Verlag: Ullstein eBooks Kategorie: Fachliteratur Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Was würdest du tun? E-Book

Michael Bohmeyer  

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E-Book-Beschreibung Was würdest du tun? - Michael Bohmeyer

2014 begann Michael Bohmeyer ein bis dahin undenkbares Gesellschaftsexperiment: Per Crowdfunding sammelte er 12.000 Euro, die er gleich wieder verloste – ein Jahr lang 1.000 Euro im Monat, bedingungslos. Der Verein »Mein Grundeinkommen« entstand. Inzwischen haben über 250 Menschen das Grundeinkommen gewonnen und das Thema ist zur hoffnungsvollsten Idee unserer Zeit geworden, die Millionen Menschen inspiriert.Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen berichten, wie sich das Leben der Gewinner verändert hat. Zum Beispiel Christoph, der seinen Job im Callcenter kündigte, eine Erzieher-Ausbildung begann und nebenbei eine chronische Krankheit besiegte. Das Grundeinkommen ist mehr als Geld. Es entfesselt notwendige Kräfte und Fähigkeiten, um den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen gewachsen zu sein. Ein Bericht aus einem der spannendsten Sozial-Labore der Welt. Und ein Neuentwurf für eine Gesellschaft und Arbeitswelt im radikalen Umbruch.

Meinungen über das E-Book Was würdest du tun? - Michael Bohmeyer

E-Book-Leseprobe Was würdest du tun? - Michael Bohmeyer

Was würdest du tun?

Die Autoren

Michael Bohmeyer,* 1984, ist Gründer des Vereins "Mein Grundeinkommen". Mit Ende 20 hatte er ein erfolgreiches IT-Unternehmen aufgebaut und lebt von den Erträgen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Das veränderte sein Leben. Um herauszufinden, ob das allen Menschen so geht, verschenkte er das per Crowdfunding eingesammelte erste bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland. Inzwischen arbeiten 25 Mitarbeiter für den Verein, der jährlich 3 Millionen Euro über Spenden eintreibt.

Claudia Cornelsen ist Gründerin und Geschäftsführerin einer Kommunikationsagentur in Berlin und berät Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Die gelernte Journalistin hat als Autorin und Ghostwriterin bereits zahlreiche Bücher geschrieben. Sie engagiert sich seit vielen Jahren für das Bedingungslose Grundeinkommen.

Das Buch

Etwa die Hälfte der Deutschen befürwortet die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Die Erfahrungen der Gewinner von »Mein Grundeinkommen« zeigen, dass davon die ganze Gesellschaft profitieren würde. Auf ihrer Reise durch das Grundeinkommens-Deutschland treffen die Autoren 24 Menschen, die das Leben mit Grundeinkommen verändert hat: Von der prekär beschäftigten Multijobberin über die Krankenschwester und den »normalen« Angestellten bis hin zu einem Sohn reicher Eltern. Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen entdecken bei ihnen allen das Grundeinkommensgefühl: Keinen Mangel mehr zu empfinden, sein Leben neu denken und in die Hand nehmen zu können und abgesichert zu sein, macht die Gewinner stark. Existenzangst weicht einem Gefühl der Existenzberechtigung, bedingungslos. Das holt nicht nur Menschen am Rande der Gesellschaft zurück in den Kreis der Gemeinschaft, sondern führt selbst bei denjenigen zu einem neuen Lebensgefühl, die immer dachten, dass sie eigentlich genug hätten. Wenn der Staat sich großzügig und nährend zeigen, wenn er seine Bürger ermächtigen statt bevormunden würde, entstünden Zutrauen, Empathie und ein neues Wir-Gefühl. Bedingungsloses Grundeinkommen beschleunigt die Verbesserung unserer Gesellschaft, weil es den Hebel nicht außen ansetzt, sondern im Kern der Menschen etwas verändert.

Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen

Was würdest du tun?

Wie uns das bedingungslose Grundeinkommen verändert - Antworten aus der Praxis

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Econ ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH

© der deutschsprachigen AusgabeUllstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019Alle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: FHCM®, BerlinAutorenfotos: © Mein Grundeinkommen e.V., Christian Stollwerk (Bohmeyer); Oliver Betke (Cornelsen) E-Book-Konvertierung powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-8437-2088-5

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Inhalt

Titelei

Die Autoren / Das Buch

Titelseite

Impressum

 

Vorwort

I. EIN WELTWEIT EINZIGARTIGES EXPERIMENT

II. WAS MAN MIT GELD MACHEN KANN

(1) Konsumieren

(2) Sparen

(3) Investieren

(4) Weitergeben

III. GESELLSCHAFT, GELD UND GEFÜHLE

(1) Angst, Mangel und Entspannung

(2) Spass, Schuld(en) und (Ohn)Macht

(3) Zuckerbrot und Peitsche

IV. DAS GRUNDEINKOMMENSGEFÜHL

1. Facette: Zutrauen

2. Facette: Freiheit von …

3. Facette: Freiheit zu …

4. Facette: Selbstfürsorge

5. Facette: Tatendrang

6. Facette: Gemeinschaftsgefühl

V. ABSCHLUSS DER RUNDREISE

14 Erkenntnisse

Nachbemerkung

Danke,

Anhang

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Vorwort

Vorwort

»Man muss das Bedingungslose Grundeinkommen erst mal denken können!« Diesen Satz habe ich bestimmt schon tausendmal gesagt. Das Denken macht den Anfang. Wenn wir eine Vorstellung davon haben, was wir wollen, dann beginnt das Handeln – quasi von allein.

Es ist wie ein Sog. Die Vision einer besseren Welt treibt uns an. Die jungen Menschen in dem Verein Mein Grundeinkommen in Berlin tragen eine solche Vision in sich. Also machten sie sich auf den Weg. Inzwischen gibt es mehr als eine Million Unterstützer. Sie alle können das Bedingungslose Grundeinkommen denken. Und sie probieren es aus. Voller Mut. Voller Ver-trauen.

Es geht nicht um Statistiken, nicht um theoretische Modelle, nicht um Debatten über Finanzierbarkeit. Das haben Claudia und Micha bei den Gesprächen mit den Gewinnerinnen und Gewinnern des einjährigen Bedingungslosen Grundeinkommens eindrücklich herausgefunden. Es geht um die Erfahrung der Bedingungslosigkeit im Menschsein. Es geht darum, dass wir uns wechselseitig ermöglichen, die uns innewohnenden Potenziale zu entfalten. Wenn wir den Herausforderungen der Welt angemessen begegnen wollen, brauchen wir weder Druck noch Übermut, sondern liebevolle, mutige Menschen – und damit sie wirken können, brauchen sie ein Grundeinkommen, bedingungslos.

Dieses Buch erzählt davon, welche neuen Lebensperspektiven Menschen entwickeln, wenn sie das Bedingungslose Grundeinkommen am eigenen Leib verspüren. Die Welt sieht plötzlich anders aus. Und beim Lesen lernt man: Das Bedingungslose Grundeinkommen muss man nicht nur denken können, sondern auch fühlen!

Götz Werner, November 2018

I. EIN WELTWEIT EINZIGARTIGES EXPERIMENT

Start zu einer ungewöhnlichen Safari

Mit dem Thema Bedingungsloses Grundeinkommen kennen wir uns aus, dachten wir. Wir haben so ziemlich alles gelesen und gehört, was in diesem Zusammenhang geschrieben und gesagt wurde. Wir reisen zu Grundeinkommens-Kongressen in aller Welt und verfolgen Pilotprojekte rund um den Globus. Wir sprechen seit Jahren über unterschiedliche Ideen und Spielarten des Grundeinkommens, können negative Einkommenssteuer und Konsumsteuer erklären und diskutieren beherzt über Finanzierungsmöglichkeiten, Arbeitsmarkteffekte und Sozialstaatstheorien.

Wir dachten, wir wüssten alles – jetzt ist uns klar: Wir hatten keine Ahnung!

Wir sind zehn Tage durch Deutschland gereist und haben Interviews mit Menschen geführt, die versuchsweise für ein Jahr ein Bedingungsloses Grundeinkommen beziehen. In den Gesprächen haben wir Dinge erfahren und Sätze gehört, von denen wir niemals zuvor gedacht hätten, dass wir sie hören würden, geschweige denn, dass sie irgendetwas mit Grundeinkommen zu tun haben könnten.

Die Interviews haben alle Argumente, die üblicherweise gegen das Bedingungslose Grundeinkommen vorgetragen werden, widerlegt: das Hängematten-Argument, das Müllmann-Argument, das Inflations-Argument. Obwohl: »widerlegt« ist das falsche Wort. Präziser müsste es heißen: In den Gesprächen wurde deutlich, dass die üblichen kritischen Fragen irrelevant sind:

Wer geht denn dann noch arbeiten? Legen sich dann nicht alle Menschen in die Hängematte?

Wer macht dann die Arbeiten, zu denen keiner Lust hat? Wer kümmert sich zum Beispiel um die Müllabfuhr?

Wird nicht alles teurer, weil Menschen mit Grundeinkommen mehr Geld ausgeben?

Die Erfahrungen und Erlebnisse, die wir von den Grundeinkommens-Pionieren erzählt bekamen, waren so anders, so vielfältig und facettenreich, dass klar ist: Ein Bedingungsloses Grundeinkommen wirft in der Praxis ganz andere Fragen auf, als man sich in der Theorie ausdenken kann.

Zugegeben, wir hatten unsere Recherche zu diesem Buch mit einer starken Hypothese begonnen. Im Exposé für die Verlage hatten wir mit donnernden Worten über die gesellschaftlichen Dimensionen des Grundeinkommens fabuliert. Stichworte: Grundeinkommen und Digitalisierung; Grundeinkommen als Gegenmittel zur gesellschaftlichen Spaltung; Grundeinkommen als Stoppschild gegen den Rechtsruck; Grundeinkommen als wirkungsvolle Bremse gegen den Klimawandel.

Und natürlich hatten wir gehofft, dass das Bedingungslose Grundeinkommen unsere Gesellschaft zum Positiven verändert. Aber insgeheim fragen wir uns: Kann das wirklich wahr sein?

Die ersten tausend Euro – Bedingung: bedingungslos!

Seit seinem 16. Lebensjahr gründete Micha Internetfirmen. Mit 29 brauchte er Veränderung, kündigte und hatte ab Januar 2014 zum ersten Mal in seinem Leben nichts zu tun. Finanziert wurde sein Lebensunterhalt von den Gewinnen der letzten Firma. Die waren nicht üppig, aber reichten zum Leben. Vor allem aber waren sie an keine Gegenleistung gekoppelt – ein Bedingungsloses Grundeinkommen! Micha stellte fest: Es ist gar nicht so leicht, »nichts« zu tun. Verblüfft bemerkte er, wie sich durch das leistungslose Geld sein ganzes Leben veränderte.

Es war Januar und dunkel. Er mietete sich einen Büroplatz, obwohl er eigentlich nichts zu tun hatte. Er »brauchte« einen Arbeitsplatz. In seinem Lebenslauf waren keine Lücken, er kannte keine Rast. Aber es gab nichts zu tun für ihn. Er hat seine Wohnung schön gemacht, die Wände gestrichen, ein neues Bett gebaut, aufgeräumt und alte Dinge weggeschmissen. Aber das half nur kurz: Irgendwann war die To-do-Liste leer.

Okay, sagte er sich, du musst jetzt lernen, nichts zu tun. Er ging in den Park, setzte sich ans Ufer und versuchte, nichts zu machen. Es war schrecklich. Er war unausgeglichen. Er war unzufrieden mit sich selbst.

Andererseits waren seine Bauchkrämpfe plötzlich weg. Solange er denken konnte, hatte er diese Krämpfe gehabt. Sie hatten zu ihm gehört wie die Nase im Gesicht. Jetzt setzte eine ungewohnte Entspannung ein, und die Schmerzen waren weg. Und die Beziehung zu seiner kleinen Tochter veränderte sich plötzlich: Vorher hatte es oft Knatsch gegeben, vielleicht weil er ungeduldiger gewesen war, dünnhäutiger, sich keine Zeit gelassen hatte, um herauszufinden, was die Zweijährige brauchte, wenn sie weinte oder klagte.

Statt einer neuen To-do-Liste schrieb er sich eine Liste, was er im Leben wirklich will. Er entdeckte ein völlig neues Lebensgefühl, hatte plötzlich Lust auf Lernen. In der Schule und während des Studiums hatte er nie Lust gehabt zu lesen. Jetzt eroberte er unerwartet die Welt der Bücher und des Wissens, wollte Gesellschaft und Politik besser verstehen. War das etwa der Effekt eines Grundeinkommens?

Micha staunte. Aber er wollte nicht einfach von sich auf andere schließen. Er musste es ausprobieren: Wie würde es anderen in so einer Situation gehen? Er begann zu recherchieren und schrieb Mails an die Initiatoren eines Potsdamer Grundeinkommens-Experiments, ans Netzwerk Grundeinkommen und an die Schweizer Initiative Grundeinkommen, sinngemäß:

»Ich möchte das Grundeinkommen ausprobieren. Ihr habt soundsoviele Mitglieder. Stellt euch vor, sie würden monatlich Geld in einen Topf legen, und dann würde man eine Person auslosen, die monatlich tausend Euro als Grundeinkommen erhält.«

Er bekam von keinem eine Antwort. Das war einerseits frustrierend. Andererseits hatte er ja auch außer einer simplen Verlosungsidee nichts zu bieten.

Anfangs hatte Micha nur einen einzigen Unterstützer, seinen alten Freund Thomas Gottschalk, Solarenergie-Unternehmer und Namensvetter des berühmten Fernsehmoderators, der lustigerweise später in seiner Talksendung im Mai 2017 Grundeinkommen verloste. Aber die Freunde hatten unterschiedliche Vorstellungen: Micha betrachtete seine Idee wie ein normales Start-up-Business. Menschen, so war er überzeugt, würden nur dann Geld geben, wenn sie selbst gewinnen könnten. Warum sollten sie sonst mitmachen? Thomas hingegen forderte ihn auf, jede Einschränkung aufzuheben. »Bedingungslos heißt bedingungslos. Lass alle Menschen an den Verlosungen teilnehmen, auch wenn sie selbst kein Geld spenden. Wenn du das machst, dann spendiere ich dir die ersten tausend Euro für den Lostopf!«

Im April 2014 durfte Micha auf dem Sozialforum der Piraten-Partei in Essen seine Idee vorstellen und wurde von Kritikern auseinandergenommen: So eine simple Lotterie verwässere die wunderbare Utopie einer gerechteren Grundeinkommens-Gesellschaft. Nur eine einzige Person fragte pragmatisch und unideologisch nach und verstand sofort, dass diese Idee umgesetzt werden muss: Johannes Ponader. Zufällig trafen sich die beiden auf der Heimfahrt im Zug wieder, gemeinsam entwickelten sie Kampagnenideen, und die nächsten zwei Jahre wurde Johannes zu einer Art Geburtshelfer des Vereins Mein Grundeinkommen.

Für Micha wurde es ein mehrmonatiger Reifungsprozess. Im Nachhinein sagt er: »Ich brauchte erst selbst ein halbes Jahr Bedingungsloses Grundeinkommen, um es anderen gönnen zu können.«

Ende Juni begann eine Kampagne auf der Crowdfunding-Plattform Startnext. Sobald 12 000 Euro gesammelt wären, sollte das Geld als Grundeinkommen verlost werden. Für die Abwicklung der monatlichen Zahlungen hatte Micha einen kleinen »nicht eingetragenen« Verein gegründet. Alles ganz simpel, um schnell loslegen zu können.

Die ersten tausend Euro kamen wie versprochen von Thomas. Micha hatte sich auf die Bedingungslosigkeit eingelassen, ohne wirklich zu glauben, dass die Leute dennoch spenden würden. »Eher friert die Hölle zu, als dass jemand bedingungslos Geld für andere gibt«, kommentierte jemand auf der Crowdfunding-Seite, »aber ich spende trotzdem.« Das etwa war auch Michas Befürchtung. Aber einen Versuch war es wert!

Er schrieb alle seine Freunde an: Macht mit! Über ein paar Ecken erfuhr eine Journalistin davon; sie schrieb einen Blogbeitrag über die Kampagne auf The European. Die Nachricht breitete sich aus wie ein Lauffeuer. Wenige Tage später erschien ein kleiner Artikel in der taz; auch der stand im Netz und ging »viral«.

Wider Erwarten war schon nach drei Wochen das erste Grundeinkommen finanziert. Und es ging weiter. Ende Juli war absehbar, dass mehr als zwei, vielleicht sogar mehr als drei Grundeinkommen zusammenkommen würden. Da rief das Frühstücksfernsehen an.

»Die holten mich morgens um sechs Uhr mit dem Taxi ab, und ich sollte live im Fernsehen von der Idee erzählen, die ich selbst noch gar nicht so klar hatte«, erinnert sich Micha. »Das war der mediale Wendepunkt. Seitdem reist die Idee mit mir, und ich bin Passagier. Sie ist größer als ich!«

Es folgten Interviews mit dem Deutschlandfunk und der Süddeutschen Zeitung. Es gab ständig neue Anmeldungen und unzählige E-Mails von Leuten, die Fragen aller Art hatten. Michas leere To-do-Liste füllte sich mit rasender Geschwindigkeit. Die Kampagne lief bis Mitte September. Bis dahin musste alles organisiert sein.

Die Hälfte seiner Zeit kümmerte sich Micha um seine kleine Tochter, die damals noch nicht im Kindergarten war. Den anderen Teil verbrachte er mit tausend Dingen gleichzeitig: Kampagne am Leben halten, Facebook-Einträge machen, Blogposts schreiben, den Geldeingang organisieren, das Konzept zu Ende denken, einen guten Termin und eine geeignete Location für die erste Verlosung finden, eine Lotterie-App programmieren und die Nutzernamen in Losnummern umwandeln. Es war eine wilde Zeit.

Micha war streckenweise völlig überfordert und machte eine erste überraschende Erfahrung: Als er irgendwann offen im Newsletter fragte: »Ich komme nicht mehr klar, wer hilft mir?«, meldeten sich sofort ein gutes Dutzend Leute: Leite die Mails an mich weiter, ich kümmere mich drum. Ich helfe dir bei der Organisation der Verlosung.

Am Ende war der Betrag für vier Grundeinkommen eingesammelt. Über 35 000 Menschen hatten sich beteiligt. Zur großen Überraschung aller Beobachter gab es mehr Spender als Verlosungsteilnehmer! Am meisten staunte Micha. Der Geschäftsmann in ihm wankte. Was sind das für Menschen, die Geld geben, damit andere es bekommen? Diese Frage ist bis heute die am häufigsten gestellte.

Obwohl die Kampagne zu Ende war, ging immer weiter Geld auf dem Konto ein. Jetzt war klar, dass es weitergehen würde, ja, weitergehen musste.

Die Vision, dass es irgendwann hundert Menschen mit Grundeinkommen geben könnte, schien nicht mehr utopisch. Also brauchte es eine professionelle Webseite, die ein Wachstum auf die zehnfache User-Zahl, also 400 000 oder mehr Menschen, bewältigen könnte. Juristisch musste das Provisorium beendet werden, der Verein musste ein »eingetragener Verein« mit anerkannter Gemeinnützigkeit werden. Es brauchte ein Team, das die Kampagnenarbeit, das Fundraising, die Betreuung der unzähligen Anfragen und die damit verbundene Verwaltung professionell abwickeln konnte. Und für all das brauchte es ein gesichertes Startkapital.

In dieser Situation stieß Claudia zu dem Team. Sie arbeitete seit vielen Jahren für Götz Werner, den Gründer der Drogeriemarktkette dm und den in Deutschland wohl prominentesten Befürworter eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Sie hatte für ihn als Ghostwriterin das Buch Tausend Euro für jeden und seine Autobiografie Womit ich nie gerechnet habe geschrieben. Außerdem war sie als Inhaberin einer PR-Agentur selbst unternehmerisch tätig und verfügte über langjährige Erfahrung im Thema Fundraising für Non-Profit-Organisationen.

Bei einem Kongress, der zu Ehren von Götz Werners Geburtstag in Berlin ausgerichtet wurde, lernte sie Micha kennen. Seither arbeitet sie mit, obwohl ihr anfangs ganz unverhohlen die skeptische Frage gestellt wurde: »Machen Sie jetzt etwa bei dieser Lotterie mit?« Aber sie ließ sich – wie wohl alle in dem Team von Mein Grundeinkommen – von der überwältigenden Resonanz auf die Kampagne mitreißen und spürte die Sehnsucht der Menschen, eine vollkommen neue Idee einfach mal auszuprobieren.

»Selbst wenn es am Ende nur ein Marketing-Tool ist, damit sich die Menschen über die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens Gedanken machen«, antwortete sie den Skeptikern, »dann ist es jede Minute wert!«

Mit dem Erfolg kommt die Selbstkritik

Im Herbst 2018, als dieses Buch entsteht, gibt es schon mehr als 200 Gewinnerinnen und Gewinner eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Im Januar 2019, wenn das Buch erscheint, werden es über 250 sein. Und wenn alles ungefähr so weiterläuft wie bisher, sind es Ende 2019 voraussichtlich 350 Menschen, die wissen, was es bedeutet, bedingungslos ein monatliches Grundeinkommen zu beziehen.

Ende 2018 sind etwa eine Million User auf der Webseite www.mein-grundeinkommen.de angemeldet. Es gibt 70 000 Dauerspender, sogenannte »Crowdhörnchen«, die jeden Monat zwischen einem und 420 Euro von ihrem Konto abbuchen lassen. Bei Drucklegung dieses Buches fließen monatlich 150 000 Euro in den Lostopf, und so werden also jeden Monat zwölf Gewinner ausgelost, die Grundeinkommen erhalten.

Die Spender geben auch – freiwillig und transparent, versteht sich! – Geld für die Vereinsarbeit, und zwar etwa genauso viel wie in den Lostopf. Sie verstehen offenbar, dass das Organisieren von Verein und Kampagne Arbeit macht, die finanziert werden muss. So arbeiten mittlerweile 25 Frauen und Männer für den Verein: Systemadministratoren, Social-Media-Manager, Campaigner, Fundraiser, Eventmanager, ein Buchhalter, eine Personalerin.

Statistisch betrachtet geben wir jeden Tag ein Interview für die Medien, sitzen dreimal pro Woche auf irgendeiner Podiumsdiskussion und beantworten bis zu 800 E-Mails am Tag. Wir hatten im Juli 2018 eine »Medienreichweite« von 35 Millionen Menschen im Monat, erreichen also über die unterschiedlichsten Kanäle fast die Hälfte aller Deutschen.

Als Micha anfing, war er der Freak in der Rubrik »Sonstiges«. Jetzt reden wir mit Politikerinnen und Politikern auf der höchsten Ebene, Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen fragen an, ob sie die Arbeit des Vereins begleiten dürfen.

Umfragen zeigen: Vor zehn Jahren kannte nur jeder Dritte die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens. Inzwischen befürwortet etwa jeder Zweite die Einführung eines Grundeinkommens.

Ob wir die Welle des Interesses und der Begeisterung selbst initiiert haben oder bloß auf ihr reiten, weiß niemand. Klar ist: Selten hat eine politische Idee so einen rasanten Aufstieg erlebt!

Doch obwohl das Thema Grundeinkommen ein derart gutes Momentum besitzt, haben wir in unseren über tausend Medienauftritten kaum Kritik bekommen. Ob das daran liegt, dass wir selbst auch Fragen und Zweifel am Grundeinkommen haben und öffentlich darüber sprechen?

Wir sind nämlich nicht angetreten, um andere von der Idee zu überzeugen, sondern um uns selbst die offenen Fragen zu beantworten und alle anderen auf diese Reise einzuladen. Deswegen sind wir es immer wieder selbst, die aus Sicht der »reinen Grundeinkommens-Lehre« die Mängel unseres Experimentes benennen:

Tausend Euro im Monat …

… reichen in einem teuren Land wie Deutschland nicht für ein wirkliches Existenzminimum. Wenn man davon nicht nur Essen, Trinken und eine Wohnung finanzieren will, sondern auch Gesundheitsversorgung, soziale und kulturelle Teilhabe, dann wird es verdammt knapp.

Ein Jahr Grundeinkommen …

… ist viel zu kurz. Ein echtes Bedingungsloses Grundeinkommen müsste ein Leben lang gezahlt werden. Erst dann könnte sich die (je nach Sichtweise segensreiche oder teuflische) Wirkung wirklich entfalten. Niemand würde seinen Job kündigen, wenn er wüsste, dass er in zwölf Monaten wieder einen braucht. Niemand würde sein Leben verändern, nur weil er ein Jahr lang ein bisschen mehr Geld auf dem Konto hat.

Tausend Euro zusätzlich …

… würde es in keinem echten Grundeinkommensmodell geben können. Der Schweizer Grundeinkommensaktivist Daniel Häni sagt zu Recht: Grundeinkommen ist kein zusätzliches Geld, sondern ein grundsätzliches. Zwar würden in jedem Grundeinkommensmodell alle Menschen jeden Monat ein Grundeinkommen erhalten, aber je nach Modell würden sich auch alle direkt oder indirekt an seiner Finanzierung beteiligen. Nicht alle Menschen hätten also unterm Strich mehr Geld in der Tasche, aber alle mehr Sicherheit.

Ein paar zufällig ausgeloste Menschen …

… die ein solch zeitlich begrenztes Grundeinkommen beziehen, sind weder repräsentativ, noch sagen deren individuelle Erfahrungen irgendetwas über den gesellschaftlichen Wandel aus, der sich mit einem echten Grundeinkommen einstellen würde. Denn erst wenn alle Menschen ein Leben lang bedingungslos abgesichert seien, könnte man überhaupt von einem Bedingungslosen Grundeinkommen sprechen.

Für die allermeisten Philosophen und Propheten des Grundeinkommens, die in Feuilletons der Zeitungen, in Büchern und Fachvorträgen ihre Ansichten veröffentlichen, gibt es nur die reine Lehre, sonst nichts:

»Ein Bedingungsloses Grundeinkommen lässt sich ebenso wenig testen, wie sich Demokratie, Rechtsstaat oder Menschenrechte testen lassen. Sie lassen sich nur üben, indem wir sie ausüben. Ihr Lebensraum ist die Gesellschaft – und diese lässt sich gerade nicht experimentell von sich selbst absondern«, nagelte der Publizist Philip Kovce am 5. August 2017 den kleinen Katechismus des Bedingungslosen Grundeinkommens an die Internet-Wand der Süddeutschen Zeitung. Für jemanden wie ihn liefert unser Verein Mein Grundkommen lediglich »anekdotische Evidenzen«, wie ein echtes Grundeinkommen wirken könnte.

Zu unserer Verteidigung können wir wenig Substanzielles vortragen. Ja, es stimmt: Wer vom Beckenrand springt, zehn Meter hundepaddelt und aus schultertiefem Wasser mit den Händen einen Gummiring herausfischt, kann nicht wirklich schwimmen. So gesehen ist der Gewinn bei Mein Grundeinkommen vergleichbar mit einem Seepferdchen an einer Kinderbadehose. Andererseits hat jeder Goldmedaillengewinner über 400 Meter Freistil irgendwann mal im Nichtschwimmerbecken angefangen.

Soziale Selbstverständlichkeiten, etwa dass Mädchen ebenso wie Jungen zur Schule gehen, sind mühsame historische Errungenschaften. Noch vor 150 Jahren war es für die meisten Deutschen (Männer) unvorstellbar, dass Mädchen andere Sachen als Kochen, Nähen und Waschen lernen könnten. Mit viel Fantasie und Argumentationskraft gelang es mutigen Vordenkerinnen, durch die Gründung privater »Frauenbildungsvereine« und »Realkurse« vielen Mädchen und jungen Frauen zumindest eine Bildungsgrundlage zu verschaffen. Das mag aus moderner Perspektive lächerlich wenig gewesen sein, war aber ein Meilenstein in der Geschichte der Frauenbewegung, die bis heute nicht abgeschlossen ist.

Glaubt wirklich irgendeiner der Herren – ja, es sind leider bislang ausschließlich Männer, die sich beim Thema Grundeinkommen als visionäre Denker der echten Utopie und als Hüter der reinen Lehre exponieren –, glaubt also wirklich auch nur einer dieser Herren, dass ein »echtes« Bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt wird, wenn man nur lange genug über die Theorie diskutiert hat? Quasi über Nacht? Eine Art Stunde null des Sozialstaates? Am besten gleich global, weil nationale Beschränkungen natürlich schon wieder Wasser im reinen Wein wären? Ernsthaft?

Bis dahin machen wir einfach schon mal weiter mit unserem Experiment. Denn es ist mehr als eine Theorie, eine Idee, eine Fantasie. Es ist DAS Experiment. Und es wird weltweit darauf verwiesen. In der Ukraine, in Japan, in China, in Südamerika, in den USA – überall wird das kleine, aber feine Experiment Mein Grundeinkommen zitiert und diskutiert. Die Idee des Vereins wurde vielerorts kopiert. Inzwischen gibt es vergleichbare Initiativen in den USA, in den Niederlanden, in der Schweiz, in Österreich, Frankreich, Portugal und wer weiß, wo demnächst noch überall.

Ganz oft werden wir in einem Atemzug mit Pilotprojekten in Finnland, Kanada, Alaska, Namibia und andernorts genannt. Doch der Unterschied ist groß: Mein Grundeinkommen ist bislang das erste und einzige Grundeinkommens-Experiment weltweit, das nicht auf staatliche Initiative durchgeführt, sondern aus der Mitte der Gesellschaft getragen wird. Es ist eine zivilgesellschaftliche Initiative, eine mutige Selbstermächtigung der Menschen!

Welche Freiheit das bedeutet, konnten wir zuletzt in Ontario beobachten: Kaum hatte es dort nach der letzten Wahl einen Regierungswechsel gegeben, wurde das ursprünglich auf drei Jahre angelegte Pilotprojekt mit 4000 Einwohnern von einem Tag auf den anderen abgebrochen. Die neue kanadische Regierung wollte nicht ein Prestigeprojekt ihrer Vorgänger und politischen Gegner vollenden. Ähnlich verlief es in Finnland, wo ein staatliches Grundeinkommens-Experiment nicht wie geplant verlängert wurde; auch hier hatte ein Regierungswechsel zu dem – von allen beteiligten Wissenschaftlern bedauerten – vorzeitigen Ende des Experiments geführt.

Der Verein Mein Grundeinkommen wird existieren, solange es Menschen gibt, die dafür spenden und sich dafür engagieren – ganz egal, wer im Kanzleramt das Sagen hat.

Von wegen Politikverdrossenheit! Die Leute haben Lust auf eine Neugestaltung der sozialen Marktwirtschaft und probieren es einfach aus. Es wurde keine Partei gegründet und keine Petition geschrieben. Es wurden keine Millionenbeträge von globalen Philanthropen investiert oder gar Zuschüsse in irgendeinem Amt beantragt. Es wurde einfach gemacht. Und es funktioniert.

Die Utopie wurde konkret. Wir wollen es wissen.

Hundert Leute haben »fertig«, ihr Grundeinkommensjahr ist abgeschlossen. Das war lange unser Ziel. Schon nach vier Grundeinkommen haben wir gesagt: Wir wollen hundert! Gewinnerin Nr. 100 bekam im September 2017 ihr erstes und im August 2018 ihr zwölftes Grundeinkommen. Zeit für eine Bilanz. Da ist ein einzigartiger Erfahrungsschatz entstanden. Die Utopie wurde konkret. Jetzt sollen uns die Gewinnerinnen und Gewinner berichten. Wir wollen es wissen:

Was hat sich durch das Geld verändert? Wie lebt es sich, wenn die Existenz gesichert ist, ohne dass man etwas dafür tun muss? Was machen die Menschen mit dem Geld? Wird die Welt mit Grundeinkommen eine bessere?

Deswegen haben wir zwei, Micha und Claudia, uns auf die Reise gemacht. Es ist eine Art Abenteuerreise. Wir fahren durch ein Land, das es eigentlich gar nicht gibt. Nicht im Raum, vielleicht auch nicht in der Zeit. Wir fahren durch Utopia. Aber es ist sehr real. Wir starten in Berlin, fahren mit der Deutschen Bahn, besuchen Metropolen wie Köln, Frankfurt und München, reisen nach Kiel, Erlangen und Mannheim, entdecken Erkrath und Olching.

Wir machen eine Safari durch den deutschen Sozialdschungel und sammeln Schnappschüsse, nicht von Elefanten, Giraffen oder Nashörnern, sondern von ganz normalen Leuten, Menschen wie du und ich, Menschen, denen man nicht ansieht, dass sie anders sind.

Sie sind Pioniere. Sie probieren ein Jahr lang eine neue Art von Leben aus. Sie besiedeln den Wilden Westen des Spätkapitalismus. Sie alle sind Einwohner dieses Landes, das es nicht gibt, das es aber geben könnte. Oder sollte. Oder sollte es das vielleicht doch besser nicht? Genau das wollen wir herausfinden.

Wir sind Micha und Claudia. Wir sind eine Art Forscherteam. Grzimek und Goodall der Sozialwissenschaft. Dilettanten, Autodidakten, einfach nur neugierig und experimentierfreudig. Dieses Buch ist kein chronologischer Reisebericht, sondern das Protokoll unserer sortierten Nachgedanken infolge der vielfältigen Begegnungen. Es ist eine Gedankenreise durch ein utopisches Deutschland, und es ist – wider Erwarten – ein Psychogramm unserer Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

II. WAS MAN MIT GELD MACHEN KANN

(1) Konsumieren

Berührungsängste und ein Albtraum

Wir waren mit gemischten Gefühlen gestartet. Gleich zu Beginn seiner Vereinsarbeit hatte Micha schlechte Erfahrungen gemacht: Ausgerechnet zu den allerersten Gewinnern war kein wirklicher Kontakt entstanden. In dem Trubel der Gründungszeit hatte Micha gleich nach der ersten Verlosung per Mail alle vier um ein Telefonat gebeten.

Jan, der Erste, hat auf Michas Mail nie reagiert. Er bekam das Geld, aber nicht mal seine Telefonnummer hat er verraten. Tja, so ist das eben mit der Bedingungslosigkeit: Die Menschen müssen gar nichts tun, auch nicht telefonieren. Gilt auch für Stephanie, von der wir bis heute nicht mal ihren Wohnort wissen, und für Christina, die zwar kurz mit Micha telefonierte, aber nicht wirklich an einem Austausch interessiert war.

»Ich war voller Berührungsängste«, gesteht Micha heute. »Ich wusste gar nicht, worüber ich mit denen reden soll.«

Christoph, der Letzte der ersten vier, rückte zwar die Telefonnummer raus, zeigte sich aber im Gespräch wortkarg. Er scheue die Öffentlichkeit und habe gesundheitliche Probleme, ließ er wissen. Und verriet dann: Er wolle auf keinen Fall wieder in seinem gelernten Beruf arbeiten und habe als Erstes seinen Job gekündigt. Ziemlich frustrierend. Wenn man sich vorstellt, die Initiative hätte an dieser Stelle aufgehört, dann hätte die Lektion aus der Verlosung geheißen: Die Leute stecken das Geld ein, sagen nix, und der Einzige, der was sagt, kündigt seinen Job.

Ein Albtraum.

Doch Micha blieb bei seinem Traum. Schon allein deswegen, weil er selbst mit seinem Grundeinkommen etwas ganz anderes erlebt hatte. Er schlief besser, er war gesund geworden, er hatte eine bessere Beziehung zu seinem Kind – und er hatte Zigtausende Menschen für seine Initiative begeistert.

»Damals beschloss ich, den Kontakt zu den Gewinnern anderen zu überlassen«, erklärt Micha rückblickend.

So kam es, dass der Verein den Ausgelosten die frohe Gewinn-Botschaft per Mail überbrachte und – getrieben von den unzähligen Anfragen der Medien – telefonisch lediglich nach Alter, Beruf und der Bereitschaft zu Gesprächen mit Interviews fragte. Die Antworten landeten stichworthaft in einer Excel-Tabelle. Das war’s.

Claudia drängte zwar all die Jahre darauf, dass der Verein den Kontakt zu den Gewinnern pflegen müsse, aber dann erlebt auch sie ihr Kommunikations-Waterloo: Als absehbar wurde, dass im Sommer 2017 das 100. Grundeinkommen verlost würde, entstand ihr Plan, eine große Konferenz mit allen 100 Gewinnerinnen und Gewinnern zu machen.

Zur großen 100er-Konferenz waren allerdings nur zehn Gewinner nach Hamburg gekommen und die meisten von ihnen am Abend schon wieder abgereist. Offenbar war das Interesse an einem Austausch nicht besonders groß. Könnte man jedenfalls denken. Obwohl an jenem Tag in Hamburg nur ein kleiner Kreis zusammenkam, entstand ausgerechnet dort ein Funke, der erst einen leisen Schwelbrand und dann das Feuer für dieses Buch entzündete. Nachdem sich die Gewinnerinnen und Gewinner nämlich vorsichtig kennengelernt hatten, stellten sie in einer vertraulichen Gesprächsrunde fest, dass sie bei aller Verschiedenheit manches gemeinsam hatten. Sie entdeckten das, was wir fortan das »Grundeinkommensgefühl« nannten.

Micha hielt darüber – noch völlig unsicher – im Oktober 2017 in der Evangelischen Akademie zu Berlin einen Vortrag. Der Akademieleiter dankte am Ende nachdrücklich: »Das war der längste Applaus in diesem Hause außer beim Besuch der Bundeskanzlerin!«

Vom Feedback beflügelt, traute sich Micha, am Neujahrstag 2018 unter dem Titel »Mit 1000 Euro kann man zu allem Nein sagen« einen Gastbeitrag auf ZEIT Online zu publizieren, in dem er erstmals öffentlich das »Grundeinkommensgefühl« benannte. Der Text bekam sensationelle Klickzahlen. Über eine Million Menschen lasen ihn. Über 1700 schrieben einen Kommentar.

»Daraus muss ein Buch werden«, sagte Claudia. »Und wir müssen mehr und intensiver mit den Gewinnern reden. Wenn die nicht zu uns kommen, fahren wir eben zu ihnen!«

Was ist passiert? Eigentlich Nichts!

Die Tour war eng getaktet. Zehn Tage, zehn Städte, über zweitausend Kilometer Bahnfahrt, 24 Termine. Und am Ende 26 Stunden Tonaufnahmen plus etwa 300 Seiten Mitschrift. Mit rauchenden Köpfen und klopfenden Herzen saßen wir davor: Wie soll daraus ein Buch werden?

Kurz flackert Zweifel auf, als wir unser Ergebnis mit dem Buch-Exposé abgleichen. Wir hatten dem Verlag etwas ganz anderes verkauft. Oh je. Durften wir das? Mussten wir nicht halten, was wir versprochen hatten?

Andererseits hatten wir im Exposé nur Hypothesen formuliert und das, was Journalisten möglicherweise verkürzt und verzerrt über einzelne Gewinner berichtet hatten. Jetzt aber waren wir wirklich durch das Grundeinkommens-Deutschland gereist und hatten uns von dessen Einwohnern das echte Leben in Utopia erzählen lassen.

Wir beschließen, uns nicht beirren zu lassen. Der Verlagsleiter hat uns vertraut, als er uns den Vorschuss zusicherte; wir vertrauen nun ihm, dass er an den echten Geschichten interessiert ist, nicht an effektheischenden Schönwettermärchen.

Fangen wir also mit dem Frust an. Mit dem Unspektakulären. Mit dem, was – nüchtern betrachtet – wirklich passiert ist. Mit dem »eigentlich nichts«.

Was machen die Leute mit tausend Euro im Monat? Na, sie machen damit zunächst erst mal, was man mit Geld eben so macht. Man kann es ausgeben, sparen, investieren oder verschenken.

Den Auftakt machte ein Gewinner, dem wir den Spitznamen »Vitrinen-Alex« gegeben haben. Er begleitete uns von Anfang an, obwohl wir ihn auf unserer Tour gar nicht getroffen haben. Alex hatte am Ende seines Grundeinkommen-Jahres im Dezember 2017 einem Journalisten der Südwestpresse die Wohnungstür geöffnet und von seinen Erfahrungen erzählt. Der Journalist hatte darüber dann dies berichtet: