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Selbsttötungen sind der vierthäufigste Grund für frühzeitige Sterblichkeit. Suizide können für Angehörige und nahestehende Personen traumatisierende Folgen haben. Daher ist es für Ersthelfer und Einsatzkräfte wichtig zu wissen, wie sie professionell und empathisch mit dem Ereignis und den davon Betroffenen umgehen und eigene Erfahrungen verarbeiten können. Andrea Walraven-Thissen bündelt ihre über 20-jährige Erfahrung in der Krisenintervention und Suizid-Postvention in einem lesenswerten Praxishandbuch. In über 50 Fallbeispielen beschreibt sie Reaktionen von Angehörigen und macht die Vielfalt möglicher Suizidsituationen und -szenarien greifbar. Sie fasst die wichtigsten Informationen, Interventionen und Techniken zum Umgang mit erfolgtem Suizid für Einsatzkräfte zusammen. Konkret beschreibt sie, wie man einen Leichnam identifiziert, untersucht und behandelt. Sie schildert, wie man Angehörige über einen plötzlichen Todesfall informiert und sekundäre Traumatisierungen vermeidet. Ausführlich stellt sie dar, wie gegenüber der Öffentlichkeit über Suizide zu sprechen und zu berichten ist, um Nachahmungstaten zu verhindern. Religiöse und kulturelle Sichtweisen von Selbsttötungen stellt sie ohne Tabus dar und zeigt, wie man mit Gefühlen von Schuld und Scham nach einem Suizid umgehen lernt. Sonderfälle von Suiziden bei Kindern, Prominenten oder erweiterte und Gruppen-Suizide beschreibt sie ebenso, wie Suizide in Kombination mit Mord oder autoerotischen Unfällen. Ein ausführliches Kapitel widmet sie der Psychohygiene und Supervision von Ersthelfern und Einsatzkräften.
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2021
Andrea Walraven-Thissen
Was tun nach einem Suizid?
Praxishandbuch zur Suizid-Postvention für Einsatzkräfte, Care-Teams, Pflege-, Gesundheits-, und Seelsorgeberufe
Aus dem Englischen von Heide Börger
Was tun nach einem Suizid?
Andrea Walraven-Thissen
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege
Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld;
Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund
Andrea Walraven-Thissen. Pflegefachfrau, Kriseninterventionsexpertin, Critical Incident Manager, Köln.
E-Mail [email protected]
https://suicidebereavementuk.com/people/andrea-walraven-thissen/
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Hogrefe AG
Lektorat Pflege
z. Hd. Jürgen Georg
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www.hogrefe.ch
Lektorat: Jürgen Georg, Angela Ambühl, Christina Nurawar Sani
Herstellung: René Tschirren
Umschlagabbildung: Getty Images/Westend61
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: Mediengestaltung Meike Cichos, Göttingen
Format: EPUB
Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen. Der Originaltitel lautet „Respondig after Suicide – A Practical Guide to Immediate Postvention“ von Andrea Walraven-Thissen. Copyright © Andrea Walraven-Thissen 2020 Foreword copyright © Dr. Sharon McDonnell 2020
© 2019 Hachette/Jessica Kingsley Publishers, London
1. Auflage 2021
© 2021 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96136-1)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76136-7)
ISBN 978-3-456-86136-4
http://doi.org/10.1024/86136-000
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Geleitwort
Vorwort
Einleitung
1 Die Arbeit nach einem Suizid
1.1 Plötzliche Todesfälle und Suizide: Gesetzliche Vorgaben
1.2 Warum eine Untersuchung erfolgen muss
1.3 Eindringen in die Privatsphäre
1.4 Wenn eine fremde Person die Leiche findet
1.4.1 Eustress, Distress und Funktionsstörung
1.5 Gruppendynamiken
1.5.1 Stillschweigende Anpassung
1.5.2 Heterogene und homogene Gruppen
1.6 Wer wird informiert?
1.6.1 Kontrolle über die Verbreitung der Nachricht
1.7 Wenn es keine Leiche gibt
1.8 Zusammenfassung
2 Schlechte Nachrichten überbringen
2.1 Wie man Verwandte nach einem plötzlichen Todesfall informiert
2.1.1 Verifizieren
2.1.2 Nicht hinauszögern
2.1.3 Bilden Sie ein Team
2.1.4 Bereiten Sie sich vor
2.1.5 Unterstützen Sie sich gegenseitig
2.2 Ein zweiphasiger Prozess
2.2.1 Die direktive Phase
2.2.2 Die unterstützungsorientierte Phase
2.3 Zeit versus Verifizierung: Der Umgang mit Informationen
2.4 Wenn die nächsten Verwandten am Tatort erscheinen
2.5 Aufrichtigkeit
2.6 Zusammenfassung
3 Der Körper nach dem Tod
3.1 Anschauen oder nicht anschauen?
3.2 Anatomie des Todes
3.2.1 Verwesung
3.2.2 Verfärbung der Haut (Livor mortis)
3.2.3 Putrefaktion
3.2.4 Veränderung der Körpertemperatur (Algor mortis)
3.2.5 Empfindlichkeit der Haut
3.2.6 Leichenstarre (Rigor mortis)
3.2.7 Gesichtsausdruck
3.2.8 Geräusche
3.2.9 Umgebungsfaktoren
3.2.10 Risiken und Gefahren
3.2.11 Geruch
3.3 Die Arbeit nach einem plötzlichen Todesfall
3.4 Autopsie
3.4.1 Überführungen
3.5 Identifizierung
3.6 Die Bestimmung des Todeszeitpunktes
3.7 Auswirkungen auf die Einsatzkräfte
3.8 Wünsche und Entscheidungen, die das Begräbnis betreffen
3.8.1 Die Behandlung des Körpers
3.8.2 Einbalsamierung
3.8.3 Bestattungsunternehmer
3.8.4 Reinigung des Tatortes
3.9 Zusammenfassung
4 Die Kommunikation nach einem Suizid
4.1 Die richtige Art, über Suizid zu sprechen
4.2 Werther versus Papageno: Wie Kommunikation das Suizidrisiko beeinflusst
4.2.1 Der Werther-Effekt
4.2.2 Akribisch nachgeahmter Suizid
4.2.3 Suizid kann ansteckend sein
4.2.4 Der Papageno-Effekt
4.2.5 Bewährte Praxis
4.3 Internationale Richtlinien für die Bekanntgabe eines Suizids
4.3.1 Verantwortungsbewusste Information nach einem Suizid
4.3.2 Verantwortungsbewusste Kommunikation nach einem Suizid – Das Ringen um Worte
4.3.3 Schwierige Situationen
4.3.4 Konflikte
4.3.5 Aufrichtigkeit
4.4 Die Berichterstattung über Suizide: Dos and Don’ts
4.4.1 Gebote
4.4.2 Verbote
4.5 Die letzte schriftliche Botschaft: Abschiedsbriefe
4.6 Zusammenfassung
5 Das Tabu brechen: Religiöse und kulturelle Aspekte, Schuld und Scham nach einem Suizid
5.1 Suizid und rechtliche Aspekte: Ein Überblick
5.2 Religion und Suizid
5.3 Von Abraham abstammende Religionen
5.3.1 Christentum
5.3.2 Suizide in der Bibel
5.3.3 Judaismus
5.3.4 Islam
5.4 Indische Religionen
5.5 Heidnische Religionen
5.6 Philosophische Aspekte und andere Erkenntnisse
5.7 Schuld und Scham
5.7.1 Mit Schuld arbeiten
5.7.2 Schuld und Kinder
5.7.3 Der Umgang mit Scham
5.7.4 Scham und Postvention
5.8 Zusammenfassung
6 Suizide: Sonderfälle
6.1 Kinder und Suizid
6.1.1 Grenzen
6.2 Cluster-Suizide
6.3 Verabredete Suizide, gemeinsam verübte Suizide und Massen-Suizide
6.4 Suizid kombiniert mit Mord
6.5 Suizid durch Instrumentalisierung eines Polizisten
6.6 Wenn berühmte Persönlichkeiten ihr Leben beenden
6.7 Suizid auf (Kreuzfahrt-)schiffen
6.8 Ein tabuisiertes Tabu: Autoerotische Unfälle
6.8.1 Wortwahl
6.8.2 Körpersprache
6.8.3 Das Bild
6.8.4 Hinterbliebene einbeziehen
6.9 Der Suizid vor dem Internationalen Gerichtshof
6.9.1 Die Situation
6.9.2 Mein Vorschlag
6.9.3 Literatur
6.9.4 Durkheim
6.9.5 Baechler
6.10 Resümee
6.11 Zusammenfassung
7 Schlussbetrachtung: Das Leben nach dem Suizid
7.1 Psychohygiene: Das Befinden der Ersthelfer
7.2 Zusammenfassung
Über die Autorin
Literatur
Internetlinks
Verwendete Literatur
Weiterführende Literatur
Psychiatrische Pflege im Hogrefe Verlag
Sachwortverzeichnis
Der Verlust eines Menschen durch Suizid (im privaten oder beruflichen Bereich) kann die psychische Gesundheit von Angehörigen ernsthaft beeinträchtigen. Viele versuchen verzweifelt, die Situation zu bewältigen, fühlen sich hilflos, hoffnungslos, stigmatisiert, isoliert, allein gelassen und sie laufen ebenfalls Gefahr, durch Suizid zu sterben. Fachleute, die Menschen begegnen, die jemanden durch Suizid verloren haben, sind häufig verunsichert und wissen nicht, wie sie reagieren sollen.
Dies gilt besonders für die Mitglieder von Rettungsdiensten, die entweder am Ort des Geschehens oder bei Überbringung der Todesnachricht den Familien direkt begegnen, die jemanden durch Suizid verloren haben. Die Komplexität und die Schwierigkeiten, mit denen diese Ersthelfer auf emotionaler und praktischer Ebene konfrontiert werden, sind keinesfalls zu unterschätzen.
Dieses praxisorientierte und leicht verständliche Buch zeigt auf, wie man mit Hinterbliebenen unmittelbar nach einem Suizid umgeht. Diese Arbeit wird Postvention genannt. Das Buch wurde von einer Frau geschrieben, die sich bestens auskennt mit der Komplexität von Suiziden und den Schwierigkeiten von Ersthelfern und Hinterbliebenen. Andrea Walraven-Thissen lässt uns teilhaben an ihren umfangreichen Erfahrungen im Bereich der direkten Suizid-Postvention, die sie im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit Rettungsdiensten gesammelt hat. Sie schildert realistische Szenarien, welche die Schwierigkeiten veranschaulichen, mit denen Ersthelfer beim Kontakt mit betroffenen Familien konfrontiert werden können, und zeigt auf, wie bestimmte Themen und Belange einfühlsam und mit Fingerspitzengefühl angesprochen werden können. Dies wird Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, und auch den Hinterbliebenen nützen und somit helfen, Leben zu retten.
Das Buch wendet sich an Menschen, die zu Hinterbliebenen in den ersten Phasen nach ihrem Verlust Kontakt haben oder verantwortlich für deren Betreuung sind. Dies sind politische Entscheidungsträger, Mitarbeiter von Rettungsdiensten, Bestat|12|tungsunternehmer, Geistliche, Lehrer, Menschen, die für die Implementation von Suizid-Präventionsstrategien zuständig sind, Kommissionsmitglieder, die Dienstleistungen finanzieren und, nicht zuletzt, Führungskräfte, die wissen müssen, welche Schwierigkeiten ihren Mitarbeitern begegnen können, die diesen gefährdeten Personenkreis unterstützen und betreuen, und dies in einer Zeit, in der sie in großer Bedrängnis und äußerst schutzbedürftig ist. Ein sehr empfehlenswertes Buch.
Dr. Sharon McDonnell
Managing Director, Suicide Beareavement UK
und Honorary Research Fellow, University of Manchester
Das Buch stellt Dinge, die nach einem Suizid passieren, sehr detailliert und anschaulich dar. Dies ist wichtig, damit die Leser verstehen, worauf es ankommt.
Wenn Sie vor kurzem einen Menschen verloren haben oder sich als gefährdet einschätzen, sollten Sie dieses Buch zum jetzigen Zeitpunkt besser nicht lesen.
Die im Buch geschilderten Fälle wurden alle anonymisiert; eine Ähnlichkeit mit aktuellen Fällen, Namen und Orten ist rein zufällig.
Die beschriebenen Erfahrungen sind das Ergebnis der Arbeit in verschiedenen Ländern. In deutschsprachigen Ländern arbeiten Kriseninterventionsteams Seite an Seite mit anderen Rettungsdiensten. Wir sind nicht nur zuständig für Suizide, sondern wir werden auch bei Todesfällen eingesetzt, die die Folge von Unfällen oder Verbrechen sind. Wir sind keine Mediziner, sondern Ersthelfer; wir wurden dafür ausgebildet, an Tatorten zu arbeiten, deren Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist. Wir kümmern uns darum, dass Zivilisten und Einsatzkräfte am Ort des Geschehens psychosozial unterstützt werden. Dieses Buch ist keine Anleitung für den Aufbau eines ähnlichen Systems, dennoch hoffe ich sehr, dass es politische Entscheidungsträger motiviert, den Aufbau ähnlicher Strukturen in Erwägung zu ziehen.
Evidenzbasiertes Suizid-Postventionstraining und Fachwissen stehen zur Verfügung (entsprechende Links finden Sie im Quellenverzeichnis, falls Sie sich eingehender informieren möchten).
Danke, dass Sie die Zeit und Mühe aufbringen, dieses Buch zur Hand zu nehmen.
Es ist ein seltsames Gefühl, etwas zu schreiben, was Sie lesen werden. Ich werde über sehr schwierige Einsätze berichten. Doch ich kann Sie nicht sehen und nicht begleiten, während Sie lesen. Sie entscheiden, wie schnell und in welcher Reihenfolge Sie die Kapitel lesen. Lassen Sie sich Zeit und achten Sie auf sich.
Suizid ist ein Thema, mit dem wir uns alle eher nicht beschäftigen möchten, denn es konfrontiert uns mit unserer eigenen Verletzlichkeit und unseren eigenen Erfahrungen.
Die Realität sieht leider so aus, dass alle Ersthelfer mit Suizid konfrontiert werden. Obwohl ich schon viele Kriseninterventionstrainings absolviert hatte, war ich zu Beginn meiner Tätigkeit nicht ausreichend auf effiziente Suizid-Postvention vorbereitet. Ein Buch wie dieses hätte ich gerne vor 20 Jahren gehabt; es geht auf viele Fragen ein, deren Beantwortung ich mir durch Learning by Doing selbst erarbeiten musste.
Wenn wir zu einem Suizid gerufen werden, ist der Primärschaden, der uns erwartet, irreversibel: ein Leben ist zu Ende. Doch wir können sehr viel tun, um einen Sekundärschaden zu verhindern. Es gibt viele Fragen, die gestellt werden und viele Ungewissheiten und Schwierigkeiten, denen wir begegnen, wenn wir zu einem Suizid gerufen werden.
Es ist immens wichtig, den Hinterbliebenen erklären zu können, was gerade geschieht und warum das sein muss.
An vielen Stellen des Buches wird davon die Rede sein, den Betroffenen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, damit sie in einer extrem schwierigen Situation die Kontrolle wiedererlangen können.
Genau darauf zielt Krisenintervention ab. Handlungsmöglichkeiten und das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben, wirken Gefühlen der Verzweiflung, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit entgegen, die nach einem Suizid häufig auftreten und die schwer zu handhaben sind.
Die Kontrolle zu haben ist das genaue Gegenteil von Hilflosigkeit, was die vielen Fallbeispiele in dem Buch belegen.
Ich hoffe, dass ich Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen erweitern kann. Nutzen Sie alle Informationen, die Sie verwenden können, doch bedenken Sie, dass es keine Vorgaben für spontane Suizid-Postvention gibt. Wenn Sie sich eingehender über bestimmte Bereiche informieren möchten, stehen Ihnen evidenzbasierte Trainings- und Unterstützungsangebote zur Verfügung.
|15|In dem Bereich, in dem ich arbeite, hat Weiterbildung oberste Priorität. Als ich vor vielen Jahren meine Ausbildung beendete, dachte ich, ich wüsste alles. Ich war bereit, mit allen Einsätzen umzugehen und jede Situation besser zu machen. Doch die Realität ist eine völlig andere. Wenn wir zu einem Suizid gerufen werden, ist alles zu spät. Die jahrelange Arbeit hat mich demütig gemacht.
Ich empfinde tiefes Mitgefühl mit allen Hinterbliebenen, die mir erlaubt haben, in den dunkelsten Tagen ihres Lebens an ihrer Seite zu sein. Ich weiß, dass viele von ihnen hoffen, dieses Buch möge zur Aufklärung beitragen. Wir müssen uns mehr Mühe geben … für sie.
Ich danke allen Mitarbeitern von Jessica Kingsley Publishers, dass sie mir zugetraut haben, ein Buch zu schreiben und mich dabei sehr liebevoll und geduldig unterstützt haben.
Ein großes Dankeschön geht an meine Lieben und meine Kollegen, die mich ermutigt haben, weiterzumachen und zu dem Resultat zu gelangen, dass Sie gerade in den Händen halten. Ohne sie wäre dies nicht möglich gewesen.
Fangen wir also an. Auf den nächsten Seiten gibt es Einsätze, die auf Sie warten.
Andrea Walraven-Thissen
In diesem Kapitel erfahren Sie, was Suizid ist und worum es in diesem Buch geht. Sie werden informiert über Risiken, Auswirkungen und falsche Vorstellungen im Zusammenhang mit Suizid und über die Wirkung von Worten und Einstellungen. Ich werde erklären, was Suizid-Postvention ist und wie sie in akuten Stresssituationen genutzt werden kann, um das Gefühl der Machtlosigkeit zu mildern.
Dieses Buch wendet sich an alle, die mit der Zeit unmittelbar nach einem Suizid konfrontiert sind und die in diesem Bereich arbeiten. Als Polizist begegnen Ihnen im Laufe Ihres Berufslebens wahrscheinlich Dutzende von Suiziden. Auch die Besatzung von Krankenwagen, Feuerwehrleute, Ärzte und ärztliche Leichenbeschauer werden nach einem Suizid gerufen. Auch Kriseninterventionsteams und Kollegen aus der Notfallseelsorge werden gegebenenfalls geschickt. Dies sind nur ein paar Berufe, die mit Suizid zu tun haben, doch es gibt noch viele andere Berufe, die involviert sind, wenn sich jemand das Leben genommen hat: Schullehrer, Arbeitgeber, Kollegen, Geistliche, Bestattungsunternehmer, Allgemeinmediziner, Sozialarbeiter, Krankenhausmitarbeiter und das Gefängnispersonal sind häufig in Mitleidenschaft gezogen und/oder involviert. Dieses Buch richtet sich an alle, die mehr darüber wissen wollen oder müssen, worauf es in der Zeit nach einem Suizid ankommt.
Ich war in den beinahe 20 Jahren meines Berufslebens bei vielen Suiziden als Ersthelferin tätig. Doch am Anfang war ich auf das, was ich erlebte, in keiner Weise vorbereitet. In diesem Buch werde ich Fragen beantworten, die mir oft gestellt werden und mein Wissen weitergeben. Einen Großteil dessen, was ich damals gebraucht hätte, konnte ich in der Literatur nicht finden. Für mich gehört dies zum Grundwissen und sollte in die Grundausbildung integriert werden, denn es ist traurige Realität, dass jeder Ersthelfer mit Suiziden konfrontiert wird.
|18|Das Thema Suizid ist so komplex, dass ich keine schnellen Lösungen und einfachen Antworten anzubieten habe. Ich hoffe, dass ich Sie befähigen kann, eigene Lösungen und Möglichkeiten zu finden, die Ihr persönliches Instrumentarium erweitern. Sie werden lesen, dass Sie selbst das Instrument sind. Aber: Lesen und lernen Sie und passen Sie das erworbene Wissen an Ihre persönlichen Werte und Erfahrungen an. Bitte nutzen Sie das Quellenverzeichnis am Ende des Buches oder kontaktieren Sie mich, wenn Sie mehr Informationen brauchen.
Ich bin in den Niederlanden geboren und lebe zurzeit in Deutschland. Ich bin Pflegefachfrau mit Schwerpunkt Psychiatrie und habe mich auf Psychotraumatologie spezialisiert. Später wurde ich Ersthelferin und Fachberaterin im Bereich kritische Ereignisse (critical incident manager). Ich halte Vorlesungen und Lehrveranstaltungen in verschiedenen Ländern ab und berate nationale und europäische politische Entscheidungsträger, wenn es um psychosoziale Probleme sowie strategisches und taktisches Notfallmanagement geht.
Ich bin Leiterin des Krisenunterstützungsdienstes Suicide Bereavement UK (SBUK), der Beratung und Training in Suizid-Postvention anbietet. SBUK hat das weltweit erste evidenzbasierte Suizid-Postventionstraining entwickelt. In Studien mit Hinterbliebenen, Betroffenen, Hausärzten und in einer internationalen Studie mit Einsatzkräften entwickelten wir ein evidenzbasiertes PABBS Training (Postvention; Assisting those Bereaved By Suicide). Das Training wurde tausendfach unterrichtet und evaluiert. In diesem Jahr starten wir mit unserem evidenzbasierten ESPR-Training (Emergency Services Postvention Response), das wir spezifisch mit und für Einsatzkräfte entwickelt haben. Wir halten alljährlich eine internationale Konferenz in Manchester ab und führten die größte wissenschaftliche Erhebung durch, die jemals zum Thema suizidale Todesfälle durchgeführt wurde. Sie können sich unsere wissenschaftlichen Publikationen und die Hinterbliebenenstudie (mit über 7 000 Teilnehmenden) kostenfrei herunterladen.
Während meiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit in diesem Bereich habe ich gelernt, demütig zu sein; es gibt so viele Dinge, die wir noch nicht wissen und die es zu erforschen gilt. In meinem Beruf haben Weiterbildung und ständiger Austausch zwischen Theorie und Praxis oberste Priorität. Gemeinsam können wir sehr viel mehr schaffen!
Sollte irgendein Teil des Buches bei Ihnen suizidale Gedanken auslösen, seien Sie vorsichtig. Sprechen Sie mit jemandem oder suchen Sie im Internet nach Unterstützung, die Ihren persönlichen Bedürfnissen gerecht wird. In jedem Land gibt es |19|zahlreiche vertrauenswürdige Einrichtungen, die kostenlos Unterstützung anbieten. Am Ende des Buches finden Sie entsprechende Links.
Es ist O. K., nicht O. K. zu sein, doch bitte bedenken Sie: Selbsttötung schließt nicht die Wahrscheinlichkeit aus, dass das Leben schlimmer wird – Selbsttötung schließt die Möglichkeit aus, dass es jemals besser wird.
Das erste Kapitel gibt einen allgemeinen Überblick über das umfangreiche Gebiet der Suizidologie. Es ist bewusst knapp gehalten, aber Sie finden am Ende des Buches Literaturempfehlungen, falls Sie sich weiter informieren möchten. Es gibt viele gute Bücher und Links über Hintergründe und Suizidforschung.
Das Wort Suizid stammt aus dem Lateinischen und wird oft übersetzt als „gezielte Selbsttötung.“ Sui bedeutet „selbst“ und …zid ist abgeleitet von caedere, was „erschlagen“ oder „schlagen“ heißt. Nach der Lektüre des Buches werden Sie einsehen, dass sowohl gezielte Selbsttötung als auch Tötung anders übersetzt werden muss.
Es gibt eine Menge Literatur zum Thema Suizid und in Kap. 5 erfahren Sie, wie unsere Einstellung gegenüber Suizid sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat. Es wurde der Versuch unternommen, das komplexe Thema Suizid aus soziologischer, psychologischer, epidemiologischer, historischer und biologischer Sicht darzustellen. Ich habe mich mit vielen Texten auseinandergesetzt, doch ich halte die Arbeit des Suizidologen Edwin Schneidman für die wichtigste. Er untersuchte Suizide seit mehr als 50 Jahren, analysierte die Literatur und, was wichtig ist, arbeitete direkt mit Betroffenen, also den Menschen, die ihr Leben beenden wollten, jedoch überlebt haben.
Es existiert keine Definition von Suizid, die seiner Komplexität in vollem Umfang Rechnung trägt. Ich werde zeigen, dass der Vergleich verschiedener Suizide bestimmte Faktoren und Ähnlichkeiten offenbart und dass die Menschen, die durch Selbsttötung sterben, sich nicht bewusst für den Tod entscheiden, sondern ihr Leid beenden wollen.
Als Niederländerin kenne ich die vielen Probleme im Zusammenhang mit dem Thema ärztliche Sterbehilfe. Allein dieses Thema ist äußerst komplex und wird in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich bewertet. Ich lebe derzeit in Deutschland, wo ich nicht einmal den Begriff Euthanasie benutzen kann, weil sei|20|ne negative Konnotation die Menschen an die Gräuel des Zweiten Weltkriegs erinnert. Ärztliche Sterbehilfe ist in Deutschland noch keine Option. Im Februar 2020 kippte das Bundesverfassungsgericht das Verbot auf Sterbehilfe und derzeit wird politisch diskutiert, ob es eine Ausweitung der Möglichkeiten in Deutschland geben soll. Auch in Österreich findet derzeit ein ähnlicher Wandel statt. In der Schweiz gibt es schon länger mehr Möglichkeiten.
In den Niederlanden, die nur durch eine offene Grenze von Deutschland getrennt sind, wird Euthanasie täglich offen ermöglicht und diskutiert – was für ein gewaltiger Unterschied. Für mich ist Euthanasie ein Teilbereich der Suizidologie. Jede Diskussion über das Thema sollte die Richtlinien für die Suizid-Berichterstattung (Medien) berücksichtigen (s. Kap. 4). Auch wenn bestimmte Informationen dies suggerieren, geht es in diesem Buch nicht um ärztliche Sterbehilfe.
In dem Buch geht es auch nicht um ein anderes komplexes Forschungsgebiet; es geht nicht um Selbstverletzung, Parasuizid, indirekten Suizid oder um unbeabsichtigte Todesfälle. All diese Begriffe können Sie zusammen mit den entsprechenden Definitionen und Hintergründen in der Literatur finden. Sie beziehen sich auf Fälle, in denen Menschen sich selbst verletzen oder extreme Risiken eingehen und damit ihr Leben aufs Spiel setzen. Es gibt viele verschiedene Gründe, warum Menschen solche Risiken eingehen und viele unterschiedliche Beispiele dafür: einige Menschen verletzten sich selbst, einige konsumieren Drogen im Übermaß, andere zeigen extreme Verhaltensweisen im Straßenverkehr und manche spielen russisches Roulette.
Obwohl Selbstverletzungsverhalten das Suizidrisiko erhöht, geht es in dem Buch nicht um Selbstverletzung oder um unbeabsichtigte Todesfälle, mit Ausnahme eines Falles in Kap. 6.
Die World Health Organization sammelt Daten und wenn Sie den Links am Ende des Buches folgen, finden Sie aktuelle Auflistungen von Suiziden geordnet nach Ländern und Kontinenten. Sie finden außerdem Auflistungen von Suiziden, die nach folgenden Merkmalen geordnet sind: Geschlecht, Alter, Ethnie, Beruf, Religion etc. Was bedeuten nun diese Zahlen? Sie lesen beispielsweise „USA 13,9“. Dies bedeutet, dass in den USA in dem betreffenden Jahr von 100 000 Menschen 13,9 durch Selbsttötung gestorben sind. Die Zahlen in den westlichen Ländern liegen ungefähr zwischen 8 und 14, aber das sind „nur“ Zahlen. Hier ein Beispiel. In den USA betrug die finale Suizidrate im Jahr 2016 offiziell 13,9 auf 100 000 Einwohner. Mehr als 75 % der Menschen, die durch Selbsttötung starben, waren |21|Männer. Bei jungen Menschen (zwischen 15 und 24 Jahre) ist Suizid die zweithäufigste Todesursache in den USA. Im Jahre 2016 starb in den USA alle 11,7 Minuten ein Mensch durch Selbsttötung.
Ich wiederhole: Im Jahre 2016 wurden alle 11,7 Minuten Einsatzkräfte wegen eines Suizids gerufen.
Meine Kollegin Julie Cerel war Präsidentin der American Association of Suicidology und untersucht die Folgen von Suiziden, d. h. wie sich Suizide auf die Hinterbliebenen auswirken, die sie „Überlebende eines suizidbedingten Verlustes“ nennt. Laut ihrer forschungsbasierten Schätzung wirkt sich ein Suizid auf 135 Menschen aus. Von diesen verändert sich für sechs das Leben dramatisch. Schauen Sie sich die Suizidzahlen in Ihrem Land an und rechnen Sie selbst nach: Suizide haben einen großen Einfluss auf die Gesellschaft.
Jeden Tag werden weltweit etwa 2 000 Leben durch Selbsttötung ausgelöscht, was direkte Auswirkungen auf Hunderttausende von anderen Leben hat. Viele Länder erkennen den Ernst des Problems und implementieren Suizid-Präventionsstrategien.
Suizidzahlen werden immer erst im nächsten Jahr in der Statistik verfasst. Die Suizidraten in der Schweiz und in Österreich waren im vergangenen Jahrzehnt höher als in Deutschland. Im Quellenverzeichnis finden Sie einen Link zu einer internationalen Vergleichsliste der Suizidraten einzelner Länder. Dort können Sie über die Funktion „add country“ Länder zufügen oder entfernen und sich so gezielt informieren.
Als ich vor langer Zeit in einem psychiatrischen Krankenhaus meine Ausbildung absolvierte, wurde mir beigebracht, dass Frauen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen, „weiche“ Methoden bevorzugen (z. B. Medikamente) und Männer eher gewaltsame (z. B. Gewehre). Wenn ich neue Kollegen ausbilde, verzichte ich auf Generalisierungen. Es kann sein, dass dies für Ihr Land gilt, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass dies in der Realität nicht immer zutrifft.
Wenn Sie mehr über bestimmte Methoden der Selbsttötung in Ihrem Land wissen möchten, finden Sie statistische Zahlen wahrscheinlich online. Die meisten Länder haben (häufig kaschiert) in den Formularen für die Registrierung von Todesfällen Bereiche, die Aufschluss über die Todesursache geben. Diese Daten werden in anonymisierter Form in die nationale Statistik aufgenommen, die dann von politischen Entscheidungsträgern genutzt werden kann. Die Suizid-Prävention muss stärker gefördert werden und solche Statistiken können uns helfen, mit |22|Politikern und Politikerinnen zu diskutieren, wie präsent und verheerend Suizid in unserer Gesellschaft ist.
Wie sterben Menschen? Einfach ausgedrückt, sie nutzen Methoden, zu denen sie leichten Zugang haben. In den USA, wo man überall leichten Zugang zu Gewehren hat, werden diese häufig benutzt (hierunter fallen mehr als die Hälfte aller Suizide). Ärzte greifen oft zu Medikamenten, um ihr Leben zu beenden und Polizisten zu Schusswaffen. Gibt es in der Nähe eines psychiatrischen Krankenhauses Bahngleise, nehmen sich mehr Menschen auf diese Art das Leben. Oft springen sie auch von hohen Gebäuden oder Brücken. Orte, an denen Suizide häufig vorkommen, werden als „Hotspots“ bezeichnet. Eine Gelegenheit für uns Fachleute, über präventive Maßnahmen für diese Orte nachzudenken. Auf Brücken gibt es Zäune oder Hinweisschilder und sogar Telefone mit einer Notrufnummer. Ich fände es besser, solche Hotspots nicht öffentlich zu machen, denn suizidgefährdete Menschen könnten dadurch animiert und auf diese Orte aufmerksam gemacht, wenn nicht gar von ihnen angezogen werden.
Manche Suizide wirken, als wären sie auf eine sehr aggressive, den Körper zerstörende Art und Weise herbeigeführt worden. Doch es gibt auch Situationen, die den Eindruck vermitteln, als hätte die verstorbene Person versucht, den Tatort so zu hinterlassen, dass er diejenigen, die sie später finden, so wenig wie möglich schockiert. Ich habe hier das Wort „versucht“ gewählt, weil die Wirkung oft eine ganz andere ist, denn wir können die Reaktionen von Menschen niemals vorhersehen.
Die World Health Organization hat im Zusammenhang mit Suizid etliche falsche Vorstellungen korrigiert. Diese sollten weitergegeben werden (Sie können sie von dem entsprechenden Link am Ende dieser Seite herunterladen).1
Falsche Vorstellung: Menschen, die suizidal sind, bleiben suizidal.
Richtig ist: Eine erhöhte Suizidgefahr ist meistens temporär und situationsabhängig. Suizidale Gedanken können zwar wieder auftreten, aber nicht permanent. Ein Mensch, der einmal an Selbsttötung gedacht oder einen Suizidversuch unternommen hat, kann durchaus sehr lange leben.
Falsche Vorstellung: Man sollte vermeiden, über Suizid zu reden, denn dies könnte als Aufforderung aufgefasst werden.
|23|Richtig ist: Das Thema Suizid ist weitgehend tabuisiert, weshalb Menschen, die über Selbsttötung nachdenken, meistens nicht wissen, mit wem sie reden sollten. Ein offenes Gespräch animiert solche Menschen nicht zum Suizid, sondern kann ihnen andere Möglichkeiten aufzeigen oder ihnen Zeit verschaffen, ihre Entscheidung zu überdenken. Ein Suizid wird durch ein offenes Gespräch eher verhindert (mehr darüber in Kap. 4).
Falsche Vorstellung: Nur psychisch kranke Menschen sind suizidal.
Richtig ist: Suizidales Verhalten ist ein Anzeichen für große Verzweiflung, aber nicht immer für eine psychische Krankheit. Viele Menschen mit einer seelischen Erkrankung sind nicht suizidal und nicht alle Menschen, die sich das Leben nehmen, haben eine psychische Störung oder psychische Erkrankung.
Falsche Vorstellung: Die meisten Suizide passieren plötzlich und ohne Vorwarnung.
Richtig ist: Bei den meisten Suiziden gibt es eine verbale oder verhaltensbezogene Vorwarnung. Natürlich passieren Suizide auch ohne jede Vorwarnung, doch es ist wichtig, entsprechende Hinweise zu kennen und zu beachten.
Falsche Vorstellung: Menschen, die suizidal sind, wollen sterben.
Richtig ist: Ganz im Gegenteil. Suizidale Menschen sind sich oft nicht sicher, ob sie leben oder sterben wollen. Aber es besteht die Möglichkeit, dass sie impulsiv reagieren. Emotionale Unterstützung zur rechten Zeit kann verhindern, dass sie sich das Leben nehmen.
Falsche Vorstellung: Menschen, die über Suizid reden, haben nicht die Absicht, sich das Leben zu nehmen.
Richtig ist: Menschen, die über Suizid reden, sind oft auf der Suche nach Hilfe oder Unterstützung. Viele Menschen, die über Suizid nachdenken, leiden unter Angst, Depressionen und Hoffnungslosigkeit und glauben, keine andere Möglichkeit zu haben.
Welche Ursachen haben Suizide? Gäbe es eine einfache Antwort auf diese Frage, könnten wir Suizide leichter verhindern, doch leider gibt es keine einfache Lösung. Es gibt zahlreiche Studien zu diesem Thema, die viele Risikofaktoren gefunden haben, trotzdem lässt sich die Frage nicht abschließend beantworten.
Mehr Männer als Frauen setzen ihrem Leben durch Suizid ein Ende und frühere Suizidversuche oder Selbstverletzungen erhöhen das Suizidrisiko. Als Faktoren kommen infrage: eingeschränkter Zugang zu psychiatrischer Behandlung und leichter Zugang zu Selbsttötungsmethoden. Menschen mit psychischen und/oder |24|körperlichen Krankheiten neigen zu suizidalen Gedanken und suizidalem Verhalten. In der LGBTQ-Community sterben im Vergleich zu der übrigen Population mehr Menschen durch Suizid. Auch sozioökonomische Faktoren beeinflussen das Suizidrisiko: Armut und prekäre Jobs versetzen Menschen in Sorge. Scheidung spielt häufig eine Rolle, insbesondere im Zusammenhang mit Suiziden bei Männern. Bestimmte Berufe scheinen das Suizidrisiko ebenfalls zu erhöhen: Ersthelfer, Ärzte und Pflegefachpersonal, doch auch Bauhandwerker und Landwirte haben ein erhöhtes Risiko. Druck und Stress am Arbeitsplatz steigern das Suizidrisiko ebenso wie eine Gefängnisstrafe und es ist bekannt, dass Menschen, die mit einem Suizid konfrontiert werden, ein höheres Risiko haben, selbst durch Suizid zu sterben.
Ich habe immer angenommen, die dunklen Wintermonate würden das Suizidrisiko erhöhen, doch tatsächlich ist die Anzahl der Menschen, die sich im Frühling das Leben nehmen etwas höher. Die Zunahme des Sonnenlichts kann ein Faktor sein, weil er die körperliche Energie etwas ankurbelt, aber das wissen wir nicht so genau.2
Suizid kann überall und zu jeder Zeit passieren.
Es gibt diverse Fragebogen-Modelle, die Fachleuten helfen sollen, das Suizidrisiko einzuschätzen. Aber es gibt keine Möglichkeit herauszufinden, wer durch Suizid sterben wird und wer nicht. Weder ein Bluttest noch ein Simulator oder DNS-Marker sind in der Lage, einen Suizid zu prognostizieren (und somit zu verhindern).
Oft kommen in einer Familie, Gemeinschaft oder in einem Arbeitsbereich Suizide gehäuft vor. Betroffene Familienmitglieder haben mir nach einem Blick auf ihre Familiengeschichte von ihrer Befürchtung erzählt, von Geburt an gefährdet zu sein. Wenn eine psychische Krankheit den Suizid ausgelöst hat, könnte die Krankheit genetisch bedingt sein. Doch nicht jeder, der an einer psychischen Krankheit leidet, stirbt durch Suizid.
Nachdem ich mich mit der Literatur auseinandergesetzt und viele verschiedenartige Suizide gesehen habe, bin ich zu der Schlussfolgerung gelangt, dass Suizid durchaus ansteckend sein kann. Wenn jemand sein Leben beendet, könnte dies in bestimmten Settings als geeignete Lösung wahrgenommen werden, Leid zu been|25|den. Andere Menschen, die ebenfalls leiden, könnten ermutigt werden, denselben Weg zu wählen.
Wir sprechen in solchen Fällen häufig von ansteckendem Suizid. Ich habe neulich zu diesem Thema einen Vortrag von Dr. Alexandra Pitman gehört, einer britischen Psychiaterin, die auf diesem Gebiet forscht. Sie bat uns, eine andere Bezeichnung zu benutzen und nannte dieses Phänomen suggestiver Suizid (suicide suggestion). Dazu folgendes Beispiel:
Worte zeigen Wirkung
Als ich in der Pubertät war, hatte ich häufig Streit mit meiner Mutter. Einmal, als ich mich wieder mit ihr stritt, sagte sie zu mir, ich würde immer mehr wie mein Vater und das gefiele ihr gar nicht. Mein Vater nahm sich das Leben, als ich acht Jahre war. Nach dem Streit sagte meine Mutter, es täte ihr leid und sie habe es nicht so gemeint, aber ich habe es immer wieder gehört, wie eine kleine Stimme in meinem Kopf. Eines Tages bekam ich eine sehr schlechte Note in der Schule. Ich hatte Angst, nach Hause zu gehen. Und dann hörte ich wieder diese Stimme in meinem Kopf, die mir sagte, ich sei so wie mein Vater. Ich ging zu dem Bahngleis, wo mein Vater starb. Jemand hat mich gesehen und die Polizei gerufen.
Dies ist wichtig zu wissen, denn in Fällen wie diesen gilt: Suizid-Postventionkann identisch sein mit Suizid-Prävention.
Erhöhtes Risiko
Die Beerdigung war vorbei und es ging mir sehr schlecht. In der ersten Woche gab es so viel zu tun und ich überstand sie im Zustand der Benommenheit. Jetzt war ich also ganz alleine. Mein Körper schmerzte, mein Herz war gebrochen und eigentlich beneidete ich ihn sogar, denn sein Schmerz war vorbei. Ich wollte, dass auch mein Schmerz vorbei war. Ich ging zu der Schublade, in der ich Medikamente aufbewahrte und zählte die Tabletten darin. Mein Verhalten hat mir Angst gemacht. Ich machte die Schublade zu und rief die Praxis meines Arztes an. Meine Freundin kam zu mir und wir sortierten zusammen alle gefährlichen Tabletten aus und sie nahm sie an sich. Das war an jenem Tag genau das, was ich gebraucht habe.
Aus den Richtlinien für die Kommunikation nach einem Suizid (Kap. 4) geht hervor, dass ein Suizid nicht nachträglich verklärt werden sollte. Sprechen Sie statt|26|dessen lieber über die verstorbene Person, aber nicht darüber, wie und warum sie gestorben ist.
Sie lesen dieses Buch, weil Sie mehr über das Verhalten nach einem Suizid lernen wollen. Doch wenn es geht, sollten Sie sich die Zeit nehmen und einen der vielen Suizid-Präventionskurse besuchen, die angeboten werden. Jeder kann sich grundlegendes Wissen aneignen, das Leben retten könnte. Sie werden Folgendes lernen: die Zeichen potenzieller Suizidalität wahrzunehmen, was Sie sagen sollen und wie Sie Hoffnung geben und Hilfe anbieten können.
Suizidale Gedanken sind bei Hinterbliebenen nicht ungewöhnlich. Damit werden wir uns im Rahmen der Suizid-Postvention beschäftigen müssen. Sollten Sie Zweifel haben, fragen Sie ganz direkt: Denken Sie selbst über Suizid nach?
Eingeschränkte Wahrnehmung: Professor Edwin Schneidman war ein Pionier auf dem Gebiet der Suizidologie. Er hat mehrere Jahrzehnte über Suizid geforscht und uns viele hervorragende Bücher hinterlassen, aus denen wir lernen können. Er schrieb über ein Phänomen, das er eingeschränkte Wahrnehmung (constriction) nannte. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet ursprünglich „unter Druck eng werden“. Menschen, die suizidal sind, haben eine eingeschränkte Weltsicht. Sie leiden extrem und haben eine Art Tunnelblick; sie sehen den Tod als einzige Möglichkeit, ihr Leid zu beenden. Ihr Leid raubt ihnen so viel Energie, dass sie nicht in der Lage sind, bewusste Entscheidungen zu treffen und alle Konsequenzen abzuwägen. Sie suchen nur nach einer Möglichkeit, ihren Leiden ein Ende zu setzen. Suizid ist eine Möglichkeit, den Schmerz zu beenden, keine bewusste Entscheidung für den Tod.
Seelenschmerz: Ein anderer von Schneidman geprägter Begriff ist Seelenschmerz (psycheache), der quälende Emotionen, unerträglichen Schmerz und unangenehme Angst bedeutet. Ich kann diesen Begriff nicht gut in meine anderen Sprachen übersetzen, deshalb benutzte ich ihn nur auf Englisch, aber er hat mir sofort etwas gesagt, als ich ihn zum ersten Mal gelesen habe. Seelenschmerz führt dazu, dass Menschen das Leben als unerträglich empfinden. Er kann uns zeitweise völlig überwältigen. Wenn Sie jemals Seelenschmerz hatten, verstehen sie sofort, was ich meine.
Bei Menschen mit Seelenschmerz, die suizidal sind, beherrscht das Leid ihr Denken. Zur Erinnerung: Der Tod wird als Möglichkeit wahrgenommen, diesen Schmerz zu beenden. Es handelt sich nicht um eine bewusste Entscheidung für den Tod.
|27|Wenn Sie jemals die Nachricht überbracht haben, dass ein geliebter Mensch durch Suizid gestorben ist, haben Sie Seelenschmerz wahrscheinlich hautnah erlebt. Die Nachricht kann starke Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit auslösen. Wir können die verstorbene Person nicht zurückbringen, aber wir können mit den Hinterbliebenen arbeiten und ihnen helfen, diese Gefühle zu lindern. Wir können nicht ändern, was geschehen ist, aber wir können für sie da sein und ihnen zur Seite stehen. Bleiben Sie bei ihnen, wenn alles ausweglos erscheint. „Ich bin für Sie da. Sie sind nicht allein.“
Genau darum geht es bei der Postvention. Ein Suizid macht jede Hoffnung auf eine Zukunft zunichte und nimmt jede Möglichkeit, die Dinge zum Besseren zu wenden. Die Menschen werden verwundbar und manchmal selbst suizidal. Das ist der Grund, weshalb Postvention für uns auch Prävention ist.
Bevor wir beginnen, bitte ich Sie, sich ein wenig selbst zu prüfen. Sie lesen ein Buch über Suizid, doch wie denken Sie selbst über dieses heikle Thema? Überlegen Sie zuerst, wie Sie über Suizid sprechen. Achten Sie genau auf Ihre Wortwahl.
Wenn ich (Erst-)helfer ausbilde oder selbst Menschen bei einem Suizid unterstütze, achte ich immer ganz besonders auf die Worte, die sie benutzen, weil sie wichtig sind. Einige Menschen sagen „Selbstmord“, was angesichts der Bedeutung der Wörter auf eine eher negative Einstellung schließen lässt. Die Aussage „Er hat Suizid begangen“ legt den Fokus auf die Handlung. Viele sagen auch „Er hat sich umgebracht“. Welche Wörter verwenden Sie? Neutrale? Wie stehen Sie zu Suizid?
Meine Muttersprachen sind Deutsch und Niederländisch und in beiden Sprachen kann Suizid als Substantiv verwendet werden oder indirekt bzw. transitiv als Verb. Diese Art, über Suizid zu sprechen, ist sehr direkt und neutral.
In diesem Zusammenhang gibt es kein Richtig oder Falsch, doch wenn wir zu einem Suizid gerufen werden, sollte uns bewusst sein, welche Wirkung Worte haben können.
Zuhören
Als ich im Haus des Bruders eintraf, fragte ich ihn, ob er mir erzählen wolle, was passiert war. Bei seiner Schilderung sagte er einige Male, sein Bruder sei hinausgegangen und habe Selbstmord begangen. Seine Worte offenbarten eine klare Verurteilung. Ich machte mir einen Vermerk und als wir später darüber |28|sprachen, stellte sich heraus, dass die Einstellung gegenüber Suizid in dieser Familie stark religiös geprägt war. Hinter der Wortwahl des Bruders verbarg sich eine Menge Wut und Aggression.
Die Gedanken und Gefühle des Bruders waren sehr rigoros und völlig anders als meine. Doch es gelang mir, ihn zu unterstützen, indem ich ihm zuhörte und seine Gedanken spiegelte.
Vielleicht haben auch Sie eine klare Haltung gegenüber dem Thema Suizid und das ist auch O. K. Wenn Sie in einem religiösen Setting arbeiten, können Sie sie möglicherweise sogar aktiv nutzen. Doch als Einsatzkräfte sind wir zur Neutralität verpflichtet. Wir unterstützen jede Person, zu jeder Zeit und an jedem Ort, ohne Vorbehalt oder Vorverurteilung. Das ist leichter gesagt als getan, aber absolut wichtig!
Zurück zu Ihnen … Welche Wörter verwenden Sie, wenn Sie über Suizid reden? Ist Ihre Muttersprache Deutsch oder denken Sie in einer anderen Sprache? Ist Ihre Wortwahl neutral? Oder gibt es in Ihrer Sprache andere Worte? Im Deutschen kann man zwischen mehreren Möglichkeiten wählen. Hinterbliebene haben uns gesagt, welche Wortwahl sie bevorzugen:
„Er hat seinem Leben ein Ende gesetzt/sich das Leben genommen.“
„Er ist durch Suizid gestorben.“
Nicht mehr und nicht weniger, und auch nicht komplizierter.
Hinterbliebene haben uns auch gesagt, wie wichtig es für sie ist, dass wir den Namen ihres Angehörigen benutzen, wenn wir über ihn/sie sprechen. In unserer Funktion als Einsatzkräfte bevorzugen wir Fachausdrücke wie „Leichen“ und „Fälle“. Ich verstehe das, weil es hilft, eine Distanz zwischen uns und „dem Fall“ aufzubauen. Der Umgang mit einem Suizid ist sehr belastend und es kommt häufig vor, dass wir uns mit bestimmten Aspekten eines Falles identifizieren. Aber es ist wichtig, über die Person zu sprechen, die gestorben ist.
Der Polizist sagte, dass sie DNS-Material brauchen, um Jonathan zu identifizieren. Mir fiel auf, dass die Mutter, wenn sie antwortete, immer einen anderen Namen benutzte. Ich fragte sie, wie sie ihren Sohn nennt. Sie sagte, alle hätten ihn Nat genannt, weil er den Namen Jonathan nicht mochte. Wir sagten, wir könnten ihn auch Nat nennen.
|29|Aufmerksames Zuhören, eine einfache Frage und eine kleine Veränderung. Die Mutter sagte mir später, dies sei sehr wichtig für sie gewesen.
Die Anpassung an die Sprache ist eine Form der „psychologischen Anpassung“, wie ich es nenne. Ich definiere diesen Begriff so: Wir holen die Menschen da ab, wo sie sind. Das ist niemals da, wo ich bin – eine Haltung, die Empathie erfordert.
Jeder reagiert anders auf einen Suizid, weil jeder eine einzigartige Persönlichkeit mit einer einzigartigen Vergangenheit und einzigartigen Bewältigungsstrategien ist. Sie müssen mit einem breiten Spektrum unterschiedlichster Reaktionen rechnen: Verzweiflung, Panik, völliger Kontrollverlust oder Schockstarre. Ich habe all diese extremen Reaktionen und viele Zwischenstufen gesehen, doch in jedem Fall gilt: Wir müssen mit dem arbeiten, was wir sehen.
Stellen Sie sich ein Hochhaus vor. Die Person, die Sie unterstützen wollen, befindet sich, was ihre Reaktion betrifft, auf einer anderen Ebene des Gebäudes. Um zu der Person zu gelangen, begebe ich mich in einen virtuellen Lift und versuche, die Person auf ihrer Ebene zu erreichen. Das ist nicht immer einfach, aber ich hoffe, Ihnen mit den im Buch enthaltenen Tools helfen zu können, zu den Menschen zu gelangen und sie angemessen zu unterstützen. Sie da abzuholen, wo sie sind.
In Kap. 5 geht es um das Thema Grenzen, denn wir begeben uns hier auf eine heikle Gratwanderung. Unsere Präsenz muss authentisch und empathisch sein. Doch wenn aus Empathie Sympathie wird, überschreiten wir eine Linie. Achten Sie stets darauf, dass Ihr Lift bereitsteht, um Sie zurück auf Ihr Stockwerk zu bringen.
Wahrscheinlich haben Sie schon einmal die Begriffe „Prävention“ und „Intervention“ benutzt, vielleicht sogar im Zusammenhang mit Suizid. Im Lateinischen bedeutet das Verb venire „ankommen“, pre bedeutet „vorher“, inter heißt „zwischen“ und post heißt „danach“. Suizid-Postvention heißt wortwörtlich „nach dem Suizid ankommen“, Suizid-Prävention zielt darauf ab, die Risikofaktoren zu reduzieren und sowohl schützende Faktoren als auch die Resilienz zu stärken. Intervention bedeutet, wir greifen vorbeugend ein, d. h. bevor aus suizidalen Gedanken suizidales Verhalten wird, und betreuen und unterstützen die Menschen in diesem Sinn. Im Rahmen der Suizid-Postvention kümmern wir uns um Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben. Da diese Menschen selbst suizidgefährdet sind, ist Suizid-Postvention gleichbedeutend mit Prävention. In diesem Buch geht es um Postvention unmittelbar nach einem Suizid.
|30|Denken Sie an die Situation in Ihrem Land. Wer ist zuständig, wenn ein Suizid gemeldet wird? Wer wird zuerst eingesetzt und wer danach? Für mich sind alle beteiligten Menschen und Dienste Teil der Suizid-Postvention.
Aber wenn wir zu einem plötzlichen Todesfall gerufen werden, ist dieser offiziell noch kein Suizid, weil erst nach einer Untersuchung und in manchen Ländern erst nach einer gerichtlichen Untersuchung von Suizid gesprochen werden kann.
Ein guter Einwand, freut mich, dass Sie darauf hingewiesen haben.
Alles, was Sie in diesem Buch lesen, ist Teil eines größeren Fachgebiets und mein Arbeitsbereich. Ich bin zuständig für kritische Ereignisse. Kritische Ereignisse sind außergewöhnlich schwierige Vorfälle, die Menschen stark belasten, weil sie die üblichen Bewältigungsstrategien von Zivilisten und/oder Einsatzkräften überfordern.
In deutschsprachigen Ländern stehen rund um die Uhr Spezialistenteams der sogenannten Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) bereit, die aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung in der Lage sind, mit kritischen Ereignissen umzugehen.
Die meisten Mitglieder dieser Teams werden an einigen Tagen im Monat eingesetzt und arbeiten tagsüber in der Armee, in Ersthelfer-Diensten, in sozialen Diensten, im geistlichen Bereich oder in anderen helfenden Berufen. Sie haben umfangreiche Trainings und Teamsupervisionen absolviert, weil der Einsatz bei kritischen Ereignissen belastend ist. Die Teams werden zu diesen außergewöhnlich schwierigen Vorfällen geschickt und treffen dort zusammen mit anderen Rettungsdiensten ein.
Die Teams werden gerufen nach verheerenden Verkehrsunfällen, plötzlichen Todesfällen von Kindern, natürlichen oder von Menschen verursachten Katastrophen, aber die Liste der Indikationen ist nicht festgelegt. Wann immer ein Einsatzleiter oder Ersthelfer das Gefühl hat, wir werden gebraucht, können wir gerufen werden. Leider geht es bei ca. der Hälfte unserer Einsätze um Suizide. Manchmal ist dies bekannt und wird erwähnt, manchmal werden wir zu einem plötzlichen Todesfall geschickt, ohne zu wissen, ob es sich um einen Unfall, einen Suizid oder einen gewaltsamen Tod handelt.
In diesem Buch geht es um Suizid (mit einer Ausnahme in Kap. 6). Doch die implementierten Erfahrungen und Interventionen, die wir für die Suizid-Postvention nutzen, eignen sich für alle kritischen Ereignisse. Die von mir ausgewählten Beispiele und Tools gelten zwar für Suizide, aber sie leisten auch gute Dienste, wenn sich herausstellen sollte, dass ein plötzlicher Todesfall natürliche Ursachen hat oder durch einen Unfall oder Gewalteinwirkung herbeigeführt wurde.
Ich wurde von wunderbaren Kollegen ausgebildet. Sie haben mir ihre Kenntnisse und Erfahrungen vermittelt, die sie im Rahmen ihrer langjährigen psycholo|31|gischen und psychiatrischen Tätigkeit im militärischen Bereich erworben haben. Wenn unsere Teams einen Einsatz haben, arbeiten sie nach den Prinzipien der Krisenintervention und Psychotraumatologie. Letztere ist relativ neu. Psychologische Traumata, wie wir sie kennen, hat es immer schon gegeben, doch wurden sie vor den beiden Weltkriegen, als die Soldaten unter schweren psychischen Erkrankungen litten, nicht wirklich ernst genommen. Für ihre im Laufe der Geschichte und in mehreren Kriegen entwickelten Symptome wurden etliche Bezeichnungen erfunden: z. B soldier’s heart und shell rock.
Nach dem Vietnamkrieg haben Psychologen und Psychiater viele Soldaten untersucht und behandelt, weil sie mit schweren psychischen Verletzungen nach Hause zurückkehrten. 1980 wurde PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung in das DSM(Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen) aufgenommen. Zum ersten Mal war es möglich, ein „Trauma“ offiziell als ein von externen Stressoren (einem kritischen Ereignis) verursachtes Phänomen anzuerkennen und zu diagnostizieren.
Das menschliche Gehirn und der menschliche Geist werden intensiv erforscht und die Wissenschaft wartet mit immer mehr Erkenntnissen über deren Funktion auf. Doch da die Psychotraumatologie eine noch relativ neue Disziplin ist, gibt es vieles, was wir noch nicht wissen! Im DSM-5 der American Psychiatric Association (APA, 2015, S. 369 – 382) werden die diagnostischen Merkmale, Prävalenz, Entwicklung und der Verlauf sowie Risiko- und prognostische Faktoren, die kulturellen/geschlechtsspezifischen Besonderheiten, funktionelle Folgen sowie die Differenzialdiagnose und Komorbidität beschrieben.
Zurück zum Lateinischen: Krisenintervention bedeutet „intervenieren, um zum Kern der Krise vorzudringen“. Ein kritisches Ereignis hat stattgefunden und die Menschen sind in einer Krise. Doch nicht das Ereignis (der Suizid) ist die Krise, die Krise ist das, was danach passiert. Die Bewältigungsstrategien sind überfordert und es kommt zu einer Krise. Jeder Mensch ist anders, daher ist auch jede Krise anders. Ein Suizid löst eine Krise bei der Mutter aus, die ein Kind verloren hat, aber er kann auch eine Krise bei einem der Ersthelfer auslösen. Und auch innerhalb einer Familie oder im Kollegenkreis kann es nach einem Suizid zu einer Krise kommen.
Krisenintervention – Menschen in einer Krise betreuen – bedeutet, unterstützende Präsenz anbieten. In geistlichen Betreuungssettings sprechen wir von Unterstützung durch Präsenz (ministry of presence). Wir können weder ändern, was passiert ist, noch eine Therapie anbieten. Wir übernehmen nicht die Kontrolle, sondern wir begleiten Menschen.
|32|Es hat eine Weile gedauert, bis ich das begriffen habe. Nachdem ich meine Ausbildung zur psychiatrischen Pflegefachfrau abgeschlossen hatte, wollte ich Menschen retten und die Welt verändern. In den vergangenen 20 Jahren habe ich gelernt, demütig zu sein. Wenn ich zu einem Suizid gerufen werde, ist alles vorbei; für die verstorbene Person ist das Leben zu Ende und jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft ausgelöscht.
Genau das ist es, was die Arbeit der Einsatzkräfte so strapaziös macht. Wir wollten Arzt, Pflegefachperson, Polizeibeamter oder Feuerwehrmann werden, weil wir helfen wollten, Menschen zu retten. Das ist es, was wir am besten können. Doch nach einem Suizid ist das nicht mehr möglich, das Leben ist beendet.
Suizid macht keine Unterschiede; er setzt dem Leben ein Ende, unabhängig vom sozialen Setting, Beruf, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit; er kann jederzeit und überall passieren. Dies verursacht Gefühle der Machtlosigkeit und Hoffnungslosigkeit und führt häufig auch dazu, dass man sich mit bestimmten Aspekten eines Falles identifiziert.
Menschen mit der Diagnose PTBS berichten, dass sie bei dem Ereignis, das zu ihrer Krankheit geführt hat, massive Gefühle der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit erlebt haben. Ich habe herausgefunden, dass es ein Mittel gegen Hilflosigkeit gibt. Stellen Sie sich zwei Waagschalen vor, wie man sie von früher kennt. Hilflosigkeit auf der einen kann durch Kontrolle und Autonomie auf der anderen Seite aufgewogen werden.
Menschen, die die Möglichkeit haben, Kontrolle über eine Situation zu erlangen, wirken dem Gefühl der Hilflosigkeit entgegen. Beide Gefühle beeinflussen einander: wird das eine mehr, nimmt das andere ab (und umgekehrt). Alles, was wir im Rahmen der Postvention tun und sagen, zielt darauf ab, das Gefühl der Hilflosigkeit zu verringern und Kontrolle über die Situation zu ermöglichen.
Die verstorbene Person ist alleine gegangen und den Hinterbliebenen wurde jede Möglichkeit der Kontrolle genommen. Nach dem Suizid wird ihnen noch mehr Kontrolle genommen: Ihr privater Raum wird zu einem Tatort, der Körper des geliebten Menschen vom Staat beschlagnahmt. Sie müssen der Aufklärung dienende und sehr persönliche Fragen beantworten und ihre Privatsphäre wird verletzt.
Der Primärschaden (der Verlust des Lebens) ist unumkehrbar. Aber wir können Sekundärschäden verhindern, indem wir unsere Arbeit strukturieren und implementieren, was Wissenschaft und Erfahrung uns gelehrt haben.
Dreh- und Angelpunkt meines Ansatzes der Suizid-Postvention sind Handlungsmöglichkeiten. Mir geht es darum, den Hinterbliebenen und Ihnen allen, die zu kritischen Ereignissen gerufen werden, das Gefühl zu vermitteln, Kontrolle über die Situation zu haben.
|33|Bei den meisten Menschen reicht unterstützende Präsenz aus, doch bedenken Sie bitte, dass in seltenen Fällen eine sofortige Überweisung an einen Spezialisten erfolgen muss. In 20 Jahren habe ich solche Fälle nur wenige Male erlebt, doch immer waren die Auswirkungen lebensbedrohlich. Wenn Sie Zweifel haben, zögern Sie nicht, um Rat und Hilfe zu bitten!
Wir werden zu Menschen geschickt, die wir nicht kennen und über deren Krankengeschichte wir nichts wissen. Die Nachricht über den Suizid kann extremen Stress auslösen, der die Funktionsfähigkeit des Körpers beeinträchtigt. Dies kann zu Komplikationen bei vorhandenen Erkrankungen führen oder neue Krankheitssymptome auslösen. Plötzlich auftretende heftige Schmerzen in der Brust können die Folge einer Stressreaktion sein, doch dies sollte ein Arzt beurteilen.
Cindy, 57 Jahre, hat ihren Sohn durch Suizid verloren
