Warum musste Helenchen sterben? - Renate Krohn - E-Book

Warum musste Helenchen sterben? E-Book

Renate Krohn

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Beschreibung

Die ältliche Bibliothekarin Helene Matthies, von den Kolleginnen Helenchen genannt, wird ermordet an ihrem Arbeitsplatz aufgefunden. Neben der Leiche kniet Benno Gullis, ein stadtbekannter Stromer. Zwei Frauen, die sich gerade in der Bibliothek aufhalten, beschuldigen ihn mit den Worten: „Der da, der ist es gewesen!“ des Mordes an Helenchen. Kommissar Deterlich wird mit der Aufklärung des Falles betraut. Doch noch während Benno in Untersuchungshaft sitzt, findet ein weiterer Mord – auf die gleiche Weise und mit der gleichen Waffe – statt. Es ist nicht die letzte Leiche; die Ereignisse spitzen sich zu.

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Vorwort

Benno Gullis, stadtbekannter Trinker macht seit fünfzehn Jahren Platte und tut keiner Fliege etwas zuleide. Ausgerechnet er soll den Mord an der ältlichen Bibliothekarin begangen haben. Selbst Kommissar Deterlich hat Zweifel. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden, die Benno bereits in Untersuchungshaft verbringt, geschieht ein weiterer Mord, damit ist der Stadtstreicher entlastet.

Kommissar Rolf Deterlich hat nicht nur ein Problem, sondern auch eine Leiche mehr. Es ist nicht die letzte.

…und wie schnell geht es, einen Menschen zu ruinieren.

Renate Krohn, *1948, schrieb 1999 ihr erstes Buch mit dem Titel „…und zum Frühstück Spaghetti“. Ein herrlich entspannter Roman mit Tiefgang über die Zeit des Wirtschaftswunders und des sozialen Verhaltens der Menschen in der damaligen Bundesrepublik Deutschland.

Sie lebt heute mit ihrem Mann in Leverkusen.

Personen

Helene Matthies Benno Gullis

Bibliothekarin mit Sonderaufgaben stadtbekannter Stromer

Felicitas Hammermann Romina Carras

Leiterin der Stadtbücherei deren junge Kollegin

Hartmut Sauerteig Gundula Fabbri Rolf Deterlich Helga Mittland Kanter und Schwarz Kallmann und Holler Ibo Golalal Hannes Mehring

Chef der Kriminalpolizei seine Sekretärin Kriminalkommissar seine Sekretärin Streifenpolizisten Spurensicherung Polizeiarzt Polizeiarzt und Nachfolger von Ibo Golalal

Dr. Penelope Angelika Oliver Klemm Leonhard Angelika

Pathologin ihr Gehilfe Ehemann der Pathologin

Dr. Bernd Hellwig Dr. Hanser Dr. Karlheinz Hollmann

Notarzt im mobilen Dienst Ambulanzarzt im Krankenhaus dito

Hans Tellhaber Annelore Mathern

Besitzer der Bar

Kajüte

Animierdame in der Kajüte

Ottokar Fallwind Simone Fallwind

Bordellbesucher seine Frau + Besitzerin von

Simones Traumwelt

Johann Lossmacher

Zeuge auf dem Friedhof

Hein Gerlach Dr. Michael Brader Schwester Hermine Harald Schuster

Suchtbeauftragter Chefarzt Wolkenberg-Klinik Stationsschwester Rechtsanwalt

Feixend knuffte Romina ihrer Kollegin den Ellbogen in die Rippen: „Guck mal, unsere fromme Helene ist im Anmarsch.“

Während Romina mit einer geschmeidigen Bewegung unter dem Tresen verschwand, schluckte Felicitas das aufsteigende Lachen hinunter und begrüßte stattdessen die ältere Kollegin freundlich: „Guten Morgen Frau Matthies. Geht es Ihnen gut?“

Helene Matthies grüßte zurück und beantwortete die Frage nach ihrem Befinden. Felicitas Hammermann stand trotzdem unter dem Eindruck, dass sie im Grunde nicht wahrgenommen wurde.

„He, komm rauf, Helenchen ist weg“, ermunterte Felicitas die immer noch unter dem Tresen hockende, kichernde Romina.

Stöhnend wurde der dunkle Lockenkopf wieder sichtbar. „Oh Mann, kann mir mal einer sagen, warum die keiner nach Hause schickt? Sie wird bald sechsundsechzig und weigert sich seit fast sechs Jahren, in Pension zu gehen. Dabei stört sie nur noch.“

Felicitas sah auf die inzwischen geschlossene Tür und empfand fast so etwas wie Mitleid mit Helene Matthies. „Sie liebt ihren Beruf und braucht die Kundenkontakte“, murmelte Felicitas.

„Mich nervt sie nur; sie ist zu alt für unseren Kreis und gehört hinter den Ofen. Oder kannst du dir vorstellen, dass sie auch nur einen oder eine unserer Kunden/innen in moderner Literatur beraten kann? Die hat doch keine Ahnung von sowas.“ Romina Carras zuckte die Achseln. „Aber man darf ja nichts mehr laut sagen.“

„Mag sein, dass sie davon keine Ahnung hat“, wütete Felicitas halblaut, „trotzdem solltest du mit Äußerungen dieser Art vorsichtig sein. Auch du wirst älter und das geht schneller, als du es dir vorstellst. Dann wirst du selber vor dem Problem stehen, dass Andere dich für zu alt halten und du ganz sicher anderer Meinung bist, weil du nämlich deine Erfahrung einbringen könntest und das auch möchtest. Immerhin hat sie studiert, für ein Mädchen ihres Jahrganges war das nicht selbstverständlich. Nach dem Studium bekam sie, damals noch in der DDR, eine Stelle in der Bücherei des Nachbarortes.“ Mit nunmehr einem leichten Grinsen im Gesicht führte Felicitas weiter aus:

„Ihre Eltern, Hermann Theodor und Thekla Louise Matthies, hielten dieses Studium für völlig überflüssig. Da herrschte noch das Argument vor: warum soll ein Mädchen überhaupt studieren. Die heiratet doch irgendwann und dann haben wir das Geld umsonst rausgeschmissen. Immerhin kostete damals so eine Ausbildung Schulgeld. Das heißt“, resümmierte Felicitas, „das stimmt so nicht ganz. Bei uns, jedenfalls in Nordrheinwestfalen, kostete das Schulgeld, in der DDR war studieren frei. Nebenkosten fielen natürlich an – doch das Studium als solches, war gebührenfrei. Allerdings war das hier-zulande nicht unbedingt bekannt. Doch Helene setzte ihren Kopf durch. Gott sei Dank. Als nämlich dann die Wende kam, die ich deshalb eher als Zusammenbruch bezeichne, als dass sämtliche Unzulänglichkeiten der Regierung(en) zutage traten, und ihr NVA-Offizier sie ohne Wenn und Aber sitzen ließ, war sie froh, einen Beruf und ein eigenes Einkommen zu haben. Überdies liebt sie Bücher, ist mehr als kompetent und, von dir einmal abgesehen, bei Kollegen und Kunden gleichermaßen beliebt. Ich weiß gar nicht, warum du so schlecht auf sie zu sprechen bist.“

Romina zuckte einmal mit den Schultern, murmelte mit einer weiteren unverständlichen Bemerkung halblaut: „Was du so alles weißt“ und schnappte sich einen Stapel Bücher, um sie in die entsprechenden Regale einzuräumen. Währendessen betraten zwei Bibliothekskundinnen den Raum, grüßten, legten mehrere Rückgaben auf die Theke und begaben sich schwatzend zur Rubrik Frauenromane.

Die alte Stadtbibliothek war ein weitläufiger Gebäudetrakt, der im Erdgeschoss den Lesern reichlich literarische Abwechslung bot. Auf der linken Seite befanden sich einige Türen und, wenn man die Treppe in den ersten Stock hinauf ging, landete man in diversen Büros der Verwaltung. Helene Matthies betreute seit einigen Jahren in einem gesonderten Leseraum die Büchereikunden mit etwas ausgefalleneren Wünschen. Regale bis an die Decke, vollgestopft mit Folianten, waren ihr Reich. Stadtgeschichte, Geschichte des Bergischen Landes, Kriminalfälle, die sich tatsächlich ereignet hatten, aber bis dato ungelöst waren, alles was über den normalen Lesestoff hinausging. Ferner fand man in ihrer Obhut auch die abgelaufenen Zeitschriften und Journale, die Leute, die sich dergleichen nicht kaufen konnten, dort abholen durften. Dieser Raum war einmal von der Bücherei her zugänglich, aber auch von einem parallel laufenden Flur. Diese, am Ende des Ganges befindliche Tür, war indessen immer abgeschlossen. Gelegentlich wurde sie von der Putzfrau geöffnet, die peinlich darauf achten sollte, den Zugang nach Beendigung ihrer Arbeit wieder sorgfältig abzuschließen. Sollte...

Mittagspause! Die letzten beiden Kunden hatten gerade die Bibliothek verlassen und Helene Matthies freute sich darauf, in den kommenden beiden Ruhestunden ihrem alten Hobby frönen zu können. In einer kleinen Nische, neben dem eigentlichen Bibliotheksraum, standen ihre Lieblinge. Alte, wunderbar gebundene Bücher, die sorgfältig gehütet und niemals ausgeliehen wurden. Einsehen durfte man etwas, aber nur unter Aufsicht. Ein wenig kurzatmig erklomm Helene die wenigen Stufen der Trittleiter, um aus dem oberen Regal einen der wertvollen alten Folianten zu holen. Ein großes, in Goldschnitt gearbeitetes Buch mit Ledereinband, dessen Titel ebenfalls in goldener Schrift auf dem Deckel geprägt war, in den Händen, kletterte sie vorsichtig wieder hinunter und murmelte leise vor sich hin: Helene du bist wirklich nicht mehr die Jüngste.

Vorsichtig legte sie den Band auf das Stehpult und wandte sich zu ihrem Schreibtisch, um einen Zettel und einen Kugelschreiber zu holen. Dabei strich sie sich mit einer unbewussten Bewegung über die Haare, steckte eine herausgerutschte Strähne ihres Knotens fest und wollte gerade ihre Brille aufsetzen, als sie ein furchtbares Brennen im Rücken spürte. Ein greller Blitz durchzuckte sie, dann wurde es dunkel. Während sie zu Boden glitt, hielt sie ihre Brille krampfhaft fest, damit das teure Stück nicht zu Schaden kam.

*

Zu Beginn der Mittagspause verließen die beiden jungen Frauen kurz ihren Arbeitsplatz, um sich bei Master Chick eine Currywurst, Pommes und Salat zu holen. Während sie auf die Fertigstellung der Gerichte warteten, betrachtete Felicitas eingehend das Aquamobil.

„Scheußlich“, murmelte sie halblaut.

„Was ist scheußlich?“, fragte Romina.

„Alles! Dieses grausige Wasser-Gestell (!) und das noch grausigere Rathaus. Warum musste man bloß den schönen alten Bau abreißen. O.k.“, hob sie die Hände, „ich weiß ja – nicht wirtschaftlich, Heizung zu teuer, von Grund auf sanierungsbedürftig. Und so weiter. Doch was ist jetzt? Knapp dreißig Jahre nach dem Bau ist dieses Ding maroder als der Alte und es werden verzweifelt Ausweichmöglichkeiten gesucht. Immerhin“, fügte sie mit einer Portion Sarkasmus hinzu, „sie lassen wenigstens das Wahrzeichen der Stadt stehen.“

„Ja und?“, murmelte Romina. „Ich bin, weiß Gott, nicht nostalgisch veranlagt; trotzdem wäre es mir lieber, sie würden dieses Hochhaus abreißen, als das beleuchtete, weithin sichtbare, Firmenzeichen zu demontieren. Das ist das eigentliche Wahrzeichen der Stadt. Aber“, sie musste schlucken, „soziale Komponenten oder auch nur die geringste Solidarisierung mit der Stadt, deren Bevölkerung oder der Belegschaft ist doch schon vor Jahren in die Binsen gegangen. Nämlich in dem Moment, als man die Werkszeitung umtaufte und mit einem nichts sagenden Namen versah. Das war für all die treuen Mitarbeiter wie eine Faust ins Gesicht. Und genauso hat es sich weiter entwickelt.“

Bevor Felicitas darauf antworten konnte, ertönte die Stimme von Master Chick: „So, meine Damen – Ihre Speisen.“

Die Beiden zahlten und begaben sich zurück an ihren Arbeitsplatz, um dort in Ruhe zu essen. Etwas angewidert blickten sie auf einen matschigen Salat, den man ihnen als erntefrisch verkauft hatte und Felicitas seufzte: „Ich weiß nicht, vielleicht sollte ich doch kochen lernen. Dieses Zeug ist wirklich nicht das Wahre.“

„Du und kochen ...“ Romina lachte. „Dafür hast du doch gar keine Zeit. Tagsüber hockst du hier, abends rennst du zum Sport oder in die Abendschule. Warum eigentlich? Glaubst du denn, das würde dir etwas bringen?“

„Ich wünsche es mir ganz einfach. Irgendwann muss diese Jobmisere doch mal aufhören. Dann bekomme ich meine Chance. Hoffentlich. Und du, meine Liebe, wirst vermutlich das Nachsehen haben, weil du dich kein bisschen weiterbildest.“

Romina zog in altbekannter Manier die Schultern hoch. „So Gott will, habe ich bis dahin einen stinkreichen Mann kennen gelernt und geheiratet. Kinder kann er von mir aus schon mitbringen, die muss ich nicht selber kriegen. Schadet nur meiner Figur.“

Felicitas kannte die Einstellung ihrer Kollegin und ging nicht weiter darauf ein. Mit einem halbherzigen Lächeln meinte sie: „Na, dann wünsche ich dir recht viel Glück.“

Kurze Zeit später öffnete sich die Tür und die beiden Damen vom Vormittag erschienen noch einmal. „Haben Sie etwas vergessen“, fragte Felicitas.

Katharina Selbstmann, fünfzig Jahre alt, Friseuse, rabenschwarzes Haar, mit extrem langen, auffallend grell lackierten Fingernägeln und einer Vorliebe für Romänchen der Kategorie Arzt, Krankenhaus und Adel meinte mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck: „Nein, das nicht; nur ... draußen kommt so ein abgerissener, stinkender Landstreicher, dem wir aus dem Weg gehen wollten.“

Marianne Adelheid Dunkel, ihre Begleiterin, nickte nur. Mit ihren achtundvierzig Jahren etwas jünger als Katharina Selbstmann, wirkte sie um etliches älter. Besser: altbackener. Geschnürte Schuhe, grauer Faltenrock, altrosa Pullover. Eine Brille mit dunklem Horngestell, ohne Pfiff, die obendrein so groß war, dass sie das Gesicht regelrecht zerschnitt. Dazu kamen eine auffallend große Nase, schmale Lippen, bernsteinfarbene Augen und aschblonde Haare mit grauen Strähnen. Sie selbst bezeichnete ihre Haarfarbe ironisch als straßenköterblond, lehnte es aber rigoros ab, irgendwelche Farbe hineinschmieren zu lassen. Katharina Selbstmann, die nicht nur Lesegefährtin sondern auch ihre Friseuse war, hatte Beratungen dieser Art inzwischen aufgegeben. Romina sah sie an und schob sie in das Fach: Gouvernante aus dem vorigen Jahrhundert. Ihr Lesegeschmack stand im krassen Gegensatz zu ihrem Äußeren. Sie liebte Horror-Romane à la Stephen King. Selbst Felicitas, die wesentlich toleranter als ihre Kollegin war, lächelte in sich hinein und dachte, dass Katharina Selbstmann ihre eigene Schönheit wohl durch die Begleitung dieses unscheinbaren Wesens herausstrich.

Benno Gullis, der Landstreicher, dem die Damen aus dem Weg gehen wollten, stand in der Tür. Romina verzog ebenso angeekelt das Gesicht wie die Kundinnen und Felicitas sagte leise: „Der ist gar nicht so schlimm. Ich kenne ihn schon lange. Abgesehen davon, dass er zwar ärmlich, aber verhältnismäßig sauber gekleidet ist, fällt er einfach dadurch auf, dass seine Sachen nie richtig passen. Er bezieht sie von der Sozialhilfe und die nehmen es nicht immer so genau. Mich stört eigentlich mehr dieser grausige Dreitagebart. Dadurch sieht er herunter gekommener aus als er ist. Gottlob stinkt er nicht. Benno kommt mindestens einmal die Woche, um sich alte Zeitungen auszuleihen.“

„Was will der denn damit?“ zischte Romina zurück. „Kann der überhaupt lesen?“

„Der kann! Er ist studierter Pädagoge und vor etlichen Jahren auf die schiefe Bahn geraten. Alkohol und Drogen. Wenn ich das korrekt mitbekommen habe, wollte er seinen Schülern demonstrieren, wie sie es nicht machen sollten und kam bei diesem Versuch selbst unter die Räder.“

„Entziehung?“

„Ja, öfter. Doch dann hängte ihm so ein frühreifes Flittchen exhibitionistische Handlungen an und das war es. Daraufhin musste Benno Gullis die Schule verlassen, obwohl es mehr als genug Zeugen gab, die für ihn aussagten und bestätigten, dass das junge Mädchen von nichts die Finger ließ, was Hosen trug. Das war übrigens Karola Altmann. Die Eltern waren reich und hatten Einfluss ...“

„Etwa die Altmanns?“

„Genau“, wisperte Felicitas weiter. „Das sagt wohl alles. Dabei gehörte er zu den Pädagogen, deren Schwerpunkt auf der Erziehung der Schüler oberer Klassen lag mit einem besonderen Augenmerk auf die sozial Schwächeren. Er feiert übrigens am gleichen Tag Geburtstag wie unser Helenchen, ist allerdings zehn Jahre jünger. Und Platte macht er seit fünfzehn Jahren.“

„Platte???“

Bevor Felicitas erklären konnte, was man unter Platte machen verstand, war Benno Gullis an den Tresen getreten und bat sie: „Kann ich bitte zu Frau Matthies? Sie erwartete mich bereits vor einer viertel Stunde ...“

„Natürlich – warum gehen Sie nicht einfach durch? Sie kennen doch den Weg.“

„Dann muss ich doch durch die ganze Bücherei ...“ Verschämt blickte Benno an sich herunter.

„Kommen Sie, Benno“, lächelte Felicitas und händigte ihm, entgegen der Anweisungen ihres Chefs, den Schlüssel für die Nebentür aus. „Aber dass sie mir den gleich wieder zurück geben (!), wenn Sie bei Frau Matthies fertig sind!“

Benno versprach es hoch und heilig, drehte sich um und verließ die Bücherei durch die gleiche Tür, durch die er sie kurz zuvor betreten hatte.

Maliziös lächelnd sahen Marianne Dunkel und Katharina Selbstmann hinter ihm her.

„Bist du wahnsinnig geworden!“ Romina verschlug es fast die Sprache, „wenn das der Alte mitkriegt!“

„Kann er nicht, weil er die ganze Woche nicht im Haus ist. Ausserdem: Hab dich nicht so. Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute da raus und rein gehen, was wir hier vorne nicht bemerken, weil unsere Putzfrau nämlich gar nicht so sorgfältig ist, wie sie sein sollte.

Erst vorgestern habe ich die Tür selbst wieder zuschließen müssen.“

Benno Gullis lief den Gang hinunter und wich einer großgewachsenen, dunkel gekleideten Person aus, die schnellen Schrittes dem Ausgang zustrebte. Er sah ihr kopfschüttelnd nach und dachte, dass es sich, trotz der geraden, stabilen Statur, wohl um eine Frau handelte. Sie schien gar nicht wahrgenommen zu haben, dass sie Benno fast umgerannt hätte. Aufgeblasene Kuh, murmelte er leise hinter ihr her und sah, dass sie an ihrer schwarzbehandschuhten Hand einen auffallend klobigen Ring mit einem riesigen Brillianten trug, der so gar nicht zu dieser Erscheinung passen wollte. Außerdem bemerkte er, dass die Person einen oder mehrere Zettel in der Hand hielt, die sie während des Laufens versuchte, in ihre Umhängetasche zu stopfen. Am Ende des Ganges angekommen, drückte Benno kopfschüttelnd die Klinke nieder und blieb wie erstarrt stehen. Ein dumpfer Laut entrang sich seiner Kehle. Er ging ein paar Schritte in den Raum und sah bestürzt auf die am Boden liegende Helene Matthies. Deren linke Hand umfasste den eigenen Hals, als hätte sie etwas herunter reißen oder sich selbst erdrosseln wollen. Fassungslos beugte Benno sich hinunter und stellte fest: tot. Vorsichtig, als könne er ihr noch wehtun, berührte er seine alte Freundin und bemerkte, dass der Körper noch warm war. Das Geschehen konnte demnach nicht lange zurück liegen. Hilflos sah er auf die Gestalt zu seinen Füßen und überlegte, wie sie zu Tode gekommen sein könnte. Äußerlich waren keine Anzeichen von Gewaltanwendung zu sehen, aber umdrehen wollte er sie auch nicht. So, wie sie da lag, konnte sie sich aber auch keinesfalls selbst erwürgt haben. Man kann sich nicht selbst erwürgen, stellte Benno für sich fest. Ungewöhnlich fand er nur, dass sie in der rechten Hand ihre Brille hielt, die linke Hand um ihren Hals lag, während um sie herum einige Zettel verstreut auf dem Boden lagen. Noch während er über diesen seltsamen Umstand nachdachte, ging hinter ihm die Tür von der Bibliothek auf. Die beiden Angestellten, Felicitas Hammermann und Romina Carras hatten sich Minuten zuvor über das Zuschlagen der vorderen Außentür gewundert, weil sie niemanden gesehen hatten. Jetzt standen sie im Türrahmen und wollten fragen, was passiert sei. Hinter ihnen kamen die beiden neugierigen Besucherinnen, und, angesichts des vermeintlich offenkundigen Tatbestandes lärmten sie los: „Der da, der ist es gewesen! Was will man von so einem auch erwarten!“

Völlig verblüfft stand Benno auf und betrachtete die Ansammlung hinter ihm. „Felicitas“, stotterte er, „Sie glauben das doch nicht wirklich – oder?“

„Nein!“

Resolut schob diese sowohl ihre Kollegin als auch die beiden Kundinnen zur Tür hinaus. Kommen Sie mit, Benno, wir rufen die Polizei ...“

Benno Gullis unterdrückte ein muss das sein. Ihm war klar, dass es sein musste und auch, dass die beiden Weiber kein gutes Haar an ihm lassen würden. Mit gesenktem Kopf trottete er hinter den Frauen her und konnte sich nicht erklären, wer ein Wesen wie Helene Matthies, das keiner Menschenseele etwas zuleide tat, ins Jenseits beförderte. Nicht nur das Wie, vor allem das Warum machte ihm mächtig zu schaffen.

Felicitas Hammermann ging zum Telefon und bemerkte, dass sie am ganzen Körper zitterte. Ihre Zähne schlugen hörbar aufeinander. Sie sah sich nach Romina um und stellte mit einem Blick fest, dass von dort keine Hilfe zu erwarten sei. Ihre Kollegin saß mit kalkweißem Gesicht auf einem Stuhl und machte den Eindruck, dass ihr ziemlich übel war. „Wer ...“ schluckte sie, „wer bloß und vor allen Dingen ... warum???“

Felicitas zuckte die Schultern, murmelte etwas von Benno war’s bestimmt nicht und wählte mit immer noch zitternden Händen die 110.

„Polizeirevier Heymannstraße, Deterlich“, meldete sich eine ruhige, sonore Stimme.

Felicitas räusperte sich, zwang sich eisern zur Ruhe und sagte: „Herr Deterlich, hier ist die Stadtbibliothek. Hammermann ist mein Name. Wir haben eine Tote in einem unserer Nebenräume. Bitte schicken Sie jemanden hierher und auch einen Arzt. Ich – wir – ...“ Sie begann hoffnungslos zu stottern und der Beamte am anderen Ende der Leitung versuchte sie mit den Worten: „Wir kommen sofort, bitte bleiben Sie gelassen“, zu beruhigen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Der Schock hatte die junge Frau fest im Griff und bevor sie den Hörer auflegen konnte, kippte sie einfach um.

Katharina Selbstmann, der man umsichtiges Verhalten am allerwenigsten zugetraut hätte, hockte sich auf die Erde und herrschte die herum sitzende Romina an: „Vielleicht holen Sie mal ein Glas Wasser – oder besser zwei. Eines brauche ich, um es ihr ins Gesicht zu kippen; das andere soll sie dann trinken.“ Schwankend erhob Romina sich. Auf dem Weg in die kleine Küche musste sie an Benno Gullis vorbei, der wie erstarrt mitten im Weg stand. Noch während sie den Gang hinunter ging hörte sie das Martinshorn des Streifenwagens. Direkt dahinter kam der Notarzt.

„Deterlich“, stellte sich der Beamte vor. „Wir hatten soeben miteinander telefoniert.“ Dabei wandte er sich an Katharina Selbstmann, die immer noch vor Felicitas auf dem Boden kniete. „Ist das das Opfer?“, fragte er.

„Nein“, knurrte die zurück, „sie müssten eigentlich sehen, dass die junge Dame atmet.“

Deterlich schluckte eine Zurechtweisung bezüglich des Tones hinunter. Ihm war klar, dass alle im Raum befindlichen Personen derzeit völlig neben der Spur liefen. Romina kam mit zwei Gläsern Wasser in der Hand zurück und Katharina Selbstmann schaffte es gerade, Felicitas eine Ladung Wasser ins Gesicht zu schütten als von hinten eine weitere Stimme kam: „Lassen Sie mich bitte durch.“ Der Polizeiarzt Ibo Golalal verschaffte sich Zugang und meinte gleichzeitig: „Himmel, das war zwar nicht gerade vornehm, aber wirksam und ... wo ist die betreffende Person?“

Felicitas, die gerade wieder das Bewusstsein erlangte und sich schüttelnd aufrichtete krächzte: „Da hinten durch, in dem anderen Raum.“ In diesem Moment zeigte Marianne Adelheid Dunkel, die sich bislang völlig im Hintergrund gehalten hatte, mit ausgestrecktem Zeigefinder auf Benno Gullis und kreischte: „Der da – der war das! Ich habe gesehen, wie er sich über die Leiche beugte!“

Der Polizeiarzt ging währenddessen in den Nebenraum. Kommissar Deterlich sowie die beiden Streifenbeamten Kanter und Schwarz folgten ihm. Benno Gullis blieb unbeweglich auf der Stelle stehen. Er dachte nur: Das werden sie mir anhängen wollen. Ganz bestimmt. Aber ich war es nicht! Er hatte gar nicht bemerkt, dass er den letzten Satz laut sagte. Ibo Golalal drehte sich noch im Türrahmen um: „Obwohl ich das nicht sagen dürfte; ich weiß es und Sie wissen, dass ich Ihnen glaube, Herr Gullis, immerhin kennen wir uns schon eine ganze Weile.“

Deterlich, der diesen Wortlaut am Rande mitbekam, rief Benno zu sich. „Sie kennen unseren Polizeiarzt? Wie das?“

Gullis hüstelte verlegen: „Ich habe mal seinen kleinen Sohn aus einer Pfütze gefischt. Seine Klassenkameraden, falls man die so nennen kann, haben ihn, mit dem Gesicht nach unten, hinein geschubst und wollten ihn tauchen.“

„Nun, gut! Trotzdem Herr Gullis, Sie sind ein Verdächtiger. Allein aufgrund der Aussage dieser Frau. Tut mir leid, alle Indizien sprechen gegen Sie und wir müssen Sie erst einmal mitnehmen. Nicht nur Sie“, fügte er hinzu, „die anderen auch alle.“ Was bei den beiden Kundinnen ein wütendes Schnaufen hervorrief. „Wir müssen nach Hause! Unsere Männer warten!“

„Abgesehen davon, dass Sie in den vergangenen fünfzehn Minuten den Eindruck machten, als hätten sie alle Zeit der Welt, werden Ihre beiden Herren jetzt eben noch ein wenig länger warten müssen. Wir werden Sie so schnell wie möglich vernehmen und dann können Sie zunächst einmal wieder gehen.“

Die beiden Streifenpolizisten kamen mit Handschellen, doch Deterlich schüttelte den Kopf. „Nee, Kinners – das ist nicht nötig. Der läuft uns nicht weg.“ Damit drehte er sich zu Benno um. Dieser schüttelte nur den Kopf. „Bestimmt nicht.“ Er griff in seine Hosentasche, um ein Taschentuch herauszuholen. Dabei berührte er den Schlüssel, zog ihn heraus und gab ihn an Felicitas mit den Worten zurück: „Entschuldigen Sie bitte, in der ganzen Aufregung habe ich vergessen, Ihnen den Schlüssel wiederzugeben. Ich habe ihn übrigens nicht gebraucht – die Seitentür war offen.“

„Wie bitte? Offen!“ Felicitas geriet außer sich. „Ich werde unserer Putzfrau nachher ordentlich Bescheid sagen. Das geht nicht. In den letzten beiden Wochen fand ich die Tür schon häufiger unverschlossen. Dabei tönt sie immer so vollmundig, wie besonders penibel sie sei ...!“

Dieter Schwarz und sein Kollege befassten sich mit der Aussage der beiden Frauen, während Ibo Golalal sich um Helene Matthies kümmerte. Deterlich stand daneben und wartete auf den ersten Kommentar.

Mit dem Kommissar und Ibo Golalal war auch der Polizeifotograf gekommen. Bevor Ibo die Leiche eingehend betrachtete, wurden eine Menge Fotos vom Fundort gemacht und dabei eindeutig festgestellt, dass dieser mit dem Tatort identisch war. Nachdem auch die Spurensicherung das bestätigte, durfte der Polizeiarzt in Aktion treten. Er begutachtete die Leiche von allen Seiten, stellte deren Tod offiziell fest und bemerkte zunächst, dass sie äußerlich unverletzt aussähe. Dieser Eindruck änderte sich aber, als er Helene umdrehte. Jemand hatte ihr einen Brieföffner in den Rücken gejagt. „So etwas habe ich auch noch nicht gesehen“, meinte Golalal. „Sehen sie sich das an, der Griff des Öffners ist so kurz abgesägt, dass die Leiche auf dem Rücken liegen bleiben konnte und niemand auf den ersten Blick eine Verletzung sieht. Blut ist auch kaum ausgetreten. Derjenige muss verdammt genau zugestochen haben.“

„Oder diejenige“, fügte der Kommissar hinzu.

„Ja, oder diejenige.“ Der Polizeiarzt setzte sich per Handy mit der Gerichtsmedizin in Verbindung und die versprachen, sofort alles Erforderliche zu veranlassen. Zu Deterlich gewandt meinte er: „Im Augenblick kann ich noch nicht viel sagen. Sie ist auf jeden Fall hinterrücks erstochen worden und nach dem Gesichtsausdruck zu urteilen, kam der Überfall völlig überraschend. Ihren Mörder hat sie wahrscheinlich weder gehört noch gesehen, da sie offensichtlich mit irgendetwas beschäftigt war. Dafür spricht, dass sie noch immer die Brille in der Hand hält. Auffallend ist allerdings, dass die linke Hand um ihren Hals liegt – so als wollte sie ihre Kehle schützen … oder sich erwürgen.“

„Vielleicht sollte zunächst auch dieser Eindruck entstehen?“

„Quatsch“, polterte Golalal, „welcher Depp versucht denn, sich selber zu erwürgen?“

Deterlich grinste und bemerkte: „Für einen Iraner sprechen Sie ganz gut bayrisch. Scherz beiseite. So, wie ich vorhin ein paar Bemerkungen von unseren Zufallszeuginnen“, er dehnte das Wort spöttisch, “mitbekam, fiel dieser Tatbestand bereits Benno Gullis auf. Er muss ziemlich konsterniert gesagt haben, gerade als diese beiden Frauen den Raum betraten, dass er das nicht verstünde, Helene Matthies sei Rechtshänderin gewesen.“

„Hm, das spricht doch für seine Unschuld, oder?“

„Sicher“, Deterlich nickte, „trotzdem kann ich ihn nicht gehen lassen. An seiner kurzen Aussage hege ich absolut keinen Zweifel, aber er besaß einen Schlüssel zu der anderen Tür.“

Ibo Golalal räumte seine Sachen zusammen, deckte ein kleines Tuch über Helenes Gesicht und meinte: „Ich lasse sie abholen. Kommen Sie, hier können wir leider nichts mehr tun. Wir sehen uns in der Gerichtsmedizin. Spätestens morgen wissen wir mehr.“

„Wer nimmt die Obduktion vor?“, fragte Deterlich mehr routinemässig als aus echtem Interesse. Er wollte so schnell wie möglich ein Ergebnis; wer es lieferte, war ihm egal. Es war eine reine Höflichkeitsfloskel.

„Wahrscheinlich Doktor Angelika“, antwortete der Arzt.

„Wer?“

„Doktor Penelope Angelika.“ Ibo Golalal grinste. “Ich kann nicht dafür, sie heißt wirklich so.“

Deterlich grinste zurück: „Ich hatte Sie akustisch nicht verstanden, mit dem Namen Angelika haben Sie wohl ein Problem, doch ich kenne die Dame und schätze sie sehr.“

Noch einer, grinste Ibo Golalal in sich hinein, der auf die attraktive Frau Doktor scharf ist.

*

Annelo räkelte sich auf der Couch; bekleidet mit einem knallroten Nichts von Slip und einem Spitzen-BH, der mindestens zwei Nummern zu klein war, als das Telefon unangenehm laut schrillte. Wenngleich Sternzeichen Waage, gehörte sie zu den streitsüchtigen Menschen. Dementsprechend widerwillig klang ihre Stimme als sie sich meldete: „Mathern“. Doch dann setzte sie sich gerade hin und hörte zu. „Nein“, kam nach kurzer Zeit ihr Kommentar, „ich habe Ihnen schon mehrmals gesagt, dass ich das nicht mache. Als Animierdame in Ihrem Club, das ist okay – aber ich gehe auf kein Zimmer. Und wenn Sie hundertmal Personalprobleme haben. Ich bin keine Nutte – merken Sie sich das.“

Sie donnerte den Hörer auf die Gabel und bemerkte für sich: so eine Unverschämtheit...!

Annelo’s Laune war versaut. Auf bloßen Füßen marschierte sie in die Küche und öffnete den Kühlschrank. In der Sektflasche war nur noch ein Tropfen und Nachschub war nicht im Haus. Mist, elender. Jetzt muss ich mir doch tatsächlich Kaffee machen. Noch immer zornig setzte sie die Kaffeemaschine in Gang. Während das Wasser durchlief ging sie ins Schlafzimmer und stellte sich vor den Spiegel. Um auf andere Gedanken zu kommen, betrachtete sie ihren grazilen

Körper mit den langen, wohlgeformten Beinen. Der Busen dürfte ein bisschen größer sein, dachte sie, aber wofür gibt es entsprechendes Füllmaterial und den Wonderbra. Auffallend war, dass sie sich einer sehr gewählten Sprache bediente. Diese Redeweise hatte ihr bislang immer ein gewisses Image garantiert, was bedeutete, dass niemand in ihrer näheren Umgebung auch nur im geringsten ahnte, welchem Beruf sie nachging. Sowohl den Nachbarn im Haus als auch denen, die nebenan und gegenüber wohnten, hatte sie erzählt, dass sie in einem nahegelegenen Reha-Zentrum im Bergischen Land Nachtdienst mache. Bislang war noch niemand auf die Idee gekommen, das in Zweifel zu ziehen. Ihre Aufmachung erregte zwar entsprechendes Aufsehen, doch sie konnte bislang glaubhaft versichern, dass es ihr einfach Spaß mache, sich etwas auffallend anzuziehen oder herzurichten. Frau Klingenbein, ihre direkte Nachbarin machte sich dessen ungeachtet ihre Gedanken, war jedoch sehr vorsichtig mit Äußerungen. Sie wurde selbst einmal Opfer einer Verleumdungskampagne und wusste, was es bedeutete, sich im Zweifelsfall nicht wehren zu können. Der, der verleumdet wird, erfährt es immer zuletzt, dachte sie und hielt den Mund.

In dem Einzugsgebiet, in dem Annelo wohnte, gingen die (Ehe-) Männer nicht in die Kajüte, die Bar, in der sie arbeitete. Und nicht schlecht verdiente, wie sie für sich lächelnd feststellte. Trotzdem sollte Hans Tellhaber, der Boss, ihr mit seinen Plänen vom Hals bleiben. Sie hatte was sie brauchte und demnächst würde sie noch viel mehr haben. Bloß das wusste er nicht. Und Annelo würde es ihm auch bestimmt nicht erzählen.

Sie ging zurück in die Küche, wo die Kaffeemaschine pfiff. Diesen Typ hatte ihr eine Freundin aus Österreich mitgebracht; in Deutschland gab es eine solche Ausführung nicht. Sie goss sich einen Kaffee ein, verzichtete aus Kaloriengründen auf Milch und Zucker und schlürfte das pechschwarze Getränk. Danach ging sie wieder ins Schlafzimmer und begann, sich für die Arbeit zurechtzumachen. Ihre mittelbraunen, glatten Haare kämmte sie zurück, drehte sie auf dem

Oberkopf zu einer Wurst zusammen und stülpte die Perücke darüber. Hüftlange, goldblonde Haare, fielen wie in einer Kaskade über ihren Rücken. BH und Slip konnten bleiben, überlegte sie, aber was ziehe ich darüber? Sie entschied sich für den silberfarbenen, durchsichtigen Top und einer knallengen schwarzen Caprihose mit Silberlamee; hochhackige Sandaletten vervollständigten das Outfit. Allerdings zog sie diese erst in der Kajüte an. Mit diesen Dingern Auto zu fahren, grenzte an Selbstmord.

Schmuck, überlegte Annelo. Schmuck brauche ich noch. Was nehme ich denn heute? Ihre Wahl fiel auf echten Schmuck und sie war sicher, dass niemand das vermuten würde. Doch sie besaß tatsächlich wertvolle Sachen. Ehe sie sich zum Schminken noch einmal vor den Spiegel setzte, schaute sie in ihre Handtasche, nahm eines der Portemonnaies heraus und deponierte es im Kleiderschrank. Sorgfältig verschloss sie die Tür und steckte den Schlüssel in ihre Abendtasche. Über die auffallende Kleidung zog sie einen diskreten Übergangsmantel, nahm die Tüte mit den Schuhen in die Hand und machte sich, immer noch missgelaunt, auf den Weg zur Kajüte. Vor der Tür stand ihr Auto, ein kleiner Fiat Punto. Knallgelb. Die Nachbarn hatten schon öfter als einmal über die Farbe des Autos gelästert, doch Annelo meinte immer schmunzelnd: „Das klaut so schnell keiner. Es fällt überall auf.“

Was natürlich niemand auch nur ahnte war, dass sie mit diesem Auto lediglich bis zur Tiefgarage in der Stadtmitte fuhr. Den Stellplatz hatte sie notgedrungen nehmen müssen, weil keiner aus ihrer unmittelbaren Umgebung wissen sollte, dass der Punto eine Art Tarnfahrzeug war. Dort ließ sie ihren kleinen Fiat stehen und stieg in einen silbergrauen Porsche neunhundertelf mit roten Ledersitzen um, obwohl ihr Arbeitsplatz in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen war.

*

Am nächsten Morgen beugte Doktor Penelope Angelika sich über die Leiche von Helene Matthies und begann mit der routinemäßigen Obduktion. Die Tote wies, von dem äußerst gezielten Stich in den Rücken einmal abgesehen, keine weiteren Verletzungen auf. Doktor Angelika zog die eng anliegenden Latexhandschuhe aus, warf sie in den bereit stehenden Abfalleimer und ging zum Schreibtisch. Da sie meistens in Zeitnot war, hatte man ihr sogar einen Sprachcomputer genehmigt. Inzwischen übersetzte dieses vermaledeite Ding, wie sie den PC nannte, wirklich das, was sie sagte. Anfangs musste sie fast alles nachbessern, doch inzwischen war er eine echte Arbeitserleichterung. Während sie diktierte, öffnete Deterlich die Tür und stand im Rahmen. Sie mochte ihren Kollegen, doch im Augenblick kam er zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt.

„Liebe Frau Kollegin“, begann Deterlich ...

Doktor Angelika stellte den Computer ab und musste sich bemühen, freundlich zu bleiben. „Lieber Herr Kollege“, erwiderte sie, „kann es sein, dass ich schon einmal darauf hingewiesen habe, dass, wenn ich diktiere, niemand dazwischen sprechen darf. Der Computer nimmt sofort falsche Daten auf und ich muss hinterher alles nacharbeiten!“

„Entschuldigung, das konnte ich nicht wissen; Sie haben versäumt, das rote Licht einzuschalten.“

„Oh! Sorry, das war meine eigene Dummheit. Aber trotzdem“, vollendete sie den Satz, „wenn ich spreche, denken Sie bitte einfach daran, nichts dazwischen sagen. Okay?“

„Sicher“, nickte Deterlich. „Jetzt ist es aber sowieso passiert und dann kann ich ja auch gleich fragen, ob Sie schon was wissen.“

„Hm – ja. Es wird Sie nicht sonderlich erfreuen, denke ich. Der Toten wurde, wie Doktor Golalal bereits feststellte, ein Brieföffner gezielt in den Rücken gestoßen. Sie hat vermutlich kaum etwas bemerkt, außer vielleicht ein kurzes Brennen. Der Tod ist gestern Vormittag zwischen elf und zwölf Uhr eingetreten. Andere Krankheiten sind nicht festzustellen. Falsche Zähne hatte sie auch nicht. Der Brieföffner liegt übrigens dort drüben in der Plastiktüte. Ich denke, die Spurensicherung braucht ihn noch mal. Obwohl ich kaum glaube, dass die etwas finden werden. Der Mörder wäre schön blöd, wenn er nicht mit Handschuhen gearbeitet hätte. Trotzdem“, schloss sie seufzend ihren Bericht, „begreifen kann ich das nicht. Wer bringt eine harmlose Bibliothekarin um? Und warum?“

„Wenn wir das wüssten, wären wir einen Schritt weiter“, murmelte Deterlich und fügte hinzu: „der augenscheinliche Mörder ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der wirkliche Mörder. Er hatte zwar einen Schlüssel zur Nebentür, doch den gab er in meinem Beisein der jungen Bibliotheksleiterin, dieser Felicitas Hammermann, mit den Worten, ich habe ihn gar nicht gebraucht, die Tür war offen, zurück. Daraufhin bekam Frau Hammermann einen Wutanfall, der sich allerdings gegen die Putzfrau richtete. Die werde ich mir dann auch vornehmen müssen. Zunächst einmal meinen Dank, Frau Kollegin. Wie wäre es dann und wann mal mit einem gemeinsamen Mittagessen?“

„Nichts dagegen“, lachte sie, „sobald ich hier fertig bin, melde ich mich. Solche Ideen sollte man am besten sofort umsetzen.“

„Ganz meine Meinung.“

Mit diesen Worten verließ Deterlich die Gerichtsmedizin und machte sich auf den Weg zum Untersuchungsgefängnis.

Benno Gullis hatte äußerst schlecht geschlafen und war entsprechend mies gelaunt. Er überdachte seine Lage und kam zu dem Schluss, dass sich seine Unschuld umgehend erweisen müsste. Er hatte nichts angefasst, nur neben der Leiche gehockt. Selbst der Kommissar und auch der Polizeiarzt, der sowieso schon für ihn sprach, standen auf seiner Seite. Benno, bekannt als Stadtstreicher, aber auch dafür, dass er harmlos und gutmütig war, tat keiner Fliege etwas zuleide und bekam selbst genau das oft genug zu spüren, als dass man ihn ausraubte. Da er dazu neigte, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, verpfiff er seine Kumpane nie, sondern versuchte immer, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen. Soweit das in seiner Situation überhaupt möglich war. Und jetzt saß er hier. Im Gefängnis. Angeklagt eines Mordes, den er nicht begangen haben konnte.

Er wartete auf den Kommissar, der ihm versprochen hatte, heute noch einmal reinzuschauen. Benno war klar, dass der nichts sagen durfte, aber er spürte, dass Deterlich selber nicht glaubte, in Benno Gullis den Mörder vor sich zu haben. Geistesabwesend stützte er seinen Kopf in die Hand und ließ noch einmal alles an sich vorüber ziehen. Die beiden Frauen, von denen ihn die eine per Fingerzeig des Mordes beschuldigte, kannte er nicht. Außerdem waren sie beide vor ihm in die Bücherei gegangen und standen noch dort, als er von Felicitas Hammermann den Schlüssel zur Nebentür bekam. Er sah sich im Geiste den Flur entlang gehen und da kam ihm eine auffallend große Person entgegen. Richtig – die Frau! Jedenfalls war er überzeugt davon, dass es eine Frau gewesen war. Ganz in schwarz. Mit einem übergroßen Hut, Handschuhen und dem auffallenden Ring an der linken Hand. Benno überlegte: es war doch die Linke? Ja, kam er zu dem Schluss, sie trug den Ring links. Er musste unbedingt daran denken, dies dem Kommissar zu berichten. Hoffentlich kam er bald; durch den häufigen Alkoholgenuss war sein Gedächtnis nicht mehr das Beste und Papier zum Schreiben hatte er nicht. Das Personal behandelte ihn sowieso nicht gerade nett, doch, so folgerte er, was wollte einer wie er denn auch noch erwarten...

Draußen hörte er die große Stahltür, die den Untersuchungstrakt vom Treppenhaus trennte. Offensichtlich bekam er Besuch. Benno setzte sich aufrecht hin, erwartete den Kommissar und war erstaunt als Ibo Golalal eintrat.

Der Polizeiarzt war im Iran geboren, das sah man ihm auch an. Vorausgesetzt man kannte sich ein wenig in den Menschenrassen aus. Viele hielten ihn dagegen für einen Griechen. Benno tippte damals gleich richtig und sammelte damit Pluspunkte bei ihm. Ibo Golalal räusperte sich: „Sie sind bestimmt erstaunt, mich hier zu sehen“, hub er an. „Doch der Kommissar kommt gleich. Ich hatte darum gebeten, vorher mit Ihnen kurz sprechen zu dürfen. Ich möchte Ihnen etwas anbieten ...“ Ibo Golalal machte eine kleine Pause und als Benno nichts sagte, sondern ihn nur erwartungsvoll ansah, fuhr er fort:

„Herr Gullis, ich habe an Ihnen etwas gutzumachen, das wissen Sie.“ Er hob die Hand, weil Benno Einspruch erheben wollte und sagte weiter: „Sie haben meinen Jungen vor den Übergriffen randalierender Klassenkameraden beschützt und jetzt habe ich endlich eine Gelegenheit, Ihnen wirklich zu danken. Lassen Sie mich einen Anwalt für Sie besorgen. Bitte.“

Benno senkte den Kopf und kämpfte mit Tränen. Da gab es jemanden, der ihm, dem abgerissenen Trinker, helfen wollte. Er verknotete seine Finger regelrecht ineinander und es dauerte eine Weile, bis er antworten konnte: „Sie meinen es sicher sehr gut, Herr Golalal, aber ich kann das nicht bezahlen ...“

„Himmel, Gullis“, platzte der Polizeiarzt heraus, „Sie sollen diesen Menschen auch nicht bezahlen. Das mache ich. Aber…!“ Machte er eine eindrucksvolle Pause, „danach – und das müssen Sie mir ganz fest versprechen – machen Sie noch einmal eine Entziehung. Ich bin absolut davon überzeugt, dass Sie es diesmal schaffen. Klar?!“

Benno schluckte. „Sie setzen viel Vertrauen in mich. Und was, wenn ich wieder rückfällig werde?“

„Dazu werden Sie keine Gelegenheit mehr haben. Doch darüber erzähle ich Ihnen jetzt noch nichts. Sie müssen an sich glauben und ich werde ihnen dabei helfen. Alles andere besprechen wir, wenn die Geschichte ausgestanden ist.“ Mit diesen Worten wandte sich Ibo Golalal zum Gehen als der Wärter erneut die Tür öffnete und Kommissar Deterlich eintrat.

„Kommen Sie, Benno, wir dürfen in den Aufenthaltsraum gehen. Da kriegen Sie auch einen Kaffee.“

Bei dem Gedanken an Kaffee drehte sich Gullis’ Magen um. Gleichzeitig dachte er an das Angebot des Polizeiarztes, der noch in der Tür stand und offensichtlich auf eine Reaktion wartete.

„Gern, Herr Kommissar“, würgte er heraus. „Vielleicht kann ich einen Tee haben. Ich glaube Kaffee bekommt mir jetzt nicht so besonders gut.“

„Klar, es gibt auch Tee. Nur“, und dabei sah er Benno streng an, „Alkohol gibt es nicht.“

„Das ist mir schon klar, Herr Deterlich. Ich muss ja davon runter und weiß das auch. Wenn die Entzugserscheinungen nur nicht so furchtbar wären. Und die Sucht ist einfach da, ich hätte doch damals nie gedacht, dass ich mir mit diesen Demonstrationsversuchen ein solches Eigentor schießen würde. Ich wusste nicht, dass in mir überhaupt eine Veranlagung dazu steckte. Im Nachhinein: ich hätte es wissen müssen. Mein richtiger Vater war starker Raucher und trank in jungen Jahren gern; öfter auch mehr als nur einen über den Durst. Meine Mutter war bereits im Alter von Ende Zwanzig depressiv ... Alles Gegebenheiten, die ich mir als Pädagoge hätte vor Augen halten müssen. Erbanlagen, die man nicht wegreden kann, sondern lediglich nur mit eiserner Disziplin selbst in den Griff bekommt. Und dennoch ist es passiert.“ Müde ließ Benno Gullis die Schultern hängen; seine Gedanken fuhren Karussell und er fügte hinzu: „Ich will es halt noch einmal versuchen.“

Ibo Golalal nickte, schloss leise die Tür hinter sich und ließ die beiden noch einen kurzen Moment allein, bis sie sich auf den Weg zur Kantine machten. Ob er den Durchbruch ins normale Leben zurück schaffen würde? Er wünschte sich das nicht nur für Benno Gullis, sondern auch für sich. Ibo Golalal hatte sich zum Ziel gesetzt, mit Benno gemeinsam eine Entziehung zu machen. Offiziell als sein Therapeut. Bisher konnte er vor allen verbergen, dass er süchtig war. Haschisch, Kokain, Marihuana ... Er redete sich selber ein, dies seien keine harten Drogen, ebenso wusste er, dass er nur einen Schritt vor dem Abgrund stand. Heute Abend würde er es noch einmal machen. Nur noch dieses eine Mal. Dann war Schluss – endgültig. Nur heute sollte ihm Annelo noch etwas verkaufen. Er nahm sein Handy und versuchte, sie daheim zu erreichen.

*

Normalerweise parkte sie ihren Fiat neben dem Porsche und ging zu Fuß zur Bar. Heute fuhr Annelo Mathern die wenigen hundert Meter von einer Tiefgarage in die andere, stieg aus dem Wagen, zog ihre hochhackigen Sandaletten an und verstaute die anderen Schuhe in einer Tüte. Die kleine Abendtasche unter dem Arm und die Plastiktüte in der Hand machte sie sich auf den Weg in die Kellerbar. Himmel, stinkt das hier wieder, dachte sie. Es ist doch immer dasselbe. Keiner achtet darauf, dass die Penner nicht in die Ecken pinkeln. Abschließen konnte man die Aufzüge aber auch nicht. Wie sollten die Parker nach zwanzig Uhr rauskommen? Annelo seufzte: Bald brauche ich das alles nicht mehr. Bald!

Damit hielt der Lift und sie ging zur Kajüte. Sie war immer die Erste und besaß einen Schlüssel. Die Bardame öffnete die Tür, betrat den Vorraum und sorgte zunächst einmal für die bengalische Beleuchtung, wie sie ironisch bemerkte. Dunkelheit war ihr verhasst. Immer wieder hörte sie die Worte ihrer Großmutter: Mach das Licht aus, das kostet Geld. Damals schwor sie sich: wenn ich einmal erwachsen bin, werde ich nie wieder frieren, nie wieder im Dunkeln sitzen und immer das tun, was ich will. Letzteres konnte sie bislang nicht. Wie jeder normale Mensch war sie fremdbestimmt. Arbeitnehmerin, wenn auch in einem Metier, das der bürgerlichen Bevölkerung mehr oder minder suspekt war. Gewiss, die Medien berichteten ausführlich, wenn mal wieder eine Prostituierte umgebracht wurde und dann kam sogar eine gewisse Entrüstung hoch, dass diese Damen immerhin auch Menschen seien, doch ehrlich – nein, ehrlich war das alles nicht gemeint. Wenn ihre Nachbarinnen wüssten, was sie täte, obwohl sie keine Nutte war, sie würden kein Wort mehr mit ihr wechseln. Grinsend fiel ihr Udo Jürgens Schlager Das ehrenwerte Haus ein. Genau so wäre es auch bei ihr.

Inzwischen brannten alle Lichter. Annelo ging noch einmal durch sämtliche Räume und kontrollierte, ob die Videoüberwachung funktionierte, als das Telefon läutete. „Ibo Golalal“, meldete sich eine gestresste Stimme und Annelo ging innerlich auf Abwehr. Nein, dachte sie, bitte nicht schon wieder der. Ibo war ihr denkbar unsympathisch; sie konnte allerdings nicht begründen, warum. Er kaufte Koks oder Marihuana-Zigaretten, ab und zu auch mal Hasch, bezahlte prompt und, wie sie bislang hörte, behandelte er die Mädchen, die er von Zeit zu Zeit aufsuchte, anständig. Nur einmal nicht. Im letzten Sommer. Er hatte zuviel konsumiert und obendrein Alkohol getrunken. An diesem Abend wollte er unbedingt zu Ilonka und vergewaltigte sie regelrecht. Am nächsten Abend kam er mit einem riesigen Blumenstrauß und entschuldigte sich. Doch das Unbehagen blieb.

Außerdem hatte Annelo ganz private Gründe, ausgerechnet einem Polizeiarzt aus dem Weg zu gehen. Bei dem Gedanken wurde ihr wieder einmal mulmig und sie stellte für sich fest, dass sie im Grunde eine blöde Kuh sei. Ein Doppelleben zu führen war anstrengend; sie lief täglich Gefahr, aufzufallen. Im gewissen Sinne war ihr das einerlei; nicht egal war ihr allerdings, wo sie dann wohnen würde. Bis jetzt reichten ihre Finanzen bei weiten nicht für eine Maisonette- Wohnung in der Düsseldorfer Altstadt – und genau eine solche war ihr Bestreben. Also hieß es, dieses Leben noch ein bisschen weiterzuführen und, wenn auch widerwillig musste sie zugeben, dass Ibo Golalal ihr dabei half. Von den Drogenverkäufen behielt sie einen kleinen Anteil, den sie schön brav in einem gemieteten Banksafe verschwinden ließ. Auf ihrem Konto war kein Geld, dessen Herkunft sie nicht einwandfrei erklären konnte und sie war auch gewissermaßen stolz darauf, selbst niemals einer Droge verfallen zu sein. Ausgenommen vielleicht ihrer täglichen Zigarette. Annelo neigte zur Fülle; ein Erbteil aus der Familie ihres Vaters und das konnte sie bei ihrem Job nicht brauchen. Sie zählte brav jeden Tag ihre Kalorien. Seitdem ihr eine Ärztin sagte, dass nur eine Zigarette am Tag ihren Stoffwechsel in Schwung, das heißt: auf dem gewohnten Level, halten würde, hatte sie sich quasi das Dauerrauchen abgewöhnt und diese eine Zigarette täglich angewöhnt. Es klappte und sie konnte auf diesem Wege wenigstens einigermaßen ihre Figur halten. Im Vorbeigehen warf sie noch einen kurzen Blick in den Spiegel und ging zur

Tür. Sie hatte Schritte vernommen, die nur zu Ibo gehören konnten. Sonst war niemand avisiert. Schnell schaute sie im Spiegelschrank nach und überschlug die Menge Hasch, die sie an ihn verkaufen wollte.

„Hallo Ibo! Komm rein – ich habe eine Portion zurückgelegt. Hasch, wenn es recht ist.“

Geschäftig wollte Annelo zum Schrank gehen als sie von Ibo unterbrochen wurde: „Nein, danke, Annelo – ich möchte heute nur eine Marihuana-Zigarette und dann verschwinde ich wieder. Ich habe mir vorgenommen, dass endgültig Schluss sein soll.“

„Ich drücke dir alle verfügbaren Daumen, am besten die Zehen auch mit“, entgegnete Annelo. „Meinst du, du schaffst es diesmal?“

„Ich denke schon. Wir haben da gerade so einen vertrackten Fall auf dem Revier. Und dieser Mann, ein Pädagoge mit besten Anlagen, der sich selbst ruiniert hat, ist mir ein Beispiel dafür, wie es mir in ein paar Jahren gehen könnte. Und genau das will ich vermeiden. Ich werde es schaffen. Ganz bestimmt!“

Annelo lächelte verbindlich und dachte: Du Heini, ausgerechnet du willst das schaffen. Du beherrschst ja noch nicht einmal deinen Trieb, geschweige denn deine Sucht. Laut sagte sie: „Na denn – rück ein bisschen Kohle raus und dann verdünnisierst du dich. Es geht hier bald los und ich denke, du möchtest nicht unbedingt gesehen werden, oder?“

„Das ganz sicher nicht. Kommen denn Leute aus meinem Dunstkreis auch hierher?“, wollte Ibo wissen.

„Das werde ich dir auch gerade erzählen!“, lachte Annelo. „Außerdem weißt du, dass ich das nicht darf. Wenn du sie selber hier siehst ist das eine Sache, aber drüber reden ... nein mein Lieber, das werde ich bestimmt nicht.“

Ibo Golalal hob abwehrend die Hände: „Sorry, ich weiß. Das war eigentlich auch gar nicht so gemeint. Du kennst mich doch.“

„Ja eben“, murmelte Annelo. „Also“, schloss sie, „nun mach’s gut.

Bis irgendwann einmal.“ Damit drückte sie die Tür hinter ihm ins Schloss und wandte sich ihrer Arbeit zu.

*

Deterlich brachte Benno in die Zelle zurück und blieb nachdenklich auf dem Flur stehen. Er hatte das Gefühl, dass der Mann in allem die Wahrheit sprach und nahm sich vor, im Büro das Protokoll noch einmal ganz gründlich zu lesen. Aufgenommen hatten es seine beiden Kollegen von der Streife, Kanter und Schwarz. Die zwei waren sehr gewissenhaft, das wusste er. Er müsste wohl, stellte Deterlich seufzend fest, nicht nur lesen, sondern auch das Band noch einmal abhören. Bei Benno Gullis konnte man an der Stimme erkennen, ob er die Wahrheit sagte oder nicht. Zunächst musste er aber noch mal mit Ibo Golalal sprechen. Der hatte einen Anwalt für Benno vorgeschlagen, den er auch bezahlen wollte. Warum wohl? Dass Benno seinen Sohn mal aus einer Pfütze befreit hatte, konnte doch nicht der einzige Grund sein, oder? Immerhin gehörte der Polizeiarzt zu dem Personenkreis, der in seinem Umfeld als hartgesotten galt. Das Verhalten passte nicht zu ihm. Mit diesen Gedanken machte Rolf Deterlich sich auf den Weg zurück ins Büro. Dabei fiel ihm ein, dass Benno möglichst schnell verlegt werden sollte. Die JVA in der Gerichtsstraße war bereits geschlossen; man wartete auf die Abrissbirne und hatte Gullis nur behelfsmäßig direkt neben dem Gericht einquartiert. Bevor er seinen Schreibtisch erreichte, fing ihn die Ärztin aus der Gerichtsmedizin ab. Immer wenn er Doktor Penelope Angelika sah, konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, dass ihre Eltern einen Ratsch gehabt hatten. Diese mittelgroße Frau mit den grünen Augen und dem kupferroten Haar hätte alle möglichen Namen verdient, Penelope passte aber überhaupt nicht zu ihr. Lachend erzählte sie ihm einmal, dass man sie eigentlich Carmen taufen wollte. Doch ihr Vater sei dagegen gewesen, weil niemand in der Familie jemals dunkle Haare hatte. Und eine blonde Carmen konnte er sich nicht vorstellen. Stattdessen kam sie ganz offensichtlich auf den keltischen Teil ihrer Abstammung mit roten Haaren und grünen Augen. Von der väterlichen Linie geerbt. „Faszinierend“, murmelte Deterlich.

„Bitte?“

„Entschuldigen Sie, Frau Doktor Angelika, und nehmen Sie es mir bitte nicht übel. Immer wenn ich Sie sehe, muss ich an die Geschichte Carmen