Weniger, aber Meer - Marianne Hartwig - E-Book

Weniger, aber Meer E-Book

Marianne Hartwig

0,0

Beschreibung

Marianne Hartwigs als ‚Gebrauchslyrik‘ bezeichnete Gedichte präsentieren sich in der Reihenfolge ihrer Entstehung im Zeitraum etwa eines Jahres und bilden so eine Chronik. Gebrauchslyrik entsprang als Begriff der ‚Neuen Sachlichkeit‘ der 1920er Jahre mit ihrem distanzierten Beobachten von Begebenheiten. In einer schlichten und geradlinigen Sprache formuliert, machen sie häufig auf Missstände aufmerksam. Damals bedienten sich der Ausdrucksform so bekannte Vertreter wie Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Ringelnatz und Erich Kästner. Aber auch in neuer Zeit entstehen wieder vermehrt erzählende Gedichtsammlungen mit dieser Bezeichnung. Im Fall von Marianne Hartwig ist die Beobachtung ganz auf ihre Wahlheimat Ibiza konzentriert. Jeden Tag mit offenen Augen durch Ibiza gehen, Ereignisse und Situationen aufnehmen und später in Worte umsetzen – so entstehen mit hohem sprachlichen Feingefühl ihre erzählenden Gedichte. Ihre Beobachtung konzentriert sich dabei mit Vorliebe auf die inseltypische Natur, besonders das Meer und die Katzen, mit denen sie sich umgibt. ‚Weniger, aber Meer‘ war das ironische Motto ihrer nun schon Jahrzehnte zurückliegenden Übersiedlung auf die Mittelmeerinsel. Mehr als eine Bestandsaufnahme, sind sie kritische Liebeserklärungen an Ibiza, ein Bekenntnis zu ihrem Leben im Süden, auch wenn es mit gewisser Einschränkung und Unsicherheit verbunden sein sollte.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 94

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



…zum Glück gibt es ein oder zwei Dutzend Lyriker – ich hoffe fest, mit dabei zu sein – die bemüht sind, das Gedicht am Leben zu erhalten. Ihre Verse kann das Publikum lesen und hören ohne einzuschlafen, denn sie sind seelisch verwendbar. Sie wurden im Umgang mit Freuden und Schmerzen der Gegenwart notiert… Man hat für diese Art von Gedichten die Bezeichnung „Gebrauchslyrik“ erfunden… Es gibt wieder Verse, bei denen auch der literarisch unverdorbene Mensch Herzklopfen kriegt oder froh in die leere Stube lächelt…

Erich Kästner

Inhalt

Vorwort

Weniger, aber Meer

Von der unerreichbaren Gelassenheit auf Ibiza

Glossar

Alphabetisches Verzeichnis der Titel

Zur Autorin

Vorwort

Chris von Gagern

Marianne Hartwigs als ‚Gebrauchslyrik‘ bezeichnete Gedichte unter dem Titel ‚Weniger, aber Meer‘ präsentieren sich erneut in der Reihenfolge ihrer Entstehung im Zeitraum etwa eines Jahres. Ohne thematische Unterteilung, nimmt die Sammlung die Form einer Chronik an.

Der Begriff Gebrauchslyrik wurde 1927 von Bertolt Brecht geprägt. In den zwanziger Jahren entsprach die „Neue Sachlichkeit“ moderner Abgrenzung vom Pathos des Expressionismus. Mit dieser Ausdrucksform änderte sich die Haltung des Lyrischen Ichs vom Ausdruck romantischer Ergriffenheit zum distanzierten Beobachten von Begebenheiten, der Erzählkunst nah verwandt.

Meist wurden Gedichte als Gebrauchslyrik bezeichnet, die zu bestimmtem Zweck geschrieben wurden. Oft handeln sie von Problemen und machen den Leser auf Missstände aufmerksam. Wie in der Neuen Sachlichkeit üblich, wurde alles in einer schlichten und geradlinigen Sprache formuliert. In den 1920er Jahren bedienten sich der Ausdrucksform so bekannte Vertreter wie Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Ringelnatz und Erich Kästner. Aber auch in neuer Zeit entstehen vermehrt erzählende Gedichtsammlungen mit dieser Genrebezeichnung.

Marianne Hartwig konzentriert sich bei ihren Beobachtungen ganz auf ihre Wahlheimat. Jeden Tag mit offenen Augen durch Ibiza gehen, Ereignisse und Situationen aufnehmen und später in Worte umsetzen – so entstehen mit hohem sprachlichen Feingefühl ihre erzählenden Gedichte. Mit Vorliebe befasst sie sich dabei mit der inseltypischen Natur, besonders dem Meer und den Katzen, mit denen sie sich umgibt.

‚Weniger, aber Meer‘ war das ironische Motto ihrer nun schon Jahrzehnte zurückliegenden Übersiedlung auf die Mittelmeerinsel. Mehr als eine Bestandsaufnahme, sind sie kritische Liebeserklärungen an Ibiza, ein Bekenntnis zu ihrem Leben im Süden, auch wenn es mit gewisser Einschränkung und Unsicherheit verbunden sein sollte.

Ibiza, Dezember 2014

Weniger, aber Meer

 

Ein weites Feld

Wenn jemand glaubt

Sich hier wiederzuerkennen - ganz augenfällig

Dann sei der vielzitierte Hinweis erlaubt:

Jede Übereinstimmung ist zwar zufällig

Jedoch ist in Betracht zu ziehen - sozusagen

Dass bestimmte Verhaltens-Muster

Verbreiteter sind als der Beruf Schuster

Und so lässt sich mit Unfug und Recht sagen:

Danke für die Anregungen, sie sind für den Reimer so wichtig

wie für den Maler Farben

Manchmal scheint neben den Farben

Auch Auf-den-Kopf-Stellen ein Hilfsmittel zu sein

Wenn es denn nun gefällt …

Aber das ist ein weites Feld.

 

Richtig Sinn

Gedichte lesen sei eine unpassende Beschäftigung

Meinte schon Erich Kästner

Verbunden mit Freuden und Schmerzen der Gegenwart allerdings ein Reichtum

Kästner zu lieben fällt nicht schwer

Gebrauchs-Lyrik würde man das nennen

Und: „Es gibt Verse bei denen der literarisch Unverdorbene Herzklopfen kriegt”

Bei denen könne man erkennen

„Ob man wieder froh in die Stube lächelt, durch die

ein Sonnenstrahl fliegt“

Und weil ich von Beruf doch Kunsthandwerkerin bin

Macht Handwerk und Kunst und Poesie richtig Sinn…

 

Erst das Leben, dann das Schreiben

Einen Menschen in seinem Wortversteck aufzuspüren

Ist nicht nur spannend

Es bereitet Lust

Wie Leselust

Setzt es Neugierde voraus

Geduld, Spürsinn, Witterung

Vertrauen in die Erkenntnis:

“Erst das Leben, dann das Schreiben”.*

 

In Ruhe lassen

Wenn Erinnerung das ist

Was wir meinten vergessen zu haben

Ist Vergessen eine wunderbare List

Uns selbst zu erfreuen mit den Erinnerungsgaben

Die wir uns genüsslich servieren

Die unerfreulichen haben wir verschönt oder aussortiert

Wer will sich schon vor sich selbst blamieren

Wie sind wir doch tüchtig und talentiert

Darin sie zu vergraben in unzugänglichen Schichten

Bis sie plötzlich ihr Verließ verlassen

Im Glücksfall entstehen aus ihnen Geschichten

Mit manchen muss man sich befassen, bis sie einen in Ruhe lassen.

 

Weniger, aber Meer

Immer warst du insel-süchtig

Ein Inselurlaub - Anreise per Schiff

Machte dich sehnsüchtig - beglückte dich

Für einen Großstädter war es der Inbegriff

Von kleiner, heiler Welt

War überschaubar – das einfache Leben

Oft unter freiem Himmel – ein Zelt

Um sich Meer, Sonne und Nichtstun hinzugeben

Deinen Inseltraum hast du realisiert

Du wolltet weniger, aber Meer

Wie immer zog ich mit dir – umzugsroutiniert

Doch nach einer langen Weile wolltest du auch das Meer nicht mehr

Da blieb ich einfach hier

Auf deiner Insel – mit dir und den Tieren

Du bist jetzt in der jenseitigen Welt

Wenn sie dir nicht mehr gefällt

Kannst du ja immer noch reinkarnieren…

 

Es flirtet immer mit der Trauer

Was als Überlebenshilfe begann

Ist zu einem Tagesprogramm geworden

Der Tag fängt oft mit Träumereien an

Und schon am Morgen

Helfen Wortmelodien

Die Arbeit zu beginnen

Nicht vor dem Alltag zu entfliehen

Sich auf all das zu besinnen

Was mit Hilfe von Ideen und Konzentration

Den Alltags-Rhythmus mitbestimmt

Ganz früh schon

Ist es die Natur, die dem Morgen die Wehmut nimmt

Auf dem gewohnten Platz mit Blick ins Tal

Von Pinien umgeben – gleichbleibend, vertraut

Sitze ich, um immer wieder, wie in einem Ritual

Wortmelodien einzufangen, ihren Klang, ihren Laut

Und dankbar ohne zu lamentieren

Denke ich: So ist sie also, die Gegenwart

Ich habe außer dem Leben nichts zu verlieren

Und Frieden geschlossen mit der Vergangenheit, auf meine Art

Hält die Zukunft noch Überraschungen bereit?

Bestimmt. Doch die Gegenwart ist zur Zeit

Von Erwartungen befreit

Jedenfalls von denen zu zweit

Ein Glückszustand im Hexenkreis

Von kurzer Dauer

Denn wer das Glück kennt weiß:

Es flirtet immer mit der Trauer.

 

Idealisieren

Am Morgen begrüße ich die Gedanken

Die täglich meinen Weg begleiten

Wir nennen sie Erinnerung und verdanken

Ihnen die Fähigkeit, neue Pfade zu beschreiten

Träume begleiten sie

Unterwegs durch den Tag

Wie ein Ritual oder eine Zeremonie

Was immer kommen mag

Ich würde die gemeinsame Reise wieder riskieren

Und – wie jemand richtig sagt – sie am Ende idealisieren.

 

Zwischenraum

Die Stille fühlt sich an wie ein Schwarm schwarzer Vögel

Eher geheimnisvoll als beängstigend

Der sich lautlos bewegt vor einem hellen Nebel-Segel

Eine tiefe Nacht, in der im Tal kein einziges Licht mehr brennt

Es sind nur die Pinienäste, die flüsternd wehen

Eine tiefhängende Wolke in Segelgestalt

Lässt das Wachbild entstehen

Vielleicht bin ich in einem Bild gefangen von den Sternen angestrahlt?

Oder in einem Traum?

Egal, hier will ich eine Weile bleiben

In diesem Zwischenraum

Mit den Nacht-Geistern, die mir die Zeit vertreiben.

 

Glaube an Wunder

Unter dem Dach der Erinnerung fühle ich mich zu Hause

Die ungebetenen Gäste verjage ich

Sie besuchen mich seltener, die Abwehr hat genützt

Auch Leid macht erfinderisch

Um immerwährend Klagende mache ich einen Bogen

Die Freudenspender fordere ich auf zu bleiben

Ich bin eine gute Gastgeberin – wohlerzogen

Nicht Erwünschte zu vertreiben

Gehört sich nicht

Und doch erlaube ich mir den Hinweis in jedem Augenblick:

Von Freude und Leid werden wir erwischt

Es ist vergänglich – wie das Glück

Glaube an Wunder! Sie kehren wie die Erinnerung zurück.

 

Wunscherfüllung

Nun entfaltet der Frühling wieder seine Pracht

Das vierte Mal seitdem es dich nicht mehr gibt

Seit dieser Zeit und mit aller Macht

Wehre ich mich gegen Lockrufe des Lebens für den, der noch liebt

Die casita bietet Schutz, ist ein Erinnerungs-Schatz

Manchmal schaue ich auf mich von weit her

Was für einen besonderen Platz

Hatten wir uns ausgesucht - so nahe am Meer

Dann sehe ich dich, wir machen eine Blumenbegehung

So nanntest du das und nahmst mich an der Hand

So als gäbe es noch ganz viel Hoffnung

Hand in Hand blieben wir dann stehen, am Terrassen-Rand

Wo alle unsere Tiere begraben sind, Buri sich gerne sonnte

Hier möchte auch ich später einmal sein

Dachtest du dann so laut, dass ich es hören konnte

Das Schicksal hat dir diesen Wunsch erfüllt, jetzt bin ich mit ihm allein…

 

Bilder- und Geschichten-Erfinder

Eine leuchtende Blütenexplosion

Die Insel nach vier Tagen Regen

Ist eine Farben-Fest-Attraktion

Mairegen bringt nicht nur Segen

Sondern auch rote Erde aus Afrika

Und viele Touristen wie in jedem Jahr

Die lieben das Insel-Nachtleben, vor allem das Pacha

Die Farben, ach ja, die sind auch noch da

Und natürlich das Meer

Kamen früher nicht vor allem Bilder- und Geschichten Erfinder her?

Und ist sie nicht das was sie immer war:

Eine Naturschönheit, die ihre Bewunderer erträgt – ein paar Monate im Jahr.

 

Im Dämmerlicht

Einen Glücksaugenblick festzuhalten

Ist wie aus der Zeit zu fallen

So soll es sein, so soll es bleiben

Auf dem spiegelglatten Meer dahinzutreiben

Ohne Rückblick nur zu gleiten

Und von weitem

Gewahr zu werden, wie Wasser und Himmel ineinander übergehen

Einfach nur fast bewegungslos zuzusehen

Doch dann ist der Strand kaum noch zu sehen

Jetzt unterzugehen

Nur noch zu sinken

Da plötzlich sehe ich in Formentera den Leuchtturm

blinken

Den erreiche ich nicht

Aber wenn die Kräfte reichen Pou des Lleó im Dämmerlicht.

 

Dorfbewohner

Wie kannst du ständig auf einer Insel leben

Fragte ein alter Freund mitleidig

Nur von Himmel und Wasser umgeben

Bist du nicht immer geflüchtet vor falscher Romantik?

Als Weltreisender ist er einmal hier auf der Insel gestrandet

Jetzt verstehe ich, meinte er, es geht um die Moral

Du bist wieder in einem Dorf gelandet

Nur die Dorfbewohner sind jetzt international

Und aus Toleranzgründen maximal liberal.

 

Kein Land in Sicht

Auf den Wellen schaukele ich

Noch gibt es Vorrat

Die Katzen wärmen mich

Mit ihnen teile ich den letzten Zwieback

Möwen umkreisen uns im Morgenrot

Doch es ist kein Land in Sicht

Schreiben im Rettungsboot

Seltsam, ich fürchte mich nicht

Beim Aufwachen spüre ich den intensiven Geschmack

Von Salzwasser und Zwieback.

 

Gleichmut

Manchmal geht mir ein Wort nicht aus dem Sinn

Es ist wie eine Tagesbegleiterin

Fällt aus dem Kontext, bleibt einfach haften

A1s wollte es eine Stimmung auskundschaften

Ich baue es in meinen Alltag-Rhythmus ein

Es passt, ist wie ein Tages-Meilenstein

Ich bin nicht auf der Hut

Es tut nur gut

das Wort – das Gefühl – Gleichmut.

 

Que lujo

Nach vier Mai-Regen-Tagen

Ein Fest von Farben

Ich fahre zum Meer

Von überall her

Leuchtet, schillert und gurrt es

Keine Tristesse

An der Cala Martina versinke ich im Sand

Que lujo! Prompt ein Sonnenbrand.

 

Sonntagskind

Das Schicksal hat mich mit Freunden verwöhnt

Womit habe ich sie verdient?

Frage ich dann und wann - fast beschämt

Die Antwort ist so leicht wie der Wind:

Ich habe Vertrauen zu ihnen wie einst als Kind

als ich mich fühlte wie ein Sonntagskind.

 

Lebewesen

Die Schöne im Innenhof

Breitet weit ihre Fächer aus

Ich spreche mit ihr – oft

Frage: Fühlst du dich wohl im campo-Haus

Und ob sie ihn genießt

Den geschützten Platz

Mit Blick in den Himmel und wenn es gießt

All das köstliche Nass

Für sie ganz allein im Innen-Hof-Garten

Sie ist eine Schönheit

Ihre Wurzeln haben ihr verraten:

Da gibt es eine Zisterne - nicht sehr weit

Der kürzeste Weg ist quer durch die Küche

Da wölbt sich der Boden natürlich beträchtlich

Und manchmal hört sie leise Flüche

Vom Mitbewohner, denn der sieht das täglich

Wie sich die Schöne sonnt

und sich am Zisternenwasser labt - heimlich

An die Dreistigkeit der Katzen ist sie gewohnt

Auch diese Naturschönheit ist keineswegs altruistisch

Sie haben beschlossen, sich gegenseitig anzuerkennen