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Da wandert jemand durch Deutschland, vom Süden bis zum Norden, von Oberstdorf bis Sylt, über 2000 Kilometer mit seinem Rucksack auf dem Rücken, und jeden Schritt zu Fuß. Er ist 72 Jahre alt. Er hat er viel Zeit, und er muss sich nichts beweisen. Mit offenen Sinnen durchstreift er das Land, vergnügt und zugleich nachdenklich. Er erlebt einen Sommer von der Blumenpracht des späten Frühjahrs bis zu den ersten Nebeln des kommenden Herbstes. Er durchstreift ein Land von den Almen der Allgäuer Alpen bis zu den Marschen Nordfriedlands. Überall stößt er auf Spuren der Geschichte. Sei es der "Karlsgraben", mit dem Karl der Große die Stromgebiete von Rhein und Donau (aber wozu?) verbinden wollte, sei es jene Grenze, die bis 1991 Deutschland zerteilte und die mancherorts noch immer nicht leicht zu überwinden ist. Überall stößt er auf deutsche Gegenwart, auf Flüchtlinge etwa (wie er selbst in seiner Kindheit einer war) und auf die Leute, die mit ihnen zu tun haben - oder auf solche, die nichts mit ihnen zu tun haben, aber ihren Hass auf sie richten. In Landwirtshäusern genießt er angenehme Gastlichkeit; in heruntergekommenen Zimmern leidet er mit am Elend des Beherbergungsgewerbes in weiten Landstrichen. Niemals aber verlässt ihn seine Empathie und sein feiner Humor. Peter Steinberg hat sich mit dieser Wanderung einen in Jahrzehnten gewachsenen Traum erfüllt. Er versteht es meisterhaft, seinen Leser dabei mitzunehmen.
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Seitenzahl: 535
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Da wandert jemand durch Deutschland, vom Süden bis zum Norden, von Oberstdorf bis Sylt, über 2000 Kilometer mit seinem Rucksack auf dem Rücken, und jeden Schritt zu Fuß. Er ist 72 Jahre alt. Er hat viel Zeit, und er muss sich nichts beweisen. Mit offenen Sinnen durchstreift er das Land, vergnügt und zugleich nachdenklich.
Er erlebt einen Sommer von der Blumenpracht des späten Frühjahrs bis zu den ersten Nebeln des kommenden Herbstes. Er durchstreift ein Land von den Almen der Allgäuer Alpen bis zu den Marschen Nordfriedlands. Überall stößt er auf Spuren der Geschichte. Sei es der „Karlsgraben“, mit dem Karl der Große die Stromgebiete von Rhein und Donau (aber wozu?) verbinden wollte, sei es jene Grenze, die bis 1991 Deutschland zerteilte und die mancherorts noch immer nicht leicht zu überwinden ist. Überall stößt er auf deutsche Gegenwart, auf Flüchtlinge etwa (wie er selbst in seiner Kindheit einer war) und die teils freundlichen, teils hasserfüllten Reaktionen der Menschen auf sie. In Landwirtshäusern genießt er angenehme Gastlichkeit; in heruntergekommenen Zimmern leidet er mit am Elend des Beherbergungsgewerbes in weiten Landstrichen.
Er sagt von sich: „Ich streife durch das Land, um zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken. Gut ist es, wenn zum Wahrnehmen ein bisschen Verstehen und ein kleines bisschen Empathie hinzukommt.“
Peter Steinberg, geboren 1943 in Schlesien, als Baby in den Westen getragen, aufgewachsen zunächst im Weserbergland, wurde mit acht Jahren auf der Suche nach dem Wirtschaftswunder nach Frankfurt am Main verschleppt. Das sozialdemokratische Hessen gab dem Arbeiterkind Zugang zur höheren Bildung. Mit wachem Verstand sog er alles Neue begierig auf. Als Jugendlicher glaubte er den Lehren eines pietistisch gefärbten Christentums, als Student denen des Marxismus-Leninismus. Um die Welt zu verändern, mischte er sich in die Kommunalpolitik, zunächst für die Grünen, dann, als diese den Grundsatz der Gewaltfreiheit aufgaben, trotz Bedenken für die Linken.
Sein Berufsleben verbrachte er als Lehrer, zunächst an einer Gesamtschule, dann an einem Gymnasium in Frankfurt. Er lehrte Mathematik, Physik, Erdkunde, Geschichte, Sozialkunde u. a. m.
Er reist gern und viel, fast immer mit seiner Frau Gisela: mit dem Liegerad von Holstein nach Rügen, wandern (in Etappen) von München nach Venedig, aber auch Paddeln in British Columbia, zu Fuß auf Pilgerpfaden im Süden von Honshu – alles Dinge, die man nicht als Pauschalreise bucht. Nicht die sportliche Leistung steht dabei im Vordergrund, sondern Landschaft, Natur und Kultur.
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Liebe Leserin, lieber Leser
Wandern oder Pilgern?
Die Reise
Durch bayerisch Schwaben
Oberstdorf – Augsburg – Harburg (Schwaben) 1. bis 14.Tag
Der Frankenweg
Fränkische Alb
Harburg – Weißenburg – Altdorf – Weißenohe 15. bis 27.Tag
Fränkische Schweiz
Egloffstein – Pottenstein – Bad Staffelstein – Weismain 28. bis 37.Tag
Frankenwald
Kulmbach – Naila – Blechschmidtenhammer 38. bis 41.Tag
Der Rennsteig
Steinbach a. W. – Neuhaus a. R. – Schmücke – Eisenach 42. bis 48.Tag
Von der Werra zur Leine
Creuzburg – Heilbad Heiligenstadt – Göttingen 49. bis 55.Tag
Durchs Weserbergland
Lippoldsberg – Bodenwerder – Hameln – Bad Nenndorf 56. bis 63.Tag
Durch Moor und Heide
Steinhude – Celle – Soltau – Buxtehude 64. bis 74.Tag
Hamburg
Wedel – Hamburg – Siek 75. bis 77.Tag
Holstein
Mölln – Ratzeburg – Malente – Preetz – Kiel 78. bis 86.Tag
Schleswig
Schleswig – Tarp – Flensburg 87. bis 93.Tag
Nordfriesland und Sylt
Schafflund – Neukirchen – Westerland – List 94. bis 97.Tag
Epilog
Zusätze
Weitwandern – praktisch
Mein Rucksack
Liebe Leserin, lieber Leser,
natürlich ist es mir am liebsten, wenn du mein Buch auf der ersten Seite aufschlägst, dich sofort darin festliest, ab und zu lachst, gelegentlich nachdenklich wirst und es erst wieder weglegst, wenn du die letzte Seite gelesen hast.
Aber vielleicht willst du ja erst einmal in dem Buch blättern, hier über eine Gegend lesen, die du gut kennst, dort eine erkunden, die dir ganz fremd ist. Dann wirst du auf Bemerkungen stoßen, die du nicht verstehst, weil sie sich auf vorher Gesagtes beziehen. Deshalb habe ich Fußnoten eingefügt, Verweise auf frühere Stellen. Du kannst ihnen nachgehen, wenn du magst.
Andere Fußnoten erklären Begriffe, die für das Verständnis nötig, aber nicht allgemein bekannt sind. Sie habe ich gering gehalten; dafür gibt es ja heute das Internet. Manchmal allerdings wollte ich etwas anmerken, das in keinem Print- oder Onlinelexikon steht …
Längere Ausführungen zu Themen am Rande habe ich in „Infokästen“ gepackt. Aber Vorsicht! Sie enthalten zwar immer handfeste Informationen, aber auch meine persönliche Sichtweise und manchmal gewagte Spekulationen. Vielleicht findest du die ja anregend.
Mein Dank gilt in erster Linie Gilla, meiner Frau. Sie hat diese Reise ermöglicht, indem sie bereit war, mich ein Vierteljahr zu entbehren. Sie hat auch meine Texte als erste gelesen, manchmal zu Recht verrissen, meist aber sehr konstruktiv kritisiert. Thomas Müller hat eine gewaltige Arbeit für mich geleistet, indem er den ganzen Text sachlich (bis zu den Hausnummern!), orthografisch und sprachlich kontrolliert hat. Ulrich Sonnenberg danke ich für die Beratung in Fragen der Vermarktung und für die Vermittlung von Kontakten, vor allem aber für Zuspruch und Ermutigung in einer frühen Phase des Projekts. Anita Kessler danke ich für ihre Korrekturarbeit am Schluss. Von allen anderen, die mich ermutigt, beraten und unterstützt haben, will ich hier nur Angelika Klein-Wittmeier nennen und Bernard Brown. Professionelle Hilfe bekam ich von Rainer Vollmar bei der Textgestaltung und von Christiane Hahn bei Umschlag und Layout. Die Zusammenarbeit mit den beiden war ebenso fruchtbar wie angenehm.
Eine Bemerkung noch: Für die kleinen Dinger, die wir alle dauernd mit uns rumtragen, schreibe ich Händi, weil das ein hübsches, passendes Wort ist, aber kein Englisch.
Frankfurt am Main, im März 2019
Peter Steinberg
„Hinter Schlipsheim stoße ich auf eine kleine Kapelle, die ist gut als Hintergrund für das Foto, das ich Gilla schicken will.“ (Seite →)
Manch einer, dem ich von meinem Plan erzählte, fragte mich: „Warum eigentlich nicht den Jakobsweg?“ Da wurde ich dann immer etwas unwirsch und fragte zurück: „Warum eigentlich den Jakobsweg?“ So bin ich eben gestrickt: Was allzu „in“ ist, meide ich eher.
Eine ernsthaftere Antwort wäre gewesen: Weil ich mir Deutschland ansehen will und nicht Spanien. Deutschland liegt mir einfach näher.
Natürlich hätte ich auch in Deutschland einen der vielen Jakobswege gehen können, und ich habe es auf vielen hundert Kilometern getan. Jakobswege gibt es überall, von Schwaben bis Schleswig. Ich denke, ein Landrat müsste mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn er nicht dafür gesorgt hat, dass sein Landkreis irgendwie an das Jakobswegenetz angeschlossen ist. Pilgerwege sind für Weitwanderer fast unvermeidbar, und natürlich hatte ich keinen Grund, sie zu vermeiden. Sonderlich auf sie geachtet habe ich nicht; meist wurde ich von anderen darauf aufmerksam gemacht und gefragt, ob ich auf einer Pilgerfahrt sei.
Ich habe Leute getroffen, die gingen denselben Weg wie ich, nicht so weit, ein paar Tage nur, und sie sagten, sie pilgerten auf dem Jakobsweg, und machten bedeutsame Gesichter. Wahrscheinlich haben sie noch ganz Anderes erlebt als ich unspiritueller Knochen.
Die Wirtstochter, die mich in Egloffstein zum Arzt fuhr, fragte mich, ob ich pilgere. Als ich von ihr wissen wollte, was der Unterschied zum Wandern sei, dachte sie einen Augenblick nach und sagte: „Ja, das Marketing wohl.“ – Offenbar wünschte sie sich, ihr Wirtshaus läge am Jakobsweg und nicht am so wenig beachteten Frankenweg.
Einen Grund muss es aber geben, warum das sonst so wirkungsvolle Pilger-Marketing bei mir nicht ankommt.
Pilger zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf der Suche sind. Sie suchen Gott oder sich selbst oder den Sinn des Lebens oder die Antwort auf die Frage, warum ihre Frau sie verlassen hat. Oder einfach Ruhe und Abstand von der täglichen Hetze. Wobei die Übergänge zwischen all diesen Dingen fließend sein können.
Ich bin kein Pilger, weil ich nichts suche.
Anfangs wusste ich das nicht so genau. Eine Zeit lang habe ich damit gerechnet, dass mir beim Gehen in der Einsamkeit tiefgründige Gedanken kommen. Sie kamen aber nicht. Einmal hatte ich unterwegs einen Traum, der mir bedeutend vorkam. Aha, dachte ich, jetzt geht‘s los. Es kam aber nichts nach. Ich bin, was das Spirituelle angeht, offenbar ein hoffnungsloser Fall.
Ich streife durch das Land, um zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken. Gut ist es, wenn zum Wahrnehmen ein bisschen Verstehen und ein kleines bisschen Empathie hinzukommt.
„Aha“, wird nun mancher sagen, „er sucht also doch etwas: Erfahrungen.“ Na schön, es ist ja kaum zu vermeiden, dass man beim Reisen klüger wird. In erster Linie aber geht es mir um Genuss.
Seit ich zurück bin, beglückwünschen mich Leute zu „der tollen Leistung“. Ich will ja nicht bestreiten, dass ich etwas geleistet habe. Trotzdem finde ich das unpassend. Lieber sollten sie mich zu „dem tollen Erlebnis“, „der tollen Zeit“ oder meinetwegen „der tollen Erfahrung“ beglückwünschen.
Denn ich wanderte, wie man in Frankfurt sagen würde, „aus Spass anner Freud“.
Mittwoch, 18. Mai 2016 – 1. Tag
Oberstdorf Bahnhof → Hinang, STADT SONTHOFEN
13,4 km,620 Hm,604 Hm
Pünktlich um 14 Uhr 18 kommt mein Zug in Oberstdorf an. Ich kaufe rasch ein Brötchen in der Bahnhofsbäckerei, esse es im Gehen und strebe der Brücke über die Trettach zu, an der mein großes Abenteuer beginnen soll. Für den ersten Tag – es ist ja nur ein halber – habe ich ein Schmankerl1 ausgesucht: den Walraffweg, einen Höhenweg über dem Trettach- und Illertal in 1000 bis 1200 Metern Seehöhe.
Hinter der Brücke stoße ich auf ein Warnschild: „Walraffweg wegen Holzarbeiten gesperrt. Umleitung über Rubi.“ Rubi liegt unten im Tal, nahe bei meinem Zielort. Den glanzvollen Auftakt für die Wanderung meines Lebens könnte ich damit vergessen. Das aber kann nicht sein, beschließe ich, sage mir, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und mache mich trotzig an den Aufstieg.
Der führt mich zunächst zur Skiflugschanze. Eine Strecke weit verläuft hier der Wanderweg unter den Sitzreihen der Tribüne. Eine eigentümliche Landschaftsgestaltung ist das, finde ich.
Nun ja, hier findet jährlich die Auftaktveranstaltung der renommierten Vierschanzentournee statt, und Wintersport – der zum Zuschauen mehr als der zum Selbermachen – wird groß geschrieben. Wer wird sich da an kleinen landschaftlichen Absonderlichkeiten stören.
Mehr würde mich aber interessieren, was es mit der Wegsperrung auf sich hat. Es kommen reichlich Wanderer entgegen, aber die kann ich nicht befragen. Sie kommen alle von der Mittelstation des Sessellifts herunter. Wo der Walraffweg von dieser Route abzweigt, steht noch eine Tafel: „Holzarbeiten. Gesperrt.“ Nun ist da auch ein rot-weißes Sperrband, allerdings nicht über den Weg gespannt, sondern am Boden liegend. Das gibt mir Zuversicht. Dann überholt mich ein Mountainbiker, er fährt bedenkenlos über das Band weg. Von hinten sieht er eigentlich aus wie jemand, der sich auskennt; das stärkt meine Zuversicht. Es kommt jetzt niemand mehr entgegen; das lässt mich wieder zagen.
Immerhin muss ich feststellen, dass sich das Risiko lohnt. Das Illertal, ebenso geschäftig wie beschaulich, ebenso verkehrsreich wie grün, liegt zu meinen Füßen. Hier oben zeigen Laubbäume und Wiesen noch ein zartes Frühlingsgrün. Zur Rechten sehe ich den markanten Grünten, den „Wächter des Allgäus“. Seine Südseite erscheint von hier als ein schwarzes Dreieck. Und von der linken Seite grüßen die Gipfel der Allgäuer Alpen, mit viel Schnee noch an ihren Nordflanken. Dieser Schnee hat verhindert, dass ich meine Wanderung wirklich am südlichsten Punkt Deutschlands beginnen kann.
Als südlichster Punkt Deutschlands wird meist der Gerner Berg (1936 m) angesehen, eine unbedeutende Kuppe östlich des Kleinwalsertals an der österreichischen Grenze. Ein Stück davon entfernt gibt es einen Grenzpunkt, der noch gut hundert Meter südlicher liegt. Dort ist aber nichts als ein Grenzstein. Um diese Stellen von Deutschland aus ohne Expeditionsausrüstung zu erreichen, müsste die Mindelheimer Hütte geöffnet haben. Das ist heuer erst am 30. Mai der Fall, und so lange wollte ich nicht warten. – Was ich deshalb auslasse, ist ein Tagesmarsch, etwa 17 km vom Gerner Berg bis Oberstdorf.
Der Mountainbiker ist nicht zurückgekommen; das ist nun wieder ein gutes Zeichen.
Dann, nach zwei Stunden Wanderung, scheint es ernst zu werden mit der Wegsperrung. Da vorne sind große Warntafeln, und der Weg ist mit Sperrbändern abgeriegelt. Doch als ich kurz vor dem Hindernis bin, kommt mir ein Wanderer entgegen, der schlupft einfach unter den Bändern durch. – Nein, da sei weiter nichts, heute werde sowieso nicht mehr gearbeitet, und das gesperrte Stück sei nur ganz kurz. – Das stimmt, es sind vielleicht siebzig Meter, und von Waldarbeitern ist weithin nichts zu sehen oder zu hören.
Am Ende des Weges treffe ich auf ein Grüppchen junger Wanderer, die zagend vor dem Warnschild für die Gegenrichtung stehen, und kann ihnen eine entwarnende Auskunft geben. So jemanden wie mich hätte ich bei meinem Aufbruch auch gebraucht.
Es geht nun ein Stückchen abwärts in eine kleine Waldschlucht. Als ich die durchquert habe, sehe ich die Gaisalpe hoch oben über steilen Almwiesen. Das sieht auf den ersten Blick erschreckend aus für jemanden, der zehn Kilo auf dem Buckel hat und heute schon ein Stück weit gestiegen ist. Immerhin führt ein bequemes Sträßchen da hinauf. Nur darf ich jetzt nicht auf die Idee kommen, ich müsse das schnell hinter mich bringen. Ich steige langsam, Schritt für Schritt, nicht anders, als läge das Ziel in weiter Ferne. Und schau an: In zehn Minuten bin ich oben, ohne außer Atem zu sein. Es waren im Ernst kaum sechzig Höhenmeter.
Die Alpe erweist sich als ein typischer Berggasthof mit prachtvollem Ausblick, einfacher Speisekarte und gemütlicher Atmosphäre. Ich genieße von diesen Angeboten nur den Ausblick, denn es zieht mich weiter. Nur weiß ich nicht, wo es langgeht, ich muss fragen. – Ja, unten ums Haus herum. – Dort, wo der Esel steht? – Ja, dort. – Aha, deswegen konnte ich den Weiterweg nicht sehen: Das Tier steht im Weg, im wahrsten Sinne des Wortes. Es lässt mit sich reden, ich darf an ihm vorbei.
Hüttenversorgung auf Hufen – Solche Eselchen, lieber noch die kräftigeren Maultiere, mussten früher Bierkisten und Mehlsäcke zu den Berggasthäusern hinauf schleppen. In meiner Jugend kannte ich ein veritables Berghotel in 2000 Metern Höhe (die Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen), zu dem weder ein Sträßchen noch eine Seilbahn führten und das ganz auf die Versorgung mit vier Hufen angewiesen war. – Jetzt erledigt das dort, wie auch hier, das Auto. Der Esel hat seinen Lebenszweck wohl nur noch darin, dass er Kinder dazu bringt, von ihren Eltern zu erbetteln, dass man mal wieder die Gaisalpe besucht.
Hinter dem Esel erwarte ich den zweiten Höhenweg des heutigen Tages, auf den ich mich freue. Da führt aber erst einmal ein kleiner Pfad bergan, dann über ein Bächlein, dann durch Wald hinauf, und diesmal wirklich steil. Das erfordert Disziplin, denn ich will mich nicht verausgaben, und in meiner gegenwärtigen Verfassung heißt das, dass ich nur im Schneckentempo vorankomme. Trotzdem: Jeder Schritt bringt mich ein paar Zentimeter höher. Und siehe da: Nach zwanzig Minuten habe ich diesen Anstieg geschafft.
Der Höhenweg verläuft jetzt flach über Wiesen. Und er bietet fast noch schönere Ausblicke als der vorige; ein paar nette Ruhebänke gibt es auch.
Danach finde ich allerdings, dass es für den ersten Tag bald reicht. Die letzten paar Kilometer zu meinem Gasthaus in Hinang will ich im Tal zurücklegen. Ein dritter, kürzerer Höhenweg, der noch auf dem Programm stand, wird gestrichen. – Zur Strafe für diese Schwachheit stolpere ich zwei öde und unwegsame Kilometer weit über eine verlassene Straßenbaustelle.
Vor dem Essen rufe ich Gilla an. Ihr ist es nicht leicht gefallen, mich auf diese lange Reise gehen zu lassen. Die ungeschriebenen Regeln unserer Ehe verbieten es zwar, dass sie mein Vorhaben in Frage stellt oder mich gar bittet, es zu lassen. Im Gegenteil, sie hat mich sogar ermutigt. Aber sie hat mehrfach gesagt, sie werde mich vermissen. Einmal sogar, sie werde mich sehr vermissen. Das hat mich ein bisschen überrascht, denn im Alltag habe ich nicht oft das Gefühl, gebraucht zu werden. Manchmal kommt man sich doch eher vor wie ein notwendiges Übel. – Ich erzähle ihr begeistert von meinem ersten Tag. Dazu musste ich allerdings meine Jacke anziehen, denn im Gasthof habe ich kein Netz, und draußen hat es ein wenig zu nieseln begonnen. Gut, dass ich „zu Hause“ bin.
Zum Abendessen gibt es das, was es immer als erstes gibt, wenn ich nach Bayern komme: einen Schweinsbraten mit Knödeln und Rotkohl. Auf der Speisekarte steht „Schweinebraten“, was mich befremdet; was müssen das für Schweinderl sein, dass man gleich mehrere für einen Braten braucht! Vielleicht liegt das daran, dass ich gar nicht wirklich in Bayern bin, sondern in (bayerisch) Schwaben. Jedenfalls schmeckt’s, wie ein Schweinsbraten schmecken soll.
„Das Illertal, ebenso geschäftig wie beschaulich, ebenso verkehrsreich wie grün, liegt zu meinen Füßen.“ (Seite →)
1 auf Deutsch: ein highlight
Donnerstag, 19. Mai 2016 – 2. Tag:
Hinang → Dreiangelhütte, STADT SONTHOFEN
17,6 km,522 Hm,355 Hm
Das Nieseln von gestern Abend hat sich zu einem leichten Regen ausgewachsen. Wo die Wolken ein bisschen Blick auf die Berge freigeben, sehe ich Neuschnee bis hinunter in die Almenregion, dort, wo ich gestern über grüne Wiesen gegangen bin.
Ich steige hinauf zu den Hinanger Wasserfällen. Um diese Zeit und bei diesem Wetter ist außer mir kein Mensch unterwegs. Es ist ein steiler Pfad in einem verwunschenen Winkel. Ich werde allmählich nass und kann nicht entscheiden, was davon Schweiß und was durchdringender Regen ist. Die Wasserfälle sind nicht spektakulär, aber nett anzusehen. An einer Stelle führt der Weg hinter einem Vorhang von Tropfen durch. Nasser werde ich dort nicht mehr.
Oben angekommen, geht es über Wiesen und durch kleine Dörfchen weiter – es hat aufgehört zu regnen, ich werde allmählich wieder trockener – und zum Schluss am Schwarzenbach entlang. Das soll der schönste Weg nach Sonthofen hinein sein, aber jetzt ist da eine Baustelle. Und da ich nach den Erfahrungen von gestern Warnschildern nicht mehr glaube, laufe ich bis vor den Bauzaun und muss dann einen großen Bogen um die Kaserne herum gehen.
Dabei suche ich die ganze Zeit nach der „Burg Sonthofen“, die auf meiner Karte verzeichnet, aber nicht zu sehen ist. Wikipedia belehrt mich, dass da gar keine mittelalterliche Burg ist, sondern eine von den Nationalsozialisten erbaute „Ordensburg“, eine Ausbildungsstätte für NS-Führungspersonal. Heute nutzt die Bundeswehr die Gebäude. „Generaloberst-Ludwig-Beck-Kaserne“ haben sie das Gemäuer genannt. Hoffentlich kann Becks Geist dem schlimmen Nazi-Geist, der aus den Steinen dünstet, genug entgegensetzen.
Generaloberst Ludwig Beck war im ersten Weltkrieg Offizier, zuletzt im Range eines Majors. Unter Hitler brachte er es bis zum Generalstabschef des Heeres. Andererseits gehörte er zu den Militärs, die schon früh die Verantwortungslosigkeit des Naziregimes erkannten. Dabei haben ihn wohl weniger die Ziele der deutschen Eroberungspolitik erschreckt als die Erkenntnis, dass diese in die militärische Niederlage führen müsse. 1938 schied er aus dem aktiven Militärdienst aus. Er war am Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt. Dies kostete ihm das Leben.
Im Stadtzentrum suche ich das Tourismusbüro auf und frage nach Weitwanderwegen Richtung Norden. Man holt einen Mitarbeiter, der sich da auskennt, und der nennt mir den Schwäbisch-Allgäuer Wanderweg; dieser geht von Sonthofen bis Augsburg. Irgendetwas Gedrucktes über diesen Weg hat er nicht, aber ich kriege einen Computerausdruck mit dem groben Verlauf und finde, das könnte für die nächste Zeit eine gute Orientierung sein.
Sonthofen verabschiedet mich mit einer Allgäuer Käsesuppe. Die ist sicher vor langer Zeit erfunden worden, um die Reste aus der Käseproduktion zu verwerten. So wie sie hier zubereitet wird, ist sie eine leckere Überraschung. Erwärmt und gestärkt geht es aus der Stadt hinaus.
Jetzt wird es noch mal feucht und steil, denn ich steige durch die Starzlachklamm hinauf. Da würde man selbst bei Sonnenschein nicht trocken bleiben, und es regnet wieder ein bisschen. Trotzdem – auch diese Klamm beeindruckt mich.
Ein fünf Kilometer langer Höhenweg führt nun, immer auf etwa tausend Metern, zunächst hoch über der mir entgegenstürzenden Starzlach entlang, bis schließlich Bach und Weg die gleiche Höhe haben und ich auf einem Brücklein zur Dreiangelhütte hinüber kann. Dort sehe ich zum ersten Mal das blaue Kreuz, das Zeichen des Schwäbisch-Allgäuer Wanderweges.
Der Wirt hatte mich schon am Telefon nach meinen Plänen gefragt und begrüßt mich mit einer Begeisterung, die meinen bisherigen Leistungen ganz unangemessen ist. Diese Begeisterung teilt sich den übrigen Gästen mit – es sind vier – und sie zollen mir, oder eher meinem Vorhaben, ordentlich Respekt. Der lässt allerdings ein wenig nach, als sie hören, dass ich „erst“ 72 bin. Jaa, in dem Alter kann man sowas noch machen!
Die vier sind Schwaben, zwei Ehepaare. Sie sind ebenfalls heute angereist, um morgen die Goldene Hochzeit des einen Paares zu feiern.
Es wird ein vergnügter Abend. Der Wirt trägt einen wesentlichen Teil der Unterhaltung. Er hat viele vernünftige Gedanken zur richtigen Lebensführung und zur Verbundenheit mit der Natur, und er trägt diese enthusiastisch vor. Abschalten vom Datenstrom, den Vogel sehen, den Bach hören, den Pilz riechen, den Holzklotz spüren, das führt uns zu uns selbst zurück2.
Er ist, wie er sagt, ein extrovertierter Hypersensibler. Es gebe introvertierte Hypersensible und extrovertierte Hypersensible. Seine Frau sei auch hypersensibel, auch extrovertiert, die Kinder auch, aber eher introvertiert.
Die Schlutzkrapfen, die er mir vorsetzt, sind übrigens delikat; so sensibel, das zu bemerken, bin sogar ich.
2 Dass er auf meine Frage, ob es hier WLAN gibt, nur unwillig den Kopf schüttelt, versteht sich von selbst. Hier gibt es weder mobilen Datenempfang noch Händinetz, und das hält er für einen Segen. Ich sehe ja ein, dass es segensreich ist, sich vom Datenstrom abzuschalten, aber meinen weiteren Reiseweg planen würde ich halt doch gern. Und ausreichend Kunde von der realen Welt in etwa zwanzig Kilometern Entfernung kann er mir auch nicht bieten.
Freitag, 20. Mai 2016 – 3. Tag
Dreiangelhütte → Oy, GEMEINDE OY-MITTELBERG
21,4 km,273 Hm,324 Hm
Das Sträßchen, das sich an der Dreiangelhütte vorbei weiter das Tal hinauf zieht, heißt Königssträßle, und es zeigt sich, dass es wirklich ein Königsweg für Wanderer ist: Es steigt nur noch ganz sachte an, und die Passhöhe ist dann kaum wahrnehmbar. Dazu passt, dass, als es endlich wieder bergab geht, der Bach seinen Namen kaum geändert hat. Statt der Starzlach begleitet mich nun die Wertacher Starzlach durch das breite, waldige Tal.
Und so flach der Pass auch ist, hier endet das Funkloch, in dem die Dreiangelhütte liegt. Ich setze mich auf einen Stein und halte einen fröhlichen Schwatz mit Gilla.
Am Talausgang stehe ich vor einer Wahl: Nach links könnte ich zu dem Höhenzug zwischen Rottach- und Grüntensee hinaufsteigen und käme dann auf einem langen Kammweg zu meinem Zielort Oy. Dorthin will mich auch der Schwäbisch-Allgäuer führen. Andererseits habe ich kein Picknick, und vor allem: Wegen des „segensreichen“ Funklochs habe ich noch kein Quartier für morgen Abend. Also will ich zum Markt Wertach. Da gibt es was zu essen und ein Touristenbüro. Und dorthin geht es nach rechts.
Ich entscheide mich für den Mittelweg. Der geht nun nicht geradeaus, denn da liegt das Hühnermoos, und das ist weglos. Ich werde zunächst zur Höhe hinauf steigen, dem Kammweg bis ungefähr zur Mitte folgen, und dann nach rechts absteigen in den Ort.
Als ich meinem Wegzeichen, dem blauen Kreuz, folgen will, zeigt sich eine Tücke des Schwäbisch-Allgäuer Weges: Er führt gar nicht von Sonthofen nach Augsburg, sondern von Augsburg nach Sonthofen. So jedenfalls ist er ausgeschildert. Das bedeutet, dass mir an jeder Weggabelung angezeigt wird, woher ich gekommen bin, aber kaum je finde ich einen Hinweis darauf, wo es weitergeht. Zum Glück habe ich eine gute Karte.
Der Kammweg ziert sich ein bisschen, bis er den Blick auch nach Westen frei gibt, aber dann fühle ich mich als Herr der Welt. Links blicke ich auf den Rottachsee und darüber weit hinaus ins Allgäuer Hügelland, rechts ins grüne Tal des Grüntensees und auf den Marktflecken Wertach, und hinter mir grüßt der Grünten. Er zeigt jetzt seine Nordflanke, in der noch viel Schnee liegt; dahinter, teils in Wolken, die tiefer verschneiten Allgäuer Alpen.
Was da als malerische Voralpenseen zu meinen Füßen liegt, ist freilich Menschenwerk. Die Stauseen gibt es erst seit 1992 beziehungsweise 1962. Vom Rottachsee weiß ich, dass der Widerstand der Landschaftsschützer und der Landeigentümer zäh war. Die Idee, die Rottach zu stauen, gibt es seit 1904, durchgesetzt hat sie erst der Freistaat Bayern in den 1970er Jahren.
Rottach- und Grüntensee dienen, neben Erholung, Freizeitgestaltung und Trinkwasserversorgung, vor allem der Wasserregulierung von Iller und Donau und der Elektrizitätserzeugung. Dabei hängen die beiden letzten Punkte eng zusammen, denn die 1,5 MW, die die Wasserkraftwerke an beiden Seen erzeugen, fallen nicht ins Gewicht gegenüber den 2700 MW des Atomkraftwerks Gundremmingen. Und das zieht täglich(!) etwa 60 000 m3 Wasser aus der Donau, die es über seine Kühltürme in die Atmosphäre bläst. Bei Niedrigwasser ist es auf Zustrom aus Stauseen angewiesen. Damit soll 2021 Schluss sein, dann wird nach dem Atomausstiegsplan der letzte Block von Gundremmingen stillgelegt.
Beim Abstieg nach Wertach lässt mich meine Karte doch im Stich. Ich will nicht einfach einem Sträßchen folgen, sondern wähle einen schmalen Wiesenweg. Der endet unversehens auf einer Kuhweide. Eine Handvoll junge Rinder dort halten mich wohl für ihre Leitkuh. Während ich hin und her nach der Fortsetzung des Weges suche, kommen sie mir auf Schritt und Tritt nach. Schließlich muss ich durch einen Tobel3 kraxeln. Da können sie nicht hinterher, schauen mir noch eine Weile nach und wenden sich dann wieder ihrer Pflicht zu: fressen und schlachtreif werden. Ich lande auf einer Wiese mit schönem hohen Gras und trampele ohne Weg, aber mit schlechtem Gewissen, dem ungeliebten Sträßchen zu.
Im Ort unten kann ich ein Zimmer für morgen Abend buchen und erhalte eine kräftige Gulaschsuppe. Der Wirt hätte gern ein Essen verkauft, die Tageszeit wäre richtig, aber ich kann nicht zusätzlich zu meinem Rucksack vorne noch ein Ränzlein schleppen.
Ein Ungemach mit meinem Rucksack habe ich sowieso: Er scheuert an der rechten Seite unangenehm an meinem Rücken. Das fing gestern an, heute wird es ein bisschen schmerzhaft. – Wäre dies mein alter, unbequemer Rucksack, so würde ich ihn verfluchen und schauen, wo ich einen besseren herkriege. Es ist aber der bewährte komfortable Markenrucksack, den Gilla mir für die Wanderung geliehen hat. An ihm kann es nicht liegen, also liegt es wohl an meinem Rücken. Ich habe nämlich eine ordentliche Skoliose, vulgo einen Buckel, nicht gerade entstellend, doch recht deutlich. Ein Pflaster müsste ich aufkleben, nur wie klebt man sich ein Pflaster auf das rechte Schulterblatt ziemlich weit innen?
Der Grüntensee hat trotz seines jugendlichen Alters schön bewachsene Ufer und ein Feuchtgebiet an seinem oberen Ende. Da tummeln sich zahlreiche Wasservögel. Es haben sich Biotope entwickelt, die sicher auch Naturschützer erfreuen. Was hier vorher war und dafür verloren gegangen ist, kann ich freilich nicht beurteilen.
Es gibt einen Campingplatz und einigen Tourismus. Eine Kindergruppe, geführt von einer Halbwüchsigen, überholt mich joggend.
Das Oyer Landhotel liegt zentral, aber etwas versteckt im Orte Oy, ein geräumiges Haus mit noch einem Nebengebäude. Die Wirtin empfängt mich selbst; ich bin zurzeit der einzige Gast. Wann es Abendessen gebe, will ich wissen. – Nun, wenn ich Hunger hätte.
Das ist um sieben Uhr der Fall. Ich gehe in den Gastraum und stelle fest, dass ich immer noch der Einzige bin. Es gibt eine reichhaltige Speisekarte. Nach dem vegetarischen Tag gestern leiste ich mir ein überbackenes Schweinesteak. Die Wirtin bedient, ihr Mann kocht. Ich mache eine Bemerkung darüber, dass sie für mich allein die Küche anwerfen müssten. – Das mache gar nichts, ihr Mann koche gerne. Außerdem komme später ein Reisebus.
Das Steak ist auf den Punkt gebraten, und vor allem die Bratkartoffeln sind ausgezeichnet. Gäste sind bis jetzt keine gekommen. Und heute ist immerhin Freitag. Ich überlege, wie die beiden wohl ihre Unkosten decken.
„Und als ich mich umschaue, prangen da noch einmal die schneeweißen Allgäuer Alpen und darüber ein paar Wattewölkchen als Verzierung.“ (Seite →)
3 ein steilwandiges Bachbett mit Baumbewuchs
Samstag, 21. Mai 2016 – 4. Tag
Oy → Unterthingau, OSTALLGÄU
22,1 km,128 Hm,291 Hm
Von dem Trubel, den eine Busladung Gäste machen müssten, habe ich gestern nichts mitbekommen. Beim Frühstück bin ich wieder allein. – Doch, der Bus sei gestern noch gekommen. Es seien nicht viele Leute gewesen, aber ein sehr vergnügter Abend.
Als ich den Rucksack aufsetze, wird sofort klar, dass zwischen ihm und meinen Buckel eine Pufferzone eingerichtet werden muss. Nebenan ist eine Apotheke, ich kaufe sechs mal zehn Zentimeter große Pflaster und gestehe der Verkäuferin, dass ich nicht weiß, wie ich eines davon applizieren soll. – „Das können Wir schon machen“, sagt die junge Dame im Pluralis majestatis, und ich ziehe mein Hemd hoch. Sie sieht sich die Sache an, macht ein bedenkliches Gesicht und bezweifelt, dass ein einfaches Pflaster genügend Polsterung wäre. Stattdessen empfiehlt sie ein Blasenpflaster entsprechender Größe, Preis acht Euro. – Nun, die halten eine Weile, das kenne ich. Ich rechne kurz: Jede Woche ein solches Pflaster, das macht bis Sylt 120 Euro. Das kann ich mir leisten. – Ich will noch vorschlagen, die Haut um die wunde Stelle erst abzutrocknen, da klebt das Pflaster schon. – Wird wohl richtig sein, denke ich, schließlich hat sie eine Ausbildung. Die Behandlung hilft, das merke ich gleich.
Mein Weg führt in einsames Ostallgäu. Sanftes Hügelland ist das, weite Wiesen, saftig grün und herrlich bunt, Rindvieh auf den Weiden, manchmal viele Kilometer weit kein Dorf und kein Mensch. Die Bachtäler sind waldig. Ich summe ein Liedchen, und keiner muss es anhören.
Mitten in einem solchen finsteren Tälchen steht auf einmal ein rotes Männlein auf dem Weg, still und stumm wie im Kinderlied. Beim Näherkommen erweist es sich als ein Herzchen-Luftballon, dessen Gasfüllung die lange Schnur nicht mehr tragen kann, und der – gerade noch sich selbst tragend – ein paar Zentimeter über dem Boden schwebt. Das sieht so traurig aus, dass ich ihn an den Rucksack binde und mitnehme. Das wieder sieht recht albern aus, was mir mangels Publikum egal sein kann. Sicher treffe ich irgendwo auf ein Kind, dem ich den Ballon schenken kann.
Die Landschaft wird karger, ich komme durch Gebiete, die sich Moos4 nennen, aber verbuscht sind und kaum noch feucht. Hier ist es belebter; es sind ausschließlich Radler, die den Weg mit mir teilen, etwa ein Drittel davon mit E-Bikes. Was sie über meinen Luftballon denken, soll mich nicht kümmern, denn Kinder als Abnehmer haben sie nicht zu bieten. Bei einem Hof schließlich sehe ich immer noch keiner Kinder, aber ihr Spielzeug. Da binde ist das Herzgebilde an ein Klettergerüst.
Gleich darauf kommt ein Achtjähriger entgegen, der, hinter seinem Vater her, sein Rädchen durch Schotter einen Hügel hinauf quält. Vielleicht hätte ihm eine Zierde am Rad den Ausflug ein bisschen versüßt. Schade.
Vor mir liegt Oberthingau, bildhübsch zwischen seinen Wiesen, dekoriert mit Weidevieh und Einzelbäumen. Und als ich mich umschaue, prangen da noch einmal die schneeweißen Allgäuer Alpen und darüber ein paar Wattewölkchen als Verzierung. Ich bin voller Wonne und wähne mich am Ziel.
Das Wirtshaus, das angezeigt wird, heißt Zum Hirsch. Das kommt mir fremd vor, ich muss auf meinen Zettel schauen. Richtig, ich suche den Adler, von dem sehe ich nichts, ich muss fragen. – Ach so, der Adler befindet sich nicht in Ober- sondern in Unterthingau! Das sind noch zwei Kilometer auf einem Radweg neben der Straße. Wie ärgerlich.
Der Adler ist ein bodenständiges Gasthaus, seit 1655 in der Familie, und seitdem ist er für Dörfler da wie auch für Reisende. Möge es noch lange so bleiben. Um das abzusichern, wirbt der Wirt gezielt auch bei Motorradfahrern.
Vor dem Duschen will ich das Pflaster fest an meinen Rücken andrücken und wälze mich zu diesem Zweck auf dem Bett. Als ich mich wieder aufsetze, klebt das Ding nicht wo es soll, sondern am Laken. – Jeden Tag ein Pflaster für acht Euro, da brauche ich nicht zu rechnen, das geht nicht. – Ich entdecke in der Rückenkonstruktion des Rucksacks eine federnde Stange, die für die Reibereien mitverantwortlich sein könnte, und polstere sie mit Papiertaschentüchern.
Um weiter zu kommen, brauche ich unbedingt neue Wanderkarten, und einen neuen Kamm brauche ich auch, den habe ich verloren. Das macht die Lage etwas kompliziert. In Unterthingau gibt es beides nicht, das ist klar. Infrage käme Kaufbeuren – aber das ist außerhalb meiner Karte – oder Kempten – aber da bin ich schon dran vorbei. Ich entschließe mich, nach Günzach zu wandern, das liegt in meiner Richtung, und von dort bin ich mit einem Vorortzug in elf Minuten in Kempten. Nach Günzach sind es allerdings keine neun Kilometer, das wird morgen also fast ein Ruhetag. Da könnte man nachmittags in Ruhe die Einkäufe in Kempten erledigen. Aber morgen ist – wie das Leben so spielt – leider Sonntag.
4 Süddeutsch für Moor
Sonntag, 22. Mai 2016 – 5. Tag
Unterthingau → Günzach, OSTALLGÄU
8,7 km,80 Hm,60 Hm
Meine Kurzwanderung heute geht sehr schön über offenes Land, und die Polsterung am Rucksack scheint zu helfen. Doch ist es schon früh sehr heiß, und Schatten ist kaum zu finden. Zwischendrin aber, bei einem Heustadel, steht ein klappriger Gartenstuhl bei einem schattenspendenden Baum. Da setze ich mich vorsichtig drauf, rufe Gilla an, und wir haben einen ausführlichen Schwatz.
Wie erwartet bin ich zu Mittag da, eine Apfelschorle und eine Flädlesuppe tun jetzt gut. Dann telefoniere ich mit meiner Tochter, die bringt meinen Routenplaner auf dem Tablet zum Laufen.
Am besten fahre ich nun schon nach Kempten. Da gibt es heute zwar nichts zu kaufen, aber einiges anzusehen, und die Zeit dafür spare ich dann morgen. – Dabei will ich ausprobieren, wie mein Fuß mit Sandalen zurechtkommt. Die haben auch Einlagen, aber manchmal gibt es trotzdem Probleme. – Heute sagt mein rechter Fuß beim ersten Schritt „autsch“, aber dann ist es in Ordnung.
Als ich in Ruhe den Fahrkartenautomaten studieren möchte, drängelt sich ein Mann heran, jünger als ich und ebenso schlecht rasiert. Er will sicher helfen, aber mir ist das zu eng. Am Bahnsteig steht er schon wieder dicht bei mir. – Er habe mich vorhin schon gesehen, als ich mit Rucksack ankam. Wohin ich denn wandere? – Auf dem Schwäbisch-Allgäuer Wanderweg. – Den kenne er gut, der führe doch über die Alpen, ins Österreichische. – Als ich das richtigstellen will, beharrt er entschieden auf seiner Sachkenntnis. Wir einigen uns darauf, dass der Weg vielleicht über die Alpen führen mag, dass er dann aber kein Schwäbisch-Allgäuer mehr sei. – Er steigt vor mir in den Zug, und als ich komme, rückt er auf seiner Bank einladend zur Seite. Ich setze mich. – So, von Oberstdorf komme ich also, in fünf Tagen, da sei ich wohl recht gemütlich gegangen. – Ich schlucke und sage, er sei ja ein ganz Sportlicher, was mir nach dem Augenschein eher unwahrscheinlich vorkommt. – Ja, er sei Leistungssportler gewesen, kein Hochleistungssportler allerdings, das betont er. Jetzt sei das Knie kaputt. In der Reha aber hätten die Ärzte schön Augen gemacht, was er auf dem Fahrrad-Trainer noch bringe. – Ob der Schaden am Knie vom Sport sei? – Nein, von der Arbeit, immer schwer heben, immer in Hetze. Wenn man schnell zupacken muss, kann man nicht so drauf achten, dass man sich nichts tut. – Resigniertes Abwinken.
Im Kemptener Bahnhof ist doch ein Laden geöffnet, ein recht großer sogar für Reisebedarf. Mein Begleiter ist wieder da, er ist wohl hier, um seinen Lottoschein abzugeben. Er unterstützt mich wenig effektiv beim Durchblättern des Kartenangebots. Das Ergebnis ist entmutigend: Alles ist auf die Alpen zu orientiert, dass jemand nach Norden wandert, ist nicht vorgesehen. – Wir vermuten, dass es mir morgen in einer Buchhandlung nicht besser ergehen wird, und verschieben den Kartenkauf auf Kaufbeuren. Ich habe ja jetzt eine Routing-App.
Und einen Kamm haben sie auch nicht, dabei sind Taschenkämme doch sowas von Reisebedarf!
Ich strebe zügig zur Innenstadt, unsere Wege trennen sich. Ich beschaue Residenz und St.-Lorenz-Basilika und belohne mich für alles, was ich heute nicht geleistet habe, mit einem Eisbecher.
Als ich heimkomme, schmerzt mein rechter Fuß ordentlich. Eine Tageswanderung in Sandalen ist wohl ausgeschlossen. – Zum Trost esse ich ein Allgäuer Schnitzel; das ist mit Schinken, Tomaten und Käse überbacken und mit Spätzle sehr delikat.
Montag, 23. Mai 2016 – 6. Tag
Günzach → Oberbeuren, STADT KAUFBEUREN
16,5 km,280 Hm,354 Hm
Heute habe ich den Entschluss gefasst, die Reise ein bisschen aufzuschreiben. Wozu habe ich eigentlich ein Office-Set auf meinem Tablet?
Beim Kauf eines Picknick-Brötchens treffe ich in der Bäckerei meinen Zuggefährten von gestern an. Er sitzt da bei seinem (hoffentlich) ersten Bier und sieht ein bisschen aus, als ob er zum Inventar gehört. Er wünscht mir einen guten Weg, und ich ihm einen schönen Tag. – Ein Picknick-Brötchen werde ich brauchen, denn mein Quartier ist in Oberbeuren, und bis dahin ist keine Einkehrmöglichkeit zu erwarten.
Es regnet leicht, aber ausdauernd. Ebenso leicht, aber ausdauernd bin ich gestimmt. Die Wiesen sind grün, die Hügel weit. Langsam dringt der Regen durch meine Jacke. Im Schutz eines Wäldchens hole ich mein Regencape raus. Es erweist sich als unbrauchbar, weil ich es nicht über den Rucksack ziehen kann. So flattert es sinnlos um den Hals. Bei einem Gehöft namens „Ohneberg“ bitte ich um Hilfe. Die Bäuerin zieht das Cape über den Rucksack und zeigt mir – in Strickjacke ein Stück mitlaufend – eine Abkürzung nach Neuenried. Bei dem Cape ist jetzt leider ein Armloch vorne und das andere hinten. Der Regen hat deutlich nachgelassen.
So weit ich schauen kann, ist hier Bauernland; Wiesen, fast alle schon gemäht, kleine Wäldchen, Einzelbäume, keinerlei Felder. Hier entsteht die Milch für den Allgäuer Käse. Es sind aber keine Kühe auf den Wiesen; die sind ja auch gemäht. Bei den Einzelhöfen oder Weilern stehen Kuhställe für vielleicht hundert Tiere. Ob das heute noch Gewinn abwirft, wenigstens eine Familie ernährt? – Heute wird natürlich nicht gemäht, sondern geodelt5.
Ich wandere frei durch diese Welt und fühle mich stark. Auch haben sich mein Buckel und der Rucksack offenbar miteinander versöhnt. Mir ist, als könnte ich die angezeigten 18 Kilometer an einem Stück runterreißen.
Trotz der Abgeschiedenheit sind hier Wege für Fußgänger (und für Radfahrer) durchgehend beschildert, und es gibt touristische Hinweise, je näher ich an Kaufbeuren komme, desto mehr. Da ist ein „Kapellenweg“ ausgeschildert, und einen „Sagenhaften Weg“ gibt es auch (Wegzeichen: eine kleine Hexe). Die örtliche Raiffeisenbank hat eine Sitzbank gespendet, mit einem fantastischen Alpenpanorama aus Blech. „Live“ sieht man heute nur Wolkenbänke. Es folgt ein mit viel Sachverstand und Liebe ausgestatteter vogelkundlicher Weg, wo ich eine knappe Stunde verbummele.
Zur Vogelkunde gehört eine Informationshütte mit Unterstand. Da nehme ich einen ersten Schluck Wasser und befreie mich von dem verwurstelten Cape, das sich bei dem kalten Wind aber sofort als unentbehrlich erweist. Ich erfinde eine Technik, mit der ich das Cape ohne Hilfe anziehen kann, und jetzt sind die Armlöcher auch rechts und links. Nach Oberbeuren sind es vielleicht noch fünf Kilometer, und das Leben wird immer leichter! – Nanu: leichter??
Plötzlich wird mir klar: Mein Rucksack ist so leicht, ich muss in Günzach was vergessen haben! Nun, Jacke und Regenhose habe ich heute an, die drücken mich nicht. Das tröstet mich für fünf Minuten, dann wird mir klar, dass noch mehr fehlen muss: Die Sandalen, die habe ich liegen lassen! – Ankunft im Engel in Oberbeuren gegen 15 Uhr. Rucksack runter, wo sind die Sandalen? – Natürlich wo sie hingehören! Mein Rucksack ist gar nicht leichter, er sich fühlt sich nur so an!
5 Süddeutsch: Jauche ausgefahren
Dienstag, 24. Mai 2016 – 7. Tag
Oberbeuren → Kaufbeuren → Bad Wörishofen, UNTERALLGÄU
22,9 km,165 Hm,252 Hm
Die einzigen Gäste im Frühstücksraum (außer mir) sind heute zwei Männer, die offenbar beruflich unterwegs sind. Sie reden von nichts anderem. Wie Büromenschen sehen sie aber überhaupt nicht aus. Der eine bekommt einen Anruf, offenbar aus seiner Firma: Da braucht jemand Hilfe, eine Tabelle ist nicht aufzufinden. Er sei „gerade nicht am Computer“, sagt der Mann, werde aber in wenigen Minuten zurückrufen. Er beendet sein Frühstück zügig und begibt sich wohl zu seinem Laptop. – So können also Arbeitsplätze 2016 sein. Anspruchsvoll, aber auch abwechslungsreich, scheint mir. Und es steigert die Produktivität sicher enorm, wenn Mitarbeiter, die auf Montage sind, trotzdem „zu Hause“ einspringen können.
In Kaufbeuren erhalte ich einen Kamm und ohne weiteres alle Karten, die ich mir wünschen kann. Die erste davon werde ich morgen schon wieder verlassen, wie dumm. Diese Karten sind durchaus ein Kostenfaktor …
Irsee, Markt Irsee, wie es richtig heißt, hat 1488 Einwohner und liegt sehr idyllisch, aber etwas abgeschieden. Kommt man, wie ich, von Süden, so trifft man zuerst auf lauter nixnagelneue Einfamilienhäuschen, eines ist noch im Bau. Hier siedeln sich Leute an?! – Zumindest fliehen sie nicht, sie verbessern ihr Leben hier. Eine Baufirma gibt es und eine Firma für Spenglerei und Heizungsbau. Und drei Kneipen gibt es auch, da lässt sich's leben! – Es ist wohl doch nicht so, dass sich alles Leben notgedrungen in den großen Städten ballt. Von 2000 bis 2015 ist die Einwohnerzahl von Irsee jährlich um fast 3% gestiegen, während sie in Deutschland in diesem Zeitraum sogar ein bisschen gesunken ist.
Die Geschichte von Irsee begann im 10. Jahrhundert mit den Herren von Ursinn, die dann bald fortzogen und den Burgberg den Mönchen überließen. Unter den Benediktinern wurde das Kloster Reichsabtei, Irsee war also reichsunmittelbar, hatte mit anderen Reichsklöstern zusammen Sitz und Stimme im Reichstag, und das bis 1803! – Das Kloster besaß Weinberge in Oberitalien, und den Wein von dort kann man sich in der Klosterschenke heute noch einschenken lassen. – Auf ihre Geschichte legen die Irseer großen Wert; überall im Ort wird sie auf Tafeln erklärt.
In der Klosterschenke bieten sie eine Bierbrotbrezensuppe an. Klar, dass mich allein der Name neugierig macht. Es ist dann eine dicke Suppe ohne optische Besonderheiten, erweist sich aber als die zweifellos köstlichste Suppe seit Sonthofen! – Langsam wird mir klar, warum die geräumige Schänke sogar an einem Dienstagnachmittag so gut besucht ist.
So gestärkt geht es in das Land der kleinen Bachtäler, die alle quer zu durchwandern sind. Sie sind ja recht idyllisch (eines davon heißt „In der Höll“), und an ihrem Grunde haben sie solide Stege, aber nach dem Rauf und Runter träume ich doch von Talbrücken, von denen sich das Idyll aus zwanzig Meter Höhe bewundern lässt.
Dann wird das Land offener, das Bachtal fast zur Ebene. Hier gibt es wieder Felder und deshalb Lerchengesang und viel Gezwitscher. Überhaupt ist heute der Tag des Hörens. Das Rauschen von Kieferbäumen klingt so völlig anders als das von hohen Ulmen!
Bad Wörishofen begrüßt mich mit einer Kneippanlage und zahllosen Tafeln mit Gesundheitsregeln, und das Gasthaus Löwenbräu begrüßt mich mit einem Selbstgebrauten, das das Münchner Bier dieses Namens ohne weiteres in den Schatten stellt. – Dass es da keinen Namensstreit gibt!
Mittwoch, 25. Mai 2016 – 8. Tag
Bad Wörishofen → Markt Wald, UNTERALLGÄU
23,4 km,155 Hm,149 Hm
Aus Bad Wörishofen ist schwer heraus zu finden. Zwar sind überall Gärtner zu Gange, deren übereinstimmende Auskunft lautet „Immer geradeaus!“, doch mir scheint, sie weisen dabei in immer neue Richtungen. Es geht auch nichts geradeaus hier im Kurpark. Schließlich führt ein Barfußpfad mich zum „Tannenbaum“. Den kannte die ganze Zeit über schon jeder. Kein Wunder – es ist kein Baum, sondern eine Kurklinik.
In Dorschhausen gibt es eine Bäckerei, dort könnte ich ein Picknick kaufen. Aber warum sollte ich? Heut wandere ich von Dorf zu Dorf durch den Naturpark „Augsburg – Westliche Wälder“!
Das Wetter wird langsam besser, kein Regen mehr, es wird wärmer. Bald werde ich die Jacke ausziehen müssen. Daran denke ich mit leichtem Grauen, denn ich habe mir überlegt: Es war die Jacke, die zwischen dem Rucksack und meinem Buckel Frieden gestiftet hat. Als aber die Sonne raus kommt, hilft alles nichts, der Friedensstifter muss auf den Rucksack. Doch siehe da: Der Frieden bleibt trotzdem stabil!
Gegen eins bekomme ich allmählich Hunger. Eine Wegtafel zeigt ein gekreuztes Besteck beim Dörfchen Mattsies. Das liegt nicht ganz auf meinem Weg, aber die Erinnerung an die Suppe von gestern lässt die Entscheidung für den Umweg leicht werden.
Am Ortseingang steht ein Mann vor seiner Haustür. Das ist ungewöhnlich. Aha, er raucht eine Zigarette. – Ob es im Dorf eine Wirtschaft gebe? – „Ja, aber die hat zu.“ – Ausgerechnet heute, wo ich komme! – „Nein, schon lange. Ist ja nichts los hier.“ – Dann vielleicht in Tussenhausen? – „Kann schon sein.“
Also los, durch Tussenhausen muss ich sowieso. Dort frage ich eine Frau mit Kinderwagen: „Naa, da werden's hier kaa Glück habn!“ – Nach einem langen, mitleidigem Blick (es ist inzwischen nach zwei und ich sehe wohl sehr verhungert aus) fällt ihr ein: Beim Edeka gibt es im Eingangsbereich eine Bäckerei, da könne ich sitzen bei Kaffee und Kuchen. Das ist überhaupt nicht das, wonach mir der Sinn steht, auch muss ich dafür im spitzen Winkel zum Ortseingang zurück (auch hier baut man Supermärkte inzwischen auf die grüne Wiese), aber habe ich denn eine Wahl?
Vor dem Edeka gibt es dann etwas viel Besseres als ein Café: eine fahrbare Grillhendlstation! Ich kaufe mir einen Schenkel mit Rückenanteil und einen Karottensalat und erhalte dazu viel Zubehör. Damit setze ich mich auf das Pflaster zwischen Lieferanteneingang und Müllcontainern. Da ist wenigstens Schatten. Oh dörfliche Idylle!
Als ich fertig bin, werfe ich Pappteller, Plastikbesteck, Serviette, Fingertuch, Salatbecher und Umverpackung in den Müll und fühle mich gestärkt für den letzten nennenswerten Anstieg vor Markt Wald. Oben angekommen, ist die Aussicht prächtig und die Zeit recht für eine Mittagsrast. Die wird von einem Traktor, der auf steiler Wiese Heu wendet, nur wenig gestört.
Das „Markt“ im Namen Markt Wald darf man nicht überbewerten. Zwar gibt es eine Apotheke, eine Poststelle und einen Schreibwarenladen, aber keinen Kamm. Und einen Kamm brauche ich schon wieder. Als ich der Wirtin mein Leid klage – weniger weil ich wirklich leide, als dass ich eine Erklärung für den wirren Zustand meines Haupthaars glaube geben zu sollen – steht ein Freund des Hauses daneben, der hat noch einen Kamm in seinem Auto. Den würde er mir schenken. Warum nicht? (Ich denke, er ist neu.) Er holt ihn herbei, schaut ihn einmal kritisch an, wischt ihn an seiner Hose ab und gibt ihn mir. – Dieser Kamm, natürlich erst einmal gewaschen, wird mir so lange dienen, wie all seine Vorgänger und Nachfolger zusammen.
Wohin soll ich morgen gehen? Die Karte zeigt kein Gasthaus, und so frage ich die Wirtsleute. Nachdem sich die Wirtin von dem Schreck erholt hat, dass ich „verkehrt herum“, von Süden nach Norden, laufe, stellt sich heraus, dass das diesmal sogar von Vorteil ist: Wohin ihre Gäste verschwinden, wissen die Wirtsleute nicht, aber dass sie von Reinhartshausen her kommen, haben Wanderer schon manchmal erzählt. Nur stellt sich raus, dass es in Reinhartshausen keine Übernachtungsmöglichkeit gibt. Richtig, es war nicht Reinhartshausen, es war Reinhartshofen. Aber das steht nicht einmal im Unterkunftsverzeichnis. Aha, finde ich schließlich heraus, Reinhartshofen ist Ortsteil von Großaitingen. Und hurra! Da gibt es den Grünen Baum. Und der hat Zimmer frei.
„Es regnet leicht, aber ausdauernd. Ebenso leicht, aber ausdauernd bin ich gestimmt. Die Wiesen sind grün, die Hügel weit.“ (Seite →)
Donnerstag, 26. Mai 2016 – 9. Tag
Markt Wald → Reinhartshofen, GDE. GROßAITINGEN
22,4 km,232 Hm,202 Hm
Der Weg, dem ich heute zunächst folgen will, trägt den schönen Namen „Lueg ins Land“, wobei mit dem „Land“ wohl in erster Linie das liebliche Tal von Neufnach und Zusam gemeint ist. Das Neufnachtal durchwandere ich zuerst, um die Höhen am östlichen Talrand zu erreichen. Als das nach einigen Irrwegen gelungen ist, bin ich zunächst enttäuscht, denn der Weg läuft im Wald entlang; immer sind es wenigstens fünfzig Meter zum Waldrand, ins Land zu lugen ist da unmöglich. So benenne ich für mich den Weg um in „Horch in'n Wald“, denn was es zu hören gibt, klingt ganz entzückend. Das zwitschert und keckert, das trillert und tschilpt ringsumher. Also: Erwartungen umschalten! Wozu hat der Mensch fünf Sinne?
Ein Stück weit folgt der „Horch in'n Wald“ jetzt dem Mittelneufnacher „Weg der Besinnung“. Schöne, inspirierende Orte haben die Urheber da gefunden; Station 15 etwa, hölzerne Stelen unter einer Gruppe feierlicher alter Buchen.
Da werden wir mit Fragen konfrontiert, die zur Besinnung auf die Gemeinschaft, in der wir leben, führen sollen, oder hier im östlichen Teil zur Besinnung auf die eigene Person. „Lebe ich mein Leben so, wie ich es mir wünsche?“ etwa. Vier Fragen dieser Art an einer einzigen Station, dazu noch ein allgemein gehaltener Ratschlag, dessen Anwendung auf das eigene Leben eine spirituelle Herausforderung ist – ich fühle mich da ein wenig überfordert. Zwischen den Stationen gibt es auch noch Stelen mit Sprüchen, über deren Aussage wir sinnen können. – Diesen Weg könnte ich nur in ganz kleinen Portionen bewältigen, wenn das Ganze nicht in einen unerfreulichen Besinnungs-Stress ausarten soll.
Der „Lueg ins Land“ hat den Wald verlassen und macht jetzt seinem Namen alle Ehre. Besonders gefällt mir der Blick von der Kapelle Vierzehnheiligen über das Tal und seine Dörfer.
Dann wendet der Weg sich wieder in den Wald. Ein hoher, lichter Buchenwald ist es, ein Wald, wie er mich in meiner Kindheit schon etwas beklommen und atemlos gemacht hat, und zu dem mir immer der Ausdruck „heil’ge Hallen“ einfällt.
Dem Dorf Konradshofen nähere ich mich vom Berge her. Am Ortseingang gibt es eine Bank, von dort kann ich zurückblicken auf die Höhen und Wälder auf meinem Weg. Hier genieße ich mein Picknick. (Ein Brötchen habe ich diesmal wohlweislich dabei!)
Als ich ins Dorf hinunter komme, sitzen da eine Menge Leute in einem Hof unter dem Transparent „Sankt Florians Fest“. Die Freiwillige Feuerwehr von Konradshofen feiert ihr Jahresfest! Ich werde freundlich herbeigewinkt und aufgefordert mitzufeiern. Getränke gibt es zum Selbstkostenpreis, und die Frauen haben gebacken.
Es gibt kunstvolle Torten und eine etwas bemühte Stimmung. Wer gerade „Dienst“ hat, das heißt Getränkebons verkauft oder Kuchen ausgibt, ist ein bisschen im Stress; der Rest hat Mühe, etwas mit sich anzufangen. Es ist drei Uhr nachmittags, und die jungen Männer an meinem Tisch bemühen sich tapfer, ihren Alkoholkonsum so zu regulieren, dass sie den Abend noch erleben. Dabei unterhalten sie sich über frühere Zeiten, wo sie immer am längsten ausgehalten haben, oft bis morgens um acht. Das sind tempi passati, da sind sie sich einig, man hat ja jetzt Familie. – Das hätte ich ihnen gar nicht angesehen.
Ich unterstütze die Vereinskasse durch den Verzehr von drei Stück Torte und ziehe weiter. Das Brötchen vorhin hätte ich mir wirklich sparen können.
Der Grüne Baum in Reinhartshofen wird von zwei Schwestern geführt, beide nicht mehr ganz jung. Die jüngere sorgt dafür, dass es gelegentlich ein Getränk gibt und später sogar ein Abendessen. Die Ältere kümmert sich mehr um meine Unterhaltung.
Zunächst macht sie Andeutungen darüber, dass unter ihren Verwandten eine vielleicht nicht völlig unbekannte Schriftstellerin sei, dann rückt sie damit raus, Luise Rinser sei ihre Tante gewesen. Als ich zugebe, den Namen zu kennen und vielleicht sogar einmal etwas von ihr gelesen zu haben (ich weiß allerdings nichts mehr, was), bin ich ihr Mann. Zum Schluss drückt sie mir „Bruder Hund“ in die Hand, ihr Lieblingsbuch offenbar, und empfiehlt, es bis morgen früh zu lesen. Da fühle ich mich zum zweiten Mal heute überfordert.
Beide Schwestern singen ein Hohes Lied auf die Natur und das naturgemäße Leben und haben Sinn fürs Spirituelle. Nun, ihr Gasthaus liegt ja unter anderem am Jakobsweg. Entsprechend ist das Abendessen vegetarisch. Das ist mir recht, Fleisch hatte ich in den letzten Tagen genug.
Hier bin ich einmal nicht der einzige Gast. Zwei Gruppen sind noch angekommen, zweimal drei Wanderinnen. Die jüngere Schwester ist sichtlich stolz, den Damen einen männlichen Gesprächspartner präsentieren zu können. Auch ich hätte mich gern am Abend ein bisschen unterhalten. Eine der Dreiergruppen sieht sich als Pilgerinnen an (wenn auch nur für drei Tage), und ich hätte sie gerne gefragt, was sie damit meinen. Aber da besteht kein Bedarf. Die Frauen haben genug zu reden, erstens zu dritt und zweitens zu dritt und drittens zu sechst.
So ziehe ich mich früh zurück. Vorher frage ich die Schwestern, ob sie mir in Augsburg oder ein wenig davor vielleicht einen Gasthof empfehlen können. Aber sie kennen dort nur ein Exerzitienhaus und eine Käserei.
Freitag, 27. Mai 2016 – 10. Tag
Reinhartshofen → STADT Stadtbergen, KREIS AUGSBURG
25,2 km,110 Hm,202 Hm
Heute muss ich nach Augsburg. Nur dort werde ich jemanden finden, der mein Tablet mit Daten versorgt und mir zeigt, wie ich es richtig verwende. Außerdem scheint mir, ich habe einen Ruhetag verdient, und Augsburg ist eine schöne Stadt.
Vielleicht aber etwas teuer. Deshalb könnte ich in der Nähe von Augsburg bleiben, in Stadtbergen zum Beispiel. Das grenzt unmittelbar an Augsburg an, ich kann mit der Straßenbahn reinfahren. Dort wähle ich den Ziegelstadel, einen „traditionsreichen Landgasthof mit Gärten und Tanzpavillon“. Klingt richtig idyllisch.
Weniger idyllisch ist heute der Weg. Es geht ein großes Stück weit geradeaus durch den Wald. Das Vogelgezwitscher ist immer noch erquicklich, aber heute nicht mehr ganz neu. Bald wird es abgelöst von lautem Quakkonzert, denn der Weg führt an einer Reihe von Teichen entlang, wo die Froschheit zuhause ist.
An einem dieser Teiche tummelt sich ein Trupp Enten und gibt mir einen kleinen Einblick in das Liebesleben der Gattung Anas. Da sitzt eine Entendame auf dem Steg, und daneben, in respektvoller Entfernung, balzt und plustert sich ein stattlicher Erpel. Zwei grünschnäbelige Erpelchen flattern auch auf den Steg und versuchen, sich der Holden zu nähern. Sofort fährt der Erpel auf sie los und jagt sie in den Teich zurück. Nur einer der beiden Youngsters macht nach einer Weile einen zweiten Versuch, bei der Schönen zu landen – oder wenigstens erst mal auf dem Steg. Und diesmal ist es die Entenfrau selbst, die den Frechling ohne Umstände in den Teich zurück jagt. Für den beobachtenden Homo sapiens ist damit klar, wie die Karten gemischt sind, zumal die Dame sich auf den Brettern so platt wie möglich niederlegt und so Paarungsbereitschaft signalisiert. Unser Erpel aber hört nicht auf, sich zu spreizen und zu plustern, und sie schaut ihm dabei zu. – Ob sie fasziniert ist von dem Getue, oder eher genervt, weil er nicht endlich zur Sache kommt?
Ein Stück weiter begegnet mir endlich mal ein Weitwanderer, zu erkennen an seinem großen Rucksack. Gerade heute früh sei er von zuhause aufgebrochen, er musste einfach weg von allem und ganz für sich sein. Deshalb hat er alles bei sich, was er braucht, ein Zelt und Verpflegung für eine Woche. In dieser Zeit will er bis Sonthofen kommen. Das mag angehen; ich habe für diese Strecke acht Tage gebraucht. Nun hat er etliche Kilo mehr auf dem Buckel, dafür aber ein paar Jahrzehnte weniger.
Der Wanderer hat versichert, der Weg sei bestens markiert. Es stellt sich aber heraus, dass das wieder einmal nur für seine Marschrichtung gilt. Eine Frau mit Dackel und Fahrrad bringt mich auf den richtigen Weg. Ich hatte sie angesprochen, weil sie ausgerechnet auf der Bank saß, auf der ich dringend ein bisschen verschnaufen musste. Dabei ergab sich zufällig, dass ich drauf und dran war, völlig falsch zu laufen.
In Stadtbergen ist der „traditionsreiche Landgasthof“, schnell gefunden. Die Lage ist wirklich idyllisch, ein Stückchen außerhalb der Stadt unter alten Bäumen. Allerdings ist da niemand. Ein englisch geschriebener Zettel fordert die „dear guests“ auf, eine Händinummer anzurufen. Dort meldet sich ein Anrufbeantworter. Ich hinterlasse meine Nachricht und kann nur warten.
Inzwischen inspiziere ich das Haus von allen Seiten. Drinnen brennt Licht, aber im Übrigen ist die Anmutung eher trostlos als traditionsreich. Die Gartenmöbel haben offenbar schon mehrere Winter im Freien verbracht, und hinterm Haus lagern ein Autowrack und eine Menge alter Gerätschaften. In mir wachsen die Zweifel, ob das zu einem guten Ende führt. Endlich, nach einer Stunde und drei weiteren erfolglosen Anrufen, fährt ein kleines Auto vor, dem eine junge Frau entsteigt. Die geht auf eine Nebentür zu, ohne mich irgendwie zu beachten, zückt einen Schlüssel und will im Haus verschwinden. Das kann ich erst einmal verhindern. – Aber nein, sie sei auch nur Gast. Die Wirtin pflege meist abends einmal vorbeizuschauen, sie werde also wahrscheinlich noch kommen. Ich stammele erschrocken, dass ich doch schon Hunger habe. Oh nein, lacht die junge Frau, Restaurantbetrieb gebe es, wenn überhaupt, nur an den Wochenenden.
Zum Glück habe ich noch eine andere Telefonnummer auf meinem Zettel, ein Hotel garni mitten in Stadtbergen. – Ja, ein Zimmer könne ich haben, kein Problem, nur gehöre das Hotel zu einem Café, und das schließe bald, und dann wolle er – der Hotelbesitzer und Caféchef offenbar – schnell nach Hause. Also wieder ein menschenleeres Haus! Aber dort gibt es wenigstens mehrere Restaurants in der Nähe, das hat der Chef versichert. Ich mache mich also eilig auf den Weg.
Das mit den Restaurants stimmt, und fünfzehn Euro billiger als beim Ziegelstadel ist das Zimmer auch. Die verprasse ich beim Griechen in Form einer köstlich zarten Lammkeule.
Spät am Abend ruft die Wirtin vom Ziegelstadel an. Sie habe leider erst jetzt auf ihr Händi geschaut. Und wenn ich heute schon eine andere Unterkunft hätte, vielleicht wollte ich wenigstens morgen bei ihr … Ich brauche einen Augenblick, um mich zu fassen, dann frage ich sie sanft, ob sie sich vielleicht vorstellen könne, dass ich verärgert bin. Das nimmt sie zur Kenntnis; dass es ihr wirklich einleuchtet, bezweifle ich.
Samstag, 28. Mai 2016 – 11. Tag
Ruhetag in Augsburg
Gestern wollte ich es nicht wahrhaben: Dieses Hotel hat einen eigentümlichen Geruch. Es gibt sehr viele Zimmer an langen Fluren. Ob sich aber Menschen in diesen Zimmern aufhalten oder vielleicht Mumien, kann ich nicht feststellen. Sicher wird immer nur das gerade benutzte Zimmer geputzt (da ist alles sauber), zu kurz gelüftet und dann wieder abgeschlossen.
Frühstück gibt es im Café, da ist alles blank und frisch.
Mit der Straßenbahn nach Augsburg sind es nur wenige Stationen. Auf dem Rathausplatz wird ein Fest aufgebaut, das Frühlingsfest des Integrationsbeirats; Augsburg möchte sich als bunte, weltoffene Stadt präsentieren, heißt es.
Sollen sie erst einmal aufbauen. Ich gehe inzwischen zu meinem Internetprovider. Dort können sie einen Surfmanager installieren, aber wenn das GPS dauernd Standortservicefehler meldet, können sie das nicht ändern, und sooviel Zeit haben sie auch nicht.
Ich ziehe weiter zur Touristeninformation. Wie ich nach Norden weiter wandern kann? – Keine Ahnung. Und zu einer Unterkunft für morgen Abend können sie mir auch nicht verhelfen. Augsburg ist kreisfreie Stadt, wer in den umliegenden Orten übernachten will, muss sich in den umliegenden Kreisen erkundigen.
Immerhin kennen sie eine Buchhandlung, die Karten verkauft, und dort kriege ich eine Karte bis Harburg. Da beginnt der Frankenweg, und nichts kann mehr schief gehen, meine ich.
Der Aufbau auf dem Rathausplatz ist inzwischen vollbracht. Dort tönen jetzt abwechselnd lange Reden und laute Musik.
So mache ich erst einmal meinen Stadtrundgang. Den Lech muss ich sehen, und insbesondere interessiert mich die Fuggerei, dieses fast fünfhundert Jahre alte Beispiel für eine Sozialsiedlung. Beim Blick durch de Tore sieht sie proper und wohnlich aus. Durch reizende schmale Gässchen, an mancherlei Wasserläufen entlang, komme ich zum Marktplatz zurück.
Dort finde ich einen Hotspot und kann ein Quartier für morgen buchen. In Welden liegt es und trägt den Namen Zum Hirsch.
Darauf einen Eisbecher! – Auf der Bühne werden inzwischen Tänze dargeboten. Das wirkt nun tatsächlich bunt und weltoffen. An den Anliegen derer, die jetzt ganz fremd nach Augsburg gekommen sind, geht es wohl etwas vorbei. Folklore ist noch keine Integration. Ich schaue noch ein bisschen zu und beschließe das Ganze, indem ich ein vietnamesisches Nudelgericht von einem der Stände genieße. Eine integrative Tat ist das freilich auch nicht.
Bei meiner Rückkehr nach Stadtbergen überrasche ich den Herrn Hoteldirektor dabei, wie er die Mülltonnen rausstellt. Ein bisschen peinlich ist ihm das schon.
