Warum wir arbeiten - Benedikt Weibel - E-Book

Warum wir arbeiten E-Book

Benedikt Weibel

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Beschreibung

Benedikt Weibel beschreibt in seinem neuesten Buch, wie Arbeit die menschliche Existenz prägt und stellt ihren Wandel im Lauf der Zeit vor. Was können wir in Zukunft von der Arbeit erwarten? Der Autor analysiert die zehn Zäsuren, die die Arbeit im Lauf der Zeit fundamental verändert haben. Über Jahrtausende war die Antwort auf die Frage nach dem Weshalb klar: «Um zu überleben». Heute heisst es immer mehr: «Weil es Sinn macht». Weibel analysiert Megatrends und in Diskussion stehende Zukuntsszenarien, die das Ende der Arbeit verkünden. Doch Niemand weiss, wie die Zukunft ist. Das wahrscheinlichste Szenario lässt sich aber vermuten: dass die Arbeit ein prägendes Element der menschlichen Existenz bleibt.

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Benedikt Weibel

Warum wirarbeiten

Sinn, Wert und Transformationder Arbeit

NZZ Libro

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2020 NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe AG

Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2020 (ISBN 978-3-907291-04-7)

Lektorat: Sigrid Weber, Freiburg i. Br.

Titelgestaltung: TGG Hafen Senn Stieger, St. Gallen

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN E-Book 978-3-907291-05-4

www.nzz-libro.ch

NZZ Libro ist ein Imprint der Schwabe Verlagsgruppe AG

Inhalt

Prolog

1. Was ist Arbeit?

2. Am Anfang war die Arbeit

Erste Zäsur: Sesshaftigkeit

Zweite Zäsur: Urbanisierung

Dritte Zäsur: Industrialisierung

Vierte Zäsur: Fordismus

Fünfte Zäsur: Toyotismus

Sechste Zäsur: Tertiarisierung

Siebte Zäsur: Feminisierung

Achte Zäsur: Shareholder-Value

Neunte Zäsur: Digitalisierung

Zehnte Zäsur: Unternehmenskultur

3. Kontinuität und Brüche

Arbeit und Armut

Krisen und Ängste

Der Spitze der Pyramide entgegen

4. Gespenster und Hoffnungen

Megatrends

Ende der Arbeit?

Arbeitsprofil der Zukunft

Wie die Zukunft gelingen kann

– Gefordert ist der Staat

– Gefordert sind die Unternehmen

– Gefordert sind die Gewerkschaften

– Gefordert sind die Mitarbeitenden

5. Ora et labora oder Schlaraffenland?

Arbeit prägt die Identität

Was Mitarbeitende erwarten

Tun, was man gut kann

Motivation

Einstellung

Die Weisheit der 100-Jährigen

Nicht-Arbeit

Ruhestand

6. Thesen

Epilog

Anmerkungen

Literatur

Personen- und Sachverzeichnis

Dank

Prolog

Ein Buch über Arbeit zu schreiben ist Arbeit.

Obwohl ich immer höre: «Warum tust du dir das an?» («In deinem Alter», sagen sie nicht, meinen es aber.) Oder: «Das hast du doch nicht mehr nötig.» Oder: «Geniess doch mal das Leben …» Gerade deshalb schreibe ich dieses Buch. Weil ich es gerne mache. Und weil ich auch für mich selber nach Antworten suche.

Wenn es darum geht, dem Leben Sinn, Inhalt und Struktur zu geben, spielt die Arbeit eine zentrale Rolle. Das ist die individuelle Perspektive. Stärker noch treibt mich die gesellschaftliche Perspektive um. Die Zukunft der Arbeit ist in diesen Zeiten des vermuteten Umbruchs unsicher und Gegenstand üppigster Spekulationen. Es gibt kaum ein Thema, das für die Entwicklung von Mensch und Gesellschaft von grösserer Bedeutung ist.

Seit Jahrhunderten gibt es kontroverse Ansichten über die Zukunft der Arbeit und ihren Stellenwert für den Menschen und die Gesellschaft. Neu scheint der Aspekt, dass sich die Abgrenzung der Arbeit von anderen Formen des Tätigseins in Zukunft verwischen könnte. Was allerdings so neu nicht ist, wie die ethnografische Forschung gezeigt hat. Eine Studie über die Bewohner und Bewohnerinnen eines ungarischen Dorfs in den 1950er-Jahren kommt zu folgendem Schluss: «Die Arbeit lässt sich schwer vom natürlichen Fluss des Lebens der Familien trennen: sie ist … ein organischer, selbstverständlicher Bestandteil des Seins … Die Dorfbewohner verstanden ihre harte physische Arbeit als eine Kunst und erreichten so eine starke Identifikation.»1

Arbeit, so dieser Befund, führt zu einer starken Identifikation. Identität hat mit Selbstwert zu tun. Dieser hängt in hohem Mass von gesellschaftlich geprägten Rollenvorstellungen ab. Die Erwerbstätigkeit ist heute ein massgebender Faktor für die persönliche Identität. Sollte sich die «These vom Ende der Erwerbsgesellschaft, wie wir sie kennen», 2 bewahrheiten, so hätte das unermessliche Auswirkungen auf Menschen und Gesellschaft.

Der Soziologe und Ethnologe Georg Elwert hat im westafrikanischen Benin Feldforschung über die Bedeutung der Arbeit der Ayizo betrieben. Als er nach längerer Zeit wieder ins Dorf Ayou kommt, sind seine Bekannten erstaunt, dass er immer noch den gleichen Beruf ausübt. Der Grund: «Für die Ayizo gehört zu jeder Altersklasse eine typische Form von Arbeit.»3 Die Aktivitäten werden der Entwicklung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten angepasst. Die Arbeit endet nie. Elwert berichtet von einem über 100-jährigen Mann, «der für die 30 Meter Weges trippelnd den grössten Teil seiner anderthalb Stunden ‹Arbeit› [die nur wir in Anführungszeichen setzen] brauchte. Wer nicht zu Arbeit auf das Feld oder den Markt geht oder – etwa als Schmied – in der Werkstatt mit seinem Rat dabei ist, der ist krank oder … ‹ermattet›.»4 Arbeitslose gibt es in diesem System keine.

Dieser kleine Exkurs verweist auf zwei weitere brennende Themen: die Arbeitslosigkeit, die seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 mit ihren Millionen von Arbeitslosen nie von der politischen Agenda verschwunden ist. Und die Lebensarbeitszeit, die infolge der Erhöhung der Lebenserwartung und der dadurch ausgelösten Krise der Finanzierung der Altersvorsorge im Fokus steht.

Seit Beginn der Industrialisierung taucht immer wieder die Furcht auf, dass der Gesellschaft die Arbeit ausgeht. 1958, ausgerechnet zu Beginn einer beispiellosen Boomphase der Weltwirtschaft, warnt Hannah Arendt vor den Folgen der Automation. «Wir wissen bereits, ohne es uns doch recht vorstellen zu können, dass die Fabriken sich in wenigen Jahren von Menschen geleert haben werden und dass die Menschheit der uralten Bande, die sie unmittelbar an die Natur ketten, ledig sein wird, der Last der Arbeit und des Jochs der Notwendigkeit.»5 Die grosse Philosophin hat sich in ihrer Vorhersage nicht nur gründlich geirrt, sondern «Arbeit» auch gleich mit dem Etikett des Grundübels versehen. In eklatantem Gegensatz übrigens zur Arbeitseinstellung der Ayizo, bei denen Arbeitsfreude eine wichtige Rolle spielt.6

Diese wenigen Streiflichter zeigen die Vielfalt, Bedeutung und Kontroversen um die mit dem Thema «Arbeit» verbundenen Fragen. Damit ist der Inhalt dieses Buchs grob umschrieben. Wer diesen Fragen auf den Grund gehen will, muss sich gleich zu Beginn mit einem Problem auseinandersetzen: Der Begriff der Arbeit, obwohl im Alltag allgegenwärtig, ist alles andere als klar und hat unzählige Facetten. Damit ist der Einstieg in die Thematik gegeben.

1. Was ist Arbeit?

«Die Sprache ist weder aus Logik geboren noch durch Logik gekennzeichnet. Sie verfährt nicht nur willkürlich, sondern oft widersinnig. Viele Wörter bedeuten zugleich ihr eigenes Gegenteil, die meisten leiden unter einer verwirrenden Bedeutungsfülle.» Wolf Schneider1

«Arbeit» ist das perfekte Beispiel für dieses Eingangszitat. Der Begriff ist derart gängig, dass wir uns kaum je Gedanken über seinen Inhalt machen. Es sei denn, wir beginnen darüber zu räsonieren, weshalb das Substantiv in verschiedenen Dialekten identisch verwendet wird, nicht aber das Verb. So heisst es mancherorts nicht «arbeiten», sondern «schaffen». Nun hat «schaffen» in der deutschen Hochsprache eine andere Bedeutung als «arbeiten», und auch die Bewertung unterscheidet sich. Während «arbeiten» eher einen neutralen Charakter hat, ist «schaffen» positiv besetzt, weil dahinter die Idee eines «schöpferischen Prozesses» steht.2

Sucht man nach den Ursprüngen dieser Begriffe, stellt man fest, dass diese Mehrdeutigkeit seit der Antike besteht. Aristoteles unterschied zwischen «praxis» und «poiesis». Ersteres bedeutete «freies Handeln und freie Begierde», Letzteres «hervorbringendes Arbeiten des Knechts bzw. Sklaven».3 Auch das germanische Wort für Arbeit «arbejo» stammt von «Knecht» («arba«) und bedeutet: «Ich bin ein verwaistes und daher aus Not zur harten Arbeit gezwungenes Kind.» Mit der Verbreitung des Christentums begann sich der negative Beigeschmack von Arbeit aufzuweichen und verlor sich dann mit der Reformation weitgehend.4

Nach Hannah Ahrendt gibt es für Arbeit in allen europäischen Sprachen, den «toten wie [den] lebenden, … zwei etymologisch völlig eigenständige Worte, und wenn der Sprachgebrauch auch immer dazu geneigt hat, diese Worte als Synonyme zu behandeln, haben sie sich doch bis in unsere Zeit als getrennt erhalten».5Dem Unterschied von «schaffen» und «Arbeit» entspricht im englischen Sprachraum das Begriffspaar «to work» und «labor». Auch hier verweist das Substantiv auf Mühe und Anstrengung. Das lateinische «labor» bedeutet Anstrengung, Müdigkeit, Qual, Leiden, Schmerz, mühsame Arbeit.6 Und das französische «travail» meint ebenfalls eine beschwerliche Tätigkeit. Ganz anders Begriffe, die von «Werk/work» abstammen. Sie sind mit aktivem Handeln, Herstellen, Gestalten – allesamt positiv belegte Begriffe – verbunden.

Konsequenterweise unterscheidet Arendt in Vita activa oder Vom tätigen Leben zwischen Arbeit und Herstellen. «Arbeit» begreift sie als «Summe aller Tätigkeiten, die direkt mit der Notdurft des Lebens verbunden sind und daher keine Spuren hinterlassen, kein Ding von Bestand».7 Das Gegenstück dieses «Animal laborans» ist für Arendt der «Homo faber», der schaffende Mensch.8

Es ist zu vermuten, dass Hannah Arendt das Buch Arbeit und Rhythmus kannte. Das Ende des 19. Jahrhunderts erschienene Werk des deutschen Ökonomen Karl Bücher wird noch heute zitiert und ist unlängst in die Reihe «Forgotten Books» aufgenommen worden.9 Auch Bücher verwendete den Begriff der «Lebensnotdurft», aus der alle Arbeit entsprungen sei.10 Sein Buch ist aber eine vehemente und gut belegte Antithese zu der Auffassung, dass diese Arbeit als Last empfunden wird.11 Vielmehr erzeuge der Rhythmus der Körperbewegung «Lustgefühle«, deshalb sei er «nicht bloss eine Erleichterung der Arbeit, sondern auch eine Quelle des ästhetischen Gefallens».12

Die kurze Wortgeschichte verweist auf die Vielschichtigkeit des Phänomens «Arbeit», ebenso auf den Bedeutungswandel im Lauf der Zeit. Kein Wunder, dass es unzählige Definitionen für «Arbeit» gibt. Eine sehr umfassende stammt von dem polnischen Soziologen und Philosophen Zygmunt Baumann:

«Arbeit ist die Aktivität, bei der sich die Menschheit als Ganzes qua Natur und Schicksal und nicht aus freien Stücken engagieren musste, wollte sie Herrin ihrer eigenen Geschichte werden.»13

Das Gegenstück zu dieser Definition, die beim Ursprung der Arbeit ansetzt, ist die Kürzestformel von Max Weber, dem wohl meistzitierten Sozialwissenschaftler und akribischen Deuter sozialer Phänomene.

«Arbeit ist Inanspruchnahme von Zeit und Anstrengung.»14

Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck gewinnen, dass dann auch die sonntägliche Fahrradtour Arbeit ist. Auf den zweiten Blick nimmt man das Wort «Inanspruchnahme» wahr, das der Duden mit «Gebrauchmachen, Nutzen von etwas» beschreibt. Max Weber belässt es jedoch nicht bei dieser knappen Definition. Er unterscheidet die Art einer Arbeit nach technischen, sozialen und ökonomischen Kriterien. Nach dem ökonomischen Kriterium lässt sich Arbeit in «erwerbsmässig» oder «haushaltsmässig» gliedern. Erwerbsarbeit wird in wirtschaftlich orientierten Unternehmen geleistet, während sich die Arbeit im Haushalt an der Bedarfsdeckung orientiert. Diese Aufteilung, so Weber, sei allerdings nicht erschöpfend, weil es Erwerbshandlungen gibt, die nicht unter die Kategorie des Unternehmens fallen, wie etwa der «nackte Arbeitserwerb, der Schriftsteller-, Künstler-, Beamten-Erwerb», die weder das eine noch das andere» seien.15

Auch Karl Marx definiert knapp:

«Arbeit ist die produktive Tätigkeit des Menschen.»16

Der entscheidende Begriff ist hier «produktiv». Die Tätigkeit des Arbeiters ist dann produktiv, wenn sie «nicht nur ersetzt, was er verzehrt, sondern der aufgehäuften Arbeit (dem Kapital, der Verf.) einen grösseren Wert gibt, als sie vorher besass».17 In diesem Sinn fällt Hausarbeit in den Bereich unproduktiver Tätigkeit, da sie keinen Mehrwert produziert. Die Fokussierung auf die Erwerbsarbeit ist also keine Entwicklung der neueren Zeit – sie hat bereits mit Karl Marx begonnen.

Für Karl Marx bildet Arbeit die Klammer für die ganze Geschichte der menschlichen Zivilisation.

«In der Geschichte der Menschheit … ist Arbeit die notwendige Bedingung zur Erhaltung der Gesellschaft. Jeder Arbeitsprozess ist Verausgabung besonderer, nützlicher Arbeit zur Herstellung von Gebrauchswerten. Er ist unabhängig von jeder besonderen Form des menschlichen Lebens und daher allen Gesellschaften gemeinsam.»18

Marx hat vor allem die Beziehung zwischen Arbeit und Kapital analysiert. Demnach verkauft der Arbeiter nicht seine Arbeit, sondern seine Arbeitskraft, und zwar gegen einen Lohn. In den Worten des Philosophen und Historikers Michel Foucault: «Die Logik des Kapitals behält vom Arbeiter nur die Kraft und die Zeit zurück.»19 Interessanterweise gleicht diese Umschreibung der einzigen exakten und unbestrittenen Definition von Arbeit, jener der Physik

«Arbeit ist das Skalarprodukt aus Kraft und Weg.»

Diese Reduktion der Arbeit auf die Dimensionen Arbeitskraft und Zeit – ein Charakteristikum der gesamten klassischen Ökonomie – kritisiert Foucault als zu eng. Die klassische Ökonomie weise hier eine eminente Lücke auf. Für den Arbeiter sei nicht der Lohn der Preis für den Verkauf seiner Arbeitskraft, sondern ein Einkommen. Einkommen sei der Ertrag eines Kapitals bzw. Kapital sei alles, was eine Quelle künftiger Einkommen sei. «Was ist nun das Kapital, dessen Einkommen der Lohn ist? Nun, die Gesamtheit aller physischen, psychologischen usw. Faktoren, die jemanden in die Lage versetzen, einen bestimmten Lohn zu verdienen …, d. h. eine Kompetenz.»20 Diese Kompetenz nenne man «Humankapital».

Eine der bekanntesten Definitionen von Arbeit fehlt noch in diesem Kapitel. Friedrich Engels, der kongeniale Mitstreiter von Karl Marx, leitet damit seinen Text «Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen» ein:

«Die Arbeit ist die Quelle allen Reichtums.»21

Grundlage dieser Definition ist die Auffassung von Marx und Engels, dass das Kapital nichts anderes als «angehäufte Arbeit» ist.22 Was aber würden Marx und Engels sagen, hörten sie die Geschichte der jüngsten Milliardärin aller Zeiten? Kylie Jenner hat die Marke der Milliarde mit 21 Jahren durchbrochen, dank 175 Millionen Followern auf sozialen Netzen, denen sie Lippenstift-Sets für 29 Dollar anbietet.23 Es braucht schon einige Hirnakrobatik, um das damit erarbeitete Kapital als «angehäufte Arbeit» zu verstehen.

In einer 2000 publizierten Monografie über Vergangenheit und Zukunft der Arbeit zieht sich die Definitionsfrage wie ein roter Faden durch fast alle Beiträge.24 Die Einengung des Begriffs auf die Erwerbsarbeit und die damit verbundene Zentrierung auf männliche Arbeit wird kritisiert und eine universelle, über alle Kulturen hinweg gültige Definition gefordert. Man möchte einwenden, die Autorinnen und Autoren hätten Max Webers Definition nicht gekannt. Tatsächlich aber ist die Fokussierung auf Erwerbsarbeit eine Realität. Dies zeigt sich insbesondere daran, dass sich die Gesetzgebung ausschliesslich darauf bezieht. So kodifiziert das deutsche Grundgesetz das Recht auf die freie Wahl von Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte. Die schweizerische Bundesverfassung belässt es nicht bei diesen Freiheiten, sondern verpflichtet Bund und Kantone, sich in Ergänzung zu persönlicher Verantwortung und privater Initiative dafür einzusetzen, dass Erwerbsfähige ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu angemessenen Bedingungen bestreiten können. Sämtliche Dispositionen im umfangreichen Arbeitsrecht betreffen die Erwerbsarbeit. Basis der Erwerbsarbeit im herkömmlichen Sinn ist das «Normalarbeitsverhältnis», das eine «unbefristete Vollzeitbeschäftigung definiert …, die es erlaubt, eine Familie zu ernähren».25 Diese Normalität ist nach Ansicht des Soziologen Claus Offe durch sieben Merkmale charakterisiert: männlich, beruflich, betrieblich, kontraktuell, abhängig, monetär entlohnt und kollektivvertraglich bzw. gesetzlich reguliert.26 Es ist nachvollziehbar, dass dieses Normalarbeitsverhältnis angesichts der tektonischen Verschiebung der weiblichen und männlichen Rollen in der Gesellschaft als Anachronismus empfunden wird.

Über Jahrhunderte hinweg hat sich die Arbeitsteilung an den tradierten Rollen der Geschlechter orientiert. Die Einengung des Arbeitsbegriffs auf die Erwerbsarbeit hat diese geschlechtsspezifische Ausdifferenzierung noch akzentuiert. Erwerbsarbeit ist eine klassische Männerdomäne: «‹Richtige› Arbeit ist Männerarbeit.» Damit wurde die Arbeit von Frauen systematisch abgewertet. Auch innerhalb der Erwerbsarbeit findet sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. So üben Männer «prinzipiell höherrangige» Tätigkeiten aus. Ende der 1960er-Jahre kam es zur «feministische[n] Aufkündigung der herkömmlichen Geschlechterordnung». Dies hat dazu geführt, dass «die Geschlechterdifferenz als Funktionselement hochindustrialisierter Gesellschaften heute weitgehend die frühere Akzeptanz und Legitimität verloren hat27, was nicht heisst, dass diese in der gesellschaftlichen Praxis auch überwunden wäre.

Die faktische Einengung des Arbeitsbegriffs führt zur Frage einer Neudefinition, «einschliesslich einer moralischen, politischen, ökonomischen und schliesslich auch sozialrechtlichen Normalisierung von Nicht-Erwerbsarbeit», insbesondere der Hausarbeit.28 Damit würde auch dem von Hannah Arendt beschriebenen «tägliche(n) Kleinkampf … um die Erhaltung und Reinhaltung der Welt» der gebührende Stellenwert eingeräumt. Dieser Kleinkampf erfordere weder heroische Kraft noch grossen Mut, aber «die Ausdauer, deren es bedarf, um jeden Tag von neuem aufzuräumen, was der gestrige Tag an Unordnung gebracht hat …» Was dies so mühevoll mache, sei die endlose Wiederholung dieser Tätigkeiten.29

Die folgende Definition versucht den Ausbruch aus der engen Umschreibung und den herkömmlichen Rollenfixierungen:

Arbeit entspricht einer «Verpflichtung … die freiwillig eingegangen oder gesetzlich auferlegt worden ist, die entgeltlich oder unentgeltlich sein kann, jedoch mit einem Statut oder einem Vertrag verbunden ist».30

Als neues Definitionselement kommt hier die Verknüpfung mit dem Recht hinzu. Allerdings bleibt auch hier die Hausarbeit ausgeschlossen. Ausserdem kann eine «Verpflichtung» auch ganz andere Bereiche als Arbeit beinhalten.

Die Geschichtsschreibung hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr zur Universalgeschichte, Weltgeschichte oder Globalgeschichte entwickelt. Aus dieser Sicht stellt sich die Frage, ob in einer globalisierten Welt «Arbeit» als universaler Begriff über alle Kulturen hinweg überhaupt tauglich ist. In der bereits erwähnten Monografie Geschichte und Zukunft der Arbeit finden sich hierzu gegensätzliche Meinungen. Auf den ersten Blick müsse man die Frage verneinen, und doch zeigten sich «überraschende Konstanten quer über die verschiedenen Gesellschaften hinweg». Überall finde sich eine Differenzierung von Arbeit und Spiel, ebenso scheine die Unterscheidung von körperlicher und geistiger Arbeit eine universelle Konstante zu sein.31 Indigene Völker kennen allerdings keinen verallgemeinernden Arbeitsbegriff, so die Historikerin Andrea Komlosy, sondern nur «Bezeichnungen für konkrete Tätigkeiten aus Jagd, Feldbau, Fischfang, Nahrungsmittelzubereitung».32 Sie kommt zu dem Schluss, dass die «eurozentristische Meistererzählung»33 ihre Grenzen habe. Denn sie berücksichtige weder die Verschiebung wirtschaftlicher und geistiger Zentren noch regionale Ungleichgewichte, sondern perpetuiere vielmehr «die Vorstellung, dass der Übergang zu einer rationalen, weltlichen Sicht der Dinge eine genuin europäische Errungenschaft sei».34

All die dargestellten Versuche, das Phänomen «Arbeit» einzugrenzen, zeigen, wie schwierig es ist, einen Alltagsbegriff zu präzisieren. Dabei sind uns bereits eine ganze Reihe von verschiedenen Kategorien von Arbeit begegnet: Hausarbeit, Gartenarbeit, Erwerbsarbeit, nackter Arbeitserwerb, aufgehäufte Arbeit, körperliche Arbeit, geistige Arbeit. Die Liste und damit die Dimension des Phänomens lässt sich endlos erweitern: selbstständige bzw. unselbstständige Arbeit, ehrenamtliche Arbeit, unentgeltliche Arbeit, Lohnarbeit, immaterielle Arbeit, fürsorgerische Arbeit, abstrakte bzw. konkrete Arbeit, affektive Arbeit, Familienarbeit, Handarbeit, Kopfarbeit, Schwarzarbeit, Schattenarbeit, Sklavenarbeit, verborgene Arbeit, Teilzeitarbeit …

Komlosy hat diese Erscheinungsformen der Arbeit nach verschiedenen Kriterien kategorisiert:35

• nach dem jeweiligen Bezugsrahmen in Arbeit für Subsistenz (auch als Reproduktion bezeichnet, d. h. Arbeit für den «eigenen Bedarf und Gebrauch eines Haushalts oder einer Familie … prinzipiell ohne Geld und ohne Markt»36); Arbeit für ein Kollektiv/eine Gemeinde; Arbeit für Tribute an eine politische Oberherrschaft/ein Staatswesen; Arbeit für den Verkauf am Markt;

• nach Begriffspaaren in selbstständig – unselbstständig; frei – unfrei; ehrbar – unehrbar; freiwillig – unter politischem Zwang; bezahlt – unbezahlt; kontraktuell bzw. gesetzlich geregelt – ungeregelt (informell); sozial abgesichert – sozial ungesichert; organsiert – nicht organsiert;

• nach Grauzonen im Übergangsbereich von Arbeit und Nicht-Arbeit; Schattenarbeit; unbezahlt – unbezahlbar;

• und schliesslich quer durch alle Bereiche und Kategorien in Geschlecht – Familie – Alter – Herkunft/Ethnizität/Nationalität; Arbeit und Nicht-Arbeit; Ruhe und Musse; Freizeit; Ehrenamt; Befreiung von Arbeit; umstritten und umkämpft (insbesondere die Hausarbeit).

Die verwirrende und längst nicht vollständige Fülle von Umschreibungen und Interpretationen zum Thema Arbeit macht deutlich, welch überragende Bedeutung die Arbeit für die Menschheit hat. Deshalb ist sie Gegenstand unterschiedlichster Wissenschaften: Philosophie, Geschichte, Anthropologie, Ethnologie, Soziologie, Ökonomie, Psychologie, Betriebswirtschaftslehre. Die Verwirrung lässt sich hier nicht auflösen. Immerhin wollen wir uns auf eine fassbare Definition von Arbeit einigen.

Wir halten uns an die Definition von Max Weber mit den beiden begriffsbestimmenden Merkmalen Anstrengung und Zeit und teilen Arbeit in zwei Kategorien auf: Erwerbsarbeit und unbezahlte Arbeit. Unbezahlte Arbeit wird nicht entlohnt, sie könnte aber im Prinzip von einer fremden Person gegen Bezahlung ausgeführt werden. Unbezahlte Arbeit lässt sich in die drei Tätigkeiten aufteilen: Hausarbeit, Kinderbetreuung und Freiwilligenarbeit.37

2. Am Anfang war die Arbeit

«Arbeit ist … die erste Grundbedingung allen menschlichen Lebens.» Friedrich Engels1

Über den Ursprung der Sprache gab es über Jahrtausende hinweg keinen Zweifel: Ein Gott oder die Götter haben den Menschen die Sprache gegeben. Als sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Evolutionslehre von Charles Darwin durchzusetzen begann, entstand auch die Theorie der Lautmalerei. Demnach habe sich zum Beispiel das Wort «Schaf» über den Klang des Blökens ergeben. Diese These gilt heute als widerlegt. Dass wir den Kuckuck «Kuckuck» nennen, ist eine Ausnahme. Der Hund heisst weder Wauwau auf Deutsch noch Bow-wow auf Englisch noch Guau-guau auf Spanisch.2 In Die Entstehung der Arten (1859) hat sich Darwin selbst noch zurückhaltend über den Ursprung der Sprache geäussert. Im Folgewerk Die Abstammung des Menschen (1871) stellte er die Hypothese auf, dass sich die menschliche Sprache aus dem Singen entwickelt habe. Darüber wird noch heute gerätselt. Die Gegenthese geht vom Vorrang der bedeutungslosen Laute aus.3

Diese Laute dienten der Beschwörung von Geistern und Dämonen, dem Trösten von Kindern, der Werbung ums andere Geschlecht, vor allem aber auch der Begleitung der mühevollen Handarbeiten. «Das Schwatzen, Summen und Singen bei der Arbeit hatte die Wirkung, die Mühsal psychologisch zu verkürzen; es versöhnte die Arbeit mit dem Spiel. … Wie wenig sich Sprache, Arbeit und Spiel voneinander trennen lassen, machen Arbeitslieder deutlich, jene alten rhythmischen Gesänge.»4

Eine ähnliche These hat Karl Bücher in seinem bereits erwähnten Buch Arbeit und Rhythmus vertreten. Arbeit, Musik und Dichtung bilden für ihn eine «Dreieinheit», deren Ausgangspunkt die Arbeit gewesen sei. Verbunden habe sie «das gemeinsame Merkmal des Rhythmus».5

In einer ersten Entwicklungsstufe waren es Laute, die die Momente der gemeinsamen Kraftanstrengung markierten, zum Beispiel beim Lastenheben oder Rudern. Das rhythmische Element wohnt nach Bücher «weder der Musik noch der Sprache ursprünglich inne; es kommt von aussen und entstammt der Körperbewegung»6 beim Arbeiten. Es unterstütze die «Grundformen der Arbeitsbewegung: Schlagen, Stampfen, passendes Reiben (Schaben, Schleifen, Quetschen)»7 und die Verwendung von Werkzeugen verstärke noch die «rhythmisch verlaufenden und darum musikalischen Arbeitsgeräusche».8 Von besonderer Bedeutung ist der Rhythmus, wenn viele Menschen an einer Arbeit beteiligt sind. Bei einem Transport von Steinen vom Steinbruch an den Nil, bei dem 8368 Menschen beteiligt waren, sei «der Rhythmus das Bindemittel» gewesen. Er habe «eine Mehrzahl von Arbeitern zu einem energisch tätigen Körper vereinigt[…], der seine Obliegenheiten mit ähnlicher Präzision erfüllte wie heute die Maschine».9 In Büchers Buch findet sich eine eindrückliche Darstellung verschiedenster Arbeitsgesänge «über eine so grosse Zahl von Völkern und Kulturstufen, dass man schlechthin sagen kann: sie gelten für die ganze Menschheit».10

Für Friedrich Engels stand nicht die Sprache, sondern die Arbeit an erster Stelle der Menschwerdung. «Keine Affenhand hat je das rohste Steinmesser verfertigt.» Die Erklärung der Entstehung der Sprache aus und mit der Arbeit sei die einzig richtige. «Arbeit zuerst, nach und nach dann mit ihr als Sprache.»11 Als Anekdote sei erwähnt, dass Engels im Konsum von Fleischkost den nächsten Schritt zur Menschwerdung sah: «Mit Verlaub der Herren Vegetarier, der Mensch ist nicht ohne Fleischnahrung zustande gekommen.»12 (Wir lernen: Dieses Thema hat damals nur die Herren betroffen.) Nach Engels beginnt der Mensch dank der Arbeit die Natur zu beherrschen.

«Kurz, das Tier benutzt die äussere Natur …; der Mensch macht sie durch seine Änderungen dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren, und es ist wieder die Arbeit, die diesen Unterschied bewirkt.»13

Schliesslich erweist sich Engels auch noch als ökologischer Vordenker, indem er darauf hinweist, dass ein unbedachtes Einwirken auf die Natur unerwünschte Nebenwirkungen auslösen kann.

Betrachtet man die Geschichte der Arbeit, so ist diese durch keine plötzlichen Brüche gekennzeichnet. Vielmehr waren es länger andauernde Entwicklungen, die zu Zäsuren geführt haben, oft geografisch beschränkt, bis sie eine Breitenwirkung entfalteten.

Erste Zäsur: Sesshaftigkeit

Um 8000 v. Chr. ereignete sich in der Geschichte der Arbeit eine erste epochale Zäsur. Menschen wurden sesshaft, rodeten Wälder und begannen Land zu bebauen. Ohne diese Entwicklung existierte die Menschheit möglicherweise nicht mehr. «(Der) Übergang vom Wildbeuter zum Bauern ist das wichtigste demografische Ereignis aller Zeiten.»14 Seither ist die Geschichte «erfüllt von kolonisierender Landnahme. Menschliche Gemeinschaften erschliessen sich Grund und Boden als Basis für ihre eigene Lebenssicherung.»15

Überleben hiess arbeiten. Und diese Arbeit war hart. Wie es Gott zu Adam sagt (1. Buch Mose, Kapitel 3):

«Verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Feld essen. Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zur Erde werdest, davon du gekommen bist.»

Nicht alle Menschen wurden sesshaft. Ein allerdings immer kleiner werdender Teil zog weiterhin durchs Land. Bis heute unterscheiden sich die Lebensphilosophien der Nomaden und jene der Sesshaften von Grund auf.

«Nomaden haben die Sesshaften immer als Schwächlinge und Feiglinge verachtet, die im Austausch gegen Sicherheit und Bequemlichkeit ihre Freiheit verschachert haben. Die Sesshaften ihrerseits haben die Nomaden immer als wild, verantwortungslos und moralisch verwerflich abgestempelt – eine Bedrohung für Haus und Herd, Gesetz und Ordnung, für den Fortbestand der Zivilisation – und zugleich ihr Leben beneidet und romantisiert.»16

Auch Nomaden arbeiteten. Sie waren Jäger oder zogen mit einer Herde von Ort zu Ort. Ein anderes Geschäftsmodell hatten die Krieger- und Reiternomaden, die von Plünderungen lebten und vom Schutzgeld, das sie der sesshaften Bevölkerung abpressten.17

«Wandern», «Unterwegssein» – diese zutiefst romantischen Vokabeln haben ihre Anziehungskraft bis heute nicht verloren. «Was weiss schon der Schlaumeier der Sesshaftigkeit? Hat er jemals den puren Freiheitsschauer erlebt, wenn man alles hinter sich lässt?»18 Heute ist der Highway in den USA das Symbol für Freiheit schlechthin und der Trucker der Archetyp, der sich den ewigen Traum von der amerikanischen Freiheit erfüllt. «Jahrelang schuften und arschkriechen», 19 um einen bescheidenen Wohlstand zu erwerben – das kann er sich nicht vorstellen. Die ultimative Songzeile zu diesem Lebensgefühl stammt von Chris Kristofferson, der diesen Trucker im Film auch dargestellt hat. Janis Joplin hat sie zum Welthit gesungen: «Freedom’s just another word for nothing left to lose.»

Die Arbeit der Sesshaften war körperliche Arbeit. Daran änderte auch die Erfindung der ersten Werkzeuge wenig. «Denn sie sind nur eine Vervollkommnung der Gliedmassen in derjenigen Eigenschaft, welche für den Arbeitsprozess am wichtigsten ist. Der Hammer ist eine härtere und unempfindliche Faust, die Feile, die Schabmuschel, das Grabscheit treten an die Stelle der Fingernägel, die Ruderschaufel ist nur eine verbreiterte hohle Hand, die Mörserkeule ersetzt den stampfenden Fuss, der Reibstein die pressende Handfläche.»20 Es folgten die ersten Innovationen in der Geschichte der Wirtschaft: Man entdeckte die Kräfte des Hebels, des Keils, der Rolle und der Schraube. Der Pflug trat an die Stelle des Grabscheits, die Walze an die der Stampfe, die Presse ersetzte den Schlägel, die Walkmühle die Füsse des Walkers, der Wagen den Tragesel …21

Die sesshafte Bevölkerung musste sich gegen ihre Feinde schützen. Am Anfang waren es befestigte Höhlensiedlungen, die sich in der Antike zu befestigten Siedlungen städtischen Charakters entwickelten. In Babylon lebten 1700 v. Chr. schon über 300000 Menschen. Im Mittelmeerraum entwickelte sich die Kultur der Polis. Mit der hellenistischen Kolonisation verbreiteten sich diese Siedlungen von Griechenland über die Küsten des Mittelmeers und des Schwarzen Meers.

In der hellenischen Polis, namentlich in Athen, entstanden die ersten Modelle der Stadtverwaltung. Aber nur vermögende Bürger waren an der politischen Willensbildung beteiligt, ein Bruchteil der gesamten Bevölkerung. Ein Bürger hatte es nicht nötig, sich die Hände schmutzig zu machen. Körperliche Arbeit wurde verachtet, insbesondere die «zum Überleben erforderlichen mühevollen Verrichtungen, die in der hauswirtschaftlichen Lebens- und Produktionseinheit von Bauern, Tagelöhnern und Sklaven verrichtet wurde», und generell auch die Frauenarbeit.22 Im gesamten Altertum herrschte die Auffassung, dass «man Sklaven nötig habe, weil es notwendige Beschäftigungen gibt, die ihrer Natur nach ‹sklavisch› sind».23 Nach dem römischen Recht, das im atlantischen Raum massgebend blieb, waren Sklaven sächliches Eigentum ihrer Herren.24Wer gegen Lohn arbeitete, entehrte sich und machte sich dadurch zum Sklaven. Freiheit hiess Frei-Sein von körperlicher Arbeit. Das ermöglichte eine politische Tätigkeit und ein ethisch vollkommenes Leben.25

Das änderte sich mit dem Christentum. Jesus von Nazareth war ein Handwerker, ebenso seine Jünger. So kam es, dass der körperlichen Arbeit ein «hohe[r] ethische[r] Rang zugewiesen» wurde. Dies führte dazu, dass «ein fundamentales Kriterium sozialer Differenzierung und Diffamierung in der griechisch-römischen Welt niedergerissen» wurde.26

Die wohl erste Kodifizierung von Arbeit findet sich in der Regula Benedicti, den aus dem 7. Jahrhundert stammenden Führungsgrundsätzen für den Abt eines Benediktinerklosters (die noch heute angewandt werden). Das Leben der Mönche bestehe aus Arbeit, Lesung und Gebet, «denn erst dann sind sie Mönche, wenn sie von der Arbeit ihrer Hände leben».27 Müssiggang oder Geschwätz wird nicht geduldet. Der Mönch hat seine Arbeit ohne Widerrede und mit Freude zu erledigen. Denn Gott liebe «einen freudigen Geber. Wenn aber der Junge missmutig gehorcht und wenn er murrt, nicht nur mit dem Mund, sondern auch nur im Herzen, dann findet er kein Gefallen vor Gott.»28

Zweite Zäsur: Urbanisierung

In der Spätantike verloren die meisten Städte an Bedeutung. Auch in Rom, wo im 2. Jahrhundert über eine Million Menschen lebten, ging die Bevölkerung massiv zurück. Das änderte sich erst wieder im späten 11. Jahrhundert, als die «Herausbildung einer ‹Stadtgemeinde› aus freien Bürgern [begann], die sich zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen zusammenschlossen».29 Damit wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der bis heute nichts von seiner Dynamik verloren hat und «auch einen kulturellen Wandel» mit sich brachte, zu dem die «wachsende Vorherrschaft städtischer Werte über die ländlichen zählt».30 Die Urbanisierung ist wohl der älteste bis heute wirkende Megatrend der Geschichte.

«Die Stadt ist eine Weise, Raum gesellschaftlich zu organisieren. … Sie steht immer in einer Spannung zu etwas anderem, zur Nicht-Stadt.»31 Dieses andere ist «das Land», und diese Spannung erleben wir noch heute als Gegensatz von Stadt und Land. Die unterschiedliche gesellschaftliche Organisation in der Stadt und auf dem Land betraf auch die Natur der Arbeit und die Arbeitsteilung. Einwohner der Stadt «erfreuten sich gewisser rechtlicher Privilegien (‹Stadtrecht›), durch welche sie sich von der Landbevölkerung unterschieden und die bäuerliche Tätigkeit … spielte neben dem Handwerk und dem Handel eine untergeordnete Rolle».32 Das Handwerk verlagerte sich vom Land in die Stadt, die durch ihre Lage am Wasser und an den Verkehrsachsen privilegiert war. Auf dem Land verblieben neben der Landwirtschaft die standortgebundene Förderung von Rohstoffen, der Bergbau, die Glas- und Harzherstellung.

Die mittelalterliche Gesellschaft gliederte sich in Stände, die als Teil einer göttlichen Weltordnung als unantastbar galten.33 Der erste Stand umfasste den Klerus, der zweite den Adel inklusive des Patriziats und der herrschaftlichen Beamten, der dritte die Bauern, zu denen sich im Gefolge der Urbanisierung die freien Bürger, insbesondere Handwerker und Kaufleute, gesellten. Daraus ergab sich eine Sozialstruktur mit jeweils etwa 10 Prozent Klerus und weltlicher Oberschicht und 65 Prozent Mittelschicht, zu der auch die Dienstboten zählten. Die restlichen 15 Prozent setzten sich aus Randgruppen zusammen: Taglöhnern, Menschen mit «unehrbaren Berufen» sowie ethnischen und religiösen Minderheiten. Zur ständischen Gesellschaft gehörten sichtbare Statussymbole wie vornehme Trachten. Dass diese sehr unpraktisch waren, kann als Verweis darauf gesehen werden, dass ihre Träger es nicht nötig hatten, körperlich zu arbeiten.

Zunächst waren die Handwerker noch von der adligen Oberschicht abhängig, im Verlauf des 13. und 14. Jahrhunderts erreichten sie jedoch den Status als freie Stadtbürger. Die zunehmende Spezialisierung und der technische Fortschritt führten zu einer immer stärkeren Differenzierung der Tätigkeiten. So entstanden die «Berufe». Der enge Bezug zu «Berufung» ist offensichtlich. Diese beruht auf einer besonderen Eignung, einem Talent. Berufung (auch das englische Wort «calling») bedeutete bis dahin eine von Gott gestellte Aufgabe. Daher wurde das Wort «Beruf» weder im klassischen Altertum noch im Katholizismus verwendet. Erst mit dem Protestantismus erhielt es die heutige Bedeutung.34

Die Liste der Berufe wurde immer länger: Wagner, Nagel- und Hufschmiede, Grobschmiede, Messerschmiede, Feilenhauer, Sattler, Harnischmacher, Papiermacher, Buchdrucker, Weber, Tuchmacher, Schneider, Hutmacher, Taschner, Hosen- und Strumpfwirker, Seidensticker, Maurer, Zimmerleute, Ziegler, Dachdecker, Steinmetzen, Ofenbauer, Glaser, Köche, Bäcker … Maler und Bildhauer waren in Bereichen sakraler Gestaltung, künstlerischer Arbeit für Repräsentations- und Schmuckzwecke tätig und hatten eine enge Beziehung mit den benachbarten Berufen des Goldschmieds oder Steinmetzen. In vielen Städten siedelten sich die Vertreter eines Berufs im selben Quartier an. Angehörige einzelner Berufsstände schlossen sich in Zünften zusammen, die den Zugang zu ihrem Gewerbe regelten und die Qualität der Produkte, die Ausbildung und die Arbeitsverhältnisse in Zunftordnungen festlegten.

Die vorherrschende Produktionseinheit war im Mittelalter der familiäre Kleinbetrieb. Grössere Betriebe gab es nur in der Textil- und Lederbranche. In den Handwerksbetrieben herrschte eine klare Hierarchie. An der Spitze stand der Meister, der einige Gesellen und Lehrlinge beschäftigte. Sie alle lebten im Haushalt des Meisters.

Die Arbeit richtete sich nach dem Sonnenstand. Man arbeitete so lange, wie es hell war. Unterbrechungen gab es für die Einnahme von Mahlzeiten und kirchliche Verrichtungen. Der lange Arbeitstag führte zu einem gemächlichen Arbeitsrhythmus. Oft wurde dieser Rhythmus durch Gesänge oder Instrumentalmusik vorgegeben. Perioden eines sehr hohen Arbeitsaufkommens wurden von Phasen mit wenig Arbeit abgelöst, was insgesamt zu einer erträglichen Arbeitsintensität führte. Für Mussestunden bleib wenig Zeit, Ferien gab es keine. Gearbeitet wurde an sechs Wochentagen. Sonntage und hohe Feiertage waren geheiligt.

Für die Arbeit wurden Geräte benutzt, die von Hand bedient wurden. Technische Hilfsmittel, um die menschliche Muskelkraft zu verstärken, waren kaum im Gebrauch. Die Handhabung der handwerklichen Geräte erforderte Begabung und langjähriges Üben. Und doch gab es bereits im Mittelalter revolutionäre Innovationen. An erster Stelle die Erfindung des Buchdrucks, der den Austausch von Informationen grundlegend veränderte. Schon im 12. Jahrhundert hatte man den Webstuhl erfunden, der die Produktivität der Arbeit vervielfachte.

Im 13. Jahrhundert bildete sich in den Städten Gruppen von Krämern, die alle möglichen Erzeugnisse anboten. Mittelpunkt dieses städtischen Handels war der offene Markt, der in einem festen Rhythmus an bestimmten Wochen-, Monats- und Jahrestagen abgehalten wurde, je nach der Architektur einer Stadt auf Strassenzügen oder Plätzen. Auch auswärtige Händler durften dort ihre Ware anbieten. Mit zunehmendem Handel spielte die Geldwirtschaft eine grössere Rolle. Um die vielfältigen Währungen tauschen zu können, wurden auf den Märkten Bänke aufgestellt, woraus sich die «Bank» entwickelt hat. Während die Krämer im lokalen Rahmen agierten, waren die Kaufleute weiträumiger aktiv. Vor allem infolge der mongolischen Expansion dehnte sich ihr Wirkungsradius aus. Die Handelswege von China zum Schwarzmeer- und Mittelmeerraum – die Seidenstrassen – waren unter einheitliche Kontrolle geraten, was den globalen Handel belebte. Die Entdeckung der neuen Welt erweiterte die Möglichkeiten der Rohstoffgewinnung und des Warenaustauschs.

Um den immer riskanteren Transport von Geld zu vermeiden, stellten die Geschäftsleute ab dem 14. Jahrhundert Wechselbriefe aus. Im Christentum wie im Islam war es verboten, Geld gegen Zins auszuleihen. Deshalb überliess man dieses Geschäft den Juden, denen man den Zugang zum Handwerk verboten hatte. Aber auch manche Christen, namentlich Familien aus der Lombardei, begannen sich auf den Handel mit Geld zu spezialisieren. Die Zinsen, die sie dabei erhoben, tarnten sie als Wechselgewinn.35 Damit waren die Grundlagen für das Bankengeschäft gelegt, das die spätere Expansion der Wirtschaft erst möglich machte.

Der Haushalt erforderte strenge körperliche Arbeit: Wasser und Brennholz beschaffen, Fäkalientöpfe leeren, Feuer machen, waschen, Vorräte kotrollieren, den Garten pflegen … Zum Haushalt gehörten Knechte und Mägde. Sie waren schlecht entlohnt und von den Hausherren abhängig, aber in die Familie und Gesellschaft integriert – im Gegensatz zu den tabuisierten Randgruppen. Dazu gehörten die unehrbaren Berufe: Henker, Abdecker (Beseitiger von Tierkadaver), Totengräber, Lastträger und Kloakenreiniger, Dirnen («Dreitausend Dirnen im burgundischen Lager von Murten bieten nach der Schlacht mit obszön hochgeschürzten Röcken den siegreichen Eidgenossen ihre Dienste an»36), Kesselflicker, die Fahrenden wie Gaukler, Spielleute oder Bärenführer. Weitere Randgruppen waren Bettler und Invalide, Juden und Zigeuner und zu guter Letzt auch Diebe, Räuber und Banditen.