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Mütter brauchen andere Methoden als Manager, um Kraft zu tanken und ihre eigenen Bedürfnisse zu beachten. Mit gezielten Fragen und fundiertem Hintergrundwissen verhilft Hans Hartmann, Leiter einer Mutter-Kind-Klinik, gestressten Müttern zu einem neuen Blick auf sich selbst, einer besseren Widerstandskraft und wirkungsvollen Stressbewältigung. Er erklärt auch, wie sie ihre persönlichen Ziele formulieren, ihre Beziehungsmuster verändern und mit Krisen souverän umgehen können. Dieses Buch bietet einen Ausweg aus der Erschöpfung und sorgt für neue Energie und Lebensfreude.
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Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das Buch
Als Mutter stellen Sie rund um die Uhr so viele Ihrer Kompetenzen zur Verfügung, haben aber nur wenige Möglichkeiten, um selbst Kraft zu schöpfen. Das ist anstrengend und kann langfristig in einen Burnout führen.
Dr. Hans Hartmann, Psychotherapeut und Leiter einer Mutter-Kind-Kurklinik, hilft Ihnen, wieder zu sich selbst zu finden und besser auf sich zu achten. Er zeigt Ihnen auch, wie Sie Ihre Widerstandskraft stärken, um Stress und Krisen gut zu bewältigen und mehr für Ihre eigenen Bedürfnisse einzustehen.
Dieses Buch bietet Müttern einen Ausweg aus der Erschöpfung und sorgt für neue Kraft und Lebensfreude.
Der Autor
Dr. Hans Hartmann ist Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut. Nach fast 20-jähriger Tätigkeit in eigener Praxis in Stuttgart und Fortbildungen in beziehungsanalytischer Paar- und Familientherapie übernahm er 2013 die Stelle des leitenden Arztes im Elly-Heuss-Knapp-Haus, der Mutter-Kind-Kurklinik in Plön. Dieses Buch entstand in enger fachlicher Zusammenarbeit mit seiner Frau Mechthilde Hartmann, ebenfalls Psychotherapeutin (Analytische Psychotherapie, beziehungsanalytische Paar- und Familientherapie).
Dr. Hans Hartmann
Wege aus dem Mama-Burnout
Abstand gewinnen und neue Kraft tanken
Unter Mitarbeit von Theresia Maria de Jong
Kösel
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Copyright © 2017 Kösel-Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlag: Weiss Werkstatt, München
Umschlagmotiv: © shutterstock/Furita | BildNR. 322465235 und © shutterstock/Great Vector Elements | BildNR. 479460694
Außenlektorat: Imke Oldenburg, Bremen
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-19606-6V001
www.koesel.de
Für meine Frau Mechthilde, von der ich Wesentliches über Gefühle und Beziehung lernen durfte.
Inhalt
Einleitung
Stress und seine Symptome
Was ist Erschöpfung?
Kenne ich meine Stresssymptome, meine Stressursachen?
Muss das Leben einer Frau mit Beruf und Familie immer unvereinbar sein?
Will ich eine perfekte Familie?
Bin ich eine Stresspersönlichkeit?
Wie geht die Gesellschaft mit Stress um?
Stress und Verhalten
Kenne ich mein festgefügtes Lebensmuster?
Kann ich mich entspannen?
Wie viel Bewegung brauche ich?
Hilft mir eine andere Ernährung?
Wo überfordere ich mich?
Kann ich mich abgrenzen?
Wo übe ich zu viel Kontrolle aus?
Empöre ich mich noch?
Gehe ich achtsam mit mir um?
Kann ich noch vertrauen?
Der Weg nach innen
Habe ich Zugang zu meinen Gefühlen?
Was in mir möchte ich überwinden?
Kenne ich meine Fähigkeiten?
Wer bin ich, was will ich, wohin will ich?
Kenne ich die Sprache meiner Seele? Deren Stimme?
Quälen mich Schuldgefühle?
Habe ich Selbstvertrauen?
Was gibt mir Sicherheit?
Quälen mich Selbstzweifel und Selbstwertfragen?
Kenne ich meine Wünsche?
Erkennen von Beziehungsmustern
Wie erlebe ich meine Beziehung zum Kind und zum Partner?
Wie verbessere ich meine Beziehung zum Kind?
Kann ich in Beziehungen Grenzen setzen?
Liebe ich noch, fühle ich mich geliebt?
Wer trägt in der Familie die Verantwortung?
Sind wir noch ein »Liebespaar« oder nur ein »Elternpaar«?
Kenne ich meine Abhängigkeiten?
Wie verbessere ich meine Beziehung zum Partner?
Wie gehe ich mit Trennung und Trennungsängsten um?
Fühle ich mich in der Beziehung sicher?
Was mache ich, wenn der Partner nicht spricht?
Schaffen meines Platzes
Kann ich bestimmen oder bin ich fremdbestimmt?
Wo bestimmt das Kind?
Welchen Platz nehme ich in der Familie ein?
Erfahre ich Wertschätzung?
Fühle ich mich als Teil der Gesellschaft?
Wie gehe ich mit dem Leistungsprinzip der Gesellschaft um?
Habe ich den Wunsch auszusteigen?
Erreichen von Widerstandskraft
Wie kann ich Optimismus lernen?
Wie erlange ich Gelassenheit?
Welche Ziele habe ich im Leben?
Fällt mir Disziplin schwer?
Bin ich zu empathisch?
Kann ich mit meinen Rückschlägen gut umgehen?
Bin ich bereit, ein Risiko einzugehen?
Kann ich für mich selbst Fürsorge übernehmen?
Ausweg durch Wandlung
Das Leben ist Entwicklung
Wie geht es nach Einsicht und Erkenntnis weiter?
Wie treffe ich die richtigen Entscheidungen?
Wie erreiche ich eine Veränderung?
Wie teile ich die Veränderung mit?
Wie kann ich das Neue beibehalten?
Umgang mit Krisen und Rückschlägen
Bekomme ich Macht über das Chaos?
Bin ich immer das Opfer?
Wann verliere ich die Hoffnung?
Welche Glaubenssätze habe ich?
Kenne ich meine Denkbilder?
Welche Krisen kann ich alleine bewältigen?
Wann kann mir die Familie, die Gruppe helfen?
Wann brauche ich fachliche Hilfen?
Ziele und Wünsche
Was brauche ich als Mutter?
Wie werde ich kreativ?
Was befreit mich?
Wie nutze ich Sehnsucht als schöpferische Kraft?
Wie finde ich den Mut zur Änderung?
Kenne ich meinen inneren Reichtum?
Was bewirkt meine Vorstellungskraft?
Schlusswort
Dank
Quellenverzeichnis
Einleitung
Mit diesem Buch möchte ich Sie auf Ihrem Weg aus der Erschöpfung und dem Burnout begleiten. Aus dem Gefühl, »im falschen Leben« zu sein, heraus aus dem »Kampf gegen die Zeit«. Immer wieder werden in den gängigen Ratgebern die »sieben Säulen« der Stress-Bewältigung aufgelistet und beschrieben, als da sind: Akzeptanz, Verlassen der Opferrolle, Optimismus, Lösungsorientierung, Selbstverantwortung, Vernetzung und Zukunftsplanung. In diesem Buch ist mir eine »achte Säule« grundlegend wichtig: die Beziehung zu sich selbst. In der Selbstzuwendung entsteht die Wende zum Besseren. Ohne Selbstliebe und Selbstachtung entsteht keine bleibende Veränderung. Nur so entsteht eine gesunde Grundlage für die Beziehung zum Kind und zum Partner, zum Wir-Gefühl und zur Selbstentfaltung. Der Zugang zu sich und das Spüren des Selbstwertes bilden die Grundlage, um an den sieben Säulen zu arbeiten und ein Gleichgewicht zwischen Selbstbehauptung und Hingabe zu finden.
Dieses Buch ist aus meiner langjährigen Beratungstätigkeit in einer Mutter-Kind-Klinik entstanden. Im täglichen Austausch mit den Müttern und unserem Behandlungsteam wurden die Fragen, die den Leitfaden durch das Buch bilden, immer wieder gestellt. Dabei stellte sich heraus, dass Fragen wie ein Lotse wirken können: Sie können einen Ausweg zeigen oder ein verlässlicher Begleiter in der persönlichen Stress- und Lebenssituation sein.
Ohne ein tiefergehendes Hinterfragen kann sich unser Lebensentwurf nicht verändern. Daher verzichtet dieses Buch bewusst auf Trainingsmodule oder fertige Ratschläge; vielmehr möchte es Ihnen mit gezieltem Hinterfragen der Situation eine Hilfestellung an die Hand geben, damit Sie zu eigenen Antworten gelangen können. Es ist wie eine Beratungssituation, ein offenes Gespräch – nur eben in Buchform. Es kann sein, dass sich aus Antworten neue Fragen entwickeln. Gut so!
Alle (selbst gefundenen) Antworten haben das Ziel, die eigenen Kompetenzen zu stärken, starkes Vertrauen zu finden, neue Anforderungen und Schwierigkeiten zu meistern und sich persönlich weiterzuentwickeln. Damit meine ich zum Beispiel neue Verhaltensweisen aktiv auszuprobieren, persönliche Stressoren und Stressverstärker zu erkennen und abzubauen, aber auch Fehler zuzulassen, Kontrolle abzugeben und um Hilfe bitten zu können. Das Buch möchte zu einer unmittelbaren Begegnung mit sich selbst führen, außerdem zu einer Pause, einem Innehalten, einem Sich-Hinterfragen, es möchte helfen, eine neue Perspektive einzunehmen, um »Neues« für sich zu entdecken.
Sie können sogar Ihr ganz eigenes Buch daraus machen und so Ihren individuellen Weg fördern und begleiten. Besorgen Sie sich ein schönes Notizbuch und notieren Sie Ihre persönlichen Antworten auf die Fragen aus diesem Buch. Das hat mehrere Vorteile: Einerseits werden Sie beim Schreiben entdecken, an welcher Stelle Ihre Gedanken abschweifen, wo sie vielleicht zu kreisen beginnen oder diffus werden. Aber gleichzeitig werden Sie auch merken, wie sich die Gedanken schon beim Schreiben ordnen und neu zusammenfügen können. Wenn Sie sich selbst die Erlaubnis geben, alles aufzuschreiben, was Ihnen zu einer Frage in den Sinn kommt, werden Sie häufig sehr erstaunt sein, was da alles auf das Papier fließen wird. Mit der Zeit werden Sie vielleicht auch bemerken, wie sich Ihre Einstellung zu bestimmten Themen zu wandeln beginnt.
Geschriebenes – besonders übrigens mit der Hand Geschriebenes – prägt sich im Gedächtnis besser ein als nur Gedachtes. Gedanken sind oft flüchtig. In dem Moment jedoch, in dem sie niedergeschrieben werden, bewältigen Sie den ersten Schritt, der in die Realität weist. Schon nach kurzer Zeit wird Ihr Notizbuch Ihr eigenes Schatzkästchen sein, in dem Sie auch immer mal wieder lesen und Ihre Fortschritte und (Ver-)Änderungen nachverfolgen können.
Nehmen Sie sich Zeit für die Beantwortung der Fragen. Vielleicht überlegen Sie sich sogar einen festen Zeitpunkt im Tagesablauf dafür. Es ist manchmal einfacher, etwas im Alltag fest einzuplanen, als auf unvorhergesehene Möglichkeiten zu hoffen. Sie werden merken, dass Ihnen diese Zeit mit sich, den Fragen und Ihren Gedanken dazu neue Welten erschließen kann. Und Sie werden diese Zeiten zu schätzen lernen. Wenn Sie in Ihre Vergangenheit eintauchen wollen, beginnen Sie einfach mit den Worten: »Ich erinnere mich …«. Und schon lassen Sie Ihre Erinnerungen zu einem Thema oder Ereignis fließen. Sorgen Sie sich nicht über Rechtschreibung, Grammatik oder Kommaregeln – das ist nebensächlich. Versuchen Sie den Schreibfluss nicht zu unterbrechen. Schreiben Sie einfach weiter, auch wenn Sie gerade gar nicht wissen, was Sie noch schreiben sollen. Zur Not wiederholen Sie einfach den letzten Satz noch einmal oder die letzten Worte. Und dann kommen Ihnen plötzlich neue Gedanken, die Sie wieder aufschreiben können. Probieren Sie es einfach mal aus. Schreiben ist wie eine Standleitung in Ihr Inneres, mit der Sie Ihr eigenes Wissen anzapfen können. Außerdem macht Schreiben Spaß und ist manchmal so überraschend wie das Leben selbst.
Dieses Buch ist anders als »normale« Ratgeber sind, denn hier können sich Mütter mit ihrem Alltag und ihren »mütterspezifischen« Stressbelastungen wiederfinden und erkennen. Es zielt darauf ab, Stresskompetenz zu entwickeln und zu erweitern, um seelische Gesundheit zu erreichen und zu festigen. Natürlich kann Gesundheit nicht »gemacht« werden; es gibt auch keine »normierte« Gesundheit. Im Fokus stehen deshalb nicht noch mehr Informationen und Ratschläge, sondern das übergeordnete Ziel, Kompetenz für die Selbstregulation zu entwickeln.
Mein Wunsch ist, dass Sie das Buch gerne und oft in die Hand nehmen. Es muss nicht in einem Zug von vorne bis hinten gelesen werden. Sie können sich jederzeit der Frage zuwenden, die Sie spontan anspricht, und Ihre Lektüre dort fortsetzen, wo Sie möchten. Der innere Zusammenhang der Themen ist so gestaltet, dass Sie auch beim Lesen einer einzelnen Frage schon eine Antwort bekommen können, die gerade zu Ihrer Situation passt. Ihre selbst gewählte Frage macht Sie dann vielleicht neugierig weiterzulesen.
Das Schöne daran ist: Sie haben auf diese Form der Begleitung jederzeit von zu Hause aus Zugriff. Sei es als Vorbereitung einer Kur, als Nachbereitung oder auch als Soforthilfe-Angebot.
Ihr Dr. Hans Hartmann
Plön, den 7. Oktober 2017
Der Dalai Lama wurde einmal gefragt, was ihn am meisten überrasche.
Er antwortete: Der Mensch, denn er opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen. Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wieder zu erlangen. Und dann ist er so ängstlich wegen der Zukunft, dass er die Gegenwart nicht genießt; das Resultat ist, dass er nicht in der Gegenwart lebt. Er lebt, als würde er nie sterben, und dann stirbt er und hat nie wirklich gelebt.
Stress und seine Symptome
Stress ist eine der typischen Krankheiten unserer Zeit. Die Ursachen für Stress sind vielfältig und können im körperlichen, aber auch im seelischen Bereich liegen. Sie können kurzfristiger oder langfristiger Natur sein. Auch eine gesellschaftliche Komponente spielt für die Entstehung von Stress und Burnout eine Rolle. Kommt es durch Stress zum »Burnout-Syndrom«, ist die Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Wer in einer solchen Situation seine Gewohnheiten kennt und weiß, welche Form der Entspannung helfen kann, ist schon einen guten Schritt weiter; wer achtsam mit sich selbst umgehen und Grenzen setzen kann, wird mit Herausforderungen besser umgehen können.
Was ist Erschöpfung?
Unter Erschöpfung versteht man den Zustand verminderter körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit und den Verlust der Regenerationsfähigkeit. Laut Umfragen klagt mittlerweile knapp über die Hälfte der Beschäftigten über Termin- und Leistungsdruck – 13 Prozent fühlen sich von ihrem Arbeitspensum überfordert. Mehr als jeder zweite Beschäftigte hat in Folge starker Belastungen bei der Arbeit mit Erschöpfung oder körperlichen Symptomen zu tun.
Erschöpfung kann bei jedem Menschen kurzzeitig auftreten und auf eine übermäßige Anstrengung zurückgeführt werden (zum Beispiel Umzug, schlaflose Nacht, Bergtour, Prüfung). Auch körperliche Erkrankungen können die Ursache von Erschöpfungszuständen sein, zum Beispiel starke Erkältungen oder Blutarmut. Weitere mögliche Ursachen sind Missbrauch von Medikamenten, Drogen oder Alkohol sowie seelische Konflikte.
Aber auch Stress, körperlich oder seelisch, kann der Verursacher sein. Von einem Erschöpfungszustand spricht man in der Medizin, wenn eine Erschöpfung länger als sechs Monate anhält und die Lebensqualität stark beeinträchtigt ist. Hauptsymptome sind meist allgemeine Abgeschlagenheit, Schlappheit, rasche Ermüdung, Schlafmangel, Müdigkeit, Unruhe und Gereiztheit. Tritt über einen längeren Zeitraum eine erhöhte oder anhaltend maximale Belastung auf – und besteht keine Möglichkeit der Regeneration und Erholung –, kommt es zum Ungleichgewicht, zur Abweichung im Befinden, zum Erschöpfungszustand. Wird die Belastung reduziert oder beendet oder die Regenerationszeit verlängert, kann sich die Erschöpfung wieder zurückbilden. Halten jedoch die Belastungen fortwährend an – wie es so häufig bei Müttern zu beobachten ist, die oft auch noch eine Doppelbelastung mit Beruf und Familie haben – und gibt es keine Möglichkeit sich zu erholen und zu regenerieren, führt dies zu Erschöpfungssymptomen. Diese sind im körperlichen Bereich Schlappheit, Appetitstörungen, Schlafstörungen, Gewichtszu- oder abnahme, Verdauungsstörungen, Herzsymptome, Schwindel, Schwitzen, Harndrang, Muskelverspannungen oder -schmerzen, Abwehrschwäche, Atemstörungen und Sexualstörungen. Im seelischen Bereich sind die Symptome Angst, Lustlosigkeit, Traurigkeit, Ärger, Wut, Leere, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung, Gereiztheit, Ungeduld, Vergesslichkeit, Denkblockaden, Verlassenheitsgefühl und fehlendes Zugehörigkeitsgefühl.
Kommt es zu einem Erschöpfungszustand, ist die ärztliche Untersuchung wichtig, um zu klären, welche Ursachen dafür verantwortlich sind. Nicht jeder Erschöpfungszustand geht automatisch in ein Burnout-Syndrom über.
Das Burnout-Syndrom ist als Stresssyndrom bekannt und beschreibt einen Krankheitszustand, bei dem der Patient körperlich, seelisch und geistig vollkommen erschöpft ist, mit deutlicher Einschränkung der Leistungsfähigkeit. Er fühlt sich »ausgebrannt«, daher der Name der Erkrankung. Erstmals wurde das Burnout-Syndrom Mitte der 1980er-Jahre in den USA bei Patienten mit hohem Engagement in sozialen Berufen (Erzieher, Kindergärtnerinnen etc.) beschrieben. Im deutschen Sprachraum wird das Burnout-Syndrom meist mit einer Erschöpfungsdepression gleichgesetzt. Hier stehen, neben dem anhaltenden Erschöpfungszustand, depressive Symptome im Vordergrund. Eine hohe bis maximale Anspannung und Belastung über einen langen Zeitraum führt zu einer Funktionsstörung des Nervensystems, was die psychischen Symptome des Burnout-Syndroms erklärt (Störung auf der neurohormonellen Ebene). Weitere Symptome sind ein enormes Leeregefühl, fehlender Antrieb, fehlende Kraft und fehlender Willen zum Leben, häufig fehlendes Selbstwertgefühl, fehlendes Selbstvertrauen, enorme Müdigkeit bei gleichzeitiger Unruhe, das Gefühl der »völlig leeren Batterie«. Bricht gleichzeitig die körperliche Leistungsfähigkeit ein, so spricht man vom Zusammenbruch. Bereits Mutter Teresa sprach in einem Brief vom 03.09.1959 von ihrer Burnout-Symptomatik: »… mich umgibt Dunkelheit von allen Seiten, ich spüre keine Liebe, tue mein Bestes, verausgabe mich selbst, Selbstlosigkeit wird zur Mauer, fehlende Fröhlichkeit, selbst das Lächeln wird zur Mauer …«.
Das Burnout-Syndrom bedarf neben der ärztlichen Untersuchung einer fachärztlichen (psychiatrischen) und psychologischen Mitbeurteilung und Mitbetreuung. Neben dem Ausschluss körperlicher Erkrankungen müssen Ursachen und Ursprung des Burnout-Syndroms fachlich abgeklärt werden. In jedem Falle braucht es dann eine Auszeit, eine verlängerte Regenerationszeit und eine Verminderung der Belastung im Rahmen einer Therapie, welche auf die Lebensumstände und Ursachen abgestimmt sein muss.
Bereits 2004 wies der Gesamtverband der AOK auf einen enormen Anstieg der Diagnose Burnout bei den Krankschreibungen hin. Als Ursachen werden häufig hohe Anforderungen aus dem Arbeitsfeld und der Familien, eigener Perfektionismus, ausgeprägter Ehrgeiz, Mobbing, fehlende Anerkennung, fehlendes soziales Netz und hohes Verantwortungsbewusstsein genannt.
In der Therapie geht es darum, in Zukunft rechtzeitig erkennen zu können, wann die Belastungen (wieder) zu hoch werden. Wer zu lange im Zustand der psychischen Überbelastung ausharrt, kann dies unter Umständen als Verhaltensmuster abspeichern. Ein Missverhältnis von Anforderungen und Bewältigung der Anforderungen führt zum Burnout. Wenn man die Anforderungen nur hoch genug schraubt, kann man jeden Menschen in ein Burnout-Syndrom treiben. Stress ist laut WHO die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts. Man rechnet damit, dass im Jahr 2020 jede zweite Krankschreibung auf eine stressbedingte Symptomatik zurückzuführen sein wird.
Insgesamt hat sich die Anzahl der Diagnosen des Burnout-Syndroms in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht. Im Schnitt führt jedes Burnout-Syndrom zu 28 Krankheitstagen. Die Ernsthaftigkeit der seelischen Symptomatik wird bei der Beschreibung oft vernachlässigt oder zu wenig betont, Vorbehalte und Schamgefühle gegenüber depressiven Symptomen spielen hier immer noch eine Rolle. Doch diese spielen eine große Rolle, denn die Empfindung, lebendig zu sein, ist erstarrt. Im Stress verlieren wir die Kunst des Lebens. Die Farben des Lebens gehen verloren. Aus bunt wird grau – in allen Lebensbereichen.
Wie Burnout gefährdet sind Sie?
• Wie ist es bei mir?
• Kann ich mein Leben noch leben oder funktioniere ich nur noch?
• Haste ich in Eile an meinem Leben selbst vorbei?
• Komme ich in meinem eigenen Leben noch vor?
• Welche Farbe hat mein Leben?
• Kann oder will ich den Zustand ändern? Oder habe ich mich schon so an den Zustand der Erschöpfung gewöhnt, dass mir alles gleichgültig wurde?
• Habe ich Angst vor Veränderung?
Kenne ich meine Stresssymptome, meine Stressursachen?
Meist berichten Mütter im ärztlichen Gespräch spontan über ihre Stresssymptome und verwenden Formulierungen wie: »Ich bin ständig im Dauerlauf«, »immer angetrieben«, »der Druck bestimmt mein komplettes Leben«, »zu viel ist nicht genug«, »es ist wie im ICE, alles rauscht an mir vorbei«, »ich fühle mich wie ein Löwe im Käfig«, » ich bin stumm, dulde alles, nehme mich selbst nicht ernst«, »die Kinder sind immer alles«, »ich will alles toll machen und schaffe es nicht«, »ich bin die Retterin oder das Opfer«, »ich habe ein permanent schlechtes Gewissen, weil ich niemandem gerecht werde, besonders den Kindern nicht«, »ich bin eine Kämpferin, aber meine Kräfte sind am Ende«.
Die wichtigsten körperlichen, psychischen und mentalen Stresssymptome sind in der nachfolgenden Auflistung dargestellt, ebenso wie die Stressauswirkungen auf der Verhaltensebene.
Körperliche Symptome:
– Kopfschmerzen
– Herzsymptome (Pulsveränderungen, Blutdruckanstieg)
– vegetative Symptome (Schwindel, Schwitzen, Harndrang, Sexualstörungen)
– Magen-/Darmsymptome (Magendruck, Magengeschwür, Gewichtszu-/abnahme, Verdauungsstörungen)
– Muskelverspannung und Muskelschmerzen
– Abwehrschwäche
– Atemstörungen
Emotionale Symptome:
– Unruhe (Stress beunruhigt immer)
– Angst
– Lustlosigkeit
– Traurigkeit
– Depression
– Aggression
– Ärger, Wut
– Leere
– Verlassenheit (das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören), Einsamkeit, »soziale Schmerzen«
– fehlendes »Wir-Gefühl«
Mentale Symptome:
– die Gedanken drehen sich pausenlos im Kreis
– Denkblockaden
– Konzentrationsstörungen
– Vergesslichkeit
– Schwarz-Weiß-Denken
– Gefühle wie »immer ich«, »das schaffe ich nie«, »den Boden unter den Füßen verlieren«, »auf der Stelle treten«
Verhalten:
– Unruhe
– Ungeduld
– Gereiztheit
– fehlende Pausen
– keine regelmäßigen Mahlzeiten (Essen im Stehen)
– Rückzug (Ausgrenzung tut körperlich weh), »soziale Schmerzen«
– Sucht (Alkohol, Spielsucht, PC-Sucht, Esssucht)
– kein regelmäßiges Freizeitverhalten
– vieles wird aufgeschoben (Prokrastination)
Mit Erstaunen und Überraschung stellen die Mütter im Gesprächsverlauf oft fest, dass sie ihre körperlichen, seelischen, mentalen Symptome oder Symptome auf der Verhaltensebene bisher gar nicht mit ihrer Stressbelastung im Zusammenhang gesehen haben. Ganz oft wird auf der Ebene der Körpersymptome nach einer körperlichen Erkrankung gesucht, denn selbstverständlich müssen solche Symptome ärztlich abgeklärt werden. Hier zeigt sich oft, dass eine umfangreiche Diagnostik erfolgt ist, aber keine organische Erkrankung festgestellt werden konnte. Etwa die Hälfte der Patientinnen berichtet bei Nachfragen, dass im bisherigen Behandlungsverlauf die Zuordnung der Symptome zur Stressbelastung von ärztlicher Seite nicht erfolgte. Diesen Zusammenhang zu entdecken – insbesondere bei den mentalen Stresssymptomen und Stressauswirkungen auf der Verhaltensebene – ist häufig wie ein Aha-Erlebnis und führt zur Entlastung.
Sobald die ganz persönlichen Symptome erkannt und zugeordnet wurden, kann ein gezielter, individueller Behandlungsplan erarbeitet werden. Wer zum Beispiel unter den körperlichen Erkrankungen in Stresssituationen leidet, wird in manchen therapeutischen Schritten einen anderen Weg wählen, als jemand, der mit Angst- und Panikattacken auf Stressoren reagiert. Der Weg aus der Stressfalle ist immer ein individueller Weg.
Über die Stresssymptome wird uns bewusst, was uns quält, »was mich oft stresst«. Hierzu gehört auch die Wahrnehmung »kleiner Stressoren«, zum Beispiel schlechte Luft, zu helles Licht, Lärm. Auch diese können, je nach Intensität und Dauer, zu gravierenden Stresssymptomen führen.
Zeitdruck ist für viele Mütter das größte Problem. »Schnell, schnell, schnell« ist das Leitmotiv, Tempo unser Lebensmotto. Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass Mütter heute im Laufe eines Tages durchschnittlich 16 Stunden mit Berufs- sowie Haushaltstätigkeit verbringen. So schön ein aktiveres, tätigeres Leben sein mag, es gibt eine Grenze der Beschleunigung. Wie man beim Autofahren bei zu hoher Beschleunigung den Halt verliert, kann uns auch die Beschleunigung aller Lebensabläufe den Halt nehmen oder in eine »Haltlosigkeit« führen. Hinzu gesellen sich weiterführende Symptome des Burnout-Syndroms: ein Leeregefühl, ergänzt oder ersetzt durch ein Gefühl der Fremdheit.
Nach Wahrnehmung und Kenntnis der Stresssymptome ist die nächstliegende und wichtige Frage: »Und was sind die Ursachen?«. Ganz häufig wird die Doppelbelastung von Familie und Beruf genannt, Belastungen durch die Erziehung oder Krankheit eines Kindes, Probleme in der Partnerschaft, Probleme am Arbeitsplatz, Konflikte in der Ursprungsfamilie, Pflege von Angehörigen, finanzielle Schwierigkeiten, berufliche Sorgen, beengte Wohnverhältnisse, Verlusterleben oder Konflikte aus der eigenen Lebensgeschichte. In vielen Fällen finden sich mehrere Ursachen. Auch hier liegen Ursache und Stresssymptomatik nicht für jede Patientin sofort auf der Hand. Für die eine ist die Verbindung schneller herstellbar als für die andere, denn oft verhindert ein Nicht-wahrhaben-Wollen die Erkenntnis des Ursachenzusammenhangs. Da kann ein Partnerkonflikt »übersehen« werden, oder es wird vorschnell gesagt: »Im Beruf ist alles in Ordnung.«
In diesem ersten Schritt geht es darum, sich der inneren und äußeren Stressoren und deren Ursachen bewusst zu werden.
• Welches sind meine persönlichen Stressoren?
• Welche Alltagskonflikte rauben mir am meisten Energie?
• Was kann ich im Außen ändern, damit es mir wieder besser geht, damit ich wieder inneren und äußeren Raum für mich habe, wieder atmen kann, zur Ruhe kommen kann?
• Wo fordern ungelöste Beziehungskonflikte mehr Zeit und Kraft, als mir zur Verfügung steht (Partnerkonflikte, Konflikte mit dem Chef, den Arbeitskollegen, Konflikte in der Familie, in der Herkunftsfamilie, Konflikte mit den Kindern)?
• Wo setze ich mich selbst zu sehr unter Druck? Welchen hohen eigenen inneren Ansprüchen meine ich genügen zu müssen?
• Wo muss ich meine innere Einstellung ändern, um den Druck, den ich mir selbst mache, zu reduzieren?
In den weiteren Schritten heißt es dann, Auswege und Lösungen aus den inneren und äußeren Konflikten zu finden, die Ihre Lebensenergie binden und sie am Fließen hindern. Können Grundlebenskonflikte, die oft mit den äußeren Konflikten zusammenhängen, erkannt und gelöst werden, steht Ihnen die darin gebundene Energie wieder zur gelungenen Lebensbewältigung zur Verfügung.
• Welche Grundlebenskonflikte trage ich mit mir herum?
• Welche äußeren Konflikte sind ungelöst und binden meine Kräfte?
• Welche Veränderungen in mir oder in der Umwelt können entlastend und hilfreich sein?
• Kann ich Veränderung wagen?
All diesen Überlegungen ist gemeinsam, dass Sie aus dem ständigen Kampfmodus herausfinden, der den anhaltenden Stress auslöst. Dabei ist es wichtig, dass Sie Ihre Erfahrungswelt wiederfinden, die Sie durch die Stresssymptome verloren haben, bis hin zum Gefühl der Verlorenheit, oft auch der Orientierungslosigkeit. Statt »ausgeleert zu sein« wieder inneres Erleben zu finden. Zu spüren, dass Erlebnisse wieder eine tiefe Wirkung in Ihnen haben. Zu erkennen, dass Ruhelosigkeit und das Gefühl, getrieben zu sein, der Zwang der Unterordnung und Anpassung nicht anhaltend Ihr Leben bestimmen. Es bedarf der Pause, sei sie anfangs auch noch so kurz bemessen. Die Zeit zum Innehalten ist gekommen.
Muss das Leben einer Frau mit Beruf und Familie immer unvereinbar sein?
Diese Frage wird seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert – wohl auch deshalb, weil es darauf keine einfache Antwort gibt. Die zahlreichen Studien, Statistiken und Abhandlungen zum Thema Doppelbelastung sprechen allerdings eine deutliche Sprache:
So verbringen Frauen zwei Drittel ihrer Zeit mit Haushalt, Kinderbetreuung und der Pflege der Angehörigen – unbezahlt! Lediglich ein Drittel ihrer Zeit gehen sie bezahlter Arbeit nach. Wenig überraschend ist die Erkenntnis, dass es sich bei Männern genau umgekehrt verhält. Väter verbringen heute wöchentlich durchschnittlich nur zehn Minuten mehr Zeit mit ihren Kindern, als dies vor zehn Jahren der Fall war. Im Vergleich zu kinderlosen Paaren können Väter und Mütter wöchentlich im Durchschnitt zehn Stunden weniger Freizeit für sich selbst gestalten. Mütter, die einer bezahlten Arbeit nachgehen, verbringen trotzdem ebenso viel Zeit mit Vorlesen oder Gesprächen mit ihren Kindern, wie Mütter, die nicht arbeiten. Diese Zeit geht dann von ihrer eigenen Freizeit ab. Zwar wünschen sich 60 Prozent der Paare eine partnerschaftliche Verteilung der Aufgaben in Haushalt und Erziehung. Die Untersuchungen zeigen jedoch, dass dies ein Wunschdenken bleibt. Obwohl sich das Männer- und Vaterbild in den letzten Jahren gewandelt hat, nimmt dennoch nur jeder dritte Vater die Elternzeit in Anspruch. Und dann ist sie in 80 Prozent der Fälle auf lediglich zwei Monate begrenzt.
Eine besondere Herausforderung für Mütter sind die ständigen Übergangssituationen, denen sie ausgesetzt sind. Sie wechseln ständig hin und her in ihren Zuständigkeiten: Kaum sind sie aufgestanden, ruft ein Kind, dann will der Haushalt geregelt werden. Im beruflichen Umfeld ist ein anderes Auftreten, nicht selten sogar eine andere Identität, gefragt. Wieder zurück im Haus stehen wiederum Kinder, Haushalt und Partnerschaft im Fokus. Diese Übergänge kosten Zeit und Kraft und müssen mit Fingerspitzengefühl gestaltet werden.
Frau M. beschreibt dies so: »Schon beim Aufstehen habe ich das Gefühl, kaum geschlafen zu haben. Jedenfalls fühle ich mich nicht regeneriert. Fast jeden Morgen gerate ich in Zeitnot, weil meine Tochter pünktlich zur Schule gebracht werden muss. Zur gleichen Zeit habe ich mit meinem trotzenden dreijährigen Sohn zu kämpfen. Ich fühle mich schon vor Arbeitsbeginn so ausgelaugt, dass es mir schwerfällt, mich zu konzentrieren und mit Elan meiner Arbeit nachzugehen. Am Nachmittag kann ich meist nicht pünktlich Feierabend machen, sodass ich gehetzt in Kita und Schule zum Abholen meiner Kinder ankomme. Meistens habe ich dann keine Kraft und Muße mehr, mit meinem Sohn mal intensiv zu spielen. Dazu kommen Hausaufgaben, das Lernen für die Arbeiten mit meinen zwei Töchtern. Und natürlich auch noch die vielen kleinen und großen Handgriffe im Haushalt und im Garten, das Kochen …«
Häufig sind sich Frauen und Mütter ihrer Leistung nicht bewusst. Erst wenn diese Übergänge aus Überforderung nicht mehr wohlwollend und empathisch gestaltet werden können, wird bemerkt, dass etwas aus dem Ruder läuft. Der Kommunikationsstil ist dann nicht selten kurz angebunden: »Steh auf, beeil dich, iss auf, mach schnell, los, los.« Der übervolle Terminkalender führt dazu, dass jeder Übergang zur Stressspitze wird. Eine Stressspitze jagt die nächste und ist auch durch Multitasking nicht zu lösen.
Aber nicht nur die Alltagsroutine kostet Kraft und Nerven. Die Lebensphase, in der eine Familie gegründet wird, kann sehr stressreich sein, denn vieles läuft gleichzeitig: Ausbildung, Karriere, Partnerschaft, Familiengründung und Hausbau. Neben der Alleinverantwortung in der Kinderbetreuung übernehmen Frauen meist selbstverständlich die Zuständigkeit für die emotionale und soziale Harmonie in der Partnerschaft. Dazu kommt der Anspruch, eine gute Mutter, erfolgreich im Beruf und eine attraktive Partnerin sein zu wollen. Wer dann noch alle Rollen »perfekt« ausfüllen möchte, tappt leicht in die Überforderungsfalle.
Dies muss nicht zwangsläufig zur Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, Kind und Karriere führen. Wer beides vereinbaren möchte, braucht ein gutes soziales Netzwerk. Dazu zählt zunächst die eigene Partnerschaft. Eine Partnerschaft, in der beide nicht auf die Rolleneinhaltung pochen, sondern gemeinsam Verantwortung übernehmen, die Aufgabenteilung einvernehmlich regeln und der Partner sich auch emotional in die Partnerschaft einbringt. Die männliche Rolle ist ganz häufig noch die des »Jägers«, der die Beute heimbringt, sich danach an den Herd setzt und alles Weitere der Frau überlässt. Eine Vereinbarkeit für die Frau und Mutter ist somit auch gekoppelt an die Entwicklung eines anderen Rollenverständnisses des Partners.
Um die Überforderungsfalle zu umschiffen, empfehle ich die Beschäftigung mit diesen Fragen:
• Wie soll die Aufgabenverteilung (Kinderbetreuung, Haushalt, Finanzen etc.) konkret aussehen?
• Wie sieht das Rollenbild beider Partner aus? Gerne mit Beispielen anreichern! Was kann da eventuell verändert werden?
• Ist es möglich, gemeinsam für die emotionale Harmonie in der Partnerschaft zu sorgen? Welche Rituale können dazu eingeführt werden?
• Welche Glaubenssätze (zum Teil noch aus der eigenen Kindheit) beeinflussen unser Familienleben?
• Bleibt noch Freiheit für Selbstbestimmung oder ist alles Rollenzwang?
Besonders für die vielen alleinerziehenden Frauen oder Männer ist die Frage nach den sozialen Ressourcen grundlegend. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: »Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.« Das deutet schon an, wie wichtig zum Beispiel familiäre Ressourcen sind: Das heißt, dass Eltern oder Elternteile des Paares immer wieder unterstützen, dass Tanten und Onkel, Paten und Patinnen helfen zu entlasten, helfen Freiräume zu schaffen. Daneben spielt die soziale Unterstützung im weiteren Sinne eine große Rolle: Kindergartenplatz, Kinderhort, Tagesstätte mit flexibleren Zeiten, Betreuungsmöglichkeit auch in speziellen Situationen am Wochenende und nachts wären hilfreiche Weiterentwicklungen und wichtige unterstützende Eckpfeiler für eine gelingende Vereinbarkeit.
Ob das Leben einer Frau mit Kind und Beruf vereinbar sein kann, ist also einerseits von den individuellen partnerschaftlichen, familiären und gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängig. Andererseits hängt das Gelingen, Beruf und Familie zu vereinbaren, auch von der persönlichen Entscheidung und Einstellung der Frauen und Mütter selbst ab. Die Fragen dazu:
• Kann ich Hilfe annehmen oder betrachte ich dies als eigenes Versagen?
• Was kann ich (konkret!) delegieren?
• Kann ich Verantwortlichkeiten abgeben? Oder muss ich mich immer selbst für alles verantwortlich fühlen?
• Will ich alle Rollen übernehmen? Muss ich das? Woher kommt meine Bereitschaft dazu?
Diese letzte Frage weist darauf hin, dass der Konflikt, Familie und Beruf in Einklang zu bringen, ein Rollenkonflikt ist, der wie jeder Konflikt zu Spannungen führt und häufig nicht völlig aufgelöst werden kann. Doch Rollenmuster können verändert werden. Sie müssen nicht allen Rollenzuschreibungen gerecht werden. Vielmehr ist es notwendig, Aufgaben zu delegieren und Verantwortlichkeiten abzugeben.
Will ich eine perfekte Familie?
Die Familie wünschen wir uns alle als einen Ort reiner Menschlichkeit gegen die kalte Welt. Unsere Vorstellungen von Familie sind geprägt von den Erfahrungen in unserer eigenen Ursprungsfamilie. Jeder von uns kennt die Erfahrung von Harmonie und Disharmonie, Anerkennung und Ablehnung, Spannung oder gar Zerwürfnis innerhalb der eigenen Familie. Da diese Erfahrungen sehr schmerzlich für uns sind, versuchen wir sie in der eigenen Familie möglichst zu vermeiden und nicht zu wiederholen.
Um uns in unserem Leben wohlzufühlen, suchen wir auf der inneren Ebene Wärme und Geborgenheit, Schutz und Sicherheit. Dafür brauchen wir einen äußeren und inneren Lebensraum: die Familie! Oft gehen wir davon aus, dass die »perfekte Familie« entsteht, wenn sich jedes Familienmitglied »perfekt« verhält. So entsteht auch die Vorstellung der »perfekten Eltern«. Perfekte Eltern zeichnen sich nach Meinung vieler Menschen dadurch aus, dass sie ihr Kind in allen Bereichen höchstmöglich fördern; nur dann, wenn es im Mittelpunkt steht, so denken viele, könne es einem Kind gut gehen. Das weist darauf hin, dass Familien- und Elternstress oft »hausgemacht« ist. Obwohl viele Eltern der Meinung sind, solchen und anderen Ansprüchen nicht gerecht zu werden und bei der Erziehung vieles falsch zu machen, halten die meisten Kinder ihre Eltern für die »besten der Welt«.1
Frau D. erzählt es so: »Die ständigen Allergien meiner Kinder sind eine große Belastung: Die Ernährung, das Umfeld. Hinzu kommen Ängste. Ich habe das Gefühl, im Haushalt alles gut erledigen zu können, bin aber damit auch oft überfordert. Ich setze mir zu viele Ziele, und wenn die nicht erfüllt sind, werde ich unruhig, launisch und gereizt. Ich kann mein Verhalten aber nur schwer ändern. Gerne möchte ich für meine Kinder perfekt sein, aber auch daran scheitere ich sehr oft. Ich habe kaum Luft für mich selbst. Ich kenne meine Fehler, aber es fällt mir schwer, mich fallen zu lassen und alles entspannter anzugehen. Ich bin in meinem Leben sehr eingespannt. Habe viel Verantwortung im Beruf und privat. Ich bin eine Kämpferin, aber momentan sind meine Kräfte am Ende.«
Interessant wäre jetzt die Frage, warum die Mütter und Väter ihre eigene Leistung als so ungenügend erachten. Ein ideales Familienmodell gibt es nicht. Jede Familie ist in ihrem äußeren und inneren Raum sehr individuell. Die Bedürfnisse der einzelnen Familienmitglieder sind verschieden. Jedes Familienmitglied, die Mutter, der Vater und auch die Kinder brauchen Raum – inneren und äußeren. Jedes Familienmitglied – und hier muss ich immer noch besonders erwähnen: auch die Mutter – will in seiner Individualität wahrgenommen und angenommen sein. Sich wahrgenommen und angenommen zu fühlen, ist ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen.
Nun sollten die Kinder nicht für die Eltern und deren Wohlergehen sorgen müssen. Die Mutter ist selbst verantwortlich für ihr eigenes Wohlergehen. Sie sollte sich selbst zuerst eine gute Mutter sein können. Oft aber berichten viele Mütter, dass sie sich in der Familie ganz hintenanstellen. Erst wenn die Kinder gut versorgt sind, der Job gemacht ist, der Partner zufrieden ist, der Haushalt blitzeblank ist – »dann komme ich«. In der Regel ist es dann 23.00 Uhr abends. Die Aufopferung der Mutter führt über kurz oder lang in das Burnout-Syndrom – und damit ist niemandem gedient.
Deshalb sollte der Leitsatz von Thea Bauriedl2 hier eingefügt werden. »Nur wenn es der Mutter gut geht (analog dem Vater), kann es auch der Familie gut gehen.«
• In welcher Weise kann ich das, was ich täglich für mich und meine Familie tue, noch wertschätzen?
• Kann ich noch mit dem, was ich tue, zufrieden sein, kann ich mirselbst noch genügen?
• Bin ich mir selbst etwas wert und wichtig?
• Welchem Leistungsdruck unterwerfe ich mich und gebe diesen Druck folglich auch an die Kinder weiter?
Jedes Familienmitglied trägt als Teil der Familie zur »Gemeinschaft der Familie« bei. Mit zunehmender Selbstständigkeit der Kinder sollten ihnen auch zunehmend Aufgaben und Verantwortlichkeiten übergeben werden. Es tut Kindern gut, kindgerechte Verantwortung zu übernehmen und sich dadurch in die Gemeinschaft einzubringen. Das fördert die eigenständige Entwicklung des Kindes, das Selbstvertrauen und es stärkt die Alltagskompetenz. Darüber hinaus geht damit mittel- und langfristig auch eine Entlastung der Eltern einher. Selbstbewusstsein kann nicht durch Überbehüten entstehen. Selbstbewusstsein entsteht, indem ich dem Kind zutraue, mit zunehmendem Alter Verantwortlichkeit zu übernehmen. Dazu gehört auch, es loszulassen in seinen eigenen Lebensraum hinein.
Zum Gestalten des Familienlebens braucht es Energie und Ideen, aber auch Zeit. Diese entsteht nur durch Aufgabenverteilung. Aus den klassischen Mütter-Aufgaben in der frühen Säuglings- und Kleinkindzeit sollte keine Verallgemeinerung entstehen. Denn nur zu oft bleibt es dabei, dass es die Mutter ist, die sich weiterhin um alles sorgt, bemüht, schützt und regelt. Dadurch wird aus anfänglich mütterspezifischen Aufgaben »mütterspezifischer Stress«. Die Mutter meint offenbar, all dies weiter tun zu müssen, um die perfekte Mutter zu bleiben. Um Abschied zu nehmen von der »perfekten« Familie ist es somit notwendig, Abschied zu nehmen von der Vorstellung der »perfekten« Mutter.
Nach der Elementarversorgung der Frühzeit des Kindes sollte auch die Mutter eine Wandlung durchmachen, nicht nur das Kind. Parallel zur Entwicklung und dem Wachstum des Kindes darf auch die Mutter aus ihrer reinen Elementarversorgungsfunktion herauswachsen und die Elternschaft teilen und aufteilen. Werden Aufgaben bewusst aufgeteilt und verteilt, etwa auf den Vater, Erzieherinnen, mitbetreuende Helfer aus der Familie (Oma, Opa), kann das Schuldgefühl, »nicht zu genügen«, »nicht perfekt zu sein«, »es falsch zu machen« nicht entstehen. Das Kind wird täglich reifer und erwachsener – und an diesem Prozess muss die mütterliche Rolle reflektiert werden und darf sich damit natürlicherweise wandeln. Somit ist die »perfekte« Familie nicht gewährleistet durch die »perfekte« Versorgung durch die Mutter, sondern durch den Einklang einer guten Aufteilung innerhalb und außerhalb der Familie. Die Familie ist sowohl ein geschlossenes als auch ein offenes Modell; so kann sie als Rückzugsort dienen, an dem Wärme und Geborgenheit erlebt werden, bleibt aber ebenso offen für neues Erleben, ein Erkunden der Welt, das Teilen von Aufgaben. Soziale Entwicklung bedarf vieler außerfamiliärer Komponenten und Erfahrungen.
Und nun stellt sich die alleinerziehende Mutter die Frage: »Und wie ist es bei mir als Alleinerziehenden aus?« Hier wird häufig noch mehr Druck erlebt, nämlich Vater und Mutter in einem sein zu müssen. Daher sind der Kontakt zum Kindsvater in einem geregelten Besuchsmodell und eine Verteilung von Aufgaben an professionelle und unterstützende Helfer ganz entscheidend, um vor Erschöpfung und massiver Dauerbelastung zu schützen. Die »perfekte Familie« heißt eben nicht auch gleichzeitig die »perfekte Partnerschaft« oder Ehe.
