde der Alliierte Kontrollrat eingesetzt. Die Deutschen sollten unabhängig von ihrem Zonenwohnort gleichbehandelt werden. Das Land sollte vollständig entmilitarisiert werden. Die NSDAP und sämtliche Gliederungen wurden verboten, Kriegsverbrecher und herausgehobene Nationalsozialisten sollten interniert und verurteilt werden. Sämtliche NSDAP-Mitglieder waren aus wichtigen Positionen zu entfernen. Bildungs- und Justizwesen sollten grundlegend erneuert, demokratische Parteien zugelassen, eine zentrale deutsche Regierung aber nicht errichtet werden. «Unter Berücksichtigung der Notwendigkeit zur Erhaltung der militärischen Sicherheit wird die Freiheit der Rede, der Presse und der Religion gewährt. Die religiösen Einrichtungen sollen respektiert werden. Die Schaffung Freier Gewerkschaften, gleichfalls unter Berücksichtigung der Notwendigkeit der Erhaltung der militärischen Sicherheit, wird gestattet werden.» Wirtschaftskonzerne seien zu zerschlagen, Deutschland sollte als Wirtschaftseinheit behandelt werden. Die Reparationen entnahmen die Besatzungsmächte aus ihren Zonen, Polen sollte über die Entnahmen aus der SBZ entschädigt, Königsberg und Umgebung der Sowjetunion dauerhaft zugeschlagen werden. Die drei Regierungen stimmten überein, dass die endgültige Festlegung der polnischen Westgrenze später erfolge, bis dahin standen die früheren deutschen Ostgebiete unter polnischer Verwaltung. Die «Überführung» der Deutschen aus den Ostgebieten erfolge planmäßig.[4]

Truman behauptete anschließend, die osteuropäischen Staaten würden nicht «in die Einflußsphäre irgendeiner Macht» geraten. Seine Ankündigung, «nach Maßgabe unserer Kräfte» den Völkern Europas zu helfen, skizzierte die künftige Europapolitik der USA und wurde von den westeuropäischen Regierungen positiv aufgenommen. Churchill kritisierte in einer Rede am 16. August die Beschlüsse von Potsdam und zeigte sich mit der polnischen Lösung sehr unzufrieden. Zugleich betonte er mit Blick auf die Vertreibungen und die sowjetische Einflusszone: «Spärliche und vorsichtige Berichte über die Dinge, die vor sich gingen und gehen, sind durchgesickert; es ist aber nicht ausgeschlossen, daß eine Tragödie ungeheuren Ausmaßes sich hinter dem Eisernen Vorhang, der Europa gegenwärtig entzweischneidet, abspielt.»[5] Der «Eiserne Vorhang», ein Bild, das Churchill seit Mai 1945 häufig benutzte und Goebbels am 25. Februar 1945 in einem Zeitungsartikel geprägt hatte, spaltete Europa.[6] Zunächst aber spielte sich noch eine andere Tragödie größten Ausmaßes ab – und zwar vor den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit.

Hiroshima und Nagasaki

Als Truman am 15. Juli 1945 in Berlin eintraf, erfuhr er am Tage danach durch ein streng geheimes Telegramm, dass in der Wüste von New Mexico erstmals eine Atombombe erfolgreich getestet worden war. Churchill ist wenige Tage später unterrichtet worden. Erst am 24. Juli informierte Truman Stalin betont beiläufig über den erfolgreichen Test. Dieser reagiert gelassen.[7] Eine Spezialeinheit bereitete den Abwurf der ersten Atombombe auf eine japanische Stadt vor. Hiroshima, Kokura, Nagasaki und Niigata kamen in die engere Wahl. Tokio stand nicht zur Debatte. Bei konventionellen Luftangriffen am 9. und 10. März 1945 waren dort bereits über 80.000 Menschen getötet worden. Am 6. August 1945 gegen 8.15 Uhr Ortszeit warf ein B-29-Bomber die erste Uranbombe über Hiroshima ab. Drei Tage später detonierte in Nagasaki eine Plutoniumbombe. Innerhalb weniger Sekunden starben insgesamt 200.000 Menschen. An den Langzeitwirkungen haben viele Japaner*innen bis heute zu leiden. «Der Dritte Krieg war eröffnet, bevor der Zweite mit der Unterzeichnung der japanischen Gesamtkapitulation und der Kapitulation der japanischen China-Armee am 2. bzw. 9. September 1945 zu Ende ging. Ob er ein Kalter bleiben würde, war lange Zeit nicht sicher.»[8]

Die Potsdamer Konferenz bildete den Versuch, die politischen, territorialen und wirtschaftlichen Probleme zu lösen, die sich am Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa stellten. Die provisorische Nachkriegsordnung von Jalta und Potsdam ist nie durch eine Friedenskonferenz und einen Friedensvertrag bestätigt worden. Trotzdem erwies sie sich als beständig. Der Streit um die juristische Gültigkeit des Potsdamer Abkommens war angesichts der historischen Realitäten müßig. Ob das Dokument wie im sowjetischen Verständnis als «völkerrechtlicher Vertrag» firmierte oder ob man im Westen darauf beharrte, dass es sich lediglich um ein Konferenz-Kommuniqué handelte, formal war das Potsdamer Abkommen das Grundsatzdokument der Nachkriegspolitik gegenüber Deutschland. Als die Großmächte Potsdam verließen, war nicht nur Deutschland, sondern auch Europa und die Welt für Jahrzehnte geteilt.[9]

Wahrnehmungen sowjetischer Soldaten

In Europa herrschten mit Kriegsende in vielen befreiten Gebieten Rache, Gewalt; staatliche Autoritäten gab es vielerorts nicht.[10] Als Schukows Armeen die Grenzen des Deutschen Reichs überschritten, gab er einen Befehl heraus, in dem es hieß: «Wehe dem Land der Mörder. Wir werden uns grausam rächen für alles.» Bevor die Rote Armee in Ostpreußen einmarschierte, erließ die Politische Hauptverwaltung die Direktive, «daß es auf deutschem Boden nur einen Herrn gibt: den Sowjetsoldaten, daß er sowohl Richter wie Henker für die von seinen Vätern und Müttern erlittenen Qualen, für die zerstörten Städte und Dörfer ist … Denkt daran, daß das dort nicht eure Freunde sind, sondern die Verwandten der Mörder und Unterdrücker.»[11] Überall waren auf den Straßen deutschfeindliche Parolen zu lesen, die mehr oder weniger direkt zur Gewaltausübung aufriefen und individuelle Hemmschwellen erheblich absenkten. Berühmt wurden die Aufrufe und Artikel von Ilja Ehrenburg, dem auch in Deutschland bekannten Schriftsteller. Wie viele andere stand er im Dienst der sowjetischen Militärpropaganda. Diese lebt von Vereinfachung.[12] In dem berühmtesten Flugblatt von Ehrenburg hieß es: «Wir erinnern uns an alles. Wir haben verstanden: Die Deutschen sind keine Menschen. Von jetzt an ist das Wort ‹Deutscher› für uns der schlimmste Fluch. Von jetzt an läßt das Wort ‹Deutscher› das Gewehr losgehen. Wir werden nicht reden. Wir werden uns nicht entrüsten. Wir werden töten. Wenn Du nicht einen Deutschen am Tag getötet hast, war der Tag verloren. (…) Wenn Du einen Deutschen getötet hast, töte einen weiteren – nichts stimmt uns froher als deutsche Leichen. Zähle nicht die Tage. Zähle nicht die Kilometer. Zähle nur eines: die von Dir getöteten Deutschen. Töte den Deutschen! fordert die alte Mutter. Töte den Deutschen! bittet Dich das Kind. Töte den Deutschen! schreit die Heimaterde. Schieß’ nicht daneben. Laß’ keine Gelegenheit aus. Töte!»[13] Am 14. April 1945, die Exzesse waren längst außer Kontrolle geraten, druckte die «Prawda» einen großen Artikel ab und stellte klar, Ehrenburg irre, wenn er die Deutschen zu einem Verbrechervolk abstemple.[14]

Voller Angst hatten die meisten deutschen Zivilist*innen die Stunde erwartet, da sie mit Sowjetsoldaten auf deutschem Boden zusammenträfen. Die Sieger waren die Projektionsfläche der Ängste und Ressentiments der Besiegten. Die Berichte über deren Untaten befreiten vom Nachdenken über die eigene Verantwortung. Feldpostbriefe sowjetischer Soldaten spiegeln etwas jener Atmosphäre, die herrschte: «In Feindesland ist jeder unserer Soldaten ein Herr und jeder rächt sich, wie er nur kann. Und es gibt keine Gnade, in keinem Haus. Für keine Möbel, keine Uhren, keine Spiegel. Eingerichtet hatten sie es gut in ihren Häusern.»[15] Die sowjetische Armee eroberte zunächst weitgehend menschenleere Gebiete, da die meisten Deutschen geflüchtet waren. Erst als der Vorstoß schneller als die Fluchtbewegung vorankam und die Flüchtlingstracks die Straßen verstopfen, stießen Einheiten der Roten Armee auf Deutsche.[16]

Vergewaltigungen

Seit Jahrtausenden dienten Frauen Soldaten als Freiwild. Die Kriege der Männer fanden ihre symbolische und faktische Vollendung in der Gewalt über die Frauen der Besiegten. Ein 26-jähriger Architekt, Mitglied der KPdSU (B) seit 1941, Gardemajor bei der Infanterie, schrieb am 20. April 1945 an eine Bekannte: «Wir haben es gelernt, unsere Leute im Zaum zu halten (im Gegensatz zu einigen Infanterieeinheiten, besonders solchen mit Vorausaufklärung. Diese lassen ihren Gefühlen freien Lauf und sprengen jeglichen Rahmen, vorstellbaren und unvorstellbaren). Hier muss noch Arbeit geleistet werden, damit die Leute verstehen, dass sie nicht mit Frauen und um Sachen kämpfen sollen, sondern mit den Hitlerleuten. Im realen Leben ist das schwer zu erreichen, und deshalb gehen wir häufig auf ziemlich unansehnlichen Spuren, die unsere Vorausabteilungen hinterlassen haben. Aber das bleibt alles unter uns.»[17] Bis heute sind «Russe und Vergewaltigung … ein Synonym».[18] Die deutsche Kriegspropaganda verstand es erfolgreich, den Durchhaltewillen der Deutschen mit der drohenden Schändung deutscher Frauen zu stärken und den deutschen Landser zum Verteidiger des heimischen Herdes und der Unschuld blonder Jungfrauen zu stilisieren.

Schätzungen zufolge sind zwischen dem Frühsommer und Herbst 1945 allein in Berlin etwa 110.000 Mädchen und Frauen im Alter zwischen 12 und 88 Jahren vergewaltigt worden. Die höchste Schätzung geht von 800.000 Mädchen und Frauen aus. In der Stadt lebten zu diesem Zeitpunkt etwa 1,4 Millionen weibliche Personen. Mindestens 40 Prozent der Vergewaltigungsopfer sind mehrfach missbraucht worden. Die Zahl der Vergewaltiger übertrifft die Zahl der vergewaltigten Frauen um ein Vielfaches. 20 Prozent wurden schwanger, davon haben zehn Prozent ein Kind zur Welt gebracht. Zwischen Ende 1945 und Sommer 1946 waren fünf Prozent der Neugeborenen in der Sowjetischen Besatzungszone sogenannte «Russenkinder». Viele Tausende Frauen und Mädchen bezahlten die Vergewaltigung mit dem Leben und bleibenden gesundheitlichen Schäden. Insgesamt wird geschätzt, dass beim Vormarsch der Roten Armee von Ostpreußen bis nach Berlin und später an die Demarkationslinie annähernd 1,9 Millionen Mädchen und Frauen vergewaltigt worden sind. Auch in den westlichen Besatzungszonen kam es zu Tausenden Vergewaltigungen, die nicht das Ausmaß wie in den von der Roten Armee besetzten Gebieten annahmen.[19] Deutsche Soldaten vergewaltigten bei ihren Eroberungskriegen ebenfalls, und in allen besetzten Ländern wurden insgesamt einige Zehntausende Kinder auf diese verbrecherische Weise gezeugt. Das Problem der Vergewaltigungen blieb bis zum Ende der Besatzungszeit in der SBZ bestehen. Allerdings schwächte sich die Intensität bis Anfang der fünfziger Jahre ab, um sich ab Mitte der fünfziger Jahre auf einem Niveau von jährlich einigen Hundert bzw. später einigen Dutzend «einzupegeln».

Die Kommunisten nahmen das Problem nicht nur nicht ernst, sondern glaubten selbst dann, es sei faschistische Propaganda, wenn ihnen Frauen davon berichteten.[20] Der sowjetischen Führung war schnell bewusst geworden, welchen Schaden die Vergewaltigungen politisch anrichteten. Besonders der KPD und später der SED als «Russenpartei» sind diese und andere Verbrechen angelastet worden und trugen erheblich zu deren rapidem Ansehensverlust bei. Ab Ende Juni 1945 setzten Versuche ein, die Vergewaltigungen zu stoppen. Seit dem frühen Herbst 1945 wurden ertappte Sexualtäter bestraft, wobei das Strafmaß vom jeweiligen Kommandanten abhing. Das konnte von einigen Tagen Arrest bis zu einem mehrjährigen Aufenthalt im Straflager reichen. Hatte ein Soldat eine Frau mit anschließender Todesfolge vergewaltigt, wurde er nun meist vor der angetretenen Einheit zur Abschreckung erschossen. Die meisten Vergewaltigungen aber blieben ungesühnt, weil es kaum einer Frau gelang, ihren Peiniger zu überführen. Ab Mitte 1947 sind Vergewaltigungen dadurch immer mehr eingedämmt worden, dass die sowjetischen Soldaten von der Bevölkerung weitgehend isoliert wurden und in streng abgeriegelten Kasernen und «kleinen Städtchen» kaum noch Kontakte zur Außenwelt «pflegen» konnten. Im Januar 1948 wurde den sowjetischen Militärangehörigen durch ein Gesetz jeder außerdienstliche Kontakt zu Ausländern verboten und unter Strafe gestellt. Diese Abschottung trug der Tatsache Rechnung, dass laut Geheimdiensten und Politoffizieren die Truppen immer stärker der «bürgerlichen Ideologie» und einem «Verwestlichungsprozeß» unterlagen. Dennoch «wohnten» viele Offiziere weiterhin mit deutschen Frauen zusammen. Ab Mitte 1947 wurden Offiziere, die sich dabei ertappen ließen, in die Sowjetunion zurückversetzt. Im März 1949 erließ die Regierung in Moskau eine Direktive, Vergewaltigungen drakonisch zu bestrafen. Sie galt für die Sowjetunion selbst – wo Vergewaltigungen ebenfalls ein weitverbreitetes Verbrechen darstellten –, aber auch für sowjetische Staatsbürger im Ausland.[21]

Erster «Ausflug» nach Berlin

Viele Soldaten berichteten, wie sie «Trophäen» jagten. Das war laut Befehl allen Soldaten und Offizieren gestattet. Die Paketgröße war nach dem Dienstrang des Absenders gestaffelt. Der einfache Soldat war der oft beschriebene Uhrenjäger. Jedem General stand offiziell ein Luxusauto als Beute zu. Von Marschall Schukow ist überliefert, er habe insgesamt sieben Eisenbahnwaggons vollgefüllt nach Moskau schaffen lassen, um seine Wohnungen und Datschen neu einzurichten.

Mit dem Vorrücken in Deutschland verbesserte sich die Lebenslage in der Roten Armee. Es gab von nun an genügend zu essen und zu trinken. Viele Rotarmisten waren begierig zu sehen, wie der Feind, der nicht nur gehasst, sondern von vielen durchaus ehrfurchtsvoll betrachtet wurde, im eigenen Land lebte. Berlins Ruinenlandschaft wurde mit der Stalingrader Steinwüste verglichen. «Die Deutschen brauchen 40 Jahre», schrieb am 27. Juni 1945 ein «Held der Sowjetunion» an seine Mutter, «um das wieder aufzubauen.»[22]

Ulbricht hat sich allen Bekundungen und Quellen zufolge für das Gebaren der Sowjetsoldaten nicht sonderlich interessiert. Mit Pieck versuchte er bei Schukow am 12. Juli 1945 zu intervenieren.[23] Sie waren besorgt um das Ansehen ihrer Partei, die als «Russenpartei», wie der Volksmund sie nannte, erhebliche Ansehensverluste erlitt. Ulbricht sprach sich gegen Abtreibungen nach einer Vergewaltigung aus.[24] Das stand zwar im Widerspruch zu der KPD-Politik in der Weimarer Republik, aber tatsächlich ist in der DDR erst 1972 jede Form des Schwangerschaftsabbruches bis zur 12. Woche legalisiert worden. In der Sowjetunion war er bereits 1955 und in Polen 1956 legalisiert worden – auch um die massenhafte illegale Praxis zu entkriminalisieren.

Von Ulbricht sind kaum Äußerungen überliefert, wie er nach seiner Rückkehr das zerstörte Deutschland und Berlin wahrnahm. Wolfgang Leonhard beschrieb Berlin als «ein infernalisches Bild», das sich ihnen am 2. Mai 1945 bot.[25] Sein Freund Markus Wolf, er kam einen Monat später nach Berlin, schilderte wie Leonhard den Kontrast zwischen den weitgehend intakten Außenbezirken und den fast restlos zerstörten Innenbezirken: «Es wäre bestimmt rentabler, eine neue Stadt aufzubauen, als hier allein den Schutt und die Trümmer wegzuräumen.» Gleichzeitig staunte er, dass Anfang Juni bereits viele Hauptstraßen von Schutt geräumt und die wichtigsten Strecken der U- und S-Bahnen wieder in Betrieb waren.[26]

Ulbrichts «Ausflug» am 1. Mai nach Berlin dürfte auch ihn erschüttert haben. Gotsche, später einer seiner engsten Vertrauten, behauptete, er hätte an diesem Tag das bis auf einen Pförtner verwaiste Rote Rathaus, das noch brannte, aufgesucht. (Hier erhielt Ulbricht einen Arbeitsraum – Parterre links – für die Organisierung der Stadtverwaltung.) Überprüfbar ist das nicht.[27] Sepp Hahn, seit 1940 in Konzentrationslagern eingesperrt und im Mai 1945 – wie auch Roman Chwalek, Waldemar Schmidt, Hans Jendretzky, Ottomar Geschke oder Willy Sägebrecht,[28] alles Ulbricht persönliche bekannte Funktionäre – für die Gruppe Ulbricht rekrutiert, erinnerte sich: «Die Lage in Berlin war zu diesem Zeitpunkt denkbar trostlos. Berlin war eine brennende und trostlose Stadt.»[29] Als Ulbricht abends nach Bruchmühle zurückkam,[30] berichtete er den Gruppenmitgliedern von der zerstörten Reichshauptstadt und seinen ersten Gesprächen mit Kommunisten. Diese glaubten einhellig, nun würde sofort der sowjetische Sozialismus aufgebaut. Anders als die Moskau-Rückkehrer dachten sie, es sei die Stunde der KPD gekommen und sie könne unmittelbar an die politischen Vorstellungen von 1932 anknüpfen.[31]

Ulbricht erzählte im August in einem Radiointerview, womit die Arbeit begann: «Wir haben sofort mit anderen antifaschistischen Gruppen alles getan, um die Naziführer aus ihren Löchern zu holen. Nachdem die Hitlerbande Berlin so furchtbar zerstört hatte und der Verwaltungsapparat zerschlagen war, haben wir uns mit sozialdemokratischen Freunden und mit Antifaschisten aus den Reihen der Intelligenz in Verbindung gesetzt, um den Grundstein zu legen zu einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung in Berlin.»[32] Nach Auskunft einiger Zeitzeugen ermunterte Ulbricht – der nach Berlin mit dem markanten Spitzbart zurückgekehrt war – die Kommunisten, mit denen er sprach, selbst aktiv zu werden und nicht auf Anweisungen zu warten.[33] Max Opitz traf wie viele andere, die eingesperrt waren, bei Ulbricht in Häftlingskleidung ein.[34] Willy Sägebrecht, dem Todesmarsch aus dem KZ Sachsenhausen entkommen, ließ nach seiner Rückkehr nach Berlin Ulbricht mitteilen, er stehe für Arbeit zur Verfügung. Wenige Tage später, Mitte Mai, erhielt er die mündlich überbrachte Nachricht, eine typische Nachricht Ulbrichts: «Guten Tag, Willy, einen schönen Gruß vom Genossen Walter Ulbricht. Du sollst Dir eine Decke nehmen, Rasierapparat, Zahnbürste und was du noch so brauchst und dann mit mir im Wagen mitkommen. Du sollst in der Gruppe Ulbricht mitarbeiten.»[35]

Radikale Entnazifizierung?

Unter den meisten Hitler-Gegnern herrschte Konsens darüber, eine scharfe Abrechnung mit den Nationalsozialisten zu vollziehen. Willy Brandt glaubte 1944, dass «die militärische Niederlage eine Erhebung in den breitesten Volksschichten auslösen wird … Ein maßloser Zorn wird die Nazisten treffen …»[36] Im mexikanischen Exil schrieb Paul Merker im Sommer 1945 noch vor seiner Rückkehr nach Deutschland: «Anklage muss gegen hunderttausende Polizisten, Scharfmacher und Spitzel in den Betrieben, Beamte der verschiedensten Behoerden, Funktionaere aller Grade der nazistischen Organisationen, Lehrer der Rassenhetze und gegen alle, die freiwillig der Allgemeinen SS, dem SD und dem Volksbeobachtungsdienst beitraten, erhoben werden.» Merker ging von der Annahme aus, um eine Wiederholung zu verhindern, müsse es neben einer personellen auch eine strukturelle Entnazifizierung geben: «Die entschiedensten deutschen Demokraten sind sich klar, dass die Entwicklung der Produktionsverhaeltnisse im Nachkriegsdeutschland entscheidend dafuer sein wird, ob nunmehr die demokratische Umwaelzung und zwar auf der durch die Existenz des monopolistischen Kapitalismus bedingten hoeheren Stufe bis zu Ende gefuehrt werden kann.» Die strukturelle Entnazifizierung dürfe sich aber nicht auf die Wirtschaft beschränken. Merker sprach an, was viele teilten: «Sollen Rassismus und Antisemitismus ausgerottet werden, so bedarf es deren Brandmarkung zum todwuerdigen Verbrechen, so bedarf es ihrer Ausloeschung aus den Hirnen der Erwachsenen und Kinder. Kein Buch, kein Pamphlet, keine Zeitung, keine Zeitschrift darf weiter existieren, die zur Verbreitung von Rassenhass und Antisemitismus beitragen. Jeder Redakteur, jeder Professor oder Lehrer muss verhaftet und auf das Strengste bestraft werden, der den Versuch unternimmt, dieses Gift auch weiterhin zu verstreuen oder eine Rechtfertigung des braunen Schreckensregimes zu versuchen. Alle den Nazismus und Nationalismus verherrlichenden Filme sind zu zerstoeren. Alle demselben Zweck dienenden Bauten, Monumente, Abzeichen und Namen sind zu vernichten. Alle hohen und mittleren nazistischen Funktionaere, insbesondere die Professoren und Lehrer, sind aus ihren Stellungen in Staat, Wirtschaft, Universitaeten und Schulen zu entfernen. Keinem nazistischen Beamten oder Offizier darf das Recht auf Pension zugebilligt werden.» Dieser Radikalansatz ließ sich nicht verwirklichen, gleichwohl war er das Credo der meisten am Neuaufbau Beteiligten. Noch weniger wurde umgesetzt, was Merker ebenfalls anführte: «Alles geraubte Eigentum, besonders dasjenige der deutsch-juedischen Bevoelkerung ist ohne juristische Formalitaeten an den rechtmaessigen Besitzer zurueckzuerstatten ohne Ruecksicht darauf, ob es unterdessen veraeussert wurde oder ob es sich in zweiter, dritter oder vierter Hand befindet.» Der Ausgangspunkt für Merker lautete: «Nur eine Ungleichheit darf es im kommenden demokratischen Deutschland zwischen Menschen noch geben: Die Ungleichheit zwischen den demokratischen Kaempfern und den nazistischen Bestien.»[37]

Ulbricht teilte diese Unbedingtheit nicht, dafür war er zu sehr pragmatischer Machtpolitiker, als dass er sich solchen Illusionen und moralischen Ansprüchen hingegeben hätte. Gleichwohl sprach er sich dafür aus, ehemalige aktive Nationalsozialisten aus dem Öffentlichen Dienst restlos zu entfernen. Dabei arbeitete er eng mit dem NKWD zusammen. Als zum Beispiel im Mai 1945 das Gerücht kursierte, wohl selbst über Radio verbreitet, «Mongolen» marodierten durch Berlin und alle Frauen und Kinder sollten sich verstecken, was viele auch befolgten, glaubte Ulbricht, man müsse «annehmen, dass illegale Nazi-Gruppen diese Gerüchteverbreitung durchführen.» Um das künftig zu verhindern, schlug Schukow ein in der Sowjetunion erprobtes Mittel vor: «Meines Erachtens ist es notwendig, dass in Berlin eine grössere Zahl früherer Nazi-Funktionäre verhaftet werden muss, um die Verbindungen der aktiven Nazis aufdecken zu können.»[38] Hier stand das juristische Abschreckungs- und Einschüchterungsprinzip im Vordergrund, nicht der individuelle Einzelfall. Das wurde für die nächsten Jahren durchaus charakteristisch für die kommunistische Machtpolitik. Auch gegen die Wiedereinsetzung von Polizisten, die am 1. Mai 1929 («Blutmai») gegen Demonstrierende vorgegangen waren, sprach sich Ulbricht bereits aus[39] – er fragte weder nach ihrem Parteibuch (oft SPD) noch nach ihrer Haltung in der Hitler-Diktatur.

Aufbau der Verwaltung

Der Aufbau der Verwaltungsstrukturen war die Hauptaufgabe der Initiativgruppen: «Unsere Mission als Initiativgruppe bestand vor allem darin, soweit wir nur wirken konnten, dafür zu sorgen, daß die richtigen Menschen gefunden wurden und die neuen Verwaltungsorgane so zusammengesetzt waren, wie es der Politik einer breiten antifaschistischen Einheit entsprach.»[40