Wecke den Joker in dir - Steffen Haubner - E-Book

Wecke den Joker in dir E-Book

Steffen Haubner

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der Joker, Hannibal Lecter, Scarface Harley Quinn, Hans Landa, Anton Chigurh Filmschurken enden meist, wie sie sind: böse. Doch immerhin haben sie die Welt für eine Weile in Atem gehalten. Und sie sind sich selbst treu geblieben, denn wer so richtig »bad to the bone« ist, kann nicht plötzlich zum Wohltäter werden. Schurken faszinieren uns mehr als Helden, denn sie leben aus, was wir nie wagen würden. Aber auch ohne gleich zu Kettensäge oder Atombombe zu greifen, kann man viel lernen von den größten Fieslingen aller Zeiten: für die Karriere, den Alltag oder um endlich effektiv die eigene Position zu vertreten. Und vielleicht klappt's ja doch irgendwann mit der Weltherrschaft!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und [email protected]

Originalausgabe

1. Auflage 2020

© 2020 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Philipp Bühler

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Umschlagabbildung: © Niko Tavernise/© 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. TM & DC Comics

Abbildungen im Innenteil: pnDl/Shutterstock.com, TrifonenkoIvan/Shutterstock.com, Dn Br, Puckung/Shutterstock.com, Blan-k/Shutterstock.com, Illizium/­Shutterstock.com

Layout, Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern

ISBN Print 978-3-7423-1350-8

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1043-6

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1044-3

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

Einleitung: Fiese Helden

Patrick Bateman (»American Psycho«, 2000)

Norman Bates (»Psycho«, 1960)

Bill (»Kill Bill Vol. 1 & 2«, 2003/04)

Frank Booth (»Blue Velvet«, 1986)

Ernst Stavro Blofeld (»James Bond« 1963–2015)

Max Cady (»Kap der Angst«, 1991)

Anton Chigurh (»No Country for Old Men«, 2007)

Don Vito Corleone (»Der Pate«, 1972)

Ted Crawford (»Das perfekte Verbrechen«, 2007)

William Cutting (»Gangs of New York«, 2002)

Andrew Detmer (»Chronicle«, 2012)

John Doe (»Sieben«, 1995)

Amy Dunne (»Gone Girl – Das perfekte Opfer«, 2014)

John Fitzgerald (»The Revenant – Der Rückkehrer«, 2015)

Arthur Fleck (»Joker«, 2019)

Frank (»Spiel mir das Lied vom Tod« (1968)

Hans Gruber (»Stirb Langsam«, 1988)

Jesse Hooker (»Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis«, 1987)

Der Joker (»The Dark Knight«, 2008)

Mickey und Mallory Knox (»Natural Born Killers«, 1994)

John Kramer / Jigsaw (»Saw«-Reihe, 2004–2017)

Freddy Krueger (»Nightmare – Mörderische Träume«, 1984)

Colonel Walter E. Kurtz(»Apocalypse Now«, 1979)

Cheng Lai-Cheung (»Dream Home«, 2010)

Hans Landa (»Inglourious Basterds«, 2009)

Hannibal Lecter (»Das Schweigen der Lämmer«, 1991)

Der Lieutenant (»Bad Lieutenant«, 1992)

Don Logan (»Sexy Beast«, 2000)

Rick Masters (»Leben und Sterben in L.A.«, 1985)

Tony Montana (»Scarface«, 1983)

Dr. Moreau (»Die Insel des Dr. Moreau«, 1977)

John Morla (»Die Schrecken der Medusa«, 1978)

Dennis Peck (»Internal Affairs – Trau’ ihm, er ist ein Cop«, 1990)

Harley Quinn (»Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn«, 2020)

Der Reverend (»Brimstone: Erlöse uns von dem Bösen«, 2016)

Robert Rusk (»Frenzy«, 1972)

John Ryder (»Hitcher, der Highway Killer«, 1986)

Scorpio (»Dirty Harry«, 1971)

Anakin Skywalker / Darth Vader (»Star Wars«, 1977–2019)

Agent Smith (»Matrix«, 1999)

Keyser Söze (»Die üblichen Verdächtigen«, 1995)

Adrian Toomes / Der Geier (»Spider-Man: Homecoming«, 2017)

Beverly Sutphin (»Serial Mom«, 1994)

Annie Wilkes (»Misery«, 1990)

Epilog: Die böse Familie

Über den Autor

Einleitung: Fiese Helden

»Das war böse. Das war echt böse«, sagt der Gastgeber, nachdem der Kopf seines tödlich getroffenen Besuchers gegen die Tischkante geknallt ist. Den selbst schwer ramponierten Täter bringt er noch zur Tür: »Danke für die schöne Party!« In »Cheap Thrills«, einer kleinen, fiesen Filmperle aus dem Jahr 2013, gibt es keine Unschuldigen. Über knapp eineinhalb Stunden erleben wir, wie ein betuchtes Paar zwei abgebrannte Loser dazu bringt, immer weiter über ihre persönliche Schmerzgrenze hinauszugehen und nach und nach alle moralischen Maßstäbe über Bord zu werfen. Ein Kammerspiel des Schreckens und ein Lehrstück über Machtausübung und Korrumpierbarkeit.

Während die beiden Initiatoren nur zusehen, taumeln Craig und sein Kumpel Ethan unaufhaltsam einem wahren Abgrund aus Niedertracht und Gewalt entgegen. Sie sind die Opfer, aber auch diejenigen, die eine Untat nach der anderen begehen. Doch was soll man schon machen, wenn man verhindern will, dass man am nächsten Tag mit Frau und Kind auf der Straße steht? Schwer zu sagen, wer hier der eigentliche Bösewicht ist. Laut dem katholischen Filmdienst ist »Cheap Thrills« ein »plakatives Spiegelbild unserer zynischen Gesellschaft«. Das »Böse« wird hier weniger durch die Protagonisten repräsentiert, sondern liegt in der sozialen Ungleichheit, die jedem von ihnen seine Rolle zuweist.

»Black Comedy« versprechen die Plakate und das Blu-ray-Cover von »Cheaps Thrills«. Doch viel zu lachen gibt es eigentlich nicht. Vielmehr rutscht man die meiste Zeit unangenehm berührt auf dem Sessel hin und her: »Warum, zum Henker, tue ich mir das eigentlich an?«

Filme befriedigen voyeuristische Triebe, das ist nichts wirklich Neues. Aber sollte man dabei nicht auch ein bisschen Spaß haben? Zumindest wenn schon der Titel ein paar »schmutzige Kicks« verspricht? Stattdessen wirft uns der Film in ein Wechselbad der Gefühle: Die Motive der Täter bleiben zunächst im Dunkeln. Man versetzt sich in die Lage der armen Teufel: Was würde ich tun? Und natürlich denkt man sich klammheimlich auch in die Position der Gastgeber mit den dicken Geldbündeln in der Hand. Wen würde man zwingen, was zu tun, wenn man an ihrer Stelle wäre? Klar, da fällt doch jedem jemand ein. Nach und nach reift die Erkenntnis, dass wir selbst Teil des bösen Spiels sind. Schließlich wird das Ganze ja wegen uns veranstaltet, den Zuschauern, die sich so ein fieses Zeug auch noch anschauen, oder? Aber hey, ist ja nur ein Film! Damit können wir unsere moralische Rechtfertigung noch mal vertagen.

Unser psychopathischer Alltag

Sind wir tatsächlich alle zu gewohnheitsmäßigen Zynikern geworden, wie der Kommentator vom Filmdienst meint? Und falls ja, hat uns etwa die Dauerbedröhnung via YouTube und Netflix so abgestumpft? Oder waren es eher all die gewaltverherrlichenden Ballerspiele oder die aggressive Rap-­Musik? Von Bands wie »187 Straßenbande«, die den Polizeicode für »Mord« schon im Namen tragen? Vielleicht ist es ja aber auch umgekehrt und die mediale Unterhaltung reagiert nur auf unser Bedürfnis, all den Mist, den uns die Realität tagtäglich um die Ohren haut, irgendwie vom Hals zu schaffen, auszuschwitzen, uns mal so richtig abzureagieren? Oder sind wir – auch nicht viel besser – von Natur aus Sadisten, die sich nur unter Androhung drakonischer Strafen zivilisieren lassen?

Dass wir im Zeitalter der permanenten Reizüberflutung und der unaufhaltsamen Auflösung alter Gewissheiten leben, wird kaum jemand abstreiten. Wer kann heute noch so genau sagen, was richtig und was falsch, wer Freund oder Feind ist? Wir seien »im Alltag selbst top-psychotisch geworden«, erklärte Dominik Graf Ende 2019 in der Zeit, »bitte schauen Sie sich Ihre Mitmenschen auf der Straße und deren Verhaltensstörungen mal genauer an!« Daher, so der beste, vielleicht sogar einzige deutsche Thriller-Regisseur, »dulden wir in den Filmen keine Zweifel am Bestialischen der Täter mehr. Sie sind wie der Clown aus Stephen Kings ›Es‹. Und natürlich steckt dieser Clown in uns selbst und wartet stets darauf, die Maske überziehen und hervortreten zu können.«

Es ist wohl kein Zufall, dass gerade jetzt eine Figur wie der Joker seine x-te Wiedergeburt erlebt. Eine Figur, die wohlgemerkt 1940 ihren ersten Auftritt hatte. Anfangs war er ein glückloser Stand-up-Comedian, dessen Erscheinungsbild – weißes Gesicht und grüne Haare – in den ersten Jahren nicht großartig hinterfragt wurde. War es nun ein furchtbarer Chemieunfall (wie in der Geschichte »Der Mann unter der roten Maske« von 1951), eine grausige Selbstverstümmelung (eine der Varianten, die der Joker in »The Dark Knight« (siehe S. 98) erzählt, oder ist es eine seiner zahlreichen Masken, die für das grausige Erscheinungsbild des »Clownprince of Crime« verantwortlich sind? In der Graphic Novel »The Killing Joke«, die als eine der Schlüsselgeschichten des Joker-Mythos gilt,1 erklärt er: »If I’m going to have a past, I prefer it to be multiple choice!«

Das Gute daran ist, dass sich jeder die ihm genehme Variante aussuchen kann. Das weiße Gesicht des Jokers ist wie eine Leinwand, auf der jeder seine Ängste, seine Frustration, seinen Hass, seine Wut auf die Gesellschaft projizieren kann. In der Version von 2019 ist er erneut ein Comedian, über dessen Witz niemand lachen kann. Er ist ein Abgehängter, ein hoffnungsloser Fall, und so ziemlich die einzige vermeintlich helfende Hand, die ihm im Film gereicht wird, hält eine Pistole. Irgendwann entscheidet er sich, nicht mehr dazugehören zu wollen. Nun ist es nicht mehr so, dass man ihm keine Chance mehr gibt. Vielmehr hat die Gesellschaft ihre Chance verpasst, ihn für sich zu gewinnen.

Um noch einmal Dominik Graf zu zitieren: »Heute glaubt niemand mehr an Therapien. Der Gegner ist wie im Mittelalter das personifizierte ›Böse‹ im Menschen. Der Täter leidet nicht mehr an sich selbst und an seinen Gelüsten – und falls doch, interessiert uns das nicht mehr. Im Hass auf die Menschheit, der den Täter antreibt, ist keine Verzweiflung mehr zu erkennen, es wird keine Heilung gewünscht.« Arthur Fleck, für dessen Darstellung Joaquin Phoenix 2020 zu Recht einen Oscar bekam, gibt dem Clown Pennywise aus »Es« eine menschliche Gestalt. Doch der Joker kann nicht geläutert werden. Er erfindet sich, und darin können wir ihn uns zum Vorbild nehmen, immer wieder neu. Sein teuflisches Lachen lässt sich einfach nicht aus der Welt schaffen.

Verlangen nach dem Furchtbaren

Der Hass des Jokers richtet sich nicht allein gegen die bestehenden Verhältnisse, sondern viel grundsätzlicher gegen eine Wirklichkeit, die seine Existenz erst gar nicht zu Kenntnis nimmt. Ihn treibt nicht der Hass gegen andere an und es geht ihm auch nicht um ein politisches oder ideologisches Statement. Seine Auflehnung gilt der Missachtung, die er erfährt, er wehrt sich gegen die Abstumpfung, die Stupidität des alltäglichen Lebens. Figuren wie der Joker und andere Erzschurken setzen einer desillusionierten Welt ein »Pathos des Ungewöhnlichen« entgegen, das der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer als Merkmal der künstlerischen Opposition gegen die Wirklichkeit beschreibt. »Der Hass-Imagination eignete seit jeher eine fast sakrale Abgrenzung der eigenen Existenz gegenüber der Welt.«2

Selbstoptimierung. Positives Denken. Political Correctness. In einer Welt der Personality-Trainer, der um Likes und Views gierenden Selbstdarsteller auf Facebook und Instagram ist kein Platz für Zweifel oder das Eingeständnis von Schwäche. Fitness und Ernährung werden zur Religion erhoben, kein körperlicher Makel, keine schlechte Angewohnheit werden noch hingenommen, sondern müssen umgehend beseitigt werden. Zur Not eben mit Hilfe von Photoshop. »Joker« spielt in den 80er-Jahren. Man fragt sich, ob Arthur Fleck in unserer schönen neuen Welt glücklicher geworden wäre. Besonders wahrscheinlich ist das nicht, denn die Messlatte ist inzwischen sehr viel höher gelegt worden, auch wenn dieses »Glück« mit »glücklich sein« vermutlich nicht mehr allzu viel zu tun hat.

Dann doch lieber eine Mitgliedschaft im stetig wachsenden Club der Loser und Selbstzerstörer, der Hochstapler und Profidefätisten! Diese Gesellschaft scheint jedenfalls sehr viel angenehmer als die der ganzen Gewohnheitsheuchler und Egopropheten. Und mal ehrlich, wenn die alle wirklich so perfekt wären, wie sie in Talkshows, Managerseminaren und auf Tinder behaupten, würde die Welt dann so aussehen, wie sie aussieht? Vielleicht haben wir ja auch irgendwann so viele Filter über unsere Selfies gelegt, dass uns beim Blick auf den Bildschirm die Fratze des Jokers angrinst.

Wir leben im Zeitalter der Überforderung und der Reizüberflutung, und damit schlägt die Stunde des Filmschurken. Denn der ist die personifizierte Reizüberflutung und schon von Berufs wegen eine Zumutung. Wenn er eine Maske aufzieht, dann um uns zu täuschen oder zu erschrecken. Er steht dazu böse zu sein, und erscheint daher möglicherweise wahrhaftiger als wir, die wir von unseren bequemen Kinosesseln aus den strahlenden Helden zujubeln, wie das von uns erwartet wird. Noch eine Diät-Cola? Noch eine Portion fair gehandeltes Popcorn?

Der Filmschurke zwingt uns dazu, eine Wahl zu treffen. Man kann ihn verurteilen oder seine Motive nachvollziehen, man kann sich wünschen, dass er zur Strecke gebracht wird oder ungestraft davonkommt. Aber man kann ihm nicht gleichgültig gegenüberstehen. Strahlende Vorbilder können einen kalt lassen oder man kann in Zweifel ziehen, dass es so etwas wie »Helden« überhaupt gibt. Doch dem Bösen gegenüber muss man Position beziehen, ob es einem nun gefällt oder nicht. Genau genommen ist es überhaupt nur ihm zu verdanken, dass wir eine Wahl haben.

588 Tage, rechnet Sabine Rückert in der Zeit vor, könne man ununterbrochen Krimis schauen, wollte man das gesamte Angebot des deutschen Fernsehens wahrnehmen. Und da sind Netflix & Co. noch gar nicht dabei.3 Ebenso steige die Zahl der Ermordeten. »Ein zerstückelter Ritualmörder pro Sendung oder Buch reicht heute kaum noch aus.«4 »Das Destruktive stößt nicht nur ab, sondern präsentiert sich mit anziehender Kraft. Das unstillbare Verlangen nach dem Furchtbaren zeigt sich daran, dass dieses in multikomplexen Mediengesellschaften als Korrektiv gegenüber den unspektakulären Routineabläufen des grauen Alltags zunehmend geschätzt wird«, so der Theologe Knut Berner.5

Zwar geht die Zahl der Gewaltdelikte, so rechnen es Statistiker gebetsmühlenartig vor, immer weiter zurück. Dafür wird die Rhetorik nicht nur in den sozialen Netzwerken immer martialischer. Gegen Shitstorms, Mobbing und »hate speech« scheint kaum ein Kraut gewachsen. Das wiederum hat ganz reale Gewalt zur Folge, Anschläge, rassistische Übergriffe, Ausschreitungen im Fußballstadion. Vor diesem Hintergrund fällt es schwer zu glauben, dass die Gesellschaft angeblich immer friedfertiger wird. Auf jeden Fall scheinen wir mehr denn je darauf angewiesen zu sein, uns in der Welt der Fiktion sozialverträglich abzureagieren.

Das Angebot reicht von den »Rosenheim Cops«, die täglich bereits im Vorabendprogramm »a Leich« servieren, bis zu echten cineastischen Grenzerfahrungen. Die Grenzen des Zeigbaren auslotende Horrorfilme wie »Martyrs« (2008) oder »Saw« (siehe S. 104) finden allerdings in der Regel fernab des Mainstreams statt und richten sich eher an die »Gorehounds« unter uns sowie an ein auf »Terrorkino«6 spezialisiertes Publikum. Während die Täter in den Fernsehkrimis in der Regel Leute wie du und ich sind – sonst hätten die TV-Kommissare ja auch leichtes Spiel bei der Suche nach dem Mörder – finden die echten Bösewichte vorwiegend in Kinofilmen und über die Streaming-Dienste vertriebenen »Qualitätsserien« (bitte, nichts gegen die »Rosenheim Cops«!) ihr Betätigungsfeld.

Die Nachfrage nach devianten Charakteren ist riesig, da die meisten von uns zum Glück davon Abstand nehmen, aus Frust, Langeweile oder vermeintlich gerechtem Zorn auf andere loszugehen. Gewalt kann man nicht mal kurz ausleben, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Filme haben demgegenüber den großen Vorzug, dass sich die Grenze zwischen Recht und Unrecht leichter überwinden lässt, da Grenzüberschreitungen zur Natur der Sache gehören und am Ende ohne Folgen bleiben. Von einer eventuell schlaflosen Nacht einmal abgesehen.

Niemand will der Böse sein. Oder doch?

In die Rolle des Bösewichts schlüpft erst einmal niemand freiwillig. Beim Räuber-und-Gendarm-Spielen hatte man die Ordnungshüter früher meist schnell beisammen. Räuber wollte dagegen kaum jemand sein. Kein Wunder, denn das sind schließlich die, die am Ende immer im Knast sitzen oder ins Gras beißen, oder? Die gleiche Erfahrung kann man bei interaktiven Rollenspielen machen. »Wo digitale Spiele darauf angelegt sind, die Moral der Spielenden zu testen, zu kitzeln, tendieren die meisten Spielenden eher zu den guten Entscheidungen, dazu, der Mensch zu sein, der sie gerne sein möchten. Den bösen Weg zwar mal anzutesten – aber meistens den guten zu nehmen, weil der böse sich falsch anfühlt.«7

Wenn sie die Wahl haben, entscheiden sich die meisten Menschen dafür, gut zu sein, erklären uns die Psychologen. »Bedürfnis nach bedingungsloser positiver Wertschätzung« nennen sie das. In seinem Streben nach Entfaltung sei der Mensch grundsätzlich konstruktiv, rational und sozial. Erst wenn ihm die Wertschätzung – aus welchen Gründen auch immer – verweigert wird, greift er zu anderen, notfalls drastischeren Mitteln bis hin zu irrationalem, destruktivem und asozialem Verhalten. Wenn man sich die Welt allerdings so ansieht, dann drängt sich der Verdacht auf, dass das irgendwie auf eine ganze Menge von Leuten zuzutreffen scheint. Und die ziehen eher selten nachts mit dem Rasiermesser durch neblige Straßen, sondern sitzen oft an ziemlich langen Hebeln – in Aufsichtsräten, in der Duma, im Weißen Haus. Hat da gerade jemand »Mein Chef!« gerufen?

Natürlich kann jemand auch Böses tun, ohne dass es ihm selbst bewusst ist. Oder weil er meint, keine andere Wahl zu haben. »Sachzwänge« nennt man das in der Politik, »Kollateralschäden« beim Militär. Man kann destruktiv sein, ohne dass man sich bewusst dafür entschieden hat. »Es gibt nichts Schlimmeres als das, was ›gut gemeint‹ ist«, pflegt ein guter Freund von mir zu sagen. Wann aber kommt dann der Moment, in dem man erkennt, dass man nicht mehr auf der richtigen Seite steht? Lässt sich das überhaupt jemals klipp und klar entscheiden? Und wenn man mal auf die schiefe Bahn gekommen ist, gewöhnt man sich oder hat am Ende vielleicht sogar Spaß daran?

Liest man sich etwas in das Thema ein, trifft man immer wieder auf die Ansicht, dass Gut und Böse immer zwei Seiten einer Medaille sind. So richtig überzeugend scheint das nicht. Dass das Bild mit der Münze nicht so recht funktioniert, kann man schon daran ablesen, dass die meisten Dinge wesentlich mehr als nur zwei Seiten haben. Mit nur ein bisschen Lebenserfahrung stellt man fest, dass diese verdammte Münze – den physikalischen Gesetzmäßigkeiten zum Trotz – in den allermeisten Fällen irgendwie auf der Kante stehenbleibt. Und diese Kante hat mathematisch betrachtet unendlich viele Punkte, auf denen sie landen kann.

Psychopathen auf der Überholspur

Während die »Guten« oft von Skrupeln und Selbstzweifeln zerfressenen sind, scheinen die wirklich fiesen Gestalten irgendwie in sich selbst zu ruhen. Sie ziehen ihr Ding durch und lassen sich selten auf Diskussionen ein, Konsequenzen schrecken sie kaum. Die schlechte und zugleich gute Nachricht: Nach Ansicht vieler Experten trägt so gut wie jeder Mensch psychopathische Züge in sich – es kommt letztlich nur darauf an, wie man sie nutzt. »Ob ein Mensch psychopathisch ist, wird wissenschaftlich meist auf einer Skala von 0 bis 40 gemessen – wobei man ab 30 Punkten von Psychopathie spricht. Psychopathie ist also keine Schwarz-Weiß-Kategorie, sondern eine fortlaufende Skala – und wir alle befinden uns auf dieser Skala irgendwo zwischen 0 und 40 Punkten«, erklärt beispielsweise der Profiler Mark T. Hoffmann.8

Deshalb muss man natürlich nicht gleich jemanden umbringen. Man kann beispielsweise auch Karriere machen: »Nur die Versager morden, die Cleveren gehen in die Wirtschaft.«9 »Psychopathen sind furchtlos, selbstsicher, charismatisch, skrupellos und fokussiert, doch im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht unbedingt gewalttätig«, schreibt der Psychologe Kevin Dutton.10 »Psychopathische Merkmale sind wie die Stellknöpfe und Schieberegler an einem Mischpult. Wenn man alle auf maximal stellt, kommt ein Soundtrack heraus, mit dem keiner etwas anfangen kann.« Mit entsprechender Modulation und den richtigen anderen Persönlichkeitsmerkmalen »kann es sich um einen überragenden Chirurgen handeln, der auf seinem Gebiet höchste Leistungen vollbringt.«

Wie schmal die Grenze zwischen einem Helden und einem Psychopathen ist, kann man wunderbar an James Bond beobachten. Dutton berichtet von einem Jugendfreund namens Johnny, dem er Kaltblütigkeit, Charisma und eine »dämonische Überzeugungskraft« attestiert. Interessanterweise ist dieser Johnny, der einen »mit einem Heiligenschein erdrosseln« würde, um ihn »danach wieder aufzusetzen, als wäre nichts geschehen«, Angestellter des britischen Geheimdienstes MI5. Damit bestätig Johnny (und bei Weitem nicht nur er), »dass Männer mit Persönlichkeitsmerkmalen wie dem stratosphärischen Selbstwertgefühl des Narzissmus, dem Erlebnishunger und der Furcht- und Skrupellosigkeit der Psychopathie sowie der Arglist und dem Ausbeutertum des Machiavellismus in gewissen Gesellschaftsschichten bestens zurechtkommen.«11

James Bond ist im Grunde ein Bösewicht, den wir ohne schlechtes Gewissen feiern, weil wir glauben, dass er auf der richtigen Seite steht. Das kann sich je nach Perspektive ganz anders darstellen. So hat der von Javier Bardem gespielte Schurke und Bond-Gegenspieler Raoul Silva in »Skyfall« (2012) allen Grund, sauer auf die Geheimdienstchefin M (Julie Dench) zu sein, hat diese ihn doch nach monatelanger Folter durch den chinesischen Geheimdienst fallen lassen. Der Jura-Professor Stephen L. Carter von der Yale University mutmaßt sogar, Silva könne Ms Sohn sein, was seine Empörung über den Verrat und seine Rachegelüste letztlich noch verständlicher machen würde.12 Bond jedoch kämpft natürlich weiter unverdrossen an der Seite seiner Chefin und schaltet Silvas Leute reihenweise aus. Überhaupt ist der von Bond verursachte Kollateralschaden in jedem Film aufs Neue beträchtlich. Einmal ganz abgesehen davon, dass der Geheimagent Ihrer Majestät angesichts seines chronisch übergriffigen Verhaltens gegenüber Frauen in Zeiten von #MeeToo eigentlich längst in einer Zelle neben dem gestürzten Filmmogul Harvey Weinstein sitzen müsste.

Fliessende Grenzen

Das Beispiel Bond zeigt: Ganz so eindeutig, wie uns Hollywood glauben machen will, sind die Zuordnungen von Gut und Böse, Held und Schurke durchaus nicht. Zumal man für manchen Serientäter mildernde Umstände geltend machen kann. Allen voran für den Joker. Wie Christopher Robichaud unter dem Titel »Ist der Harlekin schuldfähig?« überzeugend ausführt, kann jemand, der so gestört ist, für seine Taten nicht verantwortlich gemacht werden. »Kerngedanke ist, dass er nur dann moralisch handelt, wenn er das aus freien Stücken tut. Sein Wahnsinn hat seine Fähigkeit, Wünsche zweiter Ordnung zu entwickeln, beeinträchtigt, er ist auf seine Wünsche erster Ordnung fixiert, die vollkommen irrationale Impulse einschließen.«13

Die Beispiele zeigen, dass sich die Situation oft schlagartig anders darstellt, wenn man die Perspektive wechselt. Das betrifft moralische Urteile natürlich ganz besonders. Wen würde man beispielsweise für den übleren Schurken halten? Einen sendungsbewussten Serienmörder wie John Doe (siehe S. 77), der, mag er auch noch so verblendet sein, für seine Ideale tötet? Oder einen Zyniker, der nur im Namen des eigenen Profits handelt? Die Frage ist so schwer zu entscheiden, weil beide natürlich Produkte ihrer Umgebung, ihrer persönlichen Erfahrung sind. Ihre Verteidigungsstrategie unterscheidet sich nur in Nuancen. Der eine argumentiert, dass die Opfer immerhin für eine gute Sache gestorben sind. Der andere wird sagen, dass er nur ihre Leiden beendet habe. Beide maßen sich an, über diejenigen entscheiden zu dürfen, die sie auf dem Gewissen haben.

Ein klassisches Beispiel für den zweiten Typus ist der Schwarzhändler Harry Lime in dem zeitlosen Meisterwerk »Der dritte Mann« (Carol Reed, 1949). Lime ist dafür verantwortlich, dass Kranken und Verletzten unwirksame Arzneien verabreicht werden. Immerhin besser, als gar keine Medikamente zu bekommen, von denen es sowieso nicht genug gegeben hätte, oder? Und da sich dieses moralische Dilemma sowieso nicht auflösen lässt, kann man sich doch getrost daran bereichern. Darauf, wem man damit schadet, hat man ja keinen Einfluss, die unbekannten Opfer sind nur kleine schwarze Punkte unter dem Riesenrad des Lebens. So in etwa rechtfertigt sich jede Gesellschaft, die ihren Wohlstand denjenigen verdankt, die nicht das Glück hatten, zufällig am richtigen Ort geboren zu ­werden.

So betrachtet ist »Der dritte Mann« von verblüffender Aktualität. »Die Zivilisation zerfällt«, heißt es an einer Stelle, das in Trümmern liegende Wien scheint der unabweisbare Beleg dafür zu sein. Durch die hochherrschaftlichen Häuser fährt ein eisiger Wind, statt ins urbane Getümmel sieht man sich in eine von bizarren Gestalten bevölkerte Steinwüste versetzt, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Wer könnte mit absoluter Sicherheit von sich behaupten, dass er sich in dieser Geisterwelt anders verhalten würde als Harry Lime?

Programmiert auf Mord: Das Böse als humane Handlungsoption

Laut dem Evolutionspsychologen David M. Buss sind Mord und Totschlag in der Menschheitsgeschichte »normale« Handlungsoptionen. Schon der Titel seines Standardwerks »The Murderer Next Door«14 lässt einen den eigenen Nachbarn schlagartig in einem etwas anderen Licht erscheinen. Buss hält die Theorie, dass Fernsehen, Film und Videospiele einen sozialen Lerneffekt hätten, der die Hemmschwelle der Konsumenten systematisch senkt, bis sie selbst zur Waffe greifen, für nicht haltbar. Schließlich könne man so nicht erklären, wieso es Mord auch in Gesellschaften gebe, die gar kein Fernsehen haben – und das seit »Tausenden, möglicherweise sogar Millionen von Jahren«. Auch habe nicht jeder Mörder unbedingt als Kind Missbrauch und Gewalt erlebt.

»Wir müssen uns der unerfreulichen Tatsache stellen, dass Mord sich als bemerkenswert effektives Mittel herausgestellt hat, viele der Herausforderungen, denen wir uns im evolutionären Kampf ums Überleben und um die Gelegenheit zur Fortpflanzung gegenüber sahen, zu meistern: in sozialen Hierarchien aufsteigen, sich eine Reputation verschaffen, die Eindringlinge abschreckt, die eigene Familie beschützen und bewahren, gewalttätigen Beziehungen und Missbrauch entkommen, neue Partner finden und vieles mehr.« Der Wissenschaftler kommt zu dem Schluss, dass »unsere moralische Ablehnung von Mord uns nicht dazu verleiten sollte, die eindeutigen Belege dafür zurückzuweisen, dass eine tiefgehende Psychologie des Tötens essentieller Bestandteil der menschlichen Natur war und ist.«

Man sollte sich also keineswegs einbilden, dass sich das menschliche Handeln stets danach ausrichtet, was sozial, konstruktiv und gut ist. Vielmehr wird die Grenze zwischen Recht und Unrecht dadurch definiert, ob man glaubt, dass man mit etwas durchkommen kann. Den Beleg dafür kann jeder bei sich selbst finden. Der Gedanke, jemanden zu töten, kommt den meisten Menschen recht zuverlässig in solchen Situationen in den Sinn, in denen ein Mord tatsächlich eine Lösung darstellen würde. Auch wenn diese Option in den allermeisten Fällen gleich wieder verworfen wird – laut Buss wäre dieses Zusammentreffen ein unerklärlicher Zufall, wenn »unser Geist nicht auf Mord programmiert wäre.«