Warum - Klaus Thieme - E-Book

Warum E-Book

Klaus Thieme

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Beschreibung

Prolog Immer wieder beschäftigt mich die Frage, was sind eigentlich Depressionen, wie machen sie sich in der Praxis bemerkbar. Eine Antwort suchend, beobachte ich mich, versuche ständig mein Leben, mein tägliches Denken und Handeln zu reflektieren, habe ich vielleicht Depressionen? Auf eine Antwort warte ich bislang vergebens. Ich scheine mich im Kreis zu drehen. Warum enden diese Gedanken denn nicht? Bin ich etwa krank, habe ich unter Umständen versagt oder lasse ich mich gehen? Warum nur finde ich einfach keine Antwort. Warum fühle ich mich so einsam, so unverstanden, von allen guten Geistern verlassen? Auch auf diese Fragen finde ich keine Antwort. Vielleicht wurde ich gerade von denen verlassen, für die ich gelebt und gesorgt habe, von Menschen, denen ich mit all meiner Kraft beigestanden habe wenn sie Hilfe brauchten, mich darum baten? Ich versuchte alles zu geben. Nun fehlt mir die Kraft, ist denn jemand für mich da? War ich zu gutgläubig, habe nur das Positive in den Menschen, mit denen ich zu tun hatte, gesehen? Habe ich eventuell vergessen eigene Wünsche und Forderungen zu formulieren? Wurde meine Gutmüdigkeit gar ausgenutzt? Dabei habe ich gern gegeben, vielleicht zu viel? Fragen über Fragen, aber wer soll sie mir beantworten können? Ich fürchte, in diesem Punkt bin ich an allererster Stelle selber gefragt. Werde ich es also schaffen mir diese Fragen selbst zu beantworten? Die Zeit, in der ich diese Zeilen schreibe, in der ich gründlich über die Problematik nachdenke, mein bisheriges Leben Revue passieren lasse und anhand meiner Erinnerungen aufzuarbeiten versuche, wird vielleicht die lang gesuchte Antwort geben. Darin zumindest liegen meine Hoffnungen und mein sehnlichster Wunsch.

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Seitenzahl: 575

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Klaus Thieme

Warum

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 Prolog

Kapitel 2 Meine Kindheit

Kapitel 3 Lokführer, mein Traumberuf

Kapitel 4 Wir werden Gastwirt, ein guter Entschluss?

Kapitel 5 Unser erstes Speisenrestaurant.

Kapitel 6 Eine erlebnisreiche Urlaubsreise

Kapitel 7 Dann gehen wir eben an die Trasse

Kapitel 8 Eine Reise mit Hindernissen

Kapitel 9 Erdgastrasse, einmalige Lebenserfahrungen

Kapitel 10 Aller Anfang ist schwer! Unvergessene Erlebnisse

Kapitel 11 Standortwechsel, mit Tränen in den Augen

Kapitel 12 Wir schaffen es gemeinsam

Kapitel 13 Unglaubliche klimatische Bedingungen, aber gute Freunde stehen uns bei

Kapitel 14 Was ist denn in der Heimat los?

Kapitel 15 Die Wende! Allein gelassen?

Kapitel 16 Eine Reise mit Hindernissen

Kapitel 17 Mit 48 Jahren nicht mehr gebraucht?

Kapitel 18 Neue Wege

Kapitel 19 Wir fallen auf einen Lügner rein

Kapitel 20 Sie stirbt

Kapitel 21 Ich gebe nicht auf

Kapitel 22 Der Neubeginn

Kapitel 23 Mein Ruhestand

Kapitel 24 Mein Patentöchterchen

Kapitel 25 Die Antwort

Kapitel 26 Nachbetrachtungen

Impressum neobooks

Kapitel 1 Prolog

 Immer wieder beschäftigt mich die Frage, was sind eigentlich Depressionen, wie machen sie sich in der Praxis bemerkbar. Eine Antwort suchend, beobachte ich mich, versuche ständig mein Leben, mein tägliches Denken und Handeln zu reflektieren, habe ich vielleicht Depressionen? Auf eine Antwort warte ich bislang vergebens.

Ich scheine mich im Kreis zu drehen. Warum enden diese Gedanken denn nicht? Bin ich etwa krank, habe ich unter Umständen versagt oder lasse ich mich gehen? Warum nur finde ich einfach keine Antwort.

Warum fühle ich mich so einsam, so unverstanden, von allen guten Geistern verlassen? Auch auf diese Fragen finde ich keine Antwort.

 Vielleicht wurde ich gerade von denen verlassen, für die ich gelebt und gesorgt habe, von Menschen, denen ich mit all meiner Kraft beigestanden habe wenn sie Hilfe brauchten, mich darum baten? Ich versuchte alles zu geben. Nun fehlt mir die Kraft, ist denn jemand für mich da?

War ich zu gutgläubig, habe nur das Positive in den Menschen, mit denen ich zu tun hatte, gesehen? Habe ich eventuell vergessen eigene Wünsche und Forderungen zu formulieren?

Wurde meine Gutmüdigkeit gar ausgenutzt? Dabei habe ich gern gegeben, vielleicht zu viel?

Fragen über Fragen, aber wer soll sie mir beantworten können? Ich fürchte, in diesem Punkt bin ich an allererster Stelle selber gefragt.

Werde ich es also schaffen mir diese Fragen selbst zu beantworten?

Kapitel 2 Meine Kindheit

Der Schrei meiner Tante, „nehmt die Kinder vom Fenster“, hat mich mein ganzes Leben lang begleitet.

1948, ich etwa 4 Jahre alt, beobachtete ich mit meiner Cousine aus dem Fenster, wie eine große Maschine von unserem Hof auf einem Tieflader abtransportiert wurde.

Unser Opa, später mein bester Freund und Vertrauter, lief neben diesem Transport her, als die Maschine plötzlich ins Rutschen kommt und unseren Opa begräbt. Er überlebte, wurde jedoch so schwer verletzt, dass die Ärzte beide Beine amputieren wollten.

Mein Opa war ein Kämpfer dem nie der Humor ausging, immer zuversichtlich und gutgläubig anderen gegenüber.

Ich frage mich, ist alles im Leben vorbestimmt? Der einzige Arzt, der die geplante Amputation in diesem Krankenhaus hätte durchführen können, wurde einen Tag vor der geplanten Operation von der Russischen Militärpolizei verhaftet.

Etwa 3 bis 4 Tage später trat ein anderer Arzt seinen Dienst in diesem Krankenhaus an. Dieser äußerte sich während seiner ersten Visite sinngemäß, „wir warten noch ab, es hat ein Heilungsprozess begonnen, vielleicht können wir die Beine retten, amputieren können wir ja immer noch“.

Weitere Tage vergingen, die Wunden infizierten sich, vereiterten total, sodass lebende Maden angelegt wurden. Diese Maden fraßen den Eiter und das absterbende Gewebe. Der Heilungsprozess entwickelte sich zur Freude aller bestens und nach etwa einem Jahr konnte der Opa das Krankenhaus verlassen.

Anfangs konnte er sich nur mittels eines Rollstuhls fortbewegen. Nach Monaten war es ihm dann zum ersten Mal wieder möglich, allein mit zwei Gehilfen auf den Beinen zu gehen. Über drei weitere Jahre dauerte es noch, bis er das Laufen vollständig wiedererlernt konnte.

Er gab niemals auf, trat der Zukunft stets optimistisch entgegen und bezeichnete die Vergangenheit als Geschichte, aus der man nur lernen konnte.

Eine seiner Weisheiten, „Junge lass die Vergangenheit hinter Dir, lerne aus den Fehlern, lebe im Heute und schaue in die Zukunft“.

Eine weitere Weisheit, „Junge wenn Du den Menschen Gutes tust, bekommst Du es hundertmal zurück! Tust Du ihnen Schlechtes an, bekommst Du es tausendmal zurück“.

Wenn ich das jedoch aus heutiger Sicht betrachte, muss ich mich fragen-Hatte der Großvater recht mit dieser zweiten Weisheit? Was bloß habe ich in meinem Leben falsch gemacht, wem habe ich Schlechtes angetan, dass ich mich heute so einsam und verlassen fühlen muss?

Bin ich denn überhaupt einsam und verlassen oder bilde ich es mir nur ein? Hatte sich in den vergangenen Jahren die Menschheit in ihrem Denken, Handeln und Fühlen, in ihrem Wesen so sehrverschlechtert, ist da möglich?

Trotz des schweren Neubeginns nach dem Krieg kann ich heute sagen, wir hatten eine sehr schöne Kindheit!

Es heißt, dass man nur an das Gute denkt und schlechte Erlebnisse verdrängt. Wir sind auch ohne Gameboy, Handy, PC und allem was den heutigen Kindern und Jugendlichen als wichtig und lebensnotwendig erscheint erwachsen geworden. Erwachsene, die mit beiden Beinen im Leben stehen und ihre täglichen Aufgaben für das Wohl ihrer Familie mit Hingabe erfüllen.

Zugegeben, eine „Leuchte“ in der Schule war ich nicht. Erschwerend kam noch hinzu, dass meine Mutter plötzlich mit 39Jahren verstarb. Ich wurde nun Vollwaise. Mein Vater warin meinem Geburtsjahr 1944 im Krieg gefallen.

Was sollte nun also werden? Auch hier war der Opa meine Rettung, denn er brachte mir bei zu kämpfen, komme was wolle!

Trotz meiner Faulheit und dem daraus resultierenden mittelmäßigen Schulabschluss, konnte ich eine Berufsausbildung bei derDeutschen Reichsbahn in der DDR beginnen.

Meine Familie war sehr gläubig. Zweifel an allem Religiösen kamen in mir auf und ich frage mich: „Warum hat dieser Gott, zu dem jeden Tag in unserer Familie gebetet wird, der vor jedem Essen im Gebet an unseren Tisch als Gast eingeladen wird, seine Hände nicht schützend über meine Familie gehalten?

Ein Gedanke keimte in mir auf. Den Vater hast Du verloren, die Mutter wird Dir auch noch genommen! Gibt es diesen Gott überhaupt? Warum hat er zugelassen, dass ein Krieg so viel Elend über die Menschheit bringt“?

Mein Schwager und meine sechs Jahre ältere Schwester übernahmen nach dem Tod meiner Mutter die Vormundschaft für mich.

Wir kamen ganz prima miteinander aus, doch mein Großvater wurde in dieser Zeit zurwichtigsten Person in meinem weiteren Leben.

Unser Opa, 1890 geboren, hatte den ersten Weltkrieg schwer verwundet überlebt und war während des zweiten Weltkrieges in der Rüstungsindustrie tätig. Nach dem Krieg, uneigennützig und unter schweren Bedingungen für das Wohl der Familie sorgend, wurde er ein Vorbild für mich, ein Ansprechpartner in allen Lebenslagen und zu allen Lebensfragen. Ich sah ihn mehr als einen Freund, nicht als Opa oder Großvater.

In den 50iger Jahren fehlte es den Menschen an vitaminreicher Kost, wobei wir die Möglichkeit hatten zwei Kleingärten zu bewirtschaften. Obst und Gemüse wurde angebaut. Karnickel, Hühnerund Gänse, sogar Schafe und eine Ziege, die unsMilch gaben, wurden gehalten.

Meine Mutter sponn aus der Wolle unserer Schafe Garn, aus dem die Oma Strümpfe, Mützen, Strickjacken, Handschuhe und allerhand Anderes (Zeug) strickte.

Wir hatten Federbetten, gefüllt mit den Federn unserer Gänse, hatten Fleisch und Eier zu essen, mussten nicht hungern und im Winter auch nicht frieren.

Dennoch ließ sich unsere Tante, eine der Schwestern meiner Mutter, eines nicht nehmen. Sie schickte uns aus Hamburg regelmäßig Pakete, in denen unter anderem Lebertran war.

Auf diese „Geschenke“ konnte ich mich nie freuen. Lebertran war nämlich eines der Hauptgeschenke, den wir regelmäßig einnehmen mussten. Angeblich weil erso gesund sei und wichtig für unsere körperliche Entwicklung. Erwar das Allerletzte was ich jemals zu mir genommen habe, oder mit Zwang zu mir nehmen musste.

Noch heute erinnere ich mich sehr genau welchesGefühl in mir aufkam, wenn ich von meiner Mutter oder der Oma einen Löffel mit diesem schlierigen, tranigen Zeug zwischen die Zähne geschoben bekam.

Ausnahmslos musste ich mich übergeben, noch bevor auch nur ein Tropfen dieses ekligen Zeugs meine Speiseröhre erreichte. Es gab kein Pardon dieser beiden Damen.

Der Opa aber, ich vergesse es ihm nie, stand mir bei, erkannte die Situation und mein Leiden. Er setzte diesen Qualen folgendermaßen ein Ende:

Meine Mutter und die Oma konnten nicht damit umgehen wenn ich mich übergab.

Ich bin mir heute ziemlich sicher, sie mussten sich wohl sehr zusammenreißen um nicht mit mir gemeinsam ihren Mageninhalt ans Tageslicht zu bringen.

Mein Opa sah darin die Chance dem ein Ende zu setzen, denn er hatte keine Probleme mit von mir „Erbrochenem“ umzugehen.

Er übernahm die „Kontrolle“ bei der Einnahme dieses so „wichtigen Saftes“ und siehe da, der Junge wuchs heran und war gesund. Dem Opa machte es nichts aus Lebertran einzunehmen, auch er war gesund. Alles hatte also ein gutes Ende genommen, dank des Opas. Ich habe es ihm nie vergessen!

Immer dann, wenn ich nach Meinung meiner Mutter und der Oma Dummheiten gemacht hatte, und das kam schon mal vor, wie zum Beispiel beim Rauchen erwischt zu werden, mal eine Stunde in der Schule gebummelt zu haben, oder mal eine schlechte Note zu bekommen, war der Opa mein erster Ansprechpartner, meine Vertrauensperson, der dann all diese „leidigen“ Angelegenheiten wieder ins rechte Licht rückte, wodurch ich meine Ruhe und Zufriedenheit hatte!

Allerdings, habe ich noch heute die Worte meiner Mutter und der Oma im Ohr: „Junge, was soll denn nur mal aus dir werden“?

Die Frage beschäftigt mich heute in letzter Zeit sehr häufig, was ist aus mir geworden?

Dabei habe ich immer wieder die Worte des Opas im Gedächtnis „ Junge, wenn du Menschen Gutes tust bekommst du es hundertmal zurück, tust du Ihnen Schlechtes an bekommst Du es tausendmal zurück“!

Auf ihn, mit seinem langen Leben, traf das durchaus zu. Er dachte sozial, war sehr hilfsbereit und gab das Letzte, wenn jemand in Not war. Er opferte sichfür andere Menschen auf, ohne dabei an sich zu denken, ohne sich finanzielle Vorteile zu erhoffen, er war ein Samariter.

Somit hatte er ein begnadetes Leben hinter sich und ist schlussendlich mit 89 Jahren friedlich eingeschlafen. Die Handkonnte ich ihm dabei nicht halten, es macht mich heute noch traurig!

Ich hatte einen Freund verloren, einen Menschen der das aus mir gemacht hat was ich heute bin.

Bin ich dem gerecht geworden? Tja, es ist nicht immer leicht sich selbst einzuschätzen, ich will zumindest hoffen, dass es so ist.

Jeder Mensch bildet sich eine eigene Meinung über andere Menschenmit denen er zu tun hat, die in seinem Leben stehen oder seine Wege kreuzen.

Kapitel 3 Lokführer, mein Traumberuf

 Die Schul- und Lehrzeit habe ich nach meinem mehr oder minder guten Schulabschlussgut überstanden und die Qualifizierung zum Lokführer bestanden. Das war damals der Wunsch eines jeden Jungen. Nun begann im eigentlichen Sinn der Ernst des Lebens. Meine Zeit als Lockführer begann.

Mit 19 Jahren habe ich geheiratet. Wir kannten das Leben noch nicht, hatten keinerlei Erfahrungen und wenn ich mich heute frage ob es aus Liebe war, so weiß ich es doch nicht. Ich wusste aber um ihre Schwangerschaft.

Unser erstes gemeinsames Kind, eine Tochter, wurde 1963 geboren. Zwei Jahre später, 1965, folgte ihr unser erster Sohn und im darauffolgendem Jahr unser Zweiter.

Viele Freunde und Bekannte, Kollegen, Schwiegereltern, Schwester und Schwager und auch der Opa fragten, weshalb wir in so kurzer Zeit drei Kinder in die Welt gesetzt haben. Nun ja, die Pille gab es noch nicht und mit den anderenVerhütungsmitteln standen wir beide auf dem Kriegsfuß.

Es war für uns in jedem Fall eine schwere Zeit, doch deswegen nicht minder schön. Ich war selbst noch in der Ausbildung zum Lokführer. Kindergarten- und Kinderkrippenplätze waren damals kein Problem. Sie arbeitete halbtags in ihrem Beruf als Eisenbahnerin.

DasGeld im Haushalt war mehr als knapp, sodass wir uns beide gut überlegen mussten, wie von einem Monat zum Nächsten mit den drei Kindern über die Runden zu kommen war. Die Großeltern standen uns bei, kochten für uns Obst und Gemüse ein damit wir auch an Tagen, an denen das Essen knapp war, etwas Genießbares im Haus hatten. Es kam nämlich auch vor, dass kurz vorm Zahltag das Geld für die nötigsten Lebensmittel fehlte, und wir gezwungen waren uns an die Familie zu wenden: „Oma, borgst du uns 20 Mark“, waren solche Sätze die man zur eigenen Qual stellen musste. Sie borgte und wenn wir es dann Tage später zurückgeben wollten sagte sie sehr oft: „Ach Junge, gib mir nur 10 Mark zurück“.

Und das, obwohl sie nur eine kleine Rente hatten. Der Opa erhielt in den 60iger Jahren um die 290 Mark Rente, wie ich mich erinnere.

Oma bekam gar keine Rente, da sie nicht freiwillig geklebt hatte.

Wie bestritten die Großeltern nun selbst ihr Auskommen? Dazu sei zunächst gesagt sie wohnten auf einem Bauernhof, das war ihr Glück. Oma half bei der Ernte, kochte für alle injedem Jahr Rübensirup, Pflaumen- und Apfelmus, konservierte alles und stand zuletzt auch stets der Bäuerin zur Seite, wenn diese Hilfe benötigte. Sie wohnten dort mietfrei, bekamen täglich die Tageszeitung und mussten nicht einmal Strom oder Wasser bezahlen.

Nur aufgrund dieser Umstände war es möglich, dass sie uns auch finanziell beistehen konnten, wenn wir es am dringendsten brauchten. Eine Tatsache ist aber auch, dass wir diese Gutmütigkeit nie zu unserem Vorteil ausnutzten! Wir bestritten doch weitgehend selbst unseren Lebensunterhalt und hatten eine sehr schöne Zeit. Meine Kinder bestätigen es mir noch heute.

Im Jahre 1968konnte ich die Prüfung zum Dampflokführer mit Erfolg ablegen. Schon nach sehr kurzer Zeit, ich war für etwa drei Monate tätig auf einer Rangierlok, bekam ich überraschend schnell eine Planstelle im Güterzugdienst.

Mein Wunsch mich zu beweisen war in Erfüllung gegangen, schneller als ich es mir jemals hätte träumen lassen. Ein neuer Hoffnungsschimmer am Horizont. Nun begann für mich eine Zeitneuer Herausforderungen.

Jeden Tag galt es sich zu beweisen und zu engagieren, pünktlich zu sein, gewissenhaft, unfall- und zuglaufstörungsfrei zu arbeiten und tausende Tonnen Güter zu ihren Empfangsbahnhöfen zu befördern.

Meine Frau arbeitete noch immer stundenweise als Abfertigungsbeschäftigte im Reise-und Güterverkehr bei der Deutschen Reichsbahn auf einem kleinen Bahnhof in der Nähe von Torgau. Ihr Chef machte es trotz unseres Schichtendienstes möglich, dass immer einer von uns beiden zu Hause bei den Kindern war.

Die damals schlechte Arbeitskräftelage, sowie das hohe Transportaufkommen machten es notwendig, dass das Lokpersonal an Ruhetagen durch Ableistung von Überstunden die anfallenden Transportleistungen erfüllte.

Kranken- und Urlaubsvertretungen und die Beförderung zusätzlich anfallender Sonderleistungen waren an der Tagesordnung.

Mein Dienstplan, nach dem ich viele Jahre tätig war sah vor, dass zwei Tage von 6.00 Uhr bis 18.00 Uhr zu arbeiten war. Zwei Tage Dienstfrei verblieben, zwei Tage von 18.00 Uhr bis morgens 6.00 Uhr zur Arbeit riefen und dann wiederum zwei Tage dienstfrei waren.

So war es mir möglich an mehreren Ruhetagen im Monat Sonderdienste oder Vertretungen zu übernehmen, die als Überstunden vergütet wurden.

Jeden Monat leistete ich, je nach Notwendigkeit, etwa 80 bis 110 Überstunden. Dadurch bekam ich einen Lohn, der gegenüber demder anderenArbeitnehmer in der Industrie und Verwaltung überdurchschnittlich hoch war. Wir konnten uns relativ viel leisten. Wir kauften z.B. ein Motorrad mit Beiwagen. Damit hatten wir viele gemeinsame Tourenmit unseren Kindern unternommen. Neben all der vielen Arbeiten und Pflichten schafften wir uns somit die Möglichkeit, viele Stunden unserer gemeinsamen Freizeit zu verbringen. Noch heute denke ich sehr oft und gern an diese Zeit zurück.

Da die Kinder noch nicht im schulpflichtigen Alter waren und ich in den Sommermonaten keinen Jahresurlaub nahm, hatten wir die Möglichkeit gemeinsam über Weihnachten und den Jahreswechseln in den Urlaub zu fahren. Sehr oft wurden wir von anderen Urlaubern angesprochen und bewundert, angesichts der Tatsache, dass wir als eine fünfköpfige Familie in der Lage waren gemeinsame Urlaubsreisen zu unternehmen. Auch als die Tochter schulpflichtig geworden war, so wie später unsere beiden Söhne, unternahmen wir viele gemeinsameUrlaubsreisen.

Etwa in den Jahren 1972/73 kauften wir unser erstes Auto.

Der Neid unserer Kollegen blieb uns nicht verborgen, denn nur wenige hatten selbst das aufbauen können, was uns so schnell geglückt war. Aber das störte unser glückliches Beisammensein nicht weiter.

Die Welt war für uns in Ordnung- wir waren zufrieden!

Ich selbst hatte in dieser Zeit auch Sonderdienste für fehlende Lokheizer übernommen, scheute keine Arbeit!

Einmal wurde mir ein Lokführer als Heizer zugeteilt, bei dem ich etwa zwei Jahre, planmäßig, als Lokheizer gefahren war. Eigentlich ein netter Kollege, von dem ich, während meiner Ausbildung viel gelernt habe. Seine Art Züge abzubremsen, habe ich mir aber nicht angeeignet. Er hatte nicht das Gefühl zu spüren, wie bei einem eingeleiteten Bremsvorgang der jeweilige Zug reagierte. Züge mit niedrigen Bremsprozenten bremsten oftmals besser, als Züge mit hohen Bremsprozenten. Daswar vom jeweiligen Klima und der Feuchtigkeit auf den Schienen abhängig. Es kam sehr oft vor, wenn wiran einem „Halt“ anzeigenden Signal anhalten mussten, dasser den

Zug „abwürgte“, und weit vor dem Signal zum Stillstand brachte. Auf der freien Strecke war das kein Problem. Passierte das aber in einem Bahnhof, kam mitunter der Zug-Lauf durcheinander, da der letzte Teil des Zuges die Ausfahrt- bzw. Einfahrtweichen blockierte. Die Bremsen mussten erst gelöst werden, was mehrere Minuten dauerten konnte.

Dann wurde der Zug wieder in Bewegung gesetzt, um die betroffenen Weichen „frei“ zu fahren. Es kam auch vor, dass er Züge beim Abbremsen trennte, was dann zu erheblichen Zuglaufstörungen führte.

Schon während meiner Probefahrten als Lokführeranwärter erkannte ich, dass ich nursitzend, an eine Rückenlehne angelehnt, das Gefühl bekam, wie der jeweilige Zug auf meine eingeleitetenBremsvorgänge reagierte. Während meiner gesamten Lokführertätigkeit brachte ich die Züge an den Stellen zum „halten“, wo es notwendig und von mir für richtig empfunden wurde. Im Po und am Rücken spürte ich, in welcher der Bremsstufen ein Zug abzubremsen ist.

Bei Dienstbeginn, das war so üblich, fragte ich ihn: „was meinst du, „schippst“ du die Hinfahrt und ich die Rückfahrt, oder umgekehrt“. Seine kurze und patzige Antwort hatte ich so nicht erwartet.

„Ich bin als Heizer bei dir eingeteilt, also fahre ich als Heizer“. „Du Wolkenkratzerhoher Idiot“, dachte ich. Das Arbeitsklima konnte ich in diesem Moment nur als „Eisig“ bezeichnen und ich überlegte, wie ich ihm einen Denkzettel vom „Feinsten“, verpassen könnte. Seine „Bremskünste“ kamen mir in den Sinn. Den Zug hatten wir von Riesa nach Wittenberg zu befördern. Schon vor dem Bahnhof Röderau musste ich eine Bremsung einleiten, da wir verzögert „Durchfahrt“ bekamen. Ich hatte also schon wahrnehmen können, wie der Zug bei einer Abbremsung reagiert. Dann hatten wir „Freie Fahrt“ bis zum Bahnhof Falkenberg/Elster. Das Vorsignal zum Einfahrsignal stand auf „Halt zu erwarten“. Wie vorgeschrieben riefen wir uns diese Signalstellung zu. Ich schloss den „Regler“ der Zug rollte dann nur und die Geschwindigkeit verringerte sich von selbst. Unmittelbar am Vorsignal hätte ich einen Bremsvorgang einleiten müssen. Ich tat es aber bewusst nicht, denn ich hatte diesen „fiesen“ Plan. Er, ganz plötzlich wie „angestochen“ schrie zu mir herüber:

„Halt, Halt, Halt, schläfst du“?Ich reagierte darauf nicht, genau so als hätte ich es nicht gehört. Dann leitete ich aber die Bremsung ein, zwar sehr verzögert und ich hoffte, mein Schutzengel ist bei mir! Das Signal kam immer näher, der Zug bremste ab und etwa zwei bis drei Meter vor dem noch immer „Halt“ zeigenden Signal kamen wir, „Schutzengel hab Dank“, zum Stehen.

Er sprang wie ein „Angestochenes Rumpelstilzchen“ auf dem Führerstand hin und her. Er schrie mich an, sinngemäß: „Ich will doch nicht wegen dir Vollidioten meine Lizenz als Lokführer verlieren“.

Klar, auch er als Lokführer wäre zur Verantwortung gezogen worden, hätten wir dieses, auf „Halt“ stehendeSignal „Überfahren“.

Ich sah ihm fest in die Augen und sagte: „Na bleib doch mal bitte auf dem Teppich, ich bremse immer so!“

Er fühlte sich immer wie ein King, Arrogant und Überheblich!

Hatte ich ihm eine Lehre verpasst?

Ihm hatte es wahrscheinlich die Sprache verschlagen, denn im weiteren Verlauf der Schicht wechselten wir nur noch die nötigsten Worte. Gefahren sind wir nie wieder gemeinsam und auch im Betrieb gingen wir uns aus dem Weg.

An eine weitere Begebenheit erinnere ich mich noch heute, habe sie im Traum vor Jahren noch einmal durchlebt und denke sehr oft daran zurück. Noch immer bekomme ichdabei eine Gänsehaut, wenn sie mir in der Erinnerung erscheint. Dann sehe ich erschreckende Bilder vor mir.

Einmal wöchentlich hatte unsere Dienststelle einen Sonderzug von Falkenberg/Elster nach Cottbus zu befördern. Diese Züge waren zusammen gestellt mit französischen Talbootwagen. Wenn man diesen Zug bis zur gewünschten Geschwindigkeit hatte, lief er leicht wie Reisezüge.

Er fuhr in der Kategorie„Schwerlastzug“. Diese Züge wurden besonders behandelt und fuhren in der Regel nach Sonderfahrplänen. Das hatte den Sinn

diese Züge vom Abgangs- bis zum Zielbahnhof nonstop durchfahren zu lassen. Er war mit Schotter beladen, der von Colmen-Böhlitz nach Berlin-Westhafen befördert wurde.Ich war für diesen Zug eingeteilt.

Noch während der Bremsprobe, am Abgangsbahnhof Falkenberg/Elster, nahm ich wahr, dass die Doppelkammerluftpumpe der Lok zu quietschen begann. Ein sicheres Zeichen dafür, dass eine Öl-Sperrean der Luftpumpe defekt war, was zum Ausfall der Luftpumpe, und somit schwerwiegende Folgen nach sich gezogen hätte. Ich stellte die Luftpumpe ab,begab mich auf den Umlauf der Lok und wechselte diese defekte Öl-Sperre. Ich war noch nicht ganz mit der Arbeit fertig, da wurden mir von den Wagenmeistern die Bremsen des Zuges als „In Ordnung“ gemeldet. Unmittelbar darauf bekamen wir das Signal: „Ausfahrt mit K-Scheibe.“ Es bedeutete, „Die kürzest möglicheFahrzeit ist anzustreben“, da nach uns, laut Fahrplan, ein Reisezugfahren sollte.

Unser Zug hatte eine Eigenlast von ca. 1800 Tonnen. Ich setzte ihnschnell, mit weitausgelegter Steuerung und der Ausnutzung aller Kräfte dieser Lok, in Bewegung. Wir erreichten schnell die zulässige Höchstgeschwindigkeit von etwa 80Km/h.

Alle Signale standen auf „Durchfahrt“, bis wir uns dem „Calauer Berg“ näherten. Bahnhof Collmnitz„Durchfahrt,“ Blockstelle Cabel „Durchfahrt.“

Ab dem Bahnhof Collmnitz beginnt ein Gefälle von etwa 6/7% bis zum Bahnhof Calau. Das Vorsignal zum Einfahrsignal in Calau zeigte „Halt“. Ich griff zum Führerbremsventil und wollte die Geschwindigkeit verringern. Es bewegte sich ohne Gegendruck, ganz leicht. Das war für mich ein sicheres Zeichen, dass für diesen Zug keine Bremswirkung zu erzielen war. Die Katastrophe schien nahezu unabwendbar, sollten wirkeine „Durchfahrt“, durchden sich nähernden Bahnhof Calau, bekommen.

Die Angst vor einer möglichen Katastrophe ließen mich fast erstarren.Ich schaute zu den Armaturen der Bremsanlage, erkannte dass in der Bremsleitung des Zuges keine Luft war und das Manometer des Hauptluftbehälters auch „Null “anzeigte.

Ich hatte nach dem Wechsel der defekten Öl-Sperre in Falkenberg/Elster versäumt die Luftpumpe wieder anzustellen.

Auf Grund der Dichtheit der Bremsleitungen und der Bremsapparate dieses Neubautrains entwich die Luft so langsam, dass ein Druckausgleich immer gegeben war und die Bremsen daher nicht von selbstanlegten. Der Zug wurde immer schneller und er zog eine große Staubfahne von diesem Schotter hinter sich her. Ich stellte die Luftpumpe wieder an. Mir war aber bewusst, dass es etwa 8 bis 10Minuten dauert, bis der Hauptluftbehälter der Lok und die Bremsleitung des Zuges gefüllt sind. Erst dann wäre eineAbbremsung des Zuges wiedermöglich.

Nach der Durchfahrt einer Brücke in einer Rechtskurve, wurde das Vorsignal zum Einfahrsignal vom Bahnhof Calau sichtbar. Der Vorsignalabstand, auf Grund des Gefälles der Strecke, 1000 Meter vor dem Einfahrsignal, nützte mir in dieser Situation nichts, denn ich hatte ja keine Möglichkeit überhaupt eine Bremswirkung zu bekommen. Immer noch „Halt“, das Unheil bahnte sich immer mehr an, ich, mit beiden Händen auf die Signalpfeife der Lok, das Einfahrsignal kamimmer näher.

Plötzlich zeigte das Vorsignal zum Ausfahrsignal„Frei“ und wenn ich mich heute richtig erinnere- unmittelbar vor der Vorbeifahrt am Einfahrsignal, ging dieses Signal auf die Stellung “Einfahrt“! Mein Heizer und ich sahen unsan.Wir waren nicht in der Lage auch nur ein einziges Wort zu sprechen.

Der Zug hatte inzwischen, auf Grund des Gefälles der Strecke, eine Geschwindigkeit von etwa 100 bis 110Km/herreicht.

Die Loks der Baureihe 52-Reko hatten eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80Km/h. Immer und immer schneller drehten sich die kleinen Räder. Eine unbeschreibliche Angst kam in mir auf, dass uns die Treib-und Kuppelstangen jeden Moment um die Ohren fliegen. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Calaunahm ich ein plötzliches Schlagen und Rasseln wahr. Die Tachowelle und unmittelbar danach die beiden Antriebsstangen der Ölpresse auf dem Führerstand hatten diese Belastung nicht ausgehalten und verabschiedeten sich lautstark. Unser Zughinterließ eine Staubfahne,wir passieren den Bahnhof Calau.

Ich sehe noch heute die Gesichter des Fahrdienstleiters und einiger anderer Personen, mit Schockgeweiteten Augen und offenstehenden Mündern vor mir, wie sie an den Fenstern des Befehlsstellwerkes ungläubig standen.

Dankbar sein muss ich ihnen dafür, dass sie keine Meldekarte über diesen Vorgang geschrieben haben. Ich wäre dann verpflichtet gewesen über die Umstände dieser Fahrt auszusagen. Disziplinarische Maßnahmen wären gegen micheingeleitet worden.

Hätte in diesen Minuten eine „Querfahrt“ durch den Bahnhof Calaustattgefunden- eine für mich, heute, unvorstellbare Katastrophe. Dieses Schuldgefühl verfolgt mich noch heute in meinen Träumen.

Hatte ich einen Schutzengel? Es muss wohl so sein! Bis in die heutige Zeit erlebte ich Situationen im Straßenverkehr mit dem Auto, sowie auch mit meinem Motorrad, die hätten den sicheren Tot bringen können. Mein Schutzengel stand mir zur Seite.

Meiner Meinung nach ist alles im Leben vorbestimmt. Ich war noch nicht dran, also ist meine Aufgabe hier „unten“ scheinbar noch nicht erfüllt.

An zwei Begebenheiten erinnere ich mich ganz besonderes gern.

Meine Großeltern wohnten etwa 3Kilometer entfernt vom Bahnhof Doberschütz. Einmal fragte mich mein Opa, ob wir denn auch dort zu tun hätten. Laut Fahrplan hatten wir einen Zwischenaufenthalt von etwa 30Minuten auf diesem Bahnhof an zwei Tagen in der Woche.

Wir einigten uns auf einen Tag, an dem er mit seinem Behindertenfahrzeug nach Doberschütz kommen würde. Er wollte mich mit meiner Lok sehen.

Gesagt getan! Planmäßig fuhren wir abzweigend ein, ich sicherte den Zug und ging die etwa 60 bis 80 Meter in Richtung des Bahnhofgebäudes. Zu meiner Freude war der Opa da. Er wartete hinter einem Zaun auf uf mich.

Der Bahnhofsvorsteher, der an diesem Tag Dienst als Aufsichtsperson hatte, fragte mich: „Werdenn dieser Mann ist und ob ich ihn kenne, da wir unswie Freunde begrüßt hatten.“

Er stand schon fast zwei Stunde da und beobachtet den Zugverkehr. Ich klärte ihn auf. Er öffnete den Zugang zum Bahnsteig und mein Opa wechselte seinen „Beobachtungsposten“. Kurz vor der geplanten Abfahrtszeit verabschiedeten wir uns und ichgingzu meinem Zug. Abzweigend Ausfahrt! Mit weit geöffnetem Reglersetzte ich den Zug in Bewegung. In Schrittgeschwindigkeit näherten wir uns dem Bahnsteig. Ich sah ihn von weiten mit beiden Armen winken. Als wir an ihm vorbei fuhren,mein Heizer stand auf meiner Seite in der geöffneten Tür, sahen wir einen Mann, freudestrahlend, mit weit geöffneten Mund, uns etwas zurufend. Wir konnten es nicht verstehen, denn der ohrenbetäubende Lärm, den eine Dampflok beim Anfahren eines schweren Zuges verursacht, schluckte seine Worte. Er war glücklich wie ein kleines Kind. Uns traten beiden schlagartig Tränen in die Augen. Mein Heizer wusste über unser Verhältnis. Wir schämten uns nicht unserer Tränen, denn wir hatten einen Menschensehr glücklich gemacht! Einen Menschen, der mir sehr viel gegeben hatte!

Ein weiteres bewegendes Erlebnis mit ihm hatteich einigeJahre später.

Die Oma war mit 78Jahren verstorben. Der Opa bekam einen Platz in einem Altenheim in Eilenburg. Er hatte sich strikt geweigert zu seinem Sohn oder seiner Enkelin, meiner Schwester, zu ziehen. Er wollte, wie er es ausdrückte, keinem zur Last zu fallen. Ich besuchte ihn ein-zweimal im Monat in Eilenburg. Eines Tages sagte er zu mir: „ na mein Junge, du kommst immer in Zivil, obwohl dudoch eine schöne Uniform hast. Warumziehst du sie denn nicht an?“

Ich sagte ihm: “Ach Opa, die ziehe ich doch nur an wenn es vorgeschrieben ist. Zu Betriebsveranstaltungen, Dienstunterrichten, Schulungen und zu Feierstunden!“ „Aha, war seine Reaktion.“

Ich spürte aber, dass ich ihm eine Freude bereiten würde, wenn ich beim nächsten Besuch die Uniform anziehe. Inzwischen war ich zum Reichsbahnhauptsekretär befördert worden, mit nunvier Sternen auf den Schulterstücken. Na gut, dass äußere Bild seines Enkels stellte schon etwas dar.

Ich fuhr also zum nächsten Besuch in vollständiger Dienstkleidung, behangen mit allen Orden und Ehrenzeichen und ahnte nicht im Geringsten welche Freude ich damit meinem „Alten Herren“ bereiten würde. In seinem Zimmer angekommen sah ich meinen Opa an, wie stolz er doch war mich so zu sehen. Er schaffte es sogar ohne seine Gehilfen aufzustehen, um mich zu umarmen.

Wir bestellten uns Kaffee und Kuchen, gingen danach auf den kleinen Balkon und rauchten eine Zigarette gemeinsam. Wir beide waren glücklich und zufrieden. Er rauchte übrigens bis kurz vor seinem Tod, mit knapp 89 Jahren.

Plötzlich sagt er: „komm mein Junge, ich zeige dir mal unser Heim.“ Was wollte er mir zeigen? Lange Gänge, an deren Wänden die Schränke der Heimbewohner standen. Türen, die zu den Zimmern der Heiminsassen führten, verschlossene Türen, durch die man dieRäume der Hausverwaltung oder die Wirtschaftsräume betrat? Für mich doch völlig uninteressant! Ich hattenicht erwartet was nun auf uns zukam. Inzwischen hatte es sich rumgesprochen, „der Paul hat Besuch von einem jungen Mann, in einer schicken Uniform.“

Wir betraten beide den Gang. Er nur, zu meiner Verwunderung, eine Gehilfe am rechten Arm. Was uns da erwartete, ich kann es schlecht beschreiben. Bedeutend mehr Heimbewohner bewegten sich auf dem Flur, als esüblich war, bei meinen vorherigen Besuchen. Leute standen zu einem Schwätzchen in kleinen Gruppen oder gingen „spazieren“. Mein Opa bestimmte die Richtung und uns beiden wurde „Die Parade“ abgenommen.“ Es fehlten nur noch die „Klänge“ eines Militärmarsches. Den Flur hoch, den Flur runter. Er schaffte es sogar zu meinem Erstaunen, mit nur einer Gehilfe über eine breite Treppein die untere Etage zu gelangen. Die Show ging weiter und Opa war der glücklichste Mensch an diesem Tag, in diesem Altenheim! Ich hatte ihm ungeplant,für mich völlig unbewusst, eine Freude bereitet. Gab ihm einen geringen Teil zurück von dem, was er mir in seinem Leben gegeben hatte. Während wir uns dann späterverabschiedeten erkannte ich das durch seine Worte: „Mein Junge, danke, du hast mir einen Traum erfüllt.“ Er hatte bei diesen Worten Tränen in den Augen, wie ich damals auf der Lok, als wir an ihm vorbei fuhren. Es waren Freudentränen und ich glaube, auch er schämte sich nicht dieser Tränen.

Unser Leben änderte sich, als der Traktionswandel bei der Reichsbahn begann.

Wir Dampflokführer wurden umgeschult zum Dieseltriebfahrzeugführer.

Ich legte dazu meine Prüfung im Sommer 1974 ab und fuhr dann allein auf Dieselloks der RussischenBaureihe „V 200“, im Volksmund „Taiga-Trommel“ genannt.Beimänner waren nicht notwendig, da die Dieselloks mit einer Sicherheitsfahrschaltung ausgerüstet waren.

Was war bloß aus meinem Berufswunsch geworden?

Gut, ich war ja trotzdem noch Dampflokführer. Die Arbeit machte mirauch unwahrscheinlich Spaß. Ichwar bei den Kollegen angesehen und mit den Lokheizern bestand ein sehr offenes und kollegiales Verhältnis.

Es war bekannt, dass es früher Lokführer gab, die sich als„Meister“ anreden ließen. Diesichscheinbar auch als solche fühlten und den Lokheizern gegenüber als „Übermenschen“ auftraten. Einem Brigadelokführer unseres Betriebes wurde nachgesagt, dass er bis in die 60iger Jahre einen Kreidestrich in der Mitte des Führerhauses zog,den die Heizer nur nach seiner Aufforderungüberschreiten durften. In meiner Zeit war eine solch abwertende „Zusammenarbeit“ undenkbar.

Wir versuchten uns gegenseitig zu unterstützen, wo es nur möglich war.

Es war auch selbstverständlich, dass wir uns untereinander bei den anfallenden Arbeiten helfen. Ohne weiteres griffen wir mit zur Ölkanne um den Heizern beim ab Ölen der Lok zu helfen. Wir nahmen auch mal die Schippe in die Hand oder reinigten die Rohrkammer und die Feuerbüchse von Flugasche und Schlacke. Man muss bedenken, dass ein Heizer im Güterzugdienstetwa sechs bis acht Tonnen Kohle schippen musste. Kohle, die sehr oft in einem sehr schlechten Qualitätszustand war, indem sie einen hohen Anteil an Schiefer hatte. Man kann sich kaum vorstellen, was für eine Knochenarbeit das war.

In meinem ganzen Berufsleben hatte ich keine Zuglaufstörung wegen Dampfmangel, oder heiß gelaufenen Lagern an den Loks zu verantworten. Selbst als mal ein Wasserstands-Glas während der Fahrt zwischen den Bahnhöfen Mockrehna und Doberschütz in einer Nachtschicht zerplatzte, die Kugelverschlüsse funktionierten nicht und Dampf, sowie Wasserteile aus dem Kessel, dereinen Druck von etwa 16Atmosphären hatte, entwichen. Wir schafften es pünktlich den Zielbahnhof Eilenburg zu erreichen. Dazu muss ich sagen, dass auch auf dieser Strecke ein geringes Gefälle vorhanden war.

Aber glücklicherweisehatte der Fahrdienstleiter vom Bahnhof Doberschütz, während unserer Durchfahrt wahrgenommen, dass wir uns auf dem Umlauf der Lok befanden und hinter uns eine große Dampfwolke herzogen.

Er meldete es den Zugdispatchern, der Blockstelle Eilenburg-Ost und dem Fahrdienstleiter des Bahnhofs Eilenburg.

Alle Signale, die wir passieren mussten, standen auf „Grün“. Um den Zug abzubremsen, wir hatten noch immer bei der Einfahrt in Eilenburg etwa 50Km/h Geschwindigkeit, musste ich zurück ins Führerhaus.

Es gelang mir den Zug etwa 20/30 Meter vor dem Ausfahrsignal zum halten zu bringen. Kurze Zeit später befand ich mich im Kreiskrankenhaus Eilenburg. Ich triefte vor Nässe und hatte starke Verbrühungen am Oberkörper und im Gesicht. War es damals richtig eine Zuglaufstörung und eine längere Sperrung der Strecke, unter diesen Umständen und Gefahren, verhindert zu haben?

Hatte ich wieder einen Schutzengel? Musste ich meine Gesundheit, vielleicht sogar mein Leben riskieren, um andern ihr mögliches Unheil ersparen zu können, war das meine Aufgabe? Auch auf diese Frage habe ich bis heute keine Antwort finden können. So vieles, was ich kaum begreifen kann ist geschehen.

Doch eine Sache ist ganz klar vor mir, jetzt, im Nachhinein, bin ich noch immer stolz auf dass, was ich als Lokführer geleistet habe.

Damals konnte ich es mir nicht vorstellen, wollte es vielleicht auch nicht wahr haben, dass sich mit dem Traktionswandel von Dampf auf Diesel alles, was mich im Berufsleben zufrieden machte, schlagartig verändert hatte.

Dieselkraftstoff tanken, Ölstände messen, sichtbare undichte

Leitungsverbindungen an den Aggregaten erkennen und was weiß ich noch alles für Tätigkeiten, bestimmten nunden Dienstablauf.

Selbstgespräche führen oder singen während der Fahrt, damit man nicht müde wurde, standen ebenfalls an der Tagesordnung. Leider verlor ich nach und nach das Interesse an diesem Beruf. Ichfühlte mich nicht mehr gefordert, nachdem alles Neue nun zum Alltäglichen geworden war. Immer das Gleiche, Fahrtenregler bedienen, die zeit- und wegabhängigen Schalter der Sicherheitsfahrschaltungin bestimmten Zeitabständendrücken, bestimmten nun meinen Dienstablauf während der Fahrt.

Immer mehr kam ich zu der Erkenntnis, dass ich diese Tätigkeit nicht bis zu dem gewünschten Renteneintrittsalter ausführen möchte. 34 JahreBerufstätigkeit hatte ich noch vor mir. Diese Aussicht, mit meiner damaligen Arbeit, lag wie ein grauer Dunst vor mir, den ich nicht betreten wollte. Nach vielenGesprächen mit meiner Frau, unter Abwägung allen Für und Wider, entschlossen wir uns beide, unsere erlernten Berufe aufzugeben und wagten den Einstieg in eine gemeinsame

Kapitel 4 Wir werden Gastwirt, ein guter Entschluss?

Anfang Oktober 1975 bekamen wir die Möglichkeit uns als Gastwirte, im Kabarett „Fettnäppchen“, neu zu orientieren. Meine neuen Vorgesetzten machten mir die Zusage, sich beim zuständigen Wohnungsamt der Stadt zu bemühen, dass unsso schnell wie möglich eine Vierraumwohnung zur Verfügung gestellt wird. Vorerst bekam ich ein Zimmer im betriebseigenen Hotel „Zum Schwarzen Bären.“ Wir hatten wöchentlich zwei Ruhetage. Es waren die Sonntage und Montage. An diesen Tagen fuhr ich nach Torgau zu meiner Familie. Von ihr getrennt zu sein viel mir sehr schwer. Wie sagt man so schön: „Aller Anfang ist schwer“, ein Sprichwort das für mich nun in jeder Hinsicht zutraf.

In meiner Zeit als Lokführer gab es keinen Moment, indem ich die Anwesenheit von Menschen und deren Augen, die auf mir ruhten, scheute. Doch hier nun, das erste Mal vor meinen Gästen stehend, Getränke einschenkend und servieren, ich zitterte am ganzen Körper. Zur Unterstützung meiner neuen Tätigkeit wurde mir ein Kellner des Betriebes vorübergehend zur Seite gestellt. Ich hatte in sehr kurzer Zeit viel von ihm lernen können. Meine neue Arbeit begann mir Freude und Spaß zu machen. Ich fühlte mich wieder glücklich und erfüllt, die Zeit der langen Weile war nun endgültig vorbei!

Überraschender Weise wurde mir etwa Anfang November eine Dreiraum-Neubauwohnung zugewiesen. Beziehungen ermöglichten es. Damals galt noch als Gesetz, „Beziehungen schadennur dem der keine hat.“

Unsere Kinder waren inzwischen zwölf, zehn und neun Jahre alt. Mir gelanges die neue Wohnung mit einem älteren Ehepaar zu tauschen. Somit bekamen wir eine Vierraum-Altbauwohnung, mit einer Wohnfläche von 112qm. Das war zur damaligen Zeit mit einem Lottogewinn zu vergleichen. Das Glück schien auf unserer Seite zu sein. Am 22.Dezember 1975 zogen wirnach Gera. Die Familie war vereint. Ich durfte nun endlich wieder die Anwesenheit meiner Frau und unseren Kindern genießen.

Meine Frau gewöhnte sich schnell an die neue Tätigkeit. Unsere Kinder hatten keine Schwierigkeiten neue Freunde zu finden.

Ein neuer Lebensabschnitt begann für uns alle.

Dringend notwendige Modernisierungsarbeiten in der Wohnung wurden geplant. Kaum dass wir unser Einzugschaos beseitigt hatten, begann das Chaos von neuem, etwa im März 1976.

Eine sogenannte „Feierabendbrigade“ ging von nun an bei uns ein und aus. Vier Handwerker, angestellt bei der SDAG-Wismut Ronneburg, erneuerten komplett die elektrischen Anlage. Drei Türen zwischen dem Elternschlafzimmer, Zimmer der Tochter, dem Zimmer der Söhne und die Zwischentür zum Wohnzimmer, wurden nach meinen Wünschen, auf Kosten der Wohnungsverwaltung, zugemauert. Die Wohnungsverwaltung gab die Aufträge nach unseren Vorstellungen und unsern Wünschen.

Im Nachhinein möchte ich bemerken, all das war in der damaligen Zeit eine enorm große Ausnahme.Das erste Mal, so schien es, konnten wir uns ganz nach eigenen Vorstellungen, verwirklichen

Da die Eintrittskartenim Kabarett „Fettnäppchen“ im Vorverkauf für Gruppen ab sechs Personen auf etwa 2 Jahre ausverkauft waren,öffneten sich alle Türen für uns.Wenn man Anliegen hatte und sich am Telefon mit seinem Namen und dem Zusatz, „Kabarett Fettnäppchen“ meldete, fand man sofort Gehör. Termine für die Durchsicht oder Reparatur des Autos, neue Winterreifen, ein neues Toilettenbecken oder einen Gasherd benötigte, war immer ein „Weg“ drinnen. Wie schon erwähnt, gute Beziehungen waren damals Gold wert und die hatte ich nun.

All unsere Anliegen wurden fast ausnahmslos beraten und erfüllt. Wenn man sich dann einig war, kam aber fast immer so nebenbei, sinngemäß die Bemerkung, „Ach Kabarett „Fettnäppchen“, wissen Sie, wir sind im Kollektiv sechs, acht, zwölf Kolleginnen und Kollegen, haben schon viel von Ihren Vorstellungen gehört, aber man hat ja kaum eine MöglichkeitEintrittskarten zu bekommen.“ Diese oder ähnliche Andeutungen kamen recht häufig und immer musste ich mir ein Schmunzeln verkneifen, wie schnell man doch wichtig wurde für die Gesellschaft.

Ich wusste natürlich, eine Hand wäscht ja bekannter Weise die andere. Vielleicht braucht man sich irgendwannmal wieder, man sitzt ja an der sogenannten „Quelle“ und der Kreis der Quellen wuchs und wuchs.

In dieser Zeit schaffte ich es sogar dasLehrerkollektiv der Schule unserer Kinder, gemeinsam mit ihren Ehepartnern, zu einergeschlossenen Vorstellung ins „Fettnäppchen“ zu „locken“. Sagen muss ich aber, die Lehrerschaft heute möge es mir verzeihen, Lehrer waren oder sind es noch immer, dass schlechteste Publikum überhaupt!

Sie lachten und klatschten sich auf die Schenkelan Stellen des Programms,wo man eigentlich nachdenken sollte undLehrer redeten dazu noch „Schulmeisterlich“ dazwischen.

Eine Tradition war es, dass sich die Besucher nach der Vorstellung im Bar RaumFettbrote schmieren konnten. Bei den Lehrern langte das Brot und das Fett nicht einmal für die Hälfte der 72 Besucher.

Vielleicht dachten die ersten, die diesen „Fettnapf“ nach der Vorstellung erreichten,an die Frühstücksbrote für den nächsten Tag.

Ähnliches bestätigte mir mal mein Hausarzt. Er hatte in vielen Jahren seiner Tätigkeit die Erkenntnis gewonnen: „Lehrer kommen zur Sprechstunde, erklären die Krankheit die sie plagt und sagen mir welche Medikamente ich ihnen zu verordnen habe.“ Was soll`s, ein gutes Verhältnis zu Lehrern hatte ich trotz alle dem schon immer, denn meine sechs Jahre ältere Schwester ist Lehrerin von Beruf!

Ob unsere Kinder damals vorzüglicher von ihren Lehrern behandelt wurden weiß ich nicht mehr, den Schulabschluss haben sie aber alle drei mit guten Noten und Beurteilungen geschafft.

Was nun in unserem Leben folgte war wunderbar. Ich möchte sogar behaupten, es war bis zu diesem Zeitpunkt die schönste Zeit unseres gemeinsamen Lebens!

Mit den Akteuren des Kabarettsentwickelten sich nach und nachfreundschaftliche Beziehungen, die zum Teil noch bis zum heutigen Tag Bestand haben. Ich ließ mir ab und zu, ohne Wissen der Kabarettisten, Aktionen einfallen, mit denen ich immer wieder den Spielbetrieb durcheinander brachte.Ich betratwährend einzelner Szenen den Zuschauerraum. Die Kabarettbesucher dachten es gehört zum Programm, aberdie Kabarettisten wussten, „nun hat er wieder etwas drauf, bringt uns aus dem Konzept und wir müssen versuchen uns gut aus der Affäre zu ziehen.“

Oft gelang es ihnen. Es kam aber auch vor, dass sie ihre Texte vergaßen, der eine oder andere zu lachen begann, konnte nicht weiter sprechen und man versuchte dann diese Szene mit spaßigenBemerkungen zu beenden.

Es war schön zu sehen, wie der Funke auf die Zuschauer übersprang. Es wurde gelacht und geklatscht und die Situation war gerettet.

Die Kabarettisten nahmen mir es nie übel, denn schließlich hatten auch sie viel Vergnügen sowie Abwechslung und ihr Können war gefragt.

Nach dem Programm hatten wir dann viel Spaß, sprachen darüber und sie waren immer wieder verwundert, wie ich denn auf solche „blöden“ Ideen gekommen war. An drei Szenen erinnere ich mich ganz besonders gern.

Eine handelte von einer Fernsehsendung des DDR-Fernsehens. Ich glaube diese Sendung wurde jeden Sonntag übertragen. Die Fernsehmoderatorin Annemarie Brodhagen, interviewte den damaligen Direktor des Berliner Tierparks, Professor Heinrich Dathe. In dieser Sendung wurden Tiere des Parks vorgestellt. Ihre Herkunft und Lebensweise, Ernährung, Vermehrung und viel Interessantes über die Lebensweise wurde erläutert.

Wie ich heute noch meine, eine sehr interessante und lehrreiche Fernsehsendung nicht nur die für Kinder, ebenso Erwachsene kamen auf ihr Kosten.

In der Szene im Kabarett ging es um die Küchenschabe, im Volksmund auch Kakerlake genannt. Auf dem Tisch ein Mikrophon und die Bühne einem Fernsehstudio ähnlich dekoriert. Scheinwerfer, und als wichtiges Requisit eine Streichholzschachtel, in der sich anscheinend dieses Tier befand, welches nun vorgestellt werden sollte.

Während des „Interviews“ öffnete der „Professor“ die eben beschriebeneStreichholzschachtel und deutet an, dass er diese „Kakerlake“ über den Tisch laufen lässt. Beide sahen dieser vermeintlichen Kakerlake nach und bewundern ihre Schnelligkeit. Ich besorgte mir einmal vor einer Vorstellung drei lebende Kakerlaken aus einer Speisegaststätte in der Nachbarschaft und verstaute sie in dieser bewussten Streichholzschachtel.Nur dem Bühnentechniker und den anderen Kabarettisten erzählte ich davon. Tatsache ist, dass in der damaligen Zeit diese Tiere in fast jeder Speisegaststätte zu finden waren, trotz aller Bemühungen um Sauberkeit im Küchen- und Gästebereich. Schädlingsbekämpfungsbetriebe versuchten durch versprühen von Insektenvertilgungsmitteln und auslegen von Tabletten, die Gase entwickeln, dieses Ungeziefer zu vergiften. Somit sollte dieser unangenehmen Plage ein Endegesetzt werden, was aber höchst selten gelang.

Mit Warenlieferungen, Obst-und Fleischkisten, Kartonagen, in denen aus südlichen Ländern und Afrika Konserven angeliefert wurden, kam es immer wieder vor, dassdiese Insekten in die betroffenen Einrichtungen eingeschleust wurden. Sie gewöhnten sich schnell an ihren neuen Lebensraum und schienensich wohl zu fühlen.

Beide Akteure betraten das„Studio“. Die „Fernsehzuschauer“ wurden von der „Moderatorin“ herzlich begrüßt und das „Unheil“ nahm seinen Lauf.

Ganz locker und mit spaßigen Bemerkungen begann der „Professor“ mit seinem Vortrag. Er berichtete über die Herkunft, die Verbreitung, den Lebensraum und die Lebensgewohnheiten der Kakerlaken.

Meine Frau und ich hatten uns hinter einem Vorhang am Eingang zum Zuschauerraum versteckt. Aufgrund der Scheinwerfer, die das „Studio“ erhellten, konnten uns diese beiden Kabarettisten nicht sehen.

Der „Professor“ sagte während seiner Erläuterungen zur „Moderatorin“sinngemäß: „ich habe keine Mühe gescheut und ein solches Tier mitgebracht. Sie müssen sich nicht beängstigen, da nach unseren Erkenntnissen und Erfahrungen diese Tiere sehr scheu sind. Sollte doch etwas Unvorhergesehenes passieren, stehe ich Ihnen bei. Ich werde alles für mich Menschen mögliche unternehmen, um Sie zu beschützen!“

Der Moment kam, als der „Professor“ diese Streichholzschachtel nahm, sie sich vor den Mund hielt und sagte: „ich zeige Ihnen jetzt dieses Tier, ich hauche ihnen Leben ein.“ Er öffnete die Schachtel, sah hinein und für Sekunden erstarrte sein Blick. Wir, meine Frau und Ich, sowie auch dieanderen Kabarettisten, die sich am Durchgang der Garderobe zur Bühne in „Stellung“ gebracht hatten, mussten uns das Lachen verkneifen. Der „Professor“ hatte diese unerwartete Situation schnell überschaut und reagierte spontan, indem er die Streichholzschachtel weiter öffnete und die Kakerlaken auf den „Studiotisch“ aus ihrem Gefängnis entließ.

Zu unserem Bedauern fielen zwei dieser Tiere halb Tod auf den Tisch. Ich befürchte, ich hatte sie verletzt, als ich sie in Gefangenschaft genommen hatte.Es war nicht meine Absicht diese armen kleinen Tierchen zu verletzen!

Die „Moderatorin“ allerdings,schauderte. Gewissensbisse schlichen sich schnell ein und ich hatte große Sorge um die Gesundheit der armen Frau. War ich zu weit gegangen? Ihr Gesicht wechselte in kurzen Abständen fast einmal die gesamte Farbpalette durch. Ich hatte so etwas zuvor noch nie bei einem menschlichen Wesen gesehen.

Ihrem völlig verkrampften und erstarrtenGesicht entwich ein Schrei, der mir bis ins Knochenmark ging.

Kaum hatte sich ihre Verkrampfung auch nur ansatzweise gelöst, stürzte sie von der Bühne und wurde von den anderen anwesenden Kabarettisten und dem Bühnentechnikerjohlendin Empfang genommen. Der Applaus der Zuschauer wollte kein Ende nehmen. Das war auch gut so, denn kurzerhand hatten die Kabarettisten die Folge des weiteren Programms umgestellt. Die „Moderatorin“ warnach diesem Erlebnis nicht in der Lage sofort wieder auf die Bühne zu gehen,um in der folgenden Szene mitspielen zu können.

Als das Programm beendet war, kamen alle Kabarettisten wie gewöhnlich in den Bar Raum. Ich bediente die Gäste an der Bar, meine Frau bediente im Zuschauerraum. Das „Hallo“nach dieser Vorstellung war riesengroß.Das begeisterte Publikum unterhielt sich an diesem Abend noch lange über die Darbietungen und es wurde gelacht und gejohlt.

Die „Moderatorin“ hatte sich von ihrem Schreck erholt und nahm mir meinen kleinen Scherz auch nicht übel. Dieser Abend endete, wie es nur ganz seltender Fall war, feuchtfröhlich bis in die frühen Morgenstunden.

In weiten Abständen, damit der Überraschungseffekt nicht verloren ging, lies ich mir immer wieder solche „Aktionen“ einfallen. Das klappte immer dann, wenn keiner der Kolleginnen und Kollegen damit rechnete.

Unsere Tochter, die in dieser Zeitbei der Handelsschifffahrt, Reederei Mittelmeer-Afrika, als Stewardess tätig war, musste mitunter für mehrere Monate mit dem Schiff auf große Fahrt gehen. Wir besuchten sie wenn es zeitlich möglich war, während der kurzen Hafenliegezeiten im Heimathafen Wismar. Für uns war das immer ein wunderbares Erlebnis. Wir mussten dafür bei der Hafenbehörde einen Besucherantrag stellen. Daraufhin bekamenwir einen Hafenpass und die Genehmigung das Schiff zu betreten. Mit diesem Pass durften wir auch in einer der Besucherkabinen übernachten.

NurwenigeDDR-Bürger hatten diese Möglichkeit. Es war damals sehr schwierig eine solche Tätigkeit, wie sie unsere Tochter hatte, zu bekommen. Jedem einzelnen der Angestellten der Handelsmarine war es ohne weiteres möglich, die DDR illegal zu verlassen.Aus einer Laune heraus bewarb sie sich bei der Seereederei für diese Tätigkeit und etwa nach einer halbjährigen Wartezeit bekam sie die Aufforderung, sich einem Verkehrsarzt in Erfurt vorzustellen.

Für uns ein sicheres Zeichen, dass sie für diese Tätigkeit angenommen war. Daraufhin ging alles sehr schnell. Nach wenigen Tagen absolvierte sie eineneinwöchigen Einweisungs- und Arbeitsschutzlehrgang an der Seefahrtschule in Wismar.

Wir waren der Annahme, dass wir unsere Tochter nach Beendigung dieses Lehrganges wieder mit nach Gera nehmen können.

Als sie jedoch das Zertifikat an der Seefahrtschule in Empfang nahm wurde ihr mitgeteilt: „sie solle sich umgehend in den Wismarer Überseehafen zum Seefahrtsamt begeben, umihr Seefahrtsbuch in Empfang nehmen.“

Wir fuhren mit ihr zum Seefahrtsamt. Nach kurzer Zeit kam sie zurück und sagte uns: „wir müssen zurück in die Stadt nach Wismar fahren. ich muss mir Kleidungsstücke kaufen, denn in etwa sechs Stunden soll ich mich an Deck melden und in acht Stunden beginnt meine erste Reise nach Beirut.“

 Sie hatte nur Kleidungsstücke für diesen einwöchigen Lehrgang bei sich, wir waren geschockt. Beirut galt zu dieser Zeit als Kriegsgebiet. Hatten wir einen schwerwiegenden Fehler gemacht,in dem wir sie nicht von der Bewerbung für diese Tätigkeit abhielten?

Wir hatten uns umsonst Sorgen gemacht. Sie ging vollkommen auf in ihrem neuen Beruf. Sie kam in Länder, in Häfen, inStädte, von denen die meisten DDR-Bürger nur die Namen aus den Massenmedien kannten. Außer in Albanien und dem Libanon hatte sie Landgang. Allerdings mussten die Seeleute immer zu dritt oder viert an Land gehen,da die Kriminalität in vielen dieser Länder sehr hoch war und ein blondes mitteleuropäisches Mädel sehr schnell von den Einheimischen als „Freiwild“ angesehen wurde.

Vor einem geplanten längeren Urlaubsaufenthalt unserer Tochter zu Hause kam mir wieder einmal eine Idee, die allen damals Beteiligten ganz bestimmt unvergessen blieb.

In den meisten Tageszeitungen der DDR wurden wöchentlich die Routen und Hafenliegezeiten der Schiffe der Handelsflotte veröffentlicht. Jeder einzelne unserer Kollegen im Kabarett war auf diese Weise informiert, wo sich unsere Tochter aufhielt und wann ihr Schiff wieder den Heimathafen Wismar erreichen wird.

Als nun das Schiff, es war die „MS Inselsee“, auf Heimatkurs war, erzählten wir den Kabarettisten, “unsere Tochter bekommt keinen Urlaub. Nach einer kurzen Hafenliegezeit geht es wieder für mehrere Wochen ins Mittelmeer“, was aber so nicht stimmte.

Das zu dieser Zeit laufende Programm hieß, „Nonsens plus Ultra“.

Nach der Pause kam ein Kabarettist zu uns in den Bar Raum, das Programm lief mit den anderen Akteuren weiter. Zur nächsten Szene begab sich dieser Kabarettist in den Zuschauerraum, um das Lied „Der Blunschlie“ zu singen.

Ein Lied ohne Sinn und Zusammenhang, dem Programm, „Nonsens plus Ultra“, entsprechend. Wir hatten die Aufgabe ein Glas mit einem Getränk, je nach Wunsch dieses Kabarettisten,zu füllen. Wenn sich dann der Kabarettist wieder in den Zuschauerraum begab den „Blunschlie“ zu singen, folgte ihm meine Frau mit diesem Getränk und reichte es ihm zu Beginn der zweiten Strophe. Er trank dieses Glas aus und begann den „Blunschlie“ zu singen, begleitet am Klavier von unserm Pianisten. Irgendwann kam ich auf die Idee, ein Getränk zusammen zu mixen, welches auf keinen Fall für menschlicheGeschmacksnerven bestimmt war.

Dieses „Gesöff“, wir vertauschten die Gläser bevor beide in den Zuschauerraum gingen, überreichte ihm dann meine Frau vor Beginn der zweiten Strophe des „Blunschlie“.

Er trank es wie immer, ohne das Glas abzusetzen, aus und der Pianist verstandnicht, was plötzlichgeschehen war. Ein leises Stöhnen und Röcheln ging durch die Stille des Zuschauerraumes. Der Gesang der zweiten Strophe blieb aus und unter nicht definierbaren menschlichen Geräuschen, mein schlechtes Gewissen hatte sich schon längst gemeldet, bewegte sich der „Blunschliesänger“ in Richtung Garderobe.

Zu unserem Glück war der Pianist ein wahrer Meister seines Faches, der schon an vielen Theatern der Republik engagiert war und somit erfahrungsbedingt wusste was zu tun war, um die „missliche Lage“ zuretteten.Er „haute“ in die Tasten und „trällerte“, unter tosendem Beifall der Zuschauer die nun anstehende zweite Strophe. Die weiteren beiden Strophen ersparte er sich und dem Publikum. Als Pianist war er unschlagbar, aber als Sänger, ungenießbar!

Trotz alledem waren die Zuschauer begeistert wie schon lange nicht mehr.

Nach dem Programmgab es wieder einmal viel positive Resonanz von den Beteiligten und den Zuschauern. Wiederholt haben wir es aber nie, denn solche Aktionen gelingen meiner Meinung nach nur einmal gut.

Unsere Tochter kam auf Urlaub und keiner der Kollegen wusstees. Wieder einmal hatte ich die Möglichkeit „den Laden aufzumischen.“ So bezeichneten die Kabarettisten inzwischen meine Aktionen.

Nach Beginn der Vorstellung kam unsere Tochter ins Kabarett, keiner der Akteure wusste davon. Sie versteckte sich im Wirtschaftsraum, an dem meine Frau und der Kabarettist vorbeigingen, bevor es zu der bewussten Szene des “Blunschlieliedes“ kam.

Beide setzten sich in Bewegung. Die Tür des Wirtschaftsraumes war nur angelehnt und meine Frau verschwand unbemerkt hinter dem Kabarettisten im Wirtschaftsraum und vollzog einen fliegenden Wechsel mit unserer Tochter. Sieschloss sich nun dem Kabarettisten an. Nachdem er die erste Strophe gesungen hatte drehte er sich um,griff aber nicht wie gewohnt zum Glas. Der Pianist roch schon den Braten. Er konnte zwar den Sänger sehen, doch nahm er unsere Tochter, durch das Scheinwerferlicht nicht wahr.Da ihm der Sinnesausfallseines Partners auffiel und obwohl er den Grund nicht erkannte, rettete er diese Situation.

Er begann die zweite Strophe zu singen, während der Kabarettist kopfschüttelnd in der Garderobe verschwand. Er hatte sich gewundert wieso meine „Frau“, nun aber unsere Tochter, plötzlich blonde Haare hatte. Daher war ihm der Text entfallen. Durch den Erfolg, den diese Szene eingebracht hat, waren wir alle fröhlich und genossen den Abend in vollen Zügen.

Es mussten natürlich auch Szenen dargeboten werden, die mit der „Sozialistischen Gegenwart“, im Sinne der Verbundenheit zu diesem Staat, zu tun hatten. Um dem gerecht zu werden, studierten die Kabarettisten eine ganz besondere Szene ein. Alle fünf Mitglieder des Ensembles saßen auf der Bühne und hatten eine Brigadeversammlung darzustellen, in der das Wettbewerbsprogramm für den „Sozialistischen Wettbewerb“ verabschiedet werden sollte.

Da die Tische im Zuschauerraum sehr klein waren fanden kaum andere Dinge auf ihnen Platz, so eben auch die Getränkekarte nicht. Damit sich unsere Gäste jedoch einen Überblick über unser Angebot verschaffen konnten, befand sich am Eingang ein kleines Wandbord, auf dem wir leere Flaschen unseres Getränkeangebotes, mit einem jeweiligen Preisschild deponierten. In der ersten Flasche befand sich eine kleine Papierrolle, eben dieses bewusste „Wettbewerbsprogramm.“ Ich kam auf die Idee, diese Flasche vor dem Programm mit einem Korken zu verschließen.

Die „Brigadeversammlung“begann. Niemand ahnte was noch folgen würde. Zu Beginn wurde über die bisher erbrachten Leistungen im „Sozialistischen Wettbewerb“ diskutiert. Danach sollte die Besprechung über das neue Programm, mit der Schlussendlichen Verabschiedung des neuen Wettbewerbsprogrammes folgen. Doch das dazu benötigte Programm war nicht aufzufinden. Alle fünf Akteure suchten nun dieses „Programm“. Unter anderem auf der Bühne, unter und aufden Tischen der Gäste,und plötzlich sagte einer von ihnen:

„ach Klasse, ich hab`s endlich gefunden, da ist es!“ Er nahm meine präparierte Flasche, drehte sie um, doch da war es, zum Erstaunen der Kabarettisten, nicht. Der Techniker, dem meine Frau und ich Bescheid gesagt hatten, und wir zwei, mussten uns in unseren „Verstecken“ auf die Zunge beißen. Den Kabarettisten war sofort klar, wer da wieder mal seine Hand im Spiel hatte. Sie sahen sich an, lachten, zuckten mit den Schultern und einer rettete die Situation, oder er wollte sie retten, indem er sinngemäß sagte: „Was soll`s, wenn wir kein Programm haben, dann müssen wir ja an diesem „Sozialistischen Wettbewerb“ nichtteilnehmen!“

Sie beendeten die Szene und alle waren der Annahme, die Lage sei gerettet. Aber es kam ganz anders!

Tage später wurde unser Direktor zur„Konzert-und Gastspieldirektion“, denen das Kabarett unterstellt war, zum Rapport beordert. Wir konnten nie in Erfahrung bringen wer eine Beschwerde über diese Szene, die nicht im „Sozialistischen Sinn“ war, bei der Abteilung „Kunst und Kultur“ beim „Rat des Bezirkes Gera“ abgegeben hatte. Ich weiß, der Direktor der „Konzert und Gastspieldirektion“ und unser Direktor haben sich über diese Szene genau so lustig gemacht, wie alle Beteiligten und der überwiegende Teil der Zuschauer an diesem Abend. Was sagte uns das- weiter machen, aber vorsichtiger!

Es kam mitunter mehrmals monatlich vor, dass an den spielfreien Tagen andere Kabaretts der DDR Gastvorstellungen in unserer Spielstätte gaben.

Ich erinnere mich an die Auftritte der „Pfeffermühle“ und „Academixer“ aus Leipzig, “Distel“ aus Berlin, sowie auch an viele Künstler der DDR, mit ihren Soloprogrammen.

Sehr gern gesehen waren unter anderem: „Treff mit OF“, mit OF.Weidling,Diskussionen mit dem Schriftsteller Hans-Georg Stengel, dem Schriftsteller Mathias Biskupek und vieler anderer Künstler.

Unsere Arbeitszeit an diesen Tagen wurden auf einem Arbeitszeitkonto gut geschrieben. Wir hatten nun die Möglichkeit uns am Ende der Spielzeit, Anfang Juli, diese Stunden als Überstunden vergüten zu lassen. Wir konnten aberdiese Zeit auch als bezahlte Freizeit abgelten. Spielpausen waren in den Monaten Juli und August.

Es war uns jedes Mal möglich, die Monate Juli und August mit der Familie gemeinsam zu verbringen und ausgedehnte Urlaubsreisen zu unternehmen.

So zum Beispiel vierwöchige Reisen mit dem Auto nach Ungarn an den Balaton. Ich erinnere mich gern an folgendes Erlebnis in Ungarn, in der Stadt Almadi. Traditionsgemäß waren wir mit einem befreundeten Pärchen privat im Urlaub. Unsere Wirtsleute wohnten während der Urlaubssaison in einen Schuppen und in der Garage auf ihrem Grundstück.Netterweise hatten wir dort einen Holzkohlegrill zur Verfügung. In jedem Jahr, in dem wir dort Urlaub machten, es war siebenmal, nahmen wir Thüringer Rostbratwürste und Schweinesteaks, tiefgefroren in Kühltaschen mit. Manchmal kam es während der langen Fahrt vor, dass unser Grillgut auftaute. An einem unserer Grillabende bemerkten wir, dass die Würste einen säuerlichenBeigeschmack hatten. Ich würde nicht sagen dass die verdorben waren, allerdings schmeckten sie unangenhm.

Aus diesem Grund kamen ein Paar köstliche Steaks zum Einsatz, die Würste hatte unser Freund an der äußersten Stelle des Grills deponiert.

Am nächsten Tag wollten wir sie an Hunde oder Katzen verfüttern, doch es kam anders. Während wir noch bei mehreren Flaschen Wein zusammen saßen, kam der Vater unserer Urlaubswirtin zu seinen Kindern zu Besuch. Verschmitzt schaute er im Vorbeigehen auf unsere aussortierten Würste. Deutsch sprach und verstand er nicht.Mit Gesten gab unser Freunddem „Opa“ zu verstehen: „er sei eingeladen und könne sich mit den übrig gebliebenen Würsten vom Grill stärken.“ Dieser „Opa“, ein Naturmensch, reinigte in glühender Hitze die Straßengräben unseres Urlaubsortes. Er hatte eine Haut wie gegerbtes Leder und war furchtbar dürr. Blitzschnell kam er unserer Einladung nach. Die Frauen wollten es verhindern, hatten damit jedoch keinen Erflog. Ich glaube drei oder vier dieser Würste hatte er wohlwollend „verputz.“ Dann kam plötzlich seine Tochter und schimpfte mit ihm, wir verstanden aber ihre Worte nicht. Sie zog ihn an den Armen in Richtung Garten, in den Lebensbereich unserer Wirtsleute. Ich glaube mich noch heute richtig zu erinnern, auf dem Grill befanden sich noch etwa vier oder fünf dieser sauren Würste, als wir irgendwann, „Alkoholgeschwängert“ unsere Nachtquartiere aufsuchten.

Am kommenden Morgen jedoch stellten wir mit Erstaunen fest, die restlichen Würste waren verschwunden. Unsere einzig logische Erklärung dafür waren Katzen. Wir erinnerten uns, dass der Opa