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WM 1966, 2010, 2022, Dortmund, Bayern, ManU, Liverpool - alle leidenschaftliche Duelle in einem Buch Drin oder nicht drin? Seit 1966, seit dem legendären Finale von Wembley, verbindet Deutschland und England eine der größten Rivalitäten im Weltfußball. Vor allem auf englischer Seite wird sie leidenschaftlich gelebt, weil Duelle mit Deutschland sowohl für den englischen Triumph bei der WM 1966 als auch für das ständige tragische Scheitern stehen, von 66 über 1990 bis 2010. Aber vieles hat sich auch verändert: Jürgen Klopp, Ilkay Gündogan oder Per Mertesacker sind zu deutschen Botschaftern auf der Insel geworden, und mancher Engländer findet in der Bundesliga das, was er zu Hause vermisst. Mit O-Tönen von Campino, Günter Netzer, Olaf Thon bis Didi Hamann
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Veröffentlichungsjahr: 2023
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© Piper Verlag GmbH, München 2023
Covergestaltung: Büro Jorge Schmidt, München
Covermotiv: picture-alliance / Pressefoto ULMER / Anesh Debiky
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Cover & Impressum
Widmung
Anstoß/Kick-off
1 Die Logik des Theaterschauspielers
Helmut Hallers Sohn über die abenteuerliche Reise des Spielballs aus dem WM-Finale 1966
2 Verrückte Millionäre
3 Aus dem Zufall geboren
Liverpools Stadionsprecher George Sephton über Jürgen Klopp, einen deutschen Botschafter in England
4 Elfmeter, Teil 1
5 Elfmeter, Teil 2
Buchautor und Elfmeter-Fachmann Ben Lyttleton über ein englisches Trauma
6 Unerwünscht bei den Fußball-Festspielen
Mark Holt über deutsch-englische Erinnerungskultur
7 Wiedergeburt beim Abschied
Archie Rhind-Tutt über das Leben in Deutschland als englischer Reporter und Hobbyfußballer
8 Besser und besser und besser
Steven Whale von der Londoner Punkband The Business über das Lied »England 5, Germany 1«
9 Eeeeeeeeindeutig im Tor
10 Letzte Mission im Variantengebiet
Vitaly Janelt über das Dasein als Deutscher in der Premier League
11 Geschichte geschrieben per Fußspitze
Xavi Heras über den Hype um deutsches Bier bei einem Amateurverein in Manchester
Abpfiff/Final whistle
Danksagung
Quellen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Literaturverzeichnis
Für meine Eltern Pia und Heinrich.
Für Oma Christa und Manfred.
Ich war zehn Jahre alt, als ich lernte, dass Ortsnamen magisch sein können. Im Fernsehen lief die EM 1996 in England, das erste Fußballturnier, das ich bewusst erlebt habe. Die Reporter meldeten sich aus dem Old Trafford in Manchester, das, wie sie sagten, Theater der Träume genannt wurde. Sie meldeten sich aus Anfield in Liverpool, sie meldeten sich aus dem Wembley-Stadion, in dem, wie ich erfuhr, in einem Spiel zwischen Deutschland und England mal ein berühmtes Tor gefallen war. Beziehungsweise: nicht gefallen war. Und sie meldeten sich aus Mottram Hall. Immer wieder meldeten sie sich aus Mottram Hall. So hieß das Quartier der deutschen Nationalmannschaft, die von Berti Vogts trainiert wurde und die EM gewann, obwohl gefühlt fast alle Spieler verletzt waren.
Ich habe die Namen gehört, Old Trafford, Anfield, Wembley, Mottram Hall, immer wieder Mottram Hall, und ich war verzaubert. Ich begann zu ahnen, dass England ein besonderes Land war, wenn man Fußball mag. Auch das haben die Reporter bei jeder Gelegenheit gesagt: England, Mutterland des Fußballs.
Und es wäre natürlich übertrieben, wenn ich heute behaupten würde, dass ich während der EM 1996, im Alter von zehn Jahren, die Entscheidung getroffen hätte, irgendwann nach England zu ziehen, um über Fußball zu schreiben. Mit zehn Jahren trifft man keine Entscheidungen darüber, was man im Erwachsenenleben machen, wo man wohnen will.
Aber die Faszination für England, für Old Trafford, Anfield, Wembley und Mottram Hall, hat mich nie wieder losgelassen, und sie hat dazu geführt, dass ich im Sommer 2017 einen Koffer und eine Reisetasche gepackt habe und nach Manchester gezogen bin. Ich berichte für deutsche Zeitungen und Internetseiten über englischen Fußball, über die Premier League, die reichste und beste Liga der Welt, und über Englands Nationalmannschaft, die seit 1966 vergeblich auf einen Titel wartet, seit dem Sieg im WM-Finale gegen Deutschland, der mithilfe des Wembley-Tors gelang.
Das WM-Finale 1966 ist der Ausgangspunkt für die Rivalität zwischen Deutschland und England im Fußball, das erste wirklich große Spiel in der langen Liste großer Spiele zwischen den beiden Ländern. Wohl keine andere Rivalität im Nationalmannschaftsfußball hat über einen so langen Zeitraum so viele große Spiele hervorgebracht wie Deutschland gegen England, so viele große Momente.
Davon handelt dieses Buch. Es will versuchen, durch die Beschreibung der größten, der besten, der bedeutendsten Spiele zwischen Deutschland und England die Entwicklung der Rivalität zwischen den beiden Ländern nachzuzeichnen. Was dieses Buch nicht ist: eine auf Vollständigkeit angelegte Abhandlung der deutsch-englischen Länderspiel-Geschichte.
Die Deutschen haben das WM-Finale 1966 verloren, aber sie haben viel Anerkennung gewonnen, weil sie sich keine zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gut verkauft und das Wembley-Tor hingenommen haben, ohne sich groß zu beschweren. Bei der WM 1970 revanchierten sie sich und entthronten in der mexikanischen Mittagshitze den Weltmeister – weil zum ersten Mal in einem wichtigen Spiel ein englischer Torwart danebengriff und Uwe Seeler das Tor seines Lebens köpfte. 1972 stürmten die Deutschen das Wembley-Stadion, mit Günter Netzer, der aus der Tiefe des Raumes kam. Bei der WM 1990 und der EM 1996 lieferten sich die beiden Länder epische Halbfinals, ein englisches Trauma wurde geboren: das Trauma vom Elfmeterschießen. Deutschland war Englands Angstgegner geworden, das Land, dem die Engländer lieber nicht begegnen wollten.
Bei der EM 2000 gelang England nach vierunddreißig Jahren der erste Sieg gegen Deutschland bei einem Turnier, doch der Sieg war egal, so schlecht waren beide Mannschaften. Ein paar Monate später verabschiedeten sich die Engländer von einem Nationalheiligtum und machten den Fehler, die Deutschen einzuladen – Dietmar Hamann schoss das letzte Tor im alten Wembley. Der größte Sieg gegen Deutschland seit 1966 gelang England 2001. Es wurden Lieder über diesen Sieg geschrieben, er wurde auf DVDs gepresst, aber geändert hat er nichts an der Dominanz, die die Deutschen mittlerweile hergestellt hatten im direkten Duell. Den Beweis dafür gab es neun Jahre später, als die Engländer spürten, wie es sich anfühlt, wenn der Schiedsrichter wie im WM-Finale 1966 danebenliegt bei der Kernfrage des Spiels: Tor oder kein Tor?
In der jüngeren Vergangenheit hat das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Ländern begonnen, sich zu ändern. Bei der EM 2020, die wegen der Coronapandemie ins Jahr 2021 verschoben wurde, gelang den Engländern im neuen Wembley endlich wieder ein Sieg gegen Deutschland in einem K. o.-Spiel. Ein Jahr später machten Deutschland und England zusammen Werbung für den Frauenfußball. Englands Frauen schafften, was den Männern seit 1966 immer wieder misslang: Sie gewannen einen Titel.
Die Rivalität wird in Deutschland und England unterschiedlich intensiv gelebt und empfunden. Aus englischer Sicht ist Deutschland der größte Rivale, weil Deutschland für Glanz und Elend der englischen Nationalmannschaft steht, für den größten Erfolg und die schmerzhaftesten Niederlagen. Gegen Deutschland wurden die Engländer zum einzigen Mal Weltmeister, 1966. Sie scheiterten gegen Deutschland aber auch zweimal kurz vor dem Ziel, dramatisch, bei der WM 1990 und bei der EM 1996.
Es ist die englische Tragik und das deutsche Triumphieren, das die englische Wahrnehmung prägt, den Blick auf die deutsche Nationalmannschaft und auf die eigene. Den Unterschied zwischen den beiden Ländern hat bis heute niemand besser ausgedrückt als der große Stürmer und noch größere Mensch Gary Lineker mit seinem Spruch, wonach Fußball ein einfaches Spiel von zweiundzwanzig Männern ist, an dessen Ende immer Deutschland gewinnt. Und, das hat Lineker nicht gesagt: England verliert.
Die Rivalität ist für die Engländer die Gelegenheit, zwei sehr spezielle Eigenschaften auszuleben, nämlich ihre Besessenheit vom Zweiten Weltkrieg und ihren Humor, der der Regel folgt, dass er keine Regeln hat. Alles ist erlaubt.
Die englische Boulevardpresse hat vor Spielen gegen Deutschland in der Vergangenheit englische Fußballer mit Stahlhelm gedruckt und gefordert: »Let’s blitz Fritz!« Der Gesang von den Ten German Bombers, die von der Royal Air Force, der RAF, vom Himmel geschossen werden, einer nach dem anderen, ist auch heute noch bei Spielen der englischen Nationalmannschaft zu hören. Nicht nur bei Spielen gegen Deutschland, aber dann auf jeden Fall.
Dass die Rivalität zu Deutschland – im Fußball aber auch ganz allgemein – einen zentralen Platz in der Psyche der Engländer einnimmt, hat damit zu tun, dass sie den Lauf der Welt als ungerecht empfinden. An Deutschland manifestiert sich dieses Empfinden. Die Engländer waren es doch, die den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, aber sie verloren ihr Empire und ihren Einfluss in der Welt. Wirtschaftlich ging es England schlecht nach dem Krieg. Deutschland dagegen wurde zum politischen Zentrum Europas und erlebte ein Wirtschaftswunder. Es gibt in England eine Redewendung, um die gegensätzliche Entwicklung zu beschreiben: We’ve won the war but lost the peace. Wir haben den Krieg gewonnen, aber den Frieden verloren.
Im Fußball beklagen die Engländer die gleiche Dynamik: Sie waren es doch, die das Spiel erfunden, die 1863 die ersten Regeln aufgeschrieben haben. Aber ihre Nationalmannschaft scheitert immer wieder, während der Trophäen-Schrank der Deutschen mit drei EM- und vier WM-Pokalen gefüllt ist.
Für die Deutschen ist die Rivalität zu England weniger aufgeladen als umgekehrt. Das ist logisch, aus mehreren Gründen. Weil Deutschland die wichtigen Spiele gegen England oft gewinnt, sind die Begegnungen mit weniger Schmerz verbunden als für die Engländer, mit weniger Trauma, mit weniger Selbstzweifeln. Und: Weil die Deutschen die wichtigen Spiele gegen England oft gewinnen, folgen für sie oft noch wichtigere Spiele, noch größere Momente, noch größere Dramen. Dem deutschen Sieg gegen England bei der WM 1970 folgte das Jahrhundertspiel gegen Italien. Dem Sieg bei der WM 1990 folgte Andreas Brehmes Elfmeter im Finale gegen Argentinien. Dem Sieg bei der EM 1996 folgte Oliver Bierhoffs Doppelpack im Finale gegen Tschechien. Für England sind Spiele gegen Deutschland oft Endpunkte. Für Deutschland dagegen sind Spiele gegen England oft nur Zwischenschritte.
Außerdem ist es einfach auch so, dass die Engländer lange aus dem Bewusstsein der Deutschen verschwunden waren. Wer zum Beispiel in den Siebzigern und Achtzigern seine fußballerische Sozialisierung erlebte, kann sich zwar an die englische Dominanz im Europapokal der Landesmeister erinnern, wie die Champions League damals hieß, an vier Titel für den FC Liverpool in dieser Zeit, zwei für Nottingham Forest und einen für Aston Villa, die englische Nationalmannschaft spielte damals allerdings keine ernsthafte Rolle.
Wenn ich bei der Arbeit an diesem Buch mit Engländern gesprochen habe, waren sie oft irritiert. Aus deutscher Sicht ist England doch gar nicht der größte Rivale, sagten sie. Das kann sein. Für Deutschland sind Spiele gegen die Niederlande, gegen Italien, gegen Argentinien, in der jüngeren Vergangenheit auch gegen Spanien möglicherweise emotionalere Angelegenheiten als Spiele gegen England.
Trotzdem gewinnen die Deutschen gegen kein Land so gern wie gegen England. Gegen England zu gewinnen ist immer ein Erfolg, weil die Engländer eine große Fußballnation sind, das Mutterland des Spiels, auch ohne viele Titel. Gegen England zu gewinnen ist eine Genugtuung, die gerechte Strafe für die Arroganz der Engländer, die denken, sie hätten einen Anspruch auf Erfolg, und die einfach nicht damit aufhören können, die Deutschen mit dem Zweiten Weltkrieg zu konfrontieren. Und gegen England zu gewinnen ist seit ein paar Jahren auch eine Selbstvergewisserung, ein Beweis dafür, dass der deutsche Fußball noch mit dem englischen mithalten kann, trotz der Dominanz der Premier League.
Zum Reiz der Rivalität gehört, dass sich die beiden Rivalen vergleichsweise ähnlich sind, sogar schätzen. Ganz grundsätzlich formuliert: Die Deutschen mögen die englische Kultur, sie mögen James Bond, die Beatles, die Rolling Stones, Oasis. Sie sind fasziniert von London, von roten Doppeldeckerbussen und roten Telefonzellen. Kein Land in Europa war so deprimiert wie die Deutschen, als das Vereinigte Königreich 2016 den Austritt aus der EU beschloss. Und, natürlich: die Krönung von König Charles III. war auch in Deutschland ein TV-Ereignis. Die Windsors waren ja sogar mal deutsch.
Die Wertschätzung basiert auf Gegenseitigkeit. Für viele Engländer ist Deutschland ein Symbol für politische Vernunft und Stabilität. Sie mögen das Oktoberfest, und zwar so sehr, dass es mittlerweile in vielen englischen Städten ein Oktoberfest gibt. Berlin ist ein Sehnsuchtsort für viele Engländer. Und: Viele Engländer schämen sich für den Brexit und für das politische Personal, das das Vereinigte Königreich seit ein paar Jahren vertritt.
Was den Fußball angeht, sind sich die beiden Länder vertraut geworden, sie wissen bestens Bescheid übereinander. Die Deutschen schauen fasziniert auf die Premier League, die zur besten Fußballliga der Welt aufgestiegen ist nach der Jahrtausendwende. Fasziniert, aber auch mit einem gewissen Unbehagen. Denn die Liga ist auch zum Symbol geworden für den Verkauf des Fußballs an Oligarchen, Investoren und Schurkenstaaten. Deutsche Nationalspieler wechseln trotzdem wie selbstverständlich nach England. Auch die besten deutschen Trainer wollen dort arbeiten. Jürgen Klopp, seit 2015 beim FC Liverpool angestellt, ist eine Art deutscher Botschafter im Land des Rivalen.
Umgekehrt haben englische Spieler wie Jadon Sancho oder Jude Bellingham die Bundesliga für sich entdeckt, um den nächsten Schritt auf dem Weg zur Weltkarriere zu machen. Und im Sommer 2023 erhielt die Bundesliga – oder zumindest der FC Bayern – die ultimative Auszeichnung: Englands Nationalmannschaftskapitän Harry Kane wechselte zu den Münchnern. Jedes Wochenende fliegen Hunderte von Engländern zu Spielen von Borussia Dortmund, des FC Schalke 04 oder des FC St. Pauli, weil sie in deutschen Stadien finden, was sie in der Heimat vermissen: moderate Eintrittspreise, Stehplätze, gute Stimmung, Bier auf den Rängen, Vereine, bei denen sie das Gefühl haben, mehr zu sein als Kunde.
Das alles ist der Rahmen, wenn Deutschland und England gegeneinander spielen – vor allem aber steckt in dem Duell so viel Geschichte wie in kaum einem anderen Aufeinandertreffen im Nationalmannschaftsfußball. »We call it a Klassiker«, das hat Franz Beckenbauer mal gesagt über das Spiel der beiden Länder gegeneinander, und er hat damit die perfekte Beschreibung gefunden. Deutschland gegen England ist ein Klassiker. Der Klassiker.
Seit ich in England lebe, habe ich alle die Orte besucht, deren Namen mich verzaubert haben bei der EM 1996, als ich zehn Jahre alt war. Zum Old Trafford von Manchester United kann ich laufen und tue es manchmal auch, um abzuschalten. In Anfield habe ich magische Europapokal-Abende des FC Liverpool erlebt. In Wembley saß ich auf der Tribüne, als England bei der EM im Jahr 2021 gegen Deutschland gewann. Ein Jahr später sah ich, wie Chloe Kelly den Ball in der Verlängerung im EM-Finale der Frauen über die deutsche Torlinie stocherte. Und, das gestehe ich gerne: Ich habe mich darüber gefreut.
Nicht, weil ich etwas gegen das deutsche Team gehabt hätte, sondern weil ich England liebe, als Land – trotz Boris Johnson und Brexit, trotz der Boulevardpresse und der teilweise proletenhaften Fußballfans. Ich fühle mich hier heimisch. Vieles an meinem Leben ist englisch. Ich wohne in einem roten Backsteinhaus, schaffe es einigermaßen entspannt, ein Auto durch den Linksverkehr zu steuern, und wundere mich nicht mehr darüber, dass auf Flohmärkten Weltkriegsdevotionalien verkauft werden.
Ich bin keiner dieser Korrespondenten, die von ihrem Arbeitgeber alle drei, vier Jahre in ein neues Land versetzt werden und stets das behalten sollen, was man den distanzierten, den Blick des Ausländers nennt. Und die eines auf keinen Fall werden sollen: heimisch.
Mich hat niemand nach England geschickt. Ich bin freiwillig hier. Ich habe einen deutschen Blick, aber mittlerweile irgendwie auch einen englischen – auch auf die Rivalität zwischen den beiden Ländern. Ob und wann ich weiterziehe, weiß ich noch nicht.
Was ich weiß: Vorher muss ich auf jeden Fall noch Mottram Hall besuchen, das deutsche Quartier bei der EM 1996.
WM-Finale, 30. Juli 1966, Wembley Stadium, London: England – Deutschland 4:2 nach Verlängerung
»Achtung! Achtung! Hei! Nicht im Tor. Kein Tor. Oder doch?«
Der deutsche TV-Kommentator Rudi Michel nach dem 3:2 für England, das als Wembley-Tor berühmt wurde
Vielleicht kann er sich wirklich noch genau erinnern, an jeden seiner elf Gegenspieler. Möglich wäre es. Große Ereignisse bleiben kleben im Bewusstsein der Beteiligten, oft bis ins Detail. Vielleicht hat er sich dieses Spiel in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten auch nur regelmäßig wieder ins Gedächtnis gerufen, mithilfe von Fernsehaufzeichnungen und Zeitungsartikeln. Oder er hat die Internet-Suchmaschine befragt vor dem Telefonat über das WM-Finale 1966.
Jedenfalls gelingt es Wolfgang Overath, die Aufstellung der Engländer fehlerfrei aufzusagen, von hinten nach vorn. Und das, ohne länger nachzudenken. Er zählt die elf Engländer auf wie alte Bekannte, und irgendwie sind sie das ja auch: Bekannte oder Schicksalsgenossen, Protagonisten eines Spiels, das in die Folklore beider Länder eingegangen ist – aus unterschiedlichen Gründen.
Für die Engländer war das WM-Finale 1966 ein Triumph, der größte ihrer Geschichte. Für die Deutschen war es ein Betrug.
Wolfgang Overath, damals mit zweiundzwanzig Jahren der zweitjüngste Spieler der deutschen Mannschaft nach Franz Beckenbauer, geht die englische Aufstellung durch und versieht viele der Namen mit einem Attribut, einer kurzen Charakterisierung.
Über Englands Kapitän und Abwehrchef Bobby Moore sagt er: »Ein ganz feiner Kerl.«
Über Dauerläufer Alan Ball: »Puh, der war schnell.«
Über die Angreifer Roger Hunt und Geoff Hurst: »Richtige Granatenspieler.«
Overaths Worte sind gefärbt von Respekt für die elf Männer, die England zum ersten und einzigen Mal zum Weltmeister gemacht haben, am 30. Juli 1966 im Wembley-Stadion in London. Er gesteht gern, dass die Engländer das Finale verdient gewonnen haben. Nur mit dem Zustandekommen des englischen Siegs hadert er: »Das dumme Tor, das kein Tor war, hat das Spiel entschieden. Danach hatten wir keine Kraft mehr. Wenn das Tor nicht gezählt hätte, wäre es weiter ein Spiel auf Augenhöhe gewesen, da bin ich mir sicher.«
Gemeinsam mit Wolfgang Overath hadert Deutschland – obwohl die Nationalmannschaft vor 1966 schon einmal Weltmeister geworden war, nämlich 1954, und es danach noch dreimal wurde: 1974, 1990 und 2014. Die Niederlage von Wembley könnte eine Randnotiz sein in der Geschichte des deutschen Fußballs. Die Deutschen könnten gelassen auf dieses Spiel schauen, doch sie tun sich schwer damit. Zu groß war die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist, in der zehnten Minute der Verlängerung. Zu sehr schmerzt immer noch das dumme Tor, das kein Tor war, das Tor zum 3:2 für England. Das Wembley-Tor.
Nach einem langen und gefühlvollen Pass von Nobby Stiles, der eigentlich nicht für lange und gefühlvolle Pässe zuständig war, erlief Alan Ball auf der rechten Seite den Ball und flankte in die Mitte, fast von der Grundlinie. Geoff Hurst bekam den Ball in den Rücken, kontrollierte ihn mit einer Berührung und drosch ihn im Rückwärtsfallen über Deutschlands Torwart Hans Tilkowski. Von der Unterkante der Holzlatte prallte der Ball nach unten und kam auf der Torlinie auf, eventuell auch kurz davor. Wo er ziemlich sicher nicht aufkam: hinter der Linie.
Es gibt kein Foto, kein Fernsehbild, das beweist, dass der Ball die Linie mit vollem Durchmesser überschritten hätte, dass also das Wembley-Tor ein Tor war. Der Kicker fahndete in den Tagen nach dem Finale nach einem solchen Beweis und schrieb eine Belohnung von 1000 D-Mark aus, ein Gegenwert von heute mehr als 3000 Euro. Ohne Erfolg. 1995 wiesen Forscher der Oxford University nach, dass der Treffer nicht hätte zählen dürfen.
Damals allerdings, 1966, entschied Schiedsrichter Gottfried Dienst auf Tor, nach kurzer Rücksprache mit seinem Assistenten Tofik Bachramow. Dienst und Bachramow, zwei Namen, die sich ins deutsche Gedächtnis gegraben haben wie die Namen von James-Bond-Bösewichten.
Dienst kam aus der Schweiz, Bachramow aus Aserbaidschan. Eine gemeinsame Sprache hatten sie nicht. Über die berühmteste Entscheidung in einem WM-Finale verständigten sie sich in einem Englisch für Grundschüler: Is goal, goal, goal, rief Bachramow. Tor, Tor, Tor. Dienst deutete zum Anstoßpunkt: 3:2 für England. In der zehnten Minute der Verlängerung war Deutschlands Widerstand gebrochen, das Finale entschieden.
Mit dem Wembley-Tor schenkten Dienst und Bachramow dem Fußball einen Mythos. Und sie verursachten den Urknall der Rivalität zwischen Deutschland und England. Die zehnte Minute der Verlängerung im WM-Finale 1966 war der Moment, in dem die Länder zu Rivalen wurden.
Natürlich, Deutschland und England hatten schon vorher gegeneinander gespielt, taten das seit fast siebzig Jahren, allerdings als ungleiche Gegner. Ein Fußball-Entwicklungsland gegen die Erfinder des Spiels. Die Engländer gewannen fast alle Spiele gegen Deutschland, viele davon hoch. Dazu gab es ein paar Unentschieden, aber ein Sieg gelang den Deutschen kein einziges Mal. England war aus deutscher Sicht unschlagbar.
Das erste Spiel zwischen den beiden Ländern wurde am 23. November 1899 ausgetragen, noch vor der Gründung des Deutschen Fußball-Bundes DFB, auf einem Sportplatz am Kurfürstendamm in Berlin. Deutschland verlor 2:13. So ähnlich klangen viele Ergebnisse aus der Frühphase der Spiele gegen England: 2:10, 0:7, 0:12, 0:10, 0:9.
Ausgeglichener waren zwei Spiele, die mehr als drei Jahrzehnte nach dem ersten Treffen stattfanden. Nur war das Sportliche bei diesen Begegnungen unwichtig. Im Dezember 1935, Deutschland war inzwischen Adolf-Hitler-Land, trafen sich die Mannschaften in London, an der White Hart Lane von Tottenham Hotspur. Ausgerechnet dort – das Stadion lag in einem jüdisch geprägten Viertel. Tottenham gilt als Verein der Juden. Das Spiel fand unter dem Protest der englischen Öffentlichkeit statt. England gewann 3:0.
Im Mai 1938, der Zweite Weltkrieg warf seine Zeichen voraus, wirkten die Engländer an einer Propagandaschau im Berliner Olympiastadion mit. Anstatt des englischen 6:3-Siegs blieb von dem Spiel ein Foto im Gedächtnis, das kurz vor dem Anpfiff entstand. Die Spieler zeigten den Hitlergruß, auch die englischen, offenbar auf Druck der englischen Politik. In England herrschte die Auffassung, dass man Hitler vom Überfall auf Europa abbringen könnte, wenn man sich ihm anbiederte.
Das Bild der englischen Spieler, wie sie den rechten Arm hoben, den Blick in Richtung Führerloge auf der Haupttribüne des Olympiastadions, hat sich eingebrannt ins Bewusstsein der Engländer als größte Schande in der Geschichte des englischen Fußballs.
Und dann also kam der 30. Juli 1966, das WM-Finale im Wembley-Stadion, das offiziell anders hieß: Empire Stadium. Deutschland und England trafen zum 17. Mal aufeinander, wenn man die inoffiziellen Partien mitzählt. Doch Wembley war auch das Spiel Nummer eins: Zum ersten Mal begegneten sich die Länder in einem Pflichtspiel, zum ersten Mal bei einem Turnier, und dann gleich beim größten Termin, den der Fußball kennt – im WM-Finale. Zum ersten Mal ging es für beide Länder um alles.
Das Finale war keine offensichtlich politische Veranstaltung, anders als die Spiele zwischen Deutschland und England in den Dreißigern und anders als später die Spiele in den Neunzigern und in den Nullerjahren, die von der englischen Boulevardpresse zur Fortsetzung kriegerischer Auseinandersetzungen gemacht wurden. 1966 konzentrierten sich die Journalisten auf das Sportliche.
Einundzwanzig Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Erinnerungen an den wahren, den echten Krieg vermutlich noch zu frisch, um ein Spiel zwischen Männern in kurzen Hosen zum Krieg umzudeuten. Das WM-Finale zog seine Bedeutung daraus, dass es das WM-Finale war, nicht aus der Tatsache, dass der Kriegsverlierer Deutschland auf den Kriegsgewinner England traf – einerseits.
Andererseits ließ sich die politische Dimension des Spiels auch nicht ignorieren. Unterschwellig spielten die Erinnerungen an den Krieg dann doch eine Rolle, auf beiden Seiten. Die deutsche Nationalmannschaft war bei Reisen ins Ausland angewiesen, zurückhaltend und bescheiden aufzutreten, auf keinen Fall triumphierend oder arrogant. Die Spieler wussten, dass sie Botschafter eines Landes waren, das seinen Platz in der Weltgemeinschaft gerade erst wiederfand.
Auch für die Engländer hatte das Spiel einen speziellen Überbau. Komisch, dachte Regisseur Bobby Charlton, sechs Jahre lang haben wir Krieg gegen die Deutschen geführt, und jetzt stehen wir ihnen auf dem Fußballfeld gegenüber. Die Familie der Frau von Mittelfeldspieler Martin Peters war fast komplett ausgelöscht worden, als bei deutschen Luftangriffen eine Bombe in ein voll besetztes Wohnhaus im Osten Londons gefallen war. Der Schwiegervater von Stürmer Geoff Hurst war Fallschirmjäger in Deutschland. Auch wenn offiziell nicht darüber gesprochen wurde – die Engländer wussten, dass es im WM-Finale gegen Deutschland um mehr ging als einfach nur um Sieg und Niederlage in einem Fußballspiel.
Nur sagten sie es nicht. Die politische Färbung des Spiels wurde in der englischen Mannschaft nicht offen besprochen. Das könnte auch daran gelegen haben, dass Torwart Gordon Banks eine deutsche Frau hatte. Er hatte sie in seiner Zeit bei der Armee im Rheinland kennengelernt. Vor dem WM-Finale zwischen der Heimat ihres Mannes und der eigenen Heimat sagte Ursula Banks: »Eigentlich müsste ich zwiegespalten sein, aber das bin ich nicht. Ich halte zu England.«
So ging es auch vielen deutsche Diplomaten. Sie fürchteten, dass die Annäherung der beiden Länder, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs stattgefunden hatte, wieder zunichtegemacht werden könnte, wenn die Deutschen den Engländern den Triumph bei ihrer Heim-WM verwehren würden. Vor dem Finale versammelte der deutsche Botschafter in London angeblich seine Mitarbeiter, setzte ein ernstes Gesicht auf und verkündete: Wenn wir gewinnen, ist unsere ganze Arbeit umsonst gewesen, dann können wir von vorne anfangen.
Die Engländer blickten mit einer gewissen Skepsis auf die Deutschen, mit Argwohn. Es gab keinen offenen Hass, keine Feindseligkeit, aber man war sich auch nicht sicher, ob man den Deutschen trauen konnte. Und das WM-Finale in Wembley, der Kathedrale des englischen Fußballs, sollte man gegen sie auf keinen Fall verlieren, das stand fest.
Die Kathedrale war voll besetzt am 30. Juli 1966, einem Samstag. Anpfiff war um 15:00 Uhr Ortszeit. Mehr als 96.000 Menschen füllten die Tribünen, sie saßen auf Holzbänken oder standen auf Betonstufen. Die Mehrheit der Besucher hielt natürlich zu England, doch es waren auch deutsche Fans da, Schlachtenbummler, angeblich bis zu 15.000. Wenn man sich die Bilder der Zuschauer anschaut, fällt die formale Kleidung auf: 1966 gingen die Männer noch mit Anzug und Krawatte ins Stadion.
In großen Spielen kommt es auf Kleinigkeiten an. Jeder Vorteil, den man sich dem Gegner gegenüber verschafft, kann entscheidend sein. Im WM-Finale zwischen Deutschland und England begann das Ringen um die kleinen Siege schon kurz vor dem Spiel, im Spielertunnel. Die Mannschaften hatten Aufstellung genommen, Deutschland in weißen Trikots und schwarzen Hosen, England in ungewohnten roten Trikots und weißen Hosen – offiziell waren sie die Auswärtsmannschaft. Drinnen im Tunnel war das Klacken der Stollen auf dem Betonboden zu hören, von draußen klang der Jubel des Publikums an die Ohren der Spieler. Sie kämpften mit der Nervosität. Deutschlands Torwart Hans Tilkowski hatte eine Strategie dagegen, er blickte starr geradeaus, ignorierte alles um sich herum. Das war für ihn die einzige Möglichkeit, nicht erdrückt zu werden von der Anspannung.
Bobby Charlton, Englands Regisseur, war beeindruckt. Tilkowski war entweder ein hervorragender Schauspieler oder der furchtloseste Gegner, mit dem er es je zu tun gehabt hatte, dachte Charlton. Der erste kleine Sieg für die Deutschen, ein psychologischer.
Tilkowski wusste, wie es war, gegen Engländer zu spielen, genau wie Sigfried Held und Lothar Emmerich, seine Kollegen in der Nationalmannschaft und bei Borussia Dortmund. Wenige Monate vor dem WM-Finale hatten die Dortmunder den Europapokal der Pokalsieger gewonnen – der erste Europapokalsieg überhaupt für einen deutschen Verein. Im Halbfinale schalteten sie Titelverteidiger West Ham United mit Englands Kapitän Bobby Moore sowie Martin Peters und Geoff Hurst aus. Das Finale gewannen sie gegen den FC Liverpool mit Roger Hunt. England war auf Vereinsebene das Vorbild für die Deutschen, aber längst nicht mehr unschlagbar, anders als die Nationalmannschaft.
Der FC Liverpool war auch Wolfgang Weber und Wolfgang Overath vom 1. FC Köln bekannt. Die Klubs waren ein Jahr zuvor aufeinandergetroffen und hatten ein dramatisches Stück Europapokal-Geschichte geschrieben. Im Viertelfinale des Landesmeister-Wettbewerbs brauchte Liverpool drei Spiele und einen wiederholten Münzwurf, um als Sieger festzustehen. Das WM-Finale sollte ähnlich dramatisch laufen.
Regen und Sonne wechselten sich ab am Tag des Endspiels. Das moosige Spielfeld von Wembley war aufgeweicht. Bei jeder Grätsche und jedem Zweikampf rissen Stücke aus dem Rasen. Irgendwann im Verlauf des Spiels sah der Rasen aus, als hätten dort Goldsucher gegraben.
Zu Spielbeginn lag Wembley noch im Sonnenschein, auf den Rängen ein Wimmelbild wie an Karneval. Die englischen Fans schwenkten den Union Jack, die blau-weiß-rote Flagge des Vereinigten Königreichs, sie hatten Union-Jack-Hüte aufgesetzt oder Union-Jack-Anstecker angeheftet. Die deutschen Fans waren mit Fahnen in Schwarz-Rot-Gold und freundlichen Botschaften gekommen: »Bottrop grüßt England«, stand zum Beispiel auf einem weißen Banner aus Stoff. Zu hören waren Tröten und Ratschen, Zubehör vom Rummelplatz. Die Stimmung war euphorisch, wie am Tag einer Hochzeit. Die Zuschauer waren in der Gewissheit gekommen, einem freudigen Ereignis beizuwohnen. Die deutschen Fans waren froh, dass ihre Mannschaft überhaupt dabei war im Finale; die englischen waren überzeugt vom bevorstehenden Sieg. Eine englische Niederlage war undenkbar. England, Erfinder des Fußballs, war schwer gedemütigt worden im Jahrzehnt zuvor. In ihrem eigenen Spiel hatten sie den Anschluss verloren, das hatten sie zu spüren bekommen durch ein 0:1 gegen eine US-amerikanische Amateurauswahl bei der ersten englischen WM-Teilnahme 1950 und durch ein monumentales 3:6 gegen Ungarn 1953 im eigenen Haus, in Wembley. Weil sie nicht über die Ränder ihrer Insel schauten, war den Engländern entgangen, dass der Fußball in anderen Teilen der Welt spielerisch und taktisch besser geworden war, besser als der englische.
Das WM-Finale gegen Deutschland würde die Verhältnisse geraderücken, so sahen das die Engländer. Es war von ihnen als Krönungsmesse geplant, an deren Ende sie ihren rechtmäßigen Platz auf dem Thron des Weltfußballs zurückhaben würden. Die Zuschauer im Wembley-Stadion waren auf eine Party eingestellt.
Das Problem war nur, dass die Deutschen keine Lust hatten, Beiwerk bei den englischen Feierlichkeiten zu sein. Sie gingen als Außenseiter ins Spiel, aber anders als die Engländer hatten sie Erfahrungen mit WM-Finals. Sie hatten schon eins gespielt und sogar gewonnen – 1954 gegen das Ungarn des großartigen Ferenc Puskás. 3:2 nach 0:2, das Wunder von Bern. Für Deutschland war dieser Sieg keine zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs mehr als nur eine sportliche Auferstehung gewesen.
In Wembley waren elf Minuten gespielt, als Sigfried Held den Ball von der halb linken Seite in den englischen Strafraum trat. Ray Wilson reagierte panisch und köpfte den Ball unbedrängt vor die Füße von Helmut Haller. Haller schoss mit rechts, nicht besonders scharf, nicht besonders platziert. Doch weil sich Torwart Gordon Banks darauf verließ, dass Jack Charlton den Schuss abfangen würde, und Charlton davon ausging, dass Banks keine Probleme haben würde, den Ball zu halten, landete Hallers Versuch im Netz. Ein Zufallstor.
Es war erst der zweite Gegentreffer für England bei der WM, der erste aus dem Spiel heraus. 1:0 für Deutschland durch das sechste WM-Tor von Helmut Haller, dem besten deutschen Schützen des Turniers.
Das Unvorstellbare aus englischer Sicht war Grund zum Überschwang für die deutschen Fans. Sie ließen das heimische Publikum verstummen. »Den ganzen Lärm machen im Moment die deutschen Anhänger«, teilte BBC-Kommentator Kenneth Wolstenholme seinem Publikum mit. Vor seiner Fernsehkarriere war er bei der Royal Air Force gewesen und hatte im Zweiten Weltkrieg etwa zweihundert Einsätze über Deutschland geflogen. Viele seiner Kollegen überlebten nicht einmal den ersten.
Üblicherweise findet ein Fußballspiel in den ersten Minuten sein Tempo, seinen Rhythmus. Die Mannschaften deuten ihre Stärken und Schwächen an, Spieler orientieren sich an ihren Gegenspielern, wie Tanzpartner. In diesem Spiel tanzten im Mittelfeld die Regisseure miteinander: Deutschlands Trainer Helmut Schön hatte dem zwanzig Jahre jungen Franz Beckenbauer, Entdeckung der WM mit vier Toren, die Anweisung gegeben, Bobby Charlton auszuschalten. Und Englands Trainer Alf Ramsey hatte Charlton aufgetragen, Beckenbauer zu neutralisieren.
Beide Spieler waren eigentlich Freigeister, die das Finale mit ihren Ideen und ihrem Zug zum Tor prägen wollten – trotzdem folgten sie der Anweisung ihrer Trainer. Beckenbauer vertraute Schön, Charlton vertraute Ramsey. Sie stellten sich in den Dienst der Mannschaft, wussten allerdings, dass ihre Trainer ein enormes Risiko eingingen, indem sie ihre kreativsten Spieler als Manndecker einsetzten.
Die defensive Anweisung war nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Helmut Schön und Alf Ramsey. Sie glichen sich auch darin, dass sie beide nicht als Taktikgenies galten, nicht als Fußball-Professoren. Ihre Stärke war der Umgang mit den Spielern. Von der Presse wurden sie skeptisch betrachtet, weshalb es im WM-Finale 1966 wie für die Mannschaften auch für Schön und Ramsey darum ging, sich zu beweisen.
Helmut Schön, fast zwei Meter groß, war ein sanfter Riese, der seinen Spielern viele Freiheiten ließ. Ein Gegenentwurf zu seinem autoritären Vorgänger Sepp Herberger, dem Trainer der Weltmeister-Elf von 1954. Schön war einst Herbergers Gegner gewesen, in der Qualifikation zur WM 1954, als Schön die Auswahl des Saarlandes betreute; dann war er Herbergers Assistent und ab 1964 sein Nachfolger. Zu Beginn seiner Amtszeit wurde Schön der empathische Stil als schwache Führung ausgelegt. Er stand im Schatten Herbergers.
Alf Ramsey empfahl sich für den Posten als englischer Nationaltrainer, indem er Ipswich Town von der dritten Liga zur englischen Meisterschaft führte. Er war sechsundvierzig Jahre alt, sah aber deutlich älter aus und benahm sich auch so – altmodisch. Seine Spieler rief er bei ihren Geburtsnamen, selbst wenn das sonst niemand tat: Nobby Stiles nannte er Norbert, Geoff Hurst nannte er Geoffrey. Die Mannschaft schätzte Ramsey für seine Direktheit, seine Fairness, seine Loyalität.
Bei der WM 1966 profitierte besonders Nobby Stiles von dem schnörkellosen Fußballverständnis seines Trainers. Stiles war ein defensiver Mittelfeldspieler ohne Schneidezähne und mit Sehschwäche, dessen Aufgabe es war, den Ball zu gewinnen und an seine talentierteren Mitspieler abzugeben. Auf den Gegner Rücksicht zu nehmen gehörte nicht zu seinem Job. In der Vorrunde gegen Frankreich hatte Stiles den französischen Spielmacher Jacques Simon aus dem Spiel getreten, mit einem Foul von hinten, das der Schiedsrichter nicht ahndete.
Der Weltverband FIFA machte Druck auf den englischen Verband, die FA, Stiles aus der Mannschaft zu werfen. Das Ansehen des Fußballs stand auf dem Spiel. Die FA gab den Druck weiter an Alf Ramsey. Brauchte man diesen Stiles wirklich? Ging es nicht auch ohne ihn? Ramsey beendete das Thema mit einer Drohung: Wenn Stiles geht, gehe ich auch, sagte er. Also blieben beide.
Das WM-Finale war für Ramsey auch ein Spiel um die eigene Glaubwürdigkeit. Bei seinem Amtsantritt 1963 hatte er verkündet, dass England bei dem Turnier auf eigenem Boden Weltmeister werde, dabei waren die Engländer bei den vorherigen vier WM-Teilnahmen nie über das Viertelfinale hinausgekommen. Bei einer Niederlage gegen Deutschland hätte Ramsey als Hochstapler dagestanden. Er wäre entlarvt worden als jemand, der in seiner Arroganz die Wirklichkeit verkennt.
Das Finale hatte mit dem 0:1 durch Helmut Haller schlecht begonnen für die Engländer. Doch ihnen gelang, was gute Mannschaften auszeichnet: Sie ließen sich nicht beeindrucken von einem Rückschlag. Keine zehn Minuten nach der deutschen Führung glichen sie aus.
Der Treffer war das Ergebnis eines Manövers, das im Training erarbeitet worden war – im Training von West Ham United. Englands Kapitän Bobby Moore, West Ham, schlug einen Freistoß auf Angreifer Geoff Hurst, ebenfalls West Ham. Die deutsche Mannschaft war unaufmerksam. Mittelfeldspieler Wolfgang Overath diskutierte mit Schiedsrichter Gottfried Dienst. Die Innenverteidiger Horst Höttges und Willi Schulz standen so weit auseinander, dass die Themse zwischen ihnen hätte hindurchfließen können. Torwart Hans Tilkowski, eingeschüchtert von einem frühen Zusammenprall mit Hurst, blieb auf der Linie, anstatt dem Ball entgegenzugehen. Hurst köpfte aus sechs Metern ein.
Die Geschichte von Geoff Hurst ist die eines Helden, der aus dem Nichts kam. Eigentlich hätte er bei der WM keine Rolle spielen sollen, denn für die Engländer stürmte sonst Jimmy Greaves, der wohl beste Fußballer des Landes zu dieser Zeit, seit sieben Jahren Torjäger der Nationalmannschaft, technisch stark, mit angeborenem Instinkt für den richtigen Ort und die richtige Zeit. Leider hatte ihn dieser Instinkt bei der WM verlassen. Greaves verletzte sich im Spiel gegen Frankreich, eine Wunde am Schienbein, die mit vierzehn Stichen genäht werden musste. Für ihn kam Hurst in die Mannschaft, vierundzwanzig Jahre alt, vor der WM erst mit fünf Länderspielen und einem Tor. Er überzeugte im wilden Viertelfinale gegen Argentinien mit dem einzigen Treffer des Spiels und bereitete im Halbfinale gegen Portugal, der spielstärksten Mannschaft der WM, ein Tor vor.
Zum Finale war Jimmy Greaves wieder einsatzbereit, doch Trainer Ramsey hatte gegen Argentinien und Portugal eine Mannschaft gesehen, von der er glaubte, dass sie Weltmeister werden könnte. Also traf er eine Entscheidung für die Ewigkeit: Greaves blieb draußen, Hurst spielte.
Einwechselungen gab es noch nicht. Ersatzspieler auch nicht. Wer nicht in der Startelf war, kam nicht zum Einsatz. Greaves saß mit Anzug und Krawatte auf der Tribüne und musste zuschauen, wie sich Geoff Hurst einen Ehrenplatz in der Geschichte des englischen Fußballs erspielte und ihn, Greaves, ins Kleingedruckte verbannte.
Geoff Hurst war froh, überhaupt dabei zu sein im Finale, allerdings wurde sein Schwiegervater in der Nacht vor dem Spiel von einer Ahnung heimgesucht. Er träumte, dass Hurst treffen würde gegen Deutschland, und zwar gleich dreimal. Lächerlich, dachte Hurst, es reicht schon, wenn ich mich nicht blamiere. Diese Befürchtung hatte er mit seinem Tor zum 1:1 abgewendet. Aber was dann noch kam, hatte niemand erwarten können. Außer seinem Schwiegervater vielleicht.
Nach dem Ausgleich standen die Torhüter im Mittelpunkt. Das Spiel wogte hin und her, wie ein Schlauchboot im Orkan. Nach einem Kopfball von Hurst tauchte Hans Tilkowski ab und lenkt den Ball an den Pfosten. Auf der anderen Seite brachte Held eine Ecke in die Mitte; von der Grenze des Strafraums schoss Wolfgang Overath, Gordon Banks parierte, den Nachschuss von Lothar Emmerich hielt er fest. Dann wieder England: Schuss von Roger Hunt aus spitzem Winkel und kurzer Distanz, Tilkowski riss die Arme hoch.
Die spektakulärste Torhütertat in dieser Phase des Spiels, zwischen dem Ausgleich durch Geoff Hurst und der Halbzeitpause, gehörte jedoch Banks. Deutschlands Kapitän Uwe Seeler nahm den Ball in der eigenen Hälfte auf und trieb ihn nach vorn, auf der Suche nach einer Anspielstation. Als er keine fand, schoss er selbst, aus rund fünfundzwanzig Metern. Der Ball flog in Richtung des rechten Torwinkels, doch Banks lenkte ihn mit den Fingerspitzen um den Pfosten. Das englische Torwartproblem gab es 1966 noch nicht. Gordon Banks gehörte weltweit zu den Besten seines Fachs damals.
Zur Halbzeitpause stand es 1:1, dabei hätte es auch 2:2 oder 3:3 stehen können. Es war ein offenes Spiel, in dem beide Mannschaften ein klares Ziel verfolgten: sie spielten auf Sieg. Damit unterschied sich das Finale vom Rest der WM 1966. Das Turnier war geprägt von defensiver Spielweise, es fielen weniger Tore als bei den Weltmeisterschaften zuvor, die Spiele wurden teilweise mit brutaler Härte ausgetragen. Das führte dazu, dass sich die Mitglieder des Deutschen Rugby-Verbands zu einer Klarstellung genötigt sahen.
Sie fanden es unfair, dass heimische Fernsehkommentatoren das Geschehen bei der WM mit Rugby verglichen. Rugby sei kein Sport für halbstarke Rowdys, erklärte der Deutsche Rugby-Verband, sondern zivilisierter als das, was von der Fußball-WM nach Deutschland übermittelt wurde.
In der Halbzeitpause wurde es dunkel über dem Wembley-Stadion, es begann zu regnen. Der Himmel sendete ein Signal, dass Dramatisches bevorstand. Die Zuschauer schützten sich mit Schirmen und Zeitungen. Für die Spieler gab es keinen Schutz.
Je länger ein Spiel dauert, je mehr die Kräfte zur Neige gehen, desto enger, kleinteiliger wird es. Die zweite Halbzeit des WM-Finales 1966 war geprägt von Zweikämpfen, von Duellen um jeden Zentimeter des aufgeweichten Wembley-Rasens. Die deutschen Verteidiger rückten ins Zentrum des Geschehens. Wolfgang Weber klärte immer wieder humorlos wie ein Gefängniswärter; sein Nebenmann Willi Schulz machte ein souveränes Spiel und war Antreiber von hinten heraus.
Weiter vorn, im deutschen Sturm, schufteten Sigfried Held und Uwe Seeler. Helmut Haller musste sich von BBC-Kommentator Kenneth Wolstenholme verspotten lassen, weil er leicht zu Boden ging: »Es ist, als wäre er an der Royal Academy of Dramatic Art ausgebildet worden.«
Vom deutschen Hoffnungsträger war wenig zu sehen. Franz Beckenbauer konnte seiner Mannschaft keine Impulse geben, weil er ausgelastet damit war, Bobby Charlton zu bewachen. Ein paar Verlegenheitsschüsse waren Beckenbauers einziger Beitrag zur deutschen Offensive. Mit seiner Entscheidung, Beckenbauer gegen Charlton spielen zu lassen, hatte Trainer Helmut Schön seinem schönsten Schmetterling die Flügel ausgerissen.
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