Was war, bevor wir wurden - Andrea Knobloch - E-Book

Was war, bevor wir wurden E-Book

Andrea Knobloch

0,0
3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In den östlichen Weisheitslehren taucht immer wieder der Begriff der Lebensenergie auf. Er nimmt in der Traditionellen Chinesischen Medizin und der Akupunktur oder im indischen Yoga eine zentrale Stellung ein. Die Lebensenergie, so die Vorstellung, fließt in Meridianen oder Leitbahnen durch unseren Körper. Unbemerkt geblieben ist bislang, dass das Wissen über diese Lebensenergie auch in der Bibel vorhanden ist. Dieser Spur geht das Buch nach und zeigt detailliert, inwiefern auch christliche und urchristliche Texte von der Lebensenergie handeln. Auch in christlichen Ritualen sowie bildlichen Darstellungen spielt sie eine Rolle. Als Interpretationsgrundlage dient das Konzept der auf den Körper bezogenen Physio-Philosophie, die von der Körper-Geist-Einheit ausgeht und die Kenntnis der Energiebahnen enthält. Sie beschreibt die Gesetzmäßigkeiten der Lebensenergie bei der Entstehung von Leben. Von diesen Gesetzmäßigkeiten lassen sich Schöpfungsprinzipien ableiten. Sie waren bereits da, bevor es Leben gab und führen uns zu einer universellen allgemeingültigen Ethik. Durch die neue Betrachtungsweise lassen sich auch unverständliche oder "märchenhafte" Inhalte christlicher Texte sinnhaft erschließen, wie etwa die Schöpfungsgeschichte der Genesis, die keineswegs eine Hierarchie zwischen Mann und Frau postuliert. Deutlich wird auch, dass viele biblische Aussagen heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Andrea Knobloch

Was war, bevor wir wurden

Die Lebensenergie und ihre Schöpfungsprinzipien im christlichen Kontext

© 2018 Andrea Knobloch

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7469-7774-4

Hardcover:

978-3-7469-7775-1

e-Book:

978-3-7469-7776-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Meiner Mutter

0. Inhaltsverzeichnis

1. Prolog

2. Methodische Überlegungen

3. Einführung

4. Das Konzept der Physio-Philosophie

5. Was Gott sei

5.1. Die göttliche Trinität

I. Gott als Schöpfer

II. Gott als Odem

III. Gott als Licht

6. Im Anfang – der Atem

7. Die Vollkommenen – Dreieinigkeitsströme

7.1. Eins

7.2. Zwei

7.3. Drei

8. Fünf Engel - 5 Tiefen und unsere Hände

9. Knechte und Versiegelte – Organ- und Spezialströme

10. Adam und Eva – Dualität und Bewusstsein

11. Die Welt finden und ihr entsagen - Materie und Geist

12. Gottes Gegenwart – Selbsterkenntnis im Jetzt

13. Der Tempel – unser Körper

14. Gottes „Wille“

15. Physio-Philosophie anwenden

16. Epilog

17. Zitierte Autorinnen und Autoren

18. Literaturverzeichnis

1. Prolog

Der Begriff Lebensenergie ist heutzutage vielen Menschen aus den östlichen Weisheitslehren bekannt. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) etwa wird diese Energie Chi oder Qi (gesprochen: Dschi) genannt. Sie fließt in den Leitbahnen (Meridianen) durch den ganzen Körper und bildet die Grundlage für die Akupunktur. In den Bewegungslehren Tai Chi („chinesisches Schattenboxen“) und Qi Gong wird ebenfalls mit dieser Energie gearbeitet. Auch in der japanischen und tibetischen Medizin sowie im indischen Yoga kennt man die Lebensenergie, die durch die Meridiane fließt.

Die Lebensenergie fließt nicht nur im Menschen, sondern in allem Lebendigen. Die Bibel bringt man erst einmal nicht mit dieser Lebensenergie in Verbindung, obwohl auch dort zum Beispiel in der Genesis der Prozess der Schöpfung und der Verlebendigung des Menschen beschrieben ist. Der Gedanke, dass auch in der Bibel von dieser Lebensenergie berichtet wird, mag für viele Menschen ungewöhnlich oder gar irritierend sein. Hören wir jedoch genau auf die biblischen Worte, dann wird es offenbar. Jesus sagte: „Ich bin das Licht der Welt; alle, die mir folgen, werden nicht mehr in der Finsternis umherirren, sondern das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) Licht ist Energie, und das Licht des Lebens ist die Lebensenergie, die Leben erschafft. Der Astrophysiker Haisch setzt den biblischen Begriff „Licht“ mit der von Physikern benutzten Bezeichnung „elektromagnetische Felder“ gleich, zu denen auch das sichtbare Licht gehört. (HAISCH, 2014, S. 119) In der Alltagssprache sprechen wir vom Lebensfunken oder Lebenslicht.

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit einer auf den Körper bezogenen Philosophie, der ebenfalls die Kenntnis der Meridiane/Energiebahnen und der in ihnen fließenden Lebensenergie zu Grunde liegt. Diese Physio-Philosophie beschreibt die im Körper ablaufenden Schöpfungsprozesse durch die Energie und deren Gesetzmäßigkeiten sowie die Erkenntnis, dass Körper und Geist eine untrennbare Einheit darstellen. Die Physio-Philosophie beinhaltet jedoch nicht nur die Beschreibung dieser Prozesse, sondern ebenso einen Weg zu ihrer Harmonisierung, wenn der Mensch aus der Balance geraten ist. Dies geschieht mit Hilfe der Kraft in unseren Fingern und Händen, die wir von Natur aus mitbekommen haben. Alle Menschen nutzen diese Kraft spontan und unbewusst, um sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen – körperlich, seelisch und mental. Diese Kraft lässt sich aber auch ganz bewusst einsetzen und nutzen, weshalb man von einer „anwendbaren Philosophie“ sprechen kann. Jesus wusste um die Heilkraft der Hände, denn verschiedene Bibelgeschichten erzählen davon.

Die Gemeinsamkeit, dass sowohl in der Physio-Philosophie als auch in der Bibel die Schöpfungsprozesse beschrieben werden, brachte mich dazu, auf die Suche nach Parallelen zwischen den Inhalten der Physio-Philosophie des Körpers und dem christlichen Gedankengut zu gehen. Ich habe die Kenntnisse über die Lebensenergie verglichen mit Inhalten aus der Religion, die mich geprägt hat. Um es vorweg zu sagen, ich habe in den christlichen Texten viele mehr oder weniger verdeckte Beschreibungen der Lebensenergie und ihrer Grundmuster gefunden, die mich teilweise überrascht und erstaunt haben. Viele unverständliche Textstellen lassen sich über das Konzept der Physio-Philosophie sinnhaft erschließen und interpretieren.

Nicht nur in den Texten, auch in christlichen Darstellungen ist die Lebensenergie erkennbar, zum Beispiel in den fünf Strahlen, die aus den Händen der Maria als Himmelskönigin fließen oder auf einem Altarbild, auf dem die Lebensenergie als 2 x 7 Ströme abgebildet ist. Mit dem Wissen aus der Physio-Philosophie lässt sich ihre jeweilige Anzahl sinnhaft erklären. Auch die Rituale des Abendmahls, der Taufe oder der Bekreuzigung erscheinen in einem neuen Licht, denn in ihnen werden die Schöpfungsprozesse der Lebensenergie nachempfunden.

Noch etwas anderes wurde deutlich: Aus den Gesetzmäßigkeiten der Verlebendigungsprozesse durch die Lebensenergie lassen sich vier Grundregeln oder Prinzipien ableiten: Universelle Einheit, Gleichwertigkeit zweier urpolarer Kräfte, Kooperation und Gerechtigkeit. Diese Grundregeln, nach denen Schöpfungsprozesse ablaufen, sind im Wertekanon unserer heutigen Kultur enthalten, beispielsweise im Gleichheitsgedanken aller Menschen, der Gleichberechtigung von Mann und Frau oder im Gedanken der sozialen Gerechtigkeit. Neu mag für viele jedoch sein, dass sie sich aus den kosmischen Schöpfungsprinzipien ableiten lassen. Diese existierten bereits, bevor die Menschen entstanden sind, d.h. sie waren, bevor wir wurden. Das ist von fundamentaler Bedeutung, denn sie sind unabhängig vom menschlichen Geist, von Kultur, Religion und Zeitalter.

Welche Erkenntnisse ergeben sich daraus? Zum einen wirken die Schöpfungsprinzipien auf uns wie die Schwerkraft der Erde oder der Tag- und Nachtrhythmus. Wir können uns ihnen weder entziehen noch sie ändern, wir können lediglich die „Sünde“ begehen und sie missachten. Ohne Schaden zu nehmen können wir nicht gegen sie leben, denn sie liegen unserem Sein zu Grunde. Zum anderen sind sie als Gesetzmäßigkeiten nicht nur in physikalischen und biologischen, sondern auch in zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Prozessen erkennbar. Aus diesem Grund bilden die Schöpfungsprinzipien die Grundlage einer universellen allgemeingültigen Ethik.

Ethik versucht, allgemeingültige Regeln für menschliches und gesellschaftliches Handeln aufzustellen. In der Diskussion um Ethik und ihre Grundlagen existieren verschiedene Prämissen ethischer Theoriebildung, u.a. „der Universalisierungsanspruch, der die prinzipielle Gleichartigkeit aller Menschen voraussetzt und dadurch bereits die Möglichkeit eines ethischen Relativismus bestreitet (…).“ (PÄTZOLD, utb-Online-Wörterbuch Philosophie) Auf welcher Grundlage ethische Prinzipien formuliert werden, ist verschieden. Manche gründen sich etwa auf die menschliche Vernunft, andere auf den Willen Gottes.

Die Lebensenergie kommt von oben und fließt immer von oben nach unten. „Ihr seid von unten, ich bin von oben. Ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt.“ (Joh 8,23) Durch die Lebensenergie ist aus dem göttlichen/kosmischen Bewusstsein die Schöpfung und letztendlich auch der Mensch entstanden. Gott ist Mensch geworden.

2. Methodische Überlegungen

Für meine Textinterpretationen habe ich hauptsächlich die beiden Evangelien nach Thomas und Philippus verwendet. Sie zählen zu den Apokryphen, den urchristlichen Texten, die keinen Eingang in den Bibelkanon gefunden haben. Sie sind Teil der Nag-Hammadi-Schriften, die 1945 in Ägypten gefunden wurden und stammen aus der Gnosis, einem christlichen Gedankengut, das verschiedenste Lehren beinhaltet. Dieses wurde von der frühen, sich konstituierenden christlichen Kirche bekämpft.

Was die beiden apokryphen Evangelien so interessant macht, ist ihre Herkunft. „Einen Ursprungsort der Gnosis zu ermitteln, ist unmöglich. Zu viele unterschiedliche Elemente fließen in ihr zusammen: weisheitliche Lehren Ägyptens, Persiens, Babylons, der griechischen Mysterienschulen und bestimmter philosophischer Strömungen. Untrennbar ist sie aber mit der hellenistischen Welt verbunden.“ (PAGELS, 2013, S. 35) Das gnostische Gedankengut hat seinen Ursprung also in verschiedenen spirituellen Lehren, die weit in die Vergangenheit reichen, in eine Zeit lange vor Jesus. Die Gnosis beansprucht für sich wahre Erkenntnis – nicht Glauben. Da ihr Ursprung eine sehr breite Herkunft hat, könnte das darauf hindeuten, dass darin universelles Wissen enthalten ist. Diese These wird von der Einschätzung der Religionswissenschaftlerin Elaine Pagels untermauert, „(…) dass die Ähnlichkeit der Antworten, die die Gnosis und die östlichen Weisheitslehren auf die Fragen nach dem Sinn des menschlichen Daseins gaben und geben, eher in der Universalität des menschlichen Geistes begründet sind als in einer historischen Abhängigkeit.“ (Ebenda, S. 10)

Die Physio-Philosophie wird betrachtet als die den Menschen von Natur aus innewohnende Weisheit, die sich auf die Prozesse der Lebensenergie und den menschlichen Körper bezieht und deshalb universell ist. Vielleicht gab es in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte einen direkteren Zugang zu dieser intuitiven Weisheit als heute. Ich halte es für möglich, dass im Laufe der Menschheitsgeschichte philosophische und religiöse Überbauten geschaffen wurden, durch die die ursprüngliche Bedeutung dieses intuitiven Wissens teilweise überlagert wurde oder verloren ging.

Bei meinen Ausführungen habe ich mich von der inneren Logik und den Gesetzmäßigkeiten der Lebensenergie leiten lassen. Meine Interpretation der von mir ausgewählten biblischen und gnostischen Texte entstand vor dem Hintergrund der Physio-Philosophie und deren Systematik. So richten sich auch Struktur und Aufbau des Buches danach. Die Übersetzungen der Quellentexte, die ich benutzt habe, stammen von Fachleuten, wobei auch diese sich nicht immer einig sind. Das liegt daran, dass bei den Übersetzungen vieles interpretiert und gedeutet werden muss. Eine Schwierigkeit bei der Auslegung liegt auch darin begründet, dass die Bibel kein einheitliches Buch ist, sondern aus vielen Einzeltexten besteht, die in unterschiedlichen Zeiten entstanden sind und von verschiedenen religiösen Interessengruppen „kanonisiert“, also ausgewählt wurden. Andere Texte wurden nicht aufgenommen. Weiterhin wurden durch den über die Jahrhunderte währenden „Inkulturationsprozess“ verschiedene Sitten und Feste adaptiert und christlich umgedeutet. (Vgl. CEMING, 2004, S. 44) Davon abgesehen unterscheidet sich die Zusammensetzung der Bibel in den verschiedenen Religionen. Die Bibel der Juden ist nicht identisch mit der Bibel der Katholiken und diese wiederum nicht mit der der evangelischen Christen.

Der Bibelwissenschaftler Jürgen Werlitz schreibt: „Jedoch ist es natürlich auch so, dass die Bibelwissenschaft als rationale Interpretationsweise dazu neigt, bestimmte Erfahrungs- und Wirklichkeitsbereiche von vornherein für das Verständnis der Bibel auszuschließen. Ein solcher Ausschluss von Möglichkeiten ist natürlich auch methodisch bedingt, führt aber mitunter zu weit, nämlich zu einer Art Scheuklappen-Mentalität, in der bestimmte Phänomene von Texten gar nicht mehr erkannt werden können. Angesichts dessen hat man bei der Frage nach einer sachgerechten Interpretation der Heiligen Schrift mit zu bedenken, dass die Bibel nicht nur ein einmal und einmalig verschriftetes »Buch« ist, sondern seine rund 2000 Jahre betragende Interpretationsgeschichte hat, die einen enormen Bedeutungsüberschuss der biblischen Texte hervorgebracht hat.“ (WERLITZ, 2000, S. 225)

Aus diesen Gründen ist keine stringente und unveränderte biblische Überlieferung vorhanden. Es erscheint mir möglich, dass ursprüngliche Bedeutungen von symbolhaften Erzählungen und Sprachbildern verloren gegangen sind, umgedeutet oder verfälscht wurden. Die Bibel ist auch nicht aus dem Nichts entstanden, sondern ihr gingen andere Weisheitslehren voraus, die in ihr ihren Niederschlag gefunden haben. Ein Beispiel ist etwa der 104. Psalm im AT, der Ähnlichkeiten und Parallelen zum „Großen Aton-Hymnus“ des ägyptischen Pharaos Echnaton aufweist. Oder der Schöpfungsmythos der Genesis etwa enthält Komponenten, die ebenso bei dem babylonischen Schöpfergott Enki bei der Erschaffung der Lebewesen auftauchen. Auch bei Enki entsteht der Mensch aus Lehm und nach „Gottes Ebenbild“. „Mit seinem (des Gottes) Fleisch und Blut soll (die Muttergöttin) Nintu Lehm mischen, Gott und Mensch sollen zusammen vermischt werden im Lehm!“ (Mythos des Atramhasis, Übersetzung W.G. Lambert 1969, entnommen aus: GRONEBERG, Brigitte, 2004, S. 131)

Üblicherweise werden bei der Interpretation der biblischen Texte der Körper und die ihm innewohnenden Schöpfungsprozesse durch die Lebensenergie nicht oder nicht differenziert genug berücksichtigt, denn hierzu werden spezielle Kenntnisse benötigt. In der Bibel ist häufig von Heil und innerem Frieden die Rede. Der Ort, an dem Gesundheit, Heilsein und Lebendigkeit bei den Menschen stattfindet, ist der Körper. Da die Bibel vom Göttlichen als dem Ursprung des Lebens handelt, müsste sie auch das Wissen um die Lebensenergie und ihre Prozesse enthalten, die sich im Körper manifestieren. In den östlichen Weisheitslehren ist das so und hat z.B. über die Akupunktur und den indischen Yoga inzwischen ins westliche Denken Eingang gefunden. Allerdings sind TCM und Yoga ganzheitliche Systeme, die Philosophie, Medizin, Psychologie, Ernährung, Bewegung und Lebensführung beinhalten. Sie trennen den Menschen nicht auf in verschiedene „Sparten“. Nach meiner Überzeugung ist in den biblischen und urchristlichen Texten die Kenntnis der Lebensenergie ebenfalls vorhanden. Durch die unterschiedlichen Sprachbilder und Formulierungen ist dies jedoch nicht immer so ohne weiteres erkennbar.

Ein weiterer meiner Leitgedanken war, dass die Erkenntnisse der Schöpfungsprozesse, wenn sie einer universellen „Wahrheit“ entsprechen, auch in den Erkenntnissen der Naturwissenschaften auftauchen müssen. Die Einheit von Geist, Psyche und Körper und ihre wechselseitige Beeinflussung, die in den östlichen Weisheitslehren bekannt ist, wurde mittlerweile durch die moderne Hirnforschung bestätigt, genauso wie die Tatsache, dass Denken ohne Körper nicht möglich ist. Man sollte nicht vergessen, dass auch Wissenschaftler „Gläubige“ sind. Sie betrachten sich oft gerne als rein rational, arbeiten jedoch ständig mit Hypothesen und Annahmen, an die sie „glauben“ und die irgendwann entweder verifiziert oder falsifiziert werden. Nicht nur in den Religionen, auch in der Naturwissenschaft gab und gibt es Dogmen, was eigentlich den Grundsätzen der Naturwissenschaft widerspricht. Ein Dogma in der Naturwissenschaft ist, dass Religionen und spirituelle Weisheitslehren jeder realen Grundlage entbehren. Der Astrophysiker Bernard Haisch meint dazu: „Aus irgendeinem Grund sind die elf- oder sechsundzwanzigdimensionalen String-Welten der wissenschaftlichen Theorie plausibel, doch die übernatürlichen Welten der Mystik werden als reiner Aberglaube beurteilt. (…) Aus irgendeinem Grund akzeptiert die Wissenschaft die hypothetischen Multiversen und Hyperdimensionen der modernen Physik, die rein theoretisch bleiben, wohingegen die Erfahrungsberichte von Mystikern aller Epochen über transzendente (d.h. übernatürliche Realitäten) verworfen oder ignoriert werden.“ (HAISCH, 2014, S. 50f)

Gleichwohl gibt es zunehmend Literatur von Wissenschaftler*innen, die sich mit der Suche nach Gemeinsamkeiten von Naturwissenschaft und Religion beschäftigen. Wo es mir möglich war, habe ich Aussagen und Erkenntnisse von Naturwissenschaftlern angeführt, um auf Verbindungen zwischen naturwissenschaftlichen und religiösen/spirituellen Aussagen hinzuweisen, die ich sehe. Ein Überblick über die zitierten Autorinnen und Autoren befindet sich am Ende des Buches.

Anmerkungen zu den christlichen Quellentexten

Die Bibel in gerechter Sprache (BigS) ist eine Übersetzung, die aus einer Gemeinschaftsarbeit von 42 Übersetzerinnen und 10 Übersetzern erwachsen ist. „Die meisten haben an ihren Büchern lange wissenschaftlich gearbeitet und darüber publiziert. Sie stehen namentlich dafür ein, dass die Übersetzung dem Stand der wissenschaftlichen Diskussion gerecht wird.“ (BigS, „Thema Gerechtigkeit“, Prof. Dr. Frank Crüsemann, Sept. 2013) Es gab sowohl Lob als auch viel Kritik an dieser Übersetzung von bibelwissenschaftlicher Seite. Ich habe mich trotz der Kritik für diese Übersetzung entschieden. An einigen Textstellen habe ich die Übersetzung von Luther daneben gesetzt. Die Bibelzitate entstammen der BigS Online-Ausgabe des Gütersloher Verlagshauses, Verlagsgruppe Random House GmbH 2006.

Bibelstellen nach der Luther-Übersetzung entstammen der Übersetzung Luther 1912, www.bibel-online.net.

Die Zitate aus den Evangelien nach Philippus und Thomas entstammen dem „Nag Hammadi Deutsch“, eingeleitet und übersetzt von Mitgliedern des Berliner Arbeitskreises für Koptisch-Gnostische Schriften, Hrsg. Hans-Martin Schenke (+), 3. überarbeitete Auflage, Hrsg. Ursula Ulrike Kaiser und Hans-Gebhard Bethge, Studienausgabe 2013, De Gruyter GmbH Berlin/Boston.

Die Übersetzungen des Vaterunsers und der Seligpreisungen aus dem Aramäischen sind aus „Das Vaterunser“ von Neil Douglas-Klotz, Knaur-Verlag München 1992, entnommen.

 

Abkürzungen

 

Apg – Apostelgeschichte

Ex – Exodus (2. Buch Moses)

EvPhil – Philippus-Evangelium

EvThom – Thomas-Evangelium

Gen – Genesis (1. Buch Moses)

Hos – Hosea

Kön – Buch der Könige

Koh – Buch Kohelet

Kor - Korinther

Lev – Leviticus (3. Buch Moses)

Lk - Lukasevangelium

Mk – Markusevangelium

Mt - Matthäusevangelium

Jes - Jesaja

Joh – Johannesevangelium

Offb – Offenbarung des Johannes

Phil – Brief an die Philipper

Ps – Psalmen

Sam – Buch Samuel

Spr – Buch der Sprichwörter

Tim – Timotheus

Weish – Buch der Weisheit

3. Einführung

Die Suche nach den Schöpfungsprinzipien der Lebensenergie im christlichen Kontext hat mich veranlasst, mich mit dem Evangelium nach Thomas und dem Evangelium nach Philippus zu beschäftigen. Das Thomas-Evangelium ist deshalb interessant, weil es vermutlich von seiner Authentizität her den drei Synoptiker genannten Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas durchaus ebenbürtig ist. (Vgl. CEMING et al., 2009, S. 61 f) Dieses Evangelium „(…) führt uns teilweise vielleicht so nahe an den historischen Jesus heran wie die Logien- oder Spruchquelle Q (…).“ (Ebenda, S. 124) Die Logienquelle Q wurde vermutlich ca. 40/50 n. Chr. schriftlich fixiert. (Vgl. ebenda, S. 17)

Das Philippus-Evangelium könnte im 2. Jahrhundert n. Chr. abgefasst worden sein und hat einen ausgeprägten eigenen Charakter. (Vgl. SCHENKE, 2013, S. 140 f) Dieser Text enthält valentinianisches Gedankengut. Die Valentinianer waren eine frühchristliche Gruppe, die sich „pneumatische Christen“ nannten und deren geistige Führer Valentin und Ptolemäus hochkarätige Theologen waren. (Vgl. PAGELS, 2013, S. 91 f) „Trotz seines gnostisch-valentinianischen Gesamtcharakters gibt es im EvPhil aber vieles, was nicht spezifisch gnostisch und nicht spezifisch valentinianisch ist. Und das betrifft auch die weitaus größere Menge des in ihm enthaltenen Gutes. Es sind dies zum einen wirklich nicht-valentinianische Stoffe, zum anderen Anschauungen und Praktiken, in denen sich die Valentinianer nicht von der werdenden Großkirche unterschieden.“ (SCHENKE, 2013, S. 142)

Bei der Auseinandersetzung mit den beiden apokryphen Evangelien fiel mir auf, dass vieles darin interpretationsbedürftig ist und sich nicht ohne weiteres sinnhaft erschließt. Mit meinen Kenntnissen aus der Physio-Philosophie erkannte ich jedoch Sinn darin und fand vielerlei Parallelen und Übereinstimmungen. Dies ist eigentlich nicht verwunderlich. Geht man davon aus, dass Gott der Ursprung der Schöpfung ist und die Bibel das „Buch Gottes“, dann liegt es auf der Hand, dass sich vieles darin genau um jenen Ort dreht, der der Sitz des Geistes, des Bewusstseins und der Lebendigkeit ist, nämlich den Körper und dessen Entstehung. In der Physio-Philosophie ist die Kenntnis der Verlebendigungsprozesse durch die Lebensenergie enthalten und genau diesen Prozessen habe ich in den beiden apokryphen Evangelien und der Bibel nachgespürt.

Er aber sagte zu ihnen: „Hervorragend hat Jesaja euren eigenwilligen Schriftinterpretationen prophezeit: Dieses Volk verehrt mich mit den Lippen, doch ihr Herz ist weit weg von mir. Vergeblich verehren sie mich, indem sie Gebote von Menschen als Lehren vortragen. Ihr lasst Gottes Gebot unbeachtet und haltet an der Überlieferung der Menschen fest.“ (Mk 7, 6-8)

Die historische Person Jesus wollte vermutlich keine neue Religion bringen, sondern die Erneuerung uralter Weisheit. Laut der Aussage in Mk ging es ihm nicht um menschliche oder kirchliche Glaubenssätze, sondern um „Gottes Gebot“, was ich interpretiere als „die der Schöpfung innewohnenden Prinzipien“. Diese scheinen durch fehlerhafte Interpretationen verschüttet zu sein. Aus diesem Grund hält Jesus nichts von den Pharisäern und Gelehrten, denn sie verkünden Menschenworte.

Jesus spricht: „Wehe ihnen, den Pharisäern, denn sie gleichen einem Hund, der auf dem Futtertrog der Rinder schläft, denn weder frisst er noch (lässt) er die Rinder fressen.“ (EvThom 102)

Jesus spricht: „Die Pharisäer und die Schriftgelehrten haben die Schlüssel der Erkenntnis empfangen, (doch) sie haben sie versteckt. Weder sind sie hineingegangen noch haben sie die gelassen, die hineingehen wollten. (…)“ (EvThom 39)

Jesus stellt sich hier eindeutig gegen das Geheimwissen der Schriftgelehrten und deren Deutungshoheit. Er spricht in diesen Metaphern den Pharisäern ab, die Wahrheit, die ihnen gegeben wurde, zu erkennen, denn sie „fressen nicht/gehen nicht hinein“. Sie lassen aber auch andere nicht an den Erkenntnissen teilhaben, denn sie lassen „die Rinder nicht fressen/andere nicht hinein“. Die von Jesus verkündete Wahrheit muss, wenn es sich nicht um Menschenworte handelt, universell sein, unabhängig vom menschlichen Geist. Wir können diese „absolute Wahrheit“ auch als Prinzipien oder Gesetzmäßigkeiten bezeichnen, die im Kosmos herrschen und die in uns und auf uns wirken. Sie waren bereits vorhanden, bevor es überhaupt Menschen gab. Sie sind also unabhängig von menschlichen Einordnungen.

Der Physiker Max Planck erkannte von den Menschen unabhängige Prinzipien, für die er den Begriff „Weltordnung“ benutzte: „In jedem Falle dürfen wir zusammenfassend sagen, dass nach allem, was die exakte Naturwissenschaft lehrt, im gesamten Bereich der Natur, in der wir Menschen auf unserem winzigen Planeten nur eine verschwindend kleine Rolle spielen, eine bestimmte Gesetzlichkeit herrscht, welche unabhängig ist von der Existenz einer denkenden Menschheit, welche aber doch, soweit sie überhaupt von unseren Sinnen erfasst werden kann, eine Formulierung zulässt, die einem zweckmäßigen Handeln entspricht. Sie stellt also eine vernünftige Weltordnung dar, der Natur und Menschheit unterworfen sind (…).“ (PLANCK „Religion und Naturwissenschaft“, aus: Dürr (Hrsg.), 2012, S. 49)

„Der sogenannte teleologische Gottesbeweis, den die theologische Tradition von der antiken Philosophie her kennt und aufgenommen hat, hat bei Thomas von Aquin seine klassische Form erhalten (…). Der Beweis setzt bei der von uns wahrgenommenen Ordnung in der geschöpflichen Welt ein und schließt auf rationalem Wege auf einen ersten Ordner, der mit Intelligenz und Wille ausgestattet sein muss, weil es sonst zu keiner Ordnung käme, und den wir »Gott« nennen.“ (AXT-PISCALAR, 2008, S. 310)

Im Buddhismus bezeichnet der Begriff „Dharma“ u.a. eine Gesetzmäßigkeit, „welche die Art und Weise beschreibt, wie die Dinge sind und wie die Natur des Geistes, der wahrnimmt und weiß, beschaffen ist.“ (KABAT-ZINN, 2010, S. 64)

Die Namen, die den Weltmenschen mitgeteilt werden, verursachen eine große Irreführung. Denn sie wenden ihren Sinn weg von dem Feststehenden (und) hin zu dem Nichtfeststehenden. So erfasst, wer (den Namen) „Gott“ hört, nicht das Feststehende, sondern er erfasst das Nichtfeststehende. Ebenso verhält es sich auch mit (den Namen) „Vater“, „Sohn“, „Heiliger Geist“, „Leben“, „Licht“, „Auferstehung“, „Kirche“ (und) allen anderen (Namen). Man erfasst nicht das Feststehende, sondern man erfasst das (Nicht)feststehende. (Jedoch) hinweisen können sie auf das Feststehende. (EvPhil 11a)

Mit dem Feststehenden ist nicht die Materie gemeint, sondern im Gegenteil die nicht-materiellen Schöpfungsprinzipien. Sie sind unveränderbar und unvergänglich und waren vor der Menschheit da. Das Nichtfeststehende ist das, was veränderlich ist und vergänglich. Wenn wir die Namen hören, die die Schöpfungsprinzipien benennen, dann entstehen in uns Bilder. Diese Bilder sind veränderlich und deshalb nichtfeststehend. Wir verwechseln sie mit dem Feststehenden, doch es sind nur unsere Vorstellungen davon. Die Bilder bleiben Bilder und sind nicht identisch mit dem, für das sie stehen.

Die Frage nach dem, was vor der Schöpfung war, bewegt die Menschen seit Jahrtausenden. Platon etwa ging in seiner Erkenntnistheorie von einer Uridee aus, in der das Unwandelbare und Vollkommene zu finden sei. „Es muss eine Welt der Ideen oder Formen geben, die völlig getrennt ist von der materiellen Welt. (…) Die Welt der Ideen ist das eigentlich »Reale«, die Welt um uns nur eine der Erscheinungen, die nach jener geformt ist.“ (BUCKINGHAM et al., 2011, S.53) Platon ging davon aus, dass das Wissen um dieses Unwandelbare uns angeboren sei. (Vgl. ebenda, S. 54)

Aber die Wahrheit ließ Namen in der Welt entstehen um unseretwillen, die wir sie nicht erkennen können ohne die Namen. Eine einzige ist die Wahrheit. Und doch ist sie vielgestaltig – und zwar unseretwegen, um (uns) diesen einen, so weit wie möglich, erkennen zu lassen durch vieles. (EvPhil 12c)

Die vielen Namen, Ausdrucksformen und Beschreibungen, die die Menschheit für das Feststehende gefunden hat, machen es schwierig, es hinter dieser Vielgestaltigkeit zu erkennen. Diese Vielgestaltigkeit existiert auch innerhalb eines Denkgebäudes, denn es können verschiedene Bezeichnungen für das gleiche Bezeichnete verwendet werden oder eine Bezeichnung hat umgekehrt mehrere Bedeutungen oder es sind verschiedene Ebenen angesprochen. Das macht es schwer, das Feststehende zu erkennen. Jesus etwa wird in der Bibel einmal als Mensch beschrieben und ein andermal als Gott. Nichtsdestotrotz muss die „Wahrheit“, die Gesetzmäßigkeiten im Kosmos, nach denen sich Leben entwickelt, universelle Gültigkeit haben. Auch die Naturgesetze sind Gesetzmäßigkeiten und haben Allgemeingültigkeit. Ein reifer Apfel in Patagonien (falls es dort Apfelbäume geben sollte) ergibt sich dort genauso der Schwerkraft und fällt auf die Erde wie eine Orange in Spanien oder ein Pfirsich in China. Der Astrophysiker Bernard Haisch schlägt daher vor, „die Naturgesetze als die Manifestation der Ideen Gottes zu betrachten (…).“ (HAISCH, 2014, S. 122)

Dies sind die verborgenen Worte, die der lebendige Jesus sagte, und Didymos Judas Thomas schrieb sie auf. Und er sprach: „Wer die Deutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.“ (EvThom 1)

Der Sinn der Worte ist also verborgen. Er entzieht sich oftmals dem Leser. Zum EvThom schreibt Katharina Ceming: „Die Sprüche Jesu offenbaren die Wahrheit des Vaters, und doch ist diese Wahrheit, die das Evangelium zu vermitteln hat, nicht jedermann zugänglich. Nur der, der es versteht, in das tiefere Verständnis der Schrift einzudringen, wird wirklich »verstehen«.“ Es lädt den Leser dazu ein, „seinen Code zu knacken.“ (CEMING et al., 2009, S. 124)

Mit diesem Buch biete ich eine Lesart des Codes an, für dessen Entschlüsselung ich meine Kenntnisse aus der Physio-Philosophie über die Prozesse der Lebensenergie herangezogen habe. Mit diesem Wissen lassen sich viele unverständliche Aussagen sinnhaft erschließen und die Schöpfungsprinzipien im christlichen Gedankengut identifizieren.

Die Wahrheit kam nicht nackt in die Welt. Vielmehr ist sie gekommen in Symbolen und Bildern. Sie (sc. Die Welt) kann sie nicht anders empfangen. (EvPhil 67a) Denn mit der Wahrheit verhält es sich (nur in Umkehrung) wie mit der Unwissenheit: Solange sie verborgen ist, ruht sie in sich; wenn sie aber ans Licht tritt und erkannt wird, wird sie gepriesen, insofern als sie mächtiger als die Unwissenheit und der Irrtum ist. Sie schenkt die Freiheit. Das Wort sagte: „Wenn ihr die Wahrheit erkennt, wird die Wahrheit euch frei machen.“ Die Unwissenheit leistet Sklavendienste. Die Erkenntnis ist Freiheit. Wenn wir die Wahrheit erkennen, werden wir die Früchte der Wahrheit in uns finden. Wenn wir uns mit ihr verbinden, wird sie unsere Vollendung empfangen. (EvPhil 123d)

Der Begriff „Wahrheit“ ist nicht unproblematisch, wurden und werden doch im Namen der Wahrheit Kriege geführt, Menschen unterdrückt und sogar ermordet. Viele Religionen sprechen davon, als einzige die „Wahrheit“ zu kennen. Mit Wahrheit ist in EvPhil das gemeint, was unabhängig von den Menschen existiert. „Wahrheit ist zeitlos und jenseits von Zeit und Raum.“ (BURMEISTER, aus: PFLÜGER et al., 1997, S.11)

Man könnte die Religionen als unterschiedliche Konzepte der Menschen betrachten, mit denen sie diese „Wahrheit“, das über den Menschen Hinausweisende, das Unvergängliche, in Worte zu fassen versuchen. Dass dabei „Menschliches“ mit einfließt, liegt in der Natur der Sache, denn wir leben innerhalb von Zeit und Raum. Wir alle haben unsere Konzepte über die „Wirklichkeit“ und die Welt. Nicht nur die Religionen, auch Atheismus ist ein Konzept. Wir benötigen unsere Konzepte, um uns im Leben orientieren zu können. Trotzdem sind es lediglich Konzepte von etwas und nicht die „Sache“ selbst. Die Physiker sagen, es gibt keine objektive Wirklichkeit. „Unsere Denkgewohnheiten werden zu Wahrnehmungen, die zwar einflussreich und weit verbreitet sind, aber nicht universell oder »wahr«.“ (ZAJONC, 2008, S. 54)

Von diesen menschlichen Konzepten unabhängig existiert eine universelle und grundlegende Kraft. Durch diese Kraft/Intelligenz entstand nicht nur das für uns unvorstellbare Universum, sondern auch das Universum unseres Körpers mit ungefähr 100 Billionen Zellen, die sich aus einer einzigen Zelle entwickelt haben und ihrem harmonischen Zusammenspiel. Dahinter stehen bestimmte Prinzipien, nach denen sich Leben entwickelt und überhaupt erst entwickeln kann, denn sie bringen eine bestimmte Ordnung, sie sind Ordnungsstrukturen. Bernard Haisch meint: „Erfahrung und Beobachtung zeigen mir, dass alles Lebendige selbstschöpferischen und selbstorganisierenden Charakter hat, was auf den Einfluss einer höheren Ordnung schließen lässt.“ (HAISCH, 2014, S. 60f) Diese höhere Ordnung oder auch Schöpfungsprinzipien wirken auf uns und bestimmen unser Sein. „Der Körper ist lediglich ein Gefäß für Prinzipien.“ (BURMEISTER, aus: PFLÜGER et al., 1997, S.24)

Die Bilder und Symbole für die Lebensenergie und ihre Prozesse habe ich im christlichen Kontext identifiziert und sichtbar gemacht. Im biblischen und urchristlichen Gedankengut ist die „feststehende Wahrheit“, die kosmische lebensschöpfende Kraft und ihre Prinzipien erkennbar. Es ist das Licht Gottes, die Lebensenergie, die uns erschafft. Mehr denn je besteht meines Erachtens die Notwendigkeit, ein Verständnis für das Unwandelbare, die Schöpfungsprinzipien unserer Urquelle, zu entwickeln, gleich welchen Namen wir dieser Urquelle geben. Die Wahrheit hat laut Jesus das Potential, uns zu befreien.

4. Das Konzept der Physio-Philosophie

Das Konzept der Physio-Philosophie ist sehr ausdifferenziert und umfasst alle Ebenen des Schöpfungsprozesses: die nicht-manifestierte und geistige, die sich manifestierende und seelische, die manifeste und physische Ebene. Insofern ist es ein ganzheitliches Konzept. Der Name Jin Shin Jyutsu Physio-Philosophie®1 bedeutet: „Die Kunst des Schöpfers durch den mitfühlenden (sich selbst erkennenden) Menschen.“ Der Japaner Jiro Murai (1886 – 1961) hat das Wissen über die Physio-Philosophie vor über 100 Jahren wiederentdeckt und ins Bewusstsein der Menschen gerückt, weshalb sie einen japanischen Namen trägt. Es handelt sich dabei jedoch keineswegs um etwas spezifisch Japanisches oder Asiatisches, sondern um ein universelles, der Menschheit angeborenes natürliches Wissen. Jin Shin Jyutsu ist keine Religion, sondern die Philosophie, die sich auf den ganzen Menschen bezieht.

Die Physio-Philosophie ist die Lehre von der Lebensenergie, die durch uns und durch alles Lebendige fließt. Diese Universelle Energie genannte Schöpfungsenergie fließt auf bestimmten Bahnen durch unseren Körper und wird dort verteilt. Das Wissen um diese Energie, die den Körper baut und erhält, gibt es seit vielen tausend Jahren.

Im indischen Yoga nennt man die feinstofflichen Energiekanäle „Nadis“, was so viel wie „Strom“, „Fluss“ oder auch „Strom des Bewusstseins“ bedeutet. Die Traditionelle Chinesische Medizin sowie die japanische Medizin kennt die Energiebahnen unter dem Begriff „Meridiane“, was „Gefäße“ heißt. Die Meridiane sind die Grundlage von Akupunktur und Akupressur.

Die Physio-Philosophie offenbart die Verbindung der göttlichen Schöpfungskraft mit unserem Körper. Sie beinhaltet jedoch nicht nur die Beschreibung der Schöpfungsprozesse, sondern auch deren Harmonisierung mit Hilfe unserer Hände. Die Lebensenergie fließt in einer besonderen Form durch unsere Hände und strahlt von ihnen aus. (Siehe Umschlagfoto Maria mit strahlenden Händen.) Durch das Auflegen der Hände auf den Körper wird eine Entspannung initiiert und energetische Blockaden können gelöst werden. „Jin Shin Jyutsu wird (…) mit dem Stimmen eines »unsauber« klingenden Instruments verglichen. Der Körper wird nicht repariert, sondern gestimmt.“ (MEINHARDT, 2005, S. 19) Die Harmonisierung geschieht auf allen Ebenen, körperlich, seelisch und geistig. Die Selbstheilungskräfte werden unterstützt und aktiviert und Gefühle und Gedanken beruhigt. Es handelt sich dabei nicht um eine Methode, sondern um eine Harmonisierungskunst, bei der Bewusstsein und Verständnis eine Rolle spielen.

Durch unser natürliches angeborenes Wissen, unsere körpereigene innere Weisheit, nutzen wir diese Energie häufig unbewusst, um uns zu harmonisieren, indem wir spontan unsere Hände auf bestimmte Körperstellen auflegen oder unsere Hände und Finger halten. Das ist das „nicht geheime Geheimnis der Kraft in unseren Fingern und Händen“ (Jiro Murai,). Es wird „strömen“ genannt oder auch „unsere Starthilfekabel anlegen“, da unsere Hände wie zwei Starthilfekabel funktionieren, die die Universelle Energie fließen lassen. Wenn uns etwas weh tut, führen wir automatisch die Hände an die schmerzende Stelle. Man kann beobachten, wie Menschen sich intuitiv selbst strömen, etwa wenn sie beim Nachdenken den Kopf auf die Hand stützen und dabei die Stirn (unterstützt geistige Prozesse) und die Wangenknochen (klärt Verstand) berühren. Oder wenn sich ein Sportler nach einem anstrengenden Lauf die Hüftknochen hält (unterstützt die Einatmung, bringt neuen Sauerstoff/Energie). Kinder setzen sich oft auf ihre Hände (unterstützt Konzentration und Regeneration) oder Menschen halten sich das Handgelenk (entspannt die Nerven).

Die Heilung durch Auflegen der Hände ist in vielen Kulturen bekannt. In unseren Händen (und Füßen) ist die göttliche Lebensenergie besonders präsent, weshalb wir auch den göttlichen Segen mit der Hand weitergeben können. In der Bibel wird von verschiedenen Situationen erzählt, in denen Jesus Kranke berührte und seine Hände zum Heilen nutzte. Bei der Anwendung der Physio-Philosophie benutzen wir ebenfalls die Hände durch Auflegen auf den Körper, aber nicht ausschließlich. Auch die Heilkraft verschiedener Handstellungen, sogenannter Mudras, ist bekannt. Mudras zeugen ebenso von der besonderen Wirkkraft der Hände. Wie das Strömen werden sie oft unbewusst ausgeführt.

Mudras sind besondere Handstellungen, die man traditionell zur Heilung und zur Erlangung einer höheren Bewusstseinsebene verwendet. Sie sind nicht nur aus dem östlichen Kulturkreis bekannt. Gertrud Hirschi, eine bekannte Yogalehrerin aus der Schweiz und Autorin mehrerer Yogabücher berichtet, dass Mudras selbst bei den Urvölkern auf dem amerikanischen Kontinent bekannt waren. „Der Begriff Mudra stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Siegel. Wenn man das Wort in Silben aufgliedert, steht die Silbe mud sinngemäß für »Freude« und ra für »auslösen«. Salopp ausgedrückt heißt das: Eine Mudra ist ein Siegel, das Freude bringt. Mudras sind Gesten der Hände und Finger, die man seit Urzeiten auf der ganzen Welt kennt. Alles, was Menschen denken und fühlen, drücken sie mit entsprechenden Gesten aus – sei es nun im Alltag oder während der Meditation bzw. während des Gebets.“ (HIRSCHI, 2003, S. 12) Häufig kann man Darstellungen von Jesus, Buddha oder anderen Heiligen mit Mudras sehen. Außer ihrer Wirkung auf Körper und Geist haben sie auch eine symbolische Bedeutung.

Wir Menschen haben also das Wissen über die Kraft unserer Hände, die uns von der Schöpfung geschenkt wurde, in uns und nutzen es unbewusst. Es handelt sich um eine universelle Weisheit, die überall und zu allen Zeiten vorhanden war.

Jiro Murai wurde als Sohn einer traditionsreichen japanischen Medizinerfamilie geboren. Er war nicht der Erstgeborene und musste daher nicht selbst Arzt werden. So studierte er die Seidenraupenzucht. In jungen Jahren führte er ein ausschweifendes Leben, suchte Extremsituationen auf und beobachtete, wie sein Körper darauf reagierte. Zum Beispiel veranstaltete er Ess- und Trinkgelage und Esswettbewerbe. Bereits mit 26 Jahren war er so krank, dass ihm niemand mehr helfen konnte und die Ärzte ihn aufgaben. Seine Familie musste seinem Verfall tatenlos zusehen. Dem Tode nahe wollte er alleine sein und weder in einem Krankenhaus noch bei seiner Familie sterben. Schließlich bat er darum, auf eine einsame Berghütte gebracht zu werden, um dort sieben Tage zu bleiben. Dort fastete und meditierte er und führte die ihm von Buddhastatuen bekannten Hand- und Fingerhaltungen (Mudras) durch.

Sein Körper wurde von Tag zu Tag kälter, er schwebte zwischen Bewusstheit und Bewusstlosigkeit und jeden Tag fragte er sich, ob das nun sein letzter sei. Am siebten Tag verspürte er eine gewaltige Hitze. Als sie nachließ, wusste er, dass er von seinen Beschwerden geheilt war.

Jiro war sich sicher, dass er aufgrund dessen, was er vor seinem nahenden Tod praktiziert hatte, geheilt wurde und machte sich Gedanken über die großen Weisen der Vergangenheit. Buddha hatte gefastet und meditiert, bevor er unter dem Bodhi-Baum Erleuchtung erlangte. Auch Jesus hatte 40 Tage in der Wüste gefastet, wo er die Einheit mit Gott fand. Jiro hatte ebenso gefastet, schon bevor er auf die Berghütte kam.

Voller Dankbarkeit und Ehrfurcht widmete Jiro Murai sein Leben der Erforschung des Geheimnisses seiner Heilung. Er studierte die Krankheiten der Menschen und suchte nach den Ursachen für ihre Disharmonien. Zum Dank für eine Heilbehandlung erhielt er vom japanischen Kaiser den Zutritt zur kaiserlichen Bibliothek und damit Zugang zu alten Schriften. „Alten Aufzeichnungen zufolge, die in den Archiven des kaiserlichen Palastes in Japan aufbewahrt werden, war JIN SHIN JYUTSU bereits vor der Geburt des Gautama Buddha in Indien und der von Moses, die in der Bibel aufgezeichnet ist, weit verbreitet (…) JIN SHIN JYUTSU ist ein angeborener Teil menschlicher Weisheit.“ (BURMEISTER, 1990, S. 1)

Jiro Murai hat zeitlebens geforscht, besonders an sich selbst. Durch Fasten und Meditation war er in der Lage, den Verlauf der Energieströme in seinem Körper zu spüren. Lange Zeit behandelte er Obdachlose und Arme in Tokios Straßen. Der Heilkunst mit den Händen gab er den Namen „Jin Shin Jyutsu“, was bedeutet: Die Kunst des Schöpfers durch den mitfühlenden (sich selbst erkennenden) Menschen. „Denn je länger er Erfahrungen in der Anwendung der Mudras und der Ströme sammelte, umso deutlicher wurde für ihn, dass es sich bei seiner Lebenskunst um die wahre Kunst des liebenden Schöpfers durch den gütigen, mitfühlenden, bewussten und verstehenden Menschen handelt.“ (RIEGGER-KRAUSE, 2005, S. 13) (Mehr zur Geschichte Jiro Murais ist aus dem Vortrag von David Burmeister, Direktor von JSJ Inc. aufwww.jsj -portal.dezu entnehmen.)