Wegweiser vegetarisch und vegan - Jan Eufinger - E-Book

Wegweiser vegetarisch und vegan E-Book

Jan Eufinger

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Beschreibung

Unsere Ernährung ist die Grundlage unseres Lebens. Doch im Dschungel aus Empfehlungen ist es schwer, sich zu Recht zu finden. Was ist gesund? Was ist nachhaltig? Was ist moralisch vertretbar? Der "Wegweiser vegetarisch und vegan" bringt Licht ins Dunkel! Er enthält alle Informationen, die Sie über eine vegetarische oder vegane Ernährung wissen müssen. Warum sollten wir uns so ernähren? Worauf gilt es zu achten? Wie lassen sich Mangelerscheinungen vermeiden? Für wen sind diese Ernährungsformen geeignet? Dabei lässt sich das Buch als Ganzes lesen, um umfassend informiert zu sein. Es kann aber auch als Nachschlagewerk verwendet werden, um sich über einzelne Aspekte und zu speziellen Fragen zu informieren. Ein allgemeinverständlicher Fließtext wird ergänzt durch Kästen mit wissenschaftlichen Erklärungen und Literaturverweise auf mehr als 200 Quellen. Zunächst wird der Einfluss unserer Ernährung auf unsere Gesundheit, das Klima und unsere Mitmenschen betrachtet. Ein Ausflug in die Philosophie erläutert ethische Überlegungen zu unserem Umgang mit Tieren. Zudem werden populäre Gegenargumente gegen eine vegetarische und vegane Ernährung entkräftet. Weiter geht es mit allgemeinen Grundlagen der Ernährungswissenschaft. Was sind Makro und Mikronährstoffe und wie viel sollten wir von ihnen essen? Wie viel Protein braucht unser Körper und welche Fette sind wirklich gesund? Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit möglichen Mangelerscheinungen. Was sind Risikostoffe? Wie lassen sich Mängel vermeiden? Wieso gibt es zu manchen Vitaminen so unterschiedliche Empfehlungen? All dies wird auf Basis aktueller wissenschaftlicher Forschung geklärt. Besondere Lebenssituationen erhalten im Folgenden Aufmerksamkeit. Was ist während der Schwangerschaft zu beachten? Dürfen sich Kinder vegan ernähren? Was ist bei Leistungssport zu berücksichtigen? Abschließend werden alltägliche Fragen beantwortet, wie "Welcher Pflanzendrink ist der beste?".

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 460

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Wegweiser

vegetarisch

und

vegan

Das Handbuch zur

pflanzenbasierten Ernährung

Jan Eufinger

Hinweis

Dieser Ratgeber wurde nach bestem Wissen und Gewissen von einem zertifizierten Ernährungsberater für vegetarische und vegane Ernährung nach wissenschaftlichen Standards verfasst.

Dieser Ratgeber ist jedoch keine medizinische Beratung und ersetzt diese auch nicht! Bitte besprechen Sie Ihre Ernährung mit Ihrer Hausärztin bzw. Ihrem Hausarzt. Dies gilt insbesondere für Ernährungsumstellungen und besondere Lebenssituationen (Schwangerschaft, Krankheiten usw.). Lassen Sie sich von ihr oder ihm zudem regelmäßig auf Mangelerscheinungen und ernährungsbedingte Erkrankungen prüfen und passen Sie ggf. Ihre Ernährung an.

Über den Autor

Jan Eufinger begann 2001 sich vegan zu ernähren. Er studierte Sozialwissenschaft, Religionswissenschaft und Philosophie und schloss das Studium als Master of Arts der Philosophie ab. Anschließend bildete sich der Vater von zwei Kindern in einem zertifizierten Fernstudium zum Ernährungsberater für vegane und vegetarische Ernährung weiter und erwarb diverse Lizenzen als Fitnesstrainer.

Inhalt

Über dieses Buch

Warum eine vegetarische oder vegane Ernährung?

Was bedeutet vegan und vegetarisch?

Das ethische Argument

Vegetarismus im indischen Kulturkreis

Vegetarismus in der westlichen Welt

Ethik und die moderne philosophische Argumentation

Peter Singers Präferenzutilitarismus

Der Tierrechtsansatz

Haben Tiere ein Bewusstsein? Die geistigen Fähigkeiten von Tieren

Ein gutes Leben für Tiere?

Ethische Grundlagen

Andere ethische Theorien über Tiere

Gerechtigkeit und Subjekte-eines-Lebens

Regans Rechteauffassung (rights view)

Wann dürfen wir gegen das Schadensprinzip verstoßen?

Unser Umgang mit Tieren: Die Tierethik der Rechteauffassung

Die praktischen Folgen: Wie sollen wir uns gegenüber Tieren verhalten?

Vertragstheorie

John Rawls und der Schleier des Nichtwissens

Mark Rowlands Interpretation von Rawls

Rowlands Begründung der Tierethik

Einwände gegen Rowlands

Fazit: Der ethische Umgang mit Tieren

Das Nachhaltigkeitsargument: Klimawandel und Welthunger

Die Tierwirtschaft und das Klima

Eine Frage des Geldes?

Die Landnutzung der Tierwirtschaft

Die Tierwirtschaft und das Wasser

Genug Nahrung für Alle

Fazit: Eine eindeutige Bewertung der Nachhaltigkeit

Das Gesundheitsargument

Die gesundheitlichen Nachteile tierischer Nahrung

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Das vermeintlich ‚bessere‘ tierische Eisen

Krebs

Lebensmittelvergiftungen

Tierisches Eiweiß und die Niere

Depressiv durch Fleisch?

Alt und fragil durch tierische Nahrungsmittel

Schadstoffe und Umweltgifte

Fazit: Der schlechte Einfluss tierischer Nahrungsmittel auf unsere Gesundheit

Die gesundheitlichen Vorteile pflanzlicher Nahrung

Schutz für das Herz-Kreislaufsystem

Ein gesundes Gehirn

Weniger Krebs durch Pflanzenpower

Besser Atmen

Seltener krank durch ein starkes Immunsystem

Diabetes Vorbeugen und überwinden

Die Augen schützen

Natürliches Doping: Bessere Leistungen im Sport

Fazit: Fit und gesund durch pflanzliche Lebensmittel

Häufige Einwände und Gegenargumente

Menschen haben schon immer Fleisch gegessen

Tiere essen auch Fleisch

Pflanzen sind auch Lebewesen

Was ist mit Insekten?

Alles in Maßen statt Verbote

Soja zerstört den Regenwald

Allgemeine Grundlagen der Ernährung: Makro- und Mikronährstoffe

Der menschliche Stoffwechsel

Makronährstoffe

Kohlenhydrate

Die Funktion von Kohlenhydraten im Körper

Der Glykämische Index und die Glykämische Last

Einfache und komplexe Kohlenhydrate

Proteine (Eiweiße) und Aminosäuren

Diese Funktion haben Proteine und Aminosäuren im Körper

Wie viel Protein braucht der Mensch? Der Proteinbedarf

Essenzielle Aminosäuren (EAAs) und verzweigtkettige Aminosäuren (BCAAs)

Die biologische Wertigkeit verschiedener Proteine

Wie viel Protein kann unser Körper maximal nutzen?

Pflanzliches vs. tierisches Protein

Fette

Diese Funktion haben Fette im Körper

Essenzielle Fettsäuren

Gesättigte Fettsäuren

Einfach ungesättigte Fettsäuren

Mehrfach ungesättigte Fettsäuren

Das Omega-3 zu Omega-6 Verhältnis

Transfette

Ballaststoffe

Formen von Ballaststoffen

Die Bedeutung der Darmflora

Ballaststoffe sind wichtig für die Gesundheit

Kurzkettige Fettsäuren

Resistente Stärke

Quellen von Ballaststoffen

Mikronährstoffe

Mikronährstoffe in der vegetarischen und veganen Ernährung

Vitamine

Vitamin A

Vitamin B1 (Thiamin)

Vitamin B2 (Riboflavin)

Vitamin B3 (Niacin)

Vitamin B5 (Pantothensäure)

Vitamin B6 (Pyridoxin)

Vitamin B9 (Folsäure)

Vitamin B12

Biotin (auch Vitamin B7 oder Vitamin H)

Vitamin C

Vitamin D

Vitamin E

Vitamin K

Vitaminoide

Mineralien

Calcium

Chrom

Eisen

Jod

Kalium

Kupfer

Magnesium

Mangan

Natrium (Salz)

Phosphor

Selen

Zink

Aminosäuren

Fette

Sekundäre Pflanzenstoffe

Vegetarische und vegane Ernährung in der Praxis

Was und wie viel wir essen sollten

Das optimale Gewicht: BMI und FFMI

Der individuelle Kalorienbedarf

Die Aufteilung der Makronährstoffe

Protein

bei veganer Ernährung

bei vegetarischer Ernährung

Bei Schulkindern und Jugendlichen (6 — 18 Jahre)

Bei Babys und Kleinkindern (0,5 — 5 Jahre)

Auf das richtige Fett kommt es an

Kohlenhydrate

Quellen von Mikronährstoffen

Getränke und der Flüssigkeitshaushalt

Was trinken?

Wie viel trinken?

Typische Probleme der Ernährung

Zucker und kurzkettige Kohlenhydrate

Xylit und Stevia — erstaunliche Ausnahmen

Fast Food und verarbeitete Lebensmittel

Untergewicht

Mögliche Mangelerscheinungen und Nahrungsergänzungsmittel

Calcium

Funktionen im Körper

Das Problem Oxalsäure

Phosphorsäure erhöht den Cacliumbedarf

Die Calciumaufnahme aus verschiedenen Quellen

Wechselwirkung mit Vitamin D und Vitamin K2

Vegetarische Ernährung

Vegane Ernährung

Bei Babys, Klein- und Schulkindern sowie Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

DHA und EPA

Funktionen im Körper

Die Umwandlung von Alpha-Linolensäure in DHA und EPA

Vegane und Vegetarische Ernährung

Bei Schulkindern und Jugendlichen (6 — 18 Jahre)

Bei Babys und Kleinkindern (0,5 — 5 Jahre)

Eisen

Funktionen im Körper

Tierisches und pflanzliches Eisen

Vegane und Vegetarische Ernährung

Bei Babys, Klein- und Schulkindern sowie Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

Jod

Funktionen im Körper

Vegetarische & vegane Ernährung

Bei Babys, Klein- und Schulkindern sowie Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

Selen

Funktionen im Körper

Vegetarische Ernährung

Vegane Ernährung

Bei Babys, Klein- und Schulkindern sowie Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

Vitamin A

Funktionen im Körper

Vegetarische und vegane Ernährung

Bei Babys, Klein- und Schulkindern und Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

Vitamin B1

Funktionen im Körper

Vegetarische und Vegane Ernährung

Bei Babys, Klein- und Schulkindern und Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

Vitamin B2 (Riboflavin)

Funktionen im Körper

Vegetarische und vegane Ernährung

Bei Babys, Klein- und Schulkindern sowie Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

Vitamin B12

Funktionen im Körper

Vegetarische Ernährung

Vegane Ernährung

Dosierung

Vitamin B12 aus der Spritze?

Bei Babys, Klein- und Schulkindern sowie Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

Vitamin D

Funktionen im Körper

Die Formen des Vitamin D: D2 und D3

Vitamin D und Magnesium

Vegetarische Ernährung

Vegane Ernährung

Das Problem mit der Dosierung

Bei Babys, Klein- und Schulkindern sowie Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

Vitamin K2

Funktionen im Körper

Vegetarische Ernährung

Vegane Ernährung

Bei Babys, Klein- und Schulkindern sowie Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

Zink

Funktionen im Körper

Vegetarische Ernährung

Vegane Ernährung

Bei Babys, Klein- und Schulkindern sowie Jugendlichen (0,5 — 18 Jahre)

Fazit — Darauf müssen Sie achten…

… bei vegetarischer Ernährung

… bei veganer Ernährung

Vegane und vegetarische Ernährung in besonderen Lebenssituationen

Vegane oder vegetarische Ernährung bei Kindern und Jugendlichen

Schulkinder und Jugendliche (6 — 18 Jahre)

Babys und Kleinkinder (0,5 — 5 Jahre)

Vegane oder vegetarische Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit

Vegane und vegetarische Ernährung bei (Leistungs-)Sport

Proteinbedarf im Sport

Was ist ein proteinreiches Lebensmittel

Protein und vegane Ernährung

Abnehmen durch vegane Ernährung

Praktische Tipps und Spezialfälle

Welches Fett ist am besten zum Braten oder Frittieren geeignet?

Ist Kokosöl ungesund?

Milchalternativen: Welcher Pflanzendrink ist gesund?

Soja und Phytoestrogene: Welche Wirkung hat Soja auf unseren Hormonhaushalt?

Vor- und Nachteile von verschiedenem ‚Vleisch‘ und ‚Visch‘ (Fleischersatzprodukte)

Welche Nuss sollen wir knacken?

Abschluss – ethisch, gesund, fit und ohne Mangelerscheinungen

Quellen

Endnoten

Über dieses Buch

Inzwischen bezeichnen 1 — 1,5 % der Menschen in Deutschland ihre Ernährung als vegan1 und bis zu 10 % ihre Ernährung als vegetarisch.2 Dies sind fast 9 Millionen Menschen. Hinzu kommen viele Menschen, die sich (noch) nicht vegetarisch oder vegan ernähren, aber Interesse an dem Thema haben.

Dieses Buch liefert alle Informationen zu einer veganen und vegetarischen Ernährung — unabhängig davon, ob Sie erst umsteigen oder sich schon lange so ernähren und Ihr Wissen vertiefen möchten. Hierzu ist das Buch in verschiedene Abschnitte geteilt. Zunächst geht es um die Argumente für eine vegetarische bzw. vegane Ernährung. Dann folgen Erläuterungen zu allgemeinen Grundlagen der Ernährung, die weitgehend unabhängig sind von der Ernährungsform. Danach geht es um die praktische Seite der Ernährung. Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit möglichen Risiken und Mangelerscheinungen bei einer vegetarischen und veganen Ernährung. Auf dieser Basis wird eine pflanzenbasierte Ernährung in besonders kritischen Lebenssituation besprochen. Ein besonderer Fokus liegt hier auf der Frage, ob sich Kinder und Jugendliche vegetarisch oder sogar vegan ernähren können. Zuletzt geht es um alltägliche Fragen einer vegetarischen und veganen Ernährung: Beispielsweise, welcher Fleischersatz oder Pflanzendrink aus ernährungswissenschaftlicher Sicht am besten ist.

Nach wie vor sind für die meisten Menschen ethische Überlegungen der Hauptgrund sich vegetarisch oder vegan zu ernähren.3 Diese ethischen Überlegungen werden daher ausführlich dargestellt und die wichtigsten Ansätze behandelt. Ein Ansatz wird dabei exemplarisch sehr detailliert besprochen, der Tierrechtsansatz von Tom Regan. Die anderen beiden Gründe für eine pflanzenbasierte Ernährung sind Überlegungen zu Gesundheit und Nachhaltigkeit. Die Diskussion über Gesundheit hat dabei zwei Teile: Erst wird erläutert, wie ungesund tierische Nahrungsmittel sind. Dann wird besprochen, wie gesund im Gegensatz dazu pflanzliche Nahrungsmittel sind. Bei der Diskussion um Nachhaltigkeit geht es vor allen Dingen um den Klimawandel und die Frage, wie sich die wachsende Weltbevölkerung ernähren lässt. Dieses Buch liefert entsprechend Informationen und Argumente zu allen drei Gründen für eine vegetarische oder vegane Ernährung.

Leider beschäftigen sich die meisten Menschen — unabhängig von ihrer Ernährungsweise — nicht oder nur gelegentlich mit der Frage, welchen Einfluss die Ernährung auf ihre Gesundheit hat. Wer sich mit den Besonderheiten einer vegetarischen und veganen Ernährung auseinandersetzt, hat zusätzlich das Problem, dass das Internet voll von Fehlinformationen, Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten ist. Dieses Buch soll hier Abhilfe schaffen. Von den allgemeinen Grundlagen der Ernährung, über mögliche Mangelerscheinungen bis hin zu den Besonderheiten einer veganen und vegetarischen Ernährung in speziellen Lebenssituationen wird alles behandelt. Die Basis bilden dabei wissenschaftliche Erkenntnisse und nicht eine Ideologie.

In dem ernährungswissenschaftlichen Teil des Buches geht es zunächst um die allgemeinen Grundlagen der Ernährung. Was sind Makro- und Mikronährstoffe? Wie viele und welche Makronährstoffe sollten wir zu uns nehmen? Wie viel Protein benötigt unser Körper und welche Fette sind gesund? Welche Mikronährstoffe sind für unsere Gesundheit entscheidend und welche von ihnen sind bei einer vegetarischen oder veganen Ernährung besonders zu beachten? Wie kommt es dazu, dass zu einigen Vitaminen widersprüchliche Empfehlungen im Umlauf sind?

Selbst für diejenigen, die sich umfangreich mit den Grundlagen der Ernährung beschäftigen, ist es manchmal eine Mammutaufgabe, diese Informationen dann in der Praxis umzusetzen. Deshalb enthält dieses Buch auch praktische Informationen: Worauf sollte ich beim Kauf eines Pflanzendrinks achten? Wie erkenne ich einen guten Fleischersatz? Welches Öl eignet sich zum Braten?

Unabhängig davon, was Ihre ursprünglichen Beweggründe waren, sich vegan oder vegetarisch zu ernähren: Dieses Buch hilft Ihnen nicht als Pommes- bzw. Puddingveganer/in zu enden, sondern eine vielfältige und gesunde Ernährung zu entwickeln.

Das Buch ist dabei so konzipiert, dass es von vorne bis hinten gelesen werden kann und alle relevanten Informationen zur vegetarischen und veganen Ernährung vermittelt. Es kann aber genauso gut als Nachschlagewerk dienen, um sich bei Bedarf über ein einzelnes Thema zu informieren.

Das Buch ist möglichst leserlich und einsteigerfreundlich gestaltet, aber bei einigen Themen ist es nötig, tiefer in die Materie einzusteigen. Wann immer möglich sind die komplizierten wissenschaftlichen Erklärungen in eigene Kästen ausgelagert. Sollte Ihnen ein einzelnes Kapitel aber zu komplex oder lang sein, überspringen Sie es einfach und gehen zu dem Teil über, der Sie interessiert. Bei Bedarf können Sie immer wieder zu vorherigen Abschnitten zurückkehren. Denn insgesamt ist dieses Buch nicht so gedacht, dass Sie es einmal lesen und es dann im Schrank verschwindet. Es soll Ihr persönlicher Begleiter für eine ethisch korrektere, gesündere und nachhaltigere Ernährung sein.

Eines kann und will dieses Buch jedoch nicht sein: ein Kochbuch. Vegane und vegetarische Kochbücher gibt es inzwischen wie Sand am Meer — und einige davon sind sogar gut. Dieses Buch gibt Ihnen viel mehr die Fähigkeit zu entscheiden, welche Rezepte und Zutaten aus ernährungswissenschaftlicher Sicht empfehlenswert sind.

Die Aussagen in diesem Buch sind keine persönliche Meinung oder politische Ideologie. Sie entsprechend dem Stand der wissenschaftlichen Forschung. Dementsprechend finden Sie am Ende des Buches ein Quellenverzeichnis mit weit über 200 Einträgen. In diesem Kontext noch ein Hinweis: Dieses Buch enthält Endnoten. Endnoten sind die kleinen Zahlen, die sich oft am Satzende finden. Diese verweisen auf die Quellen zu den entsprechenden Informationen. Die meisten Leserinnen und Leser können diese Endnoten einfach ignorieren, es handelt sich dabei um die (wissenschaftlichen) Belege für die Aussagen in diesem Buch. Im Zweifelsfall können Sie diese aber verwenden, um alle Aussagen nachzuvollziehen.

Warum eine vegetarische oder vegane Ernährung?

Was bedeutet vegan und vegetarisch?

Immer mehr Menschen ernähren sich vegan. Doch was heißt dies genau und warum tun sie es? Wo ist der Unterschied zwischen einer veganen und einer vegetarischen Ernährung?

Was ist eine vegetarische Ernährung?

Wer sich vegetarisch ernährt, isst keine Produkte aus Tieren. Das umfasst nicht nur offensichtliche Produkte wie Fleisch und Wurst. Tierbestandteile sind in vielen Produkten, bei denen Sie es wahrscheinlich nicht erwartet hätten. Nehmen wir als Beispiel Gelatine: Diese wird aus der Haut und den Knochen von Tieren gewonnen. Gelatine befindet sich zum Beispiel in Gummibärchen, aber auch in Tiefkühltorten und manchen Puddings. Haben Sie sich auch schonmal darüber gewundert, warum auf der Packung von Saft oder Wein ein Vegan-Label ist? Was soll an Saft nicht vegan sein? Tatsächlich werden Saft und Wein mitunter mit Gelatine gefiltert, damit sie schön klar sind und keine Schwebstoffe enthalten. Ein anderes Beispiel sind Proteinriegel. Diese beinhalten oft Kollagenhydrolysat, welches aus Fleisch gewonnen wird.

Ist Fisch vegetarisch? Was ist mit Eiern?

Oft gibt es Verwirrung um die Frage, ob Vegetarier/innen Fisch essen. Dies hat drei Gründe: Erstens gilt es mitunter als ungesund, Fleisch zu essen, aber als gesund, Fisch zu essen. Zweitens dürfen streng gläubige Christen an einigen Tagen kein Fleisch essen, dafür aber Fisch. Dies hat dazu geführt, dass es immer wieder Menschen gab und gibt, die kein Fleisch aber Fisch essen. Hierdurch ist die Vermutung entstanden, Vegetarier/innen würden Fisch essen. Drittens ging die Wissenschaft eine Zeit lang davon aus, Fische könnten keinen Schmerz empfinden, weshalb manche Vegetarier/innen kein ethisches Problem darin sahen, Fisch zu essen. Dies ist jedoch seit geraumer Zeit widerlegt.4 Hierzu später mehr.

Für ernsthafte Vegetarier/innen machen aber keinen Unterschied zwischen Fischen und an Land lebenden Tieren, sie essen weder Fleisch noch Fisch.

Menschen, die kein Fleisch, aber Fisch essen, sind also keine Vegetarier/innen,5 sondern werden Pescetarier/innen genannt. (Von lateinisch ‚piscis‘, Fisch.)

Bei Eiern sind sich Vegetarier/innen nicht einig. Für manche ist es ethisch vertretbar, Eier zu essen, weil sie in der Regel unbefruchtet bzw. noch kein fühlendes Lebewesen sind. Andere verweisen darauf, dass es sich bei Eiern um unfertige Tiere handelt. Noch wichtiger ist der Einwand, dass die Produktion der Legehennen mit dem massenweisen Töten der männlichen Küken einhergeht.

Was heißt ‚vegan‘?

Veganer/innen verzichten nicht nur auf Produkte, die aus Tieren gemacht werden, sondern auch auf Dinge, die von Tieren stammen. Dies sind in erster Linie Milch und Milchprodukte wie Joghurt und Käse.

Gründe für eine pflanzenbasierte Ernährung

Es gibt drei verschiedene Gründe, warum sich Menschen vegan oder vegetarisch ernähren — auch wenn für die meisten mehrere Gründe eine Rolle spielen. Der erst Grund ist die ethische Überzeugung, dass es falsch ist, Tiere zu töten und ihnen Leid zuzufügen. Der zweite Grund sind die gesundheitlichen Vorteile einer vegetarischen und veganen Ernährung. Als letzter Grund kommen immer mehr Überlegungen zur Nachhaltigkeit hinzu, die auf die fatalen Auswirkungen der Tierwirtschaft auf Klima und Umwelt verweisen. Die folgenden Kapitel führen diese drei Gründe aus.

Das ethische Argument

Dieses Kapitel behandelt moralische Gründe, warum es falsch ist, Tiere als Nahrung zu verwenden. Zunächst erfolgt ein kurzer Abriss über die Geschichte der vegetarischen Ernährung und die Rolle von Tieren in der Philosophie. Dann werden drei Ansätze von Tierethik dargestellt: ein konsequentialistischer, ein deontologischer und ein vertragstheoretischer. Was diese philosophischen Fachbegriffe bedeuten, wird durch die entsprechenden Kapitel erklärt. Diese Auswahl erfolgt, weil dies drei wesentliche Strömungen der modernen Ethik sind. Eine zentrale Rolle spielen herbei die Theorien von Peter Singer und Tom Regan, die wohl die bekanntesten Ansätze von Tierethik sein dürften. Den meisten Raum nimmt dabei die ausführliche Behandlung von Tom Regans Rechteauffassung ein, da diese in meinen Augen der beste Ansatz ist einen moralischen Umgang mit Tieren zu begründen.

Vegetarismus im indischen Kulturkreis

In der indischen Religion, dem Hinduismus, gibt es das Ideal der Ahmisa. Dies bedeutet so viel wie das Nichtverletzen von Lebewesen.6 Deshalb ist der Vegetarismus in der indischen Kultur weit verbreitet und hat eine lange Geschichte. Die vegetarische Ernährung unter Hinduisten gibt es ca. seit 800 vor der Zeit, also seit fast 3000 Jahren. Heute ernähren sich ca. 40 % der Bewohner Indiens vegetarisch.7

Auch im Buddhismus gibt es eine vegetarische Tradition. Sie hängt auch hier mit dem Gebot der Gewaltlosigkeit und dem Verbot Leid zu verursachen zusammen.

Ebenso legt der Jainismus legt einen großen Wert auf Vegetarismus. Der Jainismus entstand bereits vor 2500 Jahren. Jainas vermeiden es, Tiere zu töten oder ihnen Leid zuzufügen. Alle Jainas ernähren sich daher vegetarisch, viele von ihnen sogar vegan.8

In allen drei Religionen spielt auch die Vorstellung von Wiedergeburt und Karma eine wichtige Rolle für den Vegetarismus. Es herrscht die Idee vor, dass Menschen nach dem Tod wiedergeboren werden. Diese Wiedergeburt erfolgt aber nicht notwendig als Mensch. Wer schlechtes Karma gesammelt hat, kann auch als Tier wiedergeboren werden. Ein Tier zu essen, ist also so etwas wie ‚Kannibalismus light‘ und bringt seinerseits schlechtes Karma. Außerdem: Wer möchte schon riskieren aus Versehen seinen wiedergeborenen Großvater zu verspeisen?

Vegetarismus in der westlichen Welt

Der Vegetarismus in der westlichen Welt entwickelte sich wahrscheinlich unabhängig von der indischen Tradition und ist selbst mehr als 2500 Jahre alt. Die Geschichte des Vegetarismus im Westen beginnt mit der religiösen Bewegung der Orphiker. Es gibt jedoch keine gesicherten Belege über ihren Glauben und ihre Ernährung. Bewiesen ist der Vegetarismus bei dem griechischen Philosophen Pythagoras (570 — 510 v. d. Z.), der heute insbesondere für seine Leistungen in der Mathematik bekannt ist. Pythagoras hat dabei im Wesentlichen zwei Argumente gegen den Konsum von Fleisch: Das erste ist auch bei ihm der Glaube an eine Seelenwanderung. Es kann sein, dass unsere Seele als Tier wiedergeboren wird. Damit sind Tiere den Menschen seelisch verwandt. Dies allein macht es (moralisch) falsch, sie zu essen. Zudem erwähnt er explizit die Gefahr, seine eigenen Eltern oder Großeltern zu töten und zu essen. Das zweite Argument ist weniger religiös und auch heute noch gut nachvollziehbar. Das Töten von Tieren geht mit einer gewissen Verrohung einher und dem Abbau der Hemmung zum Töten. Wer sich an diese Grausamkeit gewöhnt hat, wird auch schneller gegenüber anderen Menschen grausam handeln.9 Im Anschluss an Pythagoras entwickelte sich eine Bewegung, die nach seinen Vorstellungen lebte und sich dementsprechend auch vegetarisch ernährte.

Der Vegetarismus existierte die gesamte römisch-griechische Antike hindurch. So argumentierte beispielsweise auch der Philosoph Plutarch (45 — 120 n. d. Z.) für den Vegetarismus. Seine Begründung war dabei sehr wegweisend und ähnelt vielen modernen Argumentationen. Seiner Meinung nach können Tiere fühlen und sind intelligent. Diese Intelligenz verbietet es, sie zu töten.10

Nach der Antike war der Vegetarismus in der westlichen Welt eine absolute Randerscheinung, auch wenn die meisten Menschen faktisch nur wenig Fleisch aßen. Mit dem Beginne der Renaissance erlebte jedoch auch der Vegetarismus eine Wiederbelebung. So war beispielsweise Leonardo da Vinci Vegetarier.11

Ethik und die moderne philosophische Argumentation

Die Rolle der Tiere in der modernen Philosophie begann nicht gut. Zwar argumentierte Michel de Montaigne (1533 — 1592), dass Tiere einen Geist besäßen. Er führte dafür ein wichtiges Argument an: Viele Tiere haben komplexe Verhaltensweisen und Fähigkeiten. Warum sollten diese rein durch Instinkte bestimmt sein? Viel plausibler sei es, von solchen komplexen Verhaltensweisen auch auf komplexe geistige Fähigkeiten zu schließen.12 Doch wirkmächtiger war sein Kritiker René Descartes (1596 — 1650). Für den einflussreichen Philosophen Descartes waren Tiere nichts als Maschinen ohne Seele.13 Wir haben kein Problem damit einen Hammer, Staubsauger oder Computer zu nutzen und notfalls zu verschrotten und zu zerstören. In dieser Logik gibt es auch keinen Grund, Tiere nicht rein nach dem Maßstab der Effizienz zu nutzen. Ein Schwein im winzigen Käfig mästen und schlachten? Eine Kuh ihr Leben lang im Stall an eine Melkmaschine anschließen? Wenn sie nichts als seelenlose Maschinen sind, spricht überhaupt nichts dagegen! Tiere sind in dieser Sichtweise nur Mittel für menschliche Zwecke, sie sind kein Selbstzweck und haben keinen inhärenten Wert. Dies bedeutet, dass die Tiere in der Frage, wie sie behandelt und benutzt werden, nicht bedacht werden müssen. Es geht nur darum, wie sie sich am besten nutzen lassen. Sie werden also rein in Bezug auf ihre Nützlichkeit für die Menschen und unter Aspekten der Optimierung dieser Nützlichkeit betrachtet. Diese Position wird ‚Moralischer Differenzialismus‘ genannt, weil aus der behaupteten Differenz von Mensch und Tier moralische Schlüsse gezogen werden.14

Dabei wurde aber auch schon früh ein moralischer Umgang mit Tieren gefordert. Allerdings nicht zum Wohle der Tiere, sondern zum Wohle der Menschen. Hier wurde auf Pythagoras zweites Argument aufgegriffen, dass Menschen, die grausam gegenüber Tieren sind, auch zur Grausamkeit gegenüber Menschen neigen. Dies Position vertreten beispielsweise Thomas von Aquin15 (1225 — 1274) und Immanuel Kant16 (1724 — 1804) — auch wenn sie dies nicht konsequent zu Ende dachten und so selbst Differenzialisten blieben.

Einen anderen Umgang mit Tieren, um der Tiere willen, forderte dann aber bereits der englische Philosoph Jeremy Bentham (1748 — 1832). Er verwies darauf, dass die entscheidende Frage nicht sei, ob Tiere denken oder sprechen könnten, sondern ob sie in der Lage seien zu leiden.17 Diese Position wird Pathozentrismus (von ‚pathos‘ ‚Leid‘) genannt.18

Ab dem 19. Jahrhundert entwickelte sich dann sowohl in England und den USA als auch in Deutschland eine organisierte vegetarische Bewegung.19

Auch heute noch gibt es viele Menschen — auch in Philosophie und Wissenschaft — die behaupten, dass es einen kategorialen (d. h., grundsätzlichen) Unterschied zwischen Menschen und Tieren gäbe. Es setzt sich jedoch immer mehr eine andere Sichtweise durch. Nach dieser ist der Unterschied zwischen verschiedenen Spezies ein gradueller. Graduell bedeutet, dass wir Menschen nicht grundsätzlich von den Tieren verschieden sind, sondern Fähigkeiten bei uns nur besser und weiter entwickelt sind, die Tiere ebenfalls bereits haben. So ist es beispielsweise möglich, Menschenaffen eine Zeichensprache beizubringen und sich mit ihnen zu unterhalten. In vielen Bereichen sind sie dabei ähnlich wie ein Kindergartenkind, auch wenn sich ihre Entwicklung selbstverständlich nicht eins zu eins mit der eines Menschen vergleichen lässt.

Hierauf wird mitunter geantwortet, Menschenaffen hätten eben auch bereits einen Sonderstatus gegenüber sonstigen Tieren. Doch Experimente mit bestimmten Vogelarten zeigen, dass auch diese eine erstaunliche Intelligenz20 und Sprachfähigkeit besitzen. Alles dies ist ein Beleg dafür, dass die Unterschiede zwischen verschiedenen Wirbeltieren eben doch graduell sind — sich also eine stufenweise Linie der Entwicklung aufzeigen lässt. Der Unterschied zwischen dem Menschen und den meisten Tieren ist somit riesig, lässt sich aber doch über diese Abstufungen verfolgen und ist somit nicht grundsätzlich. Diese Theorie besagt also, dass sich geistige Fähigkeiten stückchenweise entwickelt haben. Dies wird auch ‚bottom-up‘ Erklärung genannt, da die geistigen Fähigkeiten von ‚unten‘ nach und nach aufgebaut werden. In diesem Ansatz werden zunächst die Gemeinsamkeiten von Menschen und Tieren betont und der Mensch so weit wie möglich als Tier betrachtet. Unterschiede werden erst dort beschrieben, wo es nicht mehr möglich ist, den Menschen als Tier zu sehen. Dieser Ansatz wird daher auch ‚Assimilationismus‘ genannt (von ‚assimilieren‘ = ‚angleichen‘) im Gegensatz zum ‚Differenzialismus‘, welcher die Unterschiede betont.21

Seit der zweiten Hälfte 20. Jahrhundert kommen daher auch immer mehr Stimmen auf, die einen anderen Umgang mit Tieren fordern. Dabei waren besonders zwei moralphilosophische Ansätze prägend. Peter Singers Utilitarismus und Tom Regans rechtstheoretischer Ansatz. Im Folgenden wird erklärt, was diese Fachbegriffe bedeuten. Zudem stelle ich auch noch Mark Rowlands vertragstheoretischen Ansatz vor, da die Vertragstheorie seit dem politischen Philosophen John Rawls sehr weit verbreitet ist. Den meisten Raum habe ich dabei Tom Regas Rechteauffassung gegeben, da ich sie für am vielversprechendsten halte. Welche der Positionen Sie am meisten überzeugt, dürfen und sollten Sie selbst entscheiden.

Peter Singers Präferenzutilitarismus

Der Utilitarismus ist eine Moralphilosophie, die Handlungen anhand ihrer Folgen bewertet. Gefragt wird also, wie viel Gutes und Schlechtes durch eine Handlung entsteht. Dabei kann viel Gutes durchaus schlechte Konsequenzen einer Handlung aufwiegen. Klassischerweise schaut der Utilitarismus darauf, wie viel Glück und Leid entsteht.

Der Präferenzutilitarismus beachtet nun nicht einfach Glück und Leid, sondern fragt, ob Präferenzen erfüllt werden können bzw. ihre Erfüllung verhindert wird. Damit umfasst der Präferenzutilitarismus nicht nur einfache Empfindungen, sondern schließt auch die Erfüllung von Wünschen, Vorhaben und Zielen mit ein. Dies ist mit Präferenzen gemeint.

Das klassische Gegenargument gegen den Utilitarismus ist, dass er das Leid Einzelner zum Wohle der Mehrheit rechtfertigt. Es gibt viele Gedankenbeispiele, um dies zu verdeutlichen. Sie beruhen alle darauf, dass das Leid Einzelner so viel Glück für die Mehrheit erzeugt, dass mehr Glück als Leid produziert wird, und die Situation so gerechtfertigt ist. Nehmen wir beispielsweise an, es wäre möglich, sämtliche Arbeit durch Roboter verrichten zu lassen, und alle könnten ohne Arbeit in Reichtum leben. Ein Problem gibt es jedoch: Dazu ist ein neuartiger Rohstoff nötig, welcher nur in menschlicher Handarbeit gefördert werden kann. Dies geschieht unter fürchterlichen Arbeitsbedingungen und mit dauerhaften gesundheitlichen Schäden. Deshalb wird per Los jeder tausendste Mensch bestimmt und zur Zwangsarbeit in Minen gezwungen. Für den Utilitarismus wäre dies legitim, da das Glück der Vielen das Leid des Einzelnen aufwiegt. Für die meisten anderen Moralphilosophien und auch unser alltägliches Moralempfinden ist es dagegen nicht moralisch vertretbar, einfach Menschen zu fürchterlicher Zwangsarbeit zu nötigen.

Singer löst dieses Problem, indem er zwischen vitalen und trivialen Präferenzen unterscheidet.22 Die Präferenz nach Nahrung, Unterkunft, körperlicher Unversehrtheit und Freiheit sind vitale Prinzipien, während meine Präferenz für einen morgendlichen Kaffee und ein neues Handy trivial sind. Vitale Präferenzen wiegen dabei immer schwerer als triviale Präferenzen. Im klassischen Utilitarismus ist denkbar, dass ein einzelner Mensch körperliches Leid erfahren muss, um die sadistische Präferenz für Gewalt einer Menge zu erfüllen, da deren Lust das erlittene Leid aufwiegt. In Singers Ansatz ist dies nun nicht mehr möglich, da die triviale Lust an der Gewalt niemals das vitale Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit aufwiegt.

Sie fragen sich jetzt vielleicht: Sollte es nicht um unser Verhältnis zu Tieren gehen? Nachdem wir uns angesehen haben, wie der Präferenzutilitarismus Singers grundsätzliche funktioniert, kommen wir nun zu der Frage, was er für unser Verhältnis zu den Tieren bedeutet.

Hierbei greifen zwei Prinzipien: Erstens ist es moralisch geboten, gleiche Präferenzen auch gleich zu behandeln. Zweitens müssen wir für die moralische Bewertung einen unabhängigen Beobachterstandpunkt einnehmen. Dies bedeutet, wir dürfen nicht anhand unserer eigenen Präferenzen entscheiden, sondern müssen so tun, als würden diese nicht existieren. Dies ist nötig, damit moralische Überzeugungen nicht bloß eine persönliche Meinung sind, sondern allgemeine Gültigkeit erhalten können.

Die Frage ist nun, besitzen Tiere Präferenzen, die vergleichbar mit menschlichen Präferenzen sind? Singer beantwortet diese Frage eindeutig mit ‚ja‘. Die meisten Tiere sind empfindungsfähig, sie verspüren Lust und Leid genau wie wir Menschen. Damit sind ihrer grundlegenden Präferenzen mit unseren vergleichbar. Auch Tiere versuchen, negative Empfindungen zu vermeiden und positive Empfindungen zu vermehren. Welche Tiere dies genau umfasst und wie umfangreich ihre Präferenzen sind, ist dabei eine Frage der Wissenschaft.23 So hält sich beispielsweise hartnäckig der Mythos, Fische könnten keine Schmerzen empfinden,24 wodurch es ethische Vegetarier/innen gibt, die Fisch essen. In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung jedoch eindeutig gezeigt, dass Fische — wie alle Wirbeltiere — Schmerzen empfinden und erleben und nicht nur als Reflex auf Reize reagieren.25 Für die meisten der typischen Nutztiere ist es zudem völlig unumstritten, dass diese empfindungsfähig sind.

Empfindungsfähige Tiere sind somit aufgrund ihrer vergleichbaren Präferenzen Teil der moralischen Gemeinschaft. Sie nicht als solche zu behandeln, wäre eine unzulässige Diskriminierung aufgrund ihrer Spezies. Eine triviale menschliche Präferenz kann somit nicht eine vitale Präferenz eines entsprechenden Tieres trumpfen. Der Konsum tierischer Produkte ist in unserer modernen Gesellschaft nicht überlebensnotwendig, sondern dient dem Genuss. Es handelt sich dabei also um eine triviale Präferenz. Die Präferenz der Tiere nach körperlicher Unversehrtheit und danach kein Leid zu empfinden ist jedoch eine vitale Präferenz. Da triviale Präferenzen niemals schwerer wiegen können als vitale, ist es daher moralisch falsch Tiere zur Nahrungsproduktion zu halten.26

Hiergegen gibt es typischerweise zwei Einwände:

Der erste Einwand ist, dass die Tötung von Tieren in modernen Schlachtbetrieben schmerzfrei erfolgt. Selbst wenn dem so ist, erfolgte jedoch bereits in der Aufzucht der Tiere viel Leid. In der konventionellen Landwirtschaft sogar unvorstellbares Leid. Andere Formen der Landwirtschaft sind sicherlich besser und produzieren weniger Leid, doch frei von Leid sind auch sie nicht.

Der zweite Einwand ist, dass nach diesen Kriterien Jagd moralisch vertretbar ist. Denn das Tier würde hier bis zu seinem Tod ein natürliches Leben führen, ohne dass ihm von Menschen Leid zugefügt wird. Dieser Einwand ist aus praktischen Gründen falsch: Zum einen ist es nicht möglich, den modernen Fleischkonsum durch Jagd zu decken. Innerhalb kürzester Zeit wären alle Wildtiere ausgerottet. Zum anderen ist es praktisch unmöglich, die Tötung bei der Jagd leidfrei durchzuführen. Dass der Jäger unerkannt einen perfekten Schuss absetzt, der das Tier unmittelbar tötet, ist die absolute Ausnahme und nicht die Regel. Der Normalfall ist, dass das Tier zunächst Stress erfährt, beispielsweise durch eine Treibjagd, und dann einen schmerzvollen Tod erleidet. Weiter ist zu berücksichtigen, dass der Tod eines Tieres auch Leid bei anderen Tieren auslösen kann. Bei dem Rehkids oder den Entenkücken, die ihre Mutter verlieren, ist dies offensichtlich. Es gibt aber zusätzlich auch Hinweise darauf, dass sozial lebende Tiere Verlustgefühle empfinden können.27

Der Präferenzutilitarismus behandelt dabei — wie wir gesehen haben — nicht nur das Leid, sondern auch andere grundlegende Bedürfnisse. Soziale Tiere haben ein Bedürfnis nach Gemeinschaft. Sie in Isolation zu halten, ist für sie ebenso Folter wie für Menschen. Zudem ist für die meisten Tiere auch die Möglichkeit ein vitales Bedürfnis, sich bis zu einem gewissen Grad frei zu bewegen und natürlichen Verhaltensweisen nachzugehen. Das vitale Bedürfnis eines Schweines, sich zu bewegen und im Boden zu wühlen, schlägt also das triviale Bedürfnis eines Bauern nach mehr Gewinn und macht die Käfighaltung von Schweinen moralisch falsch.28

Tom Regan hält Singers Präferenzutilitarismus jedoch für unzureichend, um einen moralischen Umgang mit Tieren zu begründen.

Der Tierrechtsansatz

1983 veröffentlichte Tom Regan The Case For Animal Rights (dt. „Die Klage für Tierrechte“) in der er einen völlig neuen Ansatz auf Basis einer Theorie der Rechte entwickelte. Regan war zu diesem Zeitpunkt Professor für Philosophie an der North Carolina State University in den USA. Zwar teilt er viele Ergebnisse mit Singer, hält dessen Präferenzutilitarismus aber für eine falsche und unzureichende Grundlage, um sich für Tiere einzusetzen. Regans Theorie ist relativ komplex, aber einer der vielversprechendsten Ansätze in der Tierethik. Deswegen wird er im Folgenden sehr ausführlich behandelt.

Haben Tiere ein Bewusstsein?Die geistigen Fähigkeiten von Tieren

Zunächst setzt Regan sich mit den geistigen Fähigkeiten von Tieren auseinander. Auch Regan beschäftigt sich zunächst mit Descartes Dualismus. Zur Erinnerung: Dieser Begriff bezeichnet Descartes Aussage, dass es eine vom Körper getrennte Seele gibt. Daraus leitete Descartes die Bewertung ab, dass Tiere bloße Maschinen seien, weil sie keine Seele hätten. Alternativ stellt Regan diesem Ansatz die Evolutionstheorie als eine andere Basis für das Verständnis der geistigen Fähigkeiten von Tieren gegenüber.

Doch wie lässt sich entscheiden, welche der beiden Theorien zutrifft? Regan bezieht sich auf zwei bekannte und verbreitete Prinzipien. Das erste ist das Prinzip der Erklärungskraft: Die Theorie ist besser, welche mehr Phänomene erklären kann. Das zweite Prinzip ist das der Sparsamkeit. Dieses wird nach seinem Erfinder Wilhelm von Ockham auch Ockhams Rasiermesser genannt. Wenn es mehrere Theorien gibt, die ein Phänomen erklären können, ist die vorzuziehen, welche einfacher ist. Dies bedeutet, die Theorie, welche am wenigsten Behauptungen und Zusatzannahmen benötigt.

Für Regan sprechen beide Prinzipien für die Evolutionstheorie und gegen Descartes Dualismus.29 Die Evolutionstheorie kann das Verhalten von Tieren und unser Alltagsverständnis von ihrem Verhalten besser erklären. Zudem ist sie einfacher. Dies liegt darin, dass Descartes Theorie ein grundlegendes Problem hat. In seiner Theorie sind die Menschen deshalb keine Maschinen, weil sie eine unsterbliche Seele haben. Diese Seele ist getrennt von der Welt der Dinge, zu der unser Körper gehört. Dies ist es was der Begriff Dualismus bezeichnet. Doch wie kann die Seele dann den Körper steuern? Die gängigste Interpretation von Descartes Theorie ist, dass diese Verbindung für jeden Menschen in jedem Moment von Gott hergestellt wird. Damit benötigt Descartes Theorie aber zwei schwerwiegende Zusatzannahmen: Es muss einen allmächtigen Gott geben. Zudem muss dieser Gott permanent und milliardenfach die Seelen mit ihrem Körper verbinden. Damit ist es plausibler mit der Evolutionstheorie zu arbeiten. Da sich nach der Evolutionstheorie das Höhere stückchenweise aus dem Niederen entwickelt, muss angenommen werden, dass auch Tiere schon ein Geistesleben haben. Denn das komplexe Geistesleben der Menschen kann nicht aus dem Nichts entstanden sein.

Das kumulative Argument

Regan entwickelt nun sein kumulatives Argument dafür, dass Tiere Bewusstsein haben.30 „Kumulativ“ heißt hier, dass sich das Argument aus mehreren Teilargumenten zusammensetzt. Nach Regan ist keines dieser Argumente allein stark genug, um zu belegen, dass Tiere Bewusstsein haben. Aber zusammengenommen sind sie stark genug dafür. Die einzelnen Teilargumente sind:

Manchen Tieren Bewusstsein zuzusprechen, entspricht unserem Alltagsverständnis der Welt. Descartes Versuch, dieses Alltagsverständnis zu widerlegen, ist gescheitert.

Manchen Tieren Bewusstsein zuzusprechen, entspricht zudem unserem Sprachgebrauch. D.h., wir sprechen über Tiere in der Regel so, als hätten sie ein Bewusstsein, denn wir benutzen Formulierungen wie: ‚Der Hund hat Angst vor Feuerwerk, deshalb versteckt er sich.‘ Wären wir der Meinung der Hund hätte kein Bewusstsein, müssten wir Formulierungen verwenden wie: ‚Der Knall des Feuerwerks löst in dem Hund ein Zusammenzucken aus, welches einen Fluchtreflex aktiviert.‘

Dass Tiere Bewusstsein haben, bedeutet nicht, dass sie eine unsterbliche Seele haben, es wird also keine religiöse Aussage getätigt.

Das Verhalten von Tieren ist konsistent mit der Annahme, dass sie Bewusstsein haben.

Die Evolutionstheorie bietet uns eine theoretische Fundierung der Annahme, dass Tiere Bewusstsein haben.

Mögliche Gegenargumente

Regan setzt sich auch mit Gegenargumenten gegen sein kumulatives Argument und die These, dass Tiere über ein Bewusstsein verfügen, auseinander.

Gegenargument 1: Sprache

Das erste Gegenargument sagt, dass nur über Bewusstsein verfügen kann, wer auch über Sprache verfügt. Regan widerlegt dieses Argument mit dem Verweis auf Babys und Menschen mit einer schweren geistigen Behinderung. Diese können nicht sprechen, hätten nach dieser These somit auch kein Bewusstsein. Nicht nur ist diese Annahme absurd, es ergibt sich auch noch ein logisches Problem. Wenn Babys kein Bewusstsein haben, wie können sie dann jemals sprechen lernen und dadurch Bewusstsein erlangen? Es kann auch nicht die reine Möglichkeit sein, später die Sprachfähigkeit zu erwerben, die die Basis für Bewusstsein bildet. Denn wie soll sie spätere Sprachfähigkeit eines Kindes im Vorfeld Bewusstsein hervorrufen? Und was ist mit geistig behinderten Menschen?31

Gegenargument 2: Logik

Das zweite Gegenargument schließt daran an, ist aber etwas komplexer. Es besagt, dass Tiere nicht zu logischen Schlüssen in der Lage sind. Also zu Aussagen in der Form ‚A und B also C‘. Hier ein Beispiel was gemeint ist: Ich habe Hunger, dieser Gegenstand ist ein Nahrungsmittel, ein Nahrungsmittel befriedigt meinen Hunger, also muss ich diesen Gegenstand bekommen und essen, um meinen Hunger zu stillen. Tiere sind nach diesem Gegenargument nicht zu solchen Schlüssen in der Lage, denn hierzu ist Sprache notwendig, über diese verfügen Tiere jedoch nicht. Weiter sagt das Gegenargument: Wer keine Schlüsse ziehen kann, kann auch keine Vorstellungen haben. Wer keine Vorstellungen hat, besitzt auch keine Bedürfnisse. Wer aber keine Bedürfnisse und keine Vorstellungen hat, hat auch kein Bewusstsein.

Regan begegnet dem mit zwei Einwänden: Erstens Menschen, die nicht sprechen können, können sehr wohl durch ihr Verhalten zeigen, dass sie Urteile über etwas bilden. Beispielsweise indem sie Angst vor etwas haben, also offensichtlich das Urteil gefällt haben, dass das, wovor sie Angst haben – beispielsweise eine Schlange –, eine Gefahr darstellt. Zweitens ergibt sich auch hier die Frage, wie Kinder nach diesem Gegenargument jemals sprechen lernen können, wenn sie vor ihrer Sprachfähigkeit keine Vorstellungen haben.32

Die Frage, wie es Tieren möglich ist, ohne Sprache zu denken und wie wir uns solch ein Denken und Bewusstsein vorstellen können, wird in der Philosophie selbstverständlich diskutiert.33 Ein Modell ist die sogenannte ‚Teleosemantik‘.34 So tief müssen wir an dieser Stelle aber nicht in die Philosophie einsteigen. Für die moralische Bewertung ist nur relevant, dass Tiere ein Bewusstsein haben.

Gegenargument 3: Grundlegende Unterschiede

Das nächste Gegenargument gesteht Tieren zwar Vorstellungen zu, sagt aber, dass diese von unseren menschlichen Vorstellungen komplett verschieden sind. Weder können wir diese Vorstellungen verstehen, noch haben Tiere ein Konzept von Dingen, dass mit unserem menschlichen Konzept dieser Dinge vergleichbar ist.

Diskutiert wird dies am Beispiel eines Hundes und eines Knochens. Das Gegenargument sagt, dass es nur so aussehe, als ob der Hund ein Konzept davon habe, was ein Knochen ist. Denn zum einen würden Hunde mitunter irren und Dinge für einen Knochen halten, die gar kein Knochen sind. Zum anderen würden sie wichtige Aspekte dessen, was ein Knochen ist, nicht begreifen.

Regan antwortet darauf, dass beides auch auf Menschen zutrifft. Auch Menschen irren mitunter in ihren Konzepten. Auch Menschen kann z. B. ein künstlicher Knochen als echt untergejubelt werden. Gerade wenn wir diese Irrtümer im Gesamtkontext begreifen, wird klar, dass sie gerade darauf verweisen, dass die Tiere sehr wohl Vorstellungen haben. Denn diese Vorstellung eines Knochens ist gerade die Voraussetzung, um einen Gegenstand fälschlich als Knochen zu identifizieren.

Genauso haben auch Menschen oft kein Wissen über grundlegende Eigenschaften eines Dinges. Beispielsweise werden viele Menschen die chemische Zusammensetzung eines Knochens nicht erklären können. Ganz zu schweigen von einer Erklärung, wie ihr Smartphone genau technisch funktioniert. Offensichtlich ist es also nicht so, dass wir das Konzept eines Dinges besitzen oder nicht besitzen, sondern wir besitzen dieses im unterschiedlichen Maße. Alle Menschen wissen, was ein Knochen ist, aber eine Ärztin oder ein Chemiker wissen mehr darüber. Damit ist der erste Teil des Gegenarguments widerlegt. Tiere verfügen sehr wohl über einfache Konzepte und damit über Vorstellungen.

Es bleibt noch die Frage, ob wir die Vorstellungen eines Hundes verstehen können, also ob es irgendeine Gemeinsamkeit zwischen unseren Vorstellungen gibt. Regan beantwortet diese Frage mit ‚ja‘. Es gibt eine grundlegende Gemeinsamkeit in den Vorstellungen von Menschen und Tieren: Wir haben ein Bedürfnis, das durch etwas befriedigt wird. Dieser Aspekt der Bedürfnisbefriedigung ist den Vorstellungen von Tieren und Menschen gemeinsam. Damit sind die Vorstellungen von Tieren für uns zumindest teilweise verständlich.35 Zwar ließe sich einwenden, dass dies vielleicht nur scheinbar die gleichen Bedürfnisse sind. Doch hier greift wieder Ockhams Rasiermesser, die Vorgabe immer die einfachere von zwei Theorien zu wählen. Es ist ein Fakt, dass alle Säugetiere Wasser zum Überleben brauchen. Haben sie zu wenig getrunken, bekommen sie das Bedürfnis nach Flüssigkeit. Dass dieses Bedürfnis bei allen Säugetieren die Form von Durst annimmt und vergleichbar ist, ist viel einfacher, als die Annahme, dass jedes Säugetier ein völlig verschiedenes und nicht vergleichbares Bedürfnis nach Flüssigkeit hat.36 Diese Sichtweise wird auch „Analogieargument“37 genannt. Besonders deutlich greift dieses Analogieargument, wenn wir das ‚Erleben‘ betrachten. Dann lässt sich die Argumentation beispielsweise in Bezug auf Schmerzen folgendermaßen darstellen:38

Insbesondere zwischen dem Menschen und vielen Säugetieren gibt es eine große physiologische und anatomische Ähnlichkeit. Alle verfügen über ein vergleichbares Nervensystem.

Bestimmte Verletzungen beim Menschen verursachen über das Nervensystem das Erlebnis des Schmerzes.

Es ist daher plausibel, dass ähnliche Verletzungen mit einem ähnlichen Effekt auf das Nervensystem auch bei Tieren eine ähnliche Wirkung verursachen.

Durch die gleichen Drogen (Opiate) lässt sich der Schmerz sowohl bei Menschen wie auch anderen Säugetieren ausschalten.

Säugetiere zeigen bei einem ‚Schmerzerlebnis‘ wie dem Verbrennen an einer Herdplatte ein ähnliches Verhalten wie Menschen und eine vergleichbare ‚Schmerzreaktion‘.

Also ist es plausibel anzunehmen, dass zumindest Säugetiere Schmerzen auf eine vergleichbare Weise erleben wie Menschen.

Haben Tiere Selbstbewusstsein?

Tiere verfügen also mindestens über die Vorstellung, dass bestimmte Dinge Bedürfnisse befriedigen. Regan nennt dies Präferenzvorstellungen („preference-beliefs“). Hieraus lassen sich dann eine Reihe weiterer Fähigkeiten von Tieren ableiten. Sie sehen Dinge nicht nur, sondern erkennen sie als etwas. Dazu ist es nötig, dass sie sich erinnern können. Zudem müssen sie in der Lage sein, zielgerichtet (intentional) zu handeln, um das Objekt ihrer Begierde zu erhalten. Dazu benötigen sie auch eine Vorstellung der Zukunft. Hierdurch wird sogar klar, dass sie ein einfaches Selbstbewusstsein haben. Denn sonst könnten sie nicht verstehen, dass sie ein Bedürfnis haben, dass befriedigt werden kann.39

Dies wird durch ein Beispiel deutlich: Ein Hund kratzt jaulend, an der Tür. Er will nach draußen gelassen zu werden, um zu urinieren. Aus Sicht des Hundes stellt sich dies also folgendermaßen dar. Ich (Selbstbewusstsein) muss urinieren (Bedürfnis). Wenn ich dies in der Wohnung tue, werde ich bestraft (Erinnerung). Ich muss daher ins Freie (Zukunft). Wenn ich an der Tür kratze, werde ich ins Freie gelassen (zielgerichtetes bzw. intentionales Handeln).

Ausgehend von diesen Erkenntnissen ist es auch plausibel anzunehmen, dass Tiere zumindest über sehr einfache Emotionen verfügen.

Die Evolutionstheorie geht davon aus, dass höhere Lebensformen aus niedrigeren entstehen. Auf Basis dieser Annahme, kombiniert mit den dargelegten Erkenntnissen, gibt es keine anderen Möglichkeiten als Tieren ein (einfaches) Geistesleben zuzusprechen.40

Ein gutes Leben für Tiere?

Haben Tiere ein Wohlergehen („wellfare“)? Also kann ihr Leben gut oder schlecht verlaufen? Gibt es für sie so etwas wie Lebensqualität? Dies ist die nächste Frage, die Regan erörtert. Im Folgenden wird es etwas (fach-)philosophisch. Dies ist jedoch notwendig, um ein weit verbreitetes Missverständnis aus dem Weg zu räumen: Die These, dass Tieren nur dann geschadet wird, wenn ihnen körperlicher Schmerz zugefügt wird.

Hierzu gilt es zwei philosophische Voraussetzungen zu klären: die der psychischen Identität in der Zeit und die der Autonomie. Psychische Identität in der Zeit bedeutet, dass das Tier, welches sein Leben erlebt, nicht nur körperlich, sondern auch geistig eine Identität besitzt. Wir haben bereits gesehen, dass Tiere sowohl eine Erinnerung an die Vergangenheit als auch ein einfaches Verständnis der Zukunft haben. Damit lässt sich sagen, dass sie auch eine psychische Identität in der Zeit, also im Verlauf ihres Lebens haben.41 Etwas schwieriger verhält es sich mit der Autonomie. Über volle Autonomie, wie sie in der Philosophie oft verstanden wird, verfügen Tiere nicht. Denn dies wäre die Fähigkeit moralisch zu handeln. Wie wir bereits gesehen haben, sind Tiere jedoch Moralempfänger, keine Moralträger, und verfügen nicht über diese Fähigkeit. Tiere besitzen jedoch eine einfachere Form von Autonomie. Sie können Handlungen auswählen und ausführen, um ein Bedürfnis zu befriedigen, also ein Ziel zu erreichen. Dies bezeichnet Regan als Präferenzautonomie.42 Hier ein Beispiel: Ein in der Stadt lebender Fuchs kann wählen, wo er seinen Bau anlegt. Ebenso ist es seine Entscheidung, ob er Ratten jagt, Mülltonnen durchsucht oder lieber an einem Imbiss um Nahrung bettelt. Diese Entscheidungsfreiheit ist die Präferenzautonomie.

Auch verfügen Tiere über Interessen. Diese teilen sich — bei Menschen wie Tieren — in zwei Arten. Jemand hat ein Interesse: Ein Hund will beispielsweise Schokolade essen. Und etwas ist im Interesse von jemandem, ist also gut für sein Wohlergehen: Im Falle des Hundes, dass er die Schokolade nicht isst, weil er sonst krank wird.43 Regan benutzt diese Begriffe nicht, aber die beiden Formen von Interesse lassen sich leichter auseinanderhalten, wenn wir sie als subjektive und objektive Interessen bezeichnen. Das subjektive Interesse ist das, was wir wollen. Das objektive Interesse hingegen ist das, was gut für uns ist. Dadurch sehen wir bereits, dass Dinge, die für uns von Vorteil sind (objektive Interessen), mitunter mit den Interessen im Widerspruch steht, die wir haben (subjektive Interessen). Gleichzeitig ist es so, dass die Möglichkeit, unsere subjektiven Interessen frei verfolgen zu können, ein wesentlicher Teil unseres Wohlergehens und eines guten Lebens ist. Nach Regan lässt sich ein gutes Leben — für Mensch und Tier — anhand von drei Punkten skizzieren:

Das Verfolgen der eigenen Präferenzen (subjektive Interessen).

Die Zufriedenheit aus diesem Verfolgen von Präferenzen und ihrer Erfüllung.

Dass auch im Interesse des Subjekts (in seinem objektiven Interesse) ist, was verfolgt und erlangt wird.

44

Als Nächstes müssen wir klären, was dem Wohlergehen eines Individuums schadet, also sein Leben schlechter macht. Dabei gibt es zwei Formen von Schaden. Die erste ist ein Schaden, der einem zugefügt wird. Körperliches oder psychisches Leid gehören hierzu. Die zweite Art von Schaden entsteht dadurch, dass einem etwas vorenthalten wird. Einem Mädchen jegliche Form von Bildung vorzuenthalten, wäre beispielsweise eine Form ihm durch Vorenthaltung zu schaden. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Opfer weiß, dass ihm etwas vorenthalten wird.45 Nehmen wir z. B. an, ein Kind wird von seiner Geburt an in einem Bunker großgezogen, den es nie verlässt, und hat kein Wissen über die Außenwelt. Trotzdem würden wir sagen, dass diesem Kind ein Schaden zugefügt wird, indem ihm etwas vorenthalten wird.

Nun sehen wir, dass die oft geäußerte These falsch ist, es wäre moralisch vertretbar, Tiere ‚artgerecht‘ zu halten und dann schmerzfrei zu töten. Denn Tieren wird nicht nur geschadet, wenn ihnen Leid zugefügt wird, sondern auch, wenn ihnen etwas vorenthalten wird. Ein vorzeitiger Tod ist dabei die ultimative Vorenthaltung zukünftigen Wohlergehens. Selbst wenn manche Tiere — mangels ausreichender geistiger Fähigkeiten — nicht in der Lage sind, ein (subjektives) Interesse am Weiterleben zu haben, ist das Weiterleben in ihrem (objektiven) Interesse. Tiere haben biologische, soziale und psychische Interessen deren fortführende Befriedigung zu ihrem Vorteil ist, während ihre Beendigung einen Schaden darstellt.46 Diese These, dass der Tod an sich eine Schädigung darstellt, wird auch Beraubungsargument genannt, da das getötete Lebewesen aller zukünftigen Möglichkeiten beraubt wird.47

Für Regan ist damit auch eine im Tierschutz verbreitete Praxis nicht zulässig: Tiere zu töten, um sie von ihrem Leid erlösen. Nur unheilbar kranke Tiere stellen eine Ausnahme dar.48 Diese haben ein Interesse an einem Ende des Schmerzes und dies ist auch in ihrem Interesse. Die Voraussetzung ist allerdings, dass es wirklich keine andere Möglichkeit gibt, die Schmerzen zu beenden. Utilitaristisch Schmerz und Freude aufzurechnen und für die Tiere zu entscheiden, dass es besser wäre, sie zu töten, ist für Regan nicht zulässig. Insbesondere gilt dies, wenn gesunde Tiere aufgrund ihrer Lebensumstände getötet werden. Dies ist für Regan schlicht und einfach Totschlag.49

Ethische Grundlagen

Regan diskutiert nun die Grundlagen einer ethischen Theorie. Hiermit möchte er zeigen, dass andere ethischen Theorien unzureichend sind, um unseren Umgang mit Tieren zu regeln.

Regan erläutert daher zunächst, was in ethischen Überlegungen keine Rolle spielen darf: unsere persönlichen Vorlieben und Abneigungen genauso wenig wie unsere Gefühle. Auch ist es völlig irrelevant, was Tradition ist oder was die Mehrheit denkt, selbst wenn dies wissenschaftlich erhoben wurde. Auch können wir uns nicht auf eine moralische Autorität berufen — sei es eine bekannte Persönlichkeit, ein Gott oder ein heiliger Text. Regan begründet letzteres folgendermaßen: Um zu wissen, ob es eine moralische Autorität gibt, müssen wir wissen, ob diese in moralischen Schlüssen richtig liegt. Wir müssen diese Schlüsse also unabhängig von der Autorität begründen und bewerten können. Wenn wir dazu in der Lage sind, haben wir aber bereits eine ethische Begründung und brauchen die Autorität nicht.50

Nun wissen wir, was bei einem moralischen Urteil, also der Frage, welche Handlung richtig oder falsch ist, keine Rolle spielen darf. Doch wie fällen wir so ein Urteil, sodass es zutreffend ist? Hier gibt es zunächst einige grundlegenden Voraussetzungen, die für Regan erfüllt sein müssen:51

Konzeptuelle Klarheit: Die verwendeten Konzepte, d. h. Begriffe und Wörter, müssen eindeutig sein. Wenn wir unter den verwendeten Begriffen unterschiedliche Dinge verstehen, reden wir aneinander vorbei. Noch schlimmer, wenn wir selbst nicht genau wissen, was wir unter einem Wort verstehen, ändert sich der Inhalt unserer moralischen Aussage mit dem Inhalt dieses Wortes. Unter Begriffen wie ‚Freiheit‘, ‚soziale Marktwirtschaft‘ oder ‚Sozialismus‘ lassen sich ganz unterschiedliche Dinge verstehen.

Informationen über die relevanten Fakten: Echte moralische Urteile finden nicht am Schreibtisch der Philosophin statt. Sie sind keine abstrakten, theoretischen Überlegungen, sondern werden in der realen Welt gefällt. Um eine Situation korrekt bewerten zu können, müssen wir daher alle Fakten kennen. Ein Beispiel: Die Polizei kommt an einem Tatort an, ein Mann liegt verletzt am Boden, weil eine Frau mit ihrem Regenschirm auf ihn eingeschlagen hat. Ist dies moralisch verwerfliche Körperverletzung? Oder hat sich die Frau gegen einen Angriff des Mannes verteidigt und es handelt sich um moralisch zulässige Selbstverteidigung? Nur ein Wissen über die Fakten ermöglicht eine Entscheidung.

Rationalität: Ein moralisches Urteil muss in zweierlei Hinsicht rational sein. Zum einen muss seine Argumentation logisch nachvollziehbar sein und darf nicht irrational sein. Zum anderen ist es wichtig, dass ein Urteil keine widersprüchlichen Dinge von einem Menschen fordert. Würde es beispielsweise verlangen, dass jemand an zwei Orten gleichzeitig ist, wäre es nicht rational. Denn dies ist schlicht nicht möglich.

Es muss unparteiisch sein: Unparteilichkeit wird auch als das formale Prinzip der Gerechtigkeit bezeichnet. Dies bedeutet, ich muss Gleiche gleich und Ungleiche ungleich behandeln, ebenso darf niemand im Vorfeld bevorzugt oder benachteiligt werden. So darf ich nicht sagen: „Menschen mit blauen Augen sind grundsätzlich Verbrecher, sie sind also immer schuldig.“ oder „Frauen begehen niemals ein Verbrechen und sind immer unschuldig.“ Aber es ist durchaus zulässig zu sagen: „Ein dreijähriges Kind muss anders behandelt werden als ein erwachsener Mann.“ Welche Kriterien genau darüber entscheiden, wer als gleich oder ungleich gilt, sind damit aber noch nicht festgelegt.

Nüchternheit: In einem emotional aufgewühlten Zustand neigen wir dazu, nicht alle Fakten zu berücksichtigen, sondern stattdessen vorschnell zu entscheiden und so Fehler zu machen. Deshalb ist Nüchternheit ein Kriterium für moralische Urteile.

Ein moralisches Urteil muss sich auf ein gültiges moralisches Prinzip berufen können: Ein moralisches Prinzip ist eine allgemeingültige Handlungsanweisung, die Leitung für das Leben bietet. Sie sind die Grundlage unseres moralischen Handelns. Deswegen muss bei moralischen Urteilen die Frage nach dem „Warum?“ immer auch mit einem moralischen Prinzip beantwortet werden können.

Damit stellt sich dann aber auch für diese moralischen Prinzipien die Frage, wie wir sie bewerten. Also wie wählen wir zwischen verschiedenen moralischen Prinzipien? Wie können wir entscheiden, welches gültig ist? Regan führt hier fünf Kriterien an:52

Konsistenz: Mehrere Aussagen, die sich aus dem Prinzip ableiten, müssen gleichzeitig wahr sein. Es darf also nicht zu widersprüchlichen Anweisungen an die Handelnde kommen. Ein Prinzip ist hingegen inkonsistent, wenn dieselbe Handlung gleichzeitig moralisch richtig und falsch sein kann.

Angemessener Umfang: Da es sich um ein allgemeines Prinzip handelt, darf es sich nicht nur auf einen Spezialfall beziehen, sondern es muss eine ausreichende Anzahl von Begebenheiten abdecken. Grundsätzlich gilt, dass Moralprinzipien mit größerem Erklärungsumfang solchen mit kleinerem vorzuziehen sind.

Genauigkeit: Moral ist keine Mathematik, wir dürfen keine unrealistischen Erwartungen an die Genauigkeit eines Moralprinzips stellen. Gleichzeitig wird es aber auch ungültig, wenn es zu allgemein und ungenau ist.

Übereinstimmung mit unseren Intuitionen: Dies ist wahrscheinlich das strittigste Kriterium, welches Regan einführt. Zunächst müssen wir betrachten, was Regan mit Intuitionen meint. Dies unterscheidet sich nämlich von unserer Alltagsverwendung des Wortes. Was wir im Alltag unter Intuition verstehen, bezeichnet Regan als prereflektierte Intuition. Dies meint unseren Ersteindruck einer Sache, bevor wir sie durchdacht haben. Auch positive wie negative Vorurteile fallen hierunter. Dies ist es jedoch nicht, was Regan meint, wenn er sagt, ein Moralprinzip muss mit unseren Intuitionen übereinstimmen. Hierfür führt Regan den Begriff der reflektierten Intuition ein. Dies ist eine begründete moralische Meinung. Haben wir also nach den oben genannten Schritten ein moralisches Urteil durchlaufen und uns so eine erste Meinung zu einem Thema gebildet, ist dies unsere reflektierte Intuition.

53

Auch bei der Wahl eines moralischen Prinzips gilt das Kriterium der Einfachheit (Ockhams Rasiermesser): Je mehr Prinzipien eine ethische Theorie hat, desto schwerer ist es, alle zu behalten und zu verfolgen, und desto größer ist das Potenzial für Konflikte und Widersprüche.

Für Regan ist die Aufgabe einer ethischen Theorie demnach unsere reflektierten moralischen Überzeugungen zu systematisieren. Die beste ethische Theorie ist daher jene, die:

Die größte Menge unserer reflektierten Überzeugungen beinhaltet, also den größten Umfang hat.

Diese Überzeugungen kohärent systematisiert und damit Konsistenz erreicht.

Dies schafft, ohne Genauigkeit zu opfern.

Dies alles mit möglichst wenig Zusatzannahmen schafft und dadurch das Kriterium der Einfachheit bestmöglich erfüllt.

54

Es sei an dieser Stelle nicht verschwiegen, dass sich Regan mit seinem starken Verweis auf unsere reflektierten Intuitionen philosophisch einige Kritik eingehandelt hat. Hiergegen lassen sich sowohl die Kritik erheben, dass dies zu moralischem Konservatismus führe, als auch, dass hier ein Zirkelschluss vorliege. Denn die Gültigkeit der moralischen Urteile hängt von ihrer Berufung auf ein moralisches Prinzip ab, die Prinzipien aber von ihrer Übereinstimmung mit reflektierten Intuitionen, also moralischen Urteilen. Diese Vorwürfe und Regans Verteidigung zu diskutieren, würde uns jedoch zu tief in die philosophische Spezialdiskussion führen. Regans Position zur Tierethik lässt sich auch so verstehen.

Andere ethische Theorien über Tiere

Regan diskutiert nun die Position andere ethischer Theorien zu Tieren und will zeigen, dass diese falsch oder nicht ausreichend sind.

Hierzu ist es zunächst nötig, eine wichtige Einteilung von ethischen Theorien zu verstehen. Diese unterteilen sich in konsequentialistische Ethiken (auch als teleologische Ethiken bezeichnet) und nicht-konsequentialistische Pflichtethiken (auch als deontologische Ethiken bezeichnet). Bei dieser Unterscheidung geht es um die Frage, was für die moralische Bewertung relevant ist: die Handlung selbst oder das Ergebnis der Handlung. Für konsequentialistische Ethiken sind — wie der Name schon sagt — die Konsequenzen einer Handlung entscheidend, also ihr Ergebnis. Für die Pflichtethik hingegen zählt, ob die Handlung selbst richtig oder falsch ist.

Konsequentialistische Theorien teilen sich auf in den Ethischen Egoismus und den Utilitarismus. Der Ethische Egoismus betrachtet nur die Konsequenzen für das handelnde Individuum. Der Utilitarismus versucht gemäß dem Prinzip der Nützlichkeit alle Konsequenzen einer Handlung zu verrechnen. Dabei lässt sich der Utilitarismus weiter unterscheiden in den Regelutilitarismus, bei dem über das Nützlichkeitsprinzip gültige moralische Regeln aufgestellt werden, und den Aktutilitarismus, bei dem für jeden einzelne Handlung neu entschieden wird.55

Das Paradebeispiel für eine deontologische Ethik ist die Ethik des großen deutschen Philosophen Immanuel Kants. Eine Handlung ist für ihn ohne Blick auf die Konsequenzen richtig oder falsch. Kant entwickelt in einer komplizierten Theorie den „Kategorischen Imperativ“. Dieser besagt in einer seiner Formen, dass wir stets so handeln müssen, dass die Maxime unseres Handelns (also das Prinzip nach dem wir Handeln) ein allgemeines Gesetz sein könne. Dass die Konsequenzen einer einzelnen Handlung dabei keine Rolle spielen, zeigt Kant an einem drastischen Beispiel: Zu lügen ist moralisch falsch. Denn wenn das Lügen zu einem allgemeinen Gesetz würde und alle ständig lügen, wüssten wir nie, wann die Wahrheit gesagt wird. Somit könnten wir niemandem vertrauen. Nun kommt es zu folgender Situation: Ein Freund steht für ein fürchterliches Verbrechen vor Gericht und ihm droht die Todesstrafe. Wir wissen, dass er unschuldig ist, können es aber nicht beweisen. Durch eine Lüge können wir ihn aber vor der ungerechtfertigten Todesstrafe retten. Für Kant ist es selbst in diesem Fall falsch zu lügen, denn die Konsequenzen — egal wie drastisch — spielen keine Rolle für die Frage, ob eine Handlung richtig oder falsch ist.

Seine eigene Rechte Auffassung (rights view) zählt Regan ebenfalls zu den nicht-konsequentialistischen Ethiken.56 Wir werden noch sehen, warum er diese drastische Position wählt und warum er konsequentialistische Ethiken in der Tierethik für falsch hält. Allerdings gelingt es Regan hier, eine Position zu entwickeln, welche in der Lage ist, Konsequenzen in angemessener Form zu berücksichtigen.57

Kommen wir nun zur Tierethik: Es lassen sich Theorien der indirekten Pflichten gegenüber Tieren und der direkten Pflichten gegenüber Tieren unterscheiden. Im Falle direkter Pflichten sind diese Pflichten unmittelbar den Tieren gegenüber. Im Falle indirekter Pflichten sind es Pflichten anderen Menschen gegenüber, welche wir durch den Umgang mit Tieren erfüllen oder verletzen.58

Für die Frage, welcher Ansatz (direkte oder indirekte Pflichten) gewählt wird, ist die Unterscheidung zwischen Moralempfängern und Moralträgern entscheidend. Moralträger sind moralisch verantwortlich für ihre Handlungen, da sie aus freiem Willen heraus ausgeführt werden. Moralempfänger hingegen sind nicht in der Lage, richtig oder falsch zu handeln. Sie können zwar Schaden zufügen, handeln dabei jedoch nicht moralisch falsch. Es ist hierbei wichtig, sich zu erinnern, über welche Tiere wir in der folgenden Diskussion über Moralempfänger sprechen: Es geht um Tiere, die nicht nur fühlen, sondern auch ein Geistesleben mit Vorstellungen, Bedürfnissen, Intentionen haben sowie über eine psychische Identität und Präferenzautonomie verfügen.

Eine entscheidende Frage ist nun, wie die moralische Gemeinschaft definiert wird. Sind nur Moralträger Mitglied der moralischen Gemeinschaft, dann können Pflichten gegenüber Moralempfängern nur indirekte Pflichten sein. Anders wenn auch Moralempfänger als Teil der moralischen Gemeinschaft gesehen werden, dann haben wir auch ihnen gegenüber direkte Pflichten.59

Theorien indirekter Pflichten gegenüber Tieren

Regan stellt zunächst drei Positionen vor, die vertreten, dass es gegenüber Tieren nur indirekte Pflichten gibt. Abschließend führt er dann ein Argument ein, dass alle drei Positionen widerlegt.