Was uns jung hält - Marta Zaraska - E-Book

Was uns jung hält E-Book

Marta Zaraska

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Beschreibung

Was können wir tun, um lange zu leben? Dieser Frage ging die Wissenschaftsjournalistin Marta Zaraska nach, studierte Hunderte von Forschungsarbeiten und interviewte führende Wissenschaftler aus Bereichen wie Molekularbiochemie, Epidemiologie, Cyberpsychologie, Neurowissenschaften und Zoologie. Was sie entdeckte, erschütterte all ihre Überzeugungen zu den Themen Altern und Langlebigkeit. Sie fand heraus, dass Freundschaften, Lebensgenuss, Empathie und Freundlichkeit weit mehr Einfluss darauf haben, wie alt wir werden, als alles andere. Ein starkes Unterstützungsnetzwerk aus Familie und Freunden senkt unser Sterberisiko um etwa 45 Prozent, Bewegung dagegen nur um etwa 23 Prozent. Freiwilliges Engagement in der Freizeit verringert das Risiko um etwa 22 Prozent, der Verzehr von Kurkuma hilft nachweislich überhaupt nicht. Ein kluges und revolutionäres Buch, das die Art und Weise, wie wir ein längeres, glücklicheres Leben anstreben, dramatisch verändern wird.

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Seitenzahl: 500

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Marta Zaraska

WAS UNSJUNG HÄLT

Marta Zaraska

WAS UNSJUNG HÄLT

Wie Freundschaft, Optimismus und Freundlichkeit helfen, 100 Jahre alt zu werden

riva

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

1. Auflage 2022

© 2022 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die kanadische Originalausgabe erschien 2020 bei Appetite by Random House unter dem Titel Growing Young. © 2020 by Marta Zaraska. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Egbert Baqué

Redaktion: Ulrike Strerath- Bolz

Umschlaggestaltung: Kate Sinclair / Karina Braun

Umschlagabbildung: CSA-Printstock / Getty Images

Satz: feschart print- und webdesign, Michaela Röhler, Leopoldshöhe

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

eBook by tool-e-byte

ISBN Print 978-3-7423-1923-4

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1651-3

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1652-0

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Für Ellie und Maciek – ihr habt mein Leben um viele Jahre verlängert

Inhalt

Einleitung

Teil 1Die Geist-Körper-Verbindung und ihre Auswirkungen auf die Langlebigkeit

Kapitel 1Ist der Tod eine Option? Unsterbliche Tiere, Zombie-Tötungspillen und Super-Hundertjährige

Kapitel 2Wie Ihr Geist mit Ihrem Körper spricht Hypotheken-Sorgen, stressresistente Nazis und ein paar Billionen Mikroben

Kapitel 3Ein Hauch von Liebe Wie soziale Hormone unsere Beziehungen und unsere Langlebigkeit beeinflussen

Teil 2Wie Ihre Beziehungen und Ihre Denkweise Ihr Leben verlängern können

Kapitel 4Lass die Gojibeeren weg Warum viele Ernährungs- und Trainingsprogramme weniger wichtig sind, als Sie denken

Kapitel 5Der nagende Parasit der Einsamkeit Warum das Gefühl des Alleinseins das Leben verkürzen kann

Kapitel 6Freunde mit (Langlebigkeits-)Vorteilen Wie Ehen und Freundschaften das Leben verlängern

Kapitel 7Chamäleons leben lange Empathie, Bindung und soziale Körperpflege

Kapitel 8Anderen zu helfen hilft Ihrer Gesundheit Superhelden, UNICEF und spontane Freundlichkeit

Kapitel 9Warum Persönlichkeit und Emotionen für die Langlebigkeit wichtig sind Mach dir keine Sorgen, sei glücklich – und bring deine Sockenschublade in Ordnung

Kapitel 10Wie Meditation und Achtsamkeit die Gesundheit fördern Langsames Atmen, Yoga-Ratten und von Entsetzen gepackte Leukozyten

Kapitel 11Lektionen über Langlebigkeit aus Japan Ikigai, Kirschblüten und Arbeiten bis zum Umfallen

Epilog

Danksagung

Anmerkungen

Über die Autorin

Einleitung

Als ich ein Kind war, hat mir mein Vater nicht nur beigebracht, wie man Fahrrad fährt und den Rasen mäht, ohne dabei das Stromkabel zu durchtrennen, sondern auch, wie wichtig Ernährung und Bewegung für Gesundheit und Langlebigkeit sind. Er vermittelte mir auch, wie wichtig es sei, fünf Mal täglich Gemüse zu essen (insbesondere gedünsteten Brokkoli), die lebenswichtige Rolle gesunder ungesättigter Fette und welche Energie Phytonährstoffen innewohnt, die in dunkler Schokolade und Rotwein enthalten sind. Er bestand darauf, dass ich Tennis spiele, nahm mich zum Skilanglauf mit und inspirierte mich mit seiner Sportroutine – eine Stunde jeden Tag, bei Regen wie bei Sonne. Wie jedes Elternteil will er mich, sein Kind, hundert Jahre alt werden sehen.

Jetzt, da ich auch zu den Eltern gehöre, hege ich den gleichen Wunsch. Ich möchte, dass meine Tochter eines Tages hundert Jahre alt wird. Mehr noch: Ich möchte selbst lange genug leben, um zu sehen, wie sie achtzig Kerzen auf ihrer Geburtstagstorte ausbläst. Und so habe ich mir seit dem Tag ihrer Geburt den Kopf über unsere Ernährungsweise zerbrochen. Ich habe Bio-Erbsen zerstampft, alte Tomatensorten püriert und nahrhafte Suppen eingefroren. Derweil habe ich mich selbst gezwungen, Gojibeeren zu essen und Grünkohlsaft zu trinken. Ich ermutigte meinen Mann, es doch mal mit Fasten zu probieren, und nervte ihn mit der Aufforderung, in ein Fitnessstudio zu gehen. Ich selbst lief einen Halbmarathon und quälte mich durch Tausende von Sit-ups.

In der Zwischenzeit schrieb ich Artikel über Gesundheit und Psychologie für die Washington Post, Scientific American und viele andere Zeitungen und Zeitschriften. Über das Jahr wühlte ich mich durch Hunderte von Forschungsberichten und sprach mit Dutzenden von Wissenschaftlern. Und aufgrund dieser Recherchen begann sich eine neue Geschichte herauszukristallisieren, ob sie mir gefiel oder nicht: dass meine Sit-ups und mein Grünkohlsaft nicht so wichtig für die Gesundheit sind, wie ich bislang dachte. Neugierig geworden, vertiefte ich mich in das Thema. Ich wollte wirklich sicherstellen, dass ich das Beste tue, was ich tun kann, um uns allen zu helfen, hundert Jahre alt zu werden. Was ich herausfand – und das wurde in akademischen Abhandlungen immer und immer wieder wiederholt –, erschütterte meine lange gehegten Überzeugungen. Ernährung und Bewegung waren nicht die wichtigsten Dinge, an denen ich arbeiten sollte, um die Langlebigkeit meiner Familie zu fördern. Anstatt Bio-Gojibeeren einzukaufen, hätte ich mich auf unser soziales Leben und unsere psychische Verfassung konzentrieren sollen. Ich hätte nach einem Sinn im Leben suchen sollen, nicht nach dem besten Fitness-Tracker.

Doch ich bin sicher nicht allein. In unserer Kultur neigen wir dazu, Langlebigkeit mit gesunder Ernährung und Bewegung in Verbindung zu bringen. In einer Umfrage darüber, was sie tun, um gesund zu bleiben, nannten 56 Prozent der Amerikaner »körperliche Aktivität« und 26 Prozent »auf Essen/Trinken achten«. Die einzige Kategorie, bei der es um die Stärkung von Beziehungen oder die Änderung von Denkweisen gehen könnte, war »Sonstiges« – und die erhielt gerade einmal 8 Prozent der Stimmen. Wir sind uns nicht bewusst, dass Freiwilligenarbeit oder die Pflege von Freundschaften dazu beitragen können, unsere Lebenserwartung zu erhöhen. Stattdessen sorgen wir uns um Gluten und machen uns wegen Pestiziden und Quecksilber in Fischen verrückt. Wir melden uns zu Zumba- und Spinning-Kursen an. Wir suchen nach einfachen Verjüngungstherapien.

Der weltweite Anti-Aging-Markt ist bereits mehr als 250 Milliarden Dollar wert, und die Amerikaner geben mehr für Langlebigkeitskuren aus als für jede andere Art von Medikamenten, obwohl die meisten dieser Kuren nicht wissenschaftlich getestet sind. Wir lieben Pillen: Etwa die Hälfte der Amerikaner und Kanadier nehmen mindestens ein Nahrungsergänzungsmittel ein. Allein auf dem US-Markt werden mittlerweile mehr als 55 000 solcher Produkte, von Moringa-Blättern bis hin zu Ashwagandha-Pulver, angeboten. Und dann machen wir Diät. In einer Umfrage gaben 56 Prozent der Frauen an, sie wollten abnehmen, um länger zu leben, doch die Forschung dazu, ob das etwas bringt, ist nicht eindeutig. Eine kürzlich durchgeführte Überprüfung von fast hundert Studien zeigte, dass Menschen mit einem KMI (Körpermasse-Index) von 30 bis 35 (das entspricht einer Fettleibigkeit ersten Grades) einer um fünf Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit unterliegen, dem Sensenmann zum Opfer zu fallen, als diejenigen, die schlank sind.

Natürlich sind gesunde Ernährung und Sport wichtig für das körperliche Wohlbefinden und für Langlebigkeit, aber nicht so wichtig, wie wir in der Regel meinen (und Moringa-Blätter sind dazu sicher nicht erforderlich). Es ist ein bisschen wie mit dem Rauchen und der Ernährung. Eine Schachtel Zigaretten am Tag zu rauchen ist für unsereinen so schlecht, dass es die beste Ernährung in den Schatten stellt, aber das bedeutet nicht, dass sich Nichtraucher auf ihren Lorbeeren ausruhen und mit Junkfood vollstopfen können. Abgesehen davon, Tabak zu meiden, könnte ein Engagement für ein florierendes soziales Leben das Beste sein, was man für seine Langlebigkeit tun kann. Schauen wir uns doch mal die Zahlen an. Studien zeigen, dass der Aufbau eines starken Unterstützernetzwerks aus Familie und Freunden das Sterberisiko um etwa 45 Prozent senkt. Bewegung hingegen kann das Sterberisiko um 23 bis 33 Prozent senken. Der Verzehr von sechs oder mehr Portionen Gemüse oder Obst pro Tag, was zugegebenermaßen ziemlich viel ist, kann das Sterberisiko um etwa 26 Prozent senken, während die Ausrichtung der Ernährung am mediterranen Vorbild – also der Verzehr von viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten, das Ersetzen von Butter durch Olivenöl usw. – es um 21 Prozent senken kann. Natürlich sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genießen, da sie aus Studien stammen, die nach unterschiedlicher Methodik erstellt wurden und daher nicht ohne Weiteres vergleichbar sind. Aber sie zeigen einige wichtige allgemeine Trends auf.

Die mediterrane Ernährung wird seit Langem als der heilige Gral für diejenigen angepriesen, die hundert Jahre alt werden wollen. Man schaue sich nur meine derzeitigen Landsleute, die Franzosen, an: Ihre durchschnittliche Lebenserwartung ist über vier Jahre höher als die der Amerikaner. Zudem war auch der älteste Mensch aller Zeiten eine Französin. Bei den Italienern ist die Wahrscheinlichkeit, hundertjährig zu werden, zwanzig mal so hoch wie bei den Amerikanern – sofern diese Italiener in Sardinien leben (einer sogenannten »blauen Zone« der Langlebigkeit). Und so haben wir die mediterrane Ernährung unter die Lupe genommen und analysiert, wie viel Käse die Franzosen essen, warum das Auslassen des Frühstücks sie nicht umbringt und wie viel Gramm Obst sie pro Tag zu sich nehmen (auch wie viel davon in Form von Cabernet). Dabei sind die Franzosen nicht so besessen von den neuesten Diätmoden wie Nordamerikaner oder Briten. An der Seine scheinen Gluten nicht als ein Übel gesehen zu werden, ebenso wenig wie Kohlenhydrate.

Die Franzosen sind sehr wohl auf ihr Essen bedacht – nur in ganz anderer Hinsicht. Nehmen wir als Beispiel die Familie meines Freundes. Für sie ist es ein Sakrileg, nicht gemeinsam zu Abend zu essen, selbst wenn es sich nur um eine Mahlzeit an einem gewöhnlichen Montagabend handelt. Mein Freund eilt von unserem Yogaunterricht nach Hause und hetzt durch den Supermarkt, ohne auf die Etiketten zu achten (Bio? Wen interessiert das!), nur um pünktlich zum täglichen Essensritual zu sein. Unter den Franzosen essen 61 Prozent der über Dreißig- und Vierzigjährigen jeden Tag mit der Familie am Tisch zu Abend. Im Vergleich dazu tun das nur 24 Prozent der Amerikaner dieses Alters – und die amerikanischen Daten geben nicht einmal an, ob die Befragten gemeinsam am Tisch oder vor dem Fernseher gegessen haben.

Außerdem lieben die Franzosen, genau wie die Italiener, ihren Apéro (oder Aperitivo bei den Italienern). Man trifft sich mit Freunden, man trinkt, man snackt. Manchmal wird so viel gesnackt, dass es eher ein Abendessen ist – das nennt man dann apéro dinatoire. Die Liebe der Franzosen zum Apéro wird nur von ihrer Liebe zu Restaurantbesuchen übertroffen – oft mit der ganzen Familie im Schlepptau, von den Kindern bis zu den Großeltern und dem Hund der Familie. Einmal habe ich sogar eine Familie gesehen, die ihr Pferd zu einem Restaurant mitbrachte. Es war Sommer, also konnten sie – glücklicherweise – im Freien speisen. Vielleicht ist der lebensverlängernde Aspekt der mediterranen Ernährung nicht die Menge an Gemüse und Olivenöl, das in den Speisen enthalten ist, sondern die Art und Weise, wie diese Nahrung genossen wird – zusammen mit anderen. Entscheidend ist vielleicht nicht das, was die Menschen essen, sondern wie sie es zu sich nehmen.

In den letzten Jahren hat die Wissenschaft damit begonnen zu entschlüsseln, wie sehr unser Geist und unser Körper miteinander verwoben sind. Technologische Fortschritte in der Molekularbiologie und im Hinblick auf die bildgebenden Prozesse des Gehirns ermöglichen es den Forschern, die vielen Verbindungen zwischen unseren Gedanken und Emotionen und unserer Physiologie tiefer zu ergründen. Der Vagusnerv, die sozialen Hormone Oxytocin und Serotonin, die Stressachsen wie die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse – all das taucht als Grund dafür auf, warum Freundschaften oder Freundlichkeit für die Langlebigkeit wichtig sind. Oxytocin zum Beispiel wird einerseits mit unseren sozialen Fähigkeiten und andererseits mit der Gesundheit in Verbindung gebracht. Es hat entzündungshemmende Eigenschaften, reduziert Schmerzen und fördert das Knochenwachstum, was möglicherweise Osteoporose vorbeugt. Studien zeigen auch, dass Gaben von Oxytocin-Nasenspray bei streitenden Ehepaaren die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie sich versöhnen. Es macht uns besser darin, Gesichtsausdrücke von Emotionen zu lesen und sorgt dafür, dass wir vertrauensvoller werden. Es kann sogar dazu führen, dass Ehemänner zu hübschen fremden Frauen größeren Abstand halten. Die Darmmikrobiota, ein weiteres Bindeglied zwischen Körper und Geist, spielt eine Rolle bei vielen Krankheiten wie Diabetes, multipler Sklerose und Allergien, beeinflusst aber auch Emotionen und die Persönlichkeit. Der Vagusnerv, der längste der direkt vom Gehirn ausgehenden Nerven, der für Atmung, Schlucken und Verdauung von Bedeutung ist, wurde mit plötzlichen psychogenen Todesfällen in Verbindung gebracht, die, wie berichtet wurde, bei Stämmen Afrikas und auf den Inseln des Pazifiks aufgetreten sind.

Einige der Entdeckungen auf dem Gebiet der Geist-Körper-Verbindungen schaffen es in die Medien und in die Populärkultur, doch wenn es um Langlebigkeit und Altern geht, scheinen wir immer noch einen reduktionistischen, streng biologischen Ansatz zu bevorzugen. Nimm diese Pille. Iss dieses Superfood. Wenn du das tust, werden sich deine Zellen verjüngen. Das klingt alles sehr verbindlich und eindeutig. Es ist leicht, auf das Gramm genau auszurechnen, wie viel Blattgemüse man heute gegessen hat, wie viele Anti-Krebs-Glucosinolate man mit seinem Brokkoli zu sich genommen hat und, dank eines Schrittzählers, wie viele Schritte man diese Woche gemacht hat. Ray Kurzweil, ein Futurist, Erfinder und technischer Direktor bei Google, schluckt angeblich bis zu neunzig Pillen pro Tag, um sich jung zu halten.

Auch ich bin auf den reduktionistischen Ansatz hereingefallen. Als meine sechsjährige Tochter verkündete, Vegetarierin zu werden, durchforstete ich das Internet nach den besten Quellen für Vitamin B12 und Eisen und berechnete auf ein Zehntel Milligramm genau, wie viel sie mit jeder Mahlzeit zu sich nehmen könnte. So fand ich zum Beispiel heraus, dass sie mit zehn Haselnüssen pro Tag mit 0,48 Milligramm Eisen versorgt sein könnte. Ich fing sogar an, mich zu fragen, wie ich Kurkuma in alle möglichen Rezepte einbeziehen könnte – schließlich bietet es erstaunliche 55 Milligramm Eisen pro 100 Gramm. Viele von uns mögen die Sicherheit von Zahlen, das Beruhigende an allem, was quantifizierbar ist. Aus dieser Perspektive mögen die sachteren psychologischen und sozialen Ansätze zur Langlebigkeit ein wenig verwirrend klingen. Es gibt kein Freundschafts-Messgerät, mit dem man überprüfen könnte, wie gut es um die eigenen sozialen Verbindungen bestellt ist. Ist man freundlich genug? Dankbar genug? Ist das Empathieniveau des eigenen Kindes ausreichend, um ihm ein langes und gesundes Leben zu ermöglichen? Schließlich ist Empathie nicht in »Milligramm pro 100 Gramm« zu haben, egal wie sehr ich mir das wünsche.

In unseren modernen, hektischen Zeiten ist es kein Wunder, dass wir leicht quantifizierbare Schnelllösungen für eine Steigerung unserer Langlebigkeit bevorzugen. Vielen von uns bleiben nicht genug Stunden am Tag, um sich auf alle möglichen Dinge zu konzentrieren, die die Gesundheit beeinflussen könnten. Mir sicherlich nicht. Zwischen Vollzeitarbeit und der Betreuung meiner Tochter bleibt wenig Zeit, um über Herz-Kreislauf-Übungen, Bio-Lebensmittel, das Ausprobieren einer ketogenen Diät, die Überlegung, ob man auf Gluten verzichten sollte, und Ähnliches nachzudenken. Deshalb priorisiere ich in diesem Buch Langlebigkeit fördernde Lebensgewohnheiten und konzentriere mich auf die Dinge, die am wichtigsten sind, wenn man lange leben will. Nummer eins? Eine feste Liebesbeziehung, die das Sterberisiko laut einigen Studien um sagenhafte 49 Prozent senken kann. Zweitens: Ein großes soziales Netzwerk aus Freunden, Familie und hilfsbereiten Nachbarn kann die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes um etwa 45 Prozent senken. An dritter Stelle steht, über eine gewissenhafte Persönlichkeit zu verfügen (44 Prozent).

Die Vorteile, die die übrigen Maßnahmen zugunsten einer Langlebigkeit, die ich in diesem Buch beschreibe, mit sich bringen, bewegen sich um eine Verringerung des Sterblichkeitsrisikos von 20 bis 30 Prozent und spielen eine weitaus größere Rolle für Ihre Gesundheit als die Paleo-Diät, der Verzehr von Kurkuma oder Omega-3-Fettsäuren (Freiwilligenarbeit – etwa 22 bis 44 Prozent; Omega-3-Fettsäuren – keine Auswirkungen zu finden). Mehr noch: All diese Dinge sind für Ihr Potenzial, es unter die Hundertjährigen zu schaffen, mindestens genauso wichtig wie eine vegetarische Ernährung oder ein anspruchsvoller Trainingsplan.

Natürlich ist es eine heikle Sache, Sterblichkeitsrisiken auf der Basis verschiedener Studien zu vergleichen. Studien unterscheiden sich in der Methodik, dem Zeitraum, in dem sie durchgeführt wurden, den untersuchten Populationen (Amerikaner, Japaner, Dänen und so weiter). Ich habe mich bei meinen Berechnungen, wann immer möglich, auf die besten Studien gestützt: Metaanalysen und Berichte, die in angesehenen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden. Dennoch sollten die Zahlen hier als grobe Richtwerte betrachtet werden, nicht als Dogma.

Um Ihnen Zeit zu ersparen, schlage ich in diesem Buch Lösungen vor, die klassische Gesundheitsförderer wie entsprechende Ernährung und körperliche Aktivität mit geistigen und sozialen Anstrengungen verbinden. Ich erkläre, warum es besser für Ihre Arterien sein kann, Ihrem älteren Nachbarn den Rasen zu mähen, als ins Fitnessstudio zu gehen, und warum das Joggen mit einem Freund im Gleichschritt einen höheren Nutzen für die Langlebigkeit haben könnte als das Laufen allein (die Synchronität ist hier der Schlüssel). Was das Essen betrifft, so ist es vorteilhafter, wenn Sie Ihren Brokkoli mit Bedacht essen, als ihn ohne viel nachzudenken zu verschlingen. Und für einen gesunden Oxytocin-Schub sollten Sie Ihr Gemüse genießen, während Sie Ihrem geliebten Menschen tief in die Augen schauen (Forschungen legen nahe, dass auch ein geliebter Hund helfen könnte).

Rational betrachtet, bedeutet, hundertjährig werden zu wollen oder einen Hundertjährigen großzuziehen oft weniger Arbeit, und nicht mehr. Es bedeutet, sich zurückzunehmen, sich weniger Sorgen zu machen und weniger zu kaufen – weniger Spielzeug, weniger Fitness-Utensilien, weniger Bio-Lebensmittel. Es bedeutet, die Kinder unbeaufsichtigt spielen und auch mal schmutzig werden zu lassen. Es bedeutet, sich selbst zu schonen, mehr Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen und öfter zu lachen – und je früher Sie damit anfangen, desto besser.

Wie ich in diesem Buch ausführen werde, sollten wir neben der Priorisierung von Gewohnheiten zugunsten unserer Langlebigkeit damit beginnen, schon lange vor dem Ruhestand an unserer geistigen Gesundheit zu arbeiten. In einer besonders bemerkenswerten Studie untersuchten Forscher die Alterungs-Biomarker von fast tausend Neuseeländern und fanden heraus, dass einige im Alter von achtunddreißig Jahren einen Körper hatten, der so jung wie dreißig war, während andere ein Körperalter von fünfzig Jahren hatten – ihre DNA hatte schneller abgebaut. Mit dreißig oder vierzig mögen die meisten von uns über Falten grübeln und sich über einen langsameren Stoffwechsel beklagen, aber das Nachdenken über Sterblichkeitsraten und eine gesunde Lebenserwartung setzt erst in den Sechzigern richtig ein. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage ergab, dass die größte Sorge der Menschen in ihren Dreißigern, Vierzigern und Fünfzigern die finanzielle Sicherheit ist. Doch schlechte frühe Entscheidungen im Hinblick auf den Lebensstil können Gene aus- und einschalten und die Telomere beschädigen – die Kappen an den Enden der Chromosomen, die unsere Gene vor dem Zerfall schützen. Dies wiederum kann im späteren Erwachsenenalter zu mehr lebensverkürzenden Krankheiten führen.

Besorgniserregend ist jedoch, dass in Bezug auf eine mentale Langlebigkeit die jungen und mittelalten Menschen von heute möglicherweise schlechter dran sind als die Babyboomer. Während die Forschung weiterhin die Macht von Denkmustern und Beziehungen über unsere Gesundheit unterstreicht, zeichnen Umfragen und Erhebungen ein düsteres Bild: Smartphones und soziale Medien zerstören unsere Freundschaften, Einsamkeit ist weit verbreitet und das Empathieniveau sinkt. Der ehemalige Präsident Barack Obama stellte fest, dass »wir in einer Kultur leben, die Empathie entmutigt«. Einige politische Entscheidungsträger nehmen diese beunruhigenden Trends allmählich zur Kenntnis. Im Jahr 2018 ernannte die damalige britische Premierministerin Theresa May einen »Minister für Einsamkeit«, der sich mit dem auseinandersetzen sollte, was sie als »traurige Realität des modernen Lebens« bezeichnete, und der kanadische Bundesstaat Manitoba hat nun einen Minister, der dafür zuständig ist, Senioren dabei zu helfen, sich sozial zu engagieren. In den USA ging Vivek H. Murthy, Sanitätsinspekteur der Obama-Regierung, so weit zu konstatieren, dass Einsamkeit ein epidemisches Gesundheitsproblem darstelle. Er räumte jedoch ein, dass »viele Ärzte sich nicht im Klaren darüber sind, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Einsamkeit und genau den Gesundheitsproblemen gibt, die wir, oft mit Medikamenten und Behandlungen, zu bekämpfen versuchen«. Ich hoffe, dass dieses Buch dazu beiträgt, das Bewusstsein für diese Probleme zu schärfen, und damit zu einer besseren Patientenversorgung und entsprechenden gesundheitspolitischen Entscheidungen führt.

Ich habe Was uns jung hält in der Überzeugung geschrieben, dass wir in der Flut der reduktionistischen Wellness-Nachrichten irgendwie das große Ganze aus den Augen verloren haben und die Dinge ignorieren, die für unsere Langlebigkeit am wichtigsten sind: Beziehungen, Emotionen und die Psyche. Ich bin keine Wissenschaftlerin, habe also keine der Forschungen selbst durchgeführt (abgesehen von einigen »Experimenten« an mir selbst, die ich für dieses Buch durchgeführt habe). Aber als Wissenschaftsjournalistin hatte ich die Freiheit, verschiedene Forschungsbereiche zu untersuchen, von molekularer Biochemie über Epidemiologie, Neurowissenschaften, Zoologie, Anthropologie, Psychologie und Cyberpsychologie bis hin zu Asienwissenschaften, Marketing und so weiter. Ich habe mehr als sechshundert von Experten begutachtete akademische Arbeiten gelesen und mit mehr als fünfzig Wissenschaftlern gesprochen oder korrespondiert, die sich mit den zahlreichen Verbindungen zwischen unserem Geist und unserer Gesundheit beschäftigen. Zugegebenermaßen hatte ich auch jede Menge Spaß bei meiner Forschung, die mich an unerwartete Orte geführt hat – ich habe wilde Mäuse in den Wäldern Mittelenglands gefangen (um zu überprüfen, wie sich Beziehungen auf die Darmmikrobiota auswirken), mit Professor Robin Dunbar in seinem Hogwarts-ähnlichen Büro in Oxford über Zulu-Tänze geplaudert, in einem Trainingslager für Langlebigkeit in Portugal an Super-Smoothies genippt und mit Achtzigjährigen in Japan Blumen arrangiert.

Nach all diesen Forschungen, von denen einige etwas unangenehm waren (Cortisolabstriche), die meisten aber augenöffnend, beschloss ich, diesem Buch den Titel Was uns jung hält zu geben, um das Phänomen widerzuspiegeln, dass dieselben Bemühungen, die unseren Körper verjüngen und uns zu einem langen Leben verhelfen, uns auch helfen, als Menschen zu wachsen: Beziehungen pflegen, bessere mentale Gewohnheiten entwickeln, freundlicher und empathischer werden, sich mehr in der Gemeinschaft engagieren. Es scheint, dass unser Potenzial, hundert Jahre alt zu werden, zu wachsen scheint, je menschlicher wir werden.

Ich habe dieses Buch in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil erforsche ich, wie wir altern und wie die Verbindung von Geist und Körper unsere Gesundheit beeinflusst. Im zweiten Teil untersuche ich verschiedene psychologische und soziale Maßnahmen, die sich auf unsere Langlebigkeit auswirken – von Ehe und Freundschaften bis hin zu ehrenamtlichem Engagement und Veränderungen der Persönlichkeit (ja, das kann man schaffen). In jedem Kapitel erkläre ich die biologischen Mechanismen und gebe praktische Tipps, wie wir unsere Denkweisen nutzen können, um unsere Gesundheit zu verbessern.

Was dieses Buch allerdings nicht ist – es ist keine Anleitung, wie man Krankheiten mit Gedanken heilen kann. Das Internet ist voll von Behauptungen, dass man mit positiven Selbstbestätigungen Tumore zum Schrumpfen bringen oder Borreliose heilen kann. Eine wissenschaftliche Grundlage haben diese Behauptungen kaum. Man kann sich nicht von Krebs befreien, indem man einfach fröhliche Sprüche vor einem Spiegel wiederholt. Auch wenn unsere Denkweisen für die Gesundheit wichtig sind und das Fortschreiten einiger Krankheiten, wie zum Beispiel Alzheimer, verlangsamen können, sind hier keine geheimen Wundermittel zu erwarten. Meistens geht es um Vorbeugung, so wie es auch bei gesunder Ernährung und Bewegung der Fall ist.

Mein Ziel beim Schreiben dieses Buches war, Ihnen dabei zu helfen, grundlegend zu überdenken, wie Sie sich um Ihre Gesundheit kümmern – ob Sie vielleicht zu viel Aufwand in Strategien stecken, die nicht gut funktionieren (Nahrungsergänzungsmittel, Fitness-Tracker usw.), und nicht genug in die, die wirklich wichtig sind (Ihr Liebesleben, Ihre Freundschaften, den Sinn Ihres Lebens). Aber ich hoffe auch, Sie zu unterhalten, wenn wir die Ursachen der Lachepidemie von 1962 in Tanganjika entdecken, die Geheimnisse alkoholliebender Nagetiere, die ein Leben lang mit einem Partner zusammenleben, und warum der Verzehr von nicht durchgegartem Fleisch Ihre Persönlichkeit verändern kann – mit gesundheitlichen Folgen. Wir besuchen wissenschaftliche Labors von Nordamerika über Japan bis Sibirien und treffen uns in meinem Geburtsland Polen mit »Umarmern«, die sich stundenweise bezahlen lassen.

Jedes Mal, wenn ich dieser Tage nach Polen fahre, um meinen Vater zu besuchen, fragt er mich, ob ich gut auf mich aufpasse. Er fragt, ob ich gut esse, ob ich Sport treibe und ob ich immer daran denke, meine Mütze zu tragen, wenn es draußen kalt ist. Ich antworte: »ja«, »ja« und »ähmm …« (über die Bedeutung von Wollmützen für das körperliche Wohlbefinden sind wir uns nicht einig). Mein Vater hingegen isst weiterhin Brokkoli und schwimmt, trotz seines fortgeschrittenen Alters, fast jeden Tag. Aber abgesehen davon, dass er mir den Wert von Phytonährstoffen und Ausdauertraining für ein gesundes Leben beibrachte, hat mein Vater mir noch eine weitere wertvolle Lektion erteilt. Er hat mich gelehrt, wie wichtig es ist, sich ständig selbst zu verbessern und durchzuhalten. Nun, nach jahrelanger Forschung zu den psychologischen und sozialen Ursachen von Langlebigkeit, gehe ich mit seinem Rat noch einen Schritt weiter: Selbstverbesserung, die Entschlossenheit, als Person wachsen zu wollen, kann uns auch helfen, jünger zu werden. Das ist der Kern dieses Buches.

Teil 1Die Geist-Körper-Verbindung und ihre Auswirkungen auf die Langlebigkeit

Kapitel 1Ist der Tod eine Option?

Unsterbliche Tiere, Zombie-Tötungspillen und Super-Hundertjährige

Die Zelle schien aufgebläht – ihre massive, transparente Form füllte den halben Bildausschnitt des Mikroskops aus. Mein Laborkittel knitterte, als ich mich näher heranlehnte, um einen besseren Blick zu erhaschen: Das Innere der Zelle war mit angesammeltem »Müll« vollgestopft – aufgerissenen DNA-Fragmenten, unerwünschten Proteinen und bis zu fünf Zellkernen. »Die sieht unheimlich alt aus, nicht wahr?« Lynne Cox, Professorin für Biochemie an der Universität von Oxford, deutete mit einem Nicken auf die riesige Zelle, die, wie sie mir erzählte, aus der (freiwillig gespendeten) Vorhaut eines Mannes stammte. Als sie sich umdrehte, griff Cox in einen großen Inkubator, um eine weitere Ablage mit Zellen zu holen, und schob sie dann unter das Mikroskop. Das Bild, das nun aufschien, war ganz anders als das vorherige. Diesmal waren im Bildausschnitt viele, viele Zellen zu sehen, alle dünn, wie eingefallene Luftballons. »Die sind von demselben Mann, nur jüngere Zellen«, erklärte sie und fügte hinzu: »Sind die nicht schön?«

Cox war an diesem Tag meine Führerin in das Fachgebiet Altern. Hier, in diesem modernen, gar nicht Oxford-typischen Gebäude der biochemischen Fakultät, bekam ich meinen ersten Einblick in die beängstigende Welt der Zellalterungsprozesse und des molekularen Verfalls. Nach der ersten halben Stunde war ich bereit, jede verfügbare Wunderpille für Langlebigkeit zu nehmen (später wurde es zum Glück optimistischer).

Es mag offensichtlich erscheinen, dass Menschen altern, dass wir mit der Zeit alt, faltig und leberfleckig werden. Doch noch im 18. Jahrhundert glaubten die Menschen, dass es möglich sei, unendlich lange zu leben, zumindest weit über tausend Jahre. Methusalem schaffte angeblich 969 Jahre; Zahak, eine Figur der persischen Mythologie, kam auf tausend Jahre, und Teiresias, ein griechischer Prophet, auf über sechshundert. Selbst heute, wo die moderne Wissenschaft winzige Details über die Biochemie des Alterns enthüllt, sind wir nicht immun gegen unerhörte Behauptungen über Langlebigkeit. Erst kürzlich griffen die Medien die Geschichte eines Ecuadorianers namens José David auf, der darauf bestand, hundertzweiundvierzig Jahre alt zu sein, während Mbah Gotho, ein Indonesier, im Jahr 2017 im Alter von angeblich hundertsechsundvierzig Jahren starb. Es wäre großartig, wenn solche Leistungen des menschlichen Körpers wirklich möglich wären.

Doch leider, wie es ein Forscher treffend formulierte: »Nach unserer Erfahrung treten Behauptungen über ein Alter von hundertdreißig nur in Fällen auf, für die es keine Aufzeichnungen gibt.« Manchmal sind Geburtsurkunden verloren gegangen oder vernichtet worden. Manchmal beruht das Ganze auch nur auf einem schlechten Gedächtnis. Und manchmal handelt es sich um offenen Betrug. In Japan deckte man auf, dass Menschen Renten für Familienmitglieder kassierten, die schon Jahrzehnte zuvor gestorben waren.

In der Realität versterben im Grunde alle deutlich über Hundertjährigen, also Menschen, die über hundertzehn Jahre alt werden, um ihren hundertfünfzehnten Geburtstag herum. Der Rekord für die USA liegt derzeit bei hundertneunzehn Jahren, für Kanada bei hundertsiebzehn, für Spanien bei hundertvierzehn, für Deutschland bei hundertzwölf und so weiter. Das wirft die Frage auf: Gibt es eine Art natürlicher Grenze für die menschliche Lebenserwartung?

Spricht man zwei Langlebigkeits-Forscher an und fragt sie nach einer solchen Grenze, kommt es wahrscheinlich zu einem Streit. Als 2016 mehrere Wissenschaftler ein Thesenpapier veröffentlichten, in dem sie behaupteten, dass die maximale menschliche Lebenserwartung um hundertfünfzehn schwanke, folgte ein erstaunliches Hin und Her von Zustimmung und Ablehnung. Viele meinten, die Analyse sei korrekt. Andere behaupteten, sie sei fehlerhaft, voller (meist mathematisch bedingter) falscher Annahmen. In dieser Studie, wie auch in mehreren anderen, in denen Wissenschaftler versuchten, die menschliche Altersgrenze zu berechnen, tauchte immer wieder ein Problem auf, das nach Meinung einiger Forscher die Ergebnisse verzerrte. Der Name dieses Problems war Jeanne Calment.

Warum sich das Universum nicht um alte Menschen kümmert

Als Jean-Marie Robine zum ersten Mal dieses, wie er es heute nennt, »schreckliche Pflegeheim« betrat, einen mächtigen Betonbau aus den Siebzigerjahren in der südfranzösischen Stadt Arles, erwartete er, dort eine geistesschwache alte Dame zu treffen, blind und taub, mit der er nicht ins Gespräch kommen könnte. Immerhin war sie zu diesem Zeitpunkt bereits hundertsiebzehn Jahre alt. Doch in dem Moment, in dem er die Tür öffnete, wurde ihm klar, dass er eine Überraschung erleben würde. Jeanne Calment begrüßte ihn mit einem energischen und selbstbewussten »Bonjour, Monsieur«. Sie mochte alt sein, doch schwächlich war sie nicht.

Robine, Gerontologe am INSERM, dem französischen Nationalen Institut für Gesundheit und medizinische Forschung, »fand« Calment, als er und seine Kollegen Anfang der Neunzigerjahre Profile von französischen Hundertjährigen sammelten. Zunächst legten sie ihre Erfassung beiseite, weil sie befürchteten, dass ein solcher Ausnahmefall die Daten nur verfälschen würde. »Wir meinten: ›Was können wir mit einer hundertfünfzehn Jahre alten Person anfangen?‹ Wir waren an Hundertjährigen interessiert, nicht an Menschen, die fünfzehn Jahre mehr auf dem Buckel haben!«, erzählt mir Robine.

In der Zwischenzeit wurde Calment auch von einem kanadischen Filmteam »entdeckt«, das an einem Film über Vincent van Gogh arbeitete. Jemand in Arles, Van Goghs damaligem Wohnort, erzählte den Kanadiern, dass in der Stadt noch eine Frau lebte, die dem Maler begegnet war. Die Kanadier fanden sie, und sie bestätigte, dass sie Van Gogh tatsächlich gekannt hatte – wovon Robine nicht überzeugt ist (einige Daten passen einfach nicht zusammen, sagt er). Und kaum lief Vincent und ich in den Kinos an, wurde Calment ein Star. Mit ihren hundertfünfzehn Jahren war Calment nicht nur offiziell die älteste Schauspielerin der Geschichte, sondern auch einer der ältesten Menschen, die jemals auf Erden lebten. Die Presse stürzte sich förmlich auf sie.

Jeanne Calment wurde hundertsechzehn Jahre alt. Dann hundertsiebzehn. Und Robine beschloss, dass es an der Zeit sei, einen Blick in ihre Akte zu werfen. Ihr ungewöhnlich hohes Alter faszinierte ihn, also arrangierte er ein Treffen im Pflegeheim. Seit diesem Tag hat er sie etwa vierzig Mal getroffen und ausführlich zu ihrem Fall recherchiert.

Am Ende stellte die alte Dame einen Rekord für menschliche Langlebigkeit auf – sie schaffte es auf hundertzweiundzwanzig Jahre und hundertvierundsechzig Tage – was, falls Sie sich das fragen, zweifelsfrei verifiziert und festgestellt wurde. Doch immer, wenn Robine sie fragte, ob sie eine Idee hätte, wie es dazu kommen konnte, dass sie so lange lebte, zuckte sie nur mit den Schultern und sagte, Gott habe sie wohl vergessen.

Das ist ungewöhnlich, denn nach Robines Erfahrung geben Hundertjährige normalerweise gerne viele Erklärungen für ihre Ausdauer ab. »Wir hatten etwa neunhundert Hundertjährige in unserer Umfrage, und sie gaben uns im Durchschnitt mehr als ein Geheimnis ihrer Langlebigkeit preis. Die waren alle sehr unterschiedlich. Ein Hundertjähriger sagte: ›Ich habe mit vierzehn Jahren angefangen zu arbeiten und habe nie aufgehört. Das ist mein Geheimnis.‹ Ein anderer sagte: ›Ich habe noch nie in meinem Leben gearbeitet – das ist mein Geheimnis.‹ Im Grunde gab es also kein Geheimnis«, sagt Robine.

Calment verblüffte Journalisten, die ihr gefielen, gerne mit Erzählungen über ihr Zigarettenrauchen und ihren Portwein-Konsum. Doch das waren Lügen, wie Robine mir erzählt. Sie rauchte nur etwa zwei Jahre lang (und fing damit erst weit nach ihrem hundertzehnten Geburtstag an) und dann auch nur eine Gauloise pro Abend – es war eine gesellige Angelegenheit, die sie mit einem befreundeten Raucher teilte. Robine gegenüber gab sie zu, dass sie den Medien alles erzählen würde, was diese gerne hören wollten, und eine Zigaretten paffende, sauflustige Hundertjährige gibt eben eine gute Geschichte ab. Selbst die New York Times fiel darauf herein und berichtete in ihrem Nachruf, »dass sie erst vor fünf Jahren mit dem Rauchen aufgehört hat«.

Robine glaubt, dass die Lügen und die Liebe zu Interviews etwas Wichtiges über Calments Persönlichkeit enthüllten und möglicherweise auch etwas zum Geheimnis ihrer Langlebigkeit. Sie war stark, rebellisch, neugierig auf die Welt und leidenschaftlich unabhängig. Als Kind und als junge Frau war sie angeblich so unkontrollierbar, dass ihr Vater ihr nicht erlaubte, irgendwo unbeaufsichtigt hinzugehen. Als verheiratete Frau liebte es Calment, neue Dinge auszuprobieren: Hubschrauberflüge, Skifahren, was auch immer – und man bedenke, dass wir hier über das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert sprechen. Eines der ersten Dinge, die sie nach ihrer Heirat tat, sogar noch vor der Hochzeitsnacht, war, ihren Mann um eine Zigarette zu bitten, damit sie endlich Erfahrungen mit dem Rauchen machen konnte (ihr Vater hatte es nicht erlaubt). Sie nahm einen Zug und drückte die Zigarette dann gleich wieder aus. Sie hatte es probiert; das war alles, was sie wollte. Sie liebte es, alles auszukosten, was das Leben zu bieten hatte.

Mit ihrem Mann Ferdinand war sie glücklich. Sie waren fast ein halbes Jahrhundert lang verheiratet, und später sollte sie behaupten, dass sie nur gute Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit habe. Sie sagte, er sei der »perfekte Mann« gewesen, erzählt Robine, und sie hat nie versucht, nach seinem Tod noch einmal zu heiraten. Ferdinand war sieben Jahre älter als Jeanne und starb 1942 im Alter von dreiundsiebzig Jahren.

Als Calment im Alter von hundertzehn Jahren zustimmte, in ein Pflegeheim umzuziehen (nachdem sie fast ihr Haus in Brand gesteckt hatte, weil sie versuchte, Rohre mit einer selbst gebastelten Fackel aufzutauen – lange Geschichte …), stellte sie drei Forderungen: dass das Personal ihr abends einen hotelähnlichen Turndowndienst leisten sollte; dass sie jeden Tag eine Viertelstunde vor allen anderen geweckt werde, damit sie Zeit hätte, sich zu schminken; und dass der Chefarzt ihr erlauben sollte, ihn »mein Lieber« zu nennen. Ja, sie war herrisch. Doch vor allem war sie eine Optimistin, was, wie Robine vermutet, zumindest zum Teil ein Grund für ihre Langlebigkeit war. Calment, erzählt er mir, teilte die Ereignisse des Lebens in zwei Gruppen ein. Erstens: Dinge, die man ändern kann. Auf diese sollte man sofort reagieren. Zweitens: Dinge, die man nicht ändern kann. Die sollte man vergessen.

Es mag unglaublich erscheinen, dass Jeanne Calment sich bis zum Schluss einer relativ guten Gesundheit erfreute. Eigentlich war das aber zu erwarten. Hier eine etwas überraschende biologische Erkenntnis: Studien zeigen, dass je länger man lebt, desto höher die Wahrscheinlichkeit ist, in nahezu perfekter Form zu bleiben, bis man tot umfällt, während man gerade im Garten arbeitet oder rollerskatend über den Globus fährt. Wir neigen dazu, über Medienberichte zu Hundertjährigen zu staunen, die Fallschirm springen oder an Marathons teilnehmen. Dieses Staunen ist falsch. In gewisser Weise ist es weniger bemerkenswert, dass ein Hundertjähriger eine Langstrecke laufen kann, als bei einem Achtzigjährigen. Während ein normaler Mensch rund 18 Prozent seiner Zeit auf Erden damit verbringt, sich mit Krankheiten herumzuschlagen – zugegeben, keine erfreuliche Aussicht –, sind es bei einem durchschnittlichen Supercentenarian nur 5 Prozent. In der Regel bleiben sie bis zum Alter von hundertneun Jahren bei guter Gesundheit, und einer von zehn schafft es, bis zu den letzten drei Monaten seines Lebens von schweren Krankheiten verschont zu bleiben.

Als ich diese Zahlen las, war mein erster Gedanke, dass solche Menschen bemerkenswerte Gene haben müssen (etwas, was ich wohl nicht habe). Die Forschung zeigt, dass da etwas dran sein könnte. Calments Persönlichkeit allein hätte vermutlich nicht ausgereicht, sie über die Schwelle von hundertfünfzehn Jahren zu bringen. Wahrscheinlich hatte sie auch die Gene dafür. Robine und seinen Kollegen gelang es, die Lebensdaten von fünfundfünfzig direkten Vorfahren von Calment zu finden, die über fünf Generationen bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Außerdem erstellten sie eine »Kontrollfamilie«, indem sie Personen desselben Geschlechts einbezogen, die in derselben Gemeinde wie Calments Vorfahren heirateten und im Heiratsregister kurz vor oder kurz nach ihnen auftauchten. Auf diese Weise entdeckten sie in Calments Familie eine noch nie dagewesene Anzahl von langlebigen Personen: immerhin dreizehn der fünfundfünfzig Personen wurden über achtzig Jahre alt – im 17. und 18. Jahrhundert eine bemerkenswerte Leistung. In der »Kontrollfamilie« lebte nur eine Person so lange. Das sind 24 Prozent gegenüber 2 Prozent.

Robine glaubt deshalb, dass Calment tatsächlich über eine ungewöhnliche Anhäufung von guten Genen verfügte. Gleichwohl war sie ein Sonderfall. Wie lange wir leben, hängt bei den meisten von uns nur zu etwa 20 bis 25 Prozent von unserem Erbgut ab. Hinzu kommt: Obwohl Wissenschaftler schon seit geraumer Zeit nach spezifischen Langlebigkeits-Genen suchen, sind die Ergebnisse nicht gerade beeindruckend. Es scheint viele verschiedene Gene zu geben, die mit der Lebenserwartung in Verbindung stehen – allein bei Mäusen wurden über hundert davon entdeckt. Welche Gene im Einzelnen dazu beigetragen haben, dass Calment so lange gelebt hat, lässt sich noch nicht sagen. In Zukunft werden wir hoffentlich mehr wissen, denn eine Ampulle von Calments Blut mit all den wertvollen Informationen, die es enthält, wird noch immer in einem Labor in Paris aufbewahrt.

Obwohl Calments Fall unser Wissen darüber, wie lange Menschen leben können, sicherlich erweitert hat, hat er wenig zur Beantwortung einer anderen Frage beigetragen, die Forscher immer wieder beschäftigt: ob das Altern selbst unvermeidlich ist. Bis vor Kurzem schien es, als ob es so wäre. Und dann kam die Hydra.

Eine typische Süßwasser-Hydra ist in der Regel weniger als einen Zentimeter lang. Um sie gut sehen zu können, muss man sie also unter ein Mikroskop legen. Sie hat einen Kopf mit langen Tentakeln und einen röhrenförmigen Körper, der mich an Tingeltangel Bob aus Die Simpsons erinnert. Und genau wie Tingeltangel Bob sind Hydras unsterblich – zumindest, solange sie in der relativen Sicherheit eines Labors gehalten werden, denn in freier Wildbahn fallen sie eher innerhalb weniger Wochen verschiedenen Zwischenfällen zum Opfer. Werden sie in Petrischalen gehalten, fernab von Raubtieren und anderen Gefahren der Umwelt, haben diese Tiere eine so erstaunlich niedrige Sterblichkeitsrate, dass viele von ihnen auch nach dreitausend Jahren noch leben würden (selbst in Labors kommt es zu versehentlichen Todesfällen, zum Beispiel wenn ein Forscher vergisst, eine Hydra-Schale richtig zu verschließen, und die Hydras austrocknen – eine wahre Geschichte).

Aufgrund der Tatsache, dass Hydras ewig leben können, wissen wir nun, dass das Altern vermieden werden kann. Warum existiert es dann überhaupt? Ist es Teil eines programmierten Plans der Natur? Oder ist es nur ein unangenehmer Nebeneffekt des Lebens? Auch das sind Fragen, die viele Wissenschaftler umtreiben. Die einen vertreten die Theorie, dass das Altern programmiert ist, die anderen – zugegebenermaßen die Mehrheit – sind der Meinung, dass wir alt werden, weil es dem Universum egal ist, was mit uns passiert, wenn wir unsere Gene erst einmal weitergegeben haben.

Die Sache ist die: Einige der Gene, die sehr vorteilhaft sind, wenn es Ihr Ziel ist, Unmengen von Babys zu zeugen, haben letztendlich schädliche Nebenwirkungen, sobald man aufgehört hat, sich zu reproduzieren. Nehmen wir als Beispiel die Gene, die das Wachstumshormon kodieren, das einerseits die Fruchtbarkeit steigert, andererseits aber den Alterungsprozess beschleunigt und Krebs fördert. Die natürliche Auslese wirkt nicht mehr, sobald die Zeit der Gen-Weitergabe – also des Kinderzeugens – vorbei ist, und so gibt es keinen Selektionsdruck, Gene auszulöschen, die später im Leben schädliche Auswirkungen haben. Für den Fall, dass Sie sich für Bezeichnungen interessieren – diese Theorie hat einen komplizierten Namen: »antagonistische Pleiotropie«, was so viel bedeutet wie »gegensätzliche Effekte« (gut in der Jugend, schädlich im Alter). Die antagonistische Pleiotropie ist wahrscheinlich ein Grund, warum Mäuse ein kürzeres Leben haben als Elefanten. Ist man ein winziges Tierchen, muss man sich schnell vermehren, bevor man von einer Katze oder Schlange geschnappt wird. Man vermehrt sich, man verfällt, man stirbt. Mächtige Elefanten, bei denen das Risiko eines Unglückstodes gering ist, können sich dagegen Zeit lassen, um auf Nachwuchs zu warten – und können so ein Alter von sechzig Jahren oder mehr erreichen.

Wenn wir älter werden, zerfällt unser Körper langsam durch schlichten Verschleiß, bei dem es sich aus evolutionärer Sicht nicht lohnt, ihn auszubessern. Wir häufen Mutationen und Schäden an unserer DNA, den Mitochondrien und Proteinen an. Und wenn man sehen will, wie sich diese Schäden in der Praxis vollziehen, gibt es kaum ein besseres Lebewesen zum Beobachten als den winzigen Wurm Caenorhabditis elegans, oder in Kurzform C. elegans.

Alte Mitochondrien, Telomere und Langlebigkeits-Gene

»Ist es tot?«, fragte ich, während ich durch das Mikroskop auf eine winzige Kreatur starrte, die einem Regenwurm ähnelte. Das Tier hatte sich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr bewegt.

»Nee, nur alt«, antwortete Lynne Cox und warf dabei selbst einen Blick durch das Okular. »Es muss aber schon auf dem letzten Loch pfeifen. Können Sie sehen, dass das Innere ganz verschrumpelt ist? Es ist allerdings nicht ganz so schrumpelig, wie sie werden können«, sagte Cox. Dann kicherte sie. »Er ist gut gealtert – vielleicht ist dieser ja ein optimistischer Wurm?« Ich schaute zu, wie sie die Schale unter dem Mikroskop gegen eine andere austauschte, wobei das Glas gegen den Kunststoff schabte. In einem weißwandigen Labor, das mit schwarz-weißer Ausrüstung vollgestopft war, stachen die lila Handschuhe an Cox’ Händen als Farbtupfer hervor. Die Luft roch nach Latex und Desinfektionsmittel. Als sie die Schalen ausgetauscht hatte, forderte mich die Biochemikerin auf, den Inhalt der neuen Schale zu untersuchen. Ich schaute nach unten. Jetzt war auf dem kleinen Glas viel Bewegung. Dutzende von C. elegans wanden sich schlangenartig umher. Diese Tierchen waren kaum fünf Tage alt – das entspricht einem Menschen in den Zwanzigern. »Können Sie sehen, wie munter sie sich bewegen?«, fragte mich Cox. Sie seufzte. »Die sind cool, nicht wahr? Man könnte sich in diese Würmer verlieben, wenn man mit ihnen arbeitet.«

Langlebigkeits-Forscher haben in der Tat viele Gründe, sich in C. elegans zu verlieben. Die Würmer sind super einfach zu züchten, sie teilen einen großen Teil ihres Genoms mit dem Menschen, die meisten von ihnen sind Zwitter – jeder kann sich also alleine fortpflanzen und massenweise genetisch identische Kopien erzeugen – und obendrein sind sie durchsichtig. Mit einem Blick durch ein Mikroskop kann man alle Veränderungen im Körper der Würmer beobachten, ohne sie aufschneiden zu müssen. »Wenn sie altern, kann man sehen, wie die gesamte Struktur des Gewebes zusammenbricht«, erklärte mir Cox. Und wenn man ihre Genexpression verändern will, muss man sie nur mit speziell präparierten Bakterien füttern. Kein Wunder also, dass Cox und ihre Kollegen C. elegans ausgewählt haben, um die Veränderungen zu untersuchen, die das Altern auf molekularer Ebene mit sich bringt, einschließlich der Schäden an der DNA.

Genau wie bei den C. elegans enthalten fast alle Ihre Zellen DNA – lange, doppelsträngige Moleküle, das meiste davon im Zellkern und ein winziges Stück in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen. Doch Ihre DNA bleibt nicht Ihr ganzes Leben lang unverändert. Ähnlich wie Ihre Lieblingsschuhe oder das Buch, das Sie viele Male gelesen haben, nutzt sich die DNA durch den Gebrauch ab. Manchmal sind es äußere Faktoren wie Strahlung oder Chemikalien, die Mutationen verursachen können. Oder es kann an einfachen Fehlern während der Zellreplikation liegen. Und manchmal wird der Schaden durch freie Radikale verursacht, Nebenprodukte der Energieproduktion innerhalb der Zelle. Als Folge davon können die DNA-Stränge kleine Läsionen bekommen oder sogar komplett brechen. In den meisten Fällen rücken die Reinigungs- und Reparaturdienste der Zellen an und beheben das Problem. Aber wie bei jedem mechanischen Problem verlaufen auch diese Vorgänge nicht perfekt; einige Schäden werden übersehen oder es werden zusätzliche Fehler gemacht. Jahr für Jahr häufen sich die Mängel an Ihrer DNA an. Dies wiederum kann zu gesundheitlichen Problemen wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Alzheimer führen.

Die DNA in den Mitochondrien Ihrer Zellen, dem Kraftwerk, das freie Radikale produziert, kann sogar noch mehr geschädigt werden als die im Zellkern (stellen Sie sich vor, sie halten Ihr Lieblingsbuch nahe an ein offenes Feuer). Auch andere Dinge in den Mitochondrien leiden: die Membranen, die Proteine, die Lipide. Mit der Zeit lassen die Mitochondrien in ihrer Funktion nach – sie produzieren einfach nicht mehr genug Energie, um die Zelle zu versorgen. Das ist einer der Hauptgründe, warum sich der alte, faltige C. elegans, den ich unter Cox’ Mikroskop beobachtete, kaum noch bewegte. Das mag auch der Grund dafür sein, dass ich mich gegen 17 Uhr meist müde auf die Couch fallen lasse, während meine sechsjährige Tochter wie ein munteres Kaninchen durch die Gegend hüpft, als wolle sie die Kraft ihrer jungen, unbeschädigten Mitochondrien demonstrieren.

Einige Philosophen der Antike glaubten, dass wir sterben, weil jeder Mensch mit einer begrenzten Anzahl von Atemzügen oder Herzschlägen geboren wird, die wir im Leben haben können. Hat man sie aufgebraucht, stirbt man. Die moderne Wissenschaft zeigt, dass an dieser Denkweise etwas dran sein könnte, auch wenn es (natürlich) nicht die Atemzüge oder Herzschläge sind, die endlich sind. Was uns ausgeht, sind Telomer-Paare – Teile der DNA, die als Schutzkappen an den Enden der Chromosomen fungieren und oft mit Pinken verglichen werden – diesen Plastikdingern an Schnürsenkeln, die das Ausfransen verhindern.

Wenn Sie geboren werden, haben Sie etwa zehntausend Basenpaare der DNA, die die Telomere an jedem ihrer Chromosomen bilden. Doch jedes Mal, wenn sich eine Zelle in Ihrem Körper teilt, verlieren Sie zwischen fünfzig und zweihundert dieser Paare. Darüber hinaus können Telomere, genau wie jeder andere Teil der DNA, durch freie Radikale geschädigt werden. Und wenn sie zu kurz werden, kann die Zelle aufhören, sich zu teilen oder sogar absterben. Das wiederum wird mit der Alterung in Verbindung gebracht.

Wenn Sie sich für Bücher und Artikel über Langlebigkeit interessieren und in der jüngsten Vergangenheit einige davon gelesen haben, sind Sie wahrscheinlich schon auf Telomere gestoßen – in vielen solcher Publikationen tauchen sie recht prominent auf, oft gepaart mit Bezeichnungen wie »Wunder«, »Unsterblichkeit« oder »Schlüssel zur Langlebigkeit«. Essen Sie einfach dies und das, so die Überlegung, treiben Sie soundso viele Minuten am Tag Sport, und Ihre Telomere bleiben lang, was Sie wiederum jung bleiben lässt.

Als ich das erste Mal über Telomere las, war ich ziemlich aufgeregt: Hier bot sich ein einfacher Weg, das Altern und Anti-Aging-Therapien einzuschätzen. Doch als ich tiefer in die jüngste Forschung eintauchte, zerstreuten sich meine Hoffnungen. Es scheint, dass die Rolle der Telomere beim Altern ziemlich überbewertet wurde. Cox geht sogar so weit zu sagen, dass das Thema Telomere sie »ein bisschen beunruhigt«. Der anfängliche Denkansatz war, dass Telomere als eine Art biologische Uhr fungieren könnten: Da wir etwa fünfundzwanzig Basenpaare pro Jahr verlieren, konnte man davon ausgehen, dass jemand mit kürzeren Telomeren biologisch älter war als jemand mit langen Telomeren, unabhängig davon, was auf der Geburtsurkunde stand. Dank neuerer Studien weiß man nun aber, dass der größte Unterschied in der Länge der Telomere zwischen zwei Menschen bereits nach der Geburt sichtbar ist. Einige von uns werden schlicht mit Hunderten von zusätzlichen Paaren geboren. Zum Teil ist das genetisch bedingt. Ein anderer ist Ihre Mutter (ja, Sie können ihr jetzt die Schuld geben). »Suboptimale intrauterine Bedingungen«, wie Wissenschaftler es nennen, haben im Wesentlichen mit Dingen wie mütterlichem Stress, Rauchen, schlechter Ernährung und Luftverschmutzung zu tun, die alle nachweislich die Telomere von Babys erheblich verkürzen.

Doch kürzere Telomere zu haben, ist nicht immer so schlimm. Tatsächlich können kurze Telomere, in Übereinstimmung mit der Theorie zur antagonistischen Pleiotropie, Tiere vor einer Erkrankung an Krebs schützen, besonders in der Jugend. In Anbetracht ihrer Größe müssten Elefanten ein etwa millionenfach höheres Risiko haben, an Krebs zu erkranken als eine gewöhnliche Maus (je mehr Zellen man hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass einige von ihnen beschädigt werden). Tatsächlich erkranken Elefanten nicht oft an Krebs. Wahrscheinlich sind sie durch ihre kurzen Telomere und die verhaltene Aktivität eines Enzyms namens Telomerase, das die Telomere verlängern kann, geschützt.

Der Zusammenhang zwischen Telomerase und Krebs, der auch beim Menschen nachgewiesen wurde, ist einer der Gründe, warum Cox dem Medienrummel um Telomere so misstraut. Im Internet kann man inzwischen Nahrungsergänzungsmittel kaufen, die angeblich die Telomerase aktivieren und »Anti-Aging von innen heraus« oder eine Reduktion der »zellulären Alterung« versprechen. Wenn Sie Telomerase-Pillen einnehmen, könnten Sie vielleicht die Geschwindigkeit Ihres Alterns zurückdrehen – obwohl selbst das spekulativ ist –, aber die Nebenwirkung könnte Krebs sein. Wie so oft in der Biologie geht es auch bei den Telomeren um ein Gleichgewicht, das Krebs und degenerative Krankheiten in Schach hält, und zu große Vereinfachungen können gefährlich sein.

Eine bessere biologische Alterungsuhr, so argumentieren inzwischen viele Wissenschaftler, basiert auf der DNA-Methylierung, auch bekannt als »epigenetische Uhr«. Wenn wir älter werden, sammeln unsere Zellen mehr und mehr epigenetische Veränderungen an – Veränderungen, die Gene ein- oder ausschalten, ohne die DNA-Sequenz selbst zu beeinflussen. Ihre Ernährung, Ihr Stresslevel, ob Sie meditieren – all das kann Ihre epigenetische Uhr beschleunigen oder verlangsamen und hinterlässt sichtbare Spuren im Aussehen Ihrer DNA, die Wissenschaftler analysieren können. Es überrascht nicht, dass einige kommerzielle Labors bereits anbieten, Ihre epigenetische Uhr zu ermitteln. Zahlen Sie ein paar Hundert Dollar, schicken Sie eine Blutprobe ein und Sie erhalten eine Schätzung Ihres DNA-Methylierungsalters. Studien zeigen, dass bei etwa der Hälfte der Menschen ihr epigenetisches Alter nur um weniger als 3,6 Jahre von ihrem chronologischen Alter abweicht, doch bei einigen anderen ist der Unterschied erstaunlich: Manche Vierzigjährige haben ein DNA-Methylierungsalter von nur zwanzig Jahren, während andere ein Alter von fünfzig Jahren haben. Das ist eine Spanne von drei Jahrzehnten!

Was epigenetische Veränderungen, Telomer-Verkürzungen, DNA-Schäden und Schäden an anderen Teilen der Zelle wie Mitochondrien, Proteinen und Lipiden miteinander verbindet, ist, dass diese alle an etwas beteiligt sind, was Wissenschaftler »zelluläre Seneszenz« nennen – oder einfacher ausgedrückt, Zellalterung, ein Phänomen, das Zellen fett, nutzlos und voller Müll macht, genau wie die, die ich in Cox’ Labor gesehen habe. Eine gesunde junge Zelle ist eine Zelle, die wächst und sich teilt. Wenn sie unbrauchbar oder zu sehr geschädigt ist, begeht sie Selbstmord. Auf diese Weise wird Ihr Gewebe – zum Beispiel Ihre Haut – erneuert. Manchmal jedoch hört eine Zelle, die viele Schäden angesammelt hat, auf, sich zu teilen, tötet sich aber nicht selbst. Sie bleibt einfach nur da, wird größer und größer und sammelt ganze Müllberge an, zum Beispiel fehlgefaltete Proteine und alte Mitochondrien.

»Normalerweise, wenn Ihre Mitochondrien aufhören zu arbeiten, bauen Sie sie ab und bilden neue. Aber alte Zellen behalten ihre beschädigten Mitochondrien einfach – und sie füllen sich, wie Mülltonnen. Das ist einer der Gründe, warum die alten Zellen so riesig sind«, erklärt mir Cox. Solche aufgeblähten seneszenten Zellen sind nicht ganz tot. Und diese Zombie-Zellen häufen sich, während wir altern, an und stoßen Giftstoffe aus, die als Seneszenz-Assoziierter-Sekretorischer-Phänotyp (SASP) bezeichnet werden und in echter Zombie-Manier auch andere Zellen seneszent machen können. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Sekrete seneszenter Zellen eine chronische Entzündung auf niedrigem Niveau fördern, die manchmal als »Inflamm-Aging« bezeichnet wird und den meisten altersbedingten Krankheiten wie Alzheimer, rheumatoider Arthritis, Diabetes, Krebs und Herzerkrankungen zugrunde liegt.

Können wir nicht einfach mit ein paar Medikamenten rangehen und alle Zombie-Zellen töten, fragte ich mich? Sie wie in World War Z fertigmachen? Das könnte möglicherweise funktionieren. In Tierversuchen verzögert die Zerstörung seneszenter Zellen das Altern und verlängert sogar die Lebenserwartung um etwa 25 Prozent (stellen Sie sich vor, Sie würden siebenundneunzig Jahre alt werden statt der derzeitigen durchschnittlichen Lebenserwartung der Amerikaner von achtundsiebzig Jahren). Senolytika, also Medikamente, die Zombie-Zellen abtöten und die für klinische Studien bereitliegen, werden von einigen als potenzielles Anti-Aging-Heilmittel angepriesen. Doch es gibt, wie ich bald erfuhr, ein paar Probleme mit ihnen. Zunächst einmal können sie Nebenwirkungen wie etwa eine verzögerte Wundheilung verursachen. Zweitens muss, was bei Ratten funktioniert, nicht unbedingt auch bei Menschen funktionieren. Auch Cox ist zurückhaltend. »Wenn Sie viele seneszente Zellen haben, können Sie nicht, sagen wir mal, 75 Prozent Ihres Körpers abtöten. Und wenn man plötzlich feststellt, dass die Medikamente zu viele Zellen auf einmal abtöten, was macht man dann?«, fragt sie.

Wenn irgendwelche Tiere keine Senolytika brauchen, dann sind es sicherlich die Hydras, die unsterblichen Tingeltangel-Bob-ähnlichen Wesen. Als Wissenschaftler Generationen von Abkömmlingen einzelner Zellen aus der Magengegend von Hydras untersuchten, entdeckten sie, dass diese sich einfach nicht in Zombies verwandeln. Das ergibt Sinn: Die meisten Zellen der Hydras sind Stammzellen, die nie aufhören, sich zu vermehren, und den Körper dieser winzigen Geschöpfe ständig zu erneuern. Der Grund dafür, und damit für die Unsterblichkeit der Hydras, ist die Art und Weise, wie sie sich fortpflanzen. Anstatt dass sich Männchen mit Weibchen paaren, erzeugen Hydras ihre Nachkommen asexuell durch Knospung. Um sich fortzupflanzen, brauchen sie eine konstante und zuverlässige Versorgung mit frisch geteilten Zellen.

Obwohl wir wahrscheinlich nie eine hydraähnliche Unsterblichkeit erreichen werden (unsere Körper sind viel komplizierter als ihre), können wir von der Funktionsweise der Hydra-Stammzellen sicher ein paar Dinge über das Altern lernen. Stammzellen – ob von Hydras oder vom Menschen – sind ziemlich erstaunliche kleine Dinger. Sie entstehen kurz nach der Befruchtung und bilden dann im Laufe unseres Lebens neue, spezialisierte Zellen, die uns beim Wachstum und bei der Erneuerung von Geweben helfen. Doch auch Stammzellen sind nicht immun gegen Schäden. Im Laufe der Jahre arbeiten unsere Stammzellen immer weniger gut, werden »zombiehaft« oder sterben ab, und ihre Anzahl nimmt ab – ein Prozess, der als einer der Hauptgründe für das Altern angesehen wird.

Zumindest beim Menschen. Hydras sind in der Reparatur und Wartung ihrer Stammzellen besonders gut. Eine Art von Genen, genannt FoxOs (auch bekannt als Forkhead Box O; viele Gene haben seltsame Namen), könnte dabei eine Rolle spielen und ziemlich wichtig für die Langlebigkeit sein, von Hydras und Mäusen bis zu Walen und Jeanne Calment. Diese speziellen Gene wirken, indem sie Zellen vor Schäden schützen, und sind an der Reparatur von DNA beteiligt. In Hydras halten FoxOs die Stammzellen in Gang. Reduziert man die Aktivität von FoxOs in diesen winzigen Lebewesen, so werden sie sterblich.

Beim Menschen wurde eine bestimmte Sequenzvariation in einem Typ von FoxO-Gen, FoxO3a, mit Langlebigkeit bei verschiedenen Populationen in Verbindung gebracht, von amerikanischen Männern japanischer Abstammung bis hin zu Chinesen und Deutschen.

Aber machen Sie sich jetzt nicht auf ins Internet, um nach einem Labor zu suchen, das Ihre FoxO3a-Polymorphismen überprüft. Wir sind viel kompliziertere Wesen als Hydras; höchstwahrscheinlich ist FoxO3a nur eines von vielen Genen, die dafür verantwortlich sind, dass manche Menschen länger leben als andere (und außerdem ist Langlebigkeit nur zu 20 bis 25 Prozent vererbbar – erinnern Sie sich?).

Frauen vorneweg

Dass sich Frauen und Männer im Hinblick auf Langlebigkeit unterscheiden, ist sicher für niemanden eine Neuigkeit. Schlendern Sie doch einfach mal über Ihren örtlichen Friedhof. Meine Oma scherzt immer, dass Opa gerne die Gräber unserer Verwandten besucht, damit er mit all den Witwen flirten kann, denen er auf dem Friedhof begegnet. Schließlich ist er dort ein seltener Anblick: ein polnischer Herr in den späten Achtzigern. Zugegeben, in Polen ist die Spanne zwischen der weiblichen und der männlichen Lebenserwartung recht groß – bei Frauen liegt sie bei einundachtzig, bei Männern bei dreiundsiebzig. Litauen ist mit zehn Jahren Abstand noch schlechter dran, und Russland führt die Weltrangliste mit 11,6 Jahren Unterschied zwischen den Geschlechtern an (die männliche Vorliebe für Wodka spielt dabei sicher eine Rolle). Am anderen Ende der Skala stehen Länder wie Island (drei Jahre Abstand zugunsten der Frauen), Schweden (3,4 Jahre) und Großbritannien (3,6 Jahre). Kurioserweise konnten sich Männer und Frauen in der Vergangenheit auf eine vergleichbar lange Lebenszeit freuen. Im 19. Jahrhundert betrug die Lebenserwartung nach der Geburt in Schweden dreiunddreißig Jahre für Frauen und einunddreißig Jahre für Männer. Andernorts war es vermutlich ähnlich. Das Schicksal verkürzte einfach die Existenz aller: durch Geburten, Infektionen und Kriege.

Nachdem jedoch Geburten, Infektionen und Kriege die Rahmenbedingungen für alle nicht mehr nivellierten, vergrößerte sich die Kluft zwischen Männern und Frauen und erreichte ihren größten Wert zwischen den Siebziger- und Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Heutzutage, wo auch Männer anfangen, sich mehr um sich selbst zu sorgen, holen sie wieder auf – aber nicht so ganz. Irgendwie scheinen Frauen in puncto Langlebigkeit immer die Nase vorn zu haben, egal ob wir über das Skandinavien des 19. Jahrhunderts oder das heutige Indien oder Kanada sprechen. Wieso das denn? Liegt es an einem gesünderen weiblichen Lebensstil? Weniger Schießereien, weniger protzende Autoraserei und mehr Brokkoli? Nicht so ganz. Wissenschaftler glauben mittlerweile, dass der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Langlebigkeit tatsächlich in unseren Körpern angelegt ist, und einer der Hinweise ergibt sich daraus, wie Frauen und Männer katastrophale Bedingungen überleben.

In der Nacht des 3. November 1846 überzog starker Schneefall die Osthänge der Sierra Nevada in den USA. Eine Gruppe von Farmern und Geschäftsleuten aus dem Mittleren Westen, ihre Frauen, Kinder und Haustiere im Schlepptau, strandete am Truckee Lake (der später in Donner Lake umbenannt wurde), einer großen walförmigen Wasserfläche am Fuße der Berge. Am Morgen des 4. November wachten die einundachtzig Mitglieder der Gruppe auf und waren von mehr als drei Meter hohen Schneeverwehungen umgeben. Unpassierbar.

Die Donner-Truppe, wie sie nach dem Namen ihres Anführers, George Donner, genannt wird, hatte sich aus ihrer Heimat im Tal des Mississippi auf den Weg gemacht, um in Kalifornien ein besseres Leben zu finden. Doch sie hatten einen Fehler begangen: Statt die übliche Route durch das heutige Idaho zu nehmen, wählten sie eine vermeintliche Abkürzung durch die Große Salzwüste. Die Abkürzung erwies sich als schwieriger als die ursprüngliche Route. Die Gruppe schaffte es nicht mehr rechtzeitig, die Sierra Nevada noch vor dem Winter zu durchqueren. Nach den starken Schneefällen saßen sie fest.

Abgeschnitten von der Welt, mit schwindenden Lebensmittelvorräten und praktisch ohne Outdoor-Kenntnisse, begann die Donner-Truppe unter einem »irrsinnigen Heißhunger« zu leiden. Sie aßen ihre Hunde, sie kochten Tierhäute zu Gelee, das sie schlucken konnten. Und im Februar begannen sie, ihre eigenen Toten zu essen. Als endlich Rettung kam, waren fünfunddreißig von einundachtzig Personen gestorben, vor allem an Hunger und Unterkühlung. Seltsamerweise waren die meisten der Toten Männer.

Forscher haben errechnet, dass bei der Donner-Truppe das Sterberisiko der Männer fast doppelt so hoch war wie das der Frauen. Sie führten dies auf die Tatsache zurück, dass Frauen im Allgemeinen Hungersnöte eher besser überleben, was sich in den Daten vieler historischer Hungersnöte zeigt, darunter die ukrainische Hungersnot von 1933 und die irische von 1845 bis 1849. Der Grund dafür, so argumentieren die Wissenschaftler, ist, dass Frauen meist kleiner sind als Männer, einen niedrigeren Grundumsatz haben und einen größeren Anteil an subkutanem Fett – das schwabbelige Fett direkt unter der Haut. Dies ermöglicht ihnen, mit weniger Nahrung zu überleben und zudem hält das Fett sie warm. Ironischerweise ist genau das, was viele Frauen als einen Fluch empfinden (Bauchfett!), die Ursache, die ihnen bessere Überlebenschancen gibt als Männern.

Obwohl Hunger in den westlichen Industrienationen heute selten ein Thema ist, leben Männer selbst unter streng kontrollierten Bedingungen immer noch kürzer als Frauen. Als deutsche Forscher mehr als elftausend katholische Nonnen und Mönche aus bayerischen Klöstern untersuchten, stellten sie fest, dass nach wie vor etwa ein Jahr Unterschied zugunsten der Schwestern blieb. Die Weibchen anderer Säugetierarten, von Schimpansen und Löwen bis hin zu amerikanischen Bibern und europäischen Kaninchen, haben einen ähnlichen Vorteil. Bei einem Vergleich von neunundfünfzig Arten, die in Zoos leben, gab es nur bei vier Arten Männchen, die die Weibchen überlebten. Rauchen und Wodka spielten in diesem Fall sicher keine Rolle.

Ein Schlüssel zum Geheimnis des Unterschieds in der Langlebigkeit von Männern und Frauen könnte in unseren Chromosomen liegen. Da Frauen zwei X-Chromosomen haben, verfügen sie im Grunde über eine Ersatzkopie jedes Gens in ihrem Körper, um im Bedarfsfall ein defektes zu ersetzen. Zweitens sind Frauen in der Regel kleiner als Männer, sodass sie von vornherein weniger Zellen haben, die verkümmern können (das ist wie bei den Mäusen und den Elefanten und ihrem millionenfach höheren Krebsrisiko). Eine weitere Hypothese besagt, dass es damit zu tun hat, dass die Herzfrequenz der Frauen während der zweiten Hälfte des Menstruationszyklus ansteigt, wodurch ihr Herz ähnlich trainiert wird wie das von Joggern – was erklären könnte, warum Frauen Herz-Kreislauf-Erkrankungen eher später im Leben bekommen als Männer.

Und dann sind da noch die Hormone. Eine Analyse der Lebenserwartung von Eunuchen, die an den koreanischen Höfen des 19. Jahrhunderts lebten, ergab, dass sie im Durchschnitt zwanzig Jahre länger lebten als andere Männer am Hofe, einschließlich der Könige. Was Eunuchen natürlich fehlt, ist Testosteron, das, wie Studien zeigen, tendenziell das Immunsystem unterdrückt, wodurch Männer anfälliger für Viren und Bakterien sind. Weibliche Hormone wie Östrogene hingegen stärken das Immunsystem und helfen gleichzeitig, die Arterien von schädlichem Cholesterin zu befreien.

Da das Abschneiden der männlichen Körperteile für die meisten zeitgenössischen Männer nicht attraktiv sein dürfte, ist die Suche nach anderen potenziellen Maßnahmen zur Steigerung der Langlebigkeit in vollem Gange. In gewisser Weise ist das nichts Neues – schon der Konquistador Ponce de León soll im 16. Jahrhundert nach dem Jungbrunnen gesucht haben. Doch heutzutage findet diese Suche meist in Biotech-Labors statt, und der Fokus liegt auf Pillen und Injektionen, nicht auf magischen Wasserquellen.

Magische Pillen und Plasma-Infusionen

In einem Interview für The New Yorker im Jahr 2017 gab der Futurist Ray Kurzweil zu, bis zu neunzig Pillen am Tag zu schlucken, um sich jung zu halten und sein Hundertjährigen-Potenzial zu steigern. Eine dieser Pillen war Metformin, ein Diabetes-Medikament, das, so Cox, derzeit fast jeder einnimmt, den sie aus den USA kennt und der sich mit dem Altern beschäftigt. Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass Metformin tatsächlich das Leben verlängern und das Altern verzögern kann – bei Mäusen und bei C. elegans tut es das. Auf zellulärer Ebene reduziert es die Produktion von reaktiven Sauerstoffspezies und vermindert (neben anderen Effekten) DNA-Schäden. Cox selbst nimmt jedoch kein Metformin. »Jedes Pharmazeutikum hat Nebenwirkungen. Und wir kennen die Langzeitwirkungen von Metformin bei Menschen, die es klinisch nicht brauchen, nicht wirklich«, sagt sie.