Warum uns Hunde glücklich machen - Tiina Raevaara - E-Book
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Warum uns Hunde glücklich machen E-Book

Tiina Raevaara

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Beschreibung

Ein unterhaltsamer Einblick in die gemeinsame Geschichte von Hunden und Menschen Als Tiina Raevaara nach einem Burnout feststellt, dass sie nur an der Seite ihres Hundes wirklich zur Ruhe kommt, beginnt sie, die besondere Beziehung zwischen Menschen und Hunden zu untersuchen. Warum wecken Tiere überhaupt eine so starke Empathie? Was bedeutet die Bindung zu Tieren im Hinblick auf die Evolution und die menschliche Entwicklung? In einer Mischung aus persönlichen Reflexionen und Forschungsberichten schildert sie in diesem literarischen Essay die gemeinsame Reise von Mensch und Hund und eröffnet einen faszinierenden Einblick in das Wesen des Menschen und seine Beziehung zur Natur. Persönliche Schilderungen verwoben mit dem Fachwissen einer promovierten Biologin Vor einigen Jahren war die Autorin Tiina Raevaara so erschöpft, dass sich ihr Körper in ständiger Alarmbereitschaft befand. Das Zusammensein mit anderen Menschen strengte sie an, mit ihrem Hund an ihrer Seite konnten ihr Körper und ihr Geist jedoch zur Ruhe kommen. Auf langen Spaziergängen mit dem Hund begann Raevaara, über die Ursachen ihrer Erschöpfung nachzudenken und zu hinterfragen, warum sie die Gesellschaft von Tieren und nicht von Menschen suchte und warum die Anwesenheit eines Hundes generell das Wohlbefinden steigert. Ausgehend von ihrer persönlichen Situation stellt sich die promovierte Biologin Fragen: Wer beeinflusste wen? Wie hat sich Mensch-Hund-Beziehung auf unsere Gene ausgewirkt und erklärt dies gar unser Bedürfnis nach den Vierbeinern? Wurde unsere Evolution durch die Domestizierung von Tieren beeinflusst und falls ja, warum war hier der Hund ein so maßgebliches Tier? Als Tiina Raevaara erkannte, wie wichtig die Verbindung zu Hunden für die menschliche Natur ist, begann sie schließlich auch mehr über sich selbst zu verstehen. Die Leser:innen begleiten Raevaara und ihren Hund auf ihren Spaziergängen durch finnische Wälder und erfahren, fast nebenbei und ohne wissenschaftlichen Pathos, die faszinierende sozio-kulturelle Geschichte der besonderen Beziehung zwischen Hund und Mensch, die geprägt ist von Partnerschaft, Freundschaft und Zusammenhalt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Tiina Raevaara

Warum uns Hunde glücklich machen

… und was das mit unserergemeinsamen Evolutionsgeschichtezu tun hat

Aus dem Finnischen von Tanja Küddelsmann und Reetta Karjalainen

Die Übersetzung dieses Buches wurde gefördert durch die finnische Organisation Finnish Literature Exchange (FILI).

Titel der Originalausgabe: Minä, koira ja ihmiskunta: lajien välisen yhteiselon historia.

Erschienen bei: Like, 2022

Copyright © Tiina Raevaara, 2022

German language edition published by agreement with Tiina Raevaara and Elina Ahlback Literary Agency, Helsinki, Finland.

Deutsche Erstausgabe

Copyright © 2024 von dem Knesebeck GmbH & Co. Verlag KG, München

Ein Unternehmen der Média-Participations

Projektleitung: Emma Oeding, Knesebeck Verlag

Übersetzung: Tanja Küddelsmann, Oldenburg, und Reetta Karjalainen, Yläne

Lektorat: Dr. Carina Heer, Burgebrach

Umschlaggestaltung und Layout: Favoritbüro, München

Umschlagabbildung: Hund © shutterstock/pressranya Nr: 2345689623

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

Herstellung: Arnold & Domnick, Leipzig

eBook (epub): ISBN 978-3-95728-860-8

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise.

www.knesebeck-verlag.de

Für meine Kinder

Inhalt

Zu Beginn Die Menschheit

APRIL

1. Kapitel Ich

2. Kapitel Hunde – Was passiert, wenn sie fehlen

3. Kapitel Zu viel Gefühl

4. Kapitel Mensch sein – Mensch werden

5. Kapitel Die Bedeutung der Mensch-Tier-Verbindung

6. Kapitel Die ersten Schritte zur Tierliebe

7. Kapitel Ich sehe dich

MAI

8. Kapitel Der Hund an meiner Seite

9. Kapitel Meine Nähe verändert euch

10. Kapitel Ausgebrannt vom menschlichen Miteinander

11. Kapitel Das domestizierte Tier im Spiegel

JUNI

12. Kapitel Menschenkinder, Tierkinder

13. Kapitel Warum es richtig ist, zu vermenschlichen

14. Kapitel Sobald du mit jemandem fühlst, wird er ein Teil von dir

15. Kapitel Versuche, mich selbst zu verstehen

16. Kapitel Das ungelöste Rätsel von der Herkunft des Hundes

17. Kapitel Die schwarzen Schwingen des Todes

JULI

18. Kapitel Der Fluch des Überlebens

19. Kapitel Selbst im Grab bist du nicht allein

20. Kapitel Der letzte Wachposten vor dem Großen Unbekannten

21. Kapitel Tapfere kleine Myy

AUGUST

22. KapitelDas Geheimnis des menschlichen Blicks

23. Kapitel Werde ich dich je verstehen?

24. Kapitel Sieh mich an

25. Kapitel Wer hat ein Bewusstsein?

26. Kapitel Warum tun wir euch das an?

27. Kapitel Ein Leben in der Maschinerie

28. Kapitel Geteiltes Leid, geteilte Freude

29. Kapitel Kann sich überhaupt etwas ändern?

SEPTEMBER

30. Kapitel Abschied von den Fischadlern

31. Kapitel Wie man glücklich wird

32. Kapitel Der Hund mit dem Schwan am Herzen

Danksagung

Anmerkungen, Quellen und Literatur zum Weiterlesen

Zu Beginn Die Menschheit

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Kriegen, Verstädterung und Technisierung.

Das war schon immer so. Und so wird es uns in Schulbüchern und auch nett verpackt in Bestsellern erzählt. Ein Blick ins Bücherregal oder in die nächstgelegene Bibliothek reicht, um zu verstehen, was ich meine. Die Vergangenheit scheint eine einzige unendliche Aneinanderreihung von Kriegen zu sein.

Andererseits handelt die Geschichtsschreibung auch davon, wie genial wir Menschen sind. Wir sind die Erfinder des Fernrohrs, der Schrift, der Kanalisation, des Verbrennungsmotors, der Wolkenkratzer, der Mondflüge und der Computer. Die Geschichte des Menschen dreht sich im Grunde darum, wie unsere Artgenossen lernten, Metalle, Holz und Stein zu nutzen. Unsere Geschichte ist eine Geschichte der Verarbeitung von Materialien.

Als schön wird die Geschichte der Menschheit nie dargestellt. In der Geschichtsschreibung wird uns erzählt, wie aggressiv unsere Artgenossen gewesen sind. Unsere Geschichte ist geprägt von skrupellosen Anführern, Tod, Hass und Zerstörung. Sie ist auf Rachegelüsten und Völkermorden aufgebaut.

Vor allem wird der Mensch immer einsam und isoliert dargestellt. Oder nicht einmal das: Es wird als selbstverständlich angesehen, dass es in der Geschichte niemanden sonst gab. Es gab nur die Spezies Mensch, die alleine entstand, sich alleine entwickelte, alleine ihre Erfindungen machte und alleine ihre Städte erbaute. Diese Geschichte des einsamen Helden haben auch die Religionen aufrechterhalten. Sie sprechen oft von Göttern, die ausschließlich den Menschen nach ihrem Vorbild erschufen und ihnen Regeln vorgaben, mit deren Hilfe sie sich von allem anderen auf der Welt unterscheiden konnten.

Heute zelebriert die Gattung Mensch ihre Einsamkeit und droht dabei, an ihrer Einzigartigkeit zu ersticken. Gleichzeitig späht sie weit in das Weltall in der Hoffnung, dass dort – endlich – jemand ist.

Und wenn wir alles ganz anders betrachten würden? In diesem Buch erzähle ich eine andere Wahrheit vom Menschen. Ich erzähle vom Menschen, der ein Tier ist wie alle anderen Tiere auch und für den es während seiner Evolution wichtig war, eng mit den anderen Tierarten zusammenzuleben.

Ich erzähle vom Menschen, der beharrlich den Kontakt zu den anderen Tieren gesucht hat. Ich will eine Geschichte erzählen, bei der die Menschheit sich durch Uneigennützigkeit, Rücksichtnahme und Toleranz auszeichnet. Ich will beweisen, dass die Menschen sich nicht allein auf der ganzen Welt ausgebreitet und ihre Gemeinschaften aufgebaut haben, sondern zusammen mit den anderen Tierarten.

Wenn man die Geschichte aus diesem Blickwinkel betrachtet, handelt sie nicht mehr vom Menschen allein.

Sie handelt auch vom Hund – und von vielen, vielen anderen Lebewesen.

APRIL

1. Kapitel Ich

Vor drei Jahren begriff ich, dass ich krank war. Ich stand unter ständiger Anspannung und in mir brodelte es.

Es war, als befände sich mein Körper andauernd in einem Alarmzustand. Abends konnte ich stundenlang nicht einschlafen, und wenn es mir endlich gelang, wachte ich alle paar Stunden auf. Nach fünf Uhr morgens war es aussichtslos, noch einmal einschlafen zu wollen. Beängstigende Gedanken gingen mir im Kopf herum und wurden riesengroß. Alle meine Erinnerungen waren schlecht geworden, glückliche Momente zu unglücklichen und Freunde zu Feinden, als würde ich mir ein Negativ von meinem Leben ansehen.

In meinen Gedanken führte ich unentwegt Gespräche, bei denen ich mich vor jemandem rechtfertigen musste. Es waren keine Erinnerungen an vergangene Gespräche, sondern eine Art Vorbereitung auf bevorstehende. Ich war mir sicher, dass Leute aus diesem oder jenem Grund sauer auf mich wären, und in Gedanken bereitete ich mich auf die Anschuldigungen vor, die bald auf mich einprasseln würden.

Ich war unendlich müde. Alles war anstrengend, die Arbeit ebenso wie der Alltag, ich wollte nur meine Ruhe haben. Es war Spätherbst und draußen war es ebenso düster wie in meinen Gedanken. Meine Erkrankung war die Folge von jahrelanger Überarbeitung und dem Glauben an die Unerschöpflichkeit meiner Kräfte. Zumindest dachte ich das damals.

Ich bin jetzt 42. Ich habe immer so gelebt, als wäre mein Leben jeden Moment zu Ende. Gleich nach der Oberstufe ging ich an die Universität Helsinki, um Biologie zu studieren. Mit 22 machte ich meinen Master und knapp vier Jahre später meinen Doktor. Mein erstes Kind wurde geboren, während ich an meiner Dissertation schrieb, und das zweite gleich nach deren Fertigstellung. Als ich 29 war, wurde mein Debütroman veröffentlicht. Mit nicht einmal dreißig hatte ich also mehr Träume verwirklicht, als in so manches Menschenleben hineinpassen.

Das Tempo drosselte ich deswegen nicht. Seit dem Beginn meiner Schriftstellerkarriere habe ich mit der Ausnahme von zwei Jahren jedes Jahr ein Buch veröffentlicht. Ich bin im Vorstand verschiedener Vereine, lehrte an diversen Universitäten Wissenschaftskommunikation und populärwissenschaftliches Schreiben und lebte daneben natürlich noch mein sonstiges Leben: Ich habe meine Kinder aufwachsen sehen, bin umgezogen, gereist, habe mich verliebt und wieder getrennt, habe von meinen Großeltern Abschied genommen und bin selbst älter geworden.

Vor fünf Jahren, im Jahr 2016, wurden drei Bücher von mir veröffentlicht, und jenes Jahr halte ich auch für einen ausschlaggebenden Grund für meine Erkrankung. Den Sommer und Herbst davor hatte ich fieberhaft geschrieben. Ich hatte gerade den Verlag gewechselt und arbeitete am zweiten Teil meiner Thriller­trilogie – ich wollte beweisen, dass das Vertrauen, das der neue Verlag in mich gesetzt hatte, berechtigt gewesen war. Als der Thriller zum Jahreswechsel fertig war, begann ich eine Auftragsarbeit zu schreiben, die Romanversion zu einer Fernsehserie, die in der Welt von Genmanipulationen angesiedelt ist. Als es Frühling wurde, hatte ich auch diese Aufgabe zu einem Ende gebracht und da musste ich auch schon mein Sachbuch über die allgemeine Rezeption von Wissenschaft fertigstellen, das wie vereinbart zu Herbstbeginn veröffentlicht werden sollte.

An diese Zeit entsinne ich mich nur bruchstückhaft: Ich erinnere mich, wie ich bis in die Nacht hinein schrieb und mein Gehirn mit Musik zwang, wach zu bleiben. (Das Frühwerk von Genesis eignet sich gut dafür.) Ich erinnere mich, wie bedrückt ich abends im Dunkeln spazieren ging, weil ich vom Verlag eine E-Mail erhalten hatte, in der ich ermahnt wurde, endlich das Manuskript abzugeben. Ich weiß noch, dass ich nicht mehr in halb liegender Stellung am Sofa schreiben konnte, wie ich es sonst tue, weil ich schläfrig wurde und das Denken sich verlangsamte. Ich musste so aufrecht wie möglich sitzen, den Körper unter allen Umständen in Bewegung halten.

Dieses Jahr mit den drei Büchern überdehnte meine psychischen Gummibänder derart, dass sie zwei Jahre später, im Herbst 2018, nachgaben und rissen.

Ich habe immer die unterschiedlichen Jahreszeiten und die damit einhergehenden durchaus auch launischen Wetterlagen genossen, aber an das Wetter in jenem Herbst erinnere ich mich gar nicht. Ich habe keinerlei Vorstellung davon, wie die Natur aussah. In meiner Erinnerung war es damals immer dunkel. Gewiss sind der Oktober und November in Finnland finster. Die Sonne geht mit jedem Tag früher unter und später auf und in regnerischen Wochen kann man den Eindruck gewinnen, dass die Sonne hinter der Wolkenschicht gar nicht mehr existiert. Normalerweise konnte ich jedoch selbst der Dunkelheit und dem endlosen Novemberregen etwas abgewinnen.

Zu der Zeit, als ich krank wurde, schrieb ich wieder an einem neuen Roman – der wollte einfach nicht Form annehmen und die Teile wollten sich nicht zu einem Ganzen zusammenfügen –, daneben arbeitete ich auch zusammen mit einer Freundin an einem ausufernden Sachbuch. Zudem war ich für die Vorbereitungen eines Kongresses zur Wissenschaftskommunikation zuständig, schrieb Kolumnen und Blogtexte und lehrte nebenberuflich Wissenschaftskommunikation an der Universität Turku, wo man mir einige Monate zuvor eine befristete Gastprofessur übertragen hatte.

In meinem Kopf zischte und brodelte es. Emotional ging es in mir drunter und drüber. Ich hatte nicht den Eindruck, mein Leben irgendwie im Griff zu haben. Ich regte mich immer schon leicht auf, aber damals nahm diese Eigenheit überhand und ich war vor Auftritten, vor Lehrveranstaltungen und wegen jeder Kleinigkeit bei dem von mir organisierten Kongress kurz vor dem Durchdrehen. Wenn ich zu einer Besprechung in die Stadt fahren musste, stresste mich schon am Vorabend der Gedanke, ob ich in der Straße einen Parkplatz finden würde. Ich hatte Angst, dass alle E-Mails, die ich verschickt hatte, unhöflich und plump wirken könnten.

Ich konnte meinen Kindern nicht bei der Schule helfen. Meine Paarbeziehung litt darunter, dass ich gar keine Nähe aushielt. Ich hatte mich auch breitschlagen lassen, montagabends für ein paar Stunden auf die beiden kleinen Jungs einer Freundin aufzupassen, und der bloße Gedanke daran ließ mich verzweifeln. Ich war andauernd genervt und wäre am liebsten möglichst viel allein gewesen.

Wenn ich nach den Vorlesungstagen auf der dunklen Autobahn von Turku nach Hause fuhr, drehte ich die Musik möglichst laut auf, denn das war das einzige Mittel, die Gedanken mit etwas anderem als Beklemmung zu füllen. (Ich hörte Kate Bushs Album The Dreaming. Wahre Kraftmusik, aber seit jener Zeit, seit jenen Momenten kann ich sie nicht mehr anhören.)

Kurz nach Weihnachten schüttete ich einer Freundin, die Psychiaterin ist, mein Herz aus. Sie verschrieb mir zunächst das Antidepressivum Mirtazapin, das derart müde macht, dass ich nicht wagte, es nach einem ersten Probieren weiter zu nehmen. Dennoch wirkte es wie ein Neustart für mein Gehirn. Ein wunderbares, willkommenes Gefühl. Die Angst wich für einen Moment. Um den Jahreswechsel herum konnte ich meinen Roman fertigstellen, indem ich mich für ein paar Tage in die leer stehende Wohnung einer anderen Freundin in Kouvola zurückzog.

Als der Alltag nach dem Jahreswechsel wieder begann, ging ich in Therapie. Im Gesundheitszentrum kam ich zunächst zu einer psychiatrischen Krankenschwester und dann zu einem Arzt. Er hörte mir zu, ich bekam positive Gedanken, Stimmungsaufheller und eine Überweisung für eine Kurztherapie. Ich beantragte auch eine Kur zur Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit, die im Herbst darauf beginnen sollte.

Die Situation verbesserte sich schnell. Ich vertrug die Medikamente gut und mein Körper kam zur Ruhe, ich konnte nach und nach besser schlafen und nahm mir im Frühjahr einen Monat komplett frei. Die schlimmste Erschöpfung ließ langsam nach. Ich unternahm mit meinem Hund lange Spaziergänge in Sipoonkorpi, dem nahe gelegenen Nationalpark. In jenem Frühjahr trug die Schneedecke ausnehmend gut. Die Frühlingssonne und der lang anhaltende Frost hatten den Schnee so hart werden lassen, dass man überall ohne einzusinken gehen konnte. Die Welt erschien mir weitläufiger. Die Sonne strahlte unglaublich hell.

Ich malte an einem Gemälde und konzentrierte mich auf den richtigen Gelbton. Ich räumte das Chaos, das sich zu Hause angehäuft hatte, auf. Das Sachbuch, das ich mit meiner Freundin zusammen geschrieben hatte, erschien. Das Leben schien wieder vorwärtszufließen, anstatt irgendwo in der völligen Finsternis festgefahren zu sein.

Ich musste mit meiner Arbeit auch noch den ganzen April pausieren, denn ich erkrankte an einer ungewöhnlich starken Grippe mit all ihren Nachwehen und musste fast alle Auftritte, Versammlungen und Lehraufträge absagen. Der Sommer war ziemlich unbeschwert. Die Ferien der Kinder nahmen dem Alltag die Eile und mir machte mein neues Hobby, das CrossFit, Spaß.

Im August konnte ich die Therapie beginnen und mich auf die Ursache all meiner Probleme, also mich selbst, konzentrieren.

Obwohl die psychiatrische Krankenschwester im Gesundheitszentrum mich ermahnt hatte, mich in der Therapie ausschließlich mit dem Burn-out zu beschäftigen, wusste es die Therapeutin zum Glück besser. Sie verstand bald, dass mich nicht nur der Stress in der Arbeit oder der volle Alltag mit Familie und Beruf störten. Am meisten belasteten mich meine Beziehungen zu anderen Menschen – oder eigentlich meine ganze Art, mit anderen Menschen zusammen zu sein.

Für Menschen ist es wesentlich, inmitten von anderen Menschen zu leben. Doch wenn der Mensch Probleme mit mit anderen Menschen hat, wird sein ganzes Leben zu einem Dickicht von Schwierigkeiten.

2. Kapitel Hunde – Was passiert, wenn sie fehlen

Wie gesagt kann ich mich nicht daran erinnern, wie die Natur in dem Herbst meines Zusammenbruchs aussah. Ich müsste mich eigentlich daran erinnern, denn ich habe mich immer viel draußen bewegt, in Wäldern und auf Feldern, am Flussufer und in guten Wintern auch auf dem Eis des zugefrorenen Flusses. An jenen Herbst kann ich mich nicht erinnern, aber an den darauffolgenden Frühling, als alles sich langsam besser anfühlte. Meine mit Igor, meinem selbst getrimmten, mittelgroßen Pudel, unternommenen Ausflüge auf dem leuchtend weißen Schneehang des Nationalparks sind mir unauslöschlich in Erinnerung geblieben. Ich hatte mir kurze und breite Skier gekauft, die gut auf dem Rücksitz meines kleinen Autos Platz haben, und lief auf den Skiern mit dem Hund weiter den Fluss entlang als jemals zuvor.

Ein ebensolcher Frühling ist jetzt, zwei Jahre später, während ich an diesem Buch schreibe. Im April kann man jedoch nicht mehr Ski fahren, sodass ich beim Spaziergang mit Igor eher Plätze aufsuche, an denen die Sonne zuerst auch die letzten Schneereste schmelzen lässt.

Es ist gerade diese Zeit im Frühling, in der das Leben endlich über den Tod zu siegen scheint. Damit man versteht, was ich meine, muss man vermutlich in einem Land wie Finnland leben, in dem der Winter lang und kalt ist. Die Bäume verlieren ihre Blätter und sind über die Hälfte des Jahres bloße Skelette. Der Großteil der Vögel flieht vor dem Winter woanders hin. Eine Bekannte erzählte mir, sie hätte einem ausländischen Freund gegenüber den finnischen Winter einmal so geschildert: Es ist, als ob du dich im Gefrierschrank einschließt und dir dort in der Kälte und Dunkelheit jemand mit einem nassen Fetzen im Gesicht herumfuchtelt.

Wenn der Schnee im Frühling endlich schmilzt, sieht das Land zunächst tot aus. Unter dem Schnee kommt trockenes Gras zum Vorschein, braun gewordene Blumenstängel, eine verschimmelte graue Wiese sowie der ganze Müll, den der Schneepflug während des Winters mit dem Schnee an die Straßenränder geschoben hat. Die ersten Frühlingstage sind nicht schön. Irgendwann jedoch wird alles anders. Der Boden wird langsam grün, die toten Grashalme werden von lebenden überdeckt, die Bäume bekommen Knospen. Wir spazieren am Flussufer entlang und auf den platt getrampelten Pfaden des Naturschutzgebietes. Ich betrachte den vor mir gehenden Hund, der eifrig in den letzten Schneepfützen herumstöbert und an der Uferböschung stehen bleibt, um einem im Wasser schwimmenden Ast hinterherzusehen.

So lange ich mich erinnern kann, habe ich Hunde gemocht. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben oder als bloßes Mögen abzutun. Richtiger gesagt habe ich immer schon ein riesengroßes Bedürfnis verspürt, in der Gesellschaft von Hunden zu sein. Ich habe Hunde in mein Leben ersehnt und habe geradezu danach gedürstet.

Nicht, dass ich die Anwesenheit von Hunden gewohnt gewesen wäre. Als Kind hatte ich zu Hause nie einen Hund, worüber ich sehr traurig war. Womöglich gab es da ein frühes, vergessenes Erlebnis, das mein Interesse an Hunden geweckt hat. Ich habe meine Eltern noch nicht dazu befragt.

Aus meiner Kindheit erinnere ich mich natürlich an viele Hunde. Beinahe in allernächster Nachbarschaft gab es Joonas, einen kleinen weißen Westhighlandterrier eines älteren Ehepaares, mit dem ich einige Male spazieren ging. In derselben Straße wohnte auch ein Dalmatiner, dessen Besitzer sehr laut war und sich erbitterte Wortgefechte mit seinem Nachbarn von gegenüber lieferte. Ich weiß nicht, wie der Hund hieß, aber ich erinnere mich daran, wie das Besitzerehepaar nach seinem Tod versuchte, das Auto von seinen Haaren zu befreien. Ich half ihnen dabei, gesellte mich einfach so dazu und zupfte mit Malerkrepp Hundehaare (ich war als Kind ziemlich mutig). Als Belohnung bekam ich einen Schokoriegel.

Der liebste Hund der Umgebung war mir Lili, eine als Begleithund ausgebildete, unentwegt schwanzwedelnde Labrador-Retriever-Hündin, die irgendwann während der Unterstufe in die Familie eines Klassenkameraden kam. Mit ihr ging ich oft spazieren, besonders während der Oberstufenzeit. Lili war eine äußerst brave und unkomplizierte Hündin und sie flippte aus vor Freude, wenn ich an der Tür läutete und sie mich durch das Flurfenster erblickte. Den ersten halben Kilometer sind wir immer voll gesprintet, damit Lili ihre überschüssige Energie abbauen konnte. Danach durchstreiften wir mitunter stundenlang die Wälder und das Flussufer meines Heimatstädtchens. Manchmal riss Lili von zu Hause aus und kam mir auf dem Schulweg entgegen. Sie drehte selbstständig ihre gewohnte Morgenrunde und ging dabei immer am Straßenrand, wie es sich gehörte. Wenn Lilis Bruder ausriss, steuerte er immer gleich den Bahnhof an und stieg in den nächstbesten Zug ein.

Und dann war da noch Saara, die schokoladenbraune Labradorhündin einer befreundeten Familie, die ich die ganzen zwei Stunden lang am Bauch kraulen konnte, die wir bei ihnen auf Besuch waren. Und alle Hunde meiner Freunde: Jesse, Turre, Leevi, Kössi, Lara, Taku, Netta, Romeo …

Hunde waren für mich immer schon die wichtigsten Tiere. Dennoch fand ich auch alle anderen Tierarten außerordentlich ­interessant. Ich hatte einfach das Bedürfnis, mit Tieren zusammen zu sein – also mit anderen Tieren als dem Menschen. Ich interessierte mich für Katzen, Pferde, Vögel, Frösche sowie eigentlich für alle Tiere, die mir über den Weg liefen.

In der dritten Klasse wechselte ich aus der normalen Unterstufe in die Musikklasse und fand unter meinen neuen Klassenkameraden eine zweite Tierbegeisterte. Wir verbrachten viel Zeit in den nahe gelegenen Wäldern und fingen heimlich Maulwürfe und Mäuse im Holzschuppen meiner Familie. Lebendig natürlich. Meine Freundin hatte beneidenswerte Fähigkeiten, sie wusste beispielsweise, wie man aus einem Eimer, einer Plastiktüte und einem Köder eine Falle baute. Wir hatten vor, eine Art geheimen Tiergarten auf dem Zwischendach des Schuppens zu errichten, aber zu ihrem Glück konnten unsere Nagetierfreunde entkommen, indem sie ein Loch in das Plastikterrarium nagten. Heute arbeitet diese Freundin als Ökologieprofessorin.

Ich konnte betteln, soviel ich wollte, meine Familie schaffte sich trotzdem keinen Hund an, aber in der dritten oder vierten Klasse bekam ich eine Rennmaus als Geschenk – genauer gesagt einen Mäuserich. Er hieß Max Moritz von Gerbil und konnte hervorragend Treppen hinaufhoppeln. Sein schöner wildbrauner Farbton am Rücken ging an den Seiten zum Goldblond am Bauch über. Am Schwanzende hatte er eine Quaste. Später bekam ich ein kleines Aquarium, in dem ich zu viele und die falschen Fische unterbrachte.

Viele meiner Haustiere habe ich in meiner Unwissenheit falsch behandelt, was mir nach Jahrzehnten noch immer zu schaffen macht. Mein erster Aquarienfisch, ein einsamer Guppy, lebte in einem kleinen Plastikbehälter. Er hätte viel mehr Platz, einen richtigen Filter und Artgenossen um sich herum gebraucht. Mein späteres Sechzig-Liter-Aquarium war viel zu klein für die große Anzahl an Fischen, die ich hatte, und ganz besonders für meinen groß gewachsenen Harnischwels, einen Bodenfisch mit einer schönen hohen Rückenflosse.

Zehn Jahre lang hatte ich eine Erdkröte als Haustier, die mir meine Kusinen von einer Joggingrunde mitgebracht hatten, weil meine Tierliebe für sie eine lustige Schrulle darstellt. Die daumengroße Kröte bekam viel zu unregelmäßig Futter und ich war zu unwissend, um ihr zum Beispiel ihren Winterschlaf zu lassen – abgesehen davon, dass man Wildtiere niemals gefangen nehmen sollte. Das ist unethisch.

Ich hatte das Bedürfnis, mit Tieren zusammen zu sein, aber keine Ahnung, wie man sie richtig behandelt.

Jahrelang hatte ich auf der Terrasse unseres Hauses ein Glasgefäß stehen, dessen Bewohnerschaft ich aus dem Bach geholt hatte: Wasserflöhe, kleine Wasserschnecken und Wasserasseln, außerdem natürlich Wasserpflanzen. Sie schienen in dem Behälter sehr gut zurechtzukommen, wenn ich das Wasser immer wieder nachfüllte. Das Miniaturökosystem war auch für die Erwachsenen interessant zu beobachten.

Max Moritz von Gerbil starb im respektablen Alter von dreieinhalb Jahren, und danach geriet die Lage ein wenig außer Kontrolle. Neben dem Aquarium und der Erdkröte hatte ich Feuerechsen oder richtiger gesagt wahrscheinlich Feuersalamander. Ich hatte auch Stabschrecken, Riesenerdschnecken, Hausgrillen sowie Amerikanische Großschaben. Die Schaben hielt ich heimlich, weil meine Mutter mir befohlen hatte, sie loszuwerden. Die Hausgrillen veranstalteten hingegen einen so fürchterlichen Lärm, dass ich ihr Terrarium nachts unter ein Sitzkissen und einen Stapel von Decken stellen musste, damit ich schlafen konnte.

Eine Hausgrille entkam und etwas später hörte man aus der Wand neben meinem Bett ein furchterregendes Knirschen, ein völlig unwirkliches Geräusch, ich war sicher, dass Außerirdische irgendeinen Apparat in den Schornstein hatten fallen lassen.­Tatsächlich habe ich bis ins Erwachsenenalter hinein ziemlich irrationale Ängste gehabt. Zwischen dem Verschwinden der Grille und dem Auftreten des Geräusches war so viel Zeit vergangen, dass ich die beiden Ereignisse nicht miteinander in Zusammenhang brachte. Das Geräusch war so angsteinflößend, dass ich mich nächtelang weigerte, in meinem Zimmer im Obergeschoss zu schlafen. Eines Nachts kam die Grille endlich aus der Wand heraus und meine Eltern töteten sie. Ich weiß nicht, warum ich das Geräusch nicht als das meiner eigenen Hausgrille erkannte, vielleicht klang es aus dem Inneren der Wand übertragen anders oder die betreffende Grille war von einer anderen Art als diejenigen, die ich vorher gehabt hatte.

Irgendwann in den letzten Jahren am Gymnasium kümmerten sich meine Eltern nicht mehr so sehr darum, was ich alles in mein Zimmer schleppte. Ich hatte mehrere Rennmäuse und später einen Hamster, ein geradezu unfassbar niedliches Geschöpf. Für meinen ersten richtigen Freund besorgten wir zusammen drei Degus. Vom Aussehen erinnerten die wildbraunen Nager an groß gewachsene Rennmäuse, von ihrer Lebensart und den Kletterkünsten an eine Kreuzung zwischen Ratten und Eichhörnchen. Während meiner Studienzeit, als ich schon von zu Hause ausgezogen war, hatte ich sogar mehrere Ratten, aber da hatte ich auch meinen größten Traum verwirklicht: Ich wohnte mit einem Hund zusammen. Den Hund hatte mein damaliger Lebensgefährte angeschafft.

Von allen Tierarten war insbesondere der Hund mein Traum und mein Seelentier, die Verdichtung all meiner Tierliebe und meiner Sehnsucht nach tierischer Gesellschaft. Und das ist er noch immer.

Nach dem Gymnasium begann ich ein Studium der Biologie – natürlich. Ich war zufrieden, bis ich nach dem ersten Studienjahr eine mittlere Krise erlebte. Ich war die ganze Zeit über sicher gewesen, dass ich in Richtung Ökologie weitermachen und Tiere und Tierpopulationen erforschen würde. Während des an sich schnell und erfolgreich absolvierten Studiums hatte ich jedoch immer mehr das Gefühl, dass ich mich auf etwas Kleineres konzentrieren wollte. Ich wollte genauer hinsehen. Als Hauptfach wählte ich Genetik und habe die Wahl nie bereut. Über die Gene kann man das ganze Leben betrachten, seine Regelmäßigkeiten und den Wandel.

Ich begann schon ziemlich früh, an meiner Masterarbeit zu schreiben, im Frühjahr meines zweiten Studienjahres. Ich saß oft auch an den Wochenenden im Labor, kümmerte mich um die Zellkulturen und setzte Polymerase-Kettenreaktionen in Gang, mit deren Hilfe man gewünschte DNA-Frequenzen vervielfältigt. Das Ziel war es, solche Kopien des menschlichen MLH1-Gens zu konstruieren, die mit einer bestimmten Dickdarmkrebsart zusammenhängende Mutationen aufwiesen. Als ich die Mutantengene hergestellt hatte, züchtete ich in den Zellkulturen Proteine, die diese Mutationen enthielten, und untersuchte die Wirkung der Mutationen auf die natürliche Funktionsweise der Proteine. Das MLH1-Protein hat eine wichtige Aufgabe in den Zellen: Es repariert in der DNA entstandene Schäden. Menschen, die eine genetische Veranlagung dafür haben, an Dickdarmkrebs zu erkranken, haben oft eine vererbte Mutation in dem Gen, das für die Kodierung des MLH1-Proteins zuständig ist. Wenn die Reparatur der DNA nicht funktioniert, häufen sich in den Chromosomen der Zelle Fehler und schließlich kann die Zelle zu einer Krebszelle werden.

Nach der Masterarbeit begann ich meine Doktorarbeit zum selben Thema zu schreiben. Mittendrin kam mein erstes Kind zur Welt und ich nahm einen kurzen Mutterschaftsurlaub, und ungefähr ein halbes Jahr nach Fertigstellung meiner Dissertation nahm ich mir zum zweiten Mal Mutterschaftsurlaub, als mein Jüngster geboren wurde.

Während der Mutterschaftsurlaube widmete ich mich einem weiteren Traum: Ich fing an, Kurzgeschichten und einen Roman zu schreiben. Meine Kurzgeschichte »Fischadler« gewann auch bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb, aber von der Preisverleihung weiß ich nur noch, dass ich mich unförmig und verschwitzt fühlte. Einen Monat zuvor hatte ich meinen Jüngsten zur Welt gebracht.

Wie die Gesellschaft um mich herum hatte auch ich immer gedacht, dass ein Hund bloß ein Haustier ist, ohne größere Bedeutung für alle außer Haustierliebhaber. Ich hätte mich nicht mehr irren können. Als ich aus meinem zweiten Mutterschaftsurlaub zur Forschung zurückkehrte, durfte ich mit einer Forschungsgruppe zusammenarbeiten, die die Gene von Hunden untersuchte. Zum ersten Mal überhaupt schaute ich aus wissenschaftlicher Perspektive auf dem Hund. Der Forscher Hannes Lohi, den ich bereits vorher kannte, war nach seiner Postdoc-Phase in Kanada wieder nach Finnland zurückgekehrt und hatte ein ambitioniertes Projekt gestartet, das eine riesige Biodatenbank finnischer Haustierhunde zusammensammeln sollte. Wir redeten mit vielen Hundemenschen: mit Züchtern, Vertretern von Rassevereinen, Tierärzten und sogar mit Chefs der Polizeihundestaffeln. Wir versuchten herauszufinden, was für Gesundheitsprobleme es unter den Rassehunden gab.

Hannes hatte während seiner Jahre in Kanada eine wichtige Entdeckung gemacht: Er hatte mit seinen Kollegen bei Vertretern der Lagotto-Romagnolo-Hunderasse einen Gendefekt entdeckt, der Epilepsie verursacht. Die Epilepsie, an der die Lagottos, auch italienische Wasserhunde genannt, erkranken, gleicht der sogenannten Lafora-Krankheit, einer Epilepsie-Form, die bei Menschen im Teenageralter auftritt. Diese Entdeckung war der Beginn der bedeutenden Forschungsrichtung, die Hannes in Finnland initiierte. Indem man die Gene von Hunden untersucht, kann man Erklärungen für Krankheiten der Menschen finden.

Wenn man aus der Evolutions-Perspektive auf die Welt der Lebewesen schaut, ist es mehr als eindeutig, dass Mensch und Hund nah miteinander verwandt sind. Darüber hinaus haben Menschen und Hunde viele sehr ähnliche Krankheiten: Zivilisations­krank­heiten, Herzfehler, verschiedene Formen der Epilepsie, Krebs, Autoimmunerkrankungen und so weiter. Häufig steckt hinter Krankheiten die Fehlfunktion eines oder mehrerer Gene und oft kann sogar eine genetisch vererbte Veranlagung dazu führen, dass man an einer bestimmten Krankheit erkrankt.

Wie die anderen Säugetiere auch teilen Mensch und Hund im Großen und Ganzen dieselben Gene. Im Erbgut der Hunde ist es jedoch einfacher, bestimmte Symptome verursachende Genveränderungen zu finden, als in dem des Menschen. Das hat mehrere Gründe. Erstens sind die Hunde einer Hunderasse wegen strenger Zuchtkriterien einander genetisch sehr ähnlich. Die Züchtung und die Kreuzung untereinander unterbindet zusätzliche Veränderungen im Erbgut – also im DNA-Inhalt aller Chromosomen. Wenn es weniger »Hintergrundrauschen« gibt, ist der mit der Krankheit zusammenhängende Gendefekt leichter auszumachen.

Auch gibt es in den Stammbäumen der Rassehunde mehr Mitglieder und man kann ihre Herkunft weiter zurückverfolgen als beim Durchschnittsmenschen. Das erleichtert ebenfalls das Finden von Krankheitsgenen. So kann man mit der Forschung sowohl den Gesundheitszustand der Menschen als auch den der Hunde verbessern. Mittlerweile ist Hannes schon längst Professor und weltweit führender Experte auf seinem Gebiet.

Ich war nicht sehr lange bei der Hundeforschung dabei, denn ich brannte darauf, zu schreiben. Der Alltag mit kleinen Kindern war hektisch und ich begriff, dass meine beiden Leidenschaften – die Literatur und die Forschung – einfach nicht gleichzeitig in mein Leben passten. Beide verlangten Aufopferung und gleichermaßen kreative Energie. Ich wurde freiberufliche Schriftstellerin und ging ernsthaft daran, meinen Debütroman fertigzustellen. Ich war jedoch sehr dankbar für meinen Abstecher in die Welt der Hundeforschung. Erst dadurch hatte ich die Einzigartigkeit der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Hund verstanden. Ich begriff, wie alt der Hund als Spezies ist und wie das Zusammenleben mit dem Menschen sein Wesen geprägt hat. Ich begriff auch, was für eine wichtige Rolle der Hund in der menschlichen Kultur spielt. Einige Jahre später schrieb ich mein erstes Sachbuch. Es handelte natürlich vom Hund und seiner Evolutionsgeschichte.

Woher kam mein Interesse für Tiere? Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto mehr bin ich der Überzeugung, dass es sich um eine angeborene Eigenschaft handelt, ein Bedürfnis, das aus den individuellen Persönlichkeitsmerkmalen entspringt. Ich glaube, dass ich im Großen und Ganzen als eine solche nach tierischer Gesellschaft lechzende Hundefreundin zur Welt gekommen bin.

Viele begründen die Tierliebe abschätzig und etwas unwissenschaftlich mit dem Pflegeinstinkt, also dem besonders für Frauen typischen biologischen Bedürfnis, sich um den Nachwuchs zu kümmern – und wenn es solchen nicht gibt, um etwas anderes.

Ich habe noch nie an diese Begründung geglaubt. Natürlich ging es in meiner Beziehung zu Max Moritz von Gerbil oder später zu den Hunden auch viel um Pflege. Es ist in vielerlei Hinsicht erfüllend, auf die Bedürfnisse eines Tieres richtig einzugehen: zu sehen, dass es das Futter isst, das ich ihm anbiete, sein Geschäft dort verrichtet, wo ich es vorgesehen habe, und sich in dem Schlafhäuschen wohlfühlt, das ich für ihn gebaut habe, und dort seinen Futtervorrat anlegt. Andererseits ist es für mich auch intellektuell belohnend, wenn es gelingt, einer sich vom Menschen unterscheidenden Tierart eine funktionierende Umgebung anzubieten. Wenn das Tier sich in der von mir geschaffenen Umgebung sichtlich wohlfühlt, habe ich das Gefühl, als hätte ich ein Rätsel gelöst. Es war als Kind direkt ein Triumph für mich, als ich lernte, die Frösche und meine Kröte zu füttern, indem ich ein Stück Futter auf meine Fingerspitze legte und sie dann vor dem Tier bewegte. Als das Elsterjunge, das bei uns zur Pflege wohnte, seinen Schnabel zum Essen nicht öffnen wollte, hatte ich die Idee, einen schwarzen Handschuh anzuziehen. Daraufhin öffnete sich der Schnabel. Vielleicht ähnelte die Farbe des Handschuhs ein bisschen dem schwarzen Kopf der Vogelmutter.

Ich erinnere mich nicht daran, dass ich als Kind und Jugendliche irgendeine Art von Pflegeinstinkt gegenüber Menschenkindern oder Babys gehabt hätte. Ich spielte nicht mit Babypuppen und empfand die Kleinkinder in meiner Verwandtschaft eher als lästig. Ich kann mich eigentlich nicht einmal an sie erinnern, als sie klein waren. Manche meiner Freundinnen hatten bereits im Gymnasium einen starken Wunsch nach eigenen Kindern, aber ich selbst konnte mich damals mit diesem Gefühl keinesfalls identifizieren.

Wenn die Tierliebe bloß ein Nebenprodukt des normalen Pflege­instinktes wäre, müsste dieser Instinkt dann beim Menschen nicht auch in seiner Ursprungsform zu erkennen sein? Wenn ich als Kind aus einem Pflegeinstinkt heraus Tiere um mich versammelte, hätte man denselben Pflegeinstinkt dann nicht auch gegenüber kleinen Menschenkindern bemerken müssen?

Der Großteil meiner Haustiere war außerdem ziemlich weit vom Menschen entfernt. Die langgliedrigen und schwebenden Ästen gleichenden Stabschrecken waren nicht gerade dafür geschaffen, den Pflegeinstinkt zu wecken, den die kindlich runde Erscheinungsform der eigenen Kinder sofort hervorruft.

Um ehrlich zu sein, fürchtete ich mich anfangs sogar vor meinen Stabschrecken. Als kleines Kind graute es mir richtiggehend vor Weberknechten und später wurde dieselbe Angst durch die sechsbeinigen und sich schaukelnd fortbewegenden Stabschrecken ausgelöst. Trotzdem kaufte ich sie in der Zoohandlung, und als die größte von ihnen einmal entlaufen war, musste ich sie in meinem Zimmer suchen. Als ich unter meinen Schreibtisch kroch, fand ich sie an der Unterseite der Tischplatte, nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich musste all meinen Mut zusammennehmen, um das große Insekt mit der Hand zurück in sein Terrarium zu setzen.

Die Stabschrecken waren überhaupt nicht auf jene Art niedlich, wie man es oft von Haustieren annimmt. Und auch die streichholzschachtelgroßen Schaben, die den Stabschrecken folgten, waren das nicht. Und obwohl sie in ihrem Terrarium irgendwie auf eine sympathische Weise ungelenkig wirkten, konnte ich es überhaupt nicht genießen, als vor ein paar Jahren im Urlaub Schaben der gleichen Größe über den Boden meiner Ferienwohnung in Dubrovnik kraxelten. Dennoch habe ich mich als Kind auch für Schaben interessiert. Ich versuchte, für sie passendes Futter zu finden und im Terrarium eine Umgebung für sie zu schaffen, in der sie sich wohlfühlten. Informationen über unterschiedliche Tiere fand man damals nicht so leicht wie jetzt im Internetzeitalter.

Wesentlich für meine Tierliebe scheint mir der Austausch, eine Wechselwirkung zwischen mir und dem Tier zu sein. Dass wir miteinander kommunizieren. Mit den Stabschrecken bestand die Kommunikation darin, dass sie die Blätter aßen, die ich ihnen brachte, und auf den Ästen herumkletterten, die ich ihnen im Terrarium platzierte. Mit der Rennmaus war die Kommunikation schon viel mannigfaltiger: Sie kam aus ihrem Terrarium freiwillig in meine Hand, fraß mir ihr Lieblingsessen direkt aus der Hand und lernte, die lange Treppe im Zuhause meiner Kindheit bis nach oben zu hüpfen, als ich den Fortschritt mit Sonnenblumenkernen belohnte.

Vielleicht ist dieses Bedürfnis nach Wechselwirkung ein Schlüssel dafür, dass mir von allen Nicht-Menschen-Tieren gerade die Hunde die liebsten sind. Der Hund ist ein Tier, mit dem man kommunizieren kann und das ganz klar auch selbst mit dem Menschen in Austausch treten will.

Warum reicht mir die Kommunikation mit Menschen nicht? Die ist doch viel mehr von Belang. Warum das Leben mit Weichtieren und Gliederfüßlern verschwenden, die meistens nicht einmal meine Anwesenheit bemerken, wenn ich zur selben Zeit mit meinen Artgenossen beispielsweise über Friedrich Dürrenmatts Bücher diskutieren könnte oder über Kingston Walls Musik oder darüber, wie man die letzte Szene in Joyce Carol Oates Roman My sister, my love interpretieren könnte?

Warum versuche ich, mit einem Hund kommunizieren, wenn der Versuch jedenfalls größtenteils zum Scheitern verurteilt ist? Ich liebe lange analytische Gespräche mit Menschen. Dennoch muss ich ehrlich zugeben, dass mich andere Tiere viel mehr interessieren als meine Artgenossen.

Ich lese diese Aussage von eben immer wieder von Neuem. Sie hört sich roh an, kalt und absolut falsch, denn am wichtigsten auf der Welt sind mir meine Kinder und ihr Wohlergehen.

Mit fremden Menschen, die mir entgegenkommen, mag ich dennoch nicht reden – dagegen fällt mir auf, dass ich mit mir entgegenkommenden Katzen, Pferden, Krähen und Fröschen immer Kontakt aufnehme. Ich könnte stundenlang die Vögel im Vogelhäuschen beobachten oder die Igel beim Herumwuseln, aber ich könnte nicht stundenlang in einem Café sitzen und fremde Menschen beobachten.

An der Begegnung von Tieren und Menschen gibt es doch einen wesentlichen Unterschied. Von Tieren umgeben verspüre ich eine innere Ruhe, die ich unter Menschen, wie mir scheint, nie erreichen kann.

Als meine Angstzustände und meine Erschöpfung vor zwei Jahren sich allmählich besserten und ich mich bei Frühlingsanbruch schon Schritt für Schritt ein bisschen besser fühlte, kehrte dennoch nicht alles wieder zum Normalen zurück. Ich hatte ein riesiges Bedürfnis, allein zu sein. Meine Kinder ertrug ich – allerdings neigen Teenager ohnehin dazu, sich in ihr Zimmer hinter verschlossene Türen zurückzuziehen. Aber sonst spürte ich, wie mich Menschen sehr schnell überforderten. Die Nähe meines Partners war zum Beispiel zu anstrengend für mich. Ich hatte das Gefühl, dass die bloße Anwesenheit eines anderen Erwachsenen andauernd etwas von mir verlangte: den anderen wahrzunehmen, seine Reaktionen, Stimmlagen, Worte und alle möglichen versteckten Botschaften zu deuten, mein eigenes Dasein anzupassen. Auch kurze Besuche waren anstrengend. Ich ließ Geburtstage von Bekannten und Freunden ausfallen, mied Buchpremieren, Konzerte und Kunstausstellungseröffnungen.

Große Menschenansammlungen gingen mir gegen den Strich. Mit meinen Freundinnen traf ich mich natürlich – aber nur unter vier Augen oder in kleinen Gruppen, aber die Treffen waren leichter, weil ich wusste, dass sie nicht endlos lange dauern würden.

Überhaupt ertrug ich die Kommunikation mit Menschen am Vormittag besser als am Abend. Am Abend war ich schon merklich erschöpft und auch kleine Dinge belasteten mich unverhältnismäßig stark. Wenn zum Beispiel abends noch eine Nachricht aus der Schule meiner Kinder eintrudelte und ich mit dem Kind beispielsweise noch herausfinden musste, wo seine Schlittschuhe oder Skier waren, zischte und brodelte es in meinem Gehirn beim Schlafengehen und es ließ sich nicht abschalten.

Jetzt sind seit jenem von Erschöpfung gezeichneten Frühjahr zwei Jahre vergangen. Mein Zustand hat sich weiterhin allmählich gebessert, aber die Empfindlichkeit gegenüber sozialer Belastung ist geblieben. Am Abend noch am Sofa sitzen zu bleiben, um mit der Familie zu reden, ist nicht gut. Auch nur ein kurzer Blick auf Facebook oder Twitter kann dazu führen, dass ich spät am Abend noch etwas sehe, was dann in meinem Kopf herumspukt. Die abends angesiedelten, mit der schriftstellerischen Tätigkeit verbundenen Auftritte kosten mich garantiert den nächtlichen Schlaf. Auch sonst kommt es mir fast unmöglich vor, zu Abendveranstaltungen zu gehen, und seien sie noch so nett und interessant. Ich bin mittlerweile diejenige, die von Abendessen und einem zusammen verbrachten Abend spätestens um neun nach Hause geht. Es geht nicht allein um physische Ermüdung. Die Begegnung mit anderen Menschen hat etwas an sich, was mich auf eine ganz besondere Weise belastet.

War ich immer schon so? Bin ich von meiner Persönlichkeit her introvertiert, eine Person, die strikt nach innen gekehrt ist und die jegliche soziale Interaktion Energie kostet? Bestimmt, zum Teil. Ich habe mich immer auch alleine wohlgefühlt. Meine eigenen Gedanken sind meines Erachtens äußerst interessant und unterhaltsam.

Früher habe ich mich jedoch in der Gesellschaft von Menschen wohlgefühlt. Ich habe sowohl Feste wie gemeinsame Abende genossen und leicht neue Menschen kennengelernt. Ich war von Menschen begeistert, ließ mich von ihnen inspirieren, zog Kraft aus den Begegnungen mit ihnen. Eine derartige durch Menschen hervorgerufene Erschöpfung, wie ich sie hier beschreibe, habe ich früher nicht gekannt.

Allerdings bin ich sowieso der Meinung, dass das Wesen der Menschen immer eine Kombination aus Introvertiertheit und Extrovertiertheit ist und deren Ausmaß nicht in Stein gemeißelt. In verschiedenen Lebenslagen kommen verschiedene Merkmale zum Vorschein. Wenn man von introvertierten und extrovertierten Menschen spricht, versucht man zudem nie, den Grund für diese Persönlichkeitsmerkmale zu finden. Es muss irgendeinen Grund dafür geben, dass wir Menschen uns darin unterscheiden, wie wir die Gesellschaft anderer Menschen erleben.

Jedoch belastet mich sogar in den schlimmsten Momenten meines Lebens nicht jede Gesellschaft. Während der Zeiten der Angst und der Erschöpfung, wenn ich allein sein wollte und Menschen mied, habe ich mich mit meinem Hund immer wohlgefühlt. Igor kam eineinhalb Jahre vor meinem Zusammenbruch zu uns und war zur Zeit meiner schlimmsten Erschöpfung jung, lebhaft und suchte Aufmerksamkeit. Dennoch hat auch seine fordernde Präsenz nie etwas Belastendes für mich gehabt. Und ein Hund versteht es tatsächlich zu fordern. Er hebt nicht die Hand, um sich zu Wort zu melden, und beschäftigt sich auch nicht mit seinem Handy, während er auf mich wartet. Im Gegenteil, Igor stößt mich mit seiner Schnauze am Knie an, wenn er Hunger hat. Er hüpft im Flur auf und ab, bis ich ihn in den Garten lasse. Er sitzt vor mir und starrt mich an, bis ich aufstehe und er mir zeigen kann, was er will.

Mitten in meinem Unwohlsein habe ich die ganze Zeit über gewusst, dass die mit meinem Hund zu zweit verbrachten Momente mir besonders guttun. Als ich es eilig hatte, waren es kurze Spaziergänge und ein Abstecher in den nahe gelegenen Wald, aber je weiter meine Genesung voranging, desto länger verweilten wir in Naturschutzgebieten und auf Naturpfaden. Meine Seele und mein Körper kommen zur Ruhe, wenn ich den neben mir auf dem Sofa schlafenden Igor betrachte. Meine Finger graben sich automatisch in sein Fell. Ich bin vielleicht der routinierteste Hundekrauler der Welt.

Ich kann nicht umhin zu fragen: Was hat es mit einem Menschen auf sich, der eher seinen Hund erträgt als seine Artgenossen?

3. Kapitel Zu viel Gefühl

In der Unterstufe war meine Lieblingssendung im Fernsehen Star Trek – Das nächste Jahrhundert. In der Serie befehligt Kapitän Jean-Luc Picard das zur Sternenflotte gehörende Raumschiff Enterprise irgendwo weit, weit weg in den noch nicht erkundeten Weiten des Weltalls.

Eine der zentralen Personen in der Mannschaft des Raumschiffes ist die Beraterin Deanna Troi. Ihre Mutter ist kein Mensch, sondern eine Betazoidin, das ist eine humanoide Spezies, und aufgrund ihrer Herkunft besitzt Troi telepathische Fähigkeiten. Wie die Artgenossen ihrer Mutter spürt sie auch über weite Entfernungen die Gefühlslage anderer Individuen.

Deanna Troi erspürt die psychischen Schwierigkeiten der Mannschaft und kümmert sich wie eine Kuratorin oder Therapeutin um sie. Eine noch wichtigere Rolle kommt Troi jedoch dann zu, wenn die Enterprise auf Vertreter einer fremden Intelligenz oder auf Siedlungen im All stößt. Kapitän Picard kann leichter Entscheidungen treffen, wenn er unterscheiden kann, ob die Vertreter der fremden Art beispielsweise wütend oder ängstlich sind.

Deanna Troi spürt ihre Wahrnehmungen sehr physisch. Wenn sie das Leid fühlt, das sich in einer Siedlung auf einem Planeten ereignet hat, stößt sie einen Urschrei aus und sackt auf der Kommandobrücke zusammen. Insbesondere Trauer und Tod haben eine starke Wirkung auf sie, sie verursachen regelrecht körperliche Schmerzen bei ihr.

Troi ist eine erfundene Figur, deren Eigenschaften mit fiktiven Umständen erklärt werden, wie dem genetischen Erbgut einer fremden humanoiden Art. In die wirkliche Welt versetzt wäre Deanna Troi ein sehr mitfühlender, empathischer Mensch, der unentwegt auslotet, was die Personen um ihn herum fühlen. Ein Psychopath ist im Gegensatz dazu nicht fähig Empathie zu empfinden. Er strebt danach, die anderen Menschen nach seinem Willen zu verändern, während ein super empathischer Mensch damit beschäftigt ist, in dem Gefühls-Dickicht anderer Menschen einfach nur zu überleben.

Die Deanna Trois im wirklichen Leben nehmen die Emotionen anderer Menschen in sich auf und fühlen sie womöglich noch stärker als ihre eigenen.

Ich bin Deanna Troi. Ich nehme ständig wahr, was die Menschen um mich herum fühlen. Ich mache mir schon im Vorhinein Sorgen darüber, dass andere Menschen enttäuscht, wütend, genervt, beängstigt oder traurig sein könnten. Wenn ein Mensch in meiner Umgebung dann enttäuscht, gereizt oder traurig ist, kann ich mich nicht auf mein eigenes Leben konzentrieren. Die Gefühle des anderen Menschen füllen meine Gedanken. Ich bin sehr empfänglich für die Stimmlagen, Gesten und Mimik der Menschen. Ich beobachte diese ständig und passe mein Verhalten an sie an. Ich tue mich sehr schwer, anderen etwas abzuschlagen, weil ich niemanden enttäuschen will.

Das alles hört sich so an, als wäre ich sehr uneigennützig und hilfsbereit. Ganz so ist es aber nicht. Im Grunde geht es zum Beispiel bei der Schwierigkeit, Nein zu sagen, auch um Egoismus, darum, das eigene Wohlbefinden nicht zu gefährden: Ich will mit allen Mitteln die Bedrängnis vermeiden, die bei mir durch die negativen Gefühle anderer Menschen aufkommt. Denn meine Bedrängnis ist etwas sehr Physisches. Alle, die starke Angstzustände erlebt haben, wissen, dass man Geist und Körper eines Menschen nicht voneinander trennen kann. Das Herz schlägt schneller, auf der Brust lastet ein Druck. Der Körper gerät in einen Ausnahmezustand. Nachts wälze ich Probleme und leide an schlimmer Schlaflosigkeit. Ich will Situationen vermeiden, in denen ich anderen Menschen Ungemach bereiten könnte, um meine eigenen Angstzustände möglichst gering zu halten. Ich will nicht in Situationen geraten, in denen mir meine Empathielast zu schwer wird. Deswegen passe ich mich dem Leben der anderen an.

Mich selbst sehe ich in vielerlei Hinsicht widersprüchlich. Vor sozialen Situationen bin ich nervös, dennoch genieße ich die Gesellschaft von Menschen. Ich lerne schnell neue Menschen kennen und habe auch jetzt im Erwachsenenalter viele neue Freundschaften geschlossen. Ich werde rasch zum Teil einer Gruppe. Dennoch ist das Zusammensein mit Menschen gleichzeitig anstrengend. Ich reagiere auf die Bedürfnisse der anderen und passe mich den anderen an, aber ich kann Menschen auch im Nullkommanichts aus meinem Leben ausschließen. Das ist immer ein Zeichen dafür, dass ich die Gefühlsbelastung zu lange mit mir herumgeschleppt habe und keinen anderen Ausweg mehr sehe.

In Freundschaften und Paarbeziehungen ist meine Eigenart immer wieder eine große Belastung gewesen. Für das Gegenüber ist es ja zunächst ein Geschenk. Ich bin mit allem einverstanden, will keine Entscheidungen treffen, die zu Reibereien führen könnten, ich beschwere mich nicht und meckere schon gar nicht.

Während das Raumschiff Enterprise die unendlichen Weiten des Weltalls erkundet, wird Deanna Troi mehrere Male von einer unbekannten Intelligenz »eingenommen«: Ein fremder Geist erobert Trois Bewusstsein. Ich kann mir vorstellen, wie das ist. In einer Paarbeziehung fürchte ich, dass meine eigenen Grenzen verschwinden und ich sozusagen mit den Bedürfnissen und Gefühlen des anderen verschmelze. Und nach manch einer sehr fröhlichen Veranstaltung voller Menschen, Begegnungen und Gespräche habe ich das Gefühl, dass ich voller fremder Menschen bin und mein eigenes Ich bedeutungslos wird und verschwindet. Das ist sehr unangenehm und sogar beängstigend.