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Die Diskussion um das Tierwohl erreicht immer mehr Menschen. Verbraucher werden immer häufiger mit dem Thema Tierwohl konfrontiert: auf Fleischpackungen im Supermarkt, in der Zeitung, bei Demonstrationen. Nicht immer geht es dabei sachlich zu. Die Kontroverse beginnt schon bei der Definition: Was ist überhaupt unter Tierwohl zu verstehen? Woran erkennen wir, ob es einem Tier gut geht? Ein glänzendes Fell? Schwanzwedeln? Wedeln Kühe überhaut mit dem Schwanz, wenn sie sich wohlfühlen? Womit wedelt ein Huhn? Das Problem ist: Eine allgemeingültige Definition von Tierwohl gibt es nicht. Klar ist nur eines: Der Diskurs über das Tierwohl ist ein Kampf um die Deutungshoheit. Dieses Buch bildet den aktuellen Diskurs über das Tierwohl mit seinen gegensätzlichen Meinungen ab, liefert auf unterhaltsame Weise Fakten und ordnet diese ein. In diesem Buch kommen Menschen zu Wort, die ganz unterschiedliche Haltungen zum Tierwohl haben: Veganerin und Jägerin, Landwirtin und Tierrechtler, Wissenschaftler und Schlachthofbesitzer. Das Buch bietet die Chance, unterschiedliche Perspektiven zu diesem kontroversen Thema zu entdecken.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ohne die finanzielle Unterstützung der Landwirtschaftlichen Rentenbank hätte dieses Buch nicht erstellt werden können. Ihr gilt unser besonderer Dank.
Ein ganz herzlicher Dank gilt auch allen Interviewpartnerinnen und - partnern, die sich viel Zeit für die Gespräche genommen haben und uns mit großer Offenheit Einblicke in ihre Ansichten zum Tierwohl und in ihre Lebensphilosophien gegeben haben.
Ein großes Dankeschön geht an Frederike Potts für ihren unermüdlichen persönlichen Einsatz hinter den Kulissen.
Und schließlich herzlichen Dank an Georg Baumann für das ehrenamtliche Lektorat.
War mein Schnitzel glücklich? Der Diskurs über das Tierwohl und der Kampf um die Deutungshoheit
Aufbau des Buches
PORTRÄTS
Hans Nehoda, Wissenschaftler und Berater im Gesundheitswesen: „Die Lohnmästerei gehört abgeschafft und dafür müssen die echten Bauern mehr gefördert werden.“
Johann Nesges, Schäfer und Schlachthofbesitzer: „Das Töten ist generell etwas ganz Schlimmes. Wenn jemand Wurst wegschmeißt, sage ich immer: ‚Dafür ist ein Tier gestorben.‘“
Annette Schubert, Musikpädagogin: „‚Milch tötet Kälbchen.‘ Durch diesen Satz wurde ich Veganerin.“
Sybille Klug, Landwirtin und Landfrau des Jahres 2018: „Man kann nicht alle Kühe totstreicheln. Aber man muss achtsam und mit Wertschätzung mit dieser Kreatur umgehen.“
Anja Kotsch, Jägerin und Betriebswirtin: „An der Jagd schätze ich den respektvollen Umgang mit dem Tier.“
Ali Bülbül, Geschäftsführer eines Bildungsträgers: „Tiere sind ein wertvolles Geschenk von Allah. Ohne die Tiere könnten wir nur Gemüse essen.“
Tobias Thüner, Geschäftsführer eines Luxus-Catering-Unternehmens: „Ein schön marmoriertes Steak bekommt man nur, wenn das Rind vorher Auslauf hatte und gut gefüttert wurde. Das bedeutet für mich Tierwohl.“
Nauvoo Silva, Reinigungskraft und Masseurin: „Ich liebe Tiere. Aber auf Fleisch könnte ich nicht verzichten, es schmeckt so gut.“
Ansichten von Experten
Sandra Düpjan Das Tierwohl aus Sicht der Verhaltensphysiologie
Angela Bergschmidt Tierwohl aus Sicht einer Agrarwissenschaftlerin
Jens Tuider Zur ethischen Relevanz tierlichen Wohlbefindens. Moralphilosophische Überlegungen
Epilog Glaubens- und Wertesysteme bestimmen die Haltungen zum Tierwohl
Autorinnen und Autoren
von Mechthild Baumann
Haben Sie sich diese Frage schon einmal gestellt? Wahrscheinlich schon, aber eher nicht in dem Moment, als Ihnen das Schnitzel in goldig knuspriger Panierung, garniert mit einer Zitronenspalte, serviert wurde. Denn in dem Moment möchte man lieber nicht an das Tier hinter dem Produkt denken. Dennoch treibt Sie diese Frage um – sonst hätten Sie dieses Buch nicht in die Hand genommen.
Hinter der Frage „War mein Schnitzel glücklich?“ steht die Frage nach dem Tierwohl. Tierwohl klingt erst einmal gut. Es hat einen Wohlklang. Es geht um das Wohlbefinden eines Tieres. Ein Wohlfühlwort, so wie hygge oder Wellness, mit dem man erst einmal positive Dinge assoziiert. Spannend wird es, wenn man den Begriff Tierwohl in seine beiden Bestandteile zerlegt, Tier + Wohl, und sich fragt: Um welche Tiere geht es hier? Und – die entscheidende Frage: Woran bemisst sich, ob einem Tier wohl ist?
In diesem Buch schildern viele unterschiedliche Personen ihre Einstellung zu Nutztieren1. Das sind Tiere, die für die Nahrungsmittelproduktion gehalten, geschlachtet und verarbeitet werden: Rinder, Schweine und Hühner beispielsweise. Sie stehen im Fokus des medialen Interesses und die Diskussion um das Tierwohl berührt mehr Menschen als etwa bei Fischen. Ausgeklammert werden in diesem Buch Nutztiere, die nicht für den Verzehr gehalten werden, wie Pferde oder Hütehunde, ebenso wie Versuchstiere in Laboratorien, weil wir die Verbindung zwischen Tierwohl und Ernährung in das Zentrum dieses Buches stellen wollen.
Dann bleibt die Frage nach dem Wohl. Hier wird es kniffelig. Und emotional, denn woran ist erkennbar, ob es einem Tier gut geht? Ein glänzendes Fell? Schwanzwedeln? Wedeln Kühe überhaut mit dem Schwanz, wenn sie sich wohlfühlen? Womit wedelt ein Huhn? Das Problem hierbei ist: Eine allgemeingültige Definition von Tierwohl gibt es nicht.
Zur Annäherung an den Begriff „Tierwohl“ ziehen wir in diesem Buch zwei Expertinnen und einen Experten zurate. Sie alle beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv wissenschaftlich mit dem Thema und bringen unterschiedliche Blickwinkel ein.
Die Biologin Sandra Düpjan stellt ernüchtert fest:
Das deutsche Tierschutzgesetz fordert in § 1, das Wohlbefinden aller Tiere zu schützen. Der Begriff ‚Tierwohl‘ hingegen findet sich in diesem Gesetz nicht. (Düpjan, in diesem Band)
Die Agrarwissenschaftlerin Angela Bergschmidt zitiert die aktuelle Definition des Bundeslandwirtschaftsministeriums:
Wenn Tiere gesund sind, ihr Normalverhalten ausführen können und negative Emotionen vermieden werden (z. B. Angst und Schmerz bei der Enthornung von Kälbern), kann von einer guten Tierwohl-Situation bzw. einer tiergerechten Haltung ausgegangen werden (BMEL 2017). (Bergschmidt, in diesem Band)
Beide Autorinnen verweisen auf die älteste und weitestgehende Tierwohl-Definition aus den späten 1970er Jahren aus Großbritannien. Fünf Freiheiten, so der Farm Animal Welfare Council, sollten einem Tier gewährt werden:
Freiheit von Hunger und Durst: Die Tiere haben Zugang zu frischem Wasser sowie gesundem und gehaltvollem Futter.
Freiheit von haltungsbedingten Beschwerden: Die Tiere haben eine geeignete Unterbringung wie z. B. einen Unterstand auf der Weide, trockene Lauf- und weiche Liegeflächen.
Freiheit von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten: Die Gesundheit und Unversehrtheit der Tiere wird durch vorbeugende Maßnahmen erhalten, erkrankte und verletzte Tiere werden durch eine geeignete Behandlung versorgt, auf Amputationen wird verzichtet bzw. werden die Tiere bei solchen Eingriffen betäubt.
Freiheit von Angst und Stress: Durch einen guten Umgang mit den Tieren und geeignete Haltungsbedingungen werden Angst und Stress vermieden, z. B. durch Verzicht auf Treibhilfen.
Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensmuster: Die Tiere haben die Möglichkeit, ihr artgemäßes Verhalten (Normalverhalten) auszuüben, z. B. durch ein ausreichendes Platzangebot, den Verzicht auf Anbindehaltung und den Kontakt zu Außenklima. (Bergschmidt, in diesem Band)
Basierend insbesondere auf diesen fünf Freiheiten haben sowohl die Verhaltensbiologie als auch die Agrarwissenschaft (ähnlich wie die Tiermedizin) in den letzten Jahren Verfahren entwickelt, mit denen sie versuchen, das Tierwohl objektiv zu messen. Die Idee dahinter ist, vergleichbare Maßstäbe zu entwickeln, die auf alle Tiere angewandt werden können und mittels derer die Einhaltung des Tierwohls überprüft werden kann.
Einen ganz anderen Blick auf das Thema bringt Experte Jens Tuider mit ein. Er betrachtet das Tierwohl unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten.
Es wird zunehmend deutlich, dass auch Tiere Individuen mit komplexen kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten sind – woraus sich ebenso komplexe Bedürfnisse und letztlich Verletzlichkeiten für die Behandlung durch uns ergeben. Unser Umgang mit ihnen – insbesondere in Bezug auf die sogenannten Nutztiere – wird dem natürlich nicht gerecht und führt zu einem erheblichen Spannungsverhältnis. (Tuider, in diesem Band)
Im weiteren Verlauf setzt er das Tierwohl in Verhältnis zu den Begriffen Tierwürde, Respekt für Tiere, artgerechte Haltung und subjektives Wohlbefinden.
Wir können also festhalten, dass nicht genau und für alle verbindlich definiert ist, was unter Tierwohl zu verstehen ist. Weil dies nicht klar ist, geht es in dem aktuellen Diskurs um das Tierwohl zu einem Großteil um die Deutungshoheit: Wer darf interpretieren, wann es einem Tier gut geht? Wer übersetzt die Gemütslage der Tiere in „Menschensprache“? Die Biologen argumentieren aus evolutionärer Perspektive, die Veterinäre aus tiermedizinischer, die Agrarwissenschaftler bewerten das Tierwohl in landwirtschaftlichen Zusammenhängen und die Philosophen betrachten es aus moralischer und kultureller Sicht. Wer hat recht?
Der Streit um Definition und Umsetzung des Tierwohls wird jedoch nicht nur auf wissenschaftlichen Konferenzen ausgetragen. Längst ist das Tierwohl zu einem Thema geworden, das die gesamte Gesellschaft polarisiert. Aus der Vogelperspektive betrachtet leuchten die gegensätzlichen Pole hell und klar: Fleischesser gegen Pflanzenesser. Grüne gegen Andersfarbige. Landwirte gegen Tierrechtler. Produzenten gegen Verbraucher. Berufsbürger gegen Industrielle. Klein gegen Groß. Doch wechselt man in die Froschperspektive und betrachtet den Diskurs aus der Nähe, sind die einzelnen Positionen längst nicht mehr trennscharf.
Gerade im Internet und in den sozialen Medien werden emotionale Diskussionen geführt. Eindrucksvoll ist eine Diskussion, die hier kurz zusammengefasst wird.
Ein Tierschutzverein übernimmt von der Tierrettung 200 Legehennen, die der Amtstierarzt wegen schlechter Haltung eingezogen hat. Der Tierschutzverein sucht in seinem Forum nach Personen, die bereit sind, diese Hennen aufzunehmen. Bedingung: Die Tierretter müssten sich verpflichten, die Hennen artgerecht zu halten, nicht zur Zucht zu verwenden, sie medizinisch zu versorgen und nicht zu schlachten. Außerdem müssten sie eine Spende an den Verein leisten.
Neben vielen Empörungen ob der schlechten Haltungsbedingungen entbrannte schnell ein emotionaler Streit im Forum, als eine Frau vorschlug, die Tiere artgerecht zu schlachten und das Fleisch an bedürftige Menschen zu spenden. Während einige Forennutzer dieser Frau eine Unterwanderung des Forums vorwarfen, schlugen andere vor, man solle, statt die Legehennen zu retten, doch lieber Rassehühner züchten, diese seien ein Kulturgut und es sei doch schade, wenn überall nur noch gerettete Legehennen rumlaufen würden.
Die Diskussion nahm an Fahrt auf: Haben die Legehennen kein Recht auf ein schönes Leben? Stattdessen sollten die Verbraucher keine Eier mehr von diesen Legehennen kaufen, um das System von Nachfrage und Angebot zu stören. Aber wo sollten dann die ganzen Eier hin, die die Legehennen weiterhin legen? Andere warfen ein, durch die Rettung kranker Legehennen aus Großbetrieben würde man den Betreibern nur die Entsorgungskosten abnehmen. Der Tierschutzverein beendete die Diskussion mit dem Fazit: Wir setzen uns für eine vegane Lebensweise ein, aber es gibt noch viele Menschen, die Eier essen. Die Hennen, die diese Eier legen, brauchen jetzt unsere Hilfe. Der Betrieb wird sowieso neue Hennen kaufen, ob wir die retten oder nicht.
Dieser Ausschnitt illustriert sehr schön zum einen die Emotionalität des Themas und die unterschiedlichen Betroffenheiten und Empathien. Zum anderen purzeln Argumente durcheinander, die alle eine Rolle in der Diskussion um das Tierwohl spielen und die eine generelle Bewertung des Themas erschweren. Zwei grundlegende Fragen lassen sich in der Debatte herauskristallisieren:
Die Frage nach dem „ob“. Sollten für Nutztiere andere Maßstäbe an das Tierwohl angelegt werden als für Wildtiere oder Haustiere?
Eine Person fragt in der Onlinediskussion, ob es grundsätzlich sinnvoll sei, Nutztiere zu retten, oder ob man sie nicht besser – ihrem Zweck entsprechend – schlachten und verwerten solle. Hieran schließt sich die aus der Tierethik kommende grundsätzliche Frage, ob denn Nutztiere weniger Rechte haben sollten als andere Tiere. Viel Energie wird beispielsweise in die Rettung von Eichhörnchen oder Seerobben gesteckt: Wo zieht man da die Trennlinie zur Rettung der Legehennen?
In einem anderen Kommentar wird „artgerecht“ mit „schlachten“ verknüpft. Die kommentierende Person geht davon aus, es liege in der Natur einer Henne, geschlachtet und verwertet zu werden. Das Argument, Nutztiere hätten ihren Lebenszweck in der Ernährung und Versorgung von Menschen, bildet die Grundlage für die gesamte Nutztierhaltung. So kann das Töten, Verwerten und Verzehren von Tieren überhaupt gerechtfertigt werden. Und hier wird die Trennlinie gezogen zwischen Nutztieren, Haustieren und Wildtieren.
Die Haltung zum Tierwohl wird auch geprägt durch Kultur und Religion.
Die Entscheidung, welche Tiere wir nutzen und welche wir essen, hat nur mittelbar mit dem Tierwohl zu tun, liefert aber wichtige Erkenntnisse darüber, welche Werte wir in unserer Kultur den verschiedenen Tierarten zuschreiben und zugestehen und wie wir mit ihnen umgehen. Ein Tier, das uns „heilig“ ist, behandeln wir anders als ein Tier, das wir nur halten, um es zu nutzen. Und Tiere, die wir als Ungeziefer betrachten, werden meist direkt vernichtet.
Nehmen wir den Hund. Es gibt Hunde, die konkrete Aufgaben haben, wie etwa Blinden-, Jagd- oder Hütehunde. Doch des Deutschen Liebe zu seinem Hund, häufig genug verhätschelt und als Kindersatz herhaltend, irritiert Angehörige anderer Kulturkreise. Auf dem afrikanischen Kontinent gelten Hunde vielfach als unrein. Kaum einer käme auf die Idee, mit solch einem Tier sein Heim zu teilen. In Nepal wiederum gelten manche Hunderassen als Delikatesse und somit als Nutztiere. Kühe sind in Indien heilig, in Deutschland multiple Nutztiere, weil sie Milch geben, Fleisch liefern und ihre Haut für die Lederproduktion gebraucht wird.
Als Teil der Kultur spielt die Religion eine große Rolle bei der Entscheidung, welche Tiere wir essen und wie wir sie verwerten. Sowohl die Regeln des Islam als auch des Judentums sehen vor, dass nur bestimmte Tierarten verzehrt werden dürfen und dass diese geschächtet werden müssen. Schächten bedeutet, dem Tier ohne Betäubung mit einem Messer Luft- und Speiseröhre zu durchtrennen und das Tier ausbluten zu lassen.
Ist das Schächten für Gläubige beider Religionen elementar, um nach den Vorschriften ihres Glaubens leben zu können, so sehen Tierschützer hierin eine Quälerei für die Tiere. In Deutschland wurde dieser Konflikt vor dem höchsten Gericht, dem Bundesverfassungsgericht, ausgetragen. Tierschützer beklagten die Verletzung elementarer Tierrechte, die Glaubensvertreter fühlten sich in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt. Konkret ging es darum, wie § 4a Nr. 2 des Tierschutzgesetzes ausgelegt werden solle, welches das Schächten nur in gut begründeten Fällen erlaubt.
Das Bundesverfassungsgericht entschied im Jahr 2002 (Az: 1 BvR 1783/99), dass das Recht auf freie Religionsausübung über dem Tierschutz stehe, weil die Religion durch die Verfassung geschützt sei, der Tierschutz aber nur durch Gesetz. Eine Welle der Entrüstung machte sich daraufhin in Deutschland breit, woraufhin der Bundestag beschloss, den Tierschutz ebenfalls in das Grundgesetz aufzunehmen (Art. 20a GG).
Seitdem hat auch der Tierschutz Verfassungsrang, allerdings nur als Staatsziel, nicht als Grundrecht wie die Religionsausübung. Der Tierschutz wurde so zwar juristisch aufgewertet, der Religionsfreiheit aber noch nicht ganz gleichgestellt. Aus diesem Grund wird auch nach der Aufwertung weiter geschächtet und der Konflikt hält an.
Nimmt man die Tatsache, dass Menschen Fleisch und Tierprodukte verzehren, als gegeben hin, stellt sich die Frage nach Haltung und Schlachtung.
Ausgangspunkt der Onlinediskussion war der schlechte Zustand von 200 Legehennen. Der Zustand muss so schlecht gewesen sein, dass die Amtstierärztin „von Amts wegen“ einschritt und die Tiere aus dem Stall entfernen ließ. Die Tiere hatten offensichtlich Leid erfahren, wie genau dies aussah, wissen wir nicht. Hier wird die zweite grundlegende Frage in der Debatte um das Tierwohl thematisiert: Wie und unter welchen Bedingungen sollten Nutztiere gehalten werden?
Weiter oben haben wir gesehen, dass der Begriff Tierwohl noch nicht abschließend definiert ist. Für die Gesundheit von Nutztieren gibt es indes Kriterien, wenngleich der Oberbegriff „Tiergesundheit“ auch nicht klar definiert ist2. Bei der Beurteilung der Gesundheit von Nutztieren steht das Tier als Lebensmittellieferant im Vordergrund, denn kranke Tiere dürfen nicht verzehrt werden. Darüber hinaus spielt auch die Vermeidung von Tierseuchen eine wichtige Rolle.
Andere argumentieren mit der Produktivität der Nutztiere. Wenn eine Kuh hinreichend Milch liefere, wenn ein Huhn eine große Anzahl an Eiern pro Jahr lege, wenn ein Schwein gut wachse, Fleisch und Fett ansetze, dann gehe es den Tieren gut. Andernfalls wären sie nicht so produktiv. Könnte man dann daraus eine sich steigernde Kausalität ableiten in der Art: Je mehr Mich eine Kuh im Jahr gibt, umso besser geht es ihr? Oder wo ist in dieser Betrachtungsweise die Grenze zu ziehen? Bedeutet es im Umkehrschluss, dass einem Huhn, das weniger Eier legt, nicht wohl ist?
Vielen gilt deshalb eine „artgerechte Haltung“ als Maßstab. Die artgerechte Haltung rückt den Schutz des Tieres in das Zentrum der Betrachtung. Wie die Urtiere sich vor ihrer Domestizierung verhalten haben, ist mittlerweile gut erforscht und gibt Aufschluss darüber, welche Verhaltensweisen typisch für eine Tierart sind oder in welchem Umfeld sie häufig gelebt hat. Offen ist indes die Frage, wie dies auf die moderne Lebensweise von Mensch und Nutztier übertragen werden kann und ob die Tiere sich über die Jahrtausende der Domestizierung nicht an die modernen Haltungsformen angepasst haben, so wie Hund und Katze auch.
„Ich wünsche allen Hühnern ein glückliches, schönes, langes Leben!“ Diesen Wunsch äußerte ein Teilnehmer der oben zitierten Onlinediskussion zu den geretteten 200 Legehennen. Doch kann ein Huhn Glück empfinden? Vielfach projizieren Menschen ihre eigenen Erwartungen an ein glückliches Leben auf Tiere. Ein ganzer Industriezweig lebt davon, der Glitzerhalsbänder für Hunde und edle Porzellannäpfe für Katzen herstellt. Manche Landwirte hängen den Schweinen Bälle in den Stall, damit sie spielen und sich beschäftigen können. Ist das artgerecht? Und ist diesen Tieren dann wohler? Sind sie damit glücklich?
Man ist sich einig: Das System ist schuld. Doch wer gehört zum System?
Von einem Hilferuf zur Rettung kranker Legehennen entbrannte die oben zitierte Onlinediskussion schnell zu einer Diskussion, die stellvertretend für die gesamtgesellschaftliche Debatte um Landwirtschaft, Ernährung, Konsumverhalten und Kapitalismus steht. Der Kreislauf müsse unterbrochen werden. Andernorts wird auch vom „System“ gesprochen. Doch die Kommentare deuten darauf hin, dass gar nicht klar ist, wo genau der Systemfehler liegt. Dass es ein Problem gibt, bestätigte allerdings der vom Bundeslandwirtschaftsministerium einberufene Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, in dem 16 Professorinnen und Professoren den Stand der Nutztierhaltung in Deutschland bewerten. Gleich im zweiten Satz halten die Experten fest:
„Gleichzeitig gibt es erhebliche Defizite vor allem im Bereich Tierschutz, aber auch im Umweltschutz. In Kombination mit einer veränderten Einstellung zur Mensch-Tier-Beziehung führte dies zu einer verringerten gesellschaftlichen Akzeptanz der Nutztierhaltung. (…) Vor diesem Hintergrund hält der Wissenschaftliche Beirat (…) die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere für nicht zukunftsfähig.“3
Dies war ein Paukenschlag. Wir befinden uns nicht nur inmitten einer sehr kontrovers und auch emotional geführten Debatte, wir befinden uns an der Schwelle zu einem Systemwandel. Aber noch immer ist nicht ganz klar, woran das System krankt.
Es sind zum einen die Haltungsbedingungen. Tiere sollen artgerecht gehalten werden, wie oben kurz angerissen wurde. Zum anderen, argumentieren Tierhalter, müssen sie auch von dieser Haltung ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das heißt, die Tierhaltung muss effizient sein. Für viele Landwirte rentieren sich deshalb Ställe mit einem hohen Tierbesatz. Diese werden in der Landwirtschaft „Großviehanlage“ genannt, im gesellschaftlichen Diskurs „Massentierställe“.
Immer wieder decken Tierschutzorganisationen Betriebe auf, in denen Tiere unter schlechten Bedingungen gehalten werden und leiden. Wegen der hohen Dichte treten häufig Aggressionen unter den Tieren auf, weswegen es beispielsweise gängige Praxis war, Puten und Hennen die Schnäbel vorn abzuschneiden, damit sie sich nicht picken, oder Schweinen die Schwänze abzuschneiden, damit sie sie sich nicht gegenseitig abbeißen (das Abschneiden wird auch kupieren genannt).
Doch nach allem, was wir aus der Forschung wissen, gibt es auch hier kein Gut und kein Böse. Die Menge allein macht nach Ansicht vieler Forscher nicht den Unterschied, es gehe darum, unter welchen Bedingungen diese Tiere gehalten werden4. Die niederländische Universität Wageningen5 etwa entwickelt schon seit Jahrzehnten Modelle, wie auch viele Tiere unter artgerechten Bedingungen aggressionsfrei gehalten werden können.
Viel ist derzeit in Bewegung. Die seit vielen Jahren geführte öffentliche Diskussion über das, was in der Landwirtschaft „tierische Veredelung“ bezeichnet wird, hat zu zahlreichen Änderungen im Tierschutz geführt, angefangen mit der oben genannten Aufnahme des Tierschutzes in das Grundgesetz. Immer mehr gängige Tierhaltungspraxen werden nun auf den Prüfstand gestellt.
So zum Beispiel die sogenannte Kastenstandhaltung6. Hier werden fruchtbare Sauen einzeln in Käfige aus Stahlrohren gesperrt, um sie vor dem unkontrollierten Aufspringen durch „rauschige“ Eber oder auch die Tierhalter bei der Besamung vor den anderen Schweinen zu schützen. Die Käfige sind etwas größer als die Sau selbst (200 x 70 cm), erlauben es ihr zwar, sich hinzulegen und aufzustehen, aber nicht, sich frei zu bewegen.
Die Tiere müssen am selben Ort fressen und koten. Viele zeigen Verhaltensstörungen und werden häufiger krank. Deshalb wurde 2015 vom Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass der Kastenstand neu konzipiert werden müsse. Doch viele Tierhalter fühlen sich mit diesem Urteil alleingelassen, denn die Untersuchung der Sauen und ihr Schutz vor den Ebern ist so viel zeit- und personalaufwendiger, sie produziert Mehrkosten, die sie zusätzlich belasten.
Ein ähnliches Beispiel ist die Anbindehaltung von Kühen. Hier werden Kühe das ganze Jahr über im Stall angebunden. Sie können sich nicht frei bewegen, nicht auf der Weide grasen und manche müssen in dieser Haltung auch ihre Kälber gebären. Diese Anbindehaltung verstoße gegen das Tierschutzgesetz, entschied das Verwaltungsgericht Münster 2019. Doch die Anbindehaltung hat Tradition, insbesondere in Bayern. So schreibt der Bayerische Bauernverband:
„Die gesellschaftliche Bedeutung der kleinen Milchviehbetriebe mit Anbindehaltung sowohl für die Landschaftspflege als auch für die Bewirtschaftung von Grünland ist groß. Denn es sind gerade diese Betriebe, die kleinteilige Grünlandflächen, Hanglagen und andere ökologisch wertvolle Grenzstandorte pflegen und erhalten. Damit übernehmen sie unverzichtbare Aufgaben für den Klima- und Bodenschutz sowie für den Erhalt der Artenvielfalt. Wenn diese Betriebe aus der Milcherzeugung ausscheiden, würde die Bewirtschaftung vieler dieser Flächen aufgegeben werden. Dies wäre ein großer Verlust für die einzigartige bayerische Kulturlandschaft.“7
Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, dieses Schema taugt bei der Bewertung des Wohls von Nutztieren nur wenig, denn es muss im Gesamtzusammenhang, systemisch, betrachtet werden. An dieser Stelle greifen wir wieder die Diskussion aus dem Onlineforum auf. Reicht es, kranke Tiere aus schlecht geführten Betrieben zu entfernen? Den betroffenen Tieren ist damit vielleicht kurzfristig geholfen, aber ändert sich so etwas im System?
„Wir haben es satt!“, demonstrieren deshalb seit 2010 auch Landwirte gegen das System, in dem Fall gegen die die Agrarindustrie. Sie fordern „eine ehrliche Wertschätzung bäuerlicher Arbeit“ sowie „gerechte Preise und ein ausreichendes Einkommen“8. Da stellt sich die Frage, wer die Preise für Nahrungsmittel bestimmt. Die meisten Landwirte liefern ihre Erzeugnisse nicht direkt an Supermärkte, sondern die Tiere an den Schlachthof und die Milch an die Molkerei. Mit denen verhandeln sie die Preise. Diese wiederum verhandeln die Preise mit den großen Supermarktketten Edeka, Aldi, Rewe und Lidl. Viele Landwirte fühlen sich einem hohen Preisdruck ausgesetzt. Die neu hinzukommenden Forderungen an das Tierwohl bürden ihnen zusätzliche Kosten auf, die sie nicht gedeckt sehen.
Was wissen wir über unser Schnitzel?
Auf die seit vielen Jahren anhaltende Kritik habe diese Supermarktketten gemeinsam mit anderen großen Discountern reagiert und ein Tierwohl-Siegel eingeführt. Betriebe, die ihren Tieren bessere Standards als gesetzlich vorgeschrieben bieten, können sich als Tierwohl-Betrieb zertifizieren lassen und bekommen mehr Geld für ihre Erzeugnisse. Das Fleisch wird mit einer Art Ampelsystem in den Geschäften verkauft. Der Verbraucher kann sich entscheiden, ob er für ein Tier, das unter besseren Bedingungen gehalten wurde, mehr zahlen möchte. Für den Verbraucher schafft die Einführung des Tierwohl-Siegels auch nicht unbedingt mehr Transparenz. Im Jahr 2020 gab es eine Vielzahl von Siegeln, die bessere Tierhaltungsbedingungen zertifizieren, die acht bekanntesten werden kurz hier aufgeführt:
Haltungskompass
9
Initiative Tierwohl
10
Für mehr Tierschutz
11
Tierschutz kontrolliert
12
Neuland
13
Bioland
14
Bio nach EG-Verordnung
15
(Abruf: 1.8.2020)
Demeter
16
(Abruf: 1.8.2020)
Diese vielen verschiedenen Zertifizierungssysteme verdeutlichen mehrere Dinge: Erstens, das Thema beschäftigt die Gesellschaft nachhaltig und es gibt offenbar den Wunsch nach mehr Information und Transparenz zum Tierwohl. Zweitens, diese Vielzahl an Bewertungssystemen schafft kaum mehr Durchblick, sie ist eher geeignet, die Verbraucher zu verwirren. Drittens, sie verdeutlicht, dass es noch immer keinen Konsens und keine klare Definition davon gibt, was unter Tierwohl zu verstehen ist.
Was wissen wir über unser Schnitzel? Was wissen wir über die Nutztiere? Der Informationsstand innerhalb der Bevölkerung ist sehr unterschiedlich, sowohl was die Menge an Informationen betrifft, die jeder Einzelne zu dem Thema hat, als auch, was die Qualität und Objektivität der Informationen betrifft. Aber eine Haltung zum Tierwohl haben die meisten.
1 Tierrechtsorganisationen sprechen von „sogenannten Nutztieren“, weil sie die Kategorisierung der verschiedenen Tierarten nicht rechtens finden.
2 Vgl. Reinhard Fries: Nutztiere in der Lebensmittelkette, 2009, S. 350.
3 Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung, März 2015, http://www.bmel.de/DE/Ministerium/Organisation/Beiraete/_Texte/AgrVeroeffentlichungen.html
4 Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung, 2015, https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Ministerium/Beiraete/Agrarpolitik/GutachtenNutztierhaltung-Kurzfassung.pdf?__blob=publicationFile
5https://www.wur.nl/en/Research-Results/Research-Institutes/livestock-research/Expertise-areas/Animal-Health-Welfare/Themes.htm
6https://www.praxis-agrar.de/tier/schweine/kastenstand-fuer-sauen/
7https://www.bayerischerbauernverband.de/anbindehaltung
8https://wir-haben-es-satt.de/trecker/aufruf/
9www.haltungskompass.de/home (Abruf: 1.8.2020)
10https://initiative-tierwohl.de/ (Abruf: 1.8.2020)
11www.tierschutzlabel.info/home (Abruf: 1.8.2020)
12https://www.vier-pfoten.de/kampagnen-themen/themen/tierschutz-kontrolliert/tierschutz-kontrolliert-das-guetesiegel (Abruf: 1.8.2020)
13http://www.neuland-fleisch.de/wp-content/themes/vd24_Dezember_2017/downloads/verbraucher-initiative.pdf(Abruf: 1.8.2020)
14https://www.bioland.de/ueber-uns/bioland-themen/tierwohl.html (Abruf: 1.8.2020)
15https://www.tierwohl-staerken.de/einkaufshilfen/bio-siegel/
16https://www.demeter.de/verbraucher/landwirtschaft/wesensgemaesse-tierhaltung
Dieses Buch setzt sich zum Ziel, die gesellschaftliche Kontroverse um das Tierwohl in ihrer Vielschichtigkeit darzustellen und einzuordnen – aus Sicht der Bevölkerung und aus Sicht von Forschern. Politiker und Verbände klammern wir hier bewusst aus. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, den Diskurs über das Tierwohl in seiner Komplexität zu veranschaulichen und Denkanstöße zu geben.
Im ersten Teil porträtieren wir unterschiedliche Mitglieder unserer Gesellschaft in ihren Haltungen zum Tierwohl: Mann und Frau, Alt und Jung, Gutverdiener und Geringverdiener, Jäger und Veganer, Landwirt und Tierrechtler, Muslim und Atheist. Denn: Tierwohl ist eine Frage der Haltung. Dieses Buch stellt nicht den Anspruch einer repräsentativen Darstellung aller Meinungen und Positionen zu diesem Thema. Es geht darum, möglichst viele und konträre Ansichten zu diesem Thema gleichberechtigt abzubilden und jede Ansicht vor dem biografischen Hintergrund der Interviewpartnerinnen und -partner einzuordnen.
Im zweiten Teil werden die verschiedenen Positionen der Expertisen zweier Wissenschaftlerinnen und eines Wissenschaftlers gegenübergestellt. Sie erläutern, gestützt auf Forschung, wann Nutztiere leiden und wann ihnen „wohl“ ist sowie welche Indikatoren und Messverfahren dafür zugrunde gelegt werden. Um ein möglichst umfassendes Bild von „dem“ Tierwohl zu zeichnen, werden Untersuchungsansätze mehrerer Disziplinen gegenübergestellt: Verhaltensbiologie, Agrarwissenschaft und Philosophie.
Die beiden Autorinnen begaben sich im Frühjahr und Sommer 2020 auf Interviewreise, hier eine Aufnahme aus Brandenburg.
[Frederike Potts, Foto: M. Baumann]
von Mechthild Baumann
Es ist ein frostklarer Nachmittag in Berlin. Die Sonne scheint, der Himmel strahlt in seinem schönsten Blau und doch ist der Blick auf Professor Nehoda vernebelt von Stein- und Zementstaub. Der Wissenschaftler wartet vor einem Nebengebäude der Humboldt-Universität unter einem Baugerüst. Er hat die Arme um seinen Oberkörper geschlungen, die Schultern bis hoch zu den Ohren gezogen und tritt von einem Fuß auf den anderen. Gerade in Berlin kann es eisig kalt sein, der Wind tut sein Übriges und weht uns, bevor meine Kollegin und ich ihn begrüßen können, eine große Staubwolke und den Lärm eines Presslufthammers entgegen. Wir schütteln kurz die Hände und schon schiebt Nehoda uns durch eine alte, schwere Holztür ins Innere des Gebäudes. Erst im Inneren des großzügig gestalteten Foyers, aus dessen Zentrum sich eine rote Marmortreppe elegant nach oben schwingt, wird klar, dass wir uns in einem historischen Gebäude befinden. Der architektonische Eindruck des 18. Jahrhunderts wird jedoch schnell überlagert vom Geruch der neueren Geschichte. Noch 30 Jahre nach der Wende riecht es hier nach DDR, ein wenig verstaubt. In einem knarzigen, windschiefen Aufzug zuckeln wir dicht aneinandergedrängt in das oberste Stockwerk.
Durch einen verwinkelten, dunklen Gang gelangen wir schließlich in Doktor Nehodas Büro, das er sich mit seinem 86 Jahre alten Doktorvater teilt. Wer Klischees über Wissenschaftler sucht, der findet sie hier, in diesem kleinen Eckzimmer, das vom Boden bis unters Dach mit Büchern, Papieren und Aktenordnern vollgestopft ist. Ein betagter Professor mit schlohweißem Haar und akkurat schief sitzender Baskenmütze empfängt uns herzlich und „verzieht sich“ sogleich, um uns Platz zu schaffen in seinem „Refugium“. Nicht jedoch, ohne uns stolz zu verkünden, dass er der einzige Professor der DDR war, der auch nach der Wende an der Humboldt-Universität seine Professur behalten konnte und kurz darauf einen vielversprechenden Doktoranden annahm: Hans Nehoda. Der wiederum ist Westdeutscher.
