Was ist Liebe, Sokrates? - Nora Kreft - E-Book

Was ist Liebe, Sokrates? E-Book

Nora Kreft

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Beschreibung

Nichts ist vernünftiger als die Liebe Sie fasziniert uns, seit wir denken können. Doch was bedeutet Liebe aus philosophischer Perspektive? Diese Frage beantwortet Nora Kreft auf besondere Art und Weise: Sie lässt acht berühmte Denkerinnen und Denker auf einer fiktiven Dinnerparty über Liebe, Freundschaft und Begehren diskutieren. Hier treffen so unterschiedliche Charaktere wie Sokrates, Simone de Beauvoir, Sigmund Freud und Immanuel Kant aufeinander. Sie tauschen sich über Freundschaft und Lust aus, streiten über die Bedeutung von Dating-Apps und erörtern, ob Liebe persönliche Autonomie einschränkt. Ihre Dialoge sind so lehrreich und kurzweilig, dass sie einen hervorragenden Einblick in die klügsten Gedanken der Philosophie der Liebe geben und dabei köstlich unterhalten.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deFür Emanuel© Piper Verlag GmbH, München 2019Covergestaltung: Favoritbuero, MünchenCovermotiv und Innenillustration: Martina Frank, MünchenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

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Inhalt

Cover & Impressum

Vorwort

Die philosophische Tischgesellschaft

Sokrates

Augustinus

Immanuel Kant

Søren Kierkegaard

Sigmund Freud

Max Scheler

Simone de Beauvoir

Iris Murdoch

1 Eine Diskussion über die Liebe: Willkommen in Königsberg!

2 Was Liebe mit Weisheit zu tun hat

3 Die Unersetzbarkeit des Geliebten

4 Liebe und Lust

5 Kann man Maschinen lieben?

6 Schränkt Liebe unsere Autonomie ein?

7 Gibt es ein Recht auf Liebe?

8 Die Kunst des Liebens

9 Dating Apps – der Ausverkauf der Liebe?

10 All You Need Is Love

Dank

Literatur

Zentrale Werke der Philosophinnen und Philosophen in diesem Buch

Weiterführende Literatur

Vorwort

Die Liebe stellt regelmäßig unser Leben auf den Kopf. Man kann nicht nebenbei lieben und ansonsten weitermachen wie bisher: Liebe verändert uns von Grund auf, verwandelt Sehnsüchte und Wünsche, und auch unsere Wahrnehmung. Wir sehen und hören anders, wenn wir lieben, weil unsere Aufmerksamkeit einen neuen Fokus hat. Kein Wunder, dass gerade der Beginn der Liebe sehr verwirrend und anstrengend sein kann. Alle Gedanken kreisen auf einmal um den Liebsten oder die Liebste, und man hofft nichts sehnlicher, als dass man zurückgeliebt wird. Das macht ziemlich verletzlich, nicht nur anfangs, sondern überhaupt: Liebende gewöhnen sich nicht wirklich an die Liebe und werden mit der Zeit nicht weniger verletzlich. Wenn man zum Beispiel eine Person verliert, die man liebte, ist es nicht leicht, weiterhin jeden Tag aufzustehen und weiterzuleben. Es ist, als ob uns erst die Liebe erklärt, was Sterben eigentlich bedeutet und was Alleinsein ist.

Liebe überkommt uns manchmal plötzlich und manchmal bahnt sie sich langsam an, aber in jedem Fall entzieht sie sich unserer direkten Kontrolle. Sie mischt sich zwar in unsere Entscheidungen ein, zumindest in die wichtigen, aber zur Liebe selbst kann man sich nicht einfach entscheiden. Man kann sich zu ihr bekennen oder nicht, man kann versuchen, die Schar von Gefühlen und Wünschen zu ignorieren, die sie mit sich bringt, aber ob man überhaupt liebt, liegt nicht einfach in unserer Hand, und das gilt für romantische Liebe ebenso wie für Elternliebe, Geschwisterliebe, tiefe Freundschaft und so weiter.

Wenn sie uns so verändert und verletzlich macht und wir sie noch nicht einmal selbst in der Hand haben, warum sehnen wir uns trotzdem nach Liebe? Was ist das Besondere an ihr? Warum würden die meisten sogar lieber unglücklich als überhaupt nie lieben? Warum versuchen wir sie in unzähligen Liedern in Worte zu fassen? Warum ist es überhaupt so schwer, die richtigen Worte für Liebe zu finden? Warum vertun wir uns so oft dabei und setzen immer wieder an?

Weil Liebe so ein erstaunliches Phänomen ist und weil es sie schon seit Anfang der Menschheit zu geben scheint – auf jeden Fall seit Beginn der von Menschen dokumentierten Geschichte –, hat sich auch die Philosophie schon immer Gedanken über Liebe gemacht. Große Philosophen und Philosophinnen aus allen Jahrhunderten haben sich gefragt, was romantische Liebe, Elternliebe, Geschwisterliebe und tiefe Freundschaft gemeinsam haben, was sie eigentlich alle zu Liebe macht, und kluge Ideen zu Papier gebracht. Wäre es nicht spannend, wenn sie durch die Zeit reisen und unsere Fragen zur Liebe mit uns diskutieren könnten? Die grundlegenden Fragen, die sich allen Menschen schon immer gestellt haben, aber auch die Themen, die uns im Augenblick ganz besonders angehen und die Ausdruck unserer Zeit und Kultur sind – Dating Apps, Liebe und künstliche Intelligenz, und so weiter?

In den folgenden zehn Kapiteln spinne ich dieses Gedankenspiel weiter. Acht Philosophinnen und Philosophen treffen aufeinander, und zwar in Immanuel Kants Haus in Königsberg, also im heutigen Kaliningrad. Es sind historische Figuren aus ganz verschiedenen Zeiten, die Wesentliches zur Philosophie der Liebe beigetragen haben: Sokrates aus der klassischen Antike, Augustinus aus deren Endphase und dem beginnenden Mittelalter, Immanuel Kant aus dem 18. und Søren Kierkegaard aus dem 19. Jahrhundert, Sigmund Freud und Max Scheler aus der ersten und Simone de Beauvoir und Iris Murdoch aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie kommen zusammen, weil Immanuel Kant eine mysteriöse Einladung verschickt hat. Früher lud er häufig zu sich ein, aber irgendwann wurde es still um ihn. Jetzt taucht er plötzlich aus der Versenkung auf und will über Liebe reden. Dem historischen Immanuel war die Liebe moralisch suspekt. Der Immanuel in diesem Buch will das Thema noch einmal aufrollen und seine sieben Gäste sollen ihn dabei unterstützen.

Dabei geraten sie natürlich in alle möglichen Diskussionen: Darüber, was Liebe eigentlich ist, ob Liebe Gründe hat, wie man erklären kann, dass Liebende ihre Geliebten für unersetzbar halten und nicht einfach gegen ähnliche oder irgendwie »bessere« Kandidaten austauschen würden. Was Liebe mit Hormonen zu tun hat, ob man Roboter lieben kann, was Sex mit Robotern womöglich mit uns macht. Ob sich Liebe und Autonomie gegenseitig ausschließen oder gar beflügeln, warum Liebe glücklich (und manchmal auch schrecklich unglücklich) macht, ob es ein Recht auf Liebe gibt. Ob man Liebe üben kann, was es mit Liebespillen auf sich hat, wie Dating Apps zu beurteilen sind, und vieles mehr. Die Diskutanten bewegen sich also hin und her zwischen den zeitlosen Fragen und den akuten Themen von heute.

Nicht alles, was die acht Personen hier sagen, kann ihren historischen »Geschwistern« zugeschrieben werden. Einfach weil diese Geschwister noch nicht wirklich über Sexroboter und Dating Apps nachgedacht haben. Aber auch weil die Personen im Buch manchmal ihre Meinung ändern, wie es in Diskussionen so üblich ist. Sie starten von den jeweiligen Positionen aus, die sie mitbringen, aber sie lassen sich auch von den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern beeinflussen, wenn diese überzeugende Gegenargumente haben. Und manchmal beschreiten sie ganz neue Pfade.

Ich hoffe, dass ihre Einfälle Lust aufs Mitdenken machen. Die heutige Philosophie der Liebe braucht nämlich dringend Mitdenkende. Einerseits weil sie noch relativ jung ist: Die Philosophie der Liebe ist erst kürzlich wieder verstärkt ins Blickfeld geraten und es gibt viel innovative neue Forschung – unsere acht Diskutanten werden davon einiges erörtern. Und andererseits weil Liebe in unseren politisch turbulenten Zeiten ein wichtiges Thema ist. Obwohl Liebe mit der ihr eigenen, intensiven Fixierung auf eine bestimmte Person beginnt, öffnet sie doch auch den Blick für die fundamentale Unersetzbarkeit aller Menschen und weckt einen Sinn für Gerechtigkeit. Außerdem setzt die Liebe alle möglichen Kräfte frei: Liebende sind erfinderisch, geben nicht schnell auf. Das müssen wir uns zunutze machen, um die großen Aufgaben unserer Zeit anzugehen.

Denken und Liebe werden einander manchmal entgegengesetzt. Die Liebe sei reines Gefühl und als solches weit von Nachdenken entfernt, heißt es. Aber Gefühle sind meines Erachtens selbst verdichtete Gedanken über die Welt. Und was noch wichtiger ist: Liebe inspiriert uns zum Denken. In Platons Dialog Phaidros erklärt Sokrates, dass eine andere Person zu lieben (unter anderem) bedeutet, mit ihr philosophieren zu wollen. Und dass die Philosophie dieses Motiv braucht, weil die Liebe zu einer anderen Person unsere Liebe zur Weisheit erst entfacht. Wenn er recht hat, ist Liebe nicht einfach ein wichtiges Thema der Philosophie neben anderen, sondern Liebe und Philosophie sind aufeinander angewiesen: Liebe drückt sich im Philosophieren aus, und das Philosophieren kann ohne Liebe gar nicht beginnen. Also ohne die Liebe zu einer anderen Person nicht.

Das sind natürlich starke Thesen und wir müssen sie näher untersuchen, bevor wir sie richtig verstehen können. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie etwas Wahres ausdrücken. Liebe ist zentral mit dem menschlichen Verlangen verknüpft, sich selbst und die Welt zu verstehen. Liebende wollen gemeinsam darüber nachdenken, wie sie leben wollen, und was sie glauben sollen und hoffen dürfen – auch wenn das nicht immer bewusst oder explizit geschieht. Möglicherweise ist das gemeinsame Philosophieren der acht Denkerinnen und Denker in diesem Buch also selbst ein Ausdruck von Freundschaft, ein Praktizieren der Liebe.

Nora Kreft im August 2019

Die philosophische Tischgesellschaft

Sokrates

 

Sokrates kommt aus Athen. Er wurde 469 v. Chr. geboren und verbrachte den Großteil seines Lebens auf den Marktplätzen der Stadt, um die Passanten in philosophische Diskussionen zu verwickeln. Insbesondere trieb ihn um, wie man leben sollte. Er meinte, dass ein unhinterfragtes Leben nicht lebenswert sei. Und es war ihm wichtig zu betonen, dass er eigentlich gar nichts wisse. Weil er sich seines Unwissens bewusst war, soll das Orakel von Delphi gesagt haben, niemand sei weiser als Sokrates. Im Jahr 399 wurde er zum Tode verurteilt, weil er angeblich die Götter verhöhnt und die Jugend verführt hatte. Er war mit Xanthippe verheiratet, die beiden hatten mehrere Kinder.

Sokrates’ berühmtester Schüler war Platon, der nach den Ereignissen von 399 begann, philosophische Dialoge zu schreiben, in denen Sokrates als Hauptfigur auftritt. Drei dieser Dialoge handeln speziell von Liebe: Der Lysis, ein früher Dialog, in dem Sokrates mit zwei Kindern über ihre Freundschaft und das Verhältnis zu ihren Eltern spricht; das Symposion, das bei dem Dichter Agathon spielt und in dem eine Reihe bekannter Intellektueller Reden über Eros, den Gott der Liebe, halten; und der Phaidros, in dem Sokrates mit dem schönen Phaidros bespricht, ob Liebe für die Liebenden gut ist oder nicht. Eine wiederkehrende Idee ist, dass die Liebe zu anderen Menschen in dem Begehren nach Weisheit gründet.

Augustinus

 

Augustinus wurde 354 n. Chr. in Tagaste im heutigen Algerien geboren. Seine Bekenntnisse – ein langes Gebet und gleichzeitig Autobiografie – sind in zwei Teile geteilt. Im ersten Teil schildert er sein umtriebiges, intellektuelles Leben und seine inneren philosophischen Nöte bis zu seiner Bekehrung zum Christentum im Jahr 386. Im zweiten Teil geht es um philosophische Fragen wie: Was ist Zeit?, Wie kann ich mich selbst und wie kann ich Gott erkennen, und wie hängt das zusammen? 396 wurde er Bischof von Hippo und blieb es bis zu seinem Lebensende im Jahr 430. Die Liebe ist ein wiederkehrendes und zentrales Thema in vielen seiner Werke: Er untersucht, in welchem Sinne Gott Liebe ist, was es bedeutet, Gott und den Nächsten zu lieben, und wie sich diese Liebe zu Freundschaft und erotischen Beziehungen verhält. Ein berühmter Ausspruch von Augustinus ist: »Liebe – und tu, was du willst!« Vor seiner Bekehrung lebte er viele Jahre mit einer Frau zusammen, die er wohl sehr geliebt hat. Die beiden hatten einen Sohn.

Immanuel Kant

 

Immanuel Kant wurde 1724 in Königsberg geboren, ist 1804 in Königsberg gestorben und hat die Stadt zwischenzeitlich so gut wie nie verlassen. Seine drei Kritiken – die Kritik der reinen Vernunft, die Kritik der praktischen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft – gehören zu den wichtigsten Werken der Philosophiegeschichte, eine Art »kopernikanischer Wende« der Philosophie. Über Liebe hat er erstaunlich wenig geschrieben, möglicherweise weil sie ihm moralisch dubios erschien. Die exklusive Liebe in erotischen Beziehungen nennt er in einigen Schriften rein »pathologisch« und zählt sie zu den Neigungen, die nicht als Beweggründe für moralisches Handeln infrage kommen. In späteren Schriften scheint er den moralischen Status der Liebe aber auf einmal anders und positiver zu sehen, und es ist eine interessante Frage, ob er seine Meinung geändert hat. Er war nie verheiratet und hatte keine Kinder, aber er hat gern und oft zu sich eingeladen und mit Freunden Wein getrunken.

Søren Kierkegaard

 

Søren Kierkegaard wurde 1813 in Kopenhagen geboren. Viele seiner philosophischen Werke sind literarisch eingebettet: Fiktive Figuren halten innere Monologe, erklären und winden sich, schreiben Briefe. Aber die Schrift, die sich ausschließlich mit Liebe befasst – Die Taten der Liebe –, ist unter seinem eigenen Namen und ohne literarische Distanzierung geschrieben. Es geht um das Verhältnis von christlicher Liebe und Ewigkeit, und um die transformative Kraft der Liebe. Sie ist aber auch eine Kritik der bürgerlichen Ehe und überhaupt von exklusiven erotischen Beziehungen, die in ihrer Schwärmerei oft selbstbezogen sind und in denen die Liebe deshalb nicht wirklich zur Entfaltung kommt. Vielleicht waren es unter anderem Gedanken wie diese, die Kierkegaard bewogen haben, seine Verlobung mit Regine Olsen zu beider Leid wieder aufzulösen. Nach Regine hat er nie wieder eine Beziehung geführt. 1855 starb er viel zu früh an einem Schlaganfall.

Sigmund Freud

 

Sigmund Freud wurde 1856 in Freiberg im heutigen Tschechien geboren und lebte später in Wien. Er war Neurologe und Begründer der Psychoanalyse, einer Heilungsmethode für psychische Leiden, bei der unbewusste Wünsche und Gedanken zutage treten und damit ihren Bann verlieren sollen. Zentrale psychologische Begriffe wie »das Unbewusste«, »Projektion«, »Verdrängung« und »Sublimierung« gehen auf ihn zurück. In seinen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie argumentiert er, dass der Libido-Trieb die zentrale Erklärung für menschliches Verhalten ist. In seinem späteren Werk Jenseits des Lustprinzips ist die Libido nicht mehr reines Luststreben, sondern ein Trieb nach Leben, Entwicklung, Verstehen – er nennt sie jetzt Eros. Neben Eros gibt es aber noch einen ähnlich starken Trieb, der Stillstand will, nämlich den Todestrieb. 1938 flohen Freud und seine Familie vor den Nazis aus Wien nach London, wo er nur ein Jahr später starb. Seine Frau Martha Bernays und er hatten sechs Kinder. Insbesondere mit seiner Tochter, der Psychoanalytikerin Anna Freud, verband ihn eine innige Freundschaft.

Max Scheler