Weniger ist mehr - Daniela Röder - E-Book

Weniger ist mehr E-Book

Daniela Röder

0,0

Beschreibung

Warum ist Erziehung heute so schwierig und Eltern zunehmend verunsichert? Das Problem ist nicht aus heiterem Himmel gefallen, sondern eine Folge rasanter Veränderungen. Denn gesellschaftliche Anforderungen sind auch von wirtschaftlicher Entwicklung abhängig. Wie können wir unsere Kinder unterstützen, damit sie sich in einer immer schneller verändernden Gesellschaft orientieren können? Das Buch beschreibt anhand praktischer Beispiele, wie wenig es "nur" bedarf, um Kinder fit zu machen. Denn es sind die Kleinigkeiten des Alltags, die unser Leben weitgehend bestimmen. Aufgrund langjähriger Erfahrung als Lernberaterin und Mutter hat sich herauskristallisiert, wie Schule heute den Familienalltag bestimmt. Auch wenn Probleme meist erst in der Schule erkennbar werden, entstehen sie viel früher.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Wir leben heute in einer „Reptiliengesellschaft“. Jeder liegt auf der Lauer nach einem „Schnäppchen“. Das erzeugt unnötige Konflikte und Stress, der in unseren Alltag einfließt. In diesem Buch werden Hintergründe aufgezeigt, die zu den heutigen Problemen geführt haben.

Die Autorin Daniela Röder, 1964 in Frankfurt am Main geboren, studierte nach mehrjähriger Tätigkeit in der Tourismusbranche Sozialpädagogik. Seit 2005 arbeitet sie als Lernberaterin P.P.®.

Aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit als Lernberaterin hat sie festgestellt, wie Schule den Familienalltag bestimmt. Letztendlich waren es immer Kleinigkeiten, die zu Missverständnissen geführt haben. Hinter zahlreichen Konfliktmöglichkeiten verbergen sich immer wiederkehrende Muster. Werden sie erkannt, kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden.

Mein Dank gilt all jenen,

die zur Entstehung dieses Buches

beigetragen haben.

Besonders hervorheben

möchte ich meine Freundinnen

Bea und Ute sowie meine Tochter,

die mich wiederholt

ermutigt hat.

Daniela Röder

Themenübersicht

Hintergründe, die zu heutigen Erziehungsschwierigkeiten geführt haben

Warum ist Erziehung heute so schwierig?

Erziehungsanspruch an Eltern

Der Spagat zwischen Individualität und Anpassungsfähigkeit

Familie im Wandel- ein Auslaufmodell?

Über den richtigen Umgang mit Konflikten

Konfliktakzeptanz statt Konfliktvermeidung

Wut und Aggressionen infolge eines Konflikts

Konflikte lauern überall

Wie nehme ich einen Konflikt wahr?

Der heikle Umgang mit den Aggressionen Anderer

Vom Wunsch nach Harmonie

Konflikte basierend auf Sprache

Typische Beispiele aus dem Alltag

Konflikte bedingt durch unterschiedliche Wahrnehmung, genannt Missverständnisse

Wie man aus einer Mücke keinen Elefanten macht

Konflikte während der Pubertät

Konflikte bedingt durch den Schulalltag

Der Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Konflikten

Was ist denn nun richtig?

Tipps für den Familienalltag

Familie als Übungsfeld für das ganz normale Leben

Entwicklung zur Lernfähigkeit

Anforderung an Erziehung

Familie als Übungsfeld

Wozu ist ein Sofa gut?

Wozu dient ein Essplatz?

Erziehungskonzept Alltag

Auf dem Spielplatz

Geschlechtsspezifische Erziehungsmuster

Einfluss durch ästhetische Ansprüche

Wohin mit der Brotrinde?

Übungsfeld Taschengeld

Stress durch Essen

Zurück in die Zukunft – die Vorzüge fast vergessener Spiele und Gebräuche

Heilsame Leere

Vom Frust des Nichtstuns zur Lust auf Langeweile

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Weniger ist Mehr-

ein Denkanstoß

Der Literaturmarkt ist überschwemmt von nützlichen und weniger nützlichen Erziehungsratgebern. Für jeden Teilbereich im Zusammenleben mit Kindern gibt es eigene Literatur. Es handelt sich um Anregungen, Kindern das Einund Durchschlafen zu erleichtern, Tipps zum Stillen, Anleitungen im Umgang mit Grenzen, pädagogisch wertvolle Spiele, Vorschläge zur Förderung der Konzentrationsfähigkeit und dergleichen mehr. Doch was verbirgt sich hinter dieser Vielfalt an Ratgebern?

Ist sie nicht letztendlich ein Zeichen der Verunsicherung von Eltern, Kindern einen “normalen” Start ins Leben zu ermöglichen? Überhaupt, was heißt in der heutigen Zeit schon “normal”. Was muss ein heranwachsender Mensch an Fähigkeiten und Eigenschaften mitbringen, um in einer Zeit veränderter und sich weiter verändernder Lebensbedingungen bestehen zu können?

Um alles “richtig” zu machen, müssten sich Eltern einem intensiven Literaturstudium unterziehen. Die Folge davon ist häufig, gar nicht mehr zu wissen, was man eigentlich tun soll. Und diese Unsicherheit bewirkt bei den Kindern ein Gefühl von Hilflosigkeit. Sie werden mit ihrer berechtigten Forderung an den elterlichen Erziehungsauftrag alleingelassen. Diese Vermeidungsstrategie erweckt den Eindruck, Eltern würden ihre Kinder vernachlässigen. Jedoch ist häufig Hilflosigkeit die Ursache für ein neuartiges Phänomen: die sogenannte Wohlstandsverwahrlosung.

Die alarmierte Öffentlichkeit stellt zunehmend Fragen, warum Lernstörungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern so stark zugenommen haben. Fast täglich wird über zunehmende Gewaltbereitschaft, allgemeine Respektlosigkeit und mangelnde Rücksichtnahme berichtet und öffentlich diskutiert.

Wenn Erziehung, und damit einhergehend Anforderungen an “Lernen,” anders verstanden werden, als eine Methode zum Erlernen unserer wichtigen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen, wird diese Entwicklung nachvollziehbarer. Die in der Schulzeit auftauchenden Probleme liegen in einem früheren Zeitpunkt begründet und sind eine Folge von Lernerfahrungen, die unmittelbar nach der Geburt eines Kindes beginnen und nicht erst zum Zeitpunkt des Schuleintritts. Der Umgang und emotionale Erfahrungen mit Lernprozessen entscheiden darüber, wie Lebensanforderungen, Problembewältigung und Frustration gemeistert werden. Dies bezieht sich nicht ausschließlich auf schulische und berufliche Belange, sondern auch auf den Umgang mit Emotionen, Ängsten und Konflikten.

Nicht die Vermeidung von Konflikten steht im Vordergrund, sondern ein angemessener Umgang mit ihnen. Auch wenn ein Rückzug ins Häusliche auf einer Verunsicherung beruhen kann und dem Wunsch nach klaren Strukturen und Sicherheit entspringt, darf die “Harmoniesucht” nicht in einen “Harmonieterror” umschlagen. Das Leben jedes Menschen ist von Chancen und Risiken der Persönlichkeitsentwicklung geprägt, wobei jeder Lebensabschnitt seine jeweils typischen “Krisen” beinhaltet. Werden diese “Krisen” gemeistert, d.h. emotional verarbeitet, findet eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit statt, die es ermöglicht, den Anforderungen gerecht zu werden, die mit einem Eintritt in den nächsten Lebensabschnitt verbunden sind.

Verabschieden wir uns von dem Wunsch nach ständiger Harmonie und stellen uns den Herausforderungen, die jedes Leben mit sich bringt. Vielmehr sollten wir uns den Fragen widmen, wie wir es schaffen können, diese unabwendbaren Krisen bewältigen zu können. Welcher Art Lernerfahrung bedarf es und wie können wir diese den Kindern vermitteln?

Neben anderen Gründen spielt heute Verunsicherung eine erhebliche Rolle bei der Entscheidung, eine Familie zu gründen. Kinder kosten ja bekanntlich Zeit, Geld und Nerven. Aber Kinder verkörpern auch Zukunft. Sie lassen teilhaben am ständig sich wiederholenden und dennoch einmaligen Schöpfungsprozess. Auf sie zu verzichten, kann den Verlust einer existentiellen Erfahrung bedeuten, der durch materielle Güter nicht ersetzbar ist. Und an welchem Punkt ist eine Gesellschaft angelangt, die nicht mehr an ihre Zukunft glaubt?

In diesem Buch geht es nicht um Vermittlung neuer Erziehungsmethoden und Konzepte. Im Vordergrund steht vielmehr die Frage, welche Faktoren zu einer Verunsicherung in der Erziehung geführt haben. Die uns heute betreffenden Themen und Probleme sind nicht zufällig und aus heiterem Himmel gefallen. Es wird deutlich, wie stark Moralvorstellungen, Bewertungsnormen sowie gesellschaftliche Anforderungen von wirtschaftlicher Entwicklung und daraus resultierenden Zwängen abhängig sind. Unsere heutige Gesellschaft ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. Ihr Funktionieren erhält durch eine veränderte Sichtweise eine andere Bedeutung. Und nur eine neue Perspektive bietet Raum für Veränderung. Oder in den Worten von Saint-Exupéry ausgedrückt: Um klar sehen zu können, genügt häufig ein Wechsel der Blickrichtung.

Anhand von Beispielen werden Mechanismen aufgezeigt, die im täglichen Miteinander in uns stattfinden und was sie bei uns auslösen. Hauptgegenstand sind alltägliche Blockaden, die aufgrund emotionaler Erfahrungen entstanden sind und einen erheblichen Einfluss auf jegliches Handeln haben. Die Folgen sind oft unbefriedigend, da sie Veränderungen und Persönlichkeitsentwicklung nur begrenzt zulassen. Es handelt sich typischerweise um jene Situationen, in denen wir genau wissen, dass wir in dieselbe Falle treten. Also den gleichen Fehler wiederholt begehen, obwohl wir es doch eigentlich besser wissen müssten.

*

1.

Warum ist Erziehung heute so schwierig?

Aufziehen und Erziehen von Nachwuchs ist naturgemäß so alt wie die Menschheit. Demnach haben sich die Anforderungen ständig verändert und an den jeweiligen Notwendigkeiten orientiert. Anfänglich standen die optimalen Überlebenschancen einer Sippe im Vordergrund. Mit zunehmender Sicherheit, Wohlstand und gestiegener Lebenserwartung entwickelten sich allmählich Fragestellungen über den Sinn des Lebens. Erziehung wurde zu einem Gegenstand eigener Betrachtung. Seit dem Zeitalter der Aufklärung ist daraus eine wissenschaftliche Disziplin entstanden – die Pädagogik.

Erst seit dieser Zeit, Ende des 18. Jahrhunderts, wird Kindheit als Lebensabschnitt betrachtet. Vorher waren Kinder “kleine Erwachsene”, die ihre Funktionen zu erfüllen hatten. Deutlich wird dies anhand alter Gemälde, in denen Kinder einfach als körperlich kleinere Erwachsene dargestellt wurden.

Die Entwicklung der Menschheit, die insbesondere seit dem Zeitalter der Industrialisierung rasant vorangeschritten ist, lässt nachvollziehen, dass der Erziehungsprozess ständigen Veränderungen unterworfen ist. Je schneller sich Lebensumstände ändern, umso schneller muss sich eine Gesellschaft anpassen. Waren dazu bisher Sprünge von einer Generation zur nächsten ausreichend, haben sich die Zeitabschnitte verkürzt. Wurden Werte und Normen bislang generationsübergreifend weitergegeben, stellt sich heute zunehmend die Frage, wohin unser Weg führt. Diese Verunsicherung zeigt sich in den Erziehungsmustern. Nach außen hin entsteht der Eindruck, Kinder seien unerzogen, respektlos und egoistisch. Aus erzieherischer Sicht empfinden Eltern eher ein Gefühl der Ohnmacht und fühlen sich alleine gelassen. Der kollektive Vorwurf, Eltern würden ihre Kinder nicht mehr erziehen, ist aus dieser Betrachtungsweise heraus so nicht haltbar.

Mussten Gesellschaften sich bisher nur an eigenen Veränderungen und Anforderungen orientieren, tritt heutzutage noch ein neuartiges Phänomen hinzu: die Globalisierung.

Gesellschaftsinterne Maßstäbe verlieren ihre Gültigkeit im Hinblick auf gesellschaftsübergreifende, universelle Werte. Schon immer sind Wirtschaften und Handeln der Motor einer Gesellschaft. Stetige Veränderungen stellen lange währende Erziehungsanforderungen in Frage und erfordern wertbereinigte Erziehungsmaßstäbe. Schließlich stellen Kinder das künftige Erwerbspersonenpotential und sollen von Haus aus den Anforderungen an den Arbeitsmarkt gerecht werden.

Eltern sollen demgemäß ihren Erziehungsanspruch erfüllen und Kinder zu Individualität, Flexibilität und Mobilität erziehen. Außerdem sollen sie über hohe soziale Kompetenzen, emotionale Intelligenz und hohe Lernfähigkeit verfügen. Wen wundert es da noch, dass Erziehung schwierig ist?

Zu keiner Zeit hat ein Paradigmenwechsel in der Erziehung radikaler stattgefunden, als nach den 68´er Jahren. Die zuvor seit vielen Generationen herrschenden Wertvorstellungen wurden infolge des 2. Weltkriegs massiv in Frage gestellt und erzeugten Proteste. Ein Prozess des Umdenkens konnte nicht allmählich stattfinden. Aus den krassen Gegensätzen musste ein neuer Weg gefunden werden. Eine solche Entwicklung kann nicht harmonisch verlaufen.

Familie ist heute planbar und somit zu einem Projekt geworden. Bis in die 60er Jahre hinein war der Einfluss auf eine Geburtenkontrolle mehr oder weniger zufällig. Projekte erzeugen jedoch im Gegensatz zu Zufällen eine Erwartungshaltung und unterliegen konkreten Vorstellungen und Zielsetzungen.

Historische Entwicklung der Institution Familie

Familiengründung war in der Vergangenheit zweckmäßigen Zielen untergeordnet. Sie diente dem Werterhalt, der Vermögensvermehrung sowie politischen und territorialen Erwägungen. Darüber hinaus war Arbeitsteilung ein wesentliches Element zur Erhaltung einer Familie. Nur wenn jeder seinen Aufgaben nachgekommen ist, konnte deren Existenz gesichert werden. Menschen sind nicht von Natur aus monogam. So war es ursprünglich durchaus nicht unüblich, dass Frauen Kinder von verschiedenen Männern geboren haben. Als dann erste materielle Güter, wie z.B. Werkzeuge, an die nächste Generation weiterzugeben waren, wollten Männer sicherstellen, diese nur dem eigenen Nachwuchs zu vererben.

Besitz und Besitzstandswahrung sind wesentliche Faktoren eines Familienbilds. In vorindustriellen Zeiten, bis etwa in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, durften beispielsweise Paare gar nicht heiraten, die keine Bürgerrechte einer Stadt besaßen, also weder einer Handwerkszunft, dem Adel oder dem aufstrebenden Bürgertum angehörten. Auch wenn von Seiten der Kirche ein sittsames Familienbild gepredigt wurde, hinderten wirtschaftliche Zwänge Paare an Eheschließungen. Somit hatten unverheiratete Frauen Kinder von ein oder mehreren Männern. Zusätzlich bedingt durch eine hohe Sterblichkeitsrate, hatten Kinder früher häufig verschiedene Stiefeltern. Das Phänomen ‚Patchworkfamilie‘ ist also keine Erfindung der heutigen Zeit.

Einflüsse des Christentums verbreiteten sich über andere Länder und Kulturen, und damit einhergehend Monogamie. Andere Kulturkreise verfügen über unterschiedliche Vorstellungen von Ehe und Familie. So kann gesagt werden: es gibt kein einheitliches Familienbild. Es ist jeweils abhängig von den ökonomischen und soziokulturellen Hintergründen einer Gesellschaft. Selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass sich Menschen den jeweils herrschenden Erwartungen anpassen, unabhängig davon, ob sie den eigenen Vorstellungen entsprechen.

In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden erneut Strömungen, bürgerliche Moralvorstellungen und strenge Sitten zu lockern. Im Mittelalter herrschte eine äußerst freizügige Lebensweise, die von der Kirche zunehmend unterdrückt wurde. Sie entwickelte damals rigorose Strategien, um den Verfall der Sitten zu bekämpfen. Nicht zuletzt endete der kirchliche Einfluss in einer Epoche der Hexenverfolgungen und strengster Sittenlehre.

In den 30er Jahren entwickelten die Nationalsozialisten wieder ein strenges Familienbild zur Stärkung von Einheit und Nation. Das damit verfolgte Ziel war die Vermehrung und Reinhaltung des germanischen Erbguts. Es sei hinzugefügt, dass die Nutzbarmachung von Familie nur als Übergangslösung geplant war. Denn letztendlich unterliegen Familien nicht der totalen Kontrolle staatlicher Institutionen. Es ließen sich noch einige Beispiele aufzählen, wie sich die Institution Familie „einem Orchester gleich“ instrumentalisieren lässt, um nach dem Taktstock des jeweiligen Dirigenten zu klingen.

Nach dem 2. Weltkrieg orientierte sich die Christlich-Liberale Nachkriegspartei an der Familien- und Sozialpolitik der Nationalsozialisten. In der neuen Verfassung der jungen Bundesrepublik wurden Eheschließungen als umfassendes Versorgungswerk geregelt, bis zum Tod. Der Staat entzog sich somit weitgehend eventuellen Versorgungsansprüchen und auferlegte dem Mann die materielle Sicherung seiner Familie, über die er auch weitgehend bestimmen durfte. Eine Ehefrau konnte ohne Einwilligung des Ehemannes bis 1957 nicht berufstätig sein. Und erst seit 1976 kann eine Ehe ohne „schuldhaftes Vergehen“ geschieden werden.

Auch das Ehegattensplitting ist aus dieser Zeit übernommen worden. Es benachteiligt steuerlich den dazuverdienenden Ehegatten. Somit ist es für das Nettoeinkommen einer Familie rentabler, wenn nur ein Ehegatte erwerbstätig ist. Vor allem in höheren Einkommensgruppen. Bislang war dies in den meisten Fällen Männern vorbehalten, sodass Frauenerwerbstätigkeit schnell der Kategorie Hobby oder Taschengeldzuschuss zugeordnet werden konnte. Allerdings ist bei der Gesetzgebung die veränderte Rolle der Frauen nicht bedacht worden. Während des Krieges konnten Männer ihre zivilberuflichen Aufgaben größtenteils nicht mehr wahrnehmen, sodass viele Positionen von Frauen besetzt werden mussten. Daraus entstand für sie erstmals in größerem Umfang eine Perspektive auf ökonomische Unabhängigkeit.

Mit Rückkehr der Männer aus Krieg und Kriegsgefangenschaft wurden Frauen zugunsten der Männer wieder aus der Berufswelt verdrängt. Über die Medien wurde in den 50er Jahren das Bild der glücklichen Hausfrau verbreitet, deren Aufgabe darin lag, zufrieden am heimischen Herd mit einer liebevoll zubereiteten Mahlzeit auf ihren, vom harten Arbeitsalltag heimkehrenden Mann zu warten. Ihre Arbeitskraft wurde auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr benötigt. War der Einsatz von Frauen beim Wiederaufbau und vorher in kriegswichtigen Industriezweigen noch notwendig, mussten sie nun das Feld für die heimkehrenden Männer räumen.

Nachfolgende Jahre der Prosperität erforderten in Westdeutschland keine hohe Frauenerwerbsbeteiligung. In Ostdeutschland stellte sich die Situation anders dar. Frauen wurden für den wirtschaftlichen Aufbau benötigt, da viele Männer, vor allem Fachkräfte, in den Westen flohen. Hier entstand anhand der wirtschaftlichen Begebenheiten ein völlig anderes Familienbild. Aus der wirtschaftlich notwendigen Beteiligung von Frauen am Wiederaufbau und Arbeitsprozess wurde ihnen mehr Unabhängigkeit ermöglicht in Bezug auf ihre berufliche Entwicklung, Geburtenplanung sowie familienrechtliche Lebensgestaltung. Ihre berufliche Entwicklung war von großer Bedeutung für die Aufbaujahre der jungen Republik und beeinflusste maßgeblich auch die Schaffung von Kinderbetreuungsangeboten.

Die anschließenden “wilden 60er“ Jahre waren von starkem Umbruch gekennzeichnet. Neben dem Deutschen Wirtschaftswunder fand eine sexuelle Revolution statt, die veraltete Moralvorstellungen komplett aus den Angeln gehoben hat. Es wurde mit einer Vergangenheit abgerechnet, die von autoritären Strukturen geprägt war und in einem Vernichtungskrieg endete. Hierdurch entstanden neue pädagogische Konzepte, wie z. B. Antiautoritäre Erziehung.

Im Verlauf der 70er Jahre drängten Frauen infolge der Bildungsoffensive auf den Arbeitsmarkt und ließen sich nicht mehr so einfach an den Herd abschieben. Die Scheidungsrate stieg kontinuierlich an und die klassische Ehe begann, sich zu einem Auslaufmodell zu entwickeln.

Deutschlands Vergangenheit war vom Streben nach Arbeitsfähigkeit und Pflichterfüllung geprägt. Diese Tugenden gipfelten im 2. Weltkrieg: in absoluter Ordnung und Perfektion sowie blindem Gehorsam und Autoritätsglauben.

Anstelle von Pflichterfüllung trat in Folge der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Der Beginn eines neuen Zeitalters: Vom WIR zum ICH. Ohne auf Erfahrungen zurückgreifen zu können und den Weg dorthin zu kennen. Verlief die Entwicklung bisher im Hinblick auf ein funktionierendes Ganzes, zerbrach dieses Weltbild durch das Ende eines grausamen Krieges.

Nach Kriegsende und Besatzungszeit traten viele neue Einflüsse von außen hinzu und ermöglichten einen Einblick in andere Lebensformen. Im einst autoritär strukturierten Deutschland wurde eine Pluralität von Lebensformen möglich. Die sozialpolitischen Strukturen hielten jedoch nach wie vor an einem tradierten Familienbild fest.

Heute stehen Menschen vor der Entscheidung, ob, wann und mit wem sie eine Familie gründen wollen. Auch können sie entscheiden, mit wie vielen Personen. Dadurch hat sich das Familienbild völlig gewandelt. Standen früher weitgehend ökonomische Gesichtspunkte im Vordergrund, tritt heutzutage ein verklärtes Idealbild an seine Stelle.

Am Beispiel von Säugetieren lässt sich so schön beobachten, mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihre Jungen aufziehen. Ihnen geht es ausschließlich darum, dem Nachwuchs alle notwendigen Überlebensstrategien beizubringen. Ungeachtet von politischen, ökonomischen oder religiösen Strömungen.

Je weiter wir uns von einer funktionalen Erziehung entfernt haben, desto mehr treten andere Maßstäbe in den Vordergrund. Diese Maßstäbe sind einerseits individuell, sollen andererseits einem großen Ganzen angepasst werden können. Nun leben aber heute alleine in Deutschland mehr als 80 Millionen Individuen. Und Landesgrenzen befinden sich zunehmend in Auflösung.

Wir scheinen heute vergessen zu haben, woher wir kommen. Und glauben, die Zukunft, unbeeinflusst von der Evolution mit ihren tief verankerten Verhaltensweisen, selbst bestimmen zu können. Daraus entsteht die Illusion, dass Rollenverhalten und Rollenmuster plötzlich verändert werden können. Aber gerade diese Annahme hat zu einer Verunsicherung beider Geschlechter beigetragen und spiegelt sich in der heutigen Erziehung wider. Denn sie erhöht den Erwartungsdruck beider Seiten. Männer sind nicht mehr primär für die „Jagd“ zuständig, sondern sollen sich außerdem an typisch weiblichen Tätigkeiten beteiligen. Frauen sollen neben ihren klassischen Aufgaben, für „Heim und Herd“ zu sorgen, typisch männliche Eigenschaften erfüllen:

Jugendlich knackig, sportlich und aktiv, interessiert und interessant sowie beruflich engagiert, so sollen Frauen heute sein. Denn schließlich gilt es, dem selbstgewählten Partner über einen, heutzutage langen, Zeitraum eine ansprechende Partnerin zu sein. Entfällt heute in vielen Fällen die ökonomische Notwendigkeit zur Fortführung einer Ehe, schließlich baut sie auf Freiwilligkeit auf, muss der Partner zur selbstbestimmten Fortführung der Beziehung motiviert werden. Frauen sollen “ihren Mann” stehen, wollten sie doch die sogenannte “Gleichberechtigung”. Ohne die Leistungen der Frauenbewegung schmälern zu wollen, ist dieser Begriff leider ad absurdum geführt. Er suggeriert, alles können zu müssen. Gleichberechtigung beinhaltet ihrem Wesen nach Polarität und bedeutet letztendlich, bestehende Unterschiede zu akzeptieren und als gleichwertig zu achten.

Auch Männer haben es nicht leicht. Einerseits sollen sie kochen, waschen, putzen, stricken und bügeln können, andererseits sollen sie auf die Jagd gehen nach Macht, Geld und Erfolg. Sie wollen teilhaben am schöpferischen Prozess der Frauen, und müssen gleichzeitig für die existenzielle Sicherheit ihrer Sippe sorgen. Ihr Rollenverhalten wird als Macho-Gehabe abgestempelt, aber wehe dem, der versucht, sich weiblich zu verhalten. Dies führt zu einem Ausschluss auf dem Paarungsmarkt, im Kampf um die besten Gene. Und so sind beide Geschlechter gefangen im Kampf um ihre eigene Identität. Neben all diesen Erwartungen soll die “Wunschfamilie” ihren Nachwuchs bestmöglich erziehen. Denn wenn im Regelfall 1 bis 2 Kinder geplant werden, sollen ihnen optimale Chancen geboten werden. Wenn Erziehung von einer nebenbei selbstverständlichen Tätigkeit zu einer Lebensaufgabe heranwächst, verändert sich der Blickwinkel, und ein neuer Fokus entsteht. Dies führt dazu, jeden Entwicklungsschritt genau zu beobachten und zu verfolgen.

Eltern stehen dann auch in einem Konkurrenzkampf zueinander. Wer macht alles am besten? Was kann das eigene Kind im Vergleich zu anderen? Fähigkeiten und Entwicklungen sind nicht zuletzt auch durch Vorsorgeuntersuchungen, Eignungstests und eine enorme Entwicklung im Hinblick auf Qualitätsstandards zunehmend zu einem Objekt öffentlicher Betrachtung geworden. Dadurch rücken eigene Bewertungsmaßstäbe und Toleranz in den Hintergrund. Durch Informationsüberschuss, größere Vergleichbarkeit und eine Mehrzahl an Möglichkeiten fühlen sich Eltern unsicher. Aber gerade Verunsicherung verhindert für den Erziehungsprozess eine absolut notwendige Eigenschaft: Authentizität!

Die Entwicklung im Hinblick auf Selbstverwirklichung beinhaltet eine wesentliche Änderung der Familienstruktur. Denn sie betrifft nicht nur die Jungen, sondern breitet sich generationsübergreifend aus. Die Folge sind Kleinfamilien. Vor allem für Mütter ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen. Wurden Kinder bisher im Familienverbund von Eltern, Großeltern oder Geschwistern erzogen, fällt diese Aufgabe heute weitgehend ihnen zu.