Was soll ich hier? - Thomas Christian Kotulla - E-Book

Was soll ich hier? E-Book

Thomas Christian Kotulla

4,9

Beschreibung

Kotullas neues Werk „Was soll ich hier?“ handelt von der Suche nach Glück, Erfüllung und Bestimmung; von der Sehnsucht nach Sinn, Selbstwert und Identität. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Hat unser Leben einen Sinn? Gibt es eine Bestimmung für unser Leben? Nach welchen Werten sollen wir streben? Woher wissen wir, dass Gerechtigkeit und Liebe gut sind? Warum verhalten wir uns trotzdem oft lieblos oder ungerecht – und haben anschließend ein schlechtes Gewissen? Sind wir von Grund auf gut oder schlecht? Gibt es ein Patentrezept zum Glücklichsein? Wird es eines Tages Gerechtigkeit geben? Haben wir eine Seele? Und gibt es ein Leben nach dem Tod? Erfolgsautor Thomas Christian Kotulla widmet sich diesen Fragen aus einer neuen, erfrischenden Perspektive – mit viel Tiefe, Empathie und überraschenden Antworten.

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Thomas Christian Kotulla Was soll ich hier?

www.was-soll-ich-hier.com

Thomas Christian Kotulla

Was soll ich hier?

Eine Begründung der Welt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2016 by Fontis – Brunnen Basel

Umschlag: David&Goliath®, Lüdenscheid Illustration Umschlag: David&Goliath®, Lüdenscheid E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-792-0 ISBN (MOBI) 978-3-03848-793-7

Inhalt

Einstieg

Teil I

1. Die Frage nach dem Wesen des Menschen

Wer sind wir?

2. Die Suche nach dem Ursprung des Menschen

Woher kommen wir?

3. Die Geschichte von der Entstehung des Menschen

Alles Evolution?

4. Der Mensch und das Leid in der Welt

Wozu das Ganze?

5. Die ewige Suche nach Wahrheit

Was können wir wissen?

Teil II

6. Die Frage nach dem Sinn allen Seins

Was sollen wir hier?

7. Die Frage nach dem Ursprung allen Übels

Wo liegt unser Problem?

8. Der Konflikt zwischen Liebe und Gerechtigkeit

Sind wir noch zu retten?

9. Der Glaube an das Unglaubliche

Was dürfen wir hoffen?

10. Der Traum von einer besseren Welt

Wohin gehen wir?

Danksagung

Über den Autor

Anmerkungen

Einstieg

«Wir Menschen streben nach Glück und einem erfüllten Leben», so der Philosoph Seneca im 1. Jahrhundert n. Chr.1

Mir scheint, als ob diese Sicht auch heute noch relevant ist.

Doch was bedeutet Glück? Wo können wir es finden? Gibt es ein Patentrezept zum Glücklichsein?

Um das zu klären, müssten wir die menschliche Natur verstehen, den Kern des menschlichen Wesens.

Einer der bekanntesten Versuche stammt von Blaise Pascal, einem französischen Philosophen und Mathematiker des siebzehnten Jahrhunderts. Bei seiner Suche nach Antworten befasste er sich mit folgenden drei Fragen.2

Erstens: Wer sind wir Menschen?

Was macht uns aus – in unserem tiefsten Inneren? Sind wir nur Materie, eine Ansammlung von Atomen? Haben wir ausschließlich unseren Körper? Oder gibt es auch eine Seele? Sind wir von Grund auf gut oder schlecht?

Zweitens: Woher kommen wir Menschen?

Gehen wir auf die Natur zurück, auf den Urknall? Sind wir ein Produkt der Evolution? Oder liegt unser Ursprung in etwas Übernatürlichem; in einem höheren Wesen oder Prinzip?

Drittens: Wohin gehen wir Menschen?

Entwickelt sich die Menschheit zum Guten oder zum Schlechten? Kann es irgendwann Weltfrieden geben? Ist die Suche nach Glück auf das irdische Leben beschränkt? Oder gibt es noch Größeres, auf das wir hoffen können? Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Das sind die wohl existenziellsten Fragen, die wir uns stellen können. Sie betreffen die Grundfesten unserer Existenz, die Grundlagen unseres Menschseins: unsere Suche nach Glück, Erfüllung und Bestimmung; unsere Sehnsucht nach Sinn, Selbstwert und Identität. Und somit auch kleinere Fragen des Alltags: wie wir leben wollen, welche Ziele wir haben, wonach wir streben.

Mich selbst faszinieren diese Fragen schon seit langem. Wobei ich sie größtenteils als gedankliche Spielerei verstand – ohne Bedeutung für mein Leben. Keine drängenden Fragen, eher Luxusprobleme. Das sollte sich ändern, als ich vor einiger Zeit schwer krank wurde.

Meine Krankheit ließ mein Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Alles, woran ich geglaubt hatte, und alles, woraus ich Kraft und Hoffnung geschöpft hatte – Familie, Freundschaft, Liebe, Glück, Erfolg –, wurde von einem Moment zum anderen in Frage gestellt. Denn mir wurde bewusst, dass diese Dinge vergänglich sind – dass auch ich selbst vergänglich bin. Weil mein Tod nicht nur meinen Körper, sondern auch meine Persönlichkeit auslöschen würde.

Natürlich würde ich in Erinnerungen meiner Mitmenschen weiterleben. Und natürlich hatte ich meine Mitmenschen geprägt – durch das, was ich gesagt und getan hatte. Doch irgendwann würden auch meine Mitmenschen sterben. Und mit dem Verglühen unseres Sonnensystems würde eines Tages jede menschliche Existenz und damit auch jede menschliche Erinnerung verschwinden.3

Welchen Sinn hat dann überhaupt noch das Leben? Welchen Wert hat es, sich für das Gute zu engagieren? Gibt es irgendetwas, auf das Verlass ist? Irgendetwas, das bleibt?

Als ich im Krankenhaus liegend wieder klarere Gedanken fassen konnte, war mein Leben nicht mehr dasselbe. Ich fragte mich, wie ich die Zeit auf Erden noch sinnvoll nutzen könnte; ob es eine Bestimmung gibt für mein Leben.

Mir wurde bewusst, dass ich mit meiner Suche von vorne beginnen musste – und dass ich mich zunächst der existenziellsten aller menschlichen Fragen widmen musste: der Frage, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Der Frage nach den Grundlagen der Welt und des Menschseins.

Meine Suche war von diesem Punkt an nicht mehr nur intellektuell, sondern vor allem existenziell motiviert. Es ging für mich nicht mehr nur um Erkenntnis an sich, sondern um meine eigene Existenz und um den eigentlichen Wert des Menschseins.

Das bedeutet nicht, dass ich nicht mehr rational und kritisch gewesen wäre – im Gegenteil. Schließlich bin ich Wissenschaftler. Doch erstmals im Leben ging ich meinen Fragen wirklich auf den Grund.

Was ich bei meiner Suche entdecken konnte, erstaunt mich bis heute. Ich habe Dinge erfahren, die ich niemals für möglich hielt. Und das Verblüffende ist: Diese Dinge scheinen so naheliegend, dass ich mir nicht erklären kann, wie ich sie jahrelang übersehen habe.

Die Antworten auf die großen Lebensfragen liegen oft direkt vor unseren Augen. Wir erkennen sie nur nicht, weil wir nicht richtig hinsehen.

Teil I

Kapitel 1 Die Frage nach dem Wesen des Menschen

Wer sind wir?

Es ist erstaunlich: Wir Menschen sind die wohl einzigen Wesen, die über die Welt und sich selbst philosophieren.

Was die hochentwickelten Tiere betrifft, etwa Affen oder Delfine, gibt es Anzeichen, dass sie zum Teil ihr Verhalten reflektieren.4 Dass sie über die großen Lebensfragen nachdenken, wagt bisher aber kein Forscher zu behaupten.5

Der Umstand, dass womöglich nur wir Menschen philosophieren, sollte nicht dazu führen, dass wir nur über uns selbst nachdenken – oder uns gar zum Zentrum des Universums erheben.6 Wir sollten aber klären, wer wir eigentlich sind, bevor wir unserem Denken einen Wert beimessen – und bevor wir uns den anderen großen Lebensfragen widmen.

Unsere Ausgangsfrage ist daher: Wer oder was ist der Mensch?

Ansichten über den Menschen

Die Ansichten über den Menschen haben sich ständig gewandelt, über Jahrtausende hinweg. Wobei oft der Eindruck entsteht, dass sich zwei dieser Ansichten festigen.

Erstens zeigt sich eine starke «Verwissenschaftlichung» des Menschen. Das heißt: Der Mensch wird vor allem aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet. Dominant sind dabei die Naturwissenschaften.7

So versuchen Forscher, nicht nur den Körper des Menschen, sondern auch sein Denken, Empfinden und Handeln naturwissenschaftlich zu erklären: durch die Gehirnströme, die Hormonausschüttung oder andere biochemische Prozesse. Liebe gilt dann zum Beispiel als biochemische Reaktion im Gehirn.8 Oft ist dabei von einer «Entzauberung» des Menschen die Rede.9

Andererseits kommt es zu einer gewissen «Spiritualisierung» des Menschen. Das heißt: Menschen suchen ihr Glück oder ihr Seelenheil in Spiritualität.10 Sei es durch klassische Religion, durch fernöstliche Meditation oder durch Astrologie11 und andere Esoterik12. Ein Blick auf den Büchermarkt zeigt, welch hoher Beliebtheit sich Spiritualität erfreut. Das gilt erstaunlicherweise für alle Kulturen.

Merkmal der Spiritualisierung ist, dass nicht nur der Körper des Menschen, sondern vielmehr das Nicht-Körperliche in den Vordergrund tritt – etwa die Seele oder andere übernatürliche Konzepte.13 Grundlage ist die Ansicht, dass wir Menschen aus mehr bestehen als aus Materie.

Wer oder was ist der Mensch? Im Kontext von Wissenschaft und Spiritualität gewinnt diese Frage besondere Brisanz. Sind wir reine Naturwesen mit einem materiellen Körper? Oder hat unser Wesen auch übernatürliche Elemente wie eine immaterielle Seele?

Viele Biologen sagen, dass der Mensch (fast) vollständig durch die Naturwissenschaften erklärbar ist. Die Entstehungsgeschichte des Menschen begründen sie mit der Evolutionstheorie.14 Für unsere Denkfähigkeit und gewisse Verhaltensmuster verweisen sie auf die Neurowissenschaften.15 Und Gefühle wie Liebe, Freude oder Traurigkeit erklären sie durch das Hormonsystem.16

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass nicht nur unser Körper, sondern auch unser Denken, Empfinden und Handeln vollständig naturwissenschaftlich erklärbar ist; dass es genauer gesagt selbst Teil des Körpers ist. Die Ansicht, dass wir auch eine Seele haben, die über den materiellen Körper hinausgeht, wird oft eher kritisch betrachtet.

Erklärt man das einem spirituell geprägten Menschen, stößt man eher auf Unverständnis. Natürlich ist unser Denken, Empfinden und Handeln an unseren Körper gebunden, der biochemischen Prozessen unterliegt. Aber wir Menschen sind doch mehr als Atome, heißt es.

Jeder Mensch habe doch auch eine Seele, die seine Persönlichkeit, seine Identität, sein Menschsein ausmacht – und die sich einem naturwissenschaftlichen Zugang entzieht. Man müsse doch nur die Psyche eines Kindes betrachten, seine Ängste, Emotionen und Hoffnungen, seine Verletzlichkeit. Wie könne man da ernsthaft glauben, dass wir nur aus Atomen bestehen?

Nun ist die Realität nicht schwarz-weiß. Denn es gibt auch Naturwissenschaftler, die an Gott glauben – und spirituelle Menschen, die als Naturwissenschaftler arbeiten. Ob das vereinbar ist, werden wir noch prüfen.

Doch wer hat recht? Ist der Naturwissenschaftler zu nüchtern oder der spirituelle Mensch zu naiv? Sind wir reine Naturwesen mit einem materiellen Körper? Oder hat unser Wesen auch übernatürliche Elemente wie eine immaterielle Seele?

Um das zu klären, müssen wir einen Schritt zurücktreten und zunächst allgemeiner fragen: Gibt es nur die natürliche Welt oder auch etwas Übernatürliches?

Die Frage nach dem Übernatürlichen

Wenn wir das Wort «übernatürlich» hören, denken wir zumeist an UFOs, Wahrsager oder Wunderheiler, an Dinge, die als irrational oder unwissenschaftlich gelten. Doch ist das korrekt? Was bedeutet «übernatürlich»?

Die einfachste Antwort ist: Etwas Übernatürliches geht über das Natürliche hinaus.

Das liegt nahe. Doch hilft uns das weiter?

In jedem Falle zeigt die Antwort: Wenn wir wissen wollen, was das Übernatürliche ist (und ob es existiert), müssen wir zunächst verstehen, was das Natürliche ist. Was also bedeutet «natürlich»?

Es gibt mehrere Bedeutungen des Wortes: zum Beispiel «natürlich» im Sinne von «nicht künstlich» oder im Sinne von «nicht ungewöhnlich». Die Frage ist aber, was «natürlich» im Sinne von «nicht übernatürlich» bedeutet.

Folgendes Beispiel:

Nehmen wir ein Handy, am besten ein Smartphone. Es dürfte klar sein, dass das Smartphone nicht übernatürlich ist. Doch warum nicht?

Die häufigste Antwort ist: weil wir es sehen und anfassen können.

Das klingt plausibel. Doch es würde bedeuten, dass alles, was wir nicht sehen und anfassen können, übernatürlich ist, etwa die Luft. Aber die Luft ist nicht übernatürlich, genauso wie ein Smartphone. Die Frage ist: warum nicht?

Folgender Test: Wenn wir das Smartphone hochhalten und loslassen, wird es nach unten fallen – und zwar jedes Mal aufs Neue. Wir können es testen, so oft wir wollen.

Der Grund: Das Smartphone, oder besser die Atome, aus denen es besteht, können sich nicht für oder gegen das Fallen entscheiden. Das Smartphone hat keinen Willen, könnte man sagen. Es fällt einfach – weil es dem Gesetz der Schwerkraft unterliegt, auch «Gravitation»17 genannt.

Neben der Schwerkraft gibt es drei weitere Grundkräfte: den Elektromagnetismus, die schwache Wechselwirkung und die starke Wechselwirkung.18 Was sie genau bewirken, muss uns zunächst nicht interessieren.

Entscheidend ist: Alles Natürliche unterliegt diesen Grundkräften. Und soweit bekannt ist, sind diese Kräfte konstant.19 Das ist der Grund, warum sich Gegenstände unter gleichen Bedingungen stets gleich verhalten: weil sie immer den vier gleichen Kräften unterliegen – und von diesen gesteuert werden.

Das Smartphone fällt bei uns20 immer nach unten. Wärmere Luft steigt bei uns immer nach oben. Pflanzen wachsen bei uns immer zum Licht hin. Um genau zu sein: immer oder mit einer festen Wahrscheinlichkeit.21

Natürliche Dinge unterliegen also Gesetzmäßigkeiten. Diese Gesetze sind nicht von uns Menschen gemacht, wie etwa ein juristisches Gesetz. Sie sind einfach da, von Natur aus. Deshalb nennen wir sie «Naturgesetze».22

Nun ahnen wir, was «natürlich» im Gegensatz zu «übernatürlich» bedeutet: Etwas Natürliches ist daran erkennbar, dass es den Naturgesetzen unterliegt; und etwas Übernatürliches ist daran ersichtlich, dass es den Naturgesetzen nicht unterliegt.23

Falls das Smartphone nicht jedes Mal nach unten fallen würde, sondern manchmal nach oben oder nach rechts; oder falls es in der Luft schweben würde, ohne dass andere Kräfte darauf einwirken; dann wäre es übernatürlich. Denn es wäre unabhängig vom Gesetz der Schwerkraft. Und es könnte frei von den Naturgesetzen entscheiden, wie es sich verhält.

Ein weiteres Beispiel wäre ein Mensch, der Papier in Gold verwandelt oder einen Toten wieder lebendig macht. Auch das wäre übernatürlich, weil es den Gesetzen der Natur widerspricht.

Und außerirdische Lebewesen? Wären sie natürlich oder übernatürlich?

Das kommt darauf an. Vermutlich würden sie aus Atomen bestehen und den Gesetzen der Natur unterliegen, etwa dem Gesetz der Schwerkraft. Sie würden nach unten fallen, wenn sie uns auf der Erde besuchen. Also wären sie natürlich. Sie wären überirdisch, aber nicht übernatürlich.

Zurück zum Ausgangspunkt: Gibt es nur die natürliche Welt oder auch etwas Übernatürliches? Sprich: Unterliegt alles den Naturgesetzen? Oder gibt es Dinge oder Phänomene, die den Naturgesetzen nicht unterliegen – sei es eine Wunderheilung, eine Seele oder ein Gott?

Drei Antworten sind denkbar:

Erstens: Es gibt nur die natürliche Welt – nichts Übernatürliches. Diese Sicht nennt sich «Naturalismus»24. Weil angenommen wird, dass alles Natur ist.

Zweitens: Es gibt die natürliche Welt, aber auch etwas Übernatürliches. Diese Sicht nennt sich «Supranaturalismus»25. «Supra» bedeutet «über», in diesem Falle: übernatürlich.

Drittens: Es gibt die natürliche Welt. Ob es etwas Übernatürliches gibt, können wir nicht abschließend klären. Diese Sicht nennt sich «Agnostizismus»26. Das bedeutet «nicht wissen».27

Welcher Standpunkt ist am plausibelsten und deckt sich am ehesten mit der für uns erkennbaren Realität?28

Wir sollten die Sichtweisen genauer betrachten, ihnen kritisch auf den Grund gehen. Das mag zunächst trocken klingen, ist es aber nicht, im Gegenteil. Es ist hochrelevant für unser Leben. Für unsere Suche nach Sinn, Selbstwert und Identität. Für unsere Fragen nach Ethik, Moral und Menschenwürde.

Der Naturalismus

Was denkt oder glaubt ein Naturalist? Welche Überzeugungen hat er, welches Weltbild? Und was bedeutet sein Weltbild für die Frage, wer wir sind? Für unser Selbstverständnis und unser Leben?

Ein Naturalist sagt, dass es nur die natürliche Welt gibt, nichts Übernatürliches. Das heißt: Ihm zufolge unterliegt alles den erwähnten vier Grundkräften der Natur – und damit den Gesetzen der Natur.29

Die Naturgesetze folgen dem Prinzip von Ursache und Wirkung. Vereinfacht kann man das Prinzip auch als Wenn-dann-Prinzip bezeichnen: Wenn ich einen Stein loslasse und die Erde ihn anzieht (Ursache), dann fällt der Stein nach unten (Wirkung).

Die meisten Phänomene sind viel komplexer, zum Beispiel Wetterphänomene. Dort gibt es fast unzählige Einflüsse, deren Wirkung sich kaum verlässlich berechnen lässt – daher die Fehlvorhersagen beim Wetter. Das heißt aber nicht, dass das Wetter tut, was es will. Das Wetter hat keinen Willen. Es unterliegt den Naturgesetzen.30

Der Naturalist sagt also, dass es nichts Übernatürliches gibt. Nehmen wir an, der Naturalist hat recht. Was würde das heißen, für die Welt und uns Menschen?

Erstens: Die Welt könnte keinen übernatürlichen Ursprung haben – wie etwa einen Gott. Sondern alles müsste natürliche Ursachen haben, sogar das Universum und dessen Urknall. Wobei auch die Ursache des Urknalls dann eine Ursache haben müsste – und so weiter. Schließlich hat alles Natürliche eine Ursache. Das ist aus logischer Sicht nicht unproblematisch. Dazu gleich mehr.

Oftmals heißt es, das Universum komme aus dem Nichts oder aus anderen Universen oder aus sich selbst heraus. Die Grundkräfte und Gesetze der Natur seien einfach da, ohne erkennbaren Grund. Wir Menschen seien ein Entwicklungsprodukt dieser Kräfte und Gesetze – und damit ein Produkt der Natur.31

Zweitens: Alles Existierende bestehe aus natürlichen Teilchen. Bis zum 19. Jahrhundert dachte man, Atome wären die kleinsten Teilchen. Heute weiß man, es gibt noch kleinere Teilchen: Elementarteilchen. Sie heißen Quarks, Leptonen und Bosonen32 und bilden die Grundbausteine für jede Existenz: für Materie, Kraftfelder und Strahlungsfelder.33 Laut aktuellen Modellen besteht das Universum zu 5 Prozent aus gewöhnlicher Materie, zu 27 Prozent aus «Dunkler Materie» und zu 68 Prozent aus «Dunkler Energie».34

Wenn alles aus natürlichen Teilchen bestünde, könnten auch wir Menschen nur aus natürlichen Teilchen bestehen – nicht nur unser Körper, sondern auch unser Denken, Empfinden und Handeln. Alles, was wir denken, fühlen und tun, wäre dann letztlich ein Resultat komplexer Wechselwirkungen dieser Teilchen. Vereinfacht ausgedrückt: ein Resultat komplexer Reaktionen zwischen Atomen.

Wie plausibel ist dieses Menschenbild?

Ist der Naturalismus plausibel?

Wir können uns der Frage nähern, indem wir uns das fallende Smartphone ansehen. Auch das Smartphone besteht nur aus natürlichen Teilchen, genau wie unser Körper. Wobei die Teilchen unseres Körpers natürlich komplexer wechselwirken.

Wie beschrieben, hat das Smartphone keinen Willen. Es kann sich nicht für oder gegen das Fallen entscheiden. Es fällt immer nach unten, wenn wir es loslassen. Man könnte sagen, das Smartphone, oder besser die Teilchen, aus denen es besteht, sind willenlos. Natürliche Teilchen sind willenlose Teilchen. Weil sie den Grundkräften und Gesetzen der Natur unterliegen – und sich ihnen nicht entziehen oder widersetzen können.

Ähnliches gilt für uns Menschen. Denn auch unser Körper besteht nur aus natürlichen Teilchen – und somit aus willenlosen Teilchen. Dieser Umstand stellt den Naturalisten vor Fragen:

Wenn wir ausschließlich aus willenlosen Teilchen bestünden, auch unser Denken, Empfinden und Handeln, könnten wir dann willentliche Entscheidungen treffen? Wie und wo sollten die Entscheidungen stattfinden?

Oft ist von Bauch- oder Herzensentscheidungen die Rede. Eigentlich heißt es aber, dass Entscheidungen im Kopf stattfinden, genauer gesagt im Gehirn. Ist das möglich?

Das Gehirn ist ein komplexes neuronales Netz; eine Verknüpfung von Nerven- und Gliazellen, zwischen denen ein chemischer und elektrischer Informationsaustausch stattfindet.35 Nerven- und Gliazellen bestehen, wie alle biologischen Zellen, aus organischen Molekülen. Diese wiederum aus Atomen. Und diese letztlich aus Elementarteilchen, das heißt: aus natürlichen Teilchen.

Letztlich ist unser Gehirn eine komplexe Wechselwirkung natürlicher Teilchen.36 Und natürliche Teilchen haben keinen Willen; sie gehorchen den Naturgesetzen.

Die Frage ist: Wenn unser Gehirn aus willenlosen Teilchen besteht, wie können wir dann willentliche Entscheidungen treffen?

Um willentliche Entscheidungen zu treffen, müssten wir die Teilchen in unserem Gehirn willentlich steuern können. Wie könnte das gehen, wenn auch wir selbst nur aus willenlosen Teilchen bestehen? Aus Teilchen, die nicht von uns, sondern von den Naturkräften gesteuert sind? Wir werden das prüfen.

Zunächst eine weitere Frage: Wenn wir ausschließlich aus willenlosen Teilchen bestünden, könnte man uns dann zur Rechenschaft ziehen für das, was wir tun? Zum Beispiel vor Gericht? Wäre das gerecht – wenn nicht wir selbst, sondern die Naturgesetze unser Handeln bestimmen?

Was ist mit Moral und Emotionen? Wenn alles aus natürlichen Teilchen bestünde, wären Gefühle und Werte dann biochemische Wechselwirkungen? Reaktionen zwischen Atomen?

Was ist mit der Sehnsucht vieler Menschen nach Liebe und Gerechtigkeit? Mit der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind? Mit der Genugtuung, die wir verspüren, wenn ein Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen wird? Wäre es möglich, dass diese Gefühle nur Biochemie sind? Dass moralische Werte nur biochemische Reaktionen im Gehirn sind?

Wie sähe es mit der Würde des Menschen aus? Wenn wir ausschließlich aus Elementarteilchen bestünden, oder aus Atomen, könnte es so etwas wie Menschenwürde dann geben? Müssten wir nicht von Atomwürde sprechen? Oder von Elementarteilchenwürde?

Würde es ethisch einen Unterschied machen, ob wir einen Tisch zerstören oder einen Menschen töten? Bestünden nicht letztlich beide aus Elementarteilchen? Würde allein die höhere Komplexität des Menschen einen höheren ethischen Wert begründen? Könnte es so etwas wie Ethik überhaupt geben, wenn letztlich alles aus Elementarteilchen besteht – sogar die Vorstellungen von Ethik in unserem Gehirn?

Noch konsequenter: Alle genannten Fragen basieren auf gedanklichen Überlegungen. Doch wenn auch unsere Gedanken nur Elementarteilchen wären, die nicht von uns, sondern von den Naturkräften gesteuert sind, könnten wir dann Anspruch erheben, dass unsere Gedanken logisch sind? Oder richtig? Oder eigenständig?

Wären es dann wir, die unsere Gedanken steuern – oder die Naturkräfte? Wären wir Herr unseres Denkens und Handelns?

Woher kommen die Gedanken, die ich gerade aufschreibe? Habe ich mir diese selbst überlegt? Bin ich kreativ? Habe ich ein Bewusstsein?37 Oder sprudeln aus mir nur Buchstaben heraus, weil die Kräfte und Gesetze der Natur das so bewirken?

Wer oder was bin ich eigentlich? Eine biochemische Maschine? Oder ein Mensch mit einer Seele?

Ein Naturalist würde sagen, dass ich tatsächlich keine Seele habe, dass ich ausschließlich aus Elementarteilchen bestehe und dass sowohl mein Körper als auch mein Denken, Empfinden und Handeln von den Naturgesetzen gesteuert werden.

Manche Naturalisten relativieren diese Aussagen – und verweisen auf die extreme Komplexität des Gehirns; darauf, dass es zu einfach sei, die Funktionsweise des Gehirns auf seine Einzelteile zu reduzieren. Denn das Gehirn sei weit mehr als die Summe seiner Teile – anders als bei einem Smartphone. Außerdem seien die Naturgesetze nicht so streng wie vermutet. Sie ließen Spielraum für ein eigenständiges Denken, Empfinden und Handeln.38

Diskutiert werden die Argumente im Kontext von «Quantenmechanik»39 und «Emergenz»40. Wir werden gleich prüfen, was es damit auf sich hat. Lassen Sie uns zuvor auf die Ansichten des Supranaturalisten blicken.

Der Supranaturalismus

Ein Supranaturalist bejaht, dass es die natürliche Welt gibt. Dass es Naturkräfte und Naturgesetze gibt. Dass das Universum und unser Körper aus Elementarteilchen bestehen. Und dass diese Teilchen den Naturgesetzen gehorchen.41

Gleichzeitig sagt der Supranaturalist, dass es noch mehr gibt als die natürliche Welt. Dass es Dinge oder Phänomene gibt, die den Naturgesetzen nicht gehorchen, die von ihnen unabhängig sind.

Die Vielfalt supranaturalistischer Ansichten ist groß: Es gibt den Glauben an die Seele, den Glauben an Wunder, den Glauben an das Göttliche. Wobei das Göttliche meist als Höchstes innerhalb des Übernatürlichen42 gilt.

Nehmen wir an, der Supranaturalist hätte recht. Nehmen wir an, es gäbe etwas Übernatürliches. Was würde das bedeuten, für die Welt und für uns Menschen?

Erstens: Die Welt müsste ihren Ursprung nicht im Nichts oder in sich selbst haben. Sie könnte auf etwas Übernatürliches zurückgehen, auf eine erste übernatürliche Ursache. Gläubige würden sagen: auf etwas Göttliches.

Das Übernatürliche hätte dann nicht nur das Universum erschaffen oder den Urknall verursacht, sondern auch die Naturkräfte erzeugt – und damit die Naturgesetze. Wobei das Übernatürliche diesen Gesetzen selbst nicht unterläge. Offen wäre, woher das Übernatürliche kommt und warum es existiert.

Supranaturalisten, die an das Göttliche glauben, werden als «Theisten»43 bezeichnet. Zu den größten theistischen Glaubensrichtungen zählen der christliche, der islamische, der deistische, der hinduistische und der jüdische Glaube. Der buddhistische Glaube ist kein theistischer Glaube, sondern eine supranaturalistische Lehre mit spirituell-philosophischen Elementen.44

Zweitens: Es gäbe nicht nur natürliche Teilchen, also Materie, Kraftfelder und Strahlungsfelder, Dunkle Materie und Dunkle Energie, sondern auch übernatürliche Teilchen oder Substanzen. Dinge, die nicht den Naturgesetzen unterliegen; die ein Eigenleben führen, unabhängig von den Naturgesetzen.

Manche Dinge sind rein natürlich, etwa ein Baum. Andere wären rein übernatürlich, zum Beispiel ein Gott. Andere wären eine Mischung aus beidem, etwa der Mensch oder bestimmte Tiere. So glauben Supranaturalisten, dass der menschliche Körper natürlich ist, dass wir aber gleichzeitig eine übernatürliche Seele haben.

Die Seele gilt als persönliche Identität, als unser «Ich». Von ihr soll unser eigenständiges Denken, Empfinden und Handeln ausgehen, welches sich stets im natürlichen Körper äußert, zum Beispiel durch Gehirnströme oder Hormonausschüttungen, welches andererseits aber auch blockiert werden kann, etwa durch Gehirnverletzungen, Krankheiten oder starken Drogenkonsum.

Hier wird ein Unterschied deutlich zwischen Naturalist und Supranaturalist. Der Naturalist sagt: Ich bin ein Körper. Was mich als Mensch ausmacht, ist mein Körper, bestehend aus natürlichen Teilchen. Der Supranaturalist sagt: Ich habe einen Körper, aber ich bin eine Seele. Was mich als Mensch ausmacht, ist meine Seele – meine Persönlichkeit und Identität.

Interessant, wie sich das sogar in Redewendungen zeigt. Oft sprechen wir von einer «guten Seele», wenn jemand gutmütig ist, oder von «Seelenfrieden», wenn wir in uns ruhen. Manchmal sind Redewendungen Ausdruck unserer Intuition.

Der Supranaturalist sagt also, dass wir eine Seele haben – oder eine Seele sind. Wie plausibel ist das?

Ist der Supranaturalismus plausibel?

Zunächst lässt sich sagen: Wenn es eine Seele gäbe, würden wir nicht nur den Naturgesetzen gehorchen – unser Körper schon, aber nicht unsere Seele.

Ein eigenständiger Wille könnte dann möglich sein, weil wir in der Seele Entscheidungen träfen – ohne dass sie durch die Naturgesetze vorherbestimmt sind.

Diese Entscheidungen wären nicht frei, weil wir durch Erziehung und unsere Anlagen geprägt sind. Doch sie wären eigenständig, weil wir einen Entscheidungsspielraum hätten. Erst nachgelagert würden sich unsere Entscheidungen in Gehirnaktivität äußern.

Das würde bedeuten, dass wir für unser Handeln verantwortlich sind, dass wir vielleicht sogar Rechenschaft schuldig sind. Der Justiz gegenüber – oder anderen Instanzen. Auch deshalb, weil Moral und Ethik mehr wären als Biochemie. Weil unsere Werte mehr wären als komplexe Wechselwirkungen natürlicher Teilchen.

Positiv formuliert: Das Leben hätte einen besonderen Wert, einen Wert, der über das Wechselwirken von Atomen hinausgeht. Sprich, Wesen mit einer Seele hätten einen höheren Wert als Gegenstände ohne Seele.

Eigentlich ist klar, dass ein Menschenleben mehr wert ist als eine Tischplatte. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es im Grundgesetz vieler Staaten.45 Interessant, dass diese Ansicht wohl supranaturalistisch ist. Weil sie ein Weltbild erfordert, wonach der Mensch mehr ist als Biochemie.

Ähnliches gilt für den Umgang mit Tieren oder für die Frage, ob man abtreiben darf. Für den Naturalisten spräche nichts dagegen, wenn er konsequent ist. Denn ein Embryo besteht nur aus Atomen, genau wie ein Gegenstand – nur komplexer und organisch. Ein Supranaturalist sieht das anders. Ein Embryo ist für ihn ein Seelenwesen, ein Lebewesen mit einer Seele. Und Abtreibung ist für ihn die Tötung eines Menschen.

Nicht nur Ethik und Moral sieht der Supranaturalist anders, auch Gefühle und Empfindungen. Freude oder Hass sind für ihn nicht nur Biochemie, sondern wahre Emotionen. Liebe oder Liebeskummer sind für ihn nicht nur Hormonschwankungen oder Gehirnaktivitäten, sondern echte Gefühle, die in der Seele stattfinden – und die anschließend, oder zeitgleich, in unserem Körper zum Ausdruck kommen.

Teilweise ist statt von Seele auch von «Psyche»46 die Rede. Wobei der Begriff mehrdeutig ist. Umgangssprachlich ist damit die Seele gemeint. Wissenschaftlich steht der Begriff für Gehirnaktivitäten – zumindest in der Neuropsychologie, die stark naturwissenschaftlich ist.47

Ähnliches gilt für unser Denken. Der Naturalist sieht es als Teil unseres «Geistes» – im Sinne geistiger Aktivität. Häufig ist auch von «Intellekt»48 die Rede. Naturalistisch gesehen sind damit Gehirnaktivitäten gemeint.

Der Supranaturalist sagt, dass unser Denken in der Seele stattfindet. Denn falls das Denken eigenständig wäre, könnte es nicht von den Naturkräften gesteuert sein – wie unser Gehirn. Es müsste von ihnen unabhängig sein. Wir müssten das Denken selbst steuern können. Daher auch der Glaube an die Seele, als Zentrum unseres eigenständigen Denkens, Empfindens und Handelns, als Grundlage unseres Bewusstseins und unserer Kreativität.

Falls es die Seele gäbe, könnte sie vielleicht sogar unsterblich sein. Ein Leben nach dem Tod wäre dann prinzipiell möglich. Unser Körper zerfällt zwar irgendwann zu Staub, doch unsere Seele könnte Bestand haben, auch über den körperlichen Tod hinaus.

Das supranaturalistische Menschenbild wirkt auf viele humaner, freiheitlicher oder hoffnungsvoller. Doch ist es plausibel? Oder eher naiv – und vor allem stark unwissenschaftlich?

Zeigen die Wissenschaften nicht deutlich, dass wir nur aus Materie bestehen? Aus natürlichen Teilchen? Dass unser Denken Gehirnströme sind? Unsere Gefühle nur Biochemie?

Wer hat recht? Der Naturalist oder der Supranaturalist? Ein Agnostiker sagt, dass die Frage nicht klärbar ist. Stimmt das?

Der Agnostizismus

Ein Agnostiker ist sich nicht sicher, was er glauben kann. Er sieht die Argumente für und gegen das Übernatürliche – und bleibt möglichst neutral. Wobei es Agnostiker gibt, die eher dem Naturalismus nahestehen, und Agnostiker, denen eher der Supranaturalismus zusagt. Festlegen will sich der Agnostiker nicht.

Ist das verständlich? Und überhaupt möglich? Sind die Argumente für und gegen das Übernatürliche nicht überzeugend genug? Lassen Sie uns die Sache genauer betrachten.

Der Supranaturalist sagt: Wenn es das Übernatürliche nicht gäbe, könnten wir nicht eigenständig denken oder handeln. Denn unser Denken und Handeln wäre dann nicht von uns selbst gesteuert, sondern von den Naturkräften. Es wäre nicht mehr als ein komplexes Wechselwirken natürlicher Teilchen.

Das sei zwar kein Beweis für das Übernatürliche. Doch wer beanspruche, eigenständig denken und handeln zu können, komme am Glauben an das Übernatürliche nicht vorbei.

Der Naturalist erwidert, dass die Naturgesetze gar nicht so streng seien. Dass sie gewissen Freiraum ließen – für Zufall oder Eigenständigkeit, etwa für ein eigenständiges Denken. Er sagt, dass Ereignisse in der Natur nicht streng vorherbestimmt seien, sondern nur mit gewisser Wahrscheinlichkeit eintreten. Im Fachjargon: dass die Naturgesetze nicht «deterministisch»49, sondern «probabilistisch»50 sind.

Beispielhaft wird oft das Werfen eines Würfels genannt. Ein Würfel ist nicht sonderlich komplex: Er hat sechs Seiten mit je einer Zahl. Trotzdem können wir nicht vorhersagen, welche Zahl wir erwürfeln.

Hat Würfeln also mit Zufall zu tun? Sind Würfelergebnisse frei von Naturgesetzen, zumindest von strengen Naturgesetzen? Falls ja, kann dann nicht auch unser Denken frei sein, trotz der Naturgesetze? Wozu braucht es dann noch eine Seele?

Gibt es Zufall?

Folgender Test: Wir nehmen einen Würfel und halten ihn so, dass die Zahl Sechs nach oben zeigt. Nur wenige Millimeter über der Tischplatte lassen wir den Würfel los. Was wird passieren? Und was werden wir würfeln?

Erstens: Der Würfel wird auf die Tischplatte fallen – weil er dem Gesetz der Schwerkraft unterliegt. Zweitens: Wir werden mit Sicherheit die Zahl Sechs würfeln. Denn der Würfel kann sich bei geringer Fallhöhe nicht schnell genug drehen.

Nun können wir den Wurf wiederholen und jedes Mal die Fallhöhe steigern – also die Höhe, von der aus wir den Würfel fallen lassen. Wir werden feststellen: Je größer die Fallhöhe, desto seltener würfeln wir die Sechs.

Nun ließe sich einwenden, dass wir den Würfel nicht jedes Mal gerade halten, sondern ein bisschen schief, und zwar immer anders schief. Kein Wunder, dass nicht jedes Mal dieselbe Zahl erscheint. Wir sind ja keine Maschinen.

Stimmt. Also nehmen wir eine Maschine. Eine Apparatur, in der wir den Würfel fixieren, jedes Mal genau gleich.

Geht das überhaupt? Können wir den Würfel bis aufs letzte Elementarteilchen genau fixieren? Natürlich nicht. Und was ist mit anderen Faktoren? Ist die Tischplatte eben? Bis aufs letzte Elementarteilchen genau? Nein.

Wie sieht es mit der Luftströmung aus? Mit Staubkörnern in der Luft oder auf der Tischplatte? Kleinste Abweichungen können das Ergebnis beeinflussen. Beim Würfeln mit der Hand kämen noch weitere Faktoren hinzu: der Wurfwinkel, die Wurfgeschwindigkeit, die Beschaffenheit der Hand. All diese Dinge können wir nicht exakt kontrollieren.

Und selbst wenn, dann hätten wir ein anderes Problem: Nachdem wir das erste Mal gewürfelt haben, ist der Würfel nicht mehr derselbe. Denn seine atomare Struktur hat sich durch den Aufprall geändert, wenn auch nur geringfügig.

Das heißt, wir können mit ein und demselben Würfel gar nicht zweimal würfeln. Der Test ist nicht wiederholbar. Ob es Zufall gibt, ist nicht abschließend klärbar. Und es ist nicht erkennbar, ob die Naturgesetze Freiräume lassen – sei es für Zufall oder für ein eigenständiges Denken und Handeln.

Ähnliches gilt für komplexe Wetterphänomene, für das Anstoßen von Billardkugeln oder für das Ziehen von Lottozahlen. Auch dort ist nicht prüfbar, ob das Ergebnis zufällig ist – oder ob es komplexen Gesetzen gehorcht, die wir bislang nicht kennen.

Der Naturalist erwidert, dass es bei den Naturgesetzen trotzdem Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gebe, vor allem im atomaren und subatomaren Bereich. Also bei Dingen, die so klein sind, dass wir sie nicht sehen können, sondern sie durch Messungen erschließen müssen. Die so genannte «Quantenmechanik»51 beschäftigt sich damit.