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Wer den heutigen Boom der Volksmusik verstehen will, muss in die Vergangenheit blicken. Wo sind die Quellen und Entwicklungslinien? Was ist populär oder authentisch? Ein Volksmusikforscher entlarvt Banalitäten, entdeckt Tiefgründiges und vermittelt profundes Wissen, was gute Volksmusik ausmacht.
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Seitenzahl: 21
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Inhalt
Armin GriebelWas ist Volksmusik? Versuch über ein immerwährendes Thema
Der Autor
Impressum
Armin GriebelWas ist Volksmusik? Versuch über ein immerwährendes Thema
Auf die Frage, was für ihn Volksmusik sei, antwortete der Kabarettist Andreas Rebers: »Musik, die glücklich macht und die man selbst produzieren kann, die man nicht konsumiert, sondern man ist Teil davon.« Die Frage stellte Christoph Well, ehemaliges Mitglied der bayerischen Musik- und Kabarettgruppe Biermösl Blosn. Er konfrontiert damit die Studiogäste seiner Sendung »Stofferls Wellmusik« auf BR Heimat und entlockt ihnen Meinungen zur und Erfahrungen mit Volksmusik. Die Antwort der Jazzmusikerin Conny Kreitmeier, Sängerin und Gitarristin der Band Heimatdamisch: »Musik, die für de Leit [die Leute] is«, ergänzte Well mit dem Nachsatz: »und von de Leit, oder?«
Alle drei bedienen sich bei 250 Jahre alten Vorstellungen von »Volkspoesie«, die, von Johann Gottfried Herder am Übergang zur Moderne vorgebracht, im Kontext von Aufklärung und Romantik wirkmächtig wurden und offenbar bis heute virulent sind.
Anders als Herders Wortverbindung »Volkslied« ist die übergreifende Bildung »Volksmusik« für die Gesamtheit von Lied, Musik und Tanz relativ jung. Sie taucht erst in den 1920er-, 1930er-Jahren als ideologische Prägung im Zusammenhang völkischer Identitätskonzepte auf. Die in der Jugendbewegung entwickelte Vorstellung, dass in der Volksmusik Singen, Tanzen, Musizieren ganzheitlich zusammengehörten, bestimmt heute die Volksmusikpflege. Allgemein verbreitet wurde der Begriff Volksmusik während der NS-Herrschaft, wo er den Platz des neutralen Begriffs Laienmusik einnahm und im Sinne der rassistischen Volkstumsideologie gegen »Entartete Musik« ins Feld geführt wurde. »Deutsche Volksmusik« aus alter, wertvoller Überlieferung sollte in der Tanzmusik ausländische Tanzmoden und »Jazz« ersetzen. Über den Rundfunk verbreitete sich das propagierte Verständnis von »Volksmusik«.
Nach 1945 wurde in der volkskundlichen Forschung ideologisch abgerüstet und das ideologieanfällige »Volk«, nach dem die Wissenschaft benannt ist, als wissenschaftliche Kategorie verabschiedet. In der Volksmusikforschung blieben das Volk und sein Lied weiterhin das Hauptthema. Walter Wioras (1906–1997) essenzialistisch-normativer Forschungsansatz bestimmte lange die Diskussion, ebenso die Dichotomie von echt und unecht, zwischen Volkslied und Minderwertigem, die Johann Gottfried Herder mit der Einführung des Begriffs Volkslied 1771 heraufbeschworen hatte. Volkslied gab es in einem »ersten Dasein«, in »ursprünglicher« Funktion, und einem »zweiten Dasein«, als gepflegtes kulturelles Erbe. »Volk«, so die der Geologie entlehnte Metapher, sei der »Inbegriff der seelisch-gesellschaftlichen Grundschichten der Bevölkerung«. Mit diesen Grundschichten sei das »echte« Volkslied verbunden. Es sei aber fast nur noch in seinem »zweiten Dasein«, als Wiederbelebung durch die Volksmusikpflege, anzutreffen.
