Warten auf Goldberg - Thomas Lang - E-Book

Warten auf Goldberg E-Book

Thomas Lang

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Beschreibung

Eine mysteriöse Krankheit hat die Hopfenpflanzen in Tettnang befallen. Die Bauern sind unruhig und der Landwirtschaftsminister macht sich Sorgen um seine Wiederwahl. Das schreit nach einem Fall für den Feuerbacher Privatermittler Minkin. Kurzerhand wird er zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung ernannt. Zum Drosten der Durstigen. Dann wird auch noch Goldberg gekidnappt. Von einer ausländischen Organisation. Mächtige Gegner. Na und? Minkin hat den durchgeknallten Cop Schneider und die gereizte Bachmann an seiner Seite. Ein Bierkrimi mit ordentlich Soundeffekt.

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Der Autor

Thomas Lang

Thomas Lang wurde 1968 im Kraichgau geboren. Nach einer Ausbildung bei einer Landwirtschaftlichen Genossenschaft in Eppingen/Kraichgau studierte er Jura in Tübingen. Daneben belegte er dort im Studio Literatur und Theater Kurse im Kreativen Schreiben und in Rhetorik.

Seit zwanzig Jahren lebt und arbeitet er in Stuttgart als Anwalt und Datenschutzbeauftragter. Daneben ist er seit vielen Jahren Autor und Ensemblemitglied beim Stuttgarter Juristenkabarett. Er schreibt im Stuttgartmagazin Lift die kleine und feine Kolumne »Schräggastro – wir gehen dahin, wo Sie sich nicht hintrauen!« Mit seinen Leseshows ist er regelmäßiger Gast bei den Stuttgarter Kriminächten.

Warten auf Goldberg ist der sechste Zufall in seiner Bierkrimi-Reihe.www.bier-krimi.de

instagram/bierkrimiautor

facebook/Thomas Lang

Titel

Thomas Lang

Warten auf Goldberg

Minkins sechstes Hopfenabenteuer

Oertel+Spörer

Impressum

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2025 Postfach 16 42 · 72706 Reutlingen Alle Rechte vorbehaltenTitelbild: Jacqueline Wiehl/Werbeagentur FirebirdGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd StorzKorrektorat: Sabine Tochtermann Satz: Uhl + Massopust, Aalen ISBN 978-3-96555-206-7

Besuchen Sie unsere Homepage und informierenSie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Die Hauptpersonen:

Minkin: Privatermittler aus Stuttgart, Feuerbach, semi-erfolgreich, überlässt die Ermittlungen gern dem Zufall, hohe Affinität zu flüssigen Produkten auf Hopfen- und Malzbasis.

Goldberg: Agent, Auftraggeber, Mittler, hat eine nervöse Präsenz, erinnert an Danny DeVito, Spiritus Rector, weiß, wo es langgeht, hat ein Geheimnis und kommt diesmal abhanden.

Cop Schneider: Goldbergs Mann fürs Grobe, ein Cop, der sich nebenbei was dazuverdient, um seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Kann eine echte Hilfe sein. Kann. Muss nicht.

Sissi: Wirt der Botnanger Waldklause, eine Legende, die Klause ist Minkins Büro, die Tür zur Welt. Und wieder zurück.

Der Saarländer: Minkins Sparringspartner, analysiert mit ihm hin und wieder die Fälle bei einem Corea. Spricht fließend Saarländer Platt.

Wim: Der Holländer, Naturwissenschaftler, der klügste Kerl in Minkins Kosmos. Bastelt: Alles, was blitzt und kracht.

Die Bachmann: Anhängsel gegen Minkins Willen, alte Studienfreundin mit starkem Heilbronner Dialekt, nennt ihn »Mingibaby« – geht gar nicht! Ist nach wie vor ordentlich angepisst von Minkin. Völlig zu Unrecht. Er hat sie nicht mit Désirée, der Killesberg-Amazone, betrogen. Kann ihr das mal bitte jemand sagen!

In diesem Roman kommen dazu:

Truman, Kinky und Rose: Wissenschaftler in weißen Schutzanzügen. Sollen die Hopfenplage in Tettnang stoppen. Viel Spaß dabei! Rose entwickelt dazu noch so was wie Gefühle für Minkin. Ganz falscher Ansatz, Mädchen!

Der russische Geheimdienst: Der Gegenspieler. Antagonist. Besteht aus: Colonel Ievgueni Salmolenko. Vize der Abteilung Spionageabwehr. Major Ilyushin, Niederlassungsleiter in Deutschland. Diverse Agenten. Vladi, Sergej und die Spinne. Böse, böse, böse. Der Iwan halt.

Ein Bundeslandwirtschaftsminister mit schwäbisch-türkischen Wurzeln: Den Vogel denkst du dir nicht aus.

Die Region Oberschwaben/Bodensee: Das Cornwall des Südens. Rosamunde Pilcher würde sich die Hand abhacken lassen, wenn ihre Romane dort spielen dürften.

Der Hopfen: Es gibt so viele unnütze Pflanzen auf der Erde. Brokkoli, Chinakohl, Quinoa … Und es gibt Hopfen!

Die Biere der Region: Sind das, was herauskommt, wenn Gott einen guten Tag hat und ihm keiner aus der Abteilung Entwicklung und Marketing reinquatscht.

Samuel Beckett: Irischer Schriftsteller. Nobelpreisträger. Gestorben 1989 in Paris. Arbeitete unter anderem in Stuttgart. In den 70er-Jahren. Produzierte Fernsehspiele, Hörspiele für den Süddeutschen Rundfunk. Mochte das Niemandsland dort. Geistige Verwandtschaft mit Minkin, wenngleich Herkunft ungeklärt.

Solange es Hopfen gibt,gibt es Hoffnung!As long as there are hops,there is hope!Das schönste Zitat, das Winston Churchill nie gesagt hat.

PROLOG

Ein grauer Schleier aus Nebel lag über dem See. Der Mond schien matt durch die dichten Wolken, als das leise Brummen des Kleinflugzeugs die Stille der Nacht durchbrach. Die Propeller drehten sich unermüdlich, während das Flugzeug langsam über den dunklen Wassern dahinglitt. Im Cockpit saßen zwei Männer, deren Gesichter von harten Schatten gezeichnet waren.

»Ist das hier die richtige Stelle?«, fragte der Co-Pilot, ein breitschultriger Mann mit kahl geschorenem Kopf und tätowierten Händen. Seine Stimme klang tief und rau. Der schwere russische Akzent war unverkennbar.

Der Pilot, ein schlanker Mann mit eisblauen Augen, hielt das Steuer des Flugzeugs fest umklammert. Er beugte sich vor und warf einen Blick auf die Instrumententafel. »Ja, da vorne ist der tiefste Punkt. Hier wird ihn keiner finden.« Seine Stimme war kalt.

Die Maschine flog noch einige Minuten, bis sie die Mitte des Sees erreicht hatte. Die Dunkelheit unter dem Flugzeug war undurchdringlich, das Wasser glich einem endlosen, schwarzen Abgrund. Der Pilot drosselte die Geschwindigkeit und gab ein kurzes Nicken. »Jetzt!«

Der Co-Pilot stand auf und machte sich auf den Weg in den hinteren Teil des Flugzeuges. Die Maschine wackelte leicht in der Luft, als er die schwere Metalltür öffnete. Vor ihm lag ein großer, schwarzer Plastiksack auf dem Boden, grob verschnürt. Ein leicht stechender Geruch drang in seine Nase, doch er verzog keine Miene.

Mit einer mühsamen Bewegung zog er den Sack zum Rand der offenen Tür. Die kalte Luft strömte herein und ließ ihn frösteln, er ignorierte das Zittern seiner Hände. Er atmete durch und zählte »eins, zwei, drei!« Dann gab er dem verschnürten Bündel einen heftigen Stoß.

Mit einem harten Aufprall landete der Sack nach wenigen Augenblicken auf der Wasseroberfläche. Das Gewicht der Steine, die sich darin befanden, zog ihn sofort nach unten. Das Wasser schloss sich schnell und lautlos über dem Toten. Der Co-Pilot schloss die Tür mit einem Ruck und drehte sich zu seinem Partner um. »Es ist erledigt«, meldete er, seine Stimme klang ruhig. »Niemand wird ihn je finden.«

Der Pilot nickte zustimmend.

»Es dämmert bereits. Lass uns von hier verschwinden!«

Das Flugzeug drehte ab. Das Brummen wurde allmählich leiser, bis es schließlich in der Ferne verschwand. Der Nebel verdichtete sich und die Oberfläche des Sees blieb ruhig und undurchdringlich, als ob nichts geschehen wäre. Unter der stillen Wasseroberfläche verbarg sich ein weiteres Geheimnis. Das leichte Rauschen der Wellen übertönte das dumpfe Echo eines Verbrechens, das im Schatten der Nacht begangen worden war. Der See kannte viele Geheimnisse. Dieses hier war anders. Dieses Geheimnis würde die Ruhe der Menschen an seinen Ufern erschüttern. Tief unten, in der kalten Umarmung des Wassers, begann die Wahrheit zu brodeln und suchte einen Weg, um an die Oberfläche zu gelangen.

ALLES AUF ANFANG

Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten,siehe, so bist du auch da.

Psalm 139, 8

Minkins Mobiltelefon klingelte. Gab wenig Menschen, die Minkin anriefen auf seinem Siemens ME45. Minkin erkannte den Namen und nahm widerwillig ab. Fragte trotzdem: »Wer stört?«

»Ich bin’s, Goldberg. Das weißt du genau. Mein Name erscheint auf dem Display. Stell dich nicht dümmer, als du bist.«

War kurz nach elf Uhr in der Frühe. Wenn Goldberg Minkin mitten in der Nacht anrief, dann musste es dringend sein. Das war der Grund, warum Minkin überhaupt ranging.

»Was gibt es?«

»Schläfst du noch?«, baffte ihn Goldberg an.

»Jetzt nicht mehr. Danke auch dafür, Goldberg.«

Goldberg war schon wieder auf hundertachtzig. »Wann um alles in der Welt kriegst du dein Leben endlich in den Griff, Minkin?«

Was für eine seltsame Frage. Sein Leben in den Griff kriegen? Das war das Letzte, was Minkin mit seinem Leben vorhatte. Der Griff war bekanntlich der kleine Bruder des Zwangs.

»Warum schon wieder so gut gelaunt, Goldberg?«

Sollte Ironie sein. Goldberg ging kommentarlos darüber hinweg.

Goldberg war seit Jahren Minkins Partner in widerstrebender, unbehaglicher Allianz. Versorgte ihn mit Aufträgen im privaten Ermittlergewerbe. Waren Jobs, die kein anderer haben wollte. Das Gute daran? Ging immer um Bier. Bei seinem letzten Job musste Minkin in Bamberg eine weinende Madonna aus den Fängen eines Immobilieninvestors retten. Die Madonna war kein gewöhnliches Mädchen. Weinte auch keine gewöhnlichen Tränen. Sie weinte Bier. Keine Fernsehbierplörre, kein Becks Gold. Sondern ein Rotbier. Mit ordentlich Bumms drin. Minkin hatte es geschafft, die Lady in Sicherheit zu bringen. Ansonsten war es eine Tragödie. Ein junger Bursche versenkte sein Leben in der Regnitz. Gab eine ganze Latte an Menschen, die Minkin die Schuld dafür gaben. Allen voran die Mutter des Jungen und dessen Freundin. Um nur mal die beiden wichtigsten Vertreter aus der Liga zu nennen. Und sie lagen vermutlich nicht mal komplett daneben mit ihren Vorwürfen.

Minkin hatte nach der Geschichte in Bamberg ernsthafte Schwierigkeiten, wieder Tritt zu fassen. Pendelte im Wesentlichen zwischen seiner Zwei-Raum-Wohnung am Feuerbacher Wilhelm-Geiger-Platz und der Botnanger Waldklause. Sein Leben glich einem einzigen Song von The Cure. Einem traurigen. Haha! Er schlief miserabel, fand häufig erst in den frühen Morgenstunden ein paar Stunden Ruhe. Und selbst das, was Minkin als Ruhe bezeichnete, glich eher einer Flucht, einer Hatz. Vor dem Gesicht des toten Jungen. Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nahm den Mund ganz schön voll, der Psalmschreiber. Gott war weit weg im Moment, er gönnte sich eine Auszeit. Der tote Junge hingegen, der war präsent. Pictures Of You. Überall.

Minkin wachte meist kurz vor Mittag auf. In Schweiß gebadet. Müder als zuvor. Er erwog ernsthaft, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Professionelle Hilfe. So in der Art, wo man mit einem Profi quatschte, Pillen bekam, um irgendwann wieder in die Spur zu kommen. Minkin rief bei einer Psychologin an. Voller guter Absichten. Hatte die Nummer von Cop Schneider erhalten. Der war immerhin eine ausgezeichnete Referenz. Ein Wahnsinniger wie aus dem Lehrbuch. In der Praxis der Psychotante war gerade Mittagspause, als Minkin dort anrief. So ein Pech aber auch. Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß. Geschichten, die ohne Andy Brehmes philosophische Einwürfe davonkamen, waren es selten wert, gelesen zu werden. Damit wäre das schon mal erledigt. Jedenfalls ließ Minkin es nach dem erfolglosen Anruf bei der Psychotante bleiben. Er war aus diesem Grund nicht komplett unfroh darüber, dass Goldberg für ihn eine Aufgabe hatte.

»Du darfst runter an den Bodensee.«

Bodensee. Ernsthaft! Von Gewässern hatte Minkin genug. Wasser bietet der Schönheit ihr Double. Joseph Brodsky, von dem dieses Zitat stammte, mochte ein großer Literat gewesen sein. Aber mit seiner Meinung über Wasser lag er ziemlich daneben. Wasser war eine einzige existenzielle Bedrohung. Egal, ob es zu viel davon gab oder zu wenig.

»Was soll ich dort? Einen Surfkurs belegen? Urlaub machen?«, fragte Minkin mit reichlich Selbstironie. Sein letztes Abenteuer hatte mit einem Surfkurs auf dem Stuttgarter Max-Eyth-See begonnen, bei dem er fast ertrunken wäre. Wenn das mal keine Leistung war in der Pfütze!

Minkin war kein sonderlich guter Urlauber. Gab sicher eine Menge Menschen, die die Region da unten für eine der schönsten Gegenden in der Republik hielten. Das sagte man aber vermutlich von einer Menge Ecken der Republik. Na ja, vielleicht nicht gerade von Wanne-Eickel. Oder Castrop-Rauxel. Aber hey, man mag über diese Orte denken, was man will. Die Menschen dort waren schwer in Ordnung, trugen das Herz am rechten Fleck. So ziemlich die meisten von ihnen jedenfalls.

»Urlaub?«, nahm Goldberg Minkins Frage auf. Fragte mit reichlich Spott im Tonfall: »Von was solltest du Urlaub machen, Minkin?«

War mehr eine rhetorische Frage, die Goldberg da in den Raum warf, schon klar.

Goldberg fuhr fort: »Du musst nach Tettnang.«

»Tettnang«, wiederholte Minkin. Der Name war Musik in den Ohren eines jeden Bierliebhabers. Und zwar die Art von Musik, wie sie Shane MacGowan machte. Der verstorbene Sänger der Pogues. Nicht die Art Musik von Taylor Swift. Nichts zu sagen gegen die Frau. War okay. Gab die richtigen Statements ab. Und die ganzen Swifties würden jedenfalls keinen Dritten Weltkrieg anzetteln, soviel war klar. »Tettnang?«, zeigte sich Minkin interessiert. Tettnang war für ziemlich genau eine Sache bekannt. Für seinen Hopfen. Die Felder dort drum herum waren die Heimat des Aromahopfens. »Was soll ich da?«

»Die Hopfenbauern sind unruhig«, antwortete Goldberg.

Beunruhigte Bauern waren neuerdings im Trend. Tauchten überall auf. Vom Brandenburger Tor bis nach Biberach.

»Was genau macht die Farmer in Tettnang nervös?« Farmer, klang großspurig. Nach Wildwest. Keine Ahnung, wo Minkin das aufgeschnappt hatte.

»Die Hopfenpflanzen. Sie sind krank.«

Minkin musste kurz darüber nachdenken. Hatte er richtig gehört? Krankes Grün? »Okay, Goldberg, Hopfenpflanzen, nichts gegen zu sagen, zweifelsohne eines der wichtigsten Lebewesen auf der Welt. Aber bin ich Gärtner Pötschke? Was soll ich da? Mein grüner Daumen ist nicht sonderlich ausgeprägt. Ackerbau ist nicht mein größtes Talent.«

»Gibt es das überhaupt?«, fragte Goldberg spöttisch nach. »Das Talent. Mal abgesehen von deinem Talent, ein notorischer Trunkenbold zu sein. Musst du eigentlich den ganzen Tag Bier trinken?«

»Muss ich nicht, Goldberg, ich mach das freiwillig.« Nun, dachte Minkin, irgendetwas konnte jeder. Immerhin das mit dem Saufen konnte man ihm nicht streitig machen.

»Mach dir keine Sorgen, Minkin. Du brauchst für die Sache kein Talent, du sollst dir die Angelegenheit nur anschauen. Ein Bild davon machen. Mehr nicht. Eine reine Aufklärungsmission.«

»Holla die Waldfee!« Diese alberne Redewendung wollte Minkin immer schon mal aktiv benutzen. Hier war sie halbwegs legal verbraten. Eine Aufklärungsmission! Wo hatte Goldberg diesen militärischen Terminus hergezaubert? Klang bedeutend. Klang nach den Navy SEALs. Nach einer Spezialoperation. Einen Drogenbaron im südamerikanischen Dschungel ausfindig machen. Einen Warlord in Afghanistan finden. Aber hier ging es um welkende Hopfenpflanzen in Oberschwaben. Ging’s noch? Das war nicht Goldbergs Ernst?

»Sie machen Witze, oder?«, fragte Minkin nach.

»Hast du mich als sonderlich humorvoll in Erinnerung?«

Hatte Minkin nicht. Goldberg hatte in ungefähr so viel Sinn für Humor, wie Christian Lindner Sinn für ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen hatte. Will heißen, gar keinen. Er war Goldberg seit der Sache auf dem Max-Eyth-See etwas schuldig. Goldberg hatte ihn bei seinem letzten Abenteuer vor dem Tod durch Ertrinken gerettet. Minkin hatte also keine große Wahl. Konnte schlecht nein sagen.

»Eine Aufklärungsmission, sagen Sie?«

»Genau. Hinfahren, umschauen, Bericht erstatten. Mehr ist es nicht.«

Klang von Anfang an suspekt, hätte Minkin darauf kommen können. Das klang nicht nach Goldberg. Irgendetwas musste an dieser Geschichte anders sein. War nicht das Übliche: Geh dahin, mach dies, bring jenes in Sicherheit.

»Wann genau soll es losgehn?«

»Hast du heute noch Termine?«

Minkin dachte kurz daran, auf beschäftigt zu machen. Muss ich erst in meinem Terminkalender nachsehen. Etwas in der Art eben. Würde ihm Goldberg nicht abkaufen. Ließ es deshalb sein.

»Nein, nicht direkt.«

»Dann nimm den Regionalexpress nach Friedrichshafen. Fährt immer kurz nach halb. Von Friedrichshafen kannst du den Bus nehmen bis Tettnang.«

Regionalexpress. Bus. War genau Minkins Liga der gewöhnlichen Transportmittel.

»Heute? Ihr Ernst?«

»Ja, Minkin, es ist höchste Eisenbahn.«

Eine schöne Eisenbahner-Redewendung, dachte Minkin. Gefiel ihm. Wollte er kontern. »Machen Sie mal langsam. Ein alter Mann ist kein D-Zug.«

Goldberg parierte astrein: »Deshalb wäre es gut, wenn du eine Schippe drauflegst, sonst ist der Zug abgefahren.« Goldberg hatte das Eisenbahnermetapherduell für sich entschieden. Klares 2:1.

»Was ich meine, ist: Du solltest dich beeilen, sonst geht die Ernte den Bach runter.«

Was anderes war von Goldberg kaum zu erwarten. Gab selten Vorlauf bei seinen Aufträgen. Was nichts änderte. Es war im Grunde wie immer für Minkin. Er war niemand, der seine Einsätze minutiös plante. Vorbereitung wurde überschätzt. Bruder Zufall war sein versiertester Kollege. Bis jetzt zumindest war er das.

»Ich will nicht gierig sein, Goldberg, aber wie ist die Bezahlung?«

»Siehe es als einen Gefallen, den du mir schuldest. Außerdem hast du dann wieder was zu tun, du bist runter von der Straße.«

Minkin wollte widersprechen, wusste aber, dass Goldberg nicht völlig quer lag mit dem, was er von sich gab.

»Spesen gehen auf mich. Du wirst in der Krone übernachten. Wird dir gefallen.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Ist ein Brauereigasthof.«

Bling! Goldberg wusste, welche Knöpfe er bei Minkin drücken musste. War auch keine Raketenwissenschaft bei Minkin. Minkin war in der Hinsicht so vorhersehbar wie der nächste Film von Til Schweiger. Oder ein Song von Status Quo. Oder das nächste Coldplay-Album. War früher unvorstellbar bei dieser Band, die zu Beginn ihrer Karriere Songs für die Ewigkeit geschrieben hatte.

Als Goldberg das Gespräch mit Minkin beendete, war es kurz vor zwölf. Minkin dachte über den obligatorischen Besuch der Waldklause nach. Ein Treffen mit dem Saarländer. Andererseits wurde es Zeit, mit Routinen zu brechen. Wer noch mal genau verzapfte diesen Nonsens? Der Dalai Lama war es jedenfalls nicht.

Minkin packte ein paar Klamotten und seine Zahnbürste in die hellblaue Adidas-Sporttasche aus den Siebzigerjahren und machte sich auf den Weg zur U-Bahn-Haltestelle Wilhelm-Geiger-Platz, die praktisch vor seiner Haustür lag. Gab Menschen, die behaupteten, das schönste an Feuerbach seien die U-Bahnen, die raus aus Feuerbach fuhren. Was sollte man über diese Menschen sagen. Sollten sie sich doch ruhig mit der nächsten Bahn verpissen! Paar Idioten weniger hier in Feuerbach, wäre kein Nachteil für den Stadtteil. Gab hier noch mehr als genug davon.

Minkin lief kurz darauf am Bahnhof ein. Der Stuttgarter Hauptbahnhof war immer noch ein mühsames Chaos, eine Dauerbaustelle. Ein Wimmelbild zum Weinen. Minkin fragte sich ernsthaft, ob er die Eröffnung des neuen Wahrzeichens der Stadt noch erleben würde. War mal für 2019 geplant, inzwischen sprach die Bahn von 2026. Die Frage, die sich hieran anschloss, war, ob das erstrebenswert wäre, die Eröffnung zu erleben. Im Grunde ging es Minkin damit, wie es den Fans aus der Cannstatter Kurve jahrelang gegangen war. Das Beste hoffen, mit dem Schlimmsten rechnen. Von 2. Liga bis Champions League war schließlich immer alles möglich bei den Roten.

Was Minkin am Hauptbahnhof ernsthaft vermisste, war das, was einen Bahnhof ausmachen sollte. Er war im Optimalfall der freudig-erregte Ausgangspunkt einer bevorstehenden Reise, auf die man blickte. Oder er war der Endpunkt einer Bahnfahrt und man freute sich auf den Bahnhof wie auf einen alten Freund, den man lange nicht gesehen hatte. Der hiesige Hauptbahnhof war seit Jahren ein unwirtlicher Ort. Niemand freute sich ernsthaft, von dort aus zu starten oder geschweige denn, dort anzukommen. Und wenn er irgendwann einmal fertiggestellt sein würde, dann würde er den Charme einer Galeria-Kaufhof-Filiale versprühen. Immerhin hatten diese Galeria-Häuser damals noch ordentliche Restaurants, dachte Minkin in einem Anflug von Nostalgie. Minkin ging in den Neunzigern dort gelegentlich zum Frühstücken hin. Als Student. War so. Frühstück gab es dort auch nach zehn Uhr morgens. Kaisersemmeln, Pressschinken, Gouda, Butter, Marmelade. Die Smoothie-Bowl mit Granola und griechischem Joghurt war noch nicht erfunden. Das alles gab es für einen Fünfer. Inklusive Heißgetränk. Konntest du nichts sagen. Warst du satt hinterher. Auch optisch waren die Galeria-Restaurants einwandfrei. In zurückhaltendem Braun-beige gehalten. Die Wände mit falschem Marmor verkleidet. Die älteren Damen, die dort saßen, kamen immer gerade vom hauseigenen Friseursalon oder waren auf dem Weg dahin. Minkin konnte sich nicht erinnern, wann der Stuttgarter Hauptbahnhof sein letztes ernstzunehmendes Bahnhofslokal verloren hatte. Er mochte die Orte. Diese Durchgangszimmer, wie der tschechische Autor Jaroslav Rudiš die Bahnhofslokale in seiner großartigen Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen nennt. In Böhmen lockt das Bier die Reisenden dort hinein, in Italien der Espresso. In Stuttgart gab es seit dem Verschwinden des Imbisses am Gleis 16 überhaupt keinen einzigen Grund mehr, dort länger als nötig zu verweilen. Dean und sein Kumpel David mit ihren fresh made Smoothies und Hot Bowls waren jedenfalls für Minkin kein Grund.

SÜDBAHN

Eine Geiß hat er sich kaufetund dass die ihm nit entlaufet,bindet sie de gute Mahinte an de Wage a.Auf de nächste Statione,wo er will sein Böckle hole,findt er nur noch Kopf und Soilan dem hintre Wagentoil.

Trad.

Minkin erreichte den Interregio um 14.39 Uhr. Fuhr über Ulm nach Friedrichshafen. Vor drei Jahren wurde die elektrifizierte Südbahn in Betrieb genommen. Fahrgäste können dann öfter ohne Umsteigen von Stuttgart an den Bodensee gelangen, auf Teilen der Strecke können die Züge mit Tempo 160 fahren. Immerhin. Das und die schwimmenden LNG-Terminals im Weltnaturerbe Wattenmeer in der Nordsee brachte die verflossene Ampel-Regierung ans Laufen. Das war der neue Deutschlandtakt. Minkin mochte die Südbahn. Ging über Plochingen, Göppingen, Geislingen mit der Filstalbahn. Dann die Alb hoch. Über Amstetten. Gab dort das Gasthaus zum Bahnhöfle. Stand noch auf Minkins To-do-Liste. Sah einladend aus. Auf einigen der Nebengleise standen ein paar historische Waggons, die jedem Bahnromatiker die Tränen in die Augen treiben mussten. Wenn man Ulm erreichte, sah man als Erstes das Ulmer Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt. Über 160 Meter hoch. Über 200 Jahre hat man an der Kirche gebaut. Könnte meinen, am Ende hat der Herrgott selbst Hand angelegt, so gut ist das Ding geworden. Hinter Ulm lässt die Industriebebauung nach und das ländliche Oberschwaben beginnt. Die Strecke führt über Biberach, Schussenried, Ravensburg. Immer weiter auf der Schwäbischen Eisenbahn. Meckenbeuren, Durlesbach. Das Volkslied Auf d’r schwäb’sche Eisabahna hat dem Ort Durlesbach eine ziemliche Bekanntheit verschafft. Dabei handelt es sich um eine kleine Ortschaft, die wildromantisch in einem bewaldeten Tal, dem Schussentobel, liegt. Der Bahnhof in Durlesbach war inzwischen ein Ausflugslokal. Ein Café mit Galerie. Personenzüge halten in Durlesbach schon länger nicht mehr. Der Bahnhof ist stillgelegt worden, die Schienen werden auch heute noch genutzt. Am Bahnhof stehen auf einem Abstellgleis eine Dampflok und Waggons. Und einige Bronzefiguren, die vor dem hinteren Waggon stehen. Ein Ziegenbock, ein Schaffner, ein Bauer und ein weiblicher Passagier. Sie stellen eine Szene aus dem Lied nach. Das Lied nimmt ein ungutes Ende. Den Ziegenbock erwischt es. Der Bauer, dem der Ziegenbock gehört, bindet ihn hinten an den letzten Wagon an, wie er es bei seinem Ochsengespann gewohnt war. Er hat nicht damit gerechnet, dass die Königlich Württembergische Staats-Eisenbahn einen schnelleren Zahn drauf hatte. Am Ende der Bahnfahrt findet der Bauer nur noch den Kopf des Ziegenbocks vor und legt sich mit der Bahn an. Er will Schadenersatz haben. Vermutlich wurde er vom Schaffner auf das Fahrgastrechteformular der Bahn verwiesen. Dann gute Nacht! Das Lied wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Tübinger Studenten gedichtet, die sich über die Einfältigkeit der Landbevölkerung lustig machten. Die Hipster waren damals schon arrogante Ärsche. Aber schöpferisch, das waren sie. Kann man nichts sagen.

In Friedrichshafen hatte Minkin kurzen Aufenthalt am Bahnhof. Die Stadt Friedrichshafen wurde nach dem ersten württembergischen König Friedrich I. benannt. Die Stadt prosperierte wirtschaftlich unter diesem König als privilegierter Freihafen und Warenumschlagplatz für den Handelsverkehr mit der Schweiz. Später baute man dort Zeppeline, im und nach dem Zweiten Weltkrieg war Friedrichshafen ein wichtiger Rüstungsstandort. Makaber, aber die aktuellen Ereignisse waren sicher nicht zum Schaden für die Unternehmen in der Region. Rüstung war plötzlich wieder angesagt. Minkin machte die paar Schritte vom Bahnhof zum See vor. Von hier aus hatte man Blick auf die Schweizer Berge. Tagsüber. Wenn kein Nebel war. Was im Sommer sogar immer wieder mal vorkam.

Minkin erwischte den Bus und machte sich auf den Weg nach Tettnang. Mitten durch eine jahrhundertealte Kulturlandschaft. Das leicht hügelige Gebiet war geprägt von Hopfengärten. Meterhoch ragen die architektonisch kunstvoll aufgebauten Hopfengerüste in den Himmel. Minkin stieg am Bärenplatz aus. Direkt gegenüber befand sich die Kronenbrauerei. Sah von außen schon so aus, als ob man hier nicht mehr wegwollte. Hielt von innen das, was man von außen ehrfürchtig erwarten durfte. Eine alte, schwäbische Wirtsstube mit einer den ganzen Raum umlaufenden Holzbank. Gekrönt von Schnitzereien, die die Handwerkszünfte darstellten. Eine Gestaltung, für die ein Innenraumdesigner heute vermutlich seine komplette Sammlung an schwarzen Rollkragenpullis hergeben würde. Aber was sollte ein Gastrodesigner auch für Zünfte darstellen? Typen in Hoodies, die am MacBook saßen und eine App programmierten?

Minkin nahm in der Stube Platz und startete mit der klassischen Halbe. Wurde ausgeschenkt im Steinkrug. Nicht zu malzig, nicht zu bitter. Perfekt für das Startbier am Abend. Top Drinkability. Oder, wie der Bierreisende Volker R. Quante das gerne nannte, hohe Durchtrinkbarkeit. Minkin arbeitete mit dem Pils weiter. Ein unfiltriertes Bier. Kam Minkin schon mal sehr entgegen. Da war der ganze Rotz noch drin. Schön trüb, üppige Krone. Würzig, nicht zu bitter. Minkin hatte den Begleiter für den Rest des Abends gefunden. Nach der sechsten Runde machte er Schluss. Er wollte sich heute nicht betrinken. War zum Arbeiten hierhergekommen. Zumindest ab morgen. Minkin erwog ein Abendessen. Dachte dann an die alte Trinkerweisheit, dass sechs Biere auch eine Mahlzeit waren. Ließ es dabei.

Die Formalitäten beim Check-in dauerten nur wenige Minuten. Das Zimmer war bereits bezahlt worden. Sieh einer an, dachte Minkin. Verlass war auf Goldberg. Man hatte für Minkin das Hopfenzimmer vorgesehen. Ein helles, sauberes Zimmer. Ganz anders als Minkins Feuerbacher Bleibe. An der Wand war eine Fototapete mit Hopfenpflanzen. An jedem anderen Ort dieser Erde wäre das kitschig rübergekommen. Hier nicht. Minkin liebte es.

Minkin schlief, wie es sich für einen solchen Ort gehörte. Tief, fest und voller Träume. Das meiste davon hatte mit den Hopfenpflanzen zu tun, die sich über seinem Bett auf der Fototapete befanden. Nach dem Aufwachen ging Minkin in die Gaststube hinunter, in der ein riesiges Büfett aufgebaut war. Was hatten die hier vor? Den ganzen Ort versorgen? Minkin war kein großer Frühstücker. Er holte sich einen Kaffee, schwarz. Ein hart gekochtes Ei und eine Kaisersemmel. Der alte, einfache Galeria-Kaufhof-Style. Yeah! Nachdem Minkin das Frühstück zu sich genommen hatte, machte er sich an die Arbeit. Wie hatte Goldberg das genannt? Eine Aufklärungsmission. Beobachten. Nicht eingreifen. War besser so. Immer wenn Minkin eingriff, gab es Kollateralschäden. Minkin verließ das Hotel anschließend in Richtung Osten. Dachte darüber nach, den Bus zu nehmen. Andererseits war Bewegung etwas, das er nicht gerade im Überfluss hatte. Entschied sich deshalb für einen Fußmarsch.

Goldberg hatte ihm das Hopfengut No. 20 empfohlen. Im Grunde könne er überall hingehen, aber dort sei man Besucher gewohnt. Man sei vermutlich nicht so misstrauisch gegenüber Fremden, wie man es sonst gelegentlich hier in der Region war. Minkin konnte diesbezüglich wenig überraschen. Sein letztes Abenteuer führte ihn nach Oberfranken, in die Fränkische Schweiz. Auch nicht gerade ein Ausbund an Offenheit gegenüber Fremden. Dauerte dort, bis sie mit einem Besucher warm wurden. Aber dann schlossen sie dich ins Herz.

Nachdem Minkin die Stadtgrenze hinter sich gelassen hatte, war er bereits mittendrin in den Obstplantagen und Hopfengärten. Minkin war sich nicht hundertprozentig sicher, was noch Kulturlandschaft war und wo schon die Monokultur begann. Sah ein wenig wie am Reißbrett entworfen aus. Hatte nicht allzu viel zu tun mit den Streuobstwiesen, die Minkin aus seiner Kindheit im Kraichgau kannte. Mit ihren verstreuten hochstämmigen Obstbäumen. Unterschiedlich alt. Viele Arten und Sorten wild durcheinander. Mühsam in der Ernte, aber für die Natur ein Segen. Das hier schien auf Effizienz und Ertrag getrimmt, konnte man im Grunde nichts gegen sagen. Das war die Erwerbsgrundlage der Bauern. Und sagen wir mal so: Biodiversität war nicht Minkins Hauptanliegen hier unten.

Nach einer dreiviertel Stunde entlang des Hopfenpfades erreichte Minkin das Hopfengut. Es lag über den Hügeln der Stadt. Die Luft roch klar und rein. Ganz anders als Minkins Feuerbacher Habitat am Wilhelm-Geiger-Platz mit den üblichen Stadtgerüchen. Schmutz, Frittenfett, Dönergewürz, Zigarettenrauch, Reifenabrieb, und am späten Abend mischte sich der Gestank von Säuferpisse darunter. Die Städte waren gearscht. Und vermutlich stand Stuttgart noch gut da. Worauf sich aber ganz sicher niemand etwas einbilden sollte. Am wenigsten der Oberbürgermeister mit der schönen Haarfrisur.

AUF DEM HOPFENGUT

Das Hopfengut war ein großes Areal. Bestand aus Bauernhof, Brauerei, Museum, Laden, Gaststätte. War alles da. Angrenzend die Felder mit den Hopfenplantagen. Minkin ging um den Gebäudekomplex herum. Entdeckte eine Gruppe von drei Personen in weißen Schutzanzügen, die zwischen Hopfenpflanzen standen und sich an den Pflanzen zu schaffen machten. Sah ein wenig gespenstisch aus. Erinnerte an die Coronaphase. Sah man das öfters. Menschen in Schutzanzügen. Corona war vorbei. Doktor Drosten von der Bildfläche verschwunden. Schade eigentlich. Minkin mochte den Mann. Hinterließ einen aufrichtigen Eindruck. Was machte der eigentlich heute? Feilte vermutlich an seinem Comeback als Indiemusiker. Oder bereitete sich auf die nächste Pandemie vor. Drostens universeller Rat für den Trinker war nach wie vor gültig. Wie der ging? Flaschenbier. Am besten draußen an der frischen Luft genossen. Minkin ging auf die Gruppe in den Schutzanzügen zu. Trat bis auf wenige Meter an sie heran.

»Guten Tag.«

»Das hier ist Privatgelände«, sagte einer der Schutzanzüge, ohne sich umzudrehen. Schöne Begrüßung. Sollte nicht mal höflich klingen. Sollte klingen wie verpiss dich!

»Privatgelände, passt«, erwiderte Minkin. »Ich bin privat hier.« War eine saudumme Antwort. Genauso wurde sie auch aufgefasst.

»Sie haben das wohl nicht ganz verstanden. Wir haben hier zu tun!«

»Sehe ich. Müssen Sie bei Ihrer Arbeit immer diese Klamotten tragen? Sieht nach Apokalypse Now aus.«

Einer der Schutzanzüge drehte sich zu ihm um. Minkin erkannte eine junge Frau darin. Roter Pony. Sommersprossen. Weiches Gesicht.

Fragte ihn: »Gehören Sie dazu?«

Die Frage hatte sich Minkin das eine oder andere Mal schon gestellt. Ohne die passende Antwort darauf zu haben. Minkin sah die Frau im Schutzanzug an. »Wozu genau?«

»Sind Sie Hopfenbauer?«

Minkin sah die Frau an, dann an sich hinab. Antwort erübrigte sich.

Die junge Frau nickte. »Und was genau wollen Sie dann hier?«

Minkin lag etwas auf der Zunge. Ein minimalistischer Anflug von Sympathie. Etwas in der Art von: Ich bin den ganzen verdammten langen Weg hier rausgelaufen, um Sie zu treffen. Sagte stattdessen: »Hab gehört, den Pflanzen geht es nicht gut.«

»Was kümmert Sie das?«

Törichte Frage. Inzwischen hatte sich der zweite Schutzanzug hinzugesellt.

»Sieh ihn an, Rose. Sein Interesse für Hopfen steht ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben.« Schickte ein schmutziges Lachen hinterher.

Idiot!, dachte Minkin. Noch hatte er kein aufgequollenes Säufergesicht oder geplatzte Äderchen auf der Nase. Sah er noch okay aus für sein Alter. War noch weit entfernt von der optischen Annäherung an den späten Gérard Depardieu. Aber hey, das dachte vermutlich jeder halbwegs veritable Trinker von sich. Dass er trinken konnte, wie Harald Juhnke und dabei aussah wie Frank Sinatra, der sich mit einer Flasche Jack Daniels begraben ließ. Aber das mit der Kongruenz zwischen Attraktivität und Absturz haute vermutlich bei den wenigsten Profis hin. Minkin hatte mit seinen 1,80 ein paar Kilo zu viel auf den Rippen. Kam optisch daher wie eine erfolglose Ausgabe von Christian Ulmen. Die sehr erfolglose. Seine dunklen, fettigen Haare fielen ihm ungepflegt ins Gesicht. Die ausgewaschene Levis 501 und die verbleichten T-Shirts zeugten von einem nachlässigen Kleidungsstil. Unterstrich seine ohnehin abgerockte Erscheinung. Mit wenig Interesse an Sport und einem Hang zu übermäßigem Bierkonsum war sein Körper träge geworden, fast ein wenig aufgedunsen. Die nächsten Jahre würden entscheiden, wohin es gehen würde. Als ob sie das nicht schon längst getan hatten: steil bergab. Oder langsam bergab. Richtung war jedenfalls klar. In Minkins Augen konnte man die Mischung aus Resignation und überstandenen Kämpfen erkennen. Kämpfe, die er nicht gewonnen hatte. Und er gab sich nicht mal die Mühe, das zu verbergen.

»Verziehen Sie sich, wir haben hier zu tun. Noch mal sage ich das nicht, Burschi!« Der Kerl war einen halben Kopf größer als Minkin. Muskulöser Naturbursche. Der weiße Schutzanzug machte ihn noch furchteinflößender. Minkin blickte hilfesuchend zu der Frau mit dem roten Pony und den Sommersprossen. Die zuckte mit den Schultern. Gab ihm zu verstehen: Bei mir findest du nicht, was du suchst. Minkin entschied sich für Rückzug. Immerhin kannte er ihren Namen. Rose. Damit wusste Minkin bei dem Mädchen schon mal weitaus mehr als bei vielen anderen Mädchen, für die er sich interessierte. Er drehte sich um und ging in Richtung des Hofgebäudes. Red Roses For Me. Der Titel des ersten Albums der Pogues. Wahre Gossenhymnen. Der Soundtrack meines halben Lebens, dachte Minkin.

Rief über die Schulter: »Ihnen auch noch einen schönen Tag! Sieht sich.«

Zumindest war das Minkins Hoffnung. Minkin ging zum Hofgebäude. Steuerte zielsicher die Gaststätte an. War geschlossen. Kein Wunder, es war kurz nach zwölf an einem Dienstag im Juni. Immerhin hatte der Museumsladen schon offen. Minkin wurde freundlich begrüßt von einer älteren Lady am Verkaufstresen. Er wollte es nicht zu kompliziert machen.

»Gibt es ein Bier?«

»In einer Brauerei?«

Dumme Frage, Minkin.

»Ich meine, was können Sie mir empfehlen?«, fragte Minkin nach.

»Kommt auf den Anlass an. Die Tageszeit, die Umstände.«

»Sagen wir, es ist jetzt und ich habe Durst.«

Die Verkäuferin lachte.

»Dann nehmen Sie das Lager. Das Lager hat eine schöne Bernsteinfarbe, ist unfiltriert und mit knapp 5 % Alkohol geht es fast schon als Leichtbier durch. Wir stopfen das Bier mit unserem Mandarina Hopfen, der gibt dem Bier ein angenehmes Zitrus-Aroma. Perfektes Bier für den Start.«

Klang ein wenig wie aus dem Katalog, was die Lady aufsagte, aber Minkin war restlos überzeugt.

»Nehme ich.«

»Glas dazu?«

»Ist besser, oder?«

»Das Glas ist die halbe Miete, junger Mann. Die Aromen entfalten sich erst so richtig mit dem passenden Gefäß.« Waren anscheinend Überzeugungstäter hier auf dem Gut. Hatten Ahnung von dem, was sie taten. Minkin ließ sich die Flasche und das Glas geben, zahlte und nahm vor dem Laden auf einer Bank Platz. Minkin schüttete das Getränk in den Willibecher. Die Verkäuferin hatte nicht zu viel versprochen. Schöner Bernstein, feinporiger Schaum. Minkin nahm einen großen Schluck. Sollte nicht der letzte sein. Minkin kam hier vermutlich nicht weiter auf dem Hopfengut. In der Sache. Aber musste er das? Aufklärungsarbeit hatte Goldberg das genannt. Paar seltsame Vögel machten irgendwas an den Hopfenpflanzen. Mehr gab es nicht zu sehen. Minkin lechzte das Glas und erwog ein zweites Getränk, wenn man schon mal hier war. Er ging in den Laden.

»Sie hatten Durst.«

»Ja, bin schon viel gelaufen heute.«

»Und, wie fanden Sie es?«

Minkin reckte den Daumen nach oben. »Schmeckt nach mehr. Würde noch eins nehmen.«

»Wir haben auch noch andere Sorten im Angebot.«

Minkin schüttelte den Kopf: »Never change a winning team!« Er nahm sich eine zweite Flasche und ging damit zur Kasse.

»Sagen Sie, da draußen im Feld, die Leute in den Schutzanzügen, ist das die normale Berufskleidung im Hopfenbau?«

Die Lady sah ihn jetzt ernst an: »Das sind Wissenschaftler, die untersuchen die Pflanzen.«

»Was ist mit den Pflanzen?«

»Um das rauszufinden sind die hier. Hat wohl nichts mit den üblichen Krankheiten zu tun, die man im Hopfenanbau kennt. Deshalb sind diese Leute seit zwei Tagen hier. Nehmen Proben, beobachten den Verlauf, machen Analysen.«

»Schon was gefunden?«

»Keine Ahnung, ich arbeite hier nur im Laden. Da müssen Sie die Chefin fragen.«

»Chefin?«

»Ja, wir haben eine Frau, die das Gut zusammen mit ihrem Bruder leitet. Haben es von ihren Eltern übernommen.«

»Vermutlich nicht die Regel in der Branche, dass Frauen in der Betriebsleitung sind?«

»Unser Glück. Beide ergänzen sich, sind offen für Neues. Schauen in die Zukunft. Haben neue Ideen. Innovation ist auch bei uns hier in der ländlichen Gegend der Schlüssel, um zu bestehen. Da hilft eine Frau mit an der Spitze in jedem Fall.«

Mochte was dran sein. Minkin hatte im Laufe seiner Arbeit eine Menge testosterongesteuerter Typen in der Bierbranche kennengelernt, die wenig Veränderungsbereitschaft zeigten. Da waren Frauen weiter. Frauen brachten oft andere Erfahrungen und Sichtweisen in Entscheidungsprozesse ein, legten häufig mehr Wert auf Kommunikation und Kooperation. Frauen hatten über Jahrtausende das Bierbrauen geprägt. War eine klassische hauswirtschaftliche Tätigkeit, Brot backen, Bier brauen. Ein paar Frauen gab es in der Bierbranche. Schwester Doris, die seit fast fünfzig Jahren in der Klosterbrauerei im bayerischen Mallersdorf das Bier braut. Bekannt wie ein bunter Hund. Einige andere Brauereien wurden von Frauen geleitet. Hochdorfer. Die Gold Ochsen in Ulm. Warsteiner, falls man das Durchgehen ließ als Brauerei. Die Brauerei in Ammerndorf bei Fürth wurde von zwei Frauen geleitet. Trotzdem waren das alles eher die Ausnahmen. Nicht die Regel.

»Meinen Sie, ich kann mit ihr sprechen, mit Ihrer Chefin?«

Ein Hauch Misstrauen erschien im Gesicht der Verkäuferin. Sie wich instinktiv zurück, kniff die Augen zusammen.

»Sind Sie von der Zeitung?«

»Zeitung, nein. Wie kommen Sie drauf?«

»Sie stellen Fragen zum Hopfen.«

»Na ja … Das mit den Schutzanzügen. Sieht ein bisschen aus wie in einem Katastrophenfilm, erinnert an Corona, finden Sie nicht?«

»Nein.«

Knappe Antwort. Letztes Aufbäumen: »Und die Chefin, meinen Sie …«

»Ist den ganzen Tag unterwegs.« Was so viel bedeutete wie: Die Audienz war vorbei.

Minkin verließ den Laden, kippte das zweite Bier und machte sich auf den Rückweg zum Hotel. War kurz nach zwei Uhr nachmittags, als er dort ankam. Minkin war erledigt. Fast zwei Stunden Wanderung. Mehr als er für gewöhnlich in einem Monat absolvierte. Dann diese unnatürliche, frische Luft. Kein Feinstaub, nichts. Hätte jeden halbwegs normalen Stadtbewohner platt gemacht. Minkin haute sich auf die Matratze und war sofort weg. Wachte gegen fünf wieder auf. Mann, wie er das konnte, diesen Ratz am Mittag! War er inzwischen ein Meister seines Fachs. Der Powernap für Profis. Minkin erwog die Gaststube der Kroneaufzusuchen, entschied sich jedoch dafür, ein paar Schritte durch Tettnang zu gehen. Hatte von der Stadt bisher noch wenig gesehen.

IM FLIEGER

Drink heavily with locals whenever possible.

Anthony Bourdain

Auf der gestrigen Fahrt hierher war ihm am Kreisverkehr ein Etablissement aufgefallen. Trug den Namen Flieger. Klang schräg. Musste man also hin. Die Kneipe sah von außen gewöhnungsbedürftig aus. Lag daran, dass sie im ehemaligen Schalter- und Warteraum eines ehemaligen Bahnhofs untergebracht war. Im Grunde ihres Herzens war sie eine Bahnhofskneipe geblieben. Spürte man. Du kriegst die Kneipe aus dem Bahnhof raus, aber den Bahnhof nicht aus der Kneipe. So oder so ähnlich ging der Spruch doch. An der Wand hingen E-Gitarren, der Raum hatte eine Bühne. Hatten anscheinend regelmäßig Livemusik hier. Minkin mochte den Ort auf Anhieb. Vielleicht, weil es das hier kaum noch gab. Falls es solche Orte überhaupt jemals flächendeckend gegeben hatte. Mit ein wenig Fantasie konnte dies auch eine Roadhouse Bar an der Route 66 sein. Zumindest nach dem, was Minkin in den amerikanischen Roadmovies gesehen hatte.

Minkin nahm am Tresen Platz. Orderte ein Helles. Kam von der Brauerei Leibinger aus Ravensburg. Minkin nahm einen ordentlichen Schluck. Schönes Bier. Malzig. Süffig. Angenehm zu trinken. Oder um noch mal Volker R. Quante zu zitieren. Hohe Durchtrinkbarkeit. In der Quant’schen Theorie eine glatte eins. Minkin sah sich um. Die Kneipe war gut besucht. Hatte ihr Publikum gefunden. War vermutlich auch in Tettnang so, dass die Kneipe ihre Funktion als Ort des sozialen Miteinanders eingebüßt hatte. Weis der Teufel, woran das lag. Vermutlich an der Verbreitung der Smartphones. Die Art der Kommunikation hatte sich verändert. Gab neue Formen. Waren an Minkin vorbeigegangen. Hatte es ihm geschadet? Die einen sagen so, die anderen so. Früher bist du in die Kneipe gegangen, um deine Freunde zu treffen. Leute kennenzulernen. Heute machte man das vermutlich online. Über Dating-Apps. Soziale Medien. Ein Zug, auf den Minkin kaum mehr aufspringen würde.

Dauerte nicht lange, bis sich zwei Typen neben Minkin an den Tresen setzten. Einer davon groß gewachsen, kahl rasiert. Die Arme und Hände massiv tätowiert. Der andere klein und drahtig, fast schmächtig, stahlblaue Augen. Bestellten jeder einen Wodka und als Eskorte eine Halbe. Hatten offenbar keine Zeit zu verlieren. Sprachen wenig miteinander. Das Wenige verstand Minkin nicht. Klang nach einer slawischen Sprache. Konnte russisch sein. Minkin meinte zumindest den russischen Trinkspruch gehört zu haben. Sdarówje. Minkin hatte inzwischen sein Helles geleert. War kurz nach achtzehn Uhr. Früher Abend. Draußen war es immer noch heiß. Bei der Hitze musste man viel Flüssigkeit aufnehmen. Sprach nichts gegen ein weiteres Helles. Nichts, bis auf die Tatsache, dass er neben zwei Russen saß, die bereits beim Wodka waren. Konnte böse enden.

Scheiß drauf!, wenn er schon mal hier unten in Tettnang war, dann sollte es sich lohnen. Was immer Minkin unter lohnen verstand.

»Chef, machst du mir noch ein Helles?«

Der Typ hinterm Tresen blinzelte ihn an: »Das ist mein Job hier.«

War was dran. Dauerte ein paar Augenblicke, dann hatte Minkin das Helle vor sich auf dem Tresen. Perfekt gezapft. Musste man dem Mann lassen. Verstand sein Handwerk. Minkin nahm das Glas und prostete in Richtung der Russen, die neben ihm am Tresen saßen.

»Sdarówje!«

Jetzt gab es entweder eine aufs Maul oder der Abend würde ertränkt werden. Oder beides. Nacheinander. Die beiden sahen ihn kurz an. Misstrauisch. Düster. Aber sahen die Russen nicht immer irgendwie so aus? Düster? Beide hoben ihre Gläser und sagten im Chor: »Sdarówje!«

War eine Fifty-fifty-Chance.