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Das Buch zeigt Wege des Staunens auf. Von der Antike bis zur Gegenwart wird das Staunen unterschiedlich interpretiert: von Platons Staunen über das Göttliche bis zu den Ausführungen Heideggers und Henrichs über das Staunen als Grundemotionalität des Menschen.
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Seitenzahl: 80
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort
Das Staunen in seiner Wortbedeutung
Staunen in der griechischen Philosophie
Platon
Aristoteles
Staunen im christlichen Denken
Plotin
Augustinus
Staunen im Mittelalter
Thomas von Aquin
Nikolaus von Kues
Staunen in der frühen Neuzeit
René Descartes
Baruch de Spinoza
Gottfried Wilhelm Leibniz
Immanuel Kant
Staunen in der neuzeitlichen Wissenschaft
Johann Gottlieb Fichte
Ludwig Wittgenstein
Staunen in der modernen Philosophie
Martin Heidegger
Helmuth Plessner
Dieter Henrich
Schlusswort
Literaturliste
Heute über Staunen zu schreiben, scheint anachronistisch zu sein. Es ist nicht zeitgemäß zu staunen, wo wir doch im Alltag unserer Informationsgesellschaft gelernt haben, mit der Flut an Information cool umzugehen, wo uns das Nicht-Verstehen von Informationen nicht mehr beunruhigt, ja eine Alltäglichkeit geworden zu sein scheint.
Wir können mit der Informationskomplexität im Alltag gar nicht anders zurechtkommen, als dieses unser Nicht-Verstehen und das daraus resultierende Nicht-Wissen zu verdrängen oder zu leugnen, in der Hoffnung, dass sich hinter der Komplexität der Information nichts verbirgt, das uns sehr wohl etwas angehen könnte.
Heute über Staunen entgegen dem Zeitgeist zu schreiben heißt, dass es sich lohnt, das Staunen wieder zu erlernen, da Staunen mehr ist, als sich neugierig zu verhalten. Staunen ist eben nicht cool, sondern emotional. Staunen heißt, sich ergreifen zu lassen von etwas, das wir zunächst nicht verstehen. Es heißt, die Emotion zuzulassen – sei es ein Erschrecken oder ein bewunderndes Erstaunen.
Staunen kann dann zu einer Zwischenzeit werden – einem kurzen Innehalten –, in der uns das Staunen zurückhält, vorschnell zu handeln oder Wissen zu schnell in unsere Vorstellung, unser Weltbild zu integrieren, was erst durch das Staunen befragt werden sollte.
Staunen ist also ein emotionaler wie reflexiver Prozess, in dem sich Fragen aufdrängen oder sich neue Sinnkonstruktionen bilden können. Staunen wird damit zu einer reflektierten Handlung, die zur Haltung einer bewussten Lebensführung werden kann. Und eine bewusste Lebensführung ist nur möglich, wenn jeder Mensch für sich eine mehr oder weniger ausgearbeitete Metaphysik lebt. Staunen erhält erst in der Metaphysik seine eigentliche Tiefe.
Staunen hat eine lange Geschichte, von den Griechen über das Mittelalter bis in die Neuzeit. Es lohnt sich, in mehr oder weniger großen Zeitsprüngen dieser Geschichte nachzuspüren, um am Ende staunend festzustellen, dass wir immer noch in einer „wissenden Unwissenheit“ leben.
Diese „wissende Unwissenheit“ unterscheidet sich zwar von der „belehrten Unwissenheit“ des Cusaners1 schon durch seine hauptsächlich metaphysische Zielsetzung. Cusanus zeigt uns aber mit der Methode der belehrten Unwissenheit eine Haltung, der wir uns vielleicht wieder nähern sollten, wie wir später sehen werden.
Der Wissensstand unserer Zeit unterscheidet sich schon deutlich von der Zeit des Cusaners, denn der menschliche Geist forscht beständig weiter. Dieser Unterschied muss beschrieben werden, denn der Unterschied ist wesentlich geworden.
Ein beredtes Beispiel aus der Geschichte verdeutlicht diese Dynamik: Rousseau sendet 1755 einen Brief an Voltaire, in dem er schreibt, dass das, was wir nicht wissen, uns weniger schadet, als das, was wir zu wissen glauben. „Hätten wir nicht zu wissen vorgegeben, dass die Erde sich nicht dreht, so hätte man Galilei nicht dafür bestraft, dass er gesagt hatte, sie drehe sich.“ 2
Für unsere Zeit trifft diese Feststellung nicht mehr zu. Die oben bereits erwähnte Informationskomplexität bei ständig wachsender Informationsflut kann uns nur hoffen lassen, dass wir nicht eines Tages erschrecken über die Folgen z. B. gewagter Feldexperimente, die den auch uns schützenden Rahmen des Labors verlassen haben.
In diesem dann ausgelösten Erschrecken übersteigt unsere „wissende Unwissenheit“ jedoch die des Cusaners bei weitem, weil unser naturwissenschaftliches Wissen und die sich daraus ergebenden handlungsrelevanten Konsequenzen existentieller geworden sind.
Die Angst vor vorschnellen Lösungen beherrscht uns mehr als der ungebremste Optimismus an die Naturwissenschaft.
Da wir nicht alle Reaktionen auf unser Handeln rechtzeitig in der Konsequenz erfassen können, sondern die Natur uns die Folgen erst nach und nach vor Augen führt, gerät unser gegenwärtiges Wissen in das Nicht-Wissen.
Das Wissen um diese Begrenztheit sollte ein Staunen freisetzen, dass uns Zeit gibt zum Nachdenken, eine Zwischenzeit, die notwendiger denn je erscheint. Denn im Alltag werden wir mit Ängsten konfrontiert, die von uns umso größer und deutlicher erlebt werden, da uns kein vorgegebener schützender metaphysischer Rahmen mehr umgibt.
Mit dieser Einsicht übersteigt unser Staunen die Ebene des allgemeinen Wissens, so dass wir auf uns selber zurückgeworfen werden. Auf dieser persönlichen Ebene haben wir uns dann persönliche Antworten auf das jeweilige Erschrecken zu geben. Und hier gelangen wir an Grenzen des Denkens, die wir nur metaphysisch überschreiten können.
Das universitäre nachmetaphysische Denken gibt keine Denkhilfen. Es entzieht sich dieser Suche nach Antworten auf Fragen, die das Rationale übersteigen. Im Lebensalltag haben wir uns aber diesen bohrenden Fragen zu stellen, so wir bewusst leben wollen.
In der Alltagsroutine leben wir ohnehin Antworten, die wir eher aus der eigenen Lebenswelt und Lebenserfahrung entwickelt haben. Es wird sich zeigen, ob z. B. die meist geäußerte Hoffnung des Alltags, der Mensch habe schon immer eine Lösung gefunden, es ginge doch immer weiter, sich eines Tages als Trugschluss erweisen wird.
Vielleicht wäre ein kritisches Hinterfragen, das mit dem Staunen oder Erschrecken beginnt, angeraten, um hoffnungsvoll in die Zukunft blicken zu können.
Der Buchaufbau ist diesem Gedankengang – einer Hilfestellung in der Suche nach persönlichen Antworten, die die Rationalität überschreitet – untergeordnet.
Im ersten Kapitel werde ich mich zunächst mit dem Wortstamm des Wortes Staunen beschäftigen.
Im Anschluss daran werde ich im geschichtlichen Rückblick – und das in willkürlich großen Zeitsprüngen von den Griechen bis zur Gegenwart – die Wortbedeutungen betrachten und zeigen, welche Folgen es hat, je nachdem welche Facetten des Staunens im Vordergrund stehen. Der jeweilige Verweis in die Gegenwart möge diesen geschichtlichen Rückblick lebendig halten.
Innerhalb der geschichtlichen Betrachtungen werden auch berühmte Forscher der Naturwissenschaft zu Wort kommen, denen das Staunen nicht fremd war.
Die Abschlussbetrachtung macht dann deutlich, was das Buch von Anfang an war und sein will: ein persönliches Buch, das weniger dem universitären Denken verpflichtet ist als vielmehr dem alltäglichen Denken, weil es den philosophisch interessierten Leser des Alltags erreichen will.
Insofern wird die zitierte Literatur auch nur im begrenzten Themenrahmen des Buches gelesen, aber auch erzählend in die Thematik des Staunens einbezogen.
1 Nikolaus von Kues, De docta ignorantia, Die belehrte Unwissenheit, Hamburg, 1995.
2 zitiert nach: Blumenberg, Die Legitimation der Neuzeit, Franfurt 1985, S.57.
Was heißt Staunen? Jeder Mensch hat schon oft gestaunt, kennt das Staunen. Das kindliche Staunen in seiner Reinheit fasziniert Mutter wie Vater. Wenn Kinder die Welt entdecken, dann bekommen wir etwas von dem mit, was Staunen in seiner Wortbedeutung beinhaltet: das Kind hält inne, zeigt vielleicht Angst oder wundert sich und lernt über das Staunen seine Welt kennen: Es starrt vor sich hin, zögert und legt unbewusst seine kindliche Bedeutung in das Geschehen und nimmt schließlich das Bestaunte in sein kindliches Weltbild auf.
Staunen scheint eine menschliche Grunddisposition zu sein, die, wenn man sie nur auf die Neugierde reduziert, sehr schnell einseitig auf den Antrieb des Forschens beschränkt wird.
Staunen ist aber mehr als nur neugierig zu sein. Der geschichtliche Rückblick über das Staunen wird zeigen, welche vielfältigen Umgangsweisen es gegeben und welche unterschiedlichen Konsequenzen sich jeweils daraus entwickelt haben.
Wenn man staunt, kann man auch erschreckt sein, weil das zu Bestaunende beispielsweise überraschend für die Sehgewohnheit ist, weil es vielleicht bisher undenkbar war, so etwas wahrzunehmen, was es jetzt zu realisieren gilt. Staunen kann auch andere Dimensionen des Seins erschließen, wenn das zu Bestaunende jenseits bisheriger realer Erfahrungen liegt.
Staunen kann in die Glieder fahren und uns zum Erstarren bringen, weil das zu Realisierende Angst macht oder – im Gegenteil – von einer solchen Erhabenheit ist, dass wir es nicht erfassen können.
Das etymologische Wörterbuch3 weist die angedeuteten beobachtbaren Facetten des Staunens in seiner Bedeutung aus: Aus dem Mittelniederdeutsch ist das Wort „Stunen“ bekannt, das soviel heißt wie „sich widersetzen“, das wiederum mit dem Griechischen „styein“ („steif emporrichten“) vergleichbar ist.
Was heißt das? Der Mensch wird in seiner Alltagsroutine gestört. Etwas ereignet sich, das nicht in den normalen Ablauf zu passen scheint. Der Mensch will das nicht wahrhaben und wehrt sich, weil er nicht aus seiner Routine gerissen werden will. Er widersetzt sich, um seine Angst abzuwehren. Eine körperliche Reaktion auf dieses Staunen, dieses Widersetzen, ist das Steifwerden, der körperliche Ausdruck der emotionalen Anspannung des soeben Erlebten.
Diese Wortwurzel erfasst sensibel die innere Dynamik des Menschen während des Staunens:
Etwas bricht in den Alltag des Menschen ein und muss zunächst ausgehalten und dann integriert werden.
So wundert es nicht, dass in der Schweiz im 18. Jahrhundert das Staunen soviel heißt wie „in Gedanken versunken vor sich hinblicken“, „starr sein, starr blicken“.
Hier kommt sowohl der emotionale wie rationale Charakter des Staunens zum Ausdruck. Der plötzliche Tod eines geliebten Menschen mag dieses Erstarren auslösen, das dann rational nur schwer aufzulösen ist. Oder es widerfährt einem so viel Glück, dass es nicht fassbar ist, so dass man in Gedanken vor sich hinstarrt und sich fragt, warum gerade man selbst dieses Glück habe, dieses Glück verdient habe.
Diese Wortwurzeln beschreiben die Reaktionen des Menschen auf ein Ereignis, das ihm widerfährt. Staunen ist also ein Innehalten, weil das Ereignis aus der Alltagsroutine herausfällt, und vom Menschen integriert werden muss. Staunen ist somit neben dem Erschrecken und Erstarren ein rationaler Akt, der Zeit braucht, damit das Ereignis verarbeitet werden kann.
Staunen kann insofern auch als Zwischenzeit, die ein vorschnelles Integrieren des Neuen in das eigene Weltbild verhindert, umschrieben werden. Staunen wäre somit ein Innehalten vor einer vorschnellen Entscheidung mit all seinen psychologischen wie physiologischen Reaktionen.
