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Herr Reinhardt ist ein Angestellter ohne besondere Auffälligkeiten. Er gehört als Mittfünfziger zu den erfahrenen und fleißigen Mitarbeitern. Doch sein Leben erfährt eine unvorhergesehene Wendung, als die Firma einen Charisma-Coach einstellt. Der Coach ist brillant. Er zeigt Herrn Reinhardt das Geheimnis der Selbstmotivation, der Stress-Resilienz und das riesige Potential des positiven Denkens. "Aber", so der Coach, "Sie müssen es wirklich wollen!" Herr Reinhardt will. Er will es wirklich. Doch irgendetwas geht schief... Mehr als ein normaler Kriminalroman: Ein Angestellten-Thriller in 7 Kapiteln: 1. Herr Reinhardt ermutigt sich für den Tag 2. Herr Reinhardt begegnet der Marke Ich 3. Herr Reinhardt macht das Resilienz-Training 4. Herr Reinhardt feiert einen großen Erfolg 5. Herr Reinhardt sucht das innere Kind 6. Herr Reinhardt sagt etwas 7. Herr Reinhardt erschießt den Charisma-Coach Epilog
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Seitenzahl: 59
Veröffentlichungsjahr: 2020
Herr Reinhardt ermutigt sich für den Tag
Herr Reinhardt begegnet der Marke Ich
Herr Reinhardt macht das Resilienz-Training
Herr Reinhardt feiert einen großen Erfolg
Herr Reinhardt sucht das innere Kind
Herr Reinhardt sagt etwas
Herr Reinhardt erschießt den Charisma-Coach
Epilog
Das Display des Radioweckers zeigt 6:30. Herr Reinhardt steht im Schlafanzug vor dem Spiegel und nimmt eine aufrechte Haltung ein. Langsam hebt er seine beiden Hände und deutet mit ausgestreckten Fingern auf seine Brust:
I am a Money-Magnet!
sagt er mechanisch und lässt die Hände wieder sinken. Er atmet tief durch, ruft sich zur Ordnung und unternimmt einen zweiten, entschlosseneren Anlauf:
I am a Money-Magnet!
I am a Money-Magnet!
Noch immer sieht er im Spiegel keinen entschlossenen Mann. Er macht weiter:
I am a Love-Magnet!
I am a Love-Magnet!
I am a Love-Magnet!
Er tritt vom Spiegel zurück in die Mitte des Zimmers, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben:
I am strong, I am healthy, I am full of energy!
I am strong, I am healthy, I am full of energy!
I am strong, I am healthy, I am full of energy!
Bei diesen Sätzen steigert Herr Reinhardt das Ritual mit einer kleinen, aber nicht unerheblichen Geste. Während er bei „strong“ und „healthy“ wieder auf die Mitte seiner Brust zeigt, öffnet er bei „energy“ die Arme und streckt sie weit nach oben zur Zimmerdecke, um den ganzen Raum mit positiver Energie aufzuladen.
„Und“, fragt ihn der Charisma-Coach zwei Stunden später in der Sitzung, „wie war es? Wie geht es Ihnen mit dem Self-Empowerment?“
Herr Reinhardt zuckt mit den Achseln. Der Coach nimmt einen neuen Anlauf: „Ich meine – stellen Sie bereits eine Veränderung fest?“
„Weiß nicht, das kleine Morgen-Gebet fällt mir irgendwie schwer“, antwortet Reinhardt zögerlich.
„Warum? Wo liegt das Problem? Raus damit…“
„Ich weiß es nicht genau, aber irgendwie erinnert es mich an früher, als ich in der Kirche Gebete aufsagen musste. Mein Vater war gläubig. Ihm zuliebe habe ich mitgebetet, stand aber doch irgendwie neben mir. Ich bekam keinen wirklichen Kontakt zu Gott, obwohl ich es wirklich wollte.“
„Aber Herr Reinhardt“, unterbrach ihn der Coach, „das, was Sie jetzt jeden Morgen machen, hat nicht das Geringste mit Ihrem Kindheitserlebnis zu tun oder gar mit Gott. Die Kirche war Fremdbestimmung, eine auferlegte Pflicht. Jetzt geht es um Sie, um Ihre Entscheidung und Ihr Leben. Sie sind der Aktivposten. In dem kleinen Morgen-Gebet, wie Sie es nennen, beten Sie nicht irgendeinen Gott an, sondern Sie machen ein Self-Empowerment, eine Selbstertüchtigung. Das ist nichts Religiöses. Es geht nicht um Gott, es geht um Sie. Ja, man kann sogar sagen, Sie selbst machen sich zu Gott. Sie erkennen Ihre innere Göttlichkeit.“
„Mag sein, aber im Moment komme ich mir komisch vor, wenn ich die Sätze spreche.“
„Sie versuchen es doch weiter, oder?“
„Ja, jeden Morgen um 6:30, wie vereinbart.“
„Und – hat sich seit der letzten Woche nicht doch irgendetwas verändert?“
„Na ja, was soll ich sagen, ich kann den Text inzwischen flüssig sprechen.“
„Ja, aber es geht nicht darum, dass Sie den Text flüssig aufsagen wie ein Gedicht. Sie müssen sich mit der Message identifizieren. Wissen Sie, es kommt im Wesentlichen darauf an, dass Sie den Erfolg bereits in Ihrem Energiefeld verankern. Wenn es Ihnen nämlich erst einmal gelingt, das Feuer des Erfolges in sich selbst zu entfesseln, dann strahlen Sie ihn auch aus. Sie verwandeln sich geradezu. An die Stelle von Selbstzweifeln tritt die Kraft, Berge zu versetzen. So war es zum Beispiel bei Jim Corner. Kennen Sie Jim Corner?“
Herr Reinhardt schüttelt den Kopf.
„Jim Corner ist der Erfinder dieses Erfolgsmantras. Er war ein Underdog aus einfachsten Verhältnissen, bettelarm und ohne Ausbildung. Im Grunde hatte er keine Chance auf sozialen Aufstieg. Doch eines Tages, als er wieder einmal resigniert unter einem Baum saß und lustlos in seinen Donut biss, sah Jim Corner aus nächster Nähe, wie eine Ameise senkrecht den Stamm hochkletterte. Sie hatte ein heruntergefallenes Stück von seinem Donut dabei, ein Stück, das zehnmal größer war als sie selbst. Eigentlich war es unmöglich, dass sie es überhaupt tragen konnte, aber das kümmerte sie nicht. Zentimeter für Zentimeter kämpfte sie sich nach oben, ihr Ziel fest im Blick. ‚Was für einen ungeheuer starken Willen sie hat‘, dachte Jim Corner und sah ihr staunend zu. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Jim Corner erkannte die Kraft des Willens, die alles antreiben und bewegen kann.
‚Wenn ich etwas wirklich will, wenn ich wie die Ameise mein Ziel fest vor Augen habe, dann schaffe ich es auch. Wenn ich mich schon dort sehe, wo ich hin will und mich schon jetzt so fühle wie ich mich dann fühlen werde, wirkt die Zukunft auf die Gegenwart. Niemand kann mich mehr stoppen.‘
So unternahm Jim Corner seine ersten Schritte der Autosuggestion. Jeden Morgen stellte er sich vor den Spiegel und sagte zu sich: ‚I am a Money-Magnet. I am a Love-Magnet. I am strong, healthy and full of energy!‘ Corner hatte keine besondere Ausbildung, aber er war ein Bastler, interessierte sich schon immer für Elektronik, zerlegte Kühlschränke und Heizstrahler. Jetzt fing er an, aus weggeworfenem Schrott in seinem Keller Warmluftheizungen und Klimaanalgen zu bauen.
Heute leitet Jim Corner den größten Energiekonzern der Vereinigten Staaten und wurde von Forbes zum ‚Man of the Year‘ gewählt. Jetzt, Herr Reinhardt, sage ich Ihnen etwas Wichtiges: Wissen Sie, warum er es geschafft hat? Weil er es wollte und weil er dranblieb. Und nicht nur er - Zehntausende sind ihm gefolgt und wurden mit seiner Selbstprogrammierung reich. Jetzt frage ich Sie, Herr Reinhardt, wollen Sie nicht auch dranbleiben und endlich an sich selbst glauben?“
Herr Reinhardt nickt zustimmend. Zwar weiß er, dass er niemals Jim Corner sein wird, aber er weiß auch, dass sein Arbeitsplatz gefährdet ist, weshalb er tatsächlich ‚dranbleiben‘ sollte.
„Gut, dann machen Sie einfach weiter, bis sich der Erfolg für immer in Ihrem Energiefeld verankert hat. Vergessen Sie nicht, Ihr Morgen-Gebet ist der Schlüssel dazu. Es ist keine Anbetung einer fremden Macht, sondern Autosuggestion. Dieses Verfahren mag Ihnen neu vorkommen, aber glauben Sie mir, es ist wissenschaftlich bewiesen. Es wirkt direkt auf Ihr Unterbewusstsein. Das haben Studien eindeutig ergeben. Nichts auf der Welt kann Sie am Ende so gut motivieren, wie Sie es tun können, durch den Glauben an sich selbst. Das ist der Kern der Autosuggestion. Haben Sie sich mal gefragt, was Erfolg im Grunde genommen ist?“
„Nein“, antwortet Herr Reinhardt, „darüber habe ich mir noch nie wirklich Gedanken gemacht.“
„Dann denken Sie mal nach! Was spielt für den Erfolg die wichtigste Rolle?“
„Glück vielleicht oder Zufall“, antwortet Herr Reinhardt.
„Völlig falsch! Erfolg, mein lieber Herr Reinhardt, ist nichts anderes als die Trilogie von Money, Love und Energy. Wenn das Geld und die Sympathien Ihnen erst mal zufliegen und Sie dann noch die anderen mit Ihrer Gesundheit, Kraft und Energie anstecken, sind Sie direkt im Epizentrum des Erfolgs.
Wenn Sie jeden Morgen – und ich meine wirklich jeden Morgen – Ihre Ziele laut und deutlich artikulieren, dann, Herr Reinhardt, passiert das, was wir Coaches als „Self-Fulfilling Prophecy“ bezeichnen, die sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung. Sie sehen sich als Gewinner und werden zum Gewinner.“