Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Was das Leben sich erlaubt E-Book

Hardy Krüger  

(0)

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Was das Leben sich erlaubt - Hardy Krüger

Hardy Krüger, Weltstar aus Deutschland mit vielen Facetten: Schauspieler, Schriftsteller, Weltenbummler - und Zeitzeuge eines bewegten Jahrhunderts, auf das er nun, mit 88 Jahren, zurückblickt. Krüger erzählt im Gespräch von seiner Heimat Deutschland, seiner Liebe zu Afrika und seinem Leben in Amerika, Frankreich und England: Wer ihn damals prägte, was ihn heute antreibt und warum er sich um die Welt von morgen sorgt. 1928 in Berlin geboren, wächst Hardy Krüger unter dem NS-Regime auf und spielt bereits mit 15 Jahren seine erste Filmrolle. Ufa-Star Hans Söhnker konfrontiert ihn in dieser Zeit mit der Wahrheit über die Verbrechen der Nazis - und so wird aus dem Adolf-Hitler-Schüler Hardy Krüger der Kurier einer Gruppe von Widerständlern. Kurz vor Kriegsende muss Krüger an die Front, wird wegen Befehlsverweigerung zum Tode verurteilt und überlebt nur knapp. Nach 1945 startet er eine internationale Filmkarriere und spielt an der Seite von Charles Aznavour, John Wayne, James Stewart und Sean Connery. Zeitlebens bleibt Krüger ein Pendler zwischen allen Kontinenten und engagiert sich im Kampf gegen das Vergessen. Er legt sich mit Kanzler Adenauer an, klebt Wahlplakate für die SPD und wird zum Freund Helmut Schmidts. Eindrucksvoll und offen wie kaum ein anderer berichtet Krüger von den Grausamkeiten des Krieges, der Sprachlosigkeit einer ganzen Generation, von Begegnungen mit anderen Religionen und Kulturen und den wichtigsten Stationen seines bewegten Lebens.

Meinungen über das E-Book Was das Leben sich erlaubt - Hardy Krüger

E-Book-Leseprobe Was das Leben sich erlaubt - Hardy Krüger

Hardy Krüger

Was das Leben sich erlaubt

Mein Deutschland und ich

Mit historischen Ergänzungen von Peter Käfferlein und Olaf Köhne

Hoffmann und Campe

In unendlicher Dankbarkeit

Hans Söhnker

gewidmet

Vorwort

»Beim Nachdenken über unser Buch, das von Grausamkeiten, Schönheit, Krieg und Frieden sprechen wird, ist mir die Vermutung in den Kopf gekommen, dass Sie beide mit dem Schicksal eines Einzelnen in den Jahren 1933 bis 1945 den Lesern das Schicksal eines Volkes in Erinnerung bringen wollen. Wunderbar! Ich bin dabei!«, schreibt uns Hardy Krüger in einer E-Mail.

Hardy Krüger, Schauspieler, Schriftsteller und Weltenbummler, hält sich gerade in seinem Haus in den Bergen östlich von Los Angeles auf, einer Blockhütte, die er vor mehr als dreißig Jahren gebaut hat. Skyland Oaks heißt das Gebiet.

Kennen und schätzen gelernt haben wir Hardy Krüger schon vor Jahren, immer wieder sind wir ihm durch unsere journalistische Arbeit beim Fernsehen, u.a. für Beckmann, begegnet. Krügers Lebensgeschichte hat uns stets interessiert und fasziniert. Er ist Zeitzeuge eines bewegten Jahrhunderts. Einer, der sich nie den Mund hat verbieten lassen, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Das gilt heute noch, wenn Krüger mit großer Leidenschaft gegen Neonazis und Fremdenhass kämpft. Regelmäßig besucht Krüger Gymnasien, berichtet den Schülern von seinen Jugendjahren in Nazi-Deutschland und von seinen Erlebnissen und Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs.

Er diskutiert, klärt auf und warnt. Vor Politikverdrossenheit.

Genau davon soll dieses Buch handeln: Wir möchten wissen, was den jungen Hardy Krüger geprägt hat, was ihn heute antreibt und wie er die Welt von morgen sieht.

Im Sommer 2015 treffen wir Hardy Krüger in seinem Haus nahe Los Angeles. Immer in seiner Nähe ist Ehefrau Anita, von ihm liebevoll »Luv« genannt. Sie ist Amerikanerin, von Beruf Fotografin und Autorin, eine leidenschaftliche Weltenbummlerin wie ihr Mann. Anita ist Krügers Lebensmittelpunkt, sein Anker seit vierzig Jahren.

»Gehen wir’s also an. Ich schreibe die Höhen und die Tiefen auf«, sagt Hardy Krüger zu uns. »Von einem Deutschen und seinem Land. Und Ihr fügt Historisches an. Erläuterndes zu meinen Geschichten, wo immer es nötig ist.«

»So wird’s gemacht«, sagen wir.

»Also, liebe Co-Autoren, wo soll ich denn nun anfangen?«

»Wir wär’s mit – von vorne? Sie haben das Licht der Welt im Berliner Wedding erblickt …«

»Das mit dem Wedding stimmt. See-, Ecke Müllerstraße, ganz genau gesagt. Als wär’s ein Omen, steht da jetzt ein Kino, aber …«

»Aber?«

»Das mit dem Licht der Welt stimmt nicht. Dazu werde ich noch das eine oder andere aufzuschreiben haben …«

 

Olaf Köhne und Peter Käfferlein

Hamburg, im Juli 2016

EIN BUCH DER SCHICKSALSNÄHE zwischen mir und meinem Land habe ich im Herbst zu schreiben begonnen. Herbst 2015. Die stille Weite Kaliforniens war ein guter Platz dafür. Den Rat der beiden Co-Autoren, »von vorne« anzufangen, habe ich befolgt. Gleich auf die erste Seite habe ich getippt: Meine Geburt hat im Ehebett der Eltern stattgefunden. Die Urkunde darüber ist im April geschrieben worden, an einem zwölften, und 1928 war das Jahr. Das »Erblicken der Welt« jedoch wollte auf Anhieb nicht gelingen. Als mir nämlich die Hebamme beim Weg aus dem schönen Leib der Mutter behilflich war, habe ich die Welt nicht sehen können. Auch das Licht, von dem die Rede war, habe ich nicht gesehen. Konnte es nicht gesehen haben. Denn, wenn ich es richtig verstanden habe, sind alle Babys am Anfang blind.

Es scheint mir wichtig zu erwähnen, wer die Hebamme gewesen ist. Eine Großmutter nämlich. Aber nicht irgendeine. Sondern ganz persönlich meine. Und auch sie hat nichts gesehen. Denn – ebenso wie ihr neugeborener Enkelsohn – war sie blind. Altersblind. Doch Bedauern mit sich selbst, so heißt es, hat sie nicht gekannt.

Als sie mich in die Arme meiner Mutter legte, hörte sie die Erschöpfte rufen: »O Gott! O großer, großer Gott!«

»Wat is mit Jott?«, hat Großmutter gefragt.

»Wie hässlich! Diese Lippe!«

»Wat is mit de Lippe?«

»Hochgerutscht ist die! Ganz weit nach oben rauf! Bis über die Nase weg!«

»Diss macht nischt …« ist die Meinung meiner Großmutter gewesen. »Schieb det Misrat’ne janz einfach ’n Stück weita runta, bis da, wo so ’ne Lippe hinjehört.« Und zur Beruhigung der besorgten Mutter hat sie noch die Erkenntnis ihres Lebens kundgetan:

»Een Mann muss nich scheen sein, um ’ne Frau vor lauta Liebe atemlos zu mach’n«, und lachend hat sie noch hinzugefügt. »Allet, wat so ’n Kerl braucht, is ’n Jeschenk vom lieben Jott. Eenet wat ville Namen hat. Wat bei mia aba Schnippedillrich heißt.«

Über diese Episode ist zu sagen, dass ich den Dialog zwischen Hebamme und der Gebärenden nur vom Hörensagen kenne. Das versteht sich ja von selbst. Ich habe ihn aber über meine Erwachsenenjahre hinweg so oft hören müssen, dass ich ihn fehlerfrei aus dem Gedächtnis wiedergeben kann.

WIE GESAGT, IST ES HERBST GEWESEN, als ich mit dem Buch begann, und gut zehn Monate habe ich mit den Erinnerungen zugebracht. An einem Tisch, den mir Sean Connery mal überlassen hat, weil er ihn selbst nicht stellen konnte.

Ich weiß noch, dass ich am ersten Tag des Schreibens in einen blauen Himmel hochgesehen habe, der Computer war angeworfen, und beim Denken über das neue Buch ist mir die Frage durch den Kopf gegangen, wie in drei Teufels Namen es nun weitergehen soll. Die Antwort darauf kam, wie es in meinem Leben oft geschieht, von der inneren Stimme: »Verlass den Wedding«, hat die Stimme mir gesagt. »Mach in Kassel weiter.«

»Hmmm. In Kassel«, habe ich überlegt. »Das bedeutet, das Buch geht mit den Eltern weiter: Ich habe die beiden sehr geliebt. Und ohne die wäre ich nicht hier.«

Richtig. Also Kassel. Wo Max Krüger Ingenieur gewesen ist. Bei einer Fabrik, die Lokomotiven baute. Henschel & Sohn hat sie geheißen. Vaters Auskommen war gut. Und seine Frau ist jung gewesen. Vater betete sie an. Sie war eine geborene Meier. Vorname Auguste. Mit leiser Zärtlichkeit nannte er sie Gustchen. Jeder fand sie schön.

Das erste Kind war eine Tochter. Ilse. Kaum war die sechs Jahre alt, da zogen die Krügers nach Berlin. Und da hat Mutter mich zur Welt gebracht. Im Wedding. Doch das habe ich ja bereits erzählt.

Der Umzug nach Berlin ist entschieden worden, weil’s in der Hauptstadt besser bezahlte Arbeit gab. Und zwar in einer Fabrik am Rand des Flugfelds Tempelhof. Anstelle von Lokomotiven konstruierte der Ingenieur Krüger fortan Maschinen. Solche für den Straßenbau.

Das Wort »fortan« ist mir bei Schwester Ilse und den Eltern eher rausgerutscht, als es durchdacht gewesen ist. Denn »fortan« lässt an einen längeren Zeitraum denken. Den gab es aber nicht. Mein »fortan« hat kaum ein halbes Jahr gehalten, da stürzte das Glück von Max und seinem Gustchen in nie gekannte Tiefen ab. Gerade so, als wäre das Leben eine Achterbahn, ging es von »himmelhoch jauchzend« rasend schnell nach »zu Tode betrübt« – nach unten. Und so habe ich von Schlimmem zu berichten. Von einer Krise. Einer Tragödie. Einer, als Banken Pleite machten. Als Fabriken schlossen. Als Menschen sich aus Fenstern zu Tode stürzten. Als Vater arbeitslos geworden war. Ich spreche von der Weltwirtschaftskrise, die bis in unsere Tage als große Angst vor Wiederholung weiterlebt.

WELTWIRTSCHAFTSKRISE

Am 24. und 25. Oktober 1929 sinken an der Wall Street die Aktienkurse ins Bodenlose. Die Nachricht vom »Schwarzen Freitag« geht um die Welt. Auch Deutschland gerät in den Strudel der Weltwirtschaftskrise. Der Boom der zwanziger Jahre endet jäh. Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland steigt bis 1933 auf über sechs Millionen an. Die Realeinkommen sinken um ein Drittel, Armut und Kriminalität nehmen zu. Die Bevölkerung verliert zunehmend das Vertrauen in die junge Demokratie der »Weimarer Republik«. Dies ist einer der Faktoren, die zum Aufstieg Adolf Hitlers führen, der verspricht, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen, und der 1933 die Macht übernimmt.

 

JA. GENAUSO WAR’S. Max Krüger wurde arbeitslos. Um seine Familie zu ernähren, arbeitete der Ingenieur am Bahnhof. Dem Anhalter Bahnhof. Schleppte Koffer. Gegen Hungerlohn. Und am Ende seines Tunnels gab es nicht das kleinste bisschen Licht. Doch als die Not am größten war, griff das Schicksal ein und die eben abgestürzte Achterbahn rauschte ratternd steil nach oben. Was dahinter steckt, ist Folgendes:

Im Wedding, See-Ecke-Müller, fuhr eine schwere Limousine vor. Eine amerikanische. Rechtsgesteuert. Marke Packard. Am Heck das ovale Schild eines fremden Staates. Schwarze Buchstaben auf weißem Grund: SAU. Abkürzung für SOUTH AFRICAN UNION. Auf Deutsch keinen Krümel anders. SAU.

SÜD-AFRIKANISCHE UNION.

Der Wagen war auf einem Ozeanriesen von Kapstadt über Hamburg nach Berlin gekommen. Vor dem Haus, das – soweit ich weiß – schon damals ein Kino war, hielt ein livrierter Chauffeur den Schlag des Wagens auf. Ein untersetzter Mann stieg auf den Bürgersteig hinaus. So sah er aus: Schultern breit, Beine voller Kraft. Gesicht mit Furchen. Haare mit Bürstenschnitt, Haarfarbe weiß. Die Haut hell. Die Lippen voll.

Wer da kam, war ein Cousin von Vater. Für mich wurde er zu Onkel Albert. Aber das erst Jahre später. Sein Lebenslauf hat mich begeistert. Weil auch die Leser dieses Buches ganz sicher den Charakter dieses Mannes schätzen werden, schreibe ich seine Geschichte jetzt hier auf.

 

ONKEL ALBERT WAR SCHLACHTERMEISTER. Ursprünglich aus Neuruppin. Als ganz junger Mann ist er ausgewandert nach Südafrika. Seine junge Braut hat er gleich zu Anfang mitgenommen. In Kapstadt, weit am Hafen unten, haben sie einen Grillstand aufgebaut. Deutsche Bratwürste sind bei den Longshoremen zum Erfolg geworden. Die Bouletten ebenso, und die blonde Braut aus Neuruppin hat bei den Schwarzen Beachtung ausgelöst. Aus dem Grillstand ist schon bald ein kleiner Store geworden, kurz danach waren es zwei und schließlich mehrere Filialen. Nur ein paar Jahre später haben die jungen Unternehmer Kühlhäuser aufgemacht. Über das weitgestreckte Land der Buren waren sie verteilt. Und kaum war der Stummfilm in Kalifornien zum Erfolg geworden, da finanzierte Onkel Albert im Süden Afrikas eine Kinokette. Außerdem gab es da noch seine Hengste, die aus Arabien stammten. Wie erwartet brachten die bei Pferderennen weiteren Gewinn. Summa summarum also: Wegen Alberts weit gestreuter Geldanlagen berührte ihn die Weltwirtschaftskrise kaum.

Doch nun wird’s traurig. Denn mitten hinein in ein Schaffen, das er emsig nannte, starb ihm die geliebte Frau. Und es geschah in dieser Zeit des Schmerzes, dass er einen Packen Briefe las, die seine Erna und Gustchen, meine Mutter, sich geschrieben hatten. Unerwartet musste er darin von Armut lesen, einer, aus der es keinen Ausweg gab. Das hat den Witwer sehr berührt. Er dachte nach. Für eine Auswanderung nach Südafrika war Cousin Max nicht mehr jung genug. Finanzielle Unterstützung anzubieten, erschien Albert nicht als guter Plan. Der Stolz des Weddingers ließ das nicht zu. Schließlich sagte sich der Mann, die Antwort nach dem Wie der Hilfe könne in einem Brief zu suchen sein. So kam es dann, dass der Multimillionär für einen Kofferträger Schicksal spielte. Und zwar so:

Ein Brief, von Kapstadt in den Wedding, fragte an, ob Max dem Albert einen Gefallen tun würde. Die wegen der tragischen Inflation abgestürzten Immobilienpreise in der alten Heimat, so stand mit steiler Schrift geschrieben, machten dem Südafrikaner das Investment in eine Berliner Wohnanlage durchaus bedenkenswert. Wäre es wohl zuviel verlangt, wenn Max einmal danach Umschau halten würde?

Vater hat mir nie erzählt, ob er den dankenswerten Plan seines Cousins damals durchschaute. Später einmal hat er davon gesprochen, dass er, wie gewünscht, für den guten Albert Umschau hielt. Dass er die Immobilie fand. Dass der Afrikaner eine große Summe Geldes überwies. Dass Ilse, der kleine Eberhard, Max und seine Guste umzogen. Im Jahr 1931 muss das wohl gewesen sein. Ich war also mehr oder weniger drei Jahre alt, was bedeutet, dass ich mich an den Umzug nicht erinnern kann. An nichts und gar nichts kann ich mich erinnern, jedenfalls nicht, bis ich in die Schule kam. Und das geht zurück in die Zeit um 1934. Die Jahre davor kenne ich also nur vom Hörensagen. Das gilt auch für den 30. Januar 1933, einen Tag, der in mein Leben schicksalhaft Schlimmes bringen sollte.

MACHTERGREIFUNG

Die »Weimarer Republik« ist eine junge, aber instabile Demokratie. Weil zu viele Parteien im Parlament vertreten sind, ist die Regierungsbildung schwierig, mehrfach kommt es zu Neuwahlen. Aufgrund der seit 1929 fehlenden parlamentarischen Mehrheiten ernennt der Reichspräsident den Kanzler. Bei der Wahl am 6. November 1932 verliert die NSDAP zwar Stimmen, bleibt aber mit 33,1 Prozent stärkste Partei. Nach monatelangem Machtpoker ernennt der 85-jährige Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler. Hindenburg, selbst weder Nazi noch Anhänger Hitlers, glaubt, dass die Mehrheit der Nicht-NSDAP-Minister Hitler in Schach halten könne. Eine fatale Fehleinschätzung!

 

JA, DER 30. JANUAR1933! Über diesen schicksalhaften Tag haben meine Eltern zu Ilse und zu mir mit Begeisterung gesprochen. Sie bezeichneten Hitler als Retter der Nation. Weil er den »frevelhaften« Vertrag von Versailles null und nichtig nannte. Weil er Autobahnen bauen ließ. Weil er die Reichswehr wieder »auf Vordermann« bringen ließ, und das mit Panzern und Kanonen, die Krupp und Thyssen für ihn bauten. Millionen anderer Deutscher haben so gedacht. Dass Reichswehr, Autobahnen und Kanonen einem verbrecherischen Weltkrieg dienen würden, haben die meisten Deutschen nicht vorausgesehen. Gesehen aber haben sie, dass es wieder Arbeit gab. Von dem Mann aus Braunau am Inn haben sich die Menschen blenden lassen. Sind in die »Partei des Führers« eingetreten. Meine Eltern ebenso. Haben ihre Kinder zu Nationalsozialisten gemacht. Meine Eltern ebenso.

ERMÄCHTIGUNGSGESETZ

Knapp zwei Monate nach der Machtergreifung, am 23. März 1933, stimmt der Reichstag über das von Hitler vorgelegte »Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich« ab. Damit wird die Regierung ermächtigt, ohne Zustimmung von Reichstag und Reichsrat sowie ohne Gegenzeichnung des Reichspräsidenten Gesetze zu erlassen. Dafür bedarf es einer Zweidrittelmehrheit. Mit den 444 Stimmen der NSDAP sowie der Konservativen wird das »Ermächtigungsgesetz« verabschiedet. Nur die 94 Abgeordneten der SPD votieren gegen die Selbstentmachtung des Reichstags; die KPD-Abgeordneten dürfen nicht abstimmen, da ihre Mandate bereits annulliert sind.

 

ÜBER DIESEN SCHRITT INS VERDERBEN weiß ich nicht zu sagen, wie meine Eltern zu ihm standen. Ich vermute, dass sie weniger um Hitlers Machenschaften als um meinen Geburtstag besorgt gewesen sind. Meinen fünften. Und der stand ihnen zwanzig Tage nach dem Ermächtigungsgesetz ins Haus. So viel dazu. Nun aber erst einmal zurück zum Berliner Besitz des Afrikaners.

 

ONKEL ALBERTS IMMOBILIE ist zu meinem Elternhaus geworden. Und zu dem von Ilse. Ich habe es zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, als ich sechs geworden bin. Als wir das Jahr 1934 auf dem Kalender hatten. Voriges Jahrhundert.

Das große Haus stand am Rand der Stadt, im Osten Berlins. Auf dem Schild am S-Bahnhof des Ortes war zu lesen, dass der Name dieses Stadtteils Biesdorf ist. Seine Häuser standen klein, irgendwie geduckt, inmitten schöner Gärten.

Unser Haus war das einzig hohe weit und breit. Eine kopfsteingepflasterte Straße führte zu ihm hin.

Im Erdgeschoss gab es eine Kneipe mit einem Biergarten dabei. Über dem Lokal reckten sich drei Stockwerke nach oben. An diese Wohnanlage hat sich ein Kino angelehnt, dessen Vorführer zu einem guten Freund von mir geworden ist. Den Lesern dieses Buches will ich nicht verhehlen, dass ich oft darüber nachdenke, wie es wohl kommt, dass am Ort meiner Geburt ein Kino steht, und dass es im Elternhaus wiederum ein Kino war, das mich über alle Maßen glücklich machte.

Weiterhin ist zu berichten, dass es Verwandtschaft in dem großen Haus gegeben hat. Nämlich:

In den ersten Stock war Onkel Willi eingezogen, Vaters Bruder. Seine Frau Käthe hielt sich oft, eng in Spitzenwäsche gezurrt, sich allseits zeigend, hinter ihren Fenstern auf.

Auf der anderen Seite, weiter hinten rechts, hauste einer, der Henner Bierwirth hieß. Er hat wirklich so geheißen, ist stets im braunen Hemd der SA-Männer herumgelaufen und hat schon morgens um neun nach dem Getränk gestunken, das er in der ersten Hälfte seines Namens führte.

Neben der Wohnung von Onkel Willi wohnte der Witwer August Krüger, Vater meines Vaters, vormals Lokführer aus Schlesien. Seine Frau, die blinde Hebamme, von der ich schon erzählte, war dem Opa weggestorben. Nur kurze Zeit nachdem sie mir den Weg in diese Welt gewiesen hat.

In der Etage darüber lebten wir vier Krügers, also Vater, Mutter, Ilse, ich. Und in die Wohnung auf der anderen Seite des Treppenhauses waren Mutters Eltern eingezogen: Eberhard Meier mit seiner Frau Auguste. Genau wie Opa Krüger ist Opa Meier Lokführer gewesen. Aber aus Westfalen. Und an dieser Stelle amüsiere ich mich. Weil ich an die Kupferstiche mit Lokomotiven denken muss, die einst im großen Haus von Biesdorf zu sehen waren. Denn: Vater hatte die Loks gebaut, und beide Opas hatten sie gefahren! Ich sage es mir ja immer wieder: »Was doch das Leben sich nicht alles so erlaubt …«

Doch zurück zum Elternhaus.

Der Vorführer des Kinos ist, wie gesagt, mein Freund geworden. Wann immer ich wollte, durfte ich die Eisentreppe nach oben gehen, zu ihm in den Vorführraum. Wenn das geschah, hat er zwischen die Projektoren eine Holzkiste zum kleinen Fenster hin geschoben. Sobald ich da drauf geklettert war, konnte ich ganz vorne die Leinwand sehen und unter mir das Publikum.

Ich sah Filme, die für Jugendliche nicht erlaubt gewesen sind. Beim Gedanken an mir Verbotenes, dem Kleinen auf der Kiste, muss ich an mich als Fünfzehnjährigen denken, der dann in der Nazizeit Verbotenes sah. Männer mit ungeheuerlichem Mut haben mich Filme sehen lassen, die verboten waren. Verboten von der Verbrecherbande in der Hitler-Zeit. Darüber wird noch viel zu sagen sein – sehr, sehr viel sogar. Doch das später.

Jetzt erst einmal freue ich mich, die Fortsetzung von dem Kleinen auf der Kiste zu erzählen. Warum die Freude wohl? Nun, ich lass’ nicht lange mit der Antwort auf mich warten. Es ist nämlich so, dass der Filmvorführer nicht mein einziger Freund damals gewesen ist. Ich hatte einen anderen noch.

Einen Großen.

Runden.

Weißen.

Und dieser andere, das war der Mond.

 

ER WARTETE AUF MICH, in der Oberfeldstraße, draußen vor dem Haus von Raimund Kastners Eltern. Wann immer er es hat einrichten können, stand er da; mein Freund, der Mond, stand auf der anderen Seite der Straße und malte die Dunkelheit ganz hell für mich. Manchmal war es nach einem Geburtstagsfest, dass er da gewartet hat. Es konnte auch mal am Ende von Karl-May-Geschichten gewesen sein, die Vater Kastner so gerne laut für uns gelesen hat. In meiner Erinnerung ist mein Freund immer für mich da gewesen, wenn ich auf dem Weg nach Hause war. Sobald ich losgegangen bin, ist auch er gegangen. Wenn ich an der S-Bahnschranke warten musste, stand auch er ganz still. Wollte ich mal schnell nach Hause, ist er mitgerannt. Bis hin zum Elternhaus. Da hat er mich dann reingehen lassen. Und ich habe ihm ein letztes Mal noch zugewinkt.

Dieses Spiel mit meinem Freund, dem Mond, spiele ich auch heute noch. Vor Wolkenkratzern in New York. Oder in einem Wald aus Eichen. Selbst in der Antarktis haben wir das Spiel gespielt. Riesig groß und gelb ist er da gewesen, als er langsam über den Rand der Welt gekommen ist. Luv stand dabei und hat ganz hell gelacht.

 

BEDEUTENDE TAGE IN MEINEM LEBEN fanden 1936 statt, im Jahr der Olympischen Spiele von Berlin. Ein traumhafter Sommer ist das gewesen. Ich kann mich nicht erinnern, dass das Wetter auch nur einmal schlecht gewesen ist. Vater und ich sind jeden Tag mit der S-Bahn quer durch Berlin zum Stadion gefahren. Ganz oben auf den billigen Plätzen haben wir gesessen. Der Blick von dort über die rote Aschenbahn und den grünen Rasen war phantastisch. Richtig gute Plätze konnten wir uns nicht leisten, weil wir zuvor viel Geld für zwei Feldstecher ausgegeben hatten, und mit denen konnten wir uns die Wettkämpfer ganz nah an unsere Augen holen. Manchmal habe ich mir gedacht, ich kann die fast berühren. Besonders einen hätte ich gern berührt. Es war ein Mann mit langen Beinen. Ein Amerikaner. Mit einer Haut, schwarz wie die Nacht. So einen hatte ich vorher nie gesehen. Jesse Owens war sein Name. Den 100-Meter-Lauf hat er gewonnen, den Weitsprung auch, den 200-Meter-Lauf dann noch, und bei der 400-Meter-Staffel ist Schlussmann Owens als Erster über den weißen Strich der Ziellinie gerannt.

Aber auch ein deutscher Sportler ist richtig gut gewesen. Carl Ludwig Long hat er geheißen. Wir alle nannten ihn nur Luz. Beim Weitsprung hat er Silber geholt für unser Land. Und was mich beeindruckt hat, ist sein Sportlerherz gewesen. Als Jesse nämlich diesen Luz im Weitsprung auf den zweiten Platz verwies, ist der quer durch die Sandkiste gelaufen und hat den Amerikaner in großer Herzlichkeit umarmt.

Von diesem Jesse Owens war ich schwer begeistert. Er ist der beste Sportler gewesen, den ich in meinem Leben sah. Damals ebenso wie heute. Vier Goldmedaillen hat er sich in Berlin erkämpft. Das muss man sich vor Augen führen. Und nicht eine Einzige davon hat ihm Adolf Hitler um den Hals gehängt! Ich, deutscher Junge, damals acht Jahre alt, habe mir nach jedem Owens-Sieg mit dem Feldstecher Adolf Hitlers Tribüne angesehen. Bei drei Wettkämpfen, zu denen Jesse Owens angetreten ist, blieb des Führers Stuhl da drüben leer. Ein andermal, just in dem Moment, als der Amerikaner sich anschickte, für sein letztes Rennen der Spiele an den Start zu gehen, habe ich mir mit dem Glas das Bild der Loge nah herangeholt. Das Bild ließ unseren Führer sehen, wie er das Stadion verlässt. So ist es in meiner Erinnerung geblieben.

Fragend sah ich meinen Vater an. Eine Antwort hab ich nicht bekommen.

OLYMPISCHE SOMMERSPIELE 1936

Wie für die meisten Beobachter ist Owens auch für den jungen Krüger der Held der Olympischen Sommerspiele. Doch in einem Punkt trügen die Erinnerungen des damals Achtjährigen, nämlich wie sich Hitler gegenüber Owens verhielt. Bis heute wird diskutiert, ob Hitler mit Absicht Owens die Anerkennung verweigerte. Tatsächlich handelt es sich um eine Legende. Nachdem Hitler am ersten Wettkampftag mit Medaillengewinnern vor den Kameras posiert hatte, wurde er vom IOC aufgefordert, dies einzustellen, da das IOC die Rechte an den Olympischen Spielen besitze. Hitler, der sich als »Friedenskanzler« präsentieren wollte, willigte mürrisch ein. Da die Öffentlichkeit davon zunächst nichts erfuhr, wurde durch US-Presseberichte das Gerücht verbreitet, dass Hitler Owens, der am zweiten Tag den 100-Meter-Lauf gewann, den Handschlag verweigert hätte. Dazu trägt später Owens selbst bei, als er in seiner Biographie diese Story weiter ausmalte.

In seiner Heimat musste Jesse Owens lange auf Anerkennung warten. Präsident Roosevelt lud den Olympiahelden nicht ins Weiße Haus ein, da er sich gerade im Wahlkampf befand und Nachteile im damals noch von Rassentrennung geprägten Amerika befürchtete. Erst 1976 erhielt Owens aus den Händen von Präsident Ford die »Medal of Freedom« – die höchste Auszeichnung der Vereinigten Staaten von Amerika.

 

EIN LETZTES WORT ZU LUZ von mir: Nur noch drei Jahre nach dem großen Fest der Völker ließ Hitler die Welt in Frieden. Dann ist er über unseren Nachbarn Polen hergefallen. Die Folge davon war Weltkrieg Nummer Zwei. Carl Ludwig Long ist in dem Krieg gefallen.

 

ZWEI JAHRE NACH DEN OLYMPISCHEN SPIELEN ist in ganz Deutschland Schreckliches geschehen. Doch bevor ich auf das Niezuvorgesehene zu sprechen komme, muss ich notieren, dass ich in jenem Jahr ins Deutsche Jungvolk eingetreten bin. Aus zwei Gründen ist dies eigentlich nicht sonderlich erwähnenswert, denn erstens musste ein jeder Bursche mit zehn Jahren zum Jungvolk, solange er nicht »Jude«, »Neger« oder »Zigeuner« war, und zweitens hatten mich meine Eltern bereits in diese braun-schwarze Uniform gesteckt, als ich eben fünf Jahre zählte.

Wichtiger als dies ist mein Bericht über das Verdammenswerte in 1938 und die Erwähnung, dass Vater mir auch in jenem Jahr seine Antwort schuldig geblieben ist. Onkel Albert ist dabei gewesen. Nach dem Tod seiner geliebten Frau hatte er sich immer mehr meinen Eltern angenähert und war alle paar Jahre nach Berlin gekommen. Wenn das geschah, schlief er bei uns auf dem Ausziehsofa im sogenannten Herrenzimmer. Der Multimillionär war nämlich ein Mann, der von sich sagte, dass er das stinkfeine Getue in den Luxushotels nicht verknusen könne, und im Gegensatz dazu hatte es ihm seine Biesdorfer Immobilie richtiggehend angetan.

Und er war sich auch nicht zu schade, lange Gespräche zu führen mit mir, der ich der Jüngste unter allen Krügers war. Einmal hat er von mir wissen wollen, was mir denn in meinem Berliner Leben am besten gefällt. Und da habe ich ihm gesagt: »Bücher lesen und zum Flugplatz gehen.«

Die Antwort muss ihm wohl gefallen haben, weil er dazu breit gelächelt hat: »Tatsächlich? Flugplatz? Und was machst du da?«

»Den Maschinen zusehen. Wie die starten. Wie die landen.«

Seine Augenbrauen gingen hoch. Und er ist ganz ernst geworden. »Nun sag bloß noch, dass du mal fliegen willst, wenn du groß genug geworden bist.«

Dazu habe ich nicken müssen. Weil sich meine innere Stimme hatte hören lassen: »Vor Onkel Albert darfst du kein Geheimnis haben.« Und so habe ich ihm gestanden, dass ich für mein Leben zwei richtig große Träume habe.

»Gleich zwei davon?«, hat er gefragt. »Richtig große? Sagst du mir, was die wohl sind?«

»Der erste Traum ist Fliegen.«

Jetzt war’s Onkel Albert, der hat nicken müssen. »Das kann ich gut verstehen.« Und dann hat er nach dem zweiten Traum gefragt.

»Bücher schreiben«, habe ich ihm gesagt.

Das hat ihn nachdenklich gemacht. Ziemlich lange. Und ich habe gesehen, dass er mir glaubte.

»Eberhard«, kam es von ihm dann, »du siehst mir ganz so aus, als ob du es irgendwann auch machst.« Für die Antwort hab’ ich ihn geliebt. Und rundum froh bin ich geworden, als ich ihn zu Mutter am selben Tag noch habe sagen hören, »dein kleiner Eberhard ist avanciert – in die Reihe meiner besten Freunde.«

Es war an einem anderen Tag, dass er mich gesehen hat, als ich aus der Schule kam. Und das auf meinem alten Roller. »Was?«, hat er gerufen. »Zehn Jahre alt, und Roller? Warum nimmst du nicht dein Byclette?«

Das machte mich verlegen. »Weil ich keines habe.«

Seine Augen wurden groß. Mit der flachen Hand schlug er sich auf den Schenkel. »Dann gehen wir eines kaufen! Noch heute Abend. Und deinen Vater nehmen wir dazu mit!«

Der Fahrradladen lag gleich hinterm Alexanderplatz, aber als wir da angekommen waren, sind wir erschreckt aus Onkel Alberts Packard herausgeklettert. Denn: Tische, Stühle, sonstige Möbel und anderer Kram lagen überall auf dem Alex herum, und unser Auto war vor so etwas Ähnlichem wie einem Kleiderschrank zu stehen gekommen. Aber irgendjemand hatte den kaputt gemacht. Ein Stück weiter sah ich Kleider. Alle schienen aufgeschlitzt.

Was einmal Schaufenster gewesen war, stand zersplittert in der einsetzenden Dunkelheit herum. Gardinen hingen zerfetzt vor eingeschlagenen Fenstern. Der Asphalt war übersät mit Müll und Schutt und Glas.

Ich hörte Onkel Albert etwas sagen, was ich nicht verstand, und da sagte er es noch einmal: »So und nicht anders muss das Inferno ausgesehen haben.«

Auf dem weiten Platz war kaum ein Mensch zu sehen. Und wo früher Hunde liefen, gab’s jetzt keine mehr.

Ich sah zu Vater auf. In meinen Augen, da bin ich sicher, standen hundert Fragen. Doch wie’s schon bei Jesse Owens und dem Führer war: Eine Antwort hatte Vater nicht für mich.

 

Und wieder war es der Mann aus Kapstadt, der mir nicht ausgewichen ist. Über Scherben stolpernd ging ich zu ihm hin. Er sprach leise. Und mit einer Stimme, die auf ungewohnte Weise heiser war. »Hier riecht’s nach Angst«, sah ich seine Lippen sagen, »nach Angst der Menschen hier. Vor lauter Furcht sind sie davongerannt.«

Jahre später traf ich einen Mann, der auf dem Alexanderplatz die erwähnte Furcht der Menschen hatte teilen müssen. Die Rede ist von Helmut Käutner, dem Regisseur. Ich war damals aus Paris ins Ruhrgebiet gekommen, um den Dänenprinz Hamlet für ihn zu spielen, dessen moderner Version Käutner den Titel Der Rest ist Schweigen gab. Warum ich an einem Abend, nach dem Drehen, von ihm erfuhr, dass er Zeuge jener Stunde deutscher Schmach geworden war, weiß ich nicht zu sagen, was er aber mir erzählte, gebe ich aus dem Gedächtnis an dieser Stelle wieder.

 

Es geschah, dass er an jenem Novembertag im Jahr 1938 aus der Oper kam, von den Linden her zum Alexanderplatz gekommen war und einen Mord und Totschlag hat mit ansehen müssen, wie es ihn zuvor im Berliner Leben niemals gab. Vom brutalen Verprügeln deutscher Juden hatte er bis dahin nur gehört. Mit Entsetzen sah er nun mit an, wie wütende SA-Männer hilflose Menschen aus den Fenstern warfen. Er sah das Plündern der Geschäfte. Hörte die Schreie der Verzweifelten. Hörte auch die lauten Rufe von Empörten an die braunen Horden: »Was macht ihr da? Schämt ihr euch nicht? Schluss damit jetzt!«, erzählte der Nazigegner. »In Gottes Namen Schluss!«

»Und du?«, habe ich ihn gefragt. »Hast du auch eingegriffen?«

»Nein«, war seine Antwort. Sie kam leise. »Ich hab’ den Mantelkragen hochgeschlagen. Bin nach Hause gehastet. Habe in Whisky meine Scham ertränkt.«

REICHSPOGROMNACHT

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 finden in ganz Deutschland Pogrome des NS-Regimes gegen die jüdische Bevölkerung statt. Es kommt zu Ausschreitungen und Morden, 400 Menschen sterben. Tausende jüdische Geschäfte werden zerstört, Synagogen in Brand gesetzt – von SA-Ortsgruppen und SS-Trupps in Zivilkleidung. Polizei und Feuerwehr dürfen nicht einschreiten. Als Vorwand für die Reichspogromnacht dient den Nazis der Tod eines deutschen Botschaftsangehörigen in Paris, der von einem 17-jährigen Juden erschossen worden war. Mit der sogenannten »Reichskristallnacht« beginnt die systematische Vertreibung, Enteignung und Vernichtung der Juden während der NS-Zeit.

 

ES SOLLTE SCHLIMMER KOMMEN in unserem Land. Im Herbst des nächsten Jahres erschreckte uns der Krieg. Er hatte nach der Ernte angefangen. Im September. Am ersten, ganz genau gesagt. Ich kann mich an den Tag erinnern, als wär es gestern erst gewesen.

KRIEGSAUSBRUCH

Am 1. September 1939 beginnt mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Es ist ein weiterer Schritt in dem seit 1933 zunehmend aggressiven Streben Hitlers nach Weltmacht und Erschließung von »Lebensraum«. Hierzu zählt der »Anschluss« Österreichs 1938 ebenso wie ein Jahr später der Einmarsch in die Tschechoslowakei. Die West-Mächte USA, Großbritannien und Frankreich verhalten sich lange abwartend, denn sie sehen in Nazi-Deutschland die effektivste Kraft zur Eindämmung des sowjetischen Einflusses in Europa. Erst nach dem Überfall auf Polen fordern Frankreich und Großbritannien den Rückzug der Deutschen binnen zwei Tagen. Hitler lässt das Ultimatum verstreichen. Es beginnt ein Krieg, der bald weite Teile der Welt erfasst.

 

DIE GANZE NATION saß gebannt vor den Volksempfängern. So wurden die Radios seinerzeit genannt. Wir Kinder, zwischen unseren Eltern sitzend, hörten aufmerksam dem Führer zu. Und ich weiß auch noch ganz genau die Sätze, die er sagte, denn grammatikalisch waren eine Menge davon falsch. Gleich am Anfang schon. »Ich bin mit meinerrrr Rrrreichsrrrrregierung zwei volle Tage dagesessen«, hatte er gesagt. Musste es nicht heißen »habe ich gesessen«?

»Vielleicht«, sagte meine innere Stimme, »heißt das auf Österreichisch so.« Aber was die vielen RRRRS angeht, so fand ich die sehr störend, was wohl daran lag, dass ich schon damals die deutsche Sprache schön und klangvoll fand.

Meine Verwunderung über des Führers Sprache habe ich