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Die Insel Olchon im Baikalsee ist Kraftort der Autorin Petra Büschelberger. Seit Jahren reist sie immer wieder nach Russland, führt ein Leben ohne Strom, öffentliches Wasserversorgungsnetz und mit Außentoilette. Sie genießt die Ruhe des Ortes, nimmt aber auch aktiv am Leben der Einheimischen teil. Aus dem Inhalt: Die Autorin schildert über einen Zeitraum von zwölf Jahren das private und kulturelle Leben der Einheimischen im Dorf Charanzy, beschreibt die jahreszeitlichen Veränderungen in der Natur und gibt ihre persönliche Erfahrung mit dem Ort, der ihr Leben so sehr bereichert und sie glücklich macht, preis. Auf der Insel Olchon ist es so still, dass Petra anfangs an akustischen Halluzinationen leidet. Dieses Erlebnis macht sie nur noch hungriger auf die „heilsame Stille“ und lässt sie wieder und wieder zurückkehren. Mit anhaltender Freude und Neugier auf die russische Kultur nimmt sie an Festen und Feiern der Einheimischen teil. Sie erlebt am „Tag der Großen Wasserweihe“ die Segnung des Wassers im Baikalsee, feiert mit den Kindern das Jolkafest und darf zum „Tag des Sieges“ als Deutsche zu den Dorfbewohnern sprechen. Auf Olchon verspürt Petra stets ein überwältigendes Gefühl von Freiheit, Helle und Klarheit. Ihre Liebe zu dieser Insel klingt zwischen den Zeilen und lässt Naturliebhaber-Herzen höher schlagen.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Bildnachweis:
Die Bilder des Textteils: Dr. Rudolf Giertler, Bernhild Halemeyer,
Leonid Malinowski, Petra Büschelberger
Coverfoto: Bernhild Halemeyer
Bild der Autorin: Michail Yurovskij
Karte: ©Jens Mattausch
Kartenicon: © Stepmap GmbH, Berlin
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
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traveldiary Verlag, Mady Host und Cornelia Reinhold GbR
Brauereistraße 4, 39104 Magdeburg
Umschlagentwurf und Layout: Jürgen Bold, Jens Freyler,
Hintergrundfoto © Carola Vahldiek / Fotolia
Satz: traveldiary Verlag, Mady Host und Cornelia Reinhold GbR
Druck: „Standartu Spaustuve“ www.standart.lt, Tel. 37052167527
ISBN 978-3-942617-46-8
eISBN 978-3-942617-51-2
Petra Büschelberger
Weit entfernte Nähe
Reiseerlebnisse auf der russischen Insel Olchonim Baikalsee
Für meine Kinder Franziska, Matthias und Felix und für Simone und Leonid
Worte am Anfang
Warum Sibirien?
Insel Olchon
2002
Eine Freundschaft beginnt
2003
Erster Tag in Sibirien
Linienbus nach Charanzy
Aura von Choboj
2005
Heilende Stille
Sibirischer Kilometer oder die Рыба -Security
Banja oder der Blick ins Universum
2009
Die Große Wasserweihe
2011/2012
Mühe ums Wasser
Das Heilige Meer friert zu
Jolkafest für Kinder
Ein Unikat
Badewanne im Eis
Picknick auf dem Eis
2013
Tag des Sieges
Der Mann aus dem Wind
Die Farben des Frühlings und das Lied des Herbstes
Herbstliche Goldtaler
Die Rettung des Gemüses
UNESCO Weltnaturerbe und der Müll
Müll-Epilog
2014
Igor und Vera
Viele Hände - schnelles Ende
Mit Hammer und Nagel
2015
Fragen
Der Knopf
Dank
Karte
Über die Reisende ... Petra Büschelberger
„Пиши книгу, Петра. Пиши книгу!“
„Schreib ein Buch, Petra. Schreib ein Buch!", sagt Sascha zum Abschied im Januar 2015. Seine dunklen Augen sehen mich dabei ausdrucksvoll an und unterstreichen diese Aufforderung. Wir stehen am Ortsausgang von Chuschir, dem größten Ort auf der Insel Olchon im Baikalsee in Russland.
Im Juni 2003 kam ich erstmals auf die Insel. Die Landschaft und Natur, die Andersartigkeit der Lebensbedingungen der Menschen und die von dieser Insel ausgehende und für mich spürbare Kraft haben mich immer wieder dorthin gezogen. Ich reiste stets allein und hatte jeweils das Glück, privat bei Freunden wohnen zu können und dadurch das Alltagsleben der Inselbewohner kennenzulernen und es selbst auch zu leben. In der Zeit, als ich noch berufstätig war, waren meine Aufenthalte auf Olchon auf vier Wochen begrenzt. Im Ruhestand konnte ich dann drei Monate bleiben, das Maximum pro Halbjahr, das die russischen Visabestimmungen zulassen. Ich habe stets im kleinen Dorf Charanzy gelebt und oft das größere und sechs Kilometer entfernt liegende Chuschir besucht. Beide Orte liegen am maloe morje - am Kleinen Meer, dem westlichen Teil des Baikalsees.
In den zwölf Jahren, in denen ich mich in unterschiedlichen Zeiträumen auf der Insel aufhielt, bekam ich Einblicke in die Lebensweise und Kultur der Einheimischen, ist es zu vielen fröhlichen, kuriosen und nachdenklichen Begebenheiten gekommen, habe ich in den Jahreszeiten die Veränderungen in der Natur bestaunt und die mystische Kraft auf Olchon gespürt.
Die Eindrücke und Geschehnisse in der fernen sibirischen Baikalregion, in einer außereuropäischen Kultur und einer einzigartigen Naturlandschaft haben mich stark beeindruckt, nachhaltig geprägt, begeistert und beglückt. Dieses Glück und die innere Freude möchte ich dem Leser weitergeben und sie mit ihm teilen.
Deshalb schreibe ich über meine vielfältigen Erlebnisse und Wahrnehmungen auf der Insel Olchon im Baikalsee in Sibirien.
Im sächsischen Radebeul bin ich im Jahr 1947 geboren. Doch Dresden empfinde ich als meine Heimatstadt, denn dort bin ich zu Zeiten der DDR aufgewachsen und zur Schule gegangen.
Das Interesse an der Tierwelt, der Natur und ihren Phänomenen ist seit Kindesbeinen in mir wach. Mit heller Neugierde nehme ich meine Umwelt wahr und bin auch abenteuerlustig.
Mein Vater war starker Raucher und hatte in den 1930er bis 1940er Jahren Bilder, die den Zigarettenschachteln beilagen, in einem Album gesammelt. Dieses große Buch mit seinem grauen Pappumschlag zog mich als kleines Mädchen magisch an. Es enthielt Abbildungen von Menschen fernöstlicher sibirischer Völker, Jakuten, Samojeden, Tschuktschen, Burjaten, Ewenken und noch anderen, an die ich mich heute namentlich nicht mehr erinnere. Sie waren mit ihren traditionellen Kleidungen, einigen Handwerkzeugen, ihren Behausungen und Tieren abgebildet. Ich war fasziniert und meine Fantasie wünschte mich in ihr Leben, das so nah mit einer ursprünglichen Natur und so tief mit einer undurchdringlichen Wildnis verbunden war. Oh, ja, es müsste schön sein, dort zu leben, das fühlte ich. So sahen meine Tagträume aus, wenn ich gedankenversunken dieses herrliche Buch durchblätterte, was mich verzauberte.
Meine Reiseziele sind, seit ich erwachsen bin, meist abgelegene, einsame oder von nur wenigen Touristen besuchte Naturregionen, denn unberührte Natur in einsamen Landschaften, Weite, Licht und das Spiel der Wolken haben nach wie vor eine starke Wirkung auf mich, geben mir Kraft und ich fühle mich ihnen sehr nahe.
Ich erlernte den Beruf der Zootierpflegerin und habe während meiner Arbeit im Zoologischen Garten Dresden viele einheimische und exotische Tiere, häufig echte Persönlichkeiten, mit ihren artspezifischen Lebensäußerungen und Verhaltensweisen kennengelernt und mich mit deren Lebensweise in ihren natürlichen Verbreitungsgebieten auf unserer Erde beschäftigt. Diese wollte ich immer gern persönlich kennenlernen. Während der Handaufzucht eines Bären entstand in mir der Wunsch, Bären einmal in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Wo? In der Region, die mich seit meinen Kinderträumen anzog. In Sibirien, diesem riesigen fernen fast unberührten russischen Landschaftsgebiet östlich des Urals, wollte ich frei lebende Bären beobachten und gleichzeitig in der sibirischen Wildnis meinen Abenteuerdrang befriedigen. Es konnte wieder nur ein Traum bleiben, denn zu DDR-Zeiten war mir eine individuelle Reise nach Sibirien nicht möglich.
Es gibt Ziele, die wir mit der Seele suchen. Bleiben sie unerfüllt, bewahrt unsere Seele sie als Traum oder sehnlichen Wunsch über die Zeit. Auf diese Weise überdauerte mein Wunsch, Sibirien zu bereisen, seine Weite, Landschaft und ursprüngliche Natur kennenzulernen und die Bären dort zu beobachten, die DDR. Als sich mir 2003 die Möglichkeit bot nach Sibirien zu reisen, auf die Insel Olchon im Baikalsee, nutzte ich sie sofort, obwohl es auf Olchon keine Bären gab.
Mein Herz jubelte.
Den Baikalsee im großen Sibirien kennt wohl jeder. Doch die Insel Olchon in ihm? Nein, ich hatte bisher von ihr noch nichts gehört. Deshalb ging ich per Mausklick auf Entdeckungsreise.
Herkunft und Bedeutung der Bezeichnung Olchon sind nicht genau bekannt. Sie entstammen entweder dem Burjatischen oder Jakutischen und werden sowohl mit Wäldchen als auch mit dürr übersetzt. Beides trifft auf die Insel zu. Ebenfalls aus diesen Sprachen stammt der Begriff Baikal, was erhabenste Schöpfung der Natur oder reicher See bedeutet.1
Bei 53° 9‘ N, 107° 23‘ O erhebt sich die Insel Olchon aus dem Wasser des Baikal, dem ältesten, tiefsten und wasserreichsten Süßwassersee der Erde. Sein Wasservolumen ist vierhundertsiebzig Mal größer als das des Bodensees. Der Baikal liegt 455,5 Meter über dem Meeresspiegel im Südsibirischen Gebirge in einem Grabenbruch. Mehr als dreihundert Zuflüsse speisen den See und nur ein gewaltiger Strom verlässt ihn, die mächtige Angara. Olchon ist mit einer Fläche von siebenhundertdreißig Quadratkilometern die größte von etwa zweiundzwanzig Inseln und zahlreichen kleineren Felseilanden im Baikal.
Auf Olchon herrscht kontinentales Klima mit großen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht sowie Sommer und Winter. Die Niederschlagsmengen sind über das ganze Jahr hinweg sehr gering, so dass sich auch im Winter nur eine für sibirische Verhältnisse relativ dünne Schneedecke aus feinem trockenem Schnee bildet. Im Sommer erreichen die Temperaturen im Juli/August durchaus Werte um plus fünfundzwanzig bis plus siebenundzwanzig Grad Celsius. Im Winter fallen sie auf minus fünfundzwanzig bis minus dreißig Grad oder auch kälter. Olchon ist eine Sonneninsel und trägt diese helle und freundliche Bezeichnung zu Recht, denn an über zweihundert Tagen erstrahlt die Sonne an einem tiefblauen Himmel über ihr.
Auf der Insel leben eintausendfünfhundert2 Menschen in sieben Dörfern, der überwiegende Teil von ihnen im Ort Chuschir. Die meisten Bewohner sind Burjaten, Angehörige eines mongolenstämmigen Volkes und die Urbevölkerung Olchons. Aber auch Russen und Menschen anderer asiatischer Volksstämme wohnen dauerhaft auf der Insel.
Die Burjaten haben eine animistische Weltsicht und glauben, dass auch die unbelebte Natur von Geistern und Göttern beseelt ist. Ein Schamane ist für sie der Mittler zwischen der Welt der Geister und Götter und den Menschen. Der Schamanenfelsen, ein bizarres zweigipfliges Marmormassiv auf Olchon bei Chuschir, ist Hauptheiligtum und kultisches Zentrum von zentralasiatischer Bedeutung für die Burjaten, ihre sakrale Urheimat3.
Schamanenfelsen im Morgenlicht
Auch Menschen buddhistischen Glaubens leben auf Olchon. Für sie ist die im Jahr 2005 auf der höchsten Stelle der Insel Ogoy im Kleinen Meer errichtete weiße Stupa ein heiliger Ort.
Man erreicht die Insel Olchon entweder mit Fähre oder Schiff von etwa Ende April bis circa Mitte Dezember oder im Winter mit dem Auto über das Eis. Während der Eisbildung beziehungsweise der Zeit des Auftauens des Eises ist kein Verkehr zur Insel möglich. Der ehemalige kleine Flugplatz in Charanzy ist nicht mehr in Betrieb.
Auf Olchon gibt es kein zentrales Wasserversorgungs- und Abwassersystem. Das Wasser wird mit Tankwagen jedem Haushalt geliefert. Seit August 2005 ist die Insel an das Stromnetz des Festlandes angeschlossen. Eine Mobilfunkantenne ermöglicht seitdem auch mobiles Telefonieren und Zugang zum Internet.
1 Klaus Bednarz: Ballade vom Baikalsee, 2000, S. 15
2 Stand 2010
3 IIpMÖaMKajIbCKMM HaiJMOHajIHblM IiapK, S. 5
2002
Seit 1997 engagiere ich mich ehrenamtlich im Verein „Freiwillige Helfer auf ökologischen Höfen e. V." (WWOOF)4. Über dieses Netzwerk kann man durch freiwillige eigene Mithilfe Einblicke in die Arbeitsweise ökologisch wirtschaftender landwirtschaftlicher Höfe bekommen. Ich hatte in Berlin an der Humboldt-Universität einen Diplomstudiengang Landwirtschaft/Tierproduktion absolviert und dabei die Massentierhaltung in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR kennengelernt. Deshalb entschloss ich mich, für die ökologisch wirtschaftende Landwirtschaft, zumindest indirekt durch ehrenamtliche Arbeit, tätig zu sein, wurde Mitglied bei WWOOF Deutschland und bot meine Mithilfe im Verein an, die man dankbar annahm.
Im Jahr 2002 ist es meine Aufgabe, die eingehende Vereinspost zu bearbeiten. So gelangt im Herbst dieses Jahres ein Brief von einer Frau aus Bielefeld in meine Hände, die einen Artikel über den Verein in der Zeitung gelesen hatte, der ihr Interesse weckte. Sie schreibt, dass sie und ihr russischer Lebensgefährte in Sibirien auf der Insel Olchon im Baikalsee leben, dort ein Holzhaus bauen, einen Gemüsegarten zur Selbstversorgung ohne Anwendung irgendwelcher Chemikalien bewirtschaften und sich sozial in ihrem kleinen Dorf Charanzy engagieren. Hilfe brauchten sie vor allem beim Hausbau, aber auch im Gemüsegarten. Oh, Sibirien! Mein Wunsch aus Jugendzeiten meldet sich und wird hellwach. Ich greife zum Telefon, die Nummer steht im Brief und es ist zu erwarten, dass die Frau auch gerade in Deutschland ist. Ja, sie ist es. Ich erkläre wer ich bin, wieso ich ihren Brief in der Hand halte, wie man Mitglied bei WWOOF wird und, dass ich am liebsten selbst käme, um beim Hausbau mitzuhelfen. Handwerklich unbegabt wäre ich nicht. Wir vereinbaren mein Kommen für den nächsten Sommer. Mit diesem ersten Telefonat beginnt eine herzliche schwesterliche Freundschaft zwischen Simone und mir, die bis heute andauert.
4www.wwoof.de (Zugriff 19.08.2017 9:20 MEZ)
2003
Ende Juni ist er da, mein Abflugzeitpunkt nach Sibirien. Die letzten Tage vorher bin ich vor sehnsüchtiger Erwartung ganz zappelig und ungeduldig. Wie wird es sein in Sibirien? Kaum fassbar, dass ein so lang gehegter Wunsch jetzt in Erfüllung geht.
Sibirien ist weit entfernt, circa 6.120 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Dresden und der Insel Olchon. Zunächst einmal wird mir ein Teil der vierundzwanzig Stunden des Reisetages verloren gehen, ich reise ja nach Osten dem neuen Tag entgegen. Ortszeit plus sieben Stunden gegenüber der Zeit in Dresden. So weit bin ich bisher noch nie gereist.
Meine Russischkenntnisse habe ich mir vor vierzig Jahren in der Schule nur ungern angeeignet und dementsprechend miserabel sind sie heute. Doch das hindert mich nicht. Ich reise trotzdem nach Russland, denn zum einen ist ein kleines gelbes Langenscheidt-Wörterbuch Russisch-Deutsch mein unverzichtbarer treuer Begleiter und zum anderen meine Neugier auf die sibirische Landschaft und den vielbesungenen Baikalsee viel größer als die Scham vor meinem schlechten Russisch.
Irkutsk, die Großstadt in Sibirien, ist mein Flugziel. Nonstop ist diese Stadt von Deutschland aus nicht zu erreichen. Umsteigen in Moskau mit Flughafenwechsel. Gepäck abholen, Passkontrolle, Zoll, Bushaltestelle suchen, per Bus zum Inlandsflughafen fahren, Sicherheitskontrolle, Check-in, vier Stunden bis zum Abflug warten, sechs Stunden Nachtflug, zehn Uhr Ortszeit Landung, zu Fuß übers Rollfeld zur Gepäckausgabe und „schon“ stehe ich vor dem Flughafengebäude in Irkutsk, wo viele Menschen auf ihre Freunde, Verwandten, Bekannten und Gäste warten. Auch ich soll abgeholt werden, von Simone nehme ich an und suche nach einer „deutschen“ Frau. Immer mehr Menschen haben sich gefunden und sind gegangen. Ich stehe fast nur noch allein da. Ein komisches Gefühl. Mit einem Mal fragt eine Stimme hinter mir:
„Petra?“
Ich drehe mich um und da steht ein Mann. Oh verflixt, wie hieß doch gleich Simones Lebensgefährte ...?
„Leonid?", frage ich.
Ja, er ist es und holt mich ab. Leonid ist Russe, mittelgroß mit blauen Augen, grau meliertem Haar und kurzem Bart. Er begrüßt mich auf Deutsch. Wir gehen zum Auto, einem Toyota Kleintransporter mit Pritsche, und fahren zu einer kleinen Ein-Zimmerwohnung, welche die beiden in Irkutsk gekauft haben. Sie ist gemütlich eingerichtet. Ich fühle mich angekommen und bin glücklich. Die Anspannung der Reise fällt von mir ab und große Müdigkeit überkommt mich. Sieben Stunden Zeitverschiebung nach Osten zeigen zusätzlich ihre Wirkung. Ich kann auf dem Sofa schlafen, während Leonid noch Besorgungen macht. Er hat mir erzählt, dass heute auch noch drei deutsche Männer angekommen sind, um ihnen auf der Insel beim Hausbau zu helfen. Es sind drei junge Wandergesellen, Handwerker auf der Walz. Klaus, der Zimmermann, Robert, der Dachdecker und Sven, der Steinmetz. Mit uns werden die Sachsen auf Olchon einziehen, denn auch diese Drei sind rein zufällig aus Sachsen, wie ich.
Leonid hat die schöne Idee, mit uns allen am zeitigen Nachmittag nach Talci ins siebenundvierzig Kilometer von Irkutsk entfernte Freilichtmuseum zu fahren. Es ist ein architektonisch-ethnographisches Museum und befindet sich auf dem rechten Ufer der Angara, an der Einmündung der Talcinka. Auf einem großen Gelände sind Denkmale der Geschichte, Architektur und Ethnografie des 17. bis 20. Jahrhunderts der westlich des Baikal lebenden Völkerschaften ausgestellt. Anfang der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts baute man das Ust-Ilimski Wasserkraftwerk an der Angara. Einige Ortschaften fielen der Wasseranstauung zum Opfer und wurden überschwemmt.
Im Vorfeld der Flutung rettete man kulturhistorisch und architektonisch einzigartige und typische Baudenkmale. Sie wurden abgebaut, in Talci wieder errichtet und so der Nachwelt erhalten. Am 18. Juli 1980 öffnete das Freilichtmuseum und stellt heute mehr als zwanzigtausend Exponate aus.
Im Toyota-Kleintransporter treten wir die Rückfahrt auf einer schnurgeraden Asphaltstraße an. Das Lenkrad in diesem Auto ist auf der rechten Seite, im Straßenverkehr gelten die Regeln des Rechtsverkehrs. Ich sitze vorn neben Leonid, die Handwerksburschen hinten. Als ein PKW uns riskant überholt und dann kriminell schneidet, kann Leonid nicht mehr erfolgreich bremsen. Krach, Gepolter, Splitter. Wir werden alle ordentlich durcheinander gewirbelt, aber keiner verletzt. Blech- und Glasschäden an beiden Autos. Es wird geredet. Leonid will unbedingt auf die Polizei warten wegen der Versicherung, die er für seinen Wagen hat. Also warten wir.
