Weisheit des Orients - Johann Baptist Kerning - E-Book

Weisheit des Orients E-Book

Johann Baptist Kerning

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Beschreibung

Aus dem Inhalt: "Beherrsche dich selbst! Dies ist die erste Regel des Menschen, der ein Jünger der Weisheit werden will. Die Außenwelt hat uns ein so gewaltiges Schein-Ich angehängt und angekettet, dass wir das innere, wahre Ich gar nicht mehr empfinden. Dieses innere Ich aber ist unser eigentliches Leben. Wenn wir dieses verlorene Ich wiederfinden wollen, so müssen wir das äußere Schein-Ich unterjochen und beherrschen. Dadurch erhält das innere die Freiheit sich zu regen, sich uns zu zeigen und seine erhabenen Eigenschaften zu offenbaren. Der gewöhnliche Mensch lebt für den äußeren Schein, für die Schale, und kümmert sich nicht um den Inhalt. Das Äußere ist oft prächtig aufgeputzt, das Innere aber leer. Wird der Mensch niemals seinen eigenen Wert erkennen lernen? Selbstbeherrschung ist nur dem Scheine nach schwer. Wie oft bezwingt sich der Mensch um kleinlicher Zwecke willen, um Ehre oder Gold zu erlangen, um andere zu täuschen oder eine Leidenschaft zu befriedigen. Wie viel vermag der Mensch über sich selbst, wenn es ihm ernst ist, sich zu besiegen! Nur am Ernst fehlt es uns, wenn wir nicht sind, was wir sein sollen. Nur darum sind wir nicht tugendhaft und nicht erleuchtet, weil es uns nicht ernst ist, es zu sein. Nur darum wandeln wir noch in der Finsternis, weil wir es noch nicht über uns gewinnen konnten, mit Ernst das Licht zu begehren und es zu suchen. Sollen wir noch länger in kindischer Unentschlossenheit verharren, oder mit Ernst das Gute suchen? Der entschlossene Verbrecher hat mehr Wert, als so ein Halbgeschöpf, das den Mut nicht hat, etwas Ganzes, sei es gut oder schlecht, zu sein; denn es ist wie ein Blatt, das vom Winde hierher und dorthin getrieben wird. Ergreifet den Ernst, dann habt ihr gewonnen. Wer den Ernst nur sich selbst zeigt, dem ist das Ziel gewiss. Erstveröffentlichung: Leipzig 1901 Umfang: ca. 110 Buchseiten 2. E-Book-Auflage 2018

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Kerning

Weisheit des Orients

Als Manuskript im Jahre 5841 gedruckt.

Impressum

„Weisheit des Orients“ von Kerning

Erstveröffentlichung: Leipzig 1901

Cover, Überarbeitung: F. Schwab Verlag

Neuauflage: F. Schwab Verlag – www.fsverlag.de sagt Danke!

Copyright © 2018 by F. Schwab Verlag

Inhalt
Zoroasters Gespräche.
I.
II.
III.
Zoroasters Weisheit.
Das Eine.
Die Dauer des Lebens.
Entschlossenheit und Selbstbeherrschung.
Freiheit.
Der innere Sinn.
Die Symbole des Freimaurertums.
Freimaurertum und Gotteserkenntnis.
Wahrheit und Lüge.
Die Bestimmung des Menschen.
Tauglichkeit.
Über den Ackerbau.
I.
II.
III.
IV.
Der Weg zum Leben.
Das sichere Dasein.
Apollonius von Tyana.
Die Kunst zu lieben.
Johannes.
Pythagoras.
Buchstaben und deren okkulte Bedeutung.
Der Grundstein des Freimaurertums.
„I.“
Mysterien.
Die inneren Sinne.
Innerliche Sammlung.
Das Gastmahl.
Wiederverkörperung.
Die Kunst zu lieben.
Der einfache Begriff als Bedingung zur Unsterblichkeit.
Ich!
Pythagoras.
Körperliche Stellung als Bedingung zur Veredlung der Seele.
Die Sprache der Natur.
Das Johannisfest.
Danke!

Zoroasters Gespräche.

I.

Zu Zoroaster kam einst ein Höfling und sprach: „Man hört Wunderdinge von dir, wie du die Leute schlau abfertigen kannst, die etwas von dir erfragen wollen, und durch Märchen den Neugierigen Bescheid über Diesseits und Jenseits gibst. Erzähle mir auch so ein Gleichnis, woraus ich ersehen kann, wie es mir nach dem Tode gehen wird.“

Zoroaster erwiderte gelassen: „Ich habe selten so vornehme Besuche; du wirst mir daher erlauben, dir vor allem eine Erfrischung zu bieten. Du kennst vermutlich die Frucht Kikalia, die alle andern an Geschmack übertrifft?“

Der Höfling war damit sehr zufrieden, und Zoroaster gab ihm einen Topf mit Erde gefüllt.

„Was soll dies bedeuten?“ fragte der Höfling.

„Suche nur.“ antwortete Zoroaster.

Der Höfling durchwühlte die Erde, konnte aber die Frucht nicht finden. Beleidigt rief er aus: „Du willst meiner spotten! Da ist nichts zu finden. Was soll mir der Topf?“

Mit diesen Worten warf er den Topf an die Mauer, so dass er in Scherben zerbrach, und die Erde auf dem Boden zerstreut lag.

„So ist's recht!“ sagte Zoroaster. „Der Topf ist zu nichts nütze. Es war eine Kikalia hineingesetzt; allein der Gärtner hat sie verfaulen lassen.“

„Weshalb hast du mir diesen Streich gespielt?“

Zoroaster antwortete: „Du selbst bist ein mit lebendiger Erde gefüllter Topf. Das Samenkorn zur herrlichsten Frucht ist in dich gelegt; aber du hast dasselbe verfaulen lassen, und wenn nun keine Frucht in dir gefunden wird, so ist es leicht vorauszusehen, dass du, so wie jener Topf, weggeworfen wirst.“

II.

Bald darauf erhielt Zoroaster wieder einen Besuch von einem Höfling. Diesen ärgerte der Gleichmut des Weisen, weil er seine Ruhe nicht für natürlich, sondern für Verstellung hielt, und er sagte zu ihm:

„Du behauptest die Wahrheit zu lieben; aber Wahrheit sagen und Wahrheit hören, ist zweierlei. Alle Menschen sind geneigt, anderen ihre Fehler vorzuhalten, wollen aber selber nicht einmal den Schein eines Vorwurfes ertragen. Wenn du die Wahrheit liebst, so musst du sie auch hören können.“

Zoroaster sprach: „Sei mir willkommen.“

„Du hast dich losgemacht vom Urteil der Welt,“ fuhr der Höfling fort, „und dich in das Gebiet einer selbstsüchtigen Sonderheit gestellt, wo dir die Meinung anderer nicht beikommen kann. In dieser Sphäre achtest du weder Gebräuche noch Sitten; die Armut schreckt dich nicht, und der Reichtum reizt dich nicht; das Lob verachtest du, und du entziehst dich dem Tadel; die Ehre zieht dich nicht an, und die Huldigungen der Welt sind dir ein Possenspiel; selbst die Gnade oder Ungnade des Königs ist dir gleichgütig. Meinst du, die Welt wisse nicht, dass deine scheinbare Demut nichts als versteckter Hochmut, deine Gelassenheit ein Betrug und Verstellung ist? Du sagst dir, dass die Welt betrogen sein wolle, und wer dies am besten versteht, der geht am sichersten. Auf geradem Wege lässt sich nichts erringen. Du bist ein Meister in der Ausführung deines Planes; aber mit der Wahrheit solltest du nicht länger spielen.“

Zoroaster antwortete: „Trotz deiner Stellung hast du dir noch das Gute bewahrt, dass du deine Meinung noch offen aussprechen kannst. Du bist nicht ohne gute Anlage. Bleibe bei mir. Wir wollen zusammen etwas Lustiges erleben. Dort unten im Dorfe halten die Bauern allerlei Spiele ab. Wir wollen uns den Spaß mit ansehen.“

„Was kümmern mich diese läppischen Spiele!“ sprach der Höfling.

„Dann, in dem andern Dorfe werden heute Preise unter die Schuljungen verteilt.“

„Das kümmert mich wenig.“

„Im dritten Dorfe wird ein Gänsehirt gewählt. Es ist ein wichtiger Posten. Der Gänsehirt kommt gleich nach dem Bürgermeister.“

„Zum Teufel mit dem Gänsehirten und dem Bürgermeister!“ rief der Höfling aus und wollte sich entfernen. Der Weise hielt ihn zurück und sprach: „Sieh dir wenigstens mit mir den Hühnerstall an.“

Der Hühnerhof lag ganz in der Nähe. Sie gingen hin und betrachteten das Treiben dieser stets geschäftigen und doch beschäftigungslosen Tiere. Die Hennen suchten in der Erde scharrend nach Nahrung, während doch ganze Tröge voll vor ihnen standen; die Hähne stritten sich um die Herrschaft, und derjenige, welcher einen Vorteil über die anderen errungen hatte, sah verächtlich auf diese herab. Alles spähte und suchte und machte sich wichtig. Der von allen gefürchtete Hahn, sowie sein in eine Ecke vertriebener Gegner, blähten sich auf, und wenn sie ein Körnchen fanden, so lockten sie, laut krähend, die Hennen zu sich. Neues Zusammenrennen, neues Suchen, neues Kämpfen begann, und so ging es immer fort.

„Nun, was sagst du zu dieser Tätigkeit?“ fragte Zoroaster den Höfling, und dieser antwortete:

„Ich sage, dass ich einsehe, dass ich dir Unrecht getan habe. Ich hielt deine Anspruchslosigkeit für Hochmut, und jetzt finde ich, dass du ein Dummkopf bist. Ich finde an den Vorgängen an dem Hühnerstalle kein Interesse.“

„Da hast du recht,“ sprach Zoroaster. „Ich auch nicht; und auch das Treiben eurer sogenannten großen und aufgeklärten Welt hat für mich ebenso wenig Interesse, als dieser Hühnerstall. Sieh! Jedes Wesen hat ein Ziel, das gleichsam die Sonne seines Lebens ist. Um diese dreht es sich und nach dieser richtet es sich und beurteilt die anderen Geschöpfe danach. Der Gänsehirt dünkt sich heute ebenso groß als ein Prinz, und deine Sonne ist dein Ansehen in dem Hühnerstall deines Hofes. Aber es gibt eine Sonne, die unendlich höher steht als alle diese eingebildeten Herrlichkeiten und gegen welche die größte Herrlichkeit dieser Welt wie ein Kinderspielzeug erscheint. Wer im Lichte dieser Sonne steht, dem erscheint euer Treiben bedeutungslos, und es ist folglich weder Demut noch Hochmut, wenn er sich um euer Urteil nichts kümmert. Wenn du aber an diese Sonne nicht glauben kannst, so wirst du auch das, was ich sage, nicht verstehen.“

„Bist du im Lichte dieser Sonne?“

„Seine Erkenntnis ist mein Ziel.“

„Und was nützt dir diese Erkenntnis?“ „Sie macht meine Glückseligkeit aus,“ antwortete Zoroaster. Der Höfling aber konnte dies nicht begreifen, weil er nichts von dieser Glückseligkeit, welche die Erkenntnis der Wahrheit mit sich bringt, empfand.

III.

Zoroaster wurde von einem seiner Schüler gefragt: „Welche Beweise seiner Gnade gibt mir der ewige Geist?“ Er antwortete: „Du fragst sonderbar! Und doch ist dies eine Frage, die viele Menschen tun. Sie meinen, wo keine Beweise von Gnade vorhanden seien, da sei auch keine Gnade und kein Gnadenspender. Daher kommt die Lauheit, Ungläubigkeit, Trägheit und Ungelehrigkeit in der Lebensweise, wo es so schwer ist, das Ziel und die Zwecke zu sehen. Sage mir, warst du schon in der ersten Zeit deines Hoflebens imstande, die Stimmung des Königs zu erkennen?“

Höfling: „Wie wäre dies möglich gewesen? Du weißt selbst, in welch gleicher Haltung alles bei Hofe erscheint; einer Haltung, die vom Könige ausgeht, die er gewissenhaft handhabt, um in einer so großen Anstalt Ordnung zu erhalten, und alle Glieder derselben planmäßig zu bewegen. Dem Neuling erscheint der König gleich, und es bedarf großer Übung, die Hüllen zu durchschauen, und seine wahre Stimmung zu sehen. Noch schwerer aber ist es, in dieser Übereinstimmung an sich selbst etwas herauszuheben, um sich dem Könige bemerkbar zu machen. Diese Anstrengung aller wird dir auch nicht entgangen sein.“

Zoroaster: „Sie ist mir nicht entgangen, und ich habe gesehen, welche Mühe sich der Mensch geben kann, wenn es ihm ernst ist. Dort hat man Geduld, übt sich täglich in Haltung, Gebärden, Mienen und Blicken, Stellung und Sprache. Dort ist keine Lauheit, keine Trägheit, Ungelehrigkeit oder Unglaube; man geht seinem Ziele entgegen, und nur gewaltsame Hindernisse können den Strebenden abschrecken. Was du bei Hofe getan hast, tue auch hier, und du wirst dein Ziel erreichen.“

Höfling: „Wie! Der ewige König, diese ewige Kraft, vor der alles nur Staub ist, stünde auch in einer solchen Entfernung? Er hätte auch sich umgeben mit großen und kleinen, engen und noch engeren Zirkeln, um dem Suchenden den Zutritt zu erschweren?“

Zoroaster: „Warum denn nicht?“

Höfling: „Mache mich nicht verwirrt. Der Geist ist in ewiger Kraft. Er vollbringt, was er will, denn sein Wille ist schon Vollbringen. Wie wäre es nur denkbar, dass er Rücksichten hätte, und sich nicht gleich jedem zeigte, so wie er ist?“

Zoroaster: „Da er sich nicht gleich jedem zeigt, wie er ist, sondern ernstlich gesucht sein will, können wir daraus schließen, dass ihn so wenige kennen. Wäre er so leicht zu erkennen, wie er ist, wie wenige würden seine Nähe ertragen! Frechheit, Stolz, Rechthaberei, Rangsucht und Herrschsucht würden ihr Gift in das Allerheiligste bringen, und so den Tempel der ewigen Liebe in einen Gemeinplatz verwandeln. Was würde aus dem inneren Zirkel eines Königs werden, wenn jeder, der dazu Lust hat, sich eindrängen könnte? Würde nicht dadurch die ganze innere Ordnung gestört werden, ohne dass der Eindringling einen Nutzen davon hätte. Was würde selbst aus den Elementen der Natur werden, wenn nicht zwischen ihnen Scheidewände gezogen wären, um das Eindringen des einen in das andere zu erschweren. Die Erde, das Wasser, Luft und Feuer, jedes hat seine ihm angewiesene Sphäre, und wenn sie sich vermischen, so geschieht es nach bestimmten Gesetzen und Bedingungen. Die Erde lässt nur so viel Wasser in sich eindringen, als sie bedarf, und sendet den Rest in das Meer. Das Meer wirft die Erde von sich oder versenkt sie in die Tiefe. Die Luft herrscht über Erde und Meer, und das Feuer ist zwar überall vorhanden, aber auch überall abgesondert, wenn sich die Bedingung auflöst, durch welche es an andere Elemente gebunden ist. Nur das ewige Gesetz der Ordnung vermag alle vier Elemente miteinander zu verbinden, und nur in ihrer Verbindung sind sie dem Menschen nützlich. In der geistigen Welt ist es nicht anders. Der Schöpfer des Weltalls ist die reinste Lichtkraft, die beherrschend und verzehrend über allem steht, wie das Feuer über der sichtbaren Schöpfung. Welches Wesen ist rein genug, sich einer solchen Kraft unmittelbar zu nahen? Ist es nicht notwendig, erst untergeordnete, uns mehr verwandte Kräfte zu suchen, mit welchen wir uns verbinden, um so nach und nach das Allerheiligste zu berühren und es in uns aufzunehmen? Betrachte die Natur in allen ihren Teilen; betrachte die Fähigkeiten und Kräfte des Menschen! Überall findest du Scheidepunkte, Abstufungen und allmähliches Aufsteigen vom Niedrigen zum Höheren und endlich zum Höchsten.

Höfling: „Ich begreife, was du sagst; es ist naturgemäß. Aber gerade darin liegt die Schwierigkeit, weil es den Menschen vom Wege der Ausübung in das Reich einer Wissenschaft führt, deren Anfang und Ende er nicht kennt; denn du wirst zugeben, dass, um Stufen zu ersteigen, dieselben gesehen und gekannt sein müssen. In der sichtbaren Natur sind sie bezeichnet, aber in der geistigen fehlen dem Wanderer Namen und Ausdrücke dafür.1 Sage mir, welches ist die erste, zweite, sechste, zwölfte Stufe? Der Blinde kann die Leiter nicht ersteigen, die er nicht sieht.“

Zoroaster: „Wenn man ihm aber Hand und Fuß an die ersten Sprossen der Leiter setzt, so steigt er so gut als der Sehende.“

Höfling „Nun so lege mir Hand und Fuß an die Leiter, von der ich nicht einmal weiß, wo sie sich befindet.“

Zoroaster: „Soweit seid ihr Gelehrte mit eurem Wortkram gekommen. Wenn ihr nur eine Sache benennen könnt, so meint ihr alles zu haben; um den Geist derselben kümmert ihr euch nicht. Die Natur ist in ihren Kräften überall ein Geheimnis, nur einige Wirkungen kennen wir. Wer den Geist der Natur erforschen will, muss Wirkungen suchen, unbekümmert, ob sie Namen haben oder nicht. Die Vernunft klebt an der Regel, und man hätte der Menschheit keinen schlimmeren Streich spielen können, als man die Vernunft zum höchsten Vermögen des Menschen stempelte. Die Vernunft ist ein hohes Geschenk, aber sie ist nicht frei. Sie schleicht hinter den Wirkungen her. Sie sagt, dass dies und jenes so und so ist, aber woraus dieses Sein entspringt, weiß sie nicht. Von freier Kraft äußert sie keine Spur und darf sie nicht äußern, weil sie alles auseinandersetzen muss. Kann sie aber die Kräfte des Sehens, des Hörens usw. erklären? Sie sagt nur: dies sieht man, dies hört, riecht, fühlt, schmeckt man usw. Woraus das Sehen, Hören usw. entspringt, und wie es geschieht, darüber muss sie schweigen. Wenn wir in das Reich des Geistigen übergehen, so kann sie gar nichts mehr, als Beobachtungen sammeln. Sehen, Hören, Riechen usw. sind sichtbare Kräfte. Ahnen, Wünschen, Hoffen, Glauben usw. sind geistige Kräfte.2 Meinst du wohl, nur derjenige vermöge zu ahnen, der das Wort „Ahnen“ kennt, oder nur derjenige könne sehen, der die Theorie des Sehens studiert hat? Die Kräfte sind vorhanden; sie wirken, wenn wir sie auch nicht benennen können. Du brauchst dich nicht darum zu kümmern, wie die Kräfte deines Lebens heißen. Suche ihre Wirkungen auf und aus dem Einflusse, den sie auf dich ausüben, lerne sie leiten, pflegen und zur Vollendung in dir führen.3 Wer sucht, der findet. Wer seine Ahnung steigert, seinen Wunsch nährt, seine Hoffnung stärkt, und seinen Glauben zum lebendigen Gefühl, zum Bedürfnis erhebt, der wird über die Kräfte des Geistes, über das Wesen des Schöpfers und des Lebens selbst nicht länger in Ungewissheit sein. Er wird erkennen und dem Ewigen dankbar sein.“

Zoroasters Weisheit.

Das Eine.

Zoroaster sprach zu einem Jünger: „Nur eines ist Not! Wer mehrere Notwendigkeiten hat, der ist wie ein Spielball, der schließlich in eine Pfütze fällt und in ihr liegen bleibt.“ Und er machte ihm dies durch folgendes Beispiel klar: Ein Gärtner flehte einst zu Brahma, ihm einen seltenen Baum zu schenken, wie er einen solchen bei einem anderen Gärtner gesehen hatte. Nach vielen Bitten wurde er erhört. In der Mitte seines Gartens spross bald ein Baum nach seinem Wunsche empor. Groß war die Freude des Besitzers, aber da seine Wohnung vom Garten ziemlich weit entfernt war, so machte ihm die Pflege des Baumes viele Mühe, und wurde oftmals versäumt, weshalb die Früchte niemals die Vollkommenheit erlangten, die der Gärtner wünschte. „Vor meinem Hause sollte ich einen solchen Baum haben,“ sprach er zu sich, und so nahm er denn einen kleinen Zweig von dem Baume des Lebens und setzte ihn vor seiner Wohnung in einen Topf. Wohl trieb der Zweig Wurzeln und wuchs, aber er hatte doch nicht dieselbe Kraft, wie wenn er aus dem Kerne gewachsen wäre; seine Früchte gelangten nicht zur Reife und blieben am Ende aus. Schließlich verdorrte auch der junge Baum, und als der Gärtner nach dem alten sah, den er so lange vernachlässigt hatte, da war dieser blätterlos, die Wurzeln von Würmern zerfressen, und keine Mühe konnte mehr gut machen, was die Saumseligkeit verdarb.

Da wandte er sich wieder an Brahma, aber eine Stimme sprach zu ihm: „Tor! Ich gab dir, was du begehrtest, und es genügte dir nicht. Du hattest einen Baum und pflegtest nur einen Zweig. Wer das Ganze hat, soll nicht wegen etwas Einzelnen das Ganze vernachlässigen. Du bist meiner Gaben nicht würdig.“

Der Jünger sprach: „Ich begreife die Anwendung dieser Geschichte nicht,“ und Zoroaster antwortete: „Dann kennst du auch den Baum des Lebens nicht, sondern spielst mit dem Zweige. Der Gedanke ist des Menschen höchstes Kleinod. Der Baum des Lebens ist das ewige Wort. Aus ihm entspringt alles Denken, alle Gedanken und alle Zweige des menschlichen Wissens. Wer nun eines besonderen Zweiges bedarf, soll er den Zweig vom Baume reißen und den Baum darüber vergessen? Meinst du, es sei für denjenigen, der in der Sonne sitzt, für jede geistige Tätigkeit ein besonderes Licht nötig? Es gibt nur eine einzige Geistessonne; in dieser sieht man alles, wie im äußerlich sichtbaren Sonnenlicht. Wer ihr Licht von ihr absondern will, der entfernt sich von ihr und verliert sich am Ende selbst in der Finsternis. In der allgemeinen Sonne des Gedankenlebens sieht man alles, und jeder einzelne Gegenstand spiegelt sich darin. Im Einzelnen ist nichts als Täuschung.“

„Aber die menschliche Gesellschaft hat der Geschäfte so viele, und zu jedem gehört eine eigene Geschicklichkeit. Folglich muss auch Vereinzelung notwendig sein?“

Auf diese Frage antwortete Zoroaster: