Weisheit - - Judith Glück - E-Book

Weisheit - E-Book

Judith Glück

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15,99 €

Beschreibung

Wenn wir von weisen Menschen sprechen, denken viele spontan an den Dalai Lama, an Nelson Mandela, vielleicht an Papst Franziskus. Was macht deren Weisheit aus? Und was ist Weisheit eigentlich genau? Fällt sie einem Menschen zu wie eine Gabe, oder beruht sie auf Fähigkeiten, die sich unter Umständen sogar erlernen lassen?

Die Weisheitsforscherin Judith Glück entschlüsselt in diesem Buch das Geheimnis weiser Menschen. Ihre Schlussfolgerungen aus Jahrzehnten der psychologischen Weisheitsforschung haben fünf Eigenschaften herausgearbeitet, über die weise Menschen verfügen: Offenheit für neue Perspektiven, Einfühlungsvermögen, Reflektiertheit, ein kluger Umgang mit den eigenen Gefühlen und Selbstvertrauen.

Diese Eigenschaften sind aber nicht angeboren, sondern können erlernt werden. Es ist also für jeden möglich, mit Lebenserfahrungen so umzugehen, dass sich daraus das formt, was wir Weisheit nennen. So lautet das erfreuliche Fazit dieses erhellenden und tiefgründigen Buchs: Jeder Mensch kann weise werden.



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Seitenzahl: 283

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ÜBER DAS BUCH:

Das Geheimnis weiser Menschen.

Wie wird man weise, und warum ist Weisheit so selten? Fällt sie einem Menschen zu wie eine Gabe, oder beruht sie auf Fähigkeiten, die sich erlernen lassen?

Die Weisheitsforscherin Judith Glück ist dem Geheimnis der Weisheit auf den Grund gegangen und hat dabei eine Reihe von Eigenschaften ans Licht gebracht, über die weise Menschen verfügen. Wenn wir diese Eigenschaften in uns fördern, kann es uns gelingen, aus Lebenserfahrungen Weisheit zu gewinnen.

ÜBER DIE AUTORIN:

Judith Glück wurde 1969 geboren. Studium der Psychologie und Doktorat Universität Wien. Bis 2002 Postdoctoral Research Fellow für Lifespan Psychology am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin. Nach der Habilitation 2002 Rückkehr an die Uni Wien als außerordentliche Professorin für Entwicklungspsychologie. Seit 2007 Professorin für Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Forschungsschwerpunkte: Entwicklung im Erwachsenenalter und das Thema Weisheit.

Judith Glück

Weisheit

Die 5 Prinzipien

des gelingenden

Lebens

Kösel

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Copyright © 2016 Kösel-Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Weiss Werkstatt, München

Umschlagmotiv: © shutterstock/Zomko Sofiia

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN 978-3-641-18883-2V001

www.koesel.de

Inhalt

Einleitung

Eine kurze Geschichte der psychologischen Weisheitsforschung

Wie entwickelt sich Weisheit?

Die Suche nach Weisheit in autobiographischen Geschichten

Prinzip 1: Offenheit

Offenheit als Persönlichkeitseigenschaft

Lebenslang offen für Neues bleiben?

Offenheit und der Weg zur Weisheit

Kann man auch zu offen sein?

Etwas offener werden

Prinzip 2: Der gute Umgang mit Gefühlen

Gefühle wahr- und ernstnehmen

Emotionale Abgrenzung – einen Schritt zurücktreten

Das Bauchgefühl und sein Anwalt im Kopf

Das Negative abwehren?

Gesunde und ungesunde Emotionsregulation

Weisheit und die »dunkle Seite«

Der gute Umgang mit Gefühlen und der Weg zur Weisheit

Kann man auch zu sensibel sein?

Den Umgang mit Gefühlen üben

Prinzip 3: Einfühlungsvermögen

Mitgefühl bei Menschen und anderen Tieren

Das Ausschalten des Mitgefühls

Mitdenken statt mitfühlen?

Macht Mitgefühl uns zu besseren Menschen?

Mitgefühl und der Weg zur Weisheit

Kann man auch zu viel Mitgefühl haben?

Mitfühlen und mitdenken lernen

Prinzip 4: Kritisches Reflektieren

Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?

Sich selbst hinterfragen

Weiterentwicklung durch Reflektion von Erfahrungen

Reflektivität und der Weg zur Weisheit

Kann man auch zu reflektiv sein?

Reflektiver werden

Prinzip 5: Die Überwindung der Kontrollillusionen

Kontrolle macht glücklich

Die Verteidigung der Illusionen

Die Akzeptanz der Unkontrollierbarkeit

Über das Sterben nachdenken

Weisheit, Spiritualität und Dankbarkeit

Kontrolle über das Kontrollierbare

Realistisches Kontrollgefühl und der Weg zur Weisheit

Wie kann man seine eigenen Kontrollillusionen reduzieren?

Das gute Leben: Wie Weisheit entsteht und was sie bewirkt

Das »Weisheitssyndrom« und seine Entwicklung

Die Bedeutung anderer Menschen für die Entwicklung von Weisheit

Nebenwirkungen des Weisheitssyndroms

Wie leben weise Menschen?

Weisheit und Altern

Die westliche Weisheit des 21. Jahrhunderts?

Dank

Quellen

Ausgewählte Literatur

Einleitung

Was ist Weisheit eigentlich? Seit 1999 beschäftige ich mich damit, wie man diese komplexe und seltene Eigenschaft wissenschaftlich untersuchen kann, und dementsprechend häufig werde ich nach der Definition von Weisheit gefragt. Aber ich habe immer noch keine endgültige Antwort. Vielleicht finde ich eines Tages eine, aber möglicherweise gibt es auch keine, jedenfalls keine eindeutige.

Was verstehen Sie selbst unter Weisheit? Kennen Sie jemanden, den Sie als weise bezeichnen würden? Die meisten Menschen kennen zumindest eine Person, die sie als einigermaßen weise ansehen. Sehrweise Menschen sind, wie ich aus Forschungserfahrung weiß, äußerst selten, und den idealtypischen weisen Menschen gibt es im wirklichen Leben vermutlich gar nicht. Aber auch von den etwas Weiseren unter uns können wir schon viel lernen, und viele von ihnen kommen in diesem Buch zu Wort.

Eine Möglichkeit, zu einer Definition von Weisheit zu gelangen, besteht darin, einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung, also Menschen wie Sie und mich, zu fragen, was Weisheit für sie bedeutet. Gäbe es sehr große Unterschiede zwischen den Antworten der Befragten, wäre es sicherlich nicht sinnvoll, eine solche Eigenschaft ernsthaft erforschen zu wollen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass es in Bezug auf die wichtigsten Eigenschaften, die der Weisheit zugeschrieben werden, eine große Übereinstimmung gibt.1 Die meisten Befragten stellen sich unter einem weisen Menschen jemanden vor, der viel Lebenserfahrung hat und diese nicht nur zu seinem eigenen, sondern vor allem auch zum Wohl anderer Menschen einsetzt. Jemanden, den man bei Schwierigkeiten um Rat fragt und dessen Ratschläge tatsächlich hilfreich sind, weil sie neue Perspektiven und Lösungswege eröffnen.

Um solche Ratschläge erteilen zu können, braucht ein weiser Mensch zum einen bestimmte kognitive Fähigkeiten: Er muss in der Lage sein, auch komplexe und widersprüchliche Sachverhalte von verschiedenen Seiten zu betrachten, um alle ihre Aspekte zu erfassen und zu durchdringen. Zum anderen muss er über ein breites und gleichzeitig tiefes Wissen verfügen, um das konkrete Problem richtig interpretieren zu können. Wissen und Denken allein machen aber die Weisheit noch nicht aus. Der weise Mensch muss auch in der Lage sein, sich in diejenigen, die seinen Rat suchen, hineinzuversetzen, um ihnen helfen zu können. Vielleicht erkennt er, dass der Ratsuchende dabei ist, einen schweren Fehler zu begehen, oder dass er jemand anderen sehr ungerecht behandelt. Wie kommuniziert er das so, dass es beim Gegenüber auch richtig ankommt und nicht etwa übel genommen wird? Weise Menschen sind außerordentlich gut im Zuhören. Sie respektieren und akzeptieren andere Menschen, sie verachten oder verurteilen nicht. Vielleicht weil sie aus eigener Erfahrung gelernt haben, wie schwer das Leben sein kann. Möglicherweise ist dies auch der Grund, warum sie Erkenntnisse vermitteln können, die in anderer Form kaum angenommen würden.

Allein schon aufgrund der dafür erforderlichen Breite und Tiefe an Wissen und eigener Erfahrung denken wir uns weise Menschen eher alt als jung. Auch diese gewisse Gelassenheit, die Souveränität oder das In-sich-selbst-Ruhen, die wir mit Weisheit verbinden, geht nach Meinung der meisten Menschen eher mit einem etwas höheren Alter einher – jener Lebensphase, in der man schon recht gut unterscheiden kann, welche (wenigen) Dinge es wert sind, sich ihretwegen zu ärgern oder Sorgen zu machen, und welche nicht. Weise Menschen, so stellen wir sie uns jedenfalls vor, sind mit sich, dem Leben und der Welt im Reinen. Sie wissen, wer sie sind und was sie brauchen, und trotzdem – oder vielleicht genau deswegen? – sind sie in hohem Maße für andere da, engagieren sich gesellschaftlich oder politisch und tun viel für die Schwächeren und weniger Glücklichen in unserer Gesellschaft.

Das klingt alles sehr erstrebenswert, aber wie wird man so? Dies ist die zweithäufigste Frage, die mir gestellt wird: Was kann ich tun, um weise zu werden? Heutzutage wollen wir so viel: In jungen Jahren den großen beruflichen Erfolg, etwas später dann die perfekte Kombination dieses Erfolgs mit einer glücklichen Familie, schließlich ein körperlich und seelisch gesundes Altern, und für die ganz späten Jahre wäre Weisheit vielleicht ein lohnendes Ziel. Leider ist es nicht so einfach, weise zu werden, sonst wäre unsere Welt vermutlich ein besserer Ort. Der Weg zur Weisheit ist lang, steinig, häufig steil und unbequem. Immer wieder ist man versucht, eine leichtere, ebene und landschaftlich schönere Strecke zu wählen. Die Entwicklung von Weisheit erfordert eine intensive Auseinandersetzung auch mit den weniger schönen Seiten des Lebens: mit der eigenen Verantwortung für Dinge, die schiefgegangen sind, mit schmerzhaften Erlebnissen, die uns jederzeit widerfahren können, mit den weniger erwünschten Facetten des eigenen Selbst. Oft ist es angenehmer, über diese Themen nicht zu viel nachzudenken, sondern sich lieber ein paar Illusionen zu bewahren. Den meisten von uns gelingt es deswegen auch, ein einigermaßen gutes Leben zu führen, uns im Allgemeinen wohlzufühlen und nur selten an unsere Grenzen zu stoßen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur: Weise werden wir so nicht. Wer sich auf die Reise zur Weisheit begeben will, der muss bereit sein, in die Tiefe zu gehen und Schmerz auszuhalten, und den starken Wunsch haben, wirklich zu lernen und zu verstehen – auch das, was ein anderer vielleicht lieber nicht wissen will. Deshalb glaube ich, dass es nur begrenzt sinnvoll ist, sich Weisheit als Ziel zu setzen, so, wie man sich eine Beförderung oder eine sportliche Leistung als Ziel setzt. »Weise werden« ist kein Punkt auf der Agenda, auf den man hinarbeiten und den man irgendwann abhaken kann. So funktioniert es nicht, denn wer unbedingt weise werden will, der hat zu sehr den Leistungsgedanken, die Optimierung im Kopf. Weise wird, wer verstehen will, und zwar nicht, um sich selbst zu optimieren, sondern aus einem genuinen Interesse heraus daran, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und aus einem genuinen Mitgefühl für alle Menschen.

Dieses Buch befasst sich mit der Entwicklung von Weisheit. In einem großen Forschungsprojekt haben wir weise Menschen über besonders schwierige Ereignisse ihres Lebens befragt und dabei ungeheuer viel gelernt – darüber, was Weisheit ausmacht, und über die Wege, auf der Menschen zu ihr gelangen. Ich hoffe, hier einiges von dem Gelernten an Sie weitergeben zu können. Die Lektüre eines Buches wird ganz bestimmt nicht ausreichen, um weise zu werden, aber ich bin überzeugt, dass sich auch schon ein paar Schritte auf dem Weg zur Weisheit lohnen und dass diese Schritte fast allen Menschen möglich sind. Wie im Laufe des Buches genauer erläutert wird, gehen wir davon aus, dass es bestimmte Denkweisen oder Haltungen gibt, die uns dazu befähigen können, aus Lebenserfahrungen neue Perspektiven und letztlich auch etwas Weisheit zu gewinnen.

Hauptthema des Buches ist also gewissermaßen gar nicht die Weisheit selbst, sondern die seelischen Ressourcen, die uns helfen können, uns der Weisheit zu nähern, indem wir aus Lebenserfahrungen lernen und an ihnen wachsen. Wir alle erleben Dinge, die uns belasten und beschäftigen und die wir irgendwie zu bewältigen versuchen. Oft besteht der einfachere Weg darin, Unangenehmes wie Schuldgefühle oder Ängste zu verdrängen und an etwas anderes zu denken. Der steinige Weg zur Weisheit aber verlangt von uns, solche Gefühle wahr- und ernst zu nehmen, unser Verhalten zu hinterfragen, uns in andere hineinzuversetzen und immer wieder Neues über uns selbst zu lernen. Auf lange Sicht können wir über diesen Weg dem Ideal des guten Lebens, des Friedens mit uns selbst und mit unserer Umwelt, immer näher kommen.

In diesem Buch stelle ich Ihnen fünf Ressourcen vor, die Menschen auf dem Weisheitsweg weiterbringen können. Zunächst aber möchte ich Ihnen eine Idee von der Forschung vermitteln, auf der diese Erkenntnisse beruhen. Wenn Sie sich dafür nicht so sehr interessieren, können Sie diesen Abschnitt gerne überspringen und direkt bei »Wie entwickelt sich Weisheit?« weiterlesen. Vielleicht bekommen Sie ja später auch ein bisschen Lust, die Vorgeschichte nachzulesen.

Eine kurze Geschichte der psychologischen Weisheitsforschung

Die Psychologie ist eine relativ junge Wissenschaft, die sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständige Disziplin aus der Philosophie sowie der Medizin und Biologie entwickelt hat. Interessanterweise hat sich die Philosophie, die die »Liebe zur Weisheit« sogar im Namen trägt, selten und in der Neuzeit noch weniger als vorher mit der Weisheit als menschlicher Eigenschaft befasst.2 Von Anfang an ging es ihr eher darum, weise Gedanken und Ideen zu beschreiben. Auch der Psychologie lag die Beschäftigung mit so komplexen Eigenschaften lange Zeit eher fern; sie befasste sich zunächst vor allem mit Prozessen, die bei allen Menschen gleichartig ablaufen und also bestimmten Regelhaftigkeiten folgen, wie etwa der menschlichen Wahrnehmung. Die Entwicklungspsychologie beispielsweise konzentrierte sich auf die Kindheit und Jugend, während deren der Erwerb verschiedener Fähigkeiten bei den meisten Menschen einem relativ einheitlichen Ablauf folgt.

Eigenschaften wie Weisheit, die sich erst im Laufe des Erwachsenenalters entwickeln und noch dazu nur bei manchen Menschen, standen lange Zeit nicht im Vordergrund. Überhaupt interessierten sich zunächst nur wenige Forscherinnen und Forscher für Entwicklungsprozesse, die mit dem Altern assoziiert sind. Einer der ersten war G. Stanley Hall, der sich vor allem mit der Erforschung des Jugendalters beschäftigte, aber 1922 mit 76 Jahren ein Buch über das Altern verfasste.3 Darin setzte er sich auch intensiv mit seinen eigenen Erfahrungen in dieser Lebensphase auseinander und argumentierte, dass aufgrund der – damals schon! – vorherrschenden Überbewertung der Jugend die Qualitäten des Alterns, vor allem eben die Weisheit, von der Gesellschaft zu wenig geschätzt und wichtige Potenziale älterer Menschen missachtet würden. Er meinte, dass es vielen Menschen im Alter gelinge, eine gelassenere und weniger selbstbezogene Perspektive einzunehmen und dadurch größere Zusammenhänge und deren moralisch-ethische Bedeutung besser zu erkennen. Diese Gedanken passen gut zu verschiedenen Ideen der modernen Weisheitsforschung, sie wurden jedoch von der wissenschaftlichen Forschung zunächst nicht aufgegriffen.

Etwa ab den 1950er-Jahren konzentrierte sich die Psychologie dann sehr stark auf die Messung und Quantifizierung menschlicher Eigenschaften und Verhaltensweisen: Mit der zunehmenden Verwendung mathematisch-statistischer Verfahren zur Auswertung psychologischer Studien wurde es immer wichtiger, die untersuchten Eigenschaften und Verhaltensweisen in Zahlen ausdrücken zu können. Objektive Messwerte wie der Intelligenzquotient, die Häufigkeit bestimmter Verhaltensweisen pro Woche, das Ausmaß des Blutdruckanstiegs unter Belastung traten gegenüber subjektiven Eindrücken und Interpretationen in den Vordergrund. Die Methoden zur Messung und statistischen Auswertung wurden stark verfeinert, was die wissenschaftliche Fundierung der psychologischen Begriffe, mit denen wir heute arbeiten, zweifellos vorangetrieben hat. Aber nun wagte man sich an komplexe Eigenschaften wie die Weisheit, die sich kaum präzise definieren und noch weniger leicht messen und in Zahlen ausdrücken lassen, natürlich erst recht nicht heran.

Ausnahmen fanden sich am ehesten im Umfeld der Psychoanalyse, die sich den Forderungen nach Quantifizierung und Statistik oft mit dem Argument entzog, dass man unbewusste Prozesse schließlich nicht mit Fragebögen erfassen könne. Der berühmte Psychoanalytiker Erik H. Erikson befasste sich schon 1950 mit der menschlichen Entwicklung nicht nur in der Kindheit, sondern im gesamten Lebenslauf.4 Er stellte die These auf, dass jede Lebensphase durch einen bestimmten Konflikt gekennzeichnet sei, ein Thema, mit dem sich das Individuum auseinandersetzen müsse. In der Jugend sei dies beispielsweise die Findung einer eigenen, von Eltern und Freunden abgegrenzten Identität, im höheren Alter hingegen gehe es vor allem darum, das eigene Leben im Rückblick in seiner Gesamtheit annehmen und einen Sinn darin erkennen zu können. Ähnlich wie G. Stanley Hall war er der Auffassung, dass Menschen, denen es gelungen ist, ein ihrem inneren Selbst weitgehend entsprechendes Leben zu führen, im höheren Alter einen Zustand der friedlichen philosophischen Betrachtung, der Akzeptanz der eigenen Lebensgeschichte und damit auch der Annahme der eigenen Sterblichkeit erreichen können.

Später schrieb Erikson allerdings interessanterweise, dass er die Schwierigkeit dieser philosophischen Haltung aus seiner damaligen Perspektive unterschätzt habe: »Die Forderung, im hohen Alter Integrität und Weisheit zu entwickeln, erscheint ein bisschen ungerecht, insbesondere wenn sie von Theoretikern mittleren Alters erhoben wird, wie wir es damals waren.«5 Diese Worte sind eine wichtige Mahnung auch an uns heutige Weisheitsforscherinnen und -forscher: Die wenigsten von uns sind wohl selbst weise genug, um diese Eigenschaft in allen ihren Facetten erfassen zu können. Unsere Theorien können sich ihr immer nur annähern. Weisheit ist eine seltene und außergewöhnliche Eigenschaft, und den meisten von uns wird es nicht vergönnt sein, sie in hohem Maße zu erwerben. Deshalb müssen wir immer wieder hinterfragen, inwieweit unsere Vorstellungen von Weisheit vielleicht nur unsere persönlichen Vorstellungen von optimaler Entwicklung wiedergeben.

Ab den 1980er-Jahren begann die Psychologie, sich für das Thema Weisheit zu interessieren. Ein wichtiger Grund dafür war zweifellos das zunehmende wissenschaftliche Interesse am Altern überhaupt: Angesichts des medizinischen Fortschritts, der immer mehr Menschen ein langes und relativ gesundes Alter ermöglicht, und der gesellschaftlichen Veränderungen, insbesondere der sinkenden Geburtenzahl, wurde bald klar, dass sich die Altersverteilung in der Bevölkerung verändern würde. In Zukunft wird ein immer größerer Anteil der Bevölkerung über 60, 70, ja über 100 Jahre alt sein.

Mit dieser Erkenntnis wuchs auch das wissenschaftliche Interesse daran, was das Altern eigentlich mit uns macht, ob und wie es unser Denken, unser Gedächtnis, unsere Persönlichkeit verändert. Zunächst war das vorherrschende Bild des Alterns ein negatives, in der Allgemeinbevölkerung ebenso wie bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Eine Studie von 1989 untersuchte zum Beispiel, wie sich »ganz normale Menschen« die Entwicklung psychologischer Eigenschaften im Laufe des Lebens vorstellten.6 Dabei zeigte sich deutlich, dass Eigenschaften umso positiver bewertet wurden, je mehr sie mit frühen Lebensphasen assoziiert wurden. Positive Eigenschaften wie geistige Gesundheit, klares Denken oder Neugier wurden als typisch für junge Menschen gesehen. Erfahrung und Gelassenheit wurden mit dem Alter ab 40 in Verbindung gebracht. Mit dem höheren Alter assoziierten die Befragten vor allem negative Eigenschaften: Ängstlichkeit, Vergesslichkeit, Verbitterung. Es gab nur zwei Ausnahmen: Würde und Weisheit wurden als die einzigen positiven Eigenschaften des hohen Alters angesehen.

Interessant ist aber auch, dass die älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dieser Studie ein deutlich differenzierteres Bild des Alterns hatten und mehr positive Veränderungen bis ins hohe Alter sahen. Auch in unseren Studien zeigt sich immer wieder, dass viele Menschen das Gefühl haben, sich im Laufe ihres Erwachsenenlebens durch ihre Erfahrungen deutlich weiterentwickelt zu haben. Obwohl die wenigsten Menschen sich selbst als weise bezeichnen würden, haben doch viele das Gefühl, einiges aus dem Leben gelernt zu haben. Genau dieses Lernen aus dem Leben bildet auch die Grundlage für die Entwicklung von Weisheit. Allerdings sind nicht alle Erkenntnisse, die man so erwirbt, auch weise Erkenntnisse. Um Weisheit zu entwickeln, braucht es eine besonders intensive und auch selbstkritische Auseinandersetzung mit den Erfahrungen des Lebens.

Seit jenen ersten Studien haben viele Forscherinnen und Forscher das ursprüngliche negative Bild der geistigen und seelischen Alterungsprozesse hinterfragt und differenziert. Mittlerweile ist eine der wichtigsten Grundannahmen der Entwicklungspsychologie in Bezug auf die gesamte Lebensspanne, dass sich individuelle Entwicklungsverläufe stark unterscheiden und keineswegs alle Menschen mit dem Alter generell »abbauen«.7

In der Tat lassen manche Leistungen, wie etwa unsere Sehfähigkeit, die Geschwindigkeit unserer Reaktionen oder das Gedächtnis für unwichtige Details, bei der Mehrheit der Menschen schon ab dem mittleren Alter messbar nach, aber in anderen, für die meisten von uns wichtigeren, Bereichen können bis weit ins Alter hinein positive Entwicklungsprozesse stattfinden: Dort, wo wir beruflich tätig sind oder uns privat engagieren, können wir unsere Kompetenzen durch Erfahrungslernen lebenslang steigern. Zudem erleben, wie bereits angesprochen, viele Menschen ihr Erwachsenenalter als eine Zeit des Lernens aus dem Leben selbst: Wir werden gelassener; wir lernen uns zu erlauben, was uns guttut; wir entwickeln in unseren Beziehungen das optimale Gleichgewicht aus Autonomie und Nähe.

Diese Erkenntnisse über die Vielschichtigkeit psychologischer Entwicklungen im Erwachsenenalter führten zu den ersten Versuchen, sich mit der Psychologie der Weisheit auseinanderzusetzen. Eine wichtige Basis dieser ersten Überlegungen bildete die damals hochaktuelle Forschung zum sogenannten Expertenwissen: Wie ist es möglich, dass viele Menschen in den Bereichen, die sie ihr Leben lang interessiert und beschäftigt haben, auch noch im hohen Alter ausgezeichnet funktionieren (denken Sie an 90-jährige Schriftsteller, Malerinnen, Philosophinnen, Psychotherapeuten) – obwohl man doch weiß, dass wichtige Grundlagen intellektueller Leistungen wie die Wahrnehmungsgeschwindigkeit oder das Arbeitsgedächtnis schon ab den mittleren Jahren abbauen?

Die Erklärung liegt in der lebenslangen Übung. Wenn Sie noch nie in Ihrem Leben Schach gespielt haben und man Sie auffordert, sich die Positionen von zehn Figuren auf einem Schachbrett einzuprägen, wird Ihnen das wahrscheinlich nur schwer gelingen. Wenn Sie zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, werden Sie sich mehr Figuren merken als jemand zwischen 40 und 50, und mit über 70 Jahren werden es noch weniger Figuren sein. Das Gedächtnis für Informationen, die sich mit keinen anderen, bereits gespeicherten Inhalten verknüpfen lassen, nimmt erwiesenermaßen schon ab dem jungen Erwachsenenalter langsam ab. Haben Sie jedoch Ihr Leben lang Schach gespielt, dann fällt Ihnen diese Aufgabe auch mit 70 noch leicht – zumindest dann, wenn die Figuren auf dem Feld in einer realistischen Konstellation zueinander stehen.8 Da Sie Ihr ganzes Erfahrungswissen anwenden können, müssen Sie sich nicht jede einzelne Figur merken, sondern können sich ganze Gruppen von Figuren in ihrer Stellung zueinander als eine Einheit einprägen. Auf diese Weise können ausgezeichnete Schachspieler mehrere Partien gleichzeitig »blind«, also rein aus dem Gedächtnis spielen.

Die erste psychologische Weisheitstheorie beruht auf genau diesem Ansatz. Im Jahr 1980 wurde am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin ein Forschungszentrum für Entwicklungspsychologie der Lebensspanne gegründet und Paul B. Baltes zu seinem Direktor ernannt. Unter seiner Leitung sind dort bahnbrechende Erkenntnisse über verschiedenste Aspekte des Alterns entstanden. Baltes wagte sich als Erster daran, über Weisheit nicht nur theoretisch nachzudenken, sondern sie auch tatsächlich empirisch zu erforschen, und zwar indem er sie als Expertenwissen in einem ganz bestimmten Bereich definierte: Weisheit sei Expertenwissen über die fundamentalen Themen des menschlichen Lebens.9

Weise Menschen haben sich im Laufe ihres Lebens intensiv mit den Grundfragen der menschlichen Existenz beschäftigt, sie haben sich immer wieder mit ihren eigenen Erfahrungen, aber auch mit denen anderer Menschen auseinandergesetzt und dadurch ein tiefes und breites Wissen erworben, etwa darüber, wie verschieden menschliche Erfahrungen, Einstellungen und Lebenssituationen sein können und wie unterschiedlich Menschen deshalb manchmal die gleiche Situation erleben. Aber auch darüber, wie vieles uns Menschen über alle Unterschiede hinweg gemeinsam ist. Wissen darüber, wie man mit Lebenskrisen und Konflikten umgehen kann, aber auch darüber, wie schwer es ist, in einer solchen Lage zu erkennen, was richtig ist und wie sich die Dinge entwickeln werden. Weise Menschen wissen also viel über das Leben und darüber, was ein gutes Leben ausmacht – und sie wissen auch, wie sie anderen Menschen in schwierigen Lagen zur Seite stehen können. Wie Schachspieler haben sie dieses Wissen durch jahrelange, gezielte »Übung« erworben, nur dass sie eben weniger Schach gespielt und sich dafür mehr mit den Grundfragen des menschlichen Lebens auseinandergesetzt haben.

Ähnlich wie beim Schach gehört auch zum gezielten Erwerb des weisheitsbezogenen Wissens ein hohes Maß an Selbsthinterfragung. Bestleistungen in einem Bereich erreicht man, indem man dafür immer wieder ganz gezielt »trainiert«: an den eigenen Schwächen arbeitet, sich bewusst macht, was man falsch gemacht hat, und versucht, es beim nächsten Versuch besser zu machen.

Weise Menschen hinterfragen sich selbst und ihr Verhalten intensiv und kritisch. Dadurch, dass sie sich selbst gut kennen und im Großen und Ganzen mit sich selbst im Reinen sind, können sie ihre Schwächen zwar einerseits akzeptieren, versuchen aber andererseits, an ihnen zu arbeiten und immer besser zu werden – nicht im Schachturnier, sondern in ihrem Umgang mit anderen, mit sich selbst und mit dem Leben.

Die Idee, dass Weisheit eine Form des Expertenwissens ist, hatte den großen Vorteil, dass sich daraus auch direkt eine Methode zur Messung von Weisheit ableiten ließ. Im sogenannten Berliner Weisheitsparadigma werden den Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern kurze Beschreibungen schwieriger Lebenssituationen vorgelegt. Sie werden gebeten, laut über die jeweilige Situation nachzudenken und alles zu sagen, was ihnen dazu in den Sinn kommt. Diese Antworten werden aufgezeichnet, verschriftlicht und nach bestimmten Kriterien ausgewertet, beispielsweise in Bezug auf die Akzeptanz unterschiedlicher Weltanschauungen oder das Bewusstsein der Unsicherheit und Unvorhersagbarkeit vieler Aspekte des menschlichen Lebens. Aus diesen Einzelbewertungen wird schließlich ein »Weisheitsscore« errechnet.

In den letzten 25 Jahren sind einige zukunftsweisende Studien mit dem Berliner Weisheitsparadigma durchgeführt worden. So konnten Ursula Staudinger und Paul Baltes zeigen, dass Menschen sich weiser über schwierige Lebensprobleme äußerten, wenn sie diese vorher mit jemand anderem diskutiert und dann über dieses Gespräch nachgedacht hatten – die gleiche Weisheitssteigerung war aber auch erkennbar, wenn sie sich eine solche Diskussion nur vorgestellt hatten!10 Das ist ein erster Hinweis darauf, dass wir bestimmte Weisheitsressourcen bereits in uns tragen und sie aktivieren können, wenn wir sie brauchen. In vielen schwierigen Situationen ist es sinnvoll, die eigene Sicht auf ein Problem zu erweitern, indem man sich vorstellt, was jemand anderer – der Partner, die Großmutter, die beste Freundin, man selbst in 20 Jahren oder vor 20 Jahren – zu dem Problem sagen würde.

In einer anderen Studie konnte die Berliner Gruppe zeigen, dass bestimmte Aspekte weisheitsbezogenen Wissens sich schon im Jugendalter entwickeln: In der Zeit zwischen 14 und 20, in der junge Menschen sich intensiv mit sich selbst, ihrer Zukunft und oft auch mit existenziellen Fragen auseinandersetzen, steigen auch die Leistungen in den Berliner Weisheitsaufgaben stark an.11 Am Ende dieser Phase, also im jungen Erwachsenenalter, haben viele Menschen das Weisheitsniveau erreicht, auf dem sie im Großen und Ganzen ihr Leben lang bleiben werden. Nur wenigen Menschen gelingt es, sich durch intensive Auseinandersetzung mit dem Leben kontinuierlich weiterzuentwickeln, während andere vielleicht sogar wieder an Weisheit verlieren, je mehr sie zu der Überzeugung gelangen, bereits zu wissen, was richtig und was falsch ist, und damit die Offenheit für neue Erkenntnisse verlieren.

Lange Zeit war das Berliner Weisheitsparadigma die einzige Methode zur Erforschung von Weisheit. Im Jahr 1990 gab Robert J. Sternberg einen Sammelband mit ersten Ansätzen zur Psychologie der Weisheit heraus,12 aber die Arbeitsgruppe von Paul Baltes war eigentlich die einzige, die tatsächlich Studien zu diesem Thema durchführte. Ich selbst kam im Jahr 1999 mit einem frisch erworbenen Doktorat, das auf Untersuchungen zum räumlichen Denken von Männern und Frauen basierte, an das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Paul Baltes wies mich umgehend dem Forschungsbereich »Weisheit« zu – zu meiner Überraschung und zunächst keineswegs zu meiner Freude, denn das Thema erschien mir allzu »esoterisch«. Seitdem hat es mich jedoch nicht mehr losgelassen.

Meine Aufgabe sollte es damals sein, aufbauend auf den bereits erwähnten Studien zu untersuchen, ob Menschen weisere Antworten auf die Aufgaben des Berliner Weisheitsparadigmas geben, wenn sie ganz gezielt versuchen, weise zu denken. In einem relativ komplizierten Experiment teilten wir unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer in mehrere Gruppen ein. Eine Gruppe sollte zu Beginn des Experiments zunächst darüber nachdenken, was Weisheit eigentlich ist, eine andere Gruppe sollte sich auf die gleiche Art mit Intelligenz auseinandersetzen, eine dritte, die Kontrollgruppe, bekam nur Ablenkungsaufgaben zu einem anderen Thema. Dann wurden diejenigen, die über Weisheit nachgedacht hatten, gebeten, bei den folgenden Aufgaben (aus dem Berliner Weisheitsparadigma) eine möglichst weise Antwort zu geben. Die Intelligenzgruppe sollte versuchen, eine intelligente Antwort zu geben, und der Kontrollgruppe wurden einfach nur die Aufgaben vorgelegt. Wir erwarteten, dass die Weisheitsgruppe wesentlich weisere Antworten geben würde als die Intelligenzgruppe – diese mochte vielleicht Anzeichen logischeren Denkens zeigen oder mehr Wissen in die Antworten einbringen, aber das würde für eine weisere Antwort nicht ausreichen – und dass die Kontrollgruppe am wenigsten weise antworten würde.

Nie werde ich den Moment der Wahrheit vergessen, als ich nach einer langen und intensiven Phase der Datenerhebung am Computer saß und mittels eines Statistikprogramms die Ergebnisse auswertete: Es gab keinerlei Unterschiede zwischen den drei Gruppen! Menschen, die intensiv über Weisheit nachgedacht und versucht hatten, möglichst weise zu antworten, gaben kein bisschen weisere Antworten als diejenigen, die versucht hatten, intelligent zu antworten, oder diejenigen, die einfach nur über die Aufgaben nachgedacht hatten. Eigentlich war das ein hochinteressantes Ergebnis – oft sind es in der Psychologie die unerwarteten Ergebnisse, die uns zu den wichtigsten Erkenntnissen verhelfen –, aber für mich war es potenziell katastrophal, nämlich dann, wenn mein Chef es nicht als neue und spannende Erkenntnis betrachten, sondern einfach annehmen würde, dass ich das Experiment nicht gut genug geplant hatte. Deswegen sagte ich erst einmal gar nichts, sondern dachte intensiv über das Ergebnis nach und sah mir die Antworten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Weisheitsgruppe auf die Aufgaben noch einmal ganz genau an. Und da zeigte sich ein interessantes Muster: Manche Menschen schienen von der Aufgabenstellung, eine weise Antwort zu geben, zu profitieren, andere hingegen wurden dadurch offensichtlich verwirrt und abgelenkt. »Woher soll ich denn wissen, was eine weise Person sagen würde?«, klagte eine Teilnehmerin. »Ich weiß doch selber nicht mal, was ich da machen würde!«

In einem zweiten Schritt analysierte ich die Daten noch genauer und fand heraus, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die über ein hohes Maß an Weisheits-Ressourcen – etwa Intelligenz, Lebenserfahrung und Offenheit – verfügten, tatsächlich weisere Antworten gaben, wenn sie dies gezielt versuchten. Wohingegen jene, die diese Ressourcen in geringerem Maße aufwiesen, sogar weniger weise Antworten gaben, als wenn sie einfach nur aus ihrer eigenen Sicht hätten antworten können. Dieses Ergebnis wurde für mich zu einer wichtigen Grundlage meines Denkens über Weisheit.13 Wie ich auch in diesem Buch zeigen werde, bin ich davon überzeugt, dass Weisheit sich aus zwei Komponenten zusammensetzt: Weise Menschen haben ein tiefes und breites Wissen über das Leben und sind in der Lage, schwierige Probleme in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen, aber sie weisen auch eine ganz bestimmte Haltung gegenüber dem Leben auf, die weniger mit Denken als mit Fühlen zu tun hat. Sie sind offen für neue Erfahrungen und Erkenntnisse und können Gefühle bei sich selbst und anderen differenziert wahrnehmen und mit ihnen je nach Situation optimal umgehen. Diese Ressourcen bewirken eine weisheitsfördernde Haltung, die uns einerseits dazu befähigt, in einer bestimmten Situation weise zu handeln, andererseits aber auch, im Laufe des Lebens aus Erfahrungen weiser zu werden.

In den drei Jahren am Max-Planck-Institut hatte ich die Gelegenheit, neben Paul Baltes mit exzellenten Weisheitsforscherinnen wie Ursula Staudinger, Jacqui Smith und Ute Kunzmann zusammenzuarbeiten. Stars der internationalen Weisheitsforschung wie Robert J. Sternberg kamen zu Besuch und diskutierten mit uns. Ich lernte Susan Bluck kennen, und es begann eine bis heute andauernde Freundschaft und Kooperation, die auch zu dem Entwicklungsmodell von Weisheit geführt hat, auf dem dieses Buch beruht. Es war eine ungeheuer spannende und bereichernde Zeit. Paul Baltes ist leider schon 2006 verstorben – weder ihm noch seiner ersten Frau Margret war es vergönnt, das höhere Alter, über das sie so viel geschrieben hatten, auch selbst zu erleben. Aber das weltweit verzweigte »Berliner Netzwerk« von Alternsforscherinnern und -forschern, das er in einem Vierteljahrhundert in Berlin begründet hat, ist sein eindrucksvolles Erbe.

Nachdem die Berliner Gruppe lange Zeit beinahe ein Monopol auf die wissenschaftliche Weisheitsforschung gehabt hatte, begann sich ab etwa 2000 dieses Feld deutlich zu erweitern. Zum Beispiel äußerte die Professorin für Soziologie Monika Ardelt von der University of Florida deutliche Kritik am Berliner Weisheitsparadigma und argumentierte, Weisheit sei kein abstraktes Wissen über das Leben irgendwelcher fiktiver Personen, sondern entwickle sich in konkreten Menschen aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen.14 Es gehe daher bei der Entwicklung von Weisheit nicht um den Erwerb von rein intellektuellem Wissen, sondern darum, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, um die eigenen »blinden Flecken« erkennen und überwinden zu können. Ardelt ging auch auf ihre eigene, inzwischen sehr bekannt gewordene Theorie der Weisheit ein, nach der Wissen zwar zur Weisheit gehöre, dass aber die Grundlage der Weisheit eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur sei. Laut Ardelt haben weise Menschen ein tiefes Bedürfnis nach Erkenntnis, nach Verstehen, nach Wissen – darüber, was es ausmacht, ein Mensch zu sein, und wie man mit sich selbst und anderen gut leben kann. Sie geben sich keinen Illusionen hin, auch wenn diese noch so wohltuend sein mögen. Dieser Wunsch, zu verstehen, geht oft mit der zweiten Komponente einher, der Bereitschaft, die Dinge im Allgemeinen, vor allem aber auch sich selbst, kritisch zu hinterfragen. Die dritte Komponente nennt Ardelt »mitfühlende Liebe für andere Menschen«. Weise Menschen können sich in andere sowohl hineinfühlen als auch hineindenken – sie fühlen sich anderen Menschen verbunden und empfinden Mitgefühl auch für diejenigen, die ihnen nicht besonders nahe stehen.

Im Grunde widersprechen sich die beiden Theorien gar nicht. Die von Ardelt beschriebene Persönlichkeitsstruktur kann eine Voraussetzung dafür sein, das von Baltes und seiner Gruppe untersuchte Expertenwissen erwerben zu können. Die Frage ist also vielleicht eher, welchen Aspekt von Weisheit man in den Mittelpunkt stellt, als die, was Weisheit nun eigentlich ist.

Einen dritten wichtigen Aspekt hat Michael R. Levenson15 in die Diskussion eingebracht, der Selbsttranszendenz als das zentrale Charakteristikum von Weisheit betrachtet: Weise Menschen haben sich intensiv und kritisch mit sich selbst auseinandergesetzt und sind in der Lage, sich selbst mit allen ihren Stärken und Schwächen so zu akzeptieren, wie sie sind. Sie sind so weit mit sich selbst im Reinen, dass sie es nicht mehr nötig haben, nach Selbstbestätigung zu suchen. Dadurch sind sie im Kern ihres Wesens unabhängig von äußeren Dingen, die den meisten von uns wichtig sind, wie etwa Statussymbole oder die Bestätigung durch andere. Die meisten von uns sind noch nicht ganz so weit: Wenn wir jemandem einen guten Rat geben, dann freuen wir uns nicht nur darüber, dass die betreffende Person ihr Problem lösen konnte, sondern auch (und vielleicht sogar vor allem) darüber, dass es unser Rat war, der ihr geholfen hat. Wenn jemand unser Kind lobt, freuen wir uns nicht nur darüber, dass der Nachwuchs sich gut benommen hat, sondern auch darüber, was das über unsere erzieherischen Qualitäten aussagt. Selbsttranszendente Menschen haben das nicht nötig (oder nur ein bisschen). Dadurch sind sie in der Lage, andere so zu akzeptieren und zu lieben, wie sie sind, und sich selbstlos für andere Menschen und altruistische Ziele einzusetzen. Sie fühlen sich mit der ganzen Menschheit verbunden und als Teil eines größeren Ganzen. Daher können sie auch ihre eigene Sterblichkeit akzeptieren.

Eine weitere Weisheitstheorie bezieht sich wieder eher auf die Art, wie weise Menschen denken: Robert J. Sternberg hat nicht die Auseinandersetzung mit sich selbst, sondern die Ausbalancierung unterschiedlicher Interessen – den eigenen, denen anderer Personen und denen der Gesellschaft – als das zentrale Charakteristikum von Weisheit postuliert.16 Weise Menschen seien in der Lage, durch Anwendung ihres reichhaltigen Erfahrungswissens eine optimale Balance zwischen all diesen sich widersprechenden Anforderungen zu finden, wobei mit »optimal« gemeint ist, dass das Ergebnis so weit wie möglich zum Wohle aller Beteiligten ist. Weise Menschen wissen, wie man mit schwierigen Situationen umgeht: wann es am besten ist, zu versuchen, eine Situation zu verändern, wann man sie einfach akzeptieren und sich anpassen muss und wann es am besten ist, die Situation zu verlassen.

Auch diese beiden Definitionen von Weisheit sind mit den zuvor genannten keineswegs unvereinbar. Vielleicht ist es mit der Psychologie der Weisheit wie mit den blinden Männern und dem Elefanten: Jeder Weisheitsforscher, jede Weisheitsforscherin legt den Schwerpunkt auf einen anderen Aspekt, aber letztlich beschreiben alle dasselbe komplexe Phänomen. Welchen Aspekt der Weisheit man für den wichtigsten hält, hat vermutlich viel mit der eigenen Biographie und Persönlichkeit zu tun. Einer der großen Vorteile der Weisheitsforschung im Vergleich zu anderen Bereichen der Psychologie ist, dass es sich immer noch um ein relativ kleines Gebiet handelt und sich die Beteiligten untereinander zum großen Teil persönlich kennen. Es ist interessant zu beobachten, wie die Persönlichkeiten und Werthaltungen der einzelnen Forscherinnen und Forscher zu den Aspekten passen, die sie an der Weisheit besonders interessieren.