Wege aus dem Burnout - Stephan Heinen - E-Book

Wege aus dem Burnout E-Book

Stephan Heinen

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Beschreibung

Der Mensch und die an maximaler Gewinnoptimierung ausgerichtete deutsche Industrie stehen hier im Mittelpunkt. Kennzeichen einer durch eine von absoluter Dominanz des Ökonomischen geprägten Wirtschaft sind grenzenlose Arbeitsverdichtung und unentwegte Optimierung von Arbeitsabläufen. Damit sind nur einige der Folterinstrumente einer rastlosen Jagd nach Effektivität genannt. Da, wo Führungsverhalten von Vorgesetzten nicht getragen wird durch Achtung, Wertschätzung, Ehrlichkeit, Weisheit, Respekt, Zuverlässigkeit, da, wo Integrität nicht als eine unabdingbare Lebenseinstellung gelebt wird, entpuppt sich Führungskompetenz als Lüge des gesamten Daseins. Meine wesentlichen Thesen lauten: Die absolute Dominanz des Ökonomischen muss zurückgefahren werden. - Der Mensch muss wieder im Mittelpunkt des wirtschaftlichen Denkens und Handelns stehen. - Menschen mit Führungsaufgaben müssen ihr Handeln und Agieren aus einem gelebten Humanismus heraus verstehen und betreiben. - Philanthropie, Selbstdistanzierung

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Mensch muss sich der Natur anpassen.

Die Industrie dem Menschen.

Der Mensch und die an maximaler Gewinnoptimierung ausgerichtete deutsche Industrie stehen hier im Mittelpunkt. Kennzeichen einer durch eine von absoluter Dominanz des Ökonomischen geprägten Wirtschaft sind grenzenlose Arbeitsverdichtung und unentwegte Optimierung von Arbeitsabläufen. Damit sind nur einige der Folterinstrumente einer rastlosen Jagd nach Effektivität genannt.

Da, wo Führungsverhalten von Vorgesetzten nicht getragen wird durch Achtung, Wertschätzung, Ehrlichkeit, Weisheit, Respekt, Zuverlässigkeit, da, wo Integrität nicht als eine unabdingbare Lebenseinstellung gelebt wird, entpuppt sich Führungskompetenz als Lüge des gesamten Daseins.

Meine wesentlichen Thesen lauten:

Die absolute Dominanz des Ökonomischen muss zurückgefahren werden.

Der Mensch muss wieder im Mittelpunkt des wirtschaftlichen Denkens und Handelns stehen.

Menschen mit Führungsaufgaben müssen ihr Handeln und Agieren aus einem gelebten Humanismus heraus verstehen und betreiben.

Philanthropie, Selbstdistanzierung und Nachhaltigkeit sind die Gebote und Herausforderungen der Zukunft.

Der Ton macht die Musik

Gefühl macht den Menschen

Stephan Heinen, geboren am 13.12.1960 in Kehl am Rhein, erzählt anhand eines Tagebuchs, wie er sich selbst und seinen Genesungsprozess nach einem psychischen und physischen Zusammenbruch im Januar 2013 erlebt.

Er beschreibt die moderne Industriegesellschaft und ihre Auswirkungen auf den Menschen. Er betrachtet seine Krankheit nicht als singulär, sondern als symptomatisch für westliche Industriegesellschaften. Systeme und ihre Anforderungen seien maßlos geworden und würden den Menschen zunehmend in ein Knechtschaftsrad des erhofften Erfolgs zwingen.

Seine Thesen lauten:

Die Gewinnmaximierung hat der Philanthropie und der Nachhaltigkeit zu weichen. Es muss eine kritische Auseinandersetzung über die Plünderung der Natur stattfinden.

Die westliche Gesellschaft muss sich von der Vorstellung trennen, dass Natur keinen Preis hat.

Eine tugendhafte Einstellung Mächtiger gegenüber Schwächeren muss von der Industrie vorgelebt werden.

Ziel muss sein, dass Mensch, Natur und Industrie sich freundschaftlich gegenüber stehen.

Das Klima in der Gesellschaft wird maßgeblich durch das Klima an den Arbeitsplätzen mitbestimmt.

Somit hat die Industrie auch einen gesellschaftspolitischen Auftrag.

Heinen beschreibt in Form von Tagebucheinträgen Situationen, Gedanken und Emotionen, die ihm während eines kurzzeitigen Aufenthalts in einer Klinik für Notfälle, während seiner Rekonvaleszenz zu Hause und während der Behandlung in einer psychosomatischen Klinik widerfuhren und umtrieben. Ausgehend von diesen Erfahrungen, die für ihn zur Selbsterfahrung führen, reflektiert er sein Leben, sein Verhalten, sein Denken, sein Umfeld, kurz: er entdeckt sich erstmals in einer anderen, für ihn nun sichtbar gewordenen Welt.

Das Motiv des Einbandes haben wir in einem Projekt der Gestaltungstherapie in der Klinik als Gruppe gemeinsam geschaffen.

Zu diesem Buch:

Wege aus dem Burnout.

Zukunft ist nicht die Verlängerung der Gegenwart

Frühjahr 2013: Ich leide an „Burnout“ oder an einer schweren Depression. Schmerzen zu fühlen und nicht zu wissen warum, das bestimmt meinen Alltag. Diese Zeilen schreibe ich an zukünftige Leser, ob sie jemals gedruckt werden, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Ich betrachte meinen Zustand nicht als singulär, sondern als symptomatisch für die westliche Industriegesellschaft.

Keimzelle meiner Gedanken zu diesem Manuskript sind meine Reflexionen in Form eines Tagebuches. Darüber hinaus möchte ich das, was mir positiv während meiner Erkrankung durch die Solidargemeinschaft zuteil geworden ist, dankbar in die Öffentlichkeit bringen. Was ich erlebte, kann anderen Menschen möglicherweise helfen, die sich in ähnlichen Situationen wiederfinden. Stundelang bin ich mit mir alleine spazieren gegangen, habe unzählige Notizen erstellt – ich möchte das nicht in Schall und Rauch aufgehen lassen.

Ich wünsche mir und hoffe, dass all das bleibt, was mir in liebevoller Kleinarbeit durch Ärzte und Therapeuten aufgezeigt und eröffnet wurde. Meine Notizen stellen einen Beitrag dar, das alles zu erhalten und auch zu honorieren.

Diese Aufzeichnungen widme ich besonders meiner Frau Claudia, die mich die letzten vier Jahre hat ertragen müssen und mir trotzdem nicht von der Seite gewichen ist. Darüber hinaus widme ich sie auch allen Menschen, die bemerken, dass alles endlich, vieles verletzlich, manches nicht wieder rückführbar ist.

Auch in Dankbarkeit gilt meine Widmung Bärbel, einer wahren Lehrerin der Humanität.

Botschaft des Schmerzes

Inhalt

Vorwort

Der erste Schritt zur Selbstfindung

Die letzten Wochen und Monate vor dem Zusammenbruch

Die totale Erschöpfung

Der Tribut

Moderne Industriegesellschaften – psychosomatische Krankheiten

Philanthropie und Nachhaltigkeit

Schmerzen zu spüren, heißt für mich, Krankheit zu bewältigen

Ich verneige mich vor dem Schmerz

In der Klinik: Ich habe die Fähigkeit des Stillseins verloren

Die Psyche ist intelligent, aber träge – um nicht zu sagen faul

Ich erfahre Zugang zu mir

Ich war noch nie so nah bei mir

Vergangenheit und Gegenwart

„Wir müssen das, was wir denken, sagen“

„Die sieben modernen sozialen Sünden der Menschheit“

Stille ist nicht Nichts

Das Klima in der Gesellschaft…

Sehnsucht nach einer heilen Welt

Der Abschied aus der Klinik

Zum Schluss

Anhang

Literatur- und Quellenverzeichnis

Vorwort

Bis Mitte Januar 2013 habe ich in einem großen Betrieb im Südwesten Deutschlands gearbeitet. 21 Jahre lang war ich ein engagierter Mitarbeiter und immer stolz darauf, in dem Betrieb beschäftigt zu sein.

Der tägliche Druck, dem ich immer gerecht werden wollte, begann zunehmend an mir zu nagen. Immer öfter bekam ich Schmerzen.

Ich wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte.

Gegen das Schicksal wollte ich auch nicht aufbegehren. Mein Leben habe ich immer verstanden als Erfüllung von Pflichten, die Gott mir auferlegt. Meine Arbeit habe ich stets sehr gemocht und war nie krank. Seit vier Jahren aber habe ich einen Vorgesetzten, der immer mehr forderte an Quantität und Qualität. Auch sollte ich den Druck weitergeben an Frauen, die für uns Einkäufer arbeiten. Eine Kollegin nahm oftmals schon Arbeit mit nach Hause und saß immer öfter am Schreibtisch und weinte aus Verzweiflung.

Ich habe den Druck nicht weitergegeben, so weit es mir möglich war. Mit der Folge, dass ich seit mehr als einem Jahr nur noch eine bis zwei Stunden pro Nacht schlief. Den Rest der Nacht war ich dann am Dösen oder stand einfach auf. Seit dieser Zeit leide ich an viel zu hohem Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Hautveränderungen und Tinnitus. Eine Darmerkrankung mit ständig wiederkehrenden Entzündungen ist seit mehreren Monaten auch immer wieder aufgetreten.

Persönliche verbale Angriffe und Beleidigungen auf mich und einen Kollegen gehörten zum Alltag der vergangenen Monate. Ich habe keine Erklärung dafür, warum ich das solange ausgehalten habe.

Wir sind nicht von einem Moment auf den anderen krank. Wir bügeln alles weg und schieben es in die Abstellkammern, bis diese voll sind, und die Türen nicht mehr zugehen. Dann kommt der Doktor und drückt die Tür mit Tabletten zu. Das geht eine ganze Weile und bald braucht man zwei Helfer, die die Tür zudrücken und letztendlich geht sie nicht mehr zu. Dann hat man ein echtes Problem: jetzt ist man wirklich krank und benötigt eine ständige Medikamentenhilfe. Die Hilfe besteht darin, dass die Medikamente beruhigen und immer mehr beruhigen. Im übertragenen Sinne nehmen die Pillen „mir die Sehkraft“, damit ich nicht mehr sehe, was um mich geschieht, damit ich nicht mehr sehe, dass die Tür nicht mehr zugeht. Und dann mache ich weiter wie bisher.

Aber es ist ein Trugschluss zu glauben, es wird alles wieder gut, obwohl sich nichts geändert hat. Schweigen heißt nach wie vor immer noch dulden. Es braucht daher eine Wende, ein anderes Verhalten und wenn das Vorherige falsch ist, dann ist fast jede Änderung richtig, die dem erkannten Problem entgegenwirkt.

Jetzt muss ich mir die Zeit dazu nehmen. Ich habe Jahre damit verbracht, die Probleme zu bekommen, sie zu umgehen, sie mit blinder Aktivität zuzudecken. Mit einer Pille werde ich sie wohl nicht wieder los.

Meiner Frau ist das schon lange aufgefallen und sie hat mich wiederholt aufgefordert, die belastenden und unwürdigen Verhältnisse in meiner Firma mit der Geschäftsleitung zu besprechen. Nichts habe ich unternommen!

Mein behandelnder Arzt hat vor drei Wochen zu mir gesagt: „Dies ist die letzte Warnung, Sie müssen sich dringend in Behandlung begeben!“ Seltsamerweise fällt allen anderen Menschen um einen herum auf, dass etwas nicht stimmt, nur selbst bemerkt man es nicht.

Ich warte auf einen Platz in einer psychosomatischen Klinik, um vor allem meine Schlafprobleme zu lösen. Dann wird es wohl auch wieder besser mit dem Blutdruck und allen anderen Beschwerden.

Der erste Schritt zur Selbstfindung

Wege aus dem Burnout.

Ich habe ständig Schmerzen am Magen, am Darm. Beschert mein Gehirn dem Darm oder dem Magen die Schmerzen oder bereitet der Darm oder der Magen dem Gehirn die Schmerzen. Es ist eine Frage der Perspektive.

Ein winziger Impuls genügt, und der Schmerz ist da. Der Schmerz hat sich in der Hirnrinde festgefressen.

Schmerz entsteht oft nicht an den Organen, er entsteht im Gehirn über die Psyche. Meine Organe, das bin ich. Mein Darm, mein Magen bereiten mir Schmerzen. Nein, es ist andersherum: ich, meine Organe stehen nicht mehr im Einklang mit meinem Handeln und meiner Umgebung. Sie sind nicht mehr einverstanden, sie sagen „Nein“! Ich bereite mir selbst Schmerzen.

Ich lebe nicht mehr im Einklang mit meiner Umgebung.

Der Umkehrschluss: Meine Umgebung fordert mir Handlungen ab, die ich nicht mehr in der Lage bin zu leisten.

Der Schmerz muss als Warnsignal verstanden werden, er soll mich beschützen vor Schlimmerem.

Der Schmerz schreit mich an: Handle, fliehe, ergründe, was Du nicht mehr erträgst!

Ergründe Deine eigene Schwingung, versuche Deine Mitwelt mit Dir mitschwingen zu lassen oder kommuniziere. Zuhören ist auch Antwort geben, bringe deine Schwingung auf die Schwingung deiner Mitwelt. Schwinge im Einklang.

Das bedeutet nicht Anpassung, Duckmäusertum, Jasager, nein, es bedeutet: Aufdecken von Missständen, von Ungerechtigkeiten, Ablehnung von unerfüllbaren Zielvereinbarungen… oder funktioniere in stoischer Gelassenheit weiter.

Schwinge aber nicht ständig gegen Widerstände, es zermürbt, es zerfrisst dich, es bereitet dir Schmerzen.

Nach dem Heidelberger Physiologen Johann Caspar Ruegg besteht ein permanentes Wechselspiel zwischen Umwelt, Emotionen und unserem Körper.

Die Psyche ist intelligent, sie ist jedoch auch träge, um nicht zu sagen faul.

Der Mensch orientiert sich am Erlernten oder Bekannten, er möchte sich nicht verändern.

Schmerz ist zerstörerisch und zugleich persönlichkeitsverändernd. Schmerz heißt auch und dies vor allen Dingen: Überdenke dein Jetzt und Hier, überdenke deine Lebenseinstellung, letztendlich dein Leben“.

Die letzten Wochen und Monate vor dem Zusammenbruch

Die letzten Wochen und Monate sind dadurch geprägt, dass ich zeitliche Abläufe nicht mehr zuordnen kann. Dinge oder Ereignisse, die sich am Freitag oder am folgenden Montag ereignet haben, kann ich in den nächsten Tagen nicht mehr zeitmäßig zuordnen. Ich weiß nicht mehr, hat das Eine oder Andere am Freitag oder am Montag stattgefunden. Immer öfter muss ich eine Kollegin bitten, mir Vorgänge aus den Akten zu ziehen oder sie erneut vorzulegen, damit ich weiß, was ich im Einzelfall getan habe. Nicht, dass mir Fehler unterlaufen sind, die Handlungen sind stets schlüssig und korrekt, aber ich weiß manche einfach nicht mehr.

Die üblichen Mechanismen, mit denen ich normalerweise Herausforderungen angehe, funktionieren nur noch bedingt.

Meinem Charakter widerspricht es eigentlich, mich aus der Ruhe bringen zu lassen, aber gegenwärtig schaffen meine Frau und unsere Kinder das spielend: Ein kleiner Funke genügt und ich beginne zu schreien, ich bin in vielen Dingen ungerecht und reagiere ungehalten. Mein überspannter Zustand bleibt, obwohl ich versuche, ein ruhiges, entspanntes Wochenende zu genießen. Die Spannung ist stets vorhanden. Selbst bemerke ich es nicht, mein Umfeld jedoch schon. Meine Frau vergleicht meinen Gesichtsausdruck mit dem Schauspieler Jack Nicholson in „Shining“. Es bringt mich ernsthaft zum Nachdenken, als eine gute Freundin hinter vorgehaltener Hand zu meiner Frau das gleiche sagt.

Die totale Erschöpfung: Ich registriere meine Familie, Mitwelt und Arbeit auf meine Weise

Der Tag, an dem es mich von den Socken riss

Es ist der 15. Januar 2013, ich bin wie gewohnt gegen 7:00 Uhr aufgestanden. Die letzte Nacht – wie viele zuvor – nicht länger als ca. 1 ½ bis 2 Stunden geschlafen. Den Rest der Nacht gedöst. Seit Monaten kann ich nicht mehr ausreichend und entspannend schlafen. Jeden Abend habe ich Panik davor, ins Bett zu gehen. Zum Trotz, dem Ritus folgend, gehe ich gegen 22:30 Uhr ins Bett. Wenigstens ein bisschen liegen, ein wenig meinen Geist ruhen lassen. Es gelingt mir nicht mehr.

Morgens stehe ich auf, wie eine Maschine, gehe ins Bad unter die Dusche. Im Anschluss in die Küche, meine Frau hat bereits den Kaffee gerichtet. Mürrisch nehme ich Platz, die Welt um mich ist klein und eng geworden. Denken bereitet mir Mühe, große Mühe, das Gehirn ist gereizt.

Nach dem Frühstück setze ich mich ins Auto und fahre ins Werk, nehme meinen Aktenkoffer und begebe mich an meinen Arbeitsplatz. Die Arbeit, die vor mir liegt, hat System. System in dem Sinne, dass ich nicht an der Komplexität von Aufgaben scheitere, sondern schlicht weg an der Menge. Ich bin in Rollenerwartungen hineingezwungen, die ich auf Grund ihrer Vielzahl und Häufigkeit gar nicht mehr erfüllen kann. Niemand hätte diese Erwartungen erfüllen können. Ich weiß, worüber ich schreibe. 16 Jahre lang habe ich Anforderungsermittlungen, Auslastungsgradanalysen durchgeführt und Arbeitsplatzbeschreibungen erstellt. Systematisch werde ich jetzt mit Aufgaben überhäuft, die in einem acht oder neun Stundentag – selbst im Laufschritt – nicht mehr abzuarbeiten sind.

Ich tausche mich noch etwa eine Stunde nach Arbeitsbeginn mit einem Kollegen auf dem Flur aus. Bei ihm muss ich einen fürchterlichen Eindruck hinterlassen haben, denn er empfiehlt mir schnellstmöglich einen Arzt aufzusuchen.

Ich versuche, den Personalchef zu erreichen, aber der ist in einer Besprechung. Der Geschäftsführer befindet sich auch nicht in seinen heiligen Hallen, so gehe ich zurück zu meinem Arbeitsplatz. Ich sehe gerade nach meinen E-Mails, als etwa fünf Minuten später mich die Sekretärin des Personalchefs anruft. Ich werde jetzt erwartet. Angekommen in der Personalabteilung, versuche ich mich zusammenzureißen, es gelingt mir nicht mehr, ich lasse den Tränen freien Lauf, schildere verschiedene Situationen, die meiner Ansicht nach den Ausschlag geben für meinen Zusammenbruch. Eine vom Vortag geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Ich befinde mich an meinen Arbeitsplatz, als ein Kollege aus der Technik zu mir an den Schreibtisch kommt, um mit mir einige technische Details zu besprechen. Ich arbeite bereits im Laufschritt.

Mein Schreibtisch vor mir ist zugedeckt mit aktuellen Projekten, ein Stapel von Unterschriftenmappen oben drauf. Weitere ca. 350 Liefermahnungen, die ich in kürzester Zeit abtelefonieren soll, obwohl das eigentlich gar nicht zu meinem Aufgabenbereich dazugehört, rund ca. 200 verschiedene Zeichnungsteile müssen heute noch bei etlichen Lieferanten angefragt werden. Mehrere Oberflächen auf meinem Bildschirm sind geöffnet. Eine Kollegin steht neben mir mit einer Mappe voller dringender Fragen, ich bin parallel dazu am Telefon und spreche mit einem Lieferanten. Zeitgleich notiere ich Antworten zu den Fragen meiner Mitarbeiterin. Der Kollege aus der Technik steht immer noch wartend neben mir. Ich lege den Höher auf. Seine Äußerung: die Arbeit, die ich hier mache, würde er nicht für 1 Million Jahressalär erledigen.

Ein Tag später fliegt bei mir die Sicherung raus. Schuld möchte ich keinem Kollegen zuweisen. Weitere Emotionen sind nicht vorhanden, ich empfinde nur noch Leere, Ohnmacht, Handlungsunfähigkeit. Dankbar bin ich aber für all die verständnisvollen Reaktionen meines Personalchefs.

Ich fürchte, die letzten vier Jahre in einem Umfeld der Unehrlichkeit und der Entwertung gelebt zu haben.

Immer habe ich versucht, alles im Betrieb mit Abstand zu betrachten und zu relativieren. Es gelingt mir offensichtlich nicht mehr. Die zentrale Aufgabe meines Vorgesetzten hat darin bestanden, Mitarbeiter und Kollegen zu entwerten und ihrem Ansehen zu schaden. Mitarbeiter sind vor Dritten verbal angegriffen, beleidigt und bloßgestellt worden. Bei Gleichrangigen oder Höhergestellten, denen geschadet werden sollte, ist seine Vorgehensweise sehr viel subtiler. Im Beisein anderer werden diese Personen, ihre Schwächen und Eigentümlichkeiten zur Sprache gebracht: Der Eine ein Stockfisch, der Nächste ein Emporkömmling aus einem kleinen Bauunternehmen, ein Weiterer nicht loyal, ein feiner Mann schon gar nicht, der gehe schließlich fremd. Eine Weitere, deren Gedanken sich um einen Betriebskindergarten drehen, ihre Überlegungen dazu seien eher auf einen gestörten Hormonhaushalt zurückzuführen, als auf eine ökonomische Beurteilung, dies sei jedoch bei einer Frau ihren Alters nachvollziehbar. Der Nächste hat noch nicht einmal bei uns angefangen, mein Vorgesetzter kennt ihn angeblich und seine Beschreibung kommt prompt, der hätte auch nichts drauf. Ein Weiterer bekäme die Arbeit nicht vom Tisch, wie ich, dem müsse man ans Schienbein treten oder auf den Zehen stehen.

Bei genauer Betrachtung ist in den Augen meines Vorgesetzten der Betrieb zum größten Teil mit Versagern belegt. Mit der Denkweise meines Chefs ist eine abwertende Rangordnung verbunden, die ich nicht teile. Ich hätte dagegen halten müssen, aber ich habe es nicht getan. Ich habe es auch nicht gekonnt, und so ist es vier Jahre lang so weiter gegangen. Mitte Januar ist endgültig „Aus“ für mich,… ich liege am Boden.

Mechanisch gehe ich nochmals zurück in mein Büro, nehme meinen Aktenkoffer, verabschiede mich von einem Kollegen mit den Worten: „Ich muss gehen, ich sterbe sonst.“

Wenn das Leben an Sinn verloren hat, verliert der Tod an Schrecken. Nicht, dass ich nicht mehr leben will. Ich brauche einfach Ruhe, nur noch Ruhe. Endlich einmal wieder ohne Schmerzen sein, endlich einmal wieder schlafen können! Einen Ausweg finden aus einem Raum ohne Türen.

Ich komme erschlagen bei meinem Hausarzt an, er überweist mich sofort zu einem Neurologen.

Von nun an geht alles schnell, meine Frau bringt mich in eine Klinik zum Ruhigstellen. Die Aufnahme erfolgt zügig, ich schildere kurz die Symptome, auch dass ich erhebliche Einschlaf- und Durchschlafprobleme habe. Nach dem Abendessen erhalte ich etwas zur Beruhigung. Auf einmal ist alles nicht mehr besonders wichtig. Ich starre vor mich hin. Gegen 22:30 Uhr gibt es ein Schlafmittel. Hier liege ich zusammen mit einem Alkoholkranken in einem Überwachungszimmer. Wow, keine zwei Minuten später geht bei mir das Licht aus! Das ist kein Schlafmittel, das ist eine Narkotisierung. Ich wache gegen 5:00 Uhr morgens auf, muss pinkeln, komme kaum aus dem Bett heraus, gehe wackelnd zur Toilette. Stehe davor, nichts, ich kann nicht pinkeln, das Schlafmittel hat den Hohlmuskel gleich mitnarkotisiert. Die Situation ist mir peinlich, ich behelfe mir mit einem Glas lauwarmem Wasser, in das ich mein bestes Stück reinhänge. Die Wärme führt langsam dazu .uah…es läuft aus mir heraus.

Ich wanke zurück ins Bett, kann nicht mehr einschlafen, beginne daher meine eigenen persönlichen Übungen. Wenn ich nicht schlafen kann, gibt es für mich drei Stufen, die ich gedanklich durchlaufe, um meinen Geist zu beruhigen.

In der ersten Stufe will ich bewusst denken. Denken heißt dann für mich, einen Prozess zu starten, der Vorstellungen auslöst, kontrollierte Abläufe, die sich zugetragen haben, gedanklich zu durchgehen, negative Gedanken auszuschließen. Ihnen darf ich keinen Platz, keinen Raum geben. Gelingt mir das, werde ich ruhiger, die Herzfrequenz reduziert sich. Ich denke an ein positives Ereignis, das mich mehrere Minuten gedanklich festhält. Denken ist mehr als Konzentration. In Gedanken verlasse ich unser Ferienhaus, gehe die Treppe herunter, öffne die Tür, schließe die Tür, überquere den Hof, öffne das Gartentor, schließe das Gartentor, überquere die Straße, rechts neben mir das Haus eines Musikers. Heute ist alles still. Links von mir Klippen, dahinter das Meer. Ich gehe weiter über den Strand, rechts beginnen Apartments, links das ruhige Meer. Ich laufe gedanklich immer weiter, Stück für Stück gehe ich den Weg durch, …verweile am Ende des Weges am Strand auf einem Felsen und beginne gedanklich den Rückweg.

Rituelles Beten belegt die Stufe zwei. Hier wird ein auswendig gelerntes Gebet in Gedanken aufgesagt, ich kann es nahezu „im Schlaf“ aufsagen. Dies führt zu einem Eintauchen in eine Art Dämmerzustand mit kurzzeitigen Traumphasen.

In der dritten Stufe öffne ich mich der Konzentration. Es gibt für mich dann nur noch wenige Worte, die ich in Gedanken ständig wiederhole. Hier beginne ich mit meditativem Denken, indem ich fünf Worte vor mich her sage: Ich bin ruhig und entspannt. Zwanzigmal, fünfzigmal und so weiter. Ich drifte ab in Ruhe, falle in einen länger andauernden Dämmerzustand, von Fall zu Fall erlebe ich kurze Schlafphasen.

Der erste Morgen

Ich bekomme das Treiben auf dem Flur mit. Es stört mich nicht. 6:30 Uhr aufstehen, ich krabbele aus dem Bett, bin immer noch benommen, mein Bettnachbar grunzt zufrieden und brummt, das Schlafmittel sei für ihn das Beste. Ich kann nicht denken, bin völlig erledigt, kann mich nicht bücken, mir ist schwindelig, ich ziehe mich an. Dem Lockruf einer Schwester folgend, gehe ich zum Frühstücksraum. Ich begrüße meine Mitpatienten. Alle Augen sind auf mich gerichtet. 22 Menschen sitzen an zwei Tischgruppen, die Schwester weist mir einen Platz zu. Eigentlich weiß ich noch gar nicht richtig, was mit mir geschehen ist. Mein Schädel brummt, ich schenke mir eine Tasse Kaffee ein, frische Brötchen stehen auf dem Tisch. Das Frühstück ist schon mal nicht schlecht. Ich stelle mich kurz vor, nenne den Grund meiner Einlieferung: Schwere Depression und Erschöpfungssyndrom. Der Patient mir gegenüber, ein Schweizer, redet die ganze Zeit über ununterbrochen, unterbricht kurz seinen Redefluss, erwähnt, er sei manisch depressiv. Das zeige sich vor allem darin, dass er sehr unruhig sei und sich oft mitteilen müsse. Daneben sitzt eine junge Frau, die gar nichts sagt. Später erfahre ich, sie hätte unkontrollierte Ängste – auch vor der eigenen Angst – und schwere Depressionen.

Nach dem Frühstück gehe ich zurück in mein Beobachtungszimmer, werde bereits von einer Schwester erwartet. Sie zeigt mir mein neues Krankenzimmer: ca. 12m2 groß, Waschbecken, Toilette, zwei Betten, zwei schätzungsweise ca. 1,20m x 2,20m hohe Schränke, ein Tisch, zwei Stühle, ein Regal über dem Bett. Ein Mitpatient liegt auf seinem Bett. Alter 32 Jahre, alkoholkrank. Er erzählt, er habe vor wenigen Tagen erst seine schlimmste Phase der Entgiftung mit lebensbedrohlichen Entzugssymptomen wie Krämpfen und Schmerzen hinter sich gebracht. Na, prima, denk ich, ein Säufer! Er entpuppt sich jedoch kurze Zeit später als ruhiger, sympathischer Zimmerkollege. Gegen 9:30 Uhr treffen sich alle Patienten im Frühstücksraum, ich erhalte die Gelegenheit, mich noch mal vorzustellen. Jeder berichtet über seinen aktuellen Zustand: Bei den Suchtkranken wird der Suchtdruck beschrieben, bei anderen die jeweilige Stimmung ausgedrückt. Nahezu alle Gesellschaftsschichten sind vertreten: Putzfrauen, Journalisten, Busfahrer, Rechtsanwälte, Hausfrauen, Schlosser, Ingenieure, Studenten, Schüler, Verwaltungsangestellte, nun ja, und auch Einkäufer wie ich.

Irgendwie fühle ich mich hier nicht am richtigen Platz, bekomme jetzt nach dem Frühstück Psychopharmaka. Die Tabletten bewirken, dass ich nicht mehr denken kann. Panik überfällt mich!

Ich rufe meine Frau auf dem Handy an, versuche meine Situation kurz zu schildern, ich kann mich kaum artikulieren. Es herrscht Stille in meinem Kopf, es folgt eine Stille in der Leitung. Auf mich wirkt diese Stille bedrohlich. Ich reiße mich zusammen. Jetzt brechen die Worte aus mir heraus: Meine Ohnmacht, meine Verzweiflung, mein Leben…, die letzten vier Jahre, unsere Kinder, denen ich zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. Meine Frau antwortet, da müsse ich jetzt erstmal durch, um meine Schlafstörungen in den Griff zu bekommen. Ich denke vor mich hin, kann keinen Entschluss treffen, und ergebe und füge mich erstmalig in mein Schicksal.

Der Vormittag vergeht. Ich tausche mich mit meinem Zimmerkollegen aus, er hat drei Kinder, zum Schluss hat er täglich 30 bis 40 Flaschen Bier getrunken. Das kann ich nicht begreifen, sage ihm das auch. 30 bis 40 Flaschen sind ungefähr 15 bis 20 Liter bei 0,5 Litern pro Flasche. Bei 0,33 Litern sind das immerhin noch ca. 9 bis 12 Liter Bier. Er gibt mir zu verstehen, dass das überhaupt kein Problem für ihn darstellt. Er macht auf mich einen gut sortierten Eindruck. Nachts sitzt er allerdings oft im Bett und isst ununterbrochen Gummibärchen. Gegen 11:30 Uhr gehe ich in den gemeinsamen Speisesaal, der Schweizer ist auch da, ich decke mit ihm zusammen die Tische. Er ist bereits das vierte Mal in einer solchen Klinik, in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland. In Frankreich sei die finanzielle Unterstützung während einer Arbeitslosigkeit besser als in Deutschland. Da er aber zurzeit in Deutschland arbeite, so müsse er auch hier in die Klinik, wobei die Kliniken in Deutschland besser wären als die in Frankreich. Sein Optimum: in der Schweiz zu wohnen, Unterstützung aus Frankreich zu erhalten und in deutschen Kliniken behandelt zu werden. Das Mittagessen wird in einem großen Warmhaltecontainer gebracht. Es gibt Suppe, Fisch mit Kartoffeln und Salat, zum Nachtisch einen Joghurt. Nach dem Essen verspüre ich Bewegungsdrang. Ich gehe aus der Klinik in Richtung des nächsten Dorfes. Nach zwei Stunden kehre ich zurück zur Klinik, jetzt ist der Kopf gelüftet.

Das Abendessen wird gegen 17:00 Uhr geliefert. Es gibt Wurst, Käse und Kartoffelsalat.

Um 18:30 Uhr werden im Aufenthaltsraum von einer Krankenschwester Entspannungsübungen nach Jakobsen durchgeführt. Es handelt sich hierbei um ein Verfahren, bei dem die Muskeln willentlich und bewusst zum Beispiel mit den Händen beginnend, an- und entspannt werden. Hierdurch sollen einzelne Muskelgruppen entspannt werden. Ziel ist eine tiefe Entspannung des ganzen Körpers, und zwar über eine verbesserte Körperwahrnehmung (Nähere Erklärung dazu im Anhang).

Abends sitze ich zusammen mit Mitpatienten in einem gemütlichen Fernsehraum. Es ist für mich das Beste, wenn ich mich vom Fernseher berieseln lasse. Später höre ich mir im Aufenthaltsraum das Schicksal meiner Mitpatienten an.

Eine davon hat Zwänge und muss sich selbst immer wieder verletzen. Sie erzählt, dass sie sich im Schmerz zu Hause fühlt. Sie ist mit dem Leben unzufrieden, ist geschieden, ihr Mann hat es mit ihr nicht mehr ausgehalten. Ich frage nach den Gründen der Selbstverletzung. Sie wurde als Kind oft verprügelt, ihre Welt ist der Schmerz, ein Muster, mit dem sie sich bis heute identifiziert.

Der nächste ist ein Alkoholkranker. Seine Frau hat ihn mit sanfter Gewalt aus der Wohnung buxiert. Entweder er macht nun eine Entziehung, und sie bleibt bei ihm oder er säuft weiter, und sie ist weg. Sein Verstand funktioniert noch soweit, dass er die Dramatik der Lage erkennt. Seine Frau ist ihm so wichtig, dass er auf jeden Fall versucht zu entziehen.

Ein weiterer Mitpatient ist selbstständiger Handwerker. Er sei unverschuldet in eine Insolvenz getrieben worden und habe sich das Leben nehmen wollen. Nach Einnahme einer Überdosis von Barbituraten hat ihn sein Bruder noch rechtzeitig gefunden.

Eine Frau im Alter von 39 Jahren, hübsch, Abitur, gebildet, hat bereits eine Entziehung hinter sich, ist wieder rückfällig geworden, hat jeden Tag eine halbe bis eine ganze Flasche Wodka getrunken. Sie bevorzugt Spirituosen, damit käme sie schneller auf Betriebstemperatur. Während ihrer Hochphase hat sie keinerlei Probleme, an Unterhaltungen teilzunehmen und ihren Beruf als Verwaltungsfachangestellte auszuüben. Ihr Körper habe jedoch auf einmal nicht mehr mitgemacht. Symptome wie Hautjucken, ständige Müdigkeit und rapider Gewichtsverlust seien kurz vor ihrer Einweisung in die Klinik aufgetreten. Zudem habe es bei kleinen Verletzungen nicht mehr aufgehört zu bluten. Sie würde alles gerne wieder rückgängig machen wollen, da jetzt bereits 30 Prozent der Leber nicht mehr funktioniert.

Es ist eine bedrückende Atmosphäre. Ich werde den Eindruck nicht mehr los, dass hier viele Mitpatienten so lange wie möglich in der Klinik bleiben möchten. Mir fehlt bei einigen die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Es macht auf mich keiner den Eindruck, sein Schicksal selbst in die Hand nehmen zu wollen. Vielmehr wollen sie sich als Opfer fühlen und entheben bzw. entziehen sich somit der Verantwortung für das eigene Schicksal.

Ich beschließe, gegen 22:30 Uhr ins Bett zu gehen. Vorher hole ich mir noch die Narkotisierung ab.

Der zweite Tag

Mein Gehirn will arbeiten, es denkt, aber findet keine Richtung, es ist dumpf, die Flexibilität fehlt. Abläufe kann ich nicht mehr richtig wahrnehmen, lesen kann ich auch nicht, schreiben fällt mir schwer. Meine Gedanken beginnen sich zu überschlagen. „Einer flog übers Kuckucksnest“, das geht mir nicht mehr aus dem Gehirn. Ich gerate in Panik. Brüllen könnte ich! Ich diszipliniere mich. Ich schreie nicht. Ich spreche nicht. Ich ersticke mich. Jetzt bloß nicht daneben benehmen, sonst bist du dahin. Dann wirst du restlos sediert. Dann bleibt nur noch eine Hülle, die so aussieht wie du. Du bist es aber nicht mehr. Bin ich es jetzt noch? Ich weiß es nicht. Ich muss mich bewegen. Ich beschließe, die Klinik zu einem Spaziergang zu verlassen.

Ich laufe in das nächstgelegene Dorf. Es ist 14:00 Uhr. Jetzt beginnen die Weinberge. Langsam sortieren sich meine Gedanken. Ich fange an, über mein Leben, meine Familie, meine Arbeit nachzudenken. Es ist offensichtlich etwas gehörig falsch gelaufen. Was soll ich nur tun? Ich stehe in den Weinbergen und beginne zu sprechen. Sprechen stammt von „bersten“, es birst aus mir heraus. Ich brülle aus Leibeskräften, alles, restlos alles aus mir heraus.

Ich versuche zu denken, die Erinnerung funktioniert, Gefühle sind zum Teil vorhanden, Empfindung, Wahrnehmung, alles noch da.

Vorstellung, Abstraktion, was ist mit mir, wo will ich hin? An Klarheit fehlt es einfach. Irgendwie kommt mir mein Gehirn vor wie ein Muskel, der einfach zu viel gearbeitet und dem die Entspannung gefehlt hat. Jetzt ist erst mal wieder Schluss mit Denken, sonst läuft der Apparat gleich wieder heiß. Nicht denken, nicht denken, nicht denken. Ich beginne rituell zu beten. Gott sei Dank! Das funktioniert!

Ich laufe und laufe, die Gegend ist beruhigend und abwechslungsreich zugleich. Zeitvergessen komme ich auf einem Weinberg an, bemerke dass es 15:15 Uhr ist, habe einen Termin mit einer Psychologin um 16:00 Uhr. Ich habe sie vorher noch nie gesehen, finde den Weg nicht zurück, sehe ca. 100 m von mir einen Bauern. Laufe auf ihn zu, frage nach der Klinik, laufe den Weg, treffe an dem Ort ein. Welch ein Zufall! Es ist ein Berg, der denselben Namen trägt wie die Klinik. Jetzt

fange ich an zu schwitzen, renne einfach Richtung Westen, mein Gehirn beginnt wieder zu arbeiten.

Um 15:55 Uhr komme ich in der Klinik an. Außer Atem stehe ich vor dem Zimmer der Psychologin, sie bittet mich herein, befragt mich nach meinem Zustand. Ich leiere noch mal alles herunter, melde im Anschluss meine Bedenken in Bezug auf die Einnahme der Medikamente an.

Jetzt habe ich wohl etwas Falsches gesagt, die Psychologin glotzt mich an, … mmh denke ich, schiebe besser noch was hinterher. Also, ich würde gerne versuchen, mit Meditation und Ruhe gepaart, mit Spaziergängen und Joggen in einen erträglichen Zustand zu kommen. Weiterhin möchte ich einen inneren Klärungsprozess anstoßen. Ich möchte meinen Verstand auch über Ruhe und Phantasien in Richtung Erholung und Entspannung lenken. Spätestens jetzt ist der Moment erreicht, wo ich mir die Frage stelle: Wer ist hier Patient? Sie oder ich? Sie scheine ich völlig verwirrt zu haben. Ihrer Gesichtsröte nach zu urteilen, laufe ich Gefahr, nicht mehr allzu lange als Freiwilliger hier einzusitzen. Der Geduldsfaden reißt ihr, kurz und knapp höre ich sie im Aufstehen noch sagen: „Sie sind nicht zu therapieren“.

Noch bin ich so klar im Kopf, was mein aktuelles Krankheitsbild angeht, dass ich weiß, ich muss stabil bleiben, um noch Widerstand leisten zu können, sonst droht mir, völlig fremdbestimmt zu werden.

Die folgenden Tage

Dienstag bin ich angekommen. Es folgen der Mittwoch, der Donnerstag und der Freitag. Wiederholt spreche ich Ärzte an, weil ich die Medikamente nicht vertrage. Die regelmäßige, kurze, aber eindeutige Reaktion lautet, hier sei eine Klinik und kein Hotel. Erneut versuche ich zu erklären, dass ich mit Ruhe und Meditation gepaart, mit ausreichend Bewegung und Sport kombiniert, eine Lösung für mich erarbeiten möchte. Damit stoße ich auf allgemeines Unverständnis. Ich will eine individuelle Therapie auf mich abgestimmt und keine universelle Tablettenversorgung.

Von Donnerstag auf Freitag lasse ich, nachdem die Ärzte informiert sind, alle Medikamente weg.

Die erste Nacht ohne Medizin. Der bloß und bar liegende Verstand oder besser noch, was davon übrig blieb, unberuhigt, nicht narkotisiert, möchte sich nicht entspannen. Mein Zimmerkollege schläft tief und fest. Eine Stunde nachdem ich zu Bett gegangen bin, es ist kurz vor Mitternacht, stehe ich auf. Ist meine Entscheidung richtig, keine Tabletten zu nehmen?

Die Nacht gestaltet sich als ein Kommen und Gehen von Gedanken, Einfällen. Ich kann nicht schlafen, stehe vor dem Fenster, es ist eine klare Nacht, leichter Frost. Ein Grauen überkommt mich.

Was kann ich zukünftig noch arbeiten und was kann ich nicht mehr? Was habe ich meinem Körper zugemutet? Der Gedanke ist einer zuviel, sofort durchläuft mich ein krampfartiger Schmerz unter dem linken Rippenbogen. Mein Darm meldet sich: Schmerzen zu spüren, heißt auch sich der Krankheit zu stellen und sie hoffentlich zu bewältigen. Na, super, wieder so ein Satz, der mir durch den Kopf schießt. Alles Erkenntnisse! Nur, wie setze ich sie um? Ich bemerke, wie mein Blutdruck steigt. Ich lege mich wieder hin.

Es ist 3:30 Uhr. Ich döse, mein Nachbar ist wach. Im Schein seines Handys isst er Gummibärchen. Das ist auch eine Art von Beschäftigung in der Nacht. Er deckt damit den Suchtdruck ab, wie er sagt. Ich muss mir im Klaren darüber werden, was ich nicht mehr kann oder ich muss einen Genesungsprozess durchlaufen, damit ich es wieder kann. Ich brauche Ruhe, dann kann ich an mir arbeiten. Ich denke über die Option nach, Schmerzmittel zu nehmen. Aber ich lasse den Schmerz zu.

Freitagmorgen

Ich sehe mich nach dem Frühstück um, irgendwie ist das hier nicht der Ort für meine Genesung. Für andere Patienten mag es die richtige Stätte sein, um ihren Seelenfrieden zu finden. Für mich ist sie das nicht. Nach Rücksprache mit den Ärzten beschließe ich, am Samstag nach Hause zu gehen. Nur für das Wochenende, am Sonntag komme ich wieder.

Meine Frau kann mit meiner Entscheidung erstmal wenig anfangen, aber sie holt mich am Samstag um 9:30 Uhr ab.

Samstag und Sonntag

Meine Frau ist pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt da. Unser jüngster Sohn mit seinen 14 Jahren ist dabei. Verschüchtert, verunsichert steht er neben meiner Frau und sieht mich, seinen Vater, fragend an. Er kann sich gar nicht vorstellen, was mit seinem Vater geschehen ist. Ich erkläre ihm, dass mir hier in der Klinik geholfen wird, meine Schlafprobleme wieder in den Griff zu bekommen.

Ich registriere meine Familie, meine Mitwelt, meine Arbeit auf meine Weise. Die Atmosphäre zu Hause ist gedrückt. Meine Frau leidet unter der Situation. Ihr kann ich nicht helfen, kann mir selber nicht helfen. Ich gehe viel spazieren. Bewegung, ständig bin ich in Bewegung. Es ist das einzige, das mich einigermaßen ruhig hält. Ruhig hält im Sinne von, Gedanken beginnen und zu Ende zu führen. Das Chaos im Kopf bleibt aus.

Eine Nacht zu Hause, die Nacht ist elend lange. So fühle ich mich auch. Gegen 17:00 Uhr am Sonntag bin ich wieder in der Klinik. Ich bin unruhig, versuche zu lesen. Zwecklos, ich weiß nach einem Satz nicht mehr, was am Anfang steht. So gehe ich in den Abend hinaus, laufe ohne Ziel durch das Dunkel der Nacht.

Montag und Dienstag

Mein Entschluss steht fest: Nach Rücksprache mit den Ärzten werde ich die Klinik zum Dienstag verlassen. Ich fülle noch ellenlange Fragebögen aus. Das Ergebnis: Ich bin traumatisiert durch die Hochbeanspruchung und die persönlichen Angriffe am Arbeitsplatz. An diesem Dienstag im Januar verlasse ich gegen 10:30 Uhr die Klinik. Bin mir in diesem Moment sicher, das Richtige getan zu haben. Was jedoch nichts daran ändert, dass es mir immer noch miserabel geht.

Der Tribut: Nichts im Leben gibt es umsonst

Die Wochen zu Hause (23. Januar bis 3. März)

Nichts im Leben gibt es umsonst, das muss ich auf leidvolle Weise erfahren. Ich habe die Warnsignale meines Körpers über Monate nicht wahr haben wollen. Mit einem neuen Antidepressivum komme ich diesmal zurecht. Abends, kurz bevor ich zu Bett gehe, nehme ich 15 mg. Es führt dazu, dass ich in der Regel für ungefähr zwei Stunden einschlafe. Jetzt erst bemerke ich, dass mein Schlafen in den letzten Monaten – von den „Narkotisierungen“ abgesehen –, kein Schlaf mehr ist, sondern kurze, traumlose Zustände einer Ohnmacht. Ich spreche mit meinem behandelnden Arzt, wie es weitergeht. Er empfiehlt mir eine Psychotherapie, um meine Schlafstörungen und Schmerzen in den Griff zu bekommen.

Seit Ende letzter Woche plagen mich immer wieder Schmerzen unter dem linken Rippenbogen. Am 23. Januar beschließe ich, zu meinem Hausarzt zu gehen.

Ihm erkläre ich meine Symptome. Der Urin wird untersucht. Diagnose: Blasenentzündung, Entzündung der linken Niere. Ich erhalte Antibiotika.

Wie ein Gespenst laufe ich umher, weiß nicht warum, weiß nicht wohin

Trotz der Einnahme des Antidepressivums liege ich oft wach im Bett, stehe auf, gehe ins Wohnzimmer, laufe umher wie ein Gespenst, weiß nicht warum, weiß nicht wohin. Setze mich im Kerzenlicht an den Esstisch, starre auf das Klavier meines jüngsten Sohnes, Baujahr 1879, Edmund Völker, Berlin Charlottenburg, aus Nussbaum, im typischen Stil des Historismus der Gründerzeit gefertigt. Gedrechselte Halbsäulen – in ihrer Form an ionische Säulen erinnernd – befinden sich links und rechts oberhalb der Klaviatur am Gehäuse, diese sind noch zusätzlich mit Hohlkehlen verziert worden. Zwei Weltkriege sind über das Klavier gezogen. Wenn es nur reden könnte, es würde Bücher füllen. Es hat in einer Kneipe in Berlin im amerikanischen Sektor gestanden, wurde jeden Abend bespielt, das rechte Pedal (Fortepedal) ist Erkennung für Tausende von Stücken, die darauf musiziert wurden. Die verstummten Lieder meines kleinen Sohnes rücken mir in das Gehirn. „Die Mondscheinsonate“ von Beethoven, schaurig schön, „Prelude Nr. 1, C. Major“, von Johann Sebastian Bach, ein großartiges Stück. Bach schöpft aus der protestantischen Frömmigkeit, „Casablanca“ von Dooley Wilson, „As Time Goes By“, zeitlos. Ein tolles Stück. Yann Tiersen, „La Valse d’Amélie“, eine schöne Komposition. Mein Sohn spielt schon neun Jahre Klavier, seit seinem fünften Lebensjahr.

Das Buffet an der Wand des Esszimmers, mit seinen Fratzen an den Ecken, daneben die Gläser, sie alle sind Zeugen der Tischgespräche der vergangenen 20 Jahre, die wir in der Familie und mit Freunden geführt haben.

Jetzt sehen sie mich an. Seltsam, als wollten sie mir Antwort geben auf meine Fragen. „Warum hast du es soweit kommen lassen“! „Wo bist du gelandet“! Es sind keine Fragen, es sind Aussagen! Ich gehe zum Fenster und sehe auf die Straße, die Laterne vor unserem Haus ist ausgefallen. Schemenhaft stellen sich mir die Silhouetten der parkenden Autos dar. Es ist die sänftigende Hand der Dämmerung, die alles weniger scharf erscheinen lässt. In den Momenten der Nacht bin ich froh, die raue, harte Wirklichkeit nicht so genau sehen zu müssen.

Von Tagesmüdigkeit geplagt, suche ich mir psychosomatische Kliniken im Umkreis von ca. 150 km aus. Es ist schwierig, sie sind alle über Wochen belegt und ausgebucht. Ich rufe in meinem näheren Umfeld noch einmal an. Erhalte in drei Wochen einen Termin für einen Erstkontakt in zwei Kliniken. Bei beiden werde ich vorstellig. Nachdem ich dort nochmals erkläre, woran ich leide, komme ich auf eine Warteliste. Mir wird frühestens in vier bis sechs Wochen ein Platz in Aussicht gestellt.

Meine Güte, die Anzahl derer, die in Deutschland Hilfe von psychosomatischen Kliniken benötigen, wird immer größer.

Ich beginne, die letzen Jahre meiner Tätigkeit gedanklich zu durchlaufen, zu reflektieren. Schrankenlose Erwerbsgier ist in der heutigen Zeit zunehmend anzutreffen.

Moderne Industriegesellschaften – psychosomatische Krankheiten

Muss die moderne Industriegesellschaft im gleichen Atemzug mit psychosomatischen Krankheiten genannt werden?

„Krankheiten der Psyche steigen dramatisch an, wie die Gesundheitsberichterstattung der Techniker Krankenkasse (TK) für das Jahr 2010 ermittelte. Die Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen stiegen um 14 Prozent innerhalb eines Jahres“. Quelle: Techniker Krankenkasse, 2010

„Entgrenzte Arbeit – die Zunahme arbeitsbedingter psychischer und psychosomatischer Erkrankungen“ (A. Weber, hier zitiert nach:

http://www.ekkw.de/media_ekkw/service_lka/Vortrag_WEBER_190612.pdf)

Danach ist ein Anstieg solcher Krankheiten seit 1995 deutlich zu erkennen.

Wir leben in einem überaus friedlichen Land, dafür können wir sehr dankbar sein. Deutschland ist politisch stabil, hat eine gut funktionierende Verwaltung, die höchste Produktivität, die beste Infrastruktur. Deutschland hängt beim Handelsüberschuss alle ab, wohlgemerkt, nicht europaweit, weltweit: (Nach FAZ und Tagesschau 13.08.2012) Womit wir beim Thema wären.

Vor lauter Gier nach schneller, besser, größer, produktiver, haben wir den Menschen vergessen. Die deutsche Gesellschaft hat ihren Zenit erreicht. Einerseits den Wohlstand betreffend, andererseits über die Arbeitsverdichtung. Brauchen wir ständig Wirtschaftswachstum, reicht eine Stagnation nicht auch?

Die moderne Welt und ihre Art zu wirtschaften ist dem Menschen unzuträglich. Ich bin der Meinung, dass das jedoch nicht an der Marktwirtschaft liegt, sondern an der Ethik, mit der sie betrieben wird. Die Marktwirtschaft ist ein Wirtschaftsprinzip, kein Moralprinzip. Ja, um Himmelswillen, für wen ist sie denn geschaffen worden? Die Soziale Marktwirtschaft, ihrem Vordenker und Begründer Walter Eucken nach, ein komplexes, aber gut durchdachtes System, in dem die Schwachen beschützt und die Starken gefordert werden. Er dürfte sich mittlerweile im Grabe herumdrehen, wenn er wüsste, wozu die soziale Marktwirtschaft in Deutschland pervertiert ist.

Walter Eucken setzte sich Zeit seines Lebens nicht nur kritisch mit der Ökonomie, sondern generell mit den Ideologien der Macht auseinander.

„ Soll der Staat wenig oder viel tun? Wenig, so antworten die Anhänger des Laissezfaire. Viel, – sagen die Anhänger der Wirtschaftspolitik zentraler Planung. Einen Mittelweg suchen die Freunde von Kompromisslösungen. …Aber das Problem sollte anders gestellt werden, um lösbar zu sein. Ob wenig oder mehr Staatstätigkeit, diese Frage geht am Wesentlichen vorbei. Es handelt sich nicht um ein quantitatives, sondern um ein qualitatives Problem“. … Welcher Art also sollte die Staatstätigkeit sein? Die Antwort lautet: Der Staat hat die Formen, in denen gewirtschaftet wird, zu beeinflussen, aber er hat nicht den Wirtschaftsprozeß selbst zu führen. … Staatliche Planung der Formen – ja; staatliche Planung und Lenkung des Wirtschaftsprozesses – nein. Den Unterschied von Form und Prozeß erkennen und danach handeln, das ist wesentlich“. (Ingo Pies „Eucken und von Hayek im Vergleich“, S. 136)

„Der Staat soll weder den Wirtschaftsprozess zu steuern versuchen, noch die Wirtschaft sich selbst überlassen …. Nur so kann das Ziel erreicht werden, dass nicht eine kleine Minderheit, sondern alle Bürger über den Preismechanismus die Wirtschaft lenken können. Die einzige Wirtschaftsordnung, in der dies möglich ist, ist die des „vollständigen Wettbewerbs“. Sie ist nur realisierbar, wenn allen Marktteilnehmern die Möglichkeit genommen wird, die Spielregeln des Marktes zu verändern. Der Staat muss deshalb durch einen entsprechenden Rechtsrahmen die Marktform – d.h. die Spielregeln, in denen gewirtschaftet wird,– vorgeben“. [Eucken 1948]. (Winfried Reiß „Arbeitsbuch Mikroökonomische Theorie“, S.237)