Wege aus der Erschöpfung - Karl Reif - E-Book

Wege aus der Erschöpfung E-Book

Karl Reif

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Beschreibung

Praxisorientierter Ratgeber, der zeigt, wie Menschen mit einer Tumorerkrankung mit ihren Energien besser haushalten und diese effektiver für gewünschte alltägliche Aktivitäten einsetzen können. Konkret, verständlich und anschaulich beantwortet der Ratgeber die Fragen: Was ist eine krebsbedingte Erschöpfung (Fatigue) Welches sind die Ursachen der Fatigue? Was kann man gegen Fatigue und extreme Müdigkeit tun? Wie kann man seine Kräfte einteilen und mit Zeit und Energie angemessen haushalten? Wie kann man neue Kräfte durch angepasstes Bewegungstraining gewinnen? Wie kann man neue Energie durch Entspannung und Schlaf sammeln? Wie kann man Niedergeschlagenheit überwinden und das Leben (wieder) genießen? Der Anhang enthält zahlreiche Adressen, Literaturhinweise und Materialien zu den Themen: Bewegungstraining, Energiemanagement, Entspannung und Kultivierung des 'inneren Gartens'.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Reif / de Vries /Verlag Hans Huber

Petermann / GörresProgrammbereich Pflege

Wege aus der Erschöpfung

Wissenschaftlicher Beirat

Angelika Abt-Zegelin, Dortmund

Silvia Käppeli, Zürich

Doris Schaeffer, Bielefeld

Beirat Ausbildung und Praxis

Jürgen Osterbrink, Salzburg

Christine Sowinski, Köln

Franz Wagner, Berlin

Karl Reif

Ulrike de Vries

Franz Petermann

Stefan Görres

Wege aus

der Erschöpfung

Ratgeber zur tumorbedingten Fatigue

Verlag Hans Huber

Karl Reif. Dr., Pflegewissenschaftler, Krankenpfleger, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Universität Bremen.

E-Mail: [email protected]

Ulrike de Vries. Dr. phil., Krankenschwester, Diplompsychologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen.

E-Mail: [email protected]

Franz Petermann. Prof. Dr., Psychologe, Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation, Bremen.

E-Mail: [email protected]

Stefan Görres. Prof. Dr., Sozialwissenschaftler, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Public Health und Pflegeforschung, Bremen.

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Jürgen Georg, Dr. phil. Susanne Lauri

Herstellung: Daniel Berger

Titelillustration: pinx. Winterwerb und Partner, Design-Büro, Wiesbaden

Umschlag: Claude Borer, Basel

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.deabrufbar.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Verfasser haben größte Mühe darauf verwandt, dass die therapeutischen Angaben insbesondere von Medikamenten, ihre Dosierungen und Applikationen dem jeweiligen Wissensstand bei der Fertigstellung des Werkes entsprechen.

Da jedoch die Pflege und Medizin als Wissenschaft ständig im Fluss sind, da menschliche Irrtümer und Druckfehler nie völlig auszuschließen sind, übernimmt der Verlag für derartige Angaben keine Gewähr. Jeder Anwender ist daher dringend aufgefordert, alle Angaben in eigener Verantwortung auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen oder Warenbezeichnungen in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen-Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürfen.

Anregungen und Zuschriften bitte an:

Verlag Hans Huber

Lektorat: Pflege z. Hd.: Jürgen Georg

Länggass-Strasse 76

CH-3000 Bern 9

Tel: 0041 (0)31 300 4500

Fax: 0041 (0)31 300 4593

E-Mail: [email protected]

Internet: www.verlag-hanshuber.com

1. Auflage 2011

© 2011 by Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern

ISBN 978-3-456-84975-1

(E-Book-ISBN 978-3-456-94975-8)

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1.  Was ist krebsbedingte Erschöpfung

2.  Was sind die Ursachen der krebsbedingten Erschöpfung?

2.1    Die Krebserkrankung

2.2    Die Krebsbehandlung

2.2.1  Chemotherapie

2.2.2  Strahlentherapie

2.2.3  Immuntherapie

2.2.4  Operationen

2.2.5  Nebenwirkungen der Krebsbehandlung

2.3    Anämie

2.4    Mangelernährung und Gewichtsverlust

2.5    Muskelabbau

2.6    Schädigung des Nervensystems

2.7    Infektionen

2.8    Schlafstörungen

2.9    Seelische Belastungen

2.10  Soziale Faktoren

2.11  Modelle zur Erklärung der krebsbedingten Fatigue

3.  Was kann man gegen krebsbedingte Erschöpfung tun?

3.1    Behandlung auslösender Faktoren

3.2    Anämie

3.3    Mangelernährung und Gewichtsverlust

3.4    Medikamente

3.5    Muskelabbau

3.6    Schlafstörungen

3.6.1  Verhaltensänderungen

3.6.2  Schlafmedikamente

3.7    Seelische und soziale Belastungen

3.7.1  Medikamente

3.7.2  Psychotherapie

3.7.3  Gruppenprogramme für Krebspatienten

3.7.4  Individuelle Beratung

3.8    Ernährungstherapie

3.9    Alternative Behandlungen

4.  Kräfte einteilen – mit Zeit und Energie richtig haushalten

4.1    Die Leistungskurve

4.2    Das Energiekonto

4.3    Das «Knall-Fall-Dilemma»

4.4    Wieder Energie gewinnen

4.5    Pflicht und Kür

5.  Neue Kräfte gewinnen – angepasstes Bewegungstraining

5.1    Teufelskreis bei Fatigue

5.2    Vorteile des Bewegungstrainings

5.2.1  Vorteile für den Körper

5.2.2  Vorteile für die Seele

5.2.3  Vorteile für das soziale Miteinander

5.3    Hilfen für «Sportmuffel»

5.4    Planung und Durchführung des Trainings

6.  Kräfte sammeln – sich entspannen und gut schlafen

6.1    Entspannung

6.1.1  Progressive Muskelentspannung

6.1.2  Autogenes Training

6.1.3  Imaginationsverfahren

6.1.4  Meditation und Yoga

6.1.5  Durchführung der Entspannung

6.2    Gesunder Schlaf

6.2.1  Schlafstadien

6.2.2  Schlafvarianten

6.2.3  Schlafstörungen

6.2.4  Besser Schlafen

6.2.5  Die Gedankenstopp-Methode

7.  Niedergeschlagenheit überwinden und das Leben (wieder) genießen

7.1    Fatigue und Depression

7.2    Denken – Fühlen – Handeln

7.3    Wieder genießen lernen

7.4    Sich selbst loben, stolz auf sich sein und sich belohnen

7.5    Automatische Gedanken

7.6    Das ABC-Modell

8.  Wie geht es weiter? Lösungen dauerhaft in den Alltag übernehmen!

8.1    Rückblick

8.2    Gute Vorsätze

8.3    Handlungsschritte

8.3.1  Phase des Abwägens

8.3.2  Planungsphase

8.3.3  Durchführungsphase

8.3.4  Bewertungsphase

8.4    Barrieren bei der Umsetzung

8.4.1  Erkennbare personenbezogene Barrieren

8.4.2  Schwer erkennbare Barrieren

8.4.3  Äußere Barrieren

8.5    Zwölf Tipps

Anhänge

Anhang 1: Arbeitsmaterialien

A-1.1: Arbeitsblatt «Energietagebuch»

A-1.2: Arbeitsblatt «mein Bewegungsplan»

A-1.3: Arbeitsblatt «Meine Pflicht – meine Kür»

A-1.4: Arbeitsblatt «Meine Pflicht – meine Kür: meine Strategie»

A-1.5: Arbeitsblatt «Wie denke ich in meiner jetzigen Situation über körperliche Aktivität und Sport?»

A-1.6: Arbeitsblatt «ABC-Modell»

A-1.7: Arbeitsblatt «Barrieren und Ressourcen»

A-1.8: Der «innere Garten»

Anhang 2: Weitere Informationen und Unterstützung

Anhang 3: Zum Weiterlesen

Autorenverzeichnis

Sachwortverzeichnis

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Ratgeber richtet sich an Krebspatienten, die unter einer starken und anhaltenden Form der Erschöpfung leiden. In der Regel resultieren die Symptome aus der Krebsbehandlung, also einer Operation, einer Therapie mit Medikamenten, wie zum Beispiel Chemotherapie, oder einer Strahlentherapie. Diese Erschöpfung wird als «krebsbedingte Fatigue» oder «tumorbedingte Fatigue» bezeichnet.

«Fatigue» (ausgesprochen: «Fatieg», mit Betonung auf der letzten Silbe) ist ein ursprünglich französischen Wort, das mit Müdigkeit oder Ermüdung übersetzt wird, aber auch Anstrengung oder Strapaze bedeuten kann. Im wissenschaftlichen Wortschatz wird damit eine besonders ausgeprägte oder lang anhaltende Müdigkeit oder Erschöpfung bezeichnet, die das normale Ausmaß überschreitet.

Jeder Mensch kennt das Gefühl der Müdigkeit oder Erschöpfung. Müdigkeit ist ein sinnvolles Signal Ihres Körpers, das Ihnen sagen will, dass Sie eine Pause benötigen, dass Sie sich ausruhen oder schlafen sollten. Normalerweise geht der Müdigkeit eine körperliche oder geistige Anstrengung voraus. Viele Krebspatienten erleben jedoch, dass sie sich den ganzen Tag über erschöpft fühlen, und sie fürchten, den Anforderungen des Tages nicht mehr wie gewohnt gewachsen zu sein. Viele Krebspatienten erleben auch, dass die Erschöpfung ohne vorangegangene Anstrengung eintritt, oftmals plötzlich und unvermittelt.

Die Fatigue kann sich bei Krebspatienten in sehr unterschiedlicher Weise zeigen: in verringerter körperlicher Leistungsfähigkeit und einem verstärkten Erholungsbedürfnis genauso wie in seelischer Niedergeschlagenheit oder in Konzentrationsstörungen und nicht erholsamem Schlaf. Diese und viele andere Symptome, die in diesem Ratgeber genauer beschrieben werden, treten während der Krebsbehandlung bei fast allen Patienten auf. Bei den meisten Patienten verschwinden die Symptome nach Abschluss der Behandlung wieder, bei vielen jedoch bleiben sie über Monate oder Jahre hinweg bestehen. Wenn Sie den Eindruck haben, dass das bei Ihnen der Fall ist, sprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt darüber. Er wird Ihren Problemen auf den Grund gehen und kann Ihnen dann erläutern, ob Sie unter krebsbedingter Fatigue leiden, oder ob Ihre Symptome eine andere Ursache haben.

Besonders geeignet ist dieser Ratgeber für Patienten nach Abschluss der Krebsbehandlung; für Patienten, die ihre Erkrankung bereits überwunden haben, also für Patienten, die keine Anzeichen einer Krebserkrankung mehr haben und keine Chemotherapie oder Bestrahlungen mehr erhalten. Manche Patienten haben auch bereits an einer Reha teilgenommen. Und dennoch bleibt bei ihnen die Fatigue bestehen.

Sie können dieses Buch vollkommen selbstständig durcharbeiten. Sie benötigen dazu lediglich einen Kugelschreiber und eine Möglichkeit, sich die Arbeitsblätter aus dem Buch zu kopieren. Wir empfehlen Ihnen, sich einen Ordner zu kaufen und die Arbeitsblätter darin abzuheften. Sie können das Buch aber auch mit Unterstützung eines Partners oder Angehörigen, einer Selbsthilfegruppe, eines Arztes, eines Psychologen oder einer Pflegefachkraft für Krebserkrankungen durcharbeiten. Wir haben zu demselben Thema eine Patientenschulung entwickelt, die in verschiedenen Städten angeboten wird. Wenn Sie Interesse an einer Teilnahme haben, erkundigen Sie sich bitte bei Ihrer örtlichen Krebsberatungsstelle oder Ihrer zuständigen Landeskrebsgesellschaft. Die Adressen der Landeskrebsgesellschaften finden Sie im hinteren Teil dieses Ratgebers. Dieses Buch kann eine gute Ergänzung für Teilnehmer der Patientenschulung «Fatigue individuell bewältigen – ein Selbstmanagementprogramm» («FIBS») sein. Weitere Information über die Patientenschulung FIBS erhalten Sie bei den Beratungsstellen der Landeskrebsgesellschaften.

Bremen, im Februar 2011

Die Autoren

1Was ist krebsbedingte Erschöpfung?

Jeder Mensch kennt das Gefühl, müde und erschöpft zu sein. Müdigkeit ist eine alltägliche Erfahrung und wird als eine normale Reaktion auf anstrengende Tätigkeiten oder auf Mangel an Schlaf wahrgenommen. Viele Menschen erleben eine verstärkte Müdigkeit auch im Zusammenhang mit längeren Infektionen. Zum Beispiel kann es nach einer Grippe mehrere Wochen dauern, bis man seine normale Leistungsfähigkeit wieder erreicht hat.

Müdigkeit wird als verminderte Fähigkeit des Organismus definiert, seine Funktionen wahrzunehmen: davon sind sowohl körperliche Funktionen (wie z. B. die Muskelarbeit) als auch geistige Funktionen (wie z. B. verminderte Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit) betroffen.

Müdigkeit hat keinen festen Tagesrhythmus und kann, zum Beispiel nach einer durchwachten Nacht, verstärkt während des ganzen Tages vorkommen. Im Unterschied dazu kann man die ganz normale Tagesschläfrigkeit abgrenzen, Zeiten, in denen man weniger wach und konzentriert ist. Damit sind die normalen «Durchhänger» während des Tages gemeint. Sie richten sich nach der Leistungskurve des Menschen und kommen meist am Nachmittag und am Abend vor, zum Beispiel nach dem Essen.

Die Müdigkeit gesunder Menschen wird meist als angenehmer, wohliger Zustand empfunden. Man fühlt eine Schwere in den Gliedern, auch die Augenlider sind schwer und wollen zufallen. Man hat ein Ruhebedürfnis, will abschalten, sich entspannen, nichts mehr tun, will sich hinlegen. Müdigkeit ist für viele Menschen zunächst einmal ein körperliches Empfinden. Man fühlt sich schlapp und kraftlos und möchte sich ausruhen. Aber auch geistige und gefühlsmäßige Empfindungen werden bei Müdigkeit erlebt, so zum Beispiel, dass die Konzentration und Aufmerksamkeit nachlassen, oder dass man leichter gereizt reagiert.

Beispiele für körperliche Müdigkeit:

«Ich bin schlapp, habe keine Energie mehr, keine Kraft in den

Händen. Es reicht für heute.»

«Ich bin völlig erschöpft. Ich kann nicht mehr. Bin komplett fertig,

fühle mich wie zerschlagen.»

Beispiele für geistige Müdigkeit:

«Ich finde die Worte nicht mehr, kann nicht mehr zuhören, kann

keinem Gespräch mehr folgen. Ich vergesse, was ich eigentlich

sagen wollte.»

«Alles verschwimmt vor meinen Augen, ich kann mich nicht mehr

konzentrieren.»

Beispiele für die Gefühlslage bei Müdigkeit:

«Wenn ich müde bin, werde ich ungeduldig und leicht reizbar,

obwohl ich normalerweise ein sehr ausgeglichener Mensch bin.»

«Ich will mich zurückziehen, von der Welt nichts mehr wissen, mir

keine Probleme mehr anhören.»

Im Unterschied zu allgemeiner Müdigkeit steht der Begriff der krebsbedingten Erschöpfung oder «Fatigue» für eine Reihe von Zuständen, die durch extreme Müdigkeit, Erschöpfung, Schwäche, Mattigkeit, Motivations- und Antriebslosigkeit, Kraft- und Energielosigkeit gekennzeichnet sind. Diese Zustände können sich in einer Funktionsminderung auf geistiger und körperlicher Ebene äußern. Da es in der deutschen Sprache für diese umfassende Bedeutung keinen entsprechenden Begriff gibt, setzt sich die Verwendung des Fremdwortes zunehmend durch. Fatigue kann im Zusammenhang mit unterschiedlichsten körperlichen oder seelischen Erkrankungen vorkommen. Bei einigen dieser Krankheiten zählt Fatigue zu den Symptomen, die die Patienten am meisten beeinträchtigen.

Unser Ratgeber beschäftigt sich nur mit Fatigue, die im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung auftritt. Bei vielen Patienten tritt diese scheinbar unbeeinflussbare Erschöpfung auch noch lange Zeit nach der Krebsbehandlung auf und stellt für sie ein großes Problem dar. Die Krebsbehandlung geht für viele Patienten mit erheblichen Begleiterscheinungen einher, wie zum Beispiel Übelkeit oder schweren Infektionen. Auch Fatigue tritt in dieser Phase bei fast allen Patienten auf. Jedoch werden die Beschwerden dann meist als Begleiterscheinungen der Behandlung hingenommen und nicht weiter beachtet. Nach Abschluss der Therapie bleibt die Fatigue bei etwa einem Drittel aller Krebspatienten bestehen. Nun möchten die Patienten aber wieder ins normale Alltags- und Arbeitsleben zurück; oft erwarten die Partner, Freunde und Arbeitskollegen dies auch von ihnen.

Tabelle 1-1: Müdigkeit bei Gesunden und Fatigue bei Krebspatienten

Müdigkeit bei Gesunden

Fatigue bei Krebspatienten

Müdigkeit wird als Folge von körperlicher oder geistiger Anstrengung erfahren.

Fatigue kann auch ohne vorherige Anstrengung auftreten, manchmal plötzlich und unvermittelt, ohne vorherige Anzeichen.

War die Anstrengung nach dem eigenen Empfinden groß, dann folgt daraus auch eine stärkere Müdigkeit als bei einer geringeren Anstrengung.

Fatigue kann völlig unabhängig von der Stärke der Anstrengung auftreten.

Müdigkeit ist abhängig von der Tageszeit: Nach dem Mittagessen und am Abend wird Müdigkeit als natürlich empfunden.

Fatigue kann zu jeder Tageszeit auft reten.

Müdigkeit kann durch Ausruhen und Schlaf behoben werden.

Fatigue wird durch Ausruhen und Schlaf langfristig eher verschlimmert. Fatigue wird als unbeeinflussbar erlebt.

Müdigkeit wird als vorübergehend erlebt.

Fatigue wird als dauerhaft oder regelmäßig auftretend erlebt.

Müdigkeit wird als wohlige angenehme Empfindung erlebt.

Fatigue wird als unangenehme Begleiterscheinung zu Erkrankungen erlebt.

Menschen im sozialen Umfeld von Patienten mit Fatigue reagieren manchmal mit Unverständnis auf die Beschwerden der Betroffenen. Oft wird gesagt, dass man auch müde ist und sich dann einfach zusammenreißen muss. Dabei bestehen zwischen dem Empfinden von Müdigkeit bei gesunden Menschen und dem Empfinden von Fatigue bei Krebspatienten große Unterschiede (s.Tab. 1-1).

In den Berichten von Krebspatienten mit Fatigue treten diese Unterschiede immer wieder deutlich hervor. Als ein Beispiel, das für viele Betroffene steht, soll an dieser Stelle eine Patientin zu Wort kommen, die mit ihren eigenen Worten Fatigue beschreibt.

Frau D. berichtet:

«Als ich aus der Reha kam, dachte ich, jetzt hätte ich es geschafft, ich könnte den Krebs hinter mir lassen und wieder mein Leben leben. Ich hatte so viel vor und wollte so viele Dinge machen, für die ich während meiner Erkrankung keine Zeit und auch keine Kraft hatte, der Krebs ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Aber ich wollte auch Neues beginnen, wofür ich mir vor meiner Erkrankung keine Zeit genommen hatte – endlich mal etwas für mich selbst tun, den Garten wieder in Schuss bringen und Aquarellmalen, mit dem ich in der Klinik begonnen hatte.

Aber es kam alles anders. Statt fit und voller Lebenslust zu sein, war ich ständig müde, konnte mich auf nichts konzentrieren und selbst ein Telefonat mit einer lieben Freundin war mir manchmal zu viel. Anfangs dachte ich noch, das gibt sich wieder, das liegt an der Umstellung auf den Alltag. Auch mein Arzt sagte mir, dass das besser wird, ich solle mich halt ein wenig ausruhen, und schrieb mich vorerst einmal krank. Aber als es auch nach drei, vier Wochen nicht besser wurde, dachte ich, dass es vielleicht auch ein Zeichen dafür sein könne, dass der Krebs wieder da ist. Doch die Untersuchungsergebnisse waren – zum Glück – in Ordnung. Danach habe ich versucht, die Müdigkeit zu ignorieren und mich gezwungen, die Sachen, die ich mir für einen Tag vorgenommen hatte, auch zu erledigen. Mit dem Ergebnis, dass ich meist schon mittags völlig erledigt auf der Couch lag und mich am liebsten gar nicht mehr bewegt hätte. Selbst zehn Stunden Schlaf brachten mir keine Erholung.

Meine Familie mahnte mich immer wieder, ich solle mehr Geduld haben, schließlich habe ich eine schwere Zeit hinter mir, und dies könne man eben nicht einfach so wegstecken. Aber ich wollte keine Geduld mehr haben, ich hatte jetzt lange genug geduldig immer wieder gewartet – auf Untersuchungsergebnisse, auf die Therapie, auf die Nebenwirkungen, auf einen neuen Chemotherapie-Zyklus, die OP, wieder Ergebnisse und so weiter. Ich wollte nicht mehr warten, ich wollte endlich wieder am Leben teilhaben und das alles hinter mir lassen. Meine Tochter hat dann im Internet recherchiert und herausgefunden, dass viele Krebspatienten nach Abschluss der Therapie unter ähnlichen Symptomen leiden wie ich, die unter dem Begriff Fatigue zusammengefasst sind. Ich hatte zwar in der Klinik auch schon einmal davon gehört und war während der Erkrankung auch oft sehr erschöpft, ich dachte aber, das sei nach der Reha vorbei. Schließlich ist doch der Krebs jetzt weg. Das hat mir niemand gesagt, dass die Erschöpfung gar nicht weggeht.

Auch wenn mit mir niemand offen darüber spricht, merke ich, dass es meine Familie sehr belastet, dass sie quasi für mich mitdenken muss und auch einen Teil meiner Aufgaben übernehmen muss, obwohl ich doch eigentlich wieder gesund bin.

Wenn ich darüber nachdenke, könnte ich einfach nur heulen, denn eigentlich ist jetzt nichts so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe so viele Ideen und habe so viele Sachen geplant, aber stattdessen verplant die Fatigue jetzt mich.»

Etwa jeder dritte Krebspatient, der seine Krankheit überstanden hat, macht diese oder ähnliche Erfahrungen. Obwohl nach einer oft langen Phase anstrengender Behandlungen und Untersuchungen der Krebs besiegt wurde, will die Erschöpfung nicht weichen.

Bei Menschen mit Krebs, die unter Fatigue leiden, können diese Erschöpfungszustände Wochen, Monate oder Jahre andauern.

Herr S.: «Schon in der Reha hatte ich das Gefühl, dauernd überfordert zu sein. Und die Probleme von damals haben sich nicht viel verändert, seit ich meine Arbeit wieder aufgenommen habe. Deshalb musste ich dann auf Teilzeit gehen.»

Frau M.: «Alles fing mit dem Brustkrebs an. Und das liegt jetzt schon 12 Jahre zurück. Anfangs dachte ich noch, dass sich das irgendwann gibt. Dann aber habe ich mich dran gewöhnt, dass es einfach nicht mehr so geht, wie ich will.»

Krebspatienten mit Fatigue vergleichen oft ihre heutige Leistungsfähigkeit mit derjenigen vor der Erkrankung. Sie stellen fest, dass sie mit der Erkrankung an Leistungsfähigkeit verloren haben und sie nicht mehr so fit sind wie früher.

Herr S.: «Ich weiß gar nicht, wie ich die ganze Arbeit früher geschafft habe.»

Frau M.: «Die Wanderungen, die ich heute unternehme, sind wesentlich kürzer als vor der Krankheit. Mehr schaffe ich einfach nicht mehr.»

Frau H.: «Ich wundere mich, wie ich all die Arbeit letztes Jahr an Weihnachten bewältigt habe. Sie baut sich dieses Jahr vor mir auf wie ein riesiger Berg.»

Bei der Fatigue werden drei Formen unterschieden, die zeigen, in welchen Bereichen der Patient erschöpft sein kann:

•  Es gibt die körperliche Fatigue, bei der der Patient körperliche Erschöpfung empfindet.

•  Bei der gefühlsbezogenen Fatigue klagen die Patienten über Erschöpfung im Gefühlsbereich.

•  Schließlich wird noch die gedankliche (mentale) Fatigue beschrieben, bei der die Patienten sich beim Denken und Konzentrieren erschöpft fühlen.

Viele Patienten haben alle drei Formen der Fatigue, einige nur körperliche Beschwerden. (s.Abb. 1-1).

Von allen Symptomen der Fatigue wird die körperliche Fatigue am stärksten wahrgenommen und am häufigsten beschrieben. Sie wird als körperliche Schwäche und Kraftlosigkeit, verringerte körperliche Leistungsfähigkeit und als ein verstärktes Ruhe- und Erholungsbedürfnis erlebt. «Es fühlt sich an, als hätte mir jemand den Stecker rausgezogen», beschreiben manche Patienten diesen Zustand. Die Kraft, die eben noch da war, verschwindet ganz plötzlich. Es kommt ganz plötzlich, als wenn man bei einem elektrischen Gerät den Stecker herausgezogen hätte. Andere Patienten beschreiben, dass die normale Leistungsfähigkeit, wie zum Beispiel mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, als zu anstrengend empfunden wird, und steigen auf den Bus um oder fahren mit dem Auto. Körperliche Fatigue kann sich auch als körperliches Unwohlsein, Zerschlagenheit oder Gliederschwere anfühlen: «Es ist alles so schwer, wie nasser Zement; ein Gewicht, das auf mich drückt.» Hinzu kommt, dass Fatigue häufig so empfunden wird, als müssten Sie sich jederzeit hinsetzen, hinlegen oder jederzeit eine Pause einlegen können. Es muss immer ein Stuhl oder eine Liege in der Nähe sein.