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Ein bewegtes Leben von nahezu 500 Jahren liegt hinter der Niederländischen Gemeinde Augsburger Confession. Für die altehrwürdige Frankfurter Institution jedoch bei Weitem kein Grund auszuruhen. Im Gegenteil: Mit dem Beginn einer neuen Schriftenreihe beschreitet sie Wege in die Zukunft. Die Schriften der NGAC möchten der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der (eigenen) Geschichte ein lebendiges Forum bieten, aber auch zu sozialen und politischen Aspekten der heutigen Stiftungsarbeit Stellung nehmen. - Martin Jhering, Archivar der NGAC, stellt im ersten Band 'Wandlungen und Aufbrüche' kundig und mit reichem Bildmaterial die Hintergründe der Migration Antwerpener Lutheraner nach Frankfurt dar. Auch schlägt er den Bogen über eine Entwicklung, die von der 1585 gestifteten Diakoniekasse der Flüchtlinge hin zu jener Einrichtung der Nachfahren führt, die heute zugleich als Familiengenossenschaft, Erinnerungsgemeinschaft und Wohltäterin Frankfurts wirkt. Er zeigt, dass die langsame Säkularisierung der Institution in kirchenpolitischen Beschränkungen früherer Jahrhunderte angelegt ist. Die biografische Skizze des aus Spanien stammenden Stifters und späteren Frankfurter Bürgers Cassiodoro de Reyna erzählt vom europäischen Horizont der Gründergeneration.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2014
Martin Jhering
Antwerpen 1566: Als Teil der Spanischen Niederlande ist die reichste Handelsstadt Europas nach wie vor katholisch, doch die Reformation breitet sich wie ein Lauffeuer aus. In diesem Jahr veröffentlicht der Kartograf Pauwels van Overbeke einen Stadtplan von Antwerpen. [Abb. Overbeke-Plan, 1566];[Abb. Overbeke-Plan, 1568]; Kaum zwei Jahre später schon wird eine veränderte Neuauflage nötig, denn das Bild der Stadt hat sich drastisch verändert. Was ist geschehen?
Nach monatelangen Unruhen hat Philipp II. von Spanien 1567 endgültig die Geduld mit der aufmüpfigen Provinz verloren und seinen mächtigsten Kriegsmann, den Herzog von Alba, samt einer gewaltigen Streitmacht in die Niederlande gesandt. An der Südseite Antwerpens errichten die Spanier eine Zitadelle. Die aggressive Form des Baus spiegelt seinen Zweck wieder: Kontrolle und Unterdrückung. Es ist jene Festung, die zehn Jahre später Ausgangspunkt des Massakers werden soll, das als „Spanische Furie“ in die Geschichte eingehen wird. Der Stadtplan van Overbekes dokumentiert durch seine Nüchternheit besonders eindrucksvoll die Situation der Antwerpener Bevölkerung. Sie ist jetzt definitiv nicht mehr Herr ihrer Lage. Alle Hoffnung, die Konflikte der vergangenen Jahre könnten im Konsens gelöst werden, ist dahin. Die Ereignisse der Jahre 1567/68 lösen die zweite große Emigrationswelle aus. Tausende Protestanten verlassen Antwerpen, etliche ziehen nach Frankfurt am Main. Das Ziel scheint wohl gewählt, und besonders eine Vorkehrung der Neuankömmlinge weist darauf hin, dass hier langfristig geplant wird: Im Mai 1585, noch vor der endgültigen Kapitulation Antwerpens, stiftet eine Gemeinschaft exilierter Lutheraner unter dem Namen „Niederländische Gemeinde Augsburger Confession“ einen Almosenkasten. Von nun an ist die Geschichte der Antwerpener Lutheraner auch die Geschichte Frankfurts.
Die Niederländische Gemeinde Augsburger Confession (NGAC) durchlief im Verlauf der Jahrhunderte eine Reihe von Wandlungen. Aus einer Flüchtlingsgemeinde wurde eine „Privatgesellschaft von evangelisch-lutherischen Glaubensgenossen“ (Hermann Dechent), die allerdings als obrigkeitlich anerkannte Körperschaft in den jährlich erscheinenden Ratskalendern der Freien und Reichsstadt Frankfurt am Main zum „Staat“ der frühneuzeitlichen Stadtrepublik gezählt wurde. Die ehrenamtlichen Vorsteher und Diakone der Gemeinde galten somit als Inhaber öffentlicher Ämter. Der vornehmlich zur Unterstützung der eigenen Mitglieder gegründete Almosenkasten erweiterte im 20. Jahrhundert sein Förderziel über die Gemeinde hinaus und wurde schließlich in eine gemeinnützige Stiftung umgewandelt. In ihrer Verfassung aus dem Jahr 1998 verpflichtet sich die neu gegründete Stiftung NGAC zu mildtätigen und gemeinnützigen Zwecken. Mildtätig, das heißt: konkrete, wirtschaftliche Hilfe. Nach wie vor unterstützt die Stiftung Gemeindemitglieder und ihre Nachfahren in der Not. Vor allem aber soll jetzt die Förderung Menschen zugutekommen, die wegen religiöser Verfolgung ihre Heimat verlassen mussten. Verfolgung und Vertreibung aus religiösen (und fast immer auch wirtschaftlichen) Motiven ist ein Phänomen, das über die Jahrhunderte nichts an Aktualität verloren hat. Manchmal ist eine Rückkehr in die Heimat möglich, häufig bedeuten Flucht oder Vertreibung jedoch einen radikalen Bruch der Familienbiografie auf Generationen hinaus. Man befindet sich plötzlich in der Fremde – und wird selbst als „fremd“ wahrgenommen. Die Geschichte der NGAC belegt jedoch, wie fruchtbar eine solche Situation langfristig sein kann, für die Neuankömmlinge wie für die Stadt. Sie zeigt aber auch die Schwierigkeiten bei der Integration von Zuwanderern. Angst vor „Überfremdung“, Macht- und Wohlstandsverlust hier, Angst vor Verlust der eigenen Identität dort: Das sind Themen, die in Frankfurt im 21. Jahrhundert so aktuell sind wie im 16. Jahrhundert. Man mag heute über einen Satz von 1585 schmunzeln, in dem den niederländischen Lutheranern, die ihren Gottesdienst traditionell auf Französisch abhielten, vom Frankfurter Rat widerwillig und einmalig eine offizielle Versammlung gestattet wird, unter der Maßgabe „daß sy nit vil gesangs treiben“. Ernster wird es schon, wenn man sich vor Augen führt, wie sich Angst vor Fremden als historische Konstante hält: Das Verbot, das es den reformierten Gemeinden im lutherischen Frankfurt bis 1787 untersagte, eigene Kirchen zu errichten, und der heutige Widerstand gegen den Bau von Moscheen liegen zwar über zwei Jahrhunderte auseinander, sind aber Facetten der gleichen anhaltenden Angst vor Überfremdung.
Die heutige Stiftung Niederländische Gemeinde A. C. soll laut ihrer Satzung die „durch christliche Nächstenliebe und Nothilfe geprägten Grundsätze und Grundlagen der evangelischen Glaubensflüchtlinge“ erhalten und weitertragen. Sie engagiert sich für Projekte, die „das kulturelle und soziale Erbe der Stadt Frankfurt bewahren“, „bürgerlich-protestantische Tradition stärken“ und „religiös geprägte Konflikte überwinden“. In der Rückschau lässt sich noch eine weitere Eigenschaft feststellen, die das Verhalten der frühen Frankfurter Niederländer prägte: der feste Wille, sich am Gemeinwesen zum Wohl desselben aktiv zu beteiligen. Wohlstand und Freiheit erfordern eine funktionierende Zivilgesellschaft. Notwendige Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe und Teilnahme sind aber stets Aufklärung und Bildung. Hier setzt die gemeinnützige Arbeit der Stiftung NGAC an: Sie unterstützt karitative Arbeit und fördert Spracherwerb und Weiterbildung von „Neuankömmlingen“.
Ein weiterer Satzungsauftrag ist schließlich die Gründung eines „allgemein zugänglichen Archivs“. Dieses Archiv und die von ihm herausgegebene Schriftenreihe sollen „die auf den Vertriebenen der Protestanten-Verfolgung […] beruhende Kultur und Geschichte in Frankfurt“ dokumentieren. Der vorliegende erste Band der Schriftenreihe beschreibt den Aufbruch der niederländischen Lutheraner gen Frankfurt. Er ist aber auch selbst ein Aufbruch. Anstelle der ursprünglich geplanten einbändigen Monografie zur Geschichte der Gemeinde ist eine Schriftenreihe getreten. Sie soll der Auseinandersetzung mit der (eigenen) Geschichte ein lebendiges Forum bieten. Wie in der karitativen Arbeit wirkt die Stiftung hier in zwei Richtungen: In der Dokumentation des Werdegangs der NGAC gibt sie den Nachfahren der aus Antwerpen Vertriebenen Hinweise auf Herkunft und Identität. Sie sucht aber auch allgemeine Relevanz, indem sie Geschichte als Verpflichtung für ein verantwortungsvolles, menschliches Handeln in der Zukunft begreift. So soll im Rahmen der Schriftenreihe zum einen die Geschichte dokumentiert, zum anderen aber auch zu zeitgenössischen sozialen und politischen Aspekten der Stiftungsarbeit Stellung genommen werden. Positionen religiösen und bürgerschaftlichen Engagements sollen beleuchtet werden, nicht zuletzt auch, um künftige Aufgaben zu finden.
Diese Schriftenreihe gäbe es vermutlich nicht ohne die Tatkraft und den Ideenreichtum von Barbara Bernoully. Die Niederländische Gemeinde A. C. schuldet ihr aus vielen Gründen ganz besonderen Dank. Als Barbara Bernoully im Jahre 2002 die Geschicke von Gemeinde und Stiftung übernahm, schien die Auflösung der traditionsreichen Gemeinschaft beinahe besiegelt. In den unmittelbar vorausgegangenen Jahren waren bereits Teile des Inventars aus dem Gemeindebestand verkauft, heute sehr gesuchte Bücher gar an Antiquare abgegeben worden. Allein Frau Bernoully mit ihrem visionären Weitblick ist es zu verdanken, dass das vorhandene Mitgliederregister wieder aktualisiert sowie Nachkommen der Familien angesprochen und motiviert wurden. Innerhalb weniger Jahre stieg dadurch die Mitgliederzahl von 85 auf derzeit fast 400 Personen. Noch wichtiger und erfreulicher war jedoch, dass die jährlich stattfindenden Gemeindeversammlungen wieder mit Gemeinschaftsleben erfüllt wurden. Für die inzwischen wieder sehr aktive Tätigkeit der Stiftung war es wesentlich, dass die Liegenschaft der NGAC im Oberweg 16 in den vergangenen Jahren konsequent saniert und modernisiert wurde und damit in Zukunft wieder einen wichtigen Beitrag zur Erfüllung der wachsenden Stiftungsaufgaben leisten kann.
Barbara Bernoully erkannte auch, dass eine fundierte aktuelle Gesamtdarstellung der Integration der Exulanten aus den Spanischen Niederlanden in Frankfurt am Main fehlte. Dadurch war bisher eine wissenschaftliche Einordnung der historischen Ereignisse nur unzureichend möglich. Dem Historiker Martin Jhering, dem die Gemeinde bereits zahlreiche wichtige Studien verdankt, wurde Claudia Olbrych zur Seite gestellt. Sie leistet seither wertvolle Unterstützung und war auch für die Drucklegung dieses Bandes unentbehrlich. Ein besonderer Dank gilt auch der Frankfurter Bürgerstiftung, namentlich Clemens Greve, der zusammen mit der Cronstett- und Hynspergischen evangelischen Stiftung zu Frankfurt am Main und der Ernst Max von Grunelius-Stiftung die ersten Schritte dieser Publikation begleitet und gefördert hat.
Die Erfahrung der Niederländischen Gemeinde zeigt, dass es sich lohnt, wenn Gesellschaften das Neue nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung und Chance begreifen. Mit unserer Schriftenreihe hoffen wir, diese Erkenntnis weiterzutragen.
Frankfurt am Main, im September 2014
Für die Stiftung Niederländische Gemeinde A. C. Philipp von Leonhardi und Felix Bernoully
Für den Vorstand der Niederländischen Gemeinde A. C. Arnim Andreae und Konrad von Bethmann
In Frankfurt am Main ist immer wieder und noch in jüngerer Zeit bedauert worden, dass die Stadt „mit den meisten ihrer Traditionen gebrochen“ habe (Martin Mosebach).1 Für das Beharrungsvermögen historischer Institutionen in Frankfurt sowie für die Pflege der örtlichen Überlieferung in der Bürgerschaft ist dagegen die im Jahre 1585 von Flüchtlingen aus dem heutigen Belgien gestiftete Niederländische Gemeinde Augsburger Confession (NGAC) ein weithin unbekanntes und merkwürdiges Beispiel. Die heutige Nachfahrengemeinschaft Frankfurter Bürger, die eine mildtätige und gemeinnützige Stiftung verwaltet und fördert, ist „mit keiner anderen, ähnlichen Einrichtung unserer einstmals so gebefreudigen Stadt zu vergleichen“.2 Ihr Name „Niederländische Gemeinde“ leitet sich ab von den ehemaligen Spanischen Niederlanden, der von Wallonen und Flamen bevölkerten Herkunftsregion der Stifter. Der Namensbestandteil „Augsburger Confession“ nimmt Bezug auf den lutherischen Glauben der Flüchtlinge, genauer auf das auf dem Reichstag zu Augsburg am 25. Juni 1530 von protestantischen Reichsstädten und Fürsten vor Kaiser Karl V. dargelegte Glaubensbekenntnis.
Die Niederländische Gemeinde Augsburger Confession steht exemplarisch für das Vermögen von Stiftungen, über lange Zeiträume zu wirken und Erinnerungen zu binden. Politik und gesellschaftlicher Wandel haben die Gemeinde bei aller Beharrungskraft dennoch nicht unberührt gelassen. Im Gegenteil: Entscheidungen des frühneuzeitlichen Rates der Stadt Frankfurt beschränkten in der Stiftungsphase die beabsichtigte Entfaltung zur selbständigen Kirchengemeinde. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Institution durch rationalistische Sparmaßnahmen ihres Zusammenhangs mit einem wallonisch-lutherischen, also französischsprachigen Gottesdienst beraubt, der bis dahin unter der Aufsicht des Rates existiert hatte. Die selbständige „Gemeinde“ blieb der Form und der Aufgabenstellung nach im Wesentlichen ein mitgliedschaftlich verfasster Almosenkasten, das heißt ein von einem festen Mitgliederstamm unterhaltener Geldfonds für Bedürftige. Im Almosen- oder Gotteskasten wurde zunächst Geld für verarmte Flüchtlinge, Landsleute und Glaubensgenossen, später für bedürftige Angehörige aus dem Kreis der Flüchtlingsfamilien und ihrer Nachfahren gesammelt. Für den Almosenkasten und den ihn tragenden Nachfahrenverband waren die neuzeitlichen Veränderungen der städtischen Rahmenbedingungen, das Aufkommen des Sozialstaats sowie gewandelte soziale Kontexte Anlass zu behutsamen Modifizierungen der Satzung und des institutionellen Gefüges. Aus einer Privatgesellschaft nach altem Frankfurter Recht, deren Mitglieder als Flüchtlingsnachkommen an einem für mildtätige Zwecke gespendeten Vermögen beteiligt waren und es durch regelmäßige Zuwendungen aufrechterhielten und mehrten, wurde eine Stiftung nach Hessischem Stiftungsgesetz. Ihr angeschlossen ist nun ein Freundes-, Traditions- und Förderkreis, die sogenannte Gemeinde. Selbst die „Augsburger Confession“ wird seit jüngster Zeit von den Mitgliedern nicht mehr gefordert. Auf den ersten Blick mag es daher schwierig erscheinen, in der Institution einen über die Jahrhunderte hinweg einheitlichen Gegenstand zu erblicken.
Die leidvolle Erfahrung der oft durch eigenes Zutun noch vermehrten Verluste an Bauwerken und Traditionen in Frankfurt [Abb. Frankfurter Weißfrauenkirche zwischen 1900 und 1953] lenkt den Blick dorthin, wo nicht nur bauliche Überreste aus der Vergangenheit ehererhalten blieben, sondern auch die Bewahrung alter Institutionen ohne scharfe Brüche besser möglich war. Auf den britischen Inseln kann der Stolz alter wie neuer Eliten leichter an sichtbare Traditionen noch immer gegenwärtiger Einrichtungen anknüpfen. Über die Jahrhunderte haben sich die ehrwürdigen Institutionen oftmals zu etwas von ihrem ursprünglichen Zweck recht Verschiedenem entwickelt, ohne deshalb ihren Wert einzubüßen.3 Wunderlich genug wirken zunächst ihre äußeren Formen, Inhalte und Regelungen. Sie lassen sich nicht anders als historisch erklären.4
Mit den reichsstädtischen Wurzeln des Frankfurter Bürgertums ist noch heute die 1585 gestiftete Niederländische Gemeinde Augsburger Confession verknüpft. Ihre Entwicklung, die in den zukünftigen Veröffentlichungen der Schriftenreihe noch genauer zu untersuchen sein wird, soll im Folgenden in sieben Abschnitten angerissen werden. Zusammengenommen ergibt sich das Bild einer merkwürdig beständigen wie sich eigentümlich wandelnden Institution. Hartnäckiges Festhalten der Beteiligten am Überkommenen, Trägheit des einmal geschaffenen Apparats und liebevolle Zuneigung zu einer besonderen Gemeinschaft in der Stadt haben ihr Dauer verschafft. Zugleich ist es die Geschichte eines oft delikaten Ausgleichs zwischen unterschiedlichen Bestrebungen und sozialen Lagen der Beteiligten. Die Geschichte der Niederländischen Gemeinde bewegt sich zwischen mehreren Polen: dem Dienst zur Ehre Gottes und der Arbeit aus Verantwortungsbewusstsein und bürgerschaftlichem Ehrgeiz, zwischen christlicher Mildtätigkeit, landsmannschaftlicher Solidarität, patriarchalischer Fürsorge und wohltätiger Förderung guter Zwecke, zwischen uneigennütziger Unterstützung einerseits und der legitimen Erfüllung familiärer und individueller Versorgungsbedürfnisse andererseits. So wirkt sie gleichzeitig als Solidarverband, Erinnerungsgemeinschaft und stille Wohltäterin Frankfurts.
Ihren Ausgang nahm die heutige Frankfurter Institution in der von Flamen und Wallonen gebildeten lutherischen Gemeinde in Antwerpen. Deren Siegel ist noch immer das Erkennungszeichen der Gemeinde. [Abb. Siegelabdruck NGAC] Luthers Lehren waren kaum in Wittenberg verkündet worden, als sie schon 1519 Aufnahme fanden bei einer Minderheit der Antwerpener Bevölkerung. Sie zeichnete sich in wesentlichen Teilen durch Bildung, Reichtum und weitgespannte Geschäftsbeziehungen aus. In Antwerpen, wie überhaupt in den damaligen Spanischen Niederlanden, wurde die lutherische Lehre anfänglich unterdrückt, im sogenannten Wunderjahr 1566/67 zugelassen, unter den anschließenden Statthalterschaften Herzog Albas und seiner Nachfolger erneut verfolgt und seit dem Religionsfrieden von 1578 geduldet. Erst die am 17. August 1585 unterzeichnete Kapitulation der Stadt vor den Truppen Alessandro Farneses, Herzogs von Parma, des Statthalters König Philipps II. von Spanien, führte zum endgültigen5 Verbot nicht-römisch-katholischer Religionsausübung und zur Vertreibung aller Protestanten. Den unterschiedlichen Phasen der Unterdrückung entsprachen verschiedene Wellen der Emigration. Bedeutsam für Frankfurt und für die spätere Entwicklung der Niederländischen Gemeinde am Main wurden vor allem die zweite große Welle, deren Beginn etwa mit dem Antritt der Regentschaft durch Herzog Alba im August 1567 zusammenfällt, sowie eine dritte Welle, die sich von 1585 bis ins erste Drittel des 17. Jahrhunderts hinzog.
Am Ende der dritten Flüchtlingswelle nahmen auch Menschen, die zunächst in Aachen und Köln Zuflucht gefunden hatten, dauernden Aufenthalt in der Mainstadt. Beide Flüchtlingsströme brachten „sehr reiche elitäre lutherische Familien aus den Niederlanden“ nach Frankfurt (Gustaaf Asaert).6 Viele ihrer Angehörigen waren Großhändler, Bankiers und bestens ausgebildete Spezialisten wie Juweliere, Goldschmiede, [Abb. Wappen des Thobias Custodis] Wappensteinschneider und Diamantschleifer. Auch Kunstmaler befanden sich unter ihnen, wie die beiden Mitstifter der Niederländischen Gemeinde, der Historienmaler Martin van Valckenborch und der Architekturmaler Henrich van Steenwyck. Diesen Personen bot die Stadt Frankfurt mit ihren beiden großen Messen einen idealen Standort, um in ihren Erwerbszweigen die gewohnten Geschäfte fortzuführen. Auf der anderen Seite belebte sich die gesamte Frankfurter Wirtschaft durch den niederländischen Zuzug. Für das Jahr 1585 schätzt man bei insgesamt ungefähr 16 000 Frankfurter Einwohnern die Zahl der niederländischen Flüchtlinge auf etwa zweitausend, darunter Lutheraner und Calvinisten.7 Für das Jahr 1596 sind sogar 2 300 bis 5 000 Niederländer bei etwa 18 000 Einwohnern anzunehmen.8 Die Kopfzahl der lutherischen Niederländer war ziemlich gering.9 Vermutlich machten die Familien der lutherischen Hausväter insgesamt höchstens knapp unter eintausend Menschen aus.10 Etwa 80 Prozent von ihnen sprachen Französisch.11 Die neu in Frankfurt wirkenden lutherischen Großhändler- und Bankiersgeschlechter, zu denen damals beispielsweise die Bernoully, die Bode, die von Bodeck und die Heusch oder Hoesch zählten, positionierten Familienangehörige oder Geschäftspartner in Hamburg und Amsterdam.12 Mit der wirtschaftlichen Macht und den Handelsnetzwerken dieser Familien verlagerte sich ein großer Teil der reichen Handels- und Börsengeschäfte Antwerpens, der westlichen Welthandelsmetropole des 16. Jahrhunderts, auf die drei Städte Amsterdam, Hamburg und Frankfurt am Main. Der Umfang der Geschäfte der Flüchtlingsfamilien in Frankfurt trug wesentlich dazu bei, dass aus der früher nur zur Frühjahrs- und Herbstmesse abgehaltenen Börse eine dauernde Einrichtung geworden ist.13
Geistliche Leitfigur der Antwerpener Lutheraner am Main war der viel gereiste Spanier Cassiodoro de Reyna. [Kapitel 3] Der ehemalige Mönch verfasste die erste vollständige Übersetzung der Bibel ins Spanische, die im Druck erschien, und war in Genf, London, Poissy, Heidelberg, Straßburg, Basel und andernorts führenden Theologen seiner Zeit persönlich begegnet. Seit 1558 wurde ihm Frankfurt zunehmend zum Ankerplatz seines Lebens – zunächst mit Unterbrechungen. Nach vierjährigem Wirken in London und Zwischenspielen am Main, in deren Verlauf er 1571 das Frankfurter Bürgerrecht erwerben konnte, übernahm er Anfang 1579 in Antwerpen die Seelsorge der französischsprachigen Lutheraner. Noch während der Belagerung Antwerpens 1584/85 gelang ihm die Flucht nach Frankfurt. Dort sollte er erst am Abend seines Lebens die Genugtuung erfahren, vom Rat als Prediger der flämisch-wallonischen Lutheraner angenommen zu werden.
Die aus Glaubensgründen in die Messestadt Frankfurt am Main übergesiedelten Antwerpener Lutheraner gründeten am 31. Mai 1585 unter Leitung Cassiodoro de Reynas eine rechtlich verselbständigte Diakoniekasse, den sogenannten Almosenkasten. Der Einrichtung legte man den Namen „Niederländische Gemeinde“ bei. Die Gründung einer unabhängigen Kirchengemeinde wurde durch die Kirchenpolitik des lutherischen, vom alteingesessenen Frankfurter Patriziat dominierten Rates der Stadt verhindert. Allerdings wurden für die Flüchtlinge unter der Personalaufsicht des Rates seit 1593 französischsprachige Prediger an der Weißfrauenkirche angestellt. Etwa zweihundert Jahre lang feierten hier die „niederländischen“ beziehungsweise „welschen“ Flüchtlinge und deren Nachkommen ihren französisch-lutherischen Gottesdienst – eine bislang kaum erforschte kirchengeschichtliche Ausnahmeerscheinung. [Abb. Deutsch-französischer Katechismus] Der selbstverwaltete Almosenkasten blieb auch danach der eigentliche Identifikationspunkt jener Lutheraner, die innerhalb Frankfurts zwar keine konfessionelle Sondergruppe bildeten, aber doch eine der Kultur, der Sprache14 und der Überlieferung.
Nach dem im Jahre 1788 erfolgten Tod des französischen Predigers an der Weißfrauenkirche, des achtzehnten in der Reihe der französisch-lutherischen Geistlichen am Main, wurde seine Stelle laut Beschluss des Frankfurter Predigerministeriums und des Rates nicht mehr besetzt. Auch ohne die so entfallene Klammer des gemeinsamen Gottesdienstes in französischer Sprache behauptete die Gemeinde ihre Bedeutung als privater Solidarverband evangelisch-lutherischer Glaubensgenossen. Seine Wirksamkeit wurde erweitert durch die Stiftung der „Schöffin“15 Magdalena Margarethe Andreae, geborene Burgk (1707–1787). [Abb. Magdalena Margarethe Andreae] Sie setzte ihr Vermögen für die Gründung eines Niederländischen Waisenhauses ein, [Abb. Impressionen aus dem Waisenhaus]; das sein Gebäude zunächst am Großen Hirschgraben, unweit des Goethehauses, hatte, nach 1865 aber in der Seilerstraße. [Abb. Seilerstraße 18] Erst infolge der Inflation der 1920er Jahre ließ man den Waisenhausbetrieb auslaufen, nutzte das Haus jedoch weiterhin als Geschäftsstelle, Archiv und Versammlungsort. Auf den durch die Andreae’sche Stiftung begründeten Grundbesitz führt die Gemeinde bis heute einen nicht unwesentlichen Teil ihres Vermögens zurück. [Abb. Wohnhaus im Großen Hirschgraben]
Seit alters wurde die Gemeinde in den Frankfurter Rats- und Stadtkalendern unter die „milden Stiftungen“ gerechnet. Anders als juristisch zu erwarten, besaß die „Stiftung“ auch eine mitglied- oder genossenschaftliche, sozusagen vereinsmäßige Struktur.16 Ihren Personenkreis erreichte die Gemeinde über den sogenannten „Niederländischen Leichenbitter“, eine Art Ausrufer, Bote oder Pedell, der auch in den Frankfurter Staatshandbüchern ausgewiesen wurde. Ihm oblag es unter anderem, die Angehörigen der Gemeinde von Haus zu Haus über die in ihrem Kreise sich ereignenden Todesfälle in Kenntnis zu setzen. Dieses Beispiel illustriert, dass eine Geschichte der Niederländischen Gemeinde eine ganze Personengruppe und ihren inneren Zusammenhalt in den Blick zu nehmen hat. Dabei lässt sich zeigen, wie aus Flüchtlingen und deren Nachfahren bis zum Ende der Freien Stadt Frankfurt 1866 geradezu ein Kreis herrschender Familien wurde.
Das durch regelmäßige Spenden der Mitglieder sowie durch Vermächtnisse bedeutender Stifter vergrößerte Vermögen der Gemeinde gehörte allen Mitgliedern „gemeinsam in ungeteilter Gemeinschaft“.17 Ähnlichkeit bestand insoweit mit Familienstiftungen, Fideikommissen und ritterlichen Ganerbschaften (Letztere waren nach altdeutschem Recht gemeinsame Familienvermögen, über welche die Berechtigten nur gemeinsam verfügen konnten). Die Gemeinde erwarb sich große Verdienste auf dem weiten Gebiet der Frankfurter Armenpflege. Ihre Hilfe beschränkte sich dabei keineswegs auf Fälle absoluter Not. So gehörte um 1800 zu den Unterstützten, neben vielen anderen, auch ein Stadtarzt – dieser war als Medikus und wegen seiner gesellschaftlichen Talente allseits beliebt, gegen Ende seines Lebens allerdings ruiniert an Gesundheit und Vermögen, nicht zuletzt aufgrund üppiger Champagnerrechnungen.18 Ebenso galt die Unterstützung einem promovierten und nobilitierten Juristen19 sowie Nachkommen und Verwandten von Bankiers, Handelsleuten, Geistlichen, Bürgervorstehern und Ratsherren. Auch ein Vetter Johann Wolfgang von Goethes wurde als Medizinstudent gefördert.20
Im Jahre 1818 erschien die Gemeinde dem rationalistischen Pfarrer und Geschichtsforscher Anton Kirchner als eine Art Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, womit der Makel des Unterstützungsempfangs entfiel: Die Gemeinde und andere ähnliche Einrichtungen könne man „als Hülfsvereine für die böse Zeit betrachten“, von der Gemeinde empfangene Spenden seien „weniger Almosen, als Rückzahlungen eines von den Vorfahren hinterlegten Spargeldes“.21 Als reiche Einrichtung erschien sie nicht nur dem besagten Autor,22 ihre Leistungsfähigkeit und ihr Ansehen hob auch ein früher Statistiker Frankfurts 1845 und 1856 hervor.23 Als eine Art Dachstiftung verwaltete die Gemeinde eine Vielzahl verschiedener Legate (Vermächtnisse) zugunsten der Gemeindemitglieder. Dank der Legate und der regelmäßig unter den Mitgliedern eingesammelten Almosen konnte die Gemeinde ihren Angehörigen eine alle Lebensbedürfnisse und Lebenslagen umfassende Daseinsvorsorge bieten. Einige Legate waren etwa ausgesetzt zur Förderung gymnasialer Ausbildung oder akademischer Studien, andere dienten der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Brennstoffen, bezweckten die Aussteuer unverheirateter Dienstmägde, die Erziehung von Waisenkindern, die Ausbildung angehender Kaufleute oder die Unterstützung von Kranken, Witwen und Gebrechlichen aus verschiedensten Berufsständen. Nur ein kleiner Teil der Legate war für die Austeilung von Bibeln und religiösen Erbauungsbüchern bestimmt.
Ein geschichtsschreibender Paulskirchenpastor bemerkte 1885, dass „allmählig die meisten Patricierfamilien der Stadt in die Gemeinde“ gekommen seien.24 Hermann Dechent meinte damit nicht das alte, noch aus dem Mittelalter herrührende Patriziat der Adeligen Ganerbschaft des Hauses Alten-Limpurg oder der Gesellschaft Zum Frauenstein (beide Frankfurter Patriziergesellschaften haben nur in einigen Ausnahmefällen Niederländerfamilien aufgenommen), vielmehr spricht er von jener jüngeren Schicht von zugezogenen Familien, deren Angehörige spätestens seit der Wende zum 18. Jahrhundert zu großen Teilen in den Rat kamen (oder sich zumindest durch die Übernahme städtischer Ehrenämter hervortaten) und die in vielen Fällen bis heute Teil der Frankfurter Gesellschaft sind.25 Die Namen der Familien Ammelburg, Andreae, Aubin, Bansa, Bernoully, von Bethmann, von Bethmann-Hollweg, Eyssen, Fresenius, von Grunelius, Hauck, von Leonhardi, Melber, von Metzler, Morgenstern, Nestle, Ochs von Ochsenstein, Städel oder von Barkhaus-Wiesenhütten, [Abb. Familienwappen der NGAC] um nur einige zu nennen, sind wegen ihrer oft nicht nur historischen Bedeutung in Frankfurt bekannt und genießen in einigen Fällen über die Grenzen der Stadt hinaus vertrauten Klang.
Die Geschichte der Niederländischen Gemeinde im krisengeschüttelten 20. Jahrhundert und in der Epoche des Wohlfahrtsstaates ist bislang ungeschrieben. Nur wenige vormoderne Versorgungs- und Sicherungsinstitutionen haben es überhaupt vermocht, die beiden großen Währungsschnitte beziehungsweise Inflationen des 20. Jahrhunderts zu überleben. Einen Ausgleich für die großen Vermögensverluste der Niederländischen Gemeinde verschaffte ihr – mehr noch als der Mittelzufluss durch Mitgliederbeiträge – das Vermächtnis des Alt-Frankfurter Patrioten Adolf Gran (1866–1955), [Abb. Adolf Gran] des früheren Leiters der Börsenabteilung der Degussa. Seine Erbschaft war in der ehrwürdigen Reihe neuzeitlicher Zustiftungen zugunsten der Gemeinde die bedeutendste. Durch das (wegen der Ansprüche nießbrauchberechtigter Vorerben) erst am 21. Juni 1971 angetretene Gran’sche Erbe vergrößerte sich das Gemeindevermögen um das Dreifache.
Die meisten vormodernen Versorgungsinstitutionen kommen als Stiftungen ohne Mitglieder aus und verfügen als personales Substrat lediglich über Stiftungsvorsteher oder Treuhänder. Ein zweites Vergleichsmodell bieten die außerhalb Frankfurts an einigen Orten vorhandenen Armenkassen, deren Diakone ein sich durch Zuwahl selbst ergänzendes, exklusives Kollegium wohltätiger Honoratioren bilden.26
