Wenn das Meer zwischen den Füßen verschwindet - Florian Stritzelberger - E-Book

Wenn das Meer zwischen den Füßen verschwindet E-Book

Florian Stritzelberger

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Beschreibung

Sarah ist wie die Ebbe: still, zurückgezogen und von der Vergangenheit gezeichnet. Panikattacken und der Druck, ihren Platz im Leben zu finden, treiben sie bis ans andere Ende der Welt. Auch Joey lässt ihre Band und ihre Stadt zurück. Mit einer Zigarette in der einen und einer vagen Hoffnung in der anderen Hand. Zwei junge Frauen, verbunden durch ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in Neuseeland. Zwischen tosenden Wellen, alten Maori-Traditionen, einsamen Stränden und aufziehenden Stürmen erleben sie eine Flut in ihrem Leben. Eine, die alles verändert.

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Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2025

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„Es gibt nichts Schöneres als die Art und Weise, wie der Ozean sich weigert, mit dem Küssen der Küste aufzuhören, egal wie oft er weggeschickt wurde.“

Sarah Kay

Fur alle Reisenden, die auf der Suche sind

MUSIK FUER DEINEN STRANDSPAZIERGANG

Inhaltsverzeichnis

LONELY PLANET - SARAH

GOODBYE IS NOT FOREVER - JOEY

SCHWERELOS - SARAH

AUFBRUCH - JOEY

EIN LIED IM MEER - AIO KI TE AORANGI

CHRISTCHURCH - JOEY

DAS KLAVIER - SARAH

PAPIERWORTE - JOEY

MORGENMOMENTE - SARAH

ERINNERUNGEN

NICHTS - SARAH

LIGHTHOUSE - JOEY

FESTHALTEN

STUFEN - SARAH

HASELNUSSSCHOKOLADE - JOEY

DER KLANG DER WORTE - SARAH

WIND UND WELLEN - JOEY

LEBENSATEM

ERKLAERUNGEN - SARAH

KRIEGER DES MEERES - JOEY

DREI - SARAH

SEETAUFE - JOEY

SOG NACH UNTEN - SARAH

GLUEHENDER HIMMEL - JOEY

WUNDEN DER LEBEWESEN

VERDREHTE WELT - SARAH

MOLEKUELE DES WASSERS - JOEY

LIEBE HAT VIELE GESICHTER

MORGENDE, ABENDE, NAECHTE - SARAH

KUECHENGESPRAECHE - JOEY

KOERPERWELTEN - SARAH

ORCA - JOEY

BLINDFLUG - SARAH

HUELLE - JOEY

DAS KOSTBARE DER WELT

MITEINANDER GEHEN - SARAH

MERI KIRIHIMETE - JOEY

ZURUECK-PAUSE-PLAY-VOR - SARAH

KUGELGRILL UND KRAKENHAUS

DAS BOESE IN UNS - JOEY

KLOGESPRAECHE - SARAH

SCHWARZER ZAUBER

GESCHENKE - JOEY

HALBMOND - SARAH

DIE BEDEUTUNG DER TAGE

MEHR ALS ICH DACHTE - JOEY

KETTENREAKTIONEN - SARAH

GREAT WALKS - JOEY

LILA - SARAH

SCHULD

IN DEN ELEMENTEN - JOEY

GEHEN UND WOLLEN - SARAH

BRUECKEN - JOEY

HEXENZAUBER - SARAH

NEUES LEBEN - JOEY

WAERME - SARAH

TENTAKEL - JOEY

MUT

DER KREISLAUF DER LIEBE - SARAH

LANDLEBEN - JOEY

DAS ENDE DES SOMMERS - SARAH

KOPF AN DER SCHEIBE - JOEY

WEITERZIEHEN - SARAH

ABGRUND

LANDSTREICHLERIN - SARAH

TOUR - JOEY

DER STEIN IN DIR - SARAH

HALL - SARAH

EMAIL FUER DICH - JOEY

PRAG IST NICHT BARCELONA - JOEY

WIEDERGEBURT

ENTSCHEIDUNG - SARAH

FREISINGEN - JOEY

DURCH DAS MEER - SARAH

BLICKE - JOEY

DIE WELLEN UND ICH - SARAH

LONELY PLANET - SARAH

Ich soll mein Gepäck nicht alleine lassen, es ist aber meine Welt, die mich im Stich gelassen hat. Nicht umgekehrt!

Ein dumpfer Stimmennebel liegt in der Abflughalle. Zu viele Menschen überhören scheinbar wichtige Informationen aus Lautsprechern. Ich warte am Gate auf meinen Flug und bebe innerlich, aber es fällt nicht auf, weil auf einem Flughafen alles vibriert. Wer kümmert sich da um den Lärm im Kopf einer 18-Jährigen? Es ist wohl eine Ironie des Schicksals, dass mein neues Leben so beginnt, wie das Leben meiner Eltern aufgehört hat.

Meine weißen Spinnenfinger klammern sich an den Reiseführer Neuseeland. Er beschreibt mich und mein Leben in zwei Worten:

»Lonely Planet«.

Wie passend! Als würde das Buch mich schon ewig kennen.

Neue Bücher haben so einen besonderen Geruch, und ich habe ihn schon als Kind gemocht. Etwas Neues wartet auf dich und wirkt wie ein Versprechen. Was für ein lebensfroher blauer Einband. Kein Allerweltsblau. Ein Blau, das einen in die Unendlichkeit abtauchen lässt.

Ich schließe meine Augen und spüre ein Kribbeln in den zu wenig durchbluteten Fingern. Ich blättere vorsichtig durch die Seiten und suche nach einem neuen Kapitel in meinem Leben. Ein Gefühl wie ein zarter Frühjahrsregen, den man durch das Fenster nicht sehen kann, sondern nur im Freien auf der Haut spürt.

Dann weht mir der Meereswind ins Gesicht, weil ich mit den Fingern schneller durch die Seiten fliege. Ich glaube so fest daran, dass diese Reise mein Leben verändert.

Meine Augen öffnen sich, und ich beginne zu lesen:

Neuseeland ist Erdbebenrisikogebiet.

Der Kiwi ist ein Vogel, der nicht fliegen kann.

Ich muss an diesen Erdbeben-Forscher Alfred Wegener und seine verdammte Theorie der Plattentektonik denken. Wieso lerne ich in der Schule, wie sich Kontinentalplatten verschieben, aber nicht, wie mein kaputtes Leben funktioniert? Alles in mir wirkt auseinandergedriftet. Verlorene Teilstücke, seit dem Tag, an dem meine Familie aufgehört hat zu existieren. Dieser Flughafen wirkt wie ein Friedhof für rastlose Seelen, und ich bin eine von ihnen.

Wie soll ich stundenlang eingesperrt in einem Flugzeug sitzen und das Meer von oben anschauen? Dieses gefräßige Etwas hat mir mit seinem schaumigen Mund alles genommen. In wenigen Minuten soll ich durch den Himmel fliegen, fühle mich aber wie ein flugunfähiger Kiwi, nicht wie eine Abiturientin vor ihrem Auslandsjahr.

Das Parfum meiner Mutter am Handgelenk ist wie eine Sauerstoffmaske, die mir wieder Luft gibt. Vanille, Patschuli und eine frische Zitrusnote. So steht es in der Artikelbeschreibung. Ich rieche unauffällig an meinem Handgelenk, das ich mir im Duty-free-Shop mit Mama besprüht habe.

Mein Puls rast. Ich versuche ihn zu bändigen, sage mir Neu-See-Land im Dreivierteltakt vor mich hin, klopfe den Takt mit dem Fuß und verwende meine Airpods als Tarnkappe. Klassische Klaviermusik von Felix Mendelssohn.

Ich bekomme Schweißausbrüche, wenn ich Kondensstreifen am Himmel sehe. Manchmal denke ich auch, dass meine Eltern immer noch in so einem Flugzeug sitzen und sie eine Warteschleife über meiner Welt ziehen. Eine schöne Vorstellung, leider kommt sie nur an Tagen, an denen das Wetter dazu passt. In der Nacht kommt das Video vom Aufschlag, von zerfetzten Sitzen und den Kleidungsstücken, die auf der Wasseroberfläche schwimmen. Eine Art virtueller Friedhofsbesuch. Nur in YouTube-Rot, nicht in Schwarz.

Ich dachte, nach dem Abitur wird alles besser. Ich besitze ein Zeugnis, das eine Eintrittskarte in eine neue Welt darstellen soll. Für mich nur ein schreiend nichtssagendes Dokument in einer Klarsichtfolie, in der untersten Schublade meines Schreibtischs – mehr nicht. Klarsichtfolien helfen nicht den Durchblick im Leben zu finden. Das ist nur mein dämlicher Ordnungstick. Wer innen Chaos hat, braucht äußere Ordnung.

Immer wieder starre ich auf das Flugticket, überprüfe, ob ich am richtigen Flugsteig bin und rechne die Stunden durch, die ich ab jetzt im Flieger sitzen werde. Es sind sogar schon fast Tage.

Hinter verkratzten Fensterscheiben steht mein Flugzeug mit allerlei Schläuchen daran, als könnte es ohne diese nicht überleben. Ich versuche so zu atmen, wie es meine Therapeutin mit mir geübt hat. Bauch wölben, der Luft nachspüren, wie sie in mich strömt.

Frau Soleidan hat mir ausdrücklich zu einem Flugangst-Seminar geraten. Aber sie findet die Idee gut. Ein Freiwilliges Ökologisches Jahr am anderen Ende der Welt in einem völlig neuen Umfeld kann auch eine Chance sein, eine Möglichkeit, eine andere Sicht auf das Leben zu bekommen.

»Frau Sarah Beltz, please come to Gate A25, Frau Sarah Beltz, bitte kommen Sie zum Schalter Gate A25.«

Ich gehe an den Warteschlangengesichtern vorbei und lege meinen Reisepass auf den Schalter.

Die Frau mit dem Halstuch spricht etwas in ihr Funkgerät, prüft meine Daten und legt dann ihre Hand für einen Moment auf meine Hand. »Wir haben deine E-Mail bekommen. Wir werden alles tun, dass es dir gut geht, du schaffst das, da bin ich mir sicher!«

Wie schön, dass hier jemand mich mit einem »Du« anspricht, in einer Welt, die eher nach »Sie« aussieht. Ich bringe kein Wort heraus, fühle mich ertappt und gleichzeitig gerührt. Habe Angst, für den Augenblick glaube ich ihrem mütterlichen Unterton. Atme tief durch und folge der Stewardess.

Mein erster Flug in meinem Leben. Nach dem Tod meiner Eltern. Meine Chance auf ein neues Leben am anderen Ende der Welt. Ich frage mich noch immer, ob das »Freiwillig« stimmt. Aber ich kann so nicht mehr weitermachen. Neuanfang. Endlich loslassen. Dieser Tunnel hört nicht auf. Dann ein Lächeln am Ende des Gangs. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Mein Freiwilliges Ökologisches Jahr in Neuseeland beginnt mit meinem ersten Flug.

GOODBYE IS NOT FOREVER - JOEY

Ich stehe wie Kate Winslet auf dem Schlagzeug, spreize die Arme und werfe den Kopf in den Nacken. Patrick holt zum letzten Beckenschlag aus. Dann springe ich. Das Mikrofon küsst Sekunden später meinen Schneidezahn. Glückwunsch. Bruchlandung mit den Chucks auf dem Fuß des Mikroständers. Typisch Johanna. Christian wirft vor Lachen sein Bier um. Dann prustet Samuel los. Ich lache über alles, liege in einem Kabelknoten auf dem Boden und strecke alle Viere von mir.

Es ist unsere letzte Probe vor meinem Absprung ins Ausland. Ein letztes Mal zusammen mit den Jungs Musik machen. Mein Ramones-Top ist feucht, und meine Ohren fiepen. Dieses Wasser-im-Ohr-Gefühl nach zu lauter Musik. Für mich ein perfekter Freitagabend. Ich keuche, richte meine Mütze, drehe meinen Kopf und starre auf das beleuchtete Innenleben von Samuels Gitarrenverstärker.

Dieses Licht gehört zu meinem Leben. Es ist blau. Und blau ist gut. Denn dann bin ich im Proberaum von Musik umgeben. Ich dachte nie darüber nach, dass ich dieses Blau mal eine Weile nicht sehen könnte. Wir machen doch schon seit der 7. Klasse zusammen Musik. Seit dem Rock-Band-Projekt von Herrn Wegener.

Wenn der Schalter von »Stand-by« auf »On« klackt, suche ich in Samuels Verstärkerlicht die nächste Textzeile, den Einsatz für den Refrain oder genieße die Ruhe eines Songs. Die Instrumente sind dann unter sich, und meine Stimme hat Pause.

Ich bin das einzige Mädchen in der Band. Etwas Besonderes, was ich auch genieße. Wie ein großer Fisch in der Mitte und die anderen Fische kreisen im Schwarm um mich. Ich bin die Sängerin von »Orange«, mache die Setlist vor unseren Auftritten und scherze beim Soundcheck mit dem Mischer. Wir dürfen wegen mir dann ein oder zwei Lieder überziehen. Ich weiß, wie man mit Menschen umgehen muss, damit sie das tun, was ich möchte.

Klar kann man sich heutzutage über das Internet sehen. Aber Musik über das Internet zu machen ist unmöglich. Verzögerung ohne Ende. Dieses Gefühl, wenn Patrick am Schlagzeug auf das laute Crashbecken schlägt und ich die Bassdrum im Bauch spüre. Das lässt sich wohl leider nicht über das Internet übertragen.

»Noch einmal »Hands in your Hair« mit Intro bis zum C-Teil.«

Patrick zählt mit den Stöcken ein.

Ich tue aus Spaß so, als wären wir bei einem Auftritt, nicht im Proberaum.

»Ihr wart geil Leute, wir waren »Orange« und das ist unser letztes Lied. Danke fürs Kommen.«

Ich grüße die kahle Wand. Sie schweigt, wir grinsen, jeder für sich in sein Instrument hinein. Als wären die Instrumente Spiegel, die gute Laune im gleichen Winkel zu uns zurückstrahlen. Da merke ich mal wieder: Musik ist wie ein Kompass für meine Seele. Zwischen den Tönen finde ich die richtige Version von meinem Leben, die sonst so planlos in der Luft hängt.

Samuel hängt mit einem Auge an seinem Griffbrett und mit dem anderen an meinem Hintern. In diesem Moment weiß ich, dass ich nichts von ihm will. Aber das mit ihm, ich weiß nicht … Für mich ist dieser Flirt wie ein Gutschein in der Fußgängerzone. Etwas, das man nehmen oder auch lassen kann. Wir haben vor vier Wochen bei unserem letzten Gig beim Abifestival im Heizraum der Schule geknutscht, und er hat dabei meine Brüste wie Dampfnudelteig geknetet. Das wäre nicht das Problem. Ich mag es, da angefasst zu werden. Aber eben nicht so, wie Samuel sich angestellt hat. Es hätte ja auch gut sein können. Aber es war wohl nur so ein Gefühl, entstanden aus zu viel Havana-Cola in den Katakomben des Fahrradkellers. Es war einfach da. Wie Schluckauf. Oder wie man manchmal Lust hat, nur auf den Linien der Fliesen zu laufen. Diese Lust, etwas Verrücktes zu machen. Aber Samuel. Mein Gott Samuel. Mein Drop-D-Samuel, der so geschickte Hände hat und dies doch auch auf Frauenkörper übertragen können müsste.

Machen wir uns nichts vor. Er spielt in einer Band. Ich spiele in einer Band. Ich bin die Sängerin von »Orange«, er ist der Gitarrist von »Orange.« Ich bin der Text. Er ist der Ton. Das hat schon so einiges miteinander zu tun. Da kann man schon miteinander rumschwingen, wenn man zusammen Musik macht. Aber er ist für mich nur ein guter Freund. Jemand, den ich gern an meiner Seite habe, aber mit Mindestabstand.

Ich glaube, er denkt sogar, wir wären ein Paar und meint mich jetzt mit dem Kombi seines Vaters zur Probe abholen zu müssen. Das ist echt Murks. Ich bin nicht das Mädchen, das abgeholt wird. Ich fahre selber. Ich brauche die Zeit auf meinem Rennrad, um die Texte noch mal für mich zu singen. Beim Kurven durch den Münchner Vorstadtverkehr kommen die letzten fehlenden Zeilen. Manchmal auch bei roten Ampeln und ich muss sie dann in mein Handy tippen. Ich bin nicht das Schreibtischmädchen.

»Joey, dein Einsatz, du darfst nicht in die Pause singen!«

Verkackt.

»Ab der letzten Strophe!«, sage ich.

Er grinst mich an. Er freut sich, dass ich es vermasselt habe. Sein Grinsen wächst wie Hefeteig. Mundwinkel, die ich nicht beobachten möchte, weil sie sich zu breit in die Länge ziehen.

Bei manchen Menschen mag ich nicht, dass sie den Mund mehr als nötig öffnen. Sein Lachen wirkt überheblich.

Sein Blick sagt »Baby, deine Fehler sind süß.«

Meine Fehler sind nicht süß, wenn hier überhaupt jemand etwas zu meinen Fehlern zu sagen hat, bin ich das. Ich bin sauer auf meine Fehler, zumindest dann, wenn mich so selbstverliebte Gitarristen anschauen.

»Lasst uns noch mal »Goodbye is not forever« zocken, den neuen Song als Abschluss«, fordere ich in die ausklingenden Becken hinein.

goodbye is not forever

searching to make it better

In the end, my friend, it's a journey

My feet sinking into the water, at the miracle bay far away, down under

Ich habe den Song in einem Rutsch geschrieben. Der Beschluss einer Reise setzt Kreativität frei. Mit dem Flugticket kommt das Fliegen. Mit dem Beantragen des Reisepasses kommen die Gedanken auf Reisen.

Es war ein Tag im April. Vor meinem Fenster schneite es weiße Kirschblüten. Ich hatte die letzten Dokumente für das Freiwillige Ökologische Jahr in Neuseeland eingescannt und mit der E-Mail meine nahe Zukunft besiegelt. Zumindest den Teil der Zukunft, der mich ein Jahr lang nach dem Abitur begleiten würde.

Das war ein magischer Moment für mich, weil ich lange nicht wusste, was ich nach dem Abi machen will. Ich habe die Ungewissheit mit Partys und Konzerten überspielt und lieber Musik gemacht, anstatt mich auf der bescheuerten Webseite des Arbeitsamtes mit meiner Berufswahl zu beschäftigen.

Ich kann das Wort »Zulassungsbescheinigung« nicht mehr hören. Es geisterte in den letzten Wochen durch die Oberstufenräume. Die Einschläge kamen jeden Tag näher.

»Ich habe heute meine Studienzulassungbescheinigung aus München bekommen!«

»Bei mir war`s ein kleiner Umschlag, wurde in Berlin zugelassen.«

Als würde die Größe des Umschlags oder die Stadt, in der wir studieren, über unser Glück entscheiden. Ganz zu schweigen vom Einstiegsgehalt. Das ist eh nur der Anfang einer Geldsucht, die nie im Leben aufhört. Auch wenn wir genug davon haben, kann keiner davon genug bekommen.

Deswegen macht es mir auch gar nichts aus, dass wir bei unserem Freiwilligen Ökologischen Jahr nur ein kleines Taschengeld erhalten.

Meine Gedanken sind schon über den Ozean geflogen. Ich kann mich nicht mehr an alle musikalischen Besonderheiten des Songs erinnern, die die Jungs ausgeheckt haben. Für mich zählt der Text. Und so erinnere ich mich an meine ersten Zeilen zu meiner Reise, die ich damals schrieb.

Samuel schaltet das blaue Licht an seinem Verstärker aus. Wir sind jetzt als Band im »Stand-by«. Kein »Off«. Können für mehr als ein Jahr nicht mehr »On« sein.

Christian und Patrick holen sich noch ein Bier aus dem Kühlschrank. Ole, unser Bassist, muss gleich weiter, er gibt noch Cellounterricht und nimmt mich kurz in den Arm. Wie Bassisten eben so sind. Keine Showmaker und »Ins-Licht-Woller«. Eher ruhig.

Samuel wickelt sein Kabel auf und schaut mich an.

»Kommst du mit eine rauchen?«

Jetzt wäre ich gern Nichtraucher. Nicht wegen meiner Gesundheit, sondern wegen Samuel. Aber irgendwann muss ich es ihm sagen. Jeder weiß, dass ich beim Proben gern mal eine Kippe paffe.

Wir sollten das klären. Es würde etwas Ungeklärtes zurückbleiben. Für ihn. Nicht für mich. Die große Tür aus dem Keller der Fabrik liegt jetzt noch schwerer in der Hand. Ich lege mir schon auf dem Weg Textfetzen zurecht, wie ich mich erklären kann. Versuche, es im Kopf nicht so hart klingen zu lassen. Wenn es dumm läuft, steht unsere Band auf dem Spiel. Neugeborene Regenpfützen liegen auf dem Boden vor der Fabrik. Die Luft drückt. Ein starker Wind frischt auf, es liegt noch was in der Luft. Dem Himmel und mir liegt etwas im Magen.

Sein Feuerzeug schlägt beim ersten Versuch eine riesen Flamme, die für zwei Zigaretten reicht. Sturmfeuerzeug. Leider reicht mein Feuer nicht für ihn. Es wird meine letzte Zigarette, das schwöre ich mir.

SCHWERELOS - SARAH

Alle schwärmen von diesem unglaublichen Gefühl beim Fliegen. Natürlich muss es bei mir anders sein. Alles an mir ist anders. Ich musste mich mehrere Seminartage auf dieses Gefühl vorbereiten, um nicht zusammenzubrechen. Man soll sich doch seinen Ängsten stellen! Wegen dieser Küchenpsychologie entschied ich mich für ein Flugangst-Seminar. Ich weiß jetzt, dass ein Flugzeug wegen Unterdruck am Flügel in der Luft schwebt und ein Pilot immer fliegt und der andere Pilot ihn überwacht.

Mein Platz ist in der Businessclass. Die Dame von der Fluggesellschaft hat mich dank meiner Schilderung des Problems kostenlos upgegradet, ohne dass ich das zahlen muss. Vor mir steht ein Begrüßungsgetränk, und ich habe gar keine Zeit Angst zu haben, weil ständig jemand kommt und mir etwas anbieten will.

»Möchten Sie eine Decke?«

Ja, bitte, ich möchte Höhlen aus Decken bauen. So wie früher mit meiner Schwester Alina und erst wieder rauskommen, wenn ich dort bin.

»Ein Reinigungstuch?«

Es riecht nach Zitrone, und Zitrone riecht nach Leben. Ist gelb, voller Sonne und hat so gar nichts von meinem Weltuntergangsszenario, das ich mir seit Wochen ausmale.

Ehe ich mich umsehe, ist das Sicherheitsvideo durch, mein Flieger wird von diesem »Pushback-Fahrzeug« in Position gebracht.

»Cabin crew, take your seats.«

Ich habe einen Fensterplatz, schaue den Fahrzeugen und Mitarbeitern des Flughafens zu, wie sie funktionieren. Hoffe, dass es funktioniert, dass ich diese Hürde schaffe und das Flugzeug nicht wegen einer Panikattacke einer Abiturientin notlanden muss.

Kleine Klappen winken links auf dem Flügel. Die Piloten überprüfen, ob die Querruder richtig funktionieren und alles in Ordnung ist. Ein letzter Gruß an die Erde, bevor wir sie verlassen.

Dann ist er da.

Der Start in ein neues Leben. Ein Gefühl wie eine Vollbremsung, die einen aber nach vorne schubst.

Mein Leben wird von einer Startbahn in die Luft geschoben. Es dröhnt unter meinem Sitz, ich spüre die Energie des Flugzeugs, das die Schwerkraft überwinden will. Das Ganze wirkt auf dem Boden noch wackelig, wird aber immer schneller. Mein Bild nach draußen kippt plötzlich zur Seite. Der Horizont verschiebt sich. Nicht mehr waagerecht. Die Nase des Flugzeugs hebt sich, und ich bin eine von vielen, die im Himmel sind.

Zumindest dem Himmel nahe. Ich denke an meine Eltern, sehe ihre Gesichter in dem Bildschirm vor mir. Tränen rollen aus meinen geschlossenen Augen. Wasser findet immer einen Weg. Wir tauchen in Wolken. Angst vermischt sich mit einem Achterbahngefühl. Mein Bodenkontakt verliert sich. Ich sehe die Erde nicht mehr. Wir durchstoßen die Wolkenschicht und sind nun über den Wolken.

Ich bin frei!

Nie hätte ich gedacht, dass ich all die technischen Details für einen Moment vergessen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, die ich habe, um bei einer Notlandung zu überleben. Welche Sitzreihen mehr Chancen auf ein Leben danach haben und all diese Theorien.

Plötzlich ist alles weg. Als wäre die Wolkenschicht eine neue durchbrochene Gehirnregion in meinem Kopf. Ich habe nicht mal mehr dieses nach unten ziehende Trauergefühl, das ich seit Jahren habe und das mich begleitet wie ein Halsband aus Steinen. Das Gewicht des Gefühls hat sich geändert. Vielmehr ist da ein neues Nichts. Eine große weiße Wolke.

Meine neue dritte Dimension.

Das Leben hier oben hat so etwas Leichtes und eine Freiheit, die der Mensch auf der Erde nicht mehr kennt. Wir Menschen beherrschen jeden Zentimeter auf dem Boden. Tun so, als hätten wir den Plan von allem. Doch das stimmt nicht. Hier oben hat der Mensch nur wenig Macht, weil es ihn nach unten zieht und er mit Maschinen dagegen ankämpfen muss.

Vielleicht ist es deshalb so schön, in dieser Welt zu Besuch zu sein, in der ich noch nie zu Besuch war. Hier ist keine Kontrolle, sondern hier regiert die Laune der Natur. Die Wassermoleküle finden sich zu spontanen Wolkenformationen zusammen, die sich ständig ändern und neue Fantasiebilder in mir anregen.

Die Anschnallzeichen gehen aus. Menschen dürfen jetzt in der Maschine aufstehen, sich die Beine vertreten oder auf die Toilette gehen. Ich will nur hier sitzen und nach draußen schauen. Ich schaffe es, die Stewardess anzulächeln, und sie beantwortet dies mit einem Glas Wasser, das nun vor mir auf dem Klapptisch in der Aussparung wackelt. Das Sprudeln der Kohlensäure wirkt chaotisch, aber irgendwie beruhigend im gleichmäßigen Lärm der Turbinen.

Ich beginne zu begreifen, warum mein Vater so gerne auf Geschäftsreisen war und meine Mutter ihn so oft begleitete. Ich glaube, es ist auch mein Vater, der mir die Kraft gibt, dieses Auslandsjahr durchzuziehen. Von dort, wo er jetzt ist, kam ein Signal zu mir, diesen Schritt zu wagen. Vielleicht von über den Wolken.

Unten hätte ich es mir nicht vorstellen können, diese Schwelle zu übertreten. Aus Deutschland wegzugehen. Aus Hamburg fort und weg von meinem Klavier.

Im Bordentertainment in meiner Armlehne gibt es einen Klassik-Channel. Ich schließe meine Kopfhörer an und schaue dazu Wolkenkino.

Der Monitor im Gang zeigt unsere Position an.

Über Irland gehe ich aufs Klo.

Ich esse über dem Nordatlantik.

Schlafe über der Nordwestpassage.

Ich vertrete mir die Füße und bleibe im Gang an einem Fenster stehen. Ewiges Eis. Grönland.

Ich esse wieder über der Hudson Bay.

Die Filme interessieren mich nicht. Könnte es einen besseren Film geben, als die Welt von oben?

Wir erreichen die Rocky Mountains, und das Geräusch des Fliegers ändert sich. Es könnte ein Grund sein, darüber nachzudenken, ob alles in Ordnung ist. Es ist die Vorbereitung des Flugzeugs für die Rückkehr zur Erde. Der Pilot bestätigt meine Vermutung zusätzlich mit dem letzten Wetter von Vancouver.

»Meine Damen und Herren, wir planen nun die Landung in Vancouver in ca. 30 Minuten. Leider haben wir wettertechnisch keine so guten Nachrichten. Wie für diese Jahreszeit üblich erwartet uns Vancouver als »Raincouver« bei Nieselregeln und nur 3 Grad. Wir wünschen Ihnen weiterhin guten Aufenthalt an Bord und alles Gute.«

So verschieden sind die Probleme. Die Piloten denken über den Nieselregen nach, als wäre es unmenschlich, einen Regenschirm aufzuspannen. Und ich? Ich stehe vor meiner ersten Landung. Ganz alleine.

Tausende Kilometer von meiner Heimat entfernt.

Ich muss irgendwelche Einreiseformulare ausfüllen, was mich davon abhält, Angst vor der Landung zu haben. Mit meinem neuen Mut habe ich aber nicht mehr so viel Angst davor. Ich habe ja fast 10 Stunden Energie über den Wolken gesammelt. Mein Kopf denkt schon einen Schritt weiter, und ich habe Bammel, den Weg zu meinem nächsten Flug nach Auckland nicht zu finden. Alleine in einem fremden Flughafen zu stehen und nicht rechtzeitig zum nächsten Gate zu kommen. Eine Flugbegleiterin erklärt mir mit ihrem immer gleichen Halstuchlächeln, wie es für mich weitergeht. Ich hätte ihr bestimmt auch sagen können, dass sie Mohnstücke zwischen den Zähnen hat, sie hätte genauso gelächelt und sich höflich bedankt. Wie kann man so gleichmäßig freundlich sein? Es muss eine geheime »Überden-Wolken-Schule« dafür geben.

Die Gespräche verebben. Die Tische sind hochgeklappt. Die Lehnen aufrecht. Wir durchbrechen die Wolken über Vancouver Island. Diesige Wolkenfetzen. Wir ändern sehr oft unsere Richtung. Ich ziehe den Gurt fester. Das Fahrwerk rumpelt sich in Position. Der Schreck aller Menschen mit Flugangst. Für mich ein akustisches Signal der funktionierenden Technik. Ich zwinge mich dazu, es so zu interpretieren. Der Vogel fährt die Krallen aus, um sich in der Erde festzubeißen. Unser Flugzeug fährt die Räder aus, um sein Gewicht sanft auf kanadischem Boden ausrollen zu lassen.

Am Ende ist es so wie vom Sprungturm springen, auch wenn es bei mir immer nur das 3-Meter-Brett war. Du siehst dir von oben an, was auf dich zukommt. Aber an das eigentliche Eintauchen ins Wasser, daran erinnert man sich nicht.

Die Motoren verlieren jegliches Geräusch. Eine Stille vor dem Aufprall. Ich halte die Luft an. Traue mich nicht zu atmen, schaue auf die Skyline von Vancouver und dann erfährt mein Leben einen Ruck.

Ein tiefes Absacken in der Magengegend, in Richtung Körpermitte.

Sofort kommen die gelernten Inhalte vom Flugangstseminar.

Ein Ruck – Aufklappen der Bremsklappen – Umkehrschub.

Das Flugzeug bremst, kommt fast zum Stehen und biegt fröhlich auf einen Abzweig ein. Als würde ein Vogel wieder seine Schwingen einfahren und sein Nest suchen.

Ich bin gelandet. Zum ersten Mal in meinem Leben. Ich war über den Wolken, habe die Freiheit geschnuppert und bin jetzt wieder gelandet.

Auch wenn meine Eltern im Himmel sind und für immer dortbleiben, kann ich sie jetzt verstehen, warum es da oben so toll ist. Aber ich weiß auch, dass ich fliegen darf und dieses Hochgefühl der Beginn eines neuen Lebensabschnitts ist.

Ich bleibe solange angeschnallt, bis wir am Gate sind, genieße meinen Sieg über die Angst und Trauer.

Ich bin stolz auf mich, schließe die Augen, lege meine Hände auf den Bauch und steige als eine der Letzten aus dem Flugzeug aus. Ich kann nicht anders. Beim Verlassen des Flugzeugs umarme ich die Stewardess mit einem »Thank you«, obwohl sie offensichtlich Deutsche ist. Ein kleiner Flug für die Menschheit, ein großer für mich.

AUFBRUCH - JOEY

Verabschiedungen sind so gar nicht meine Stärke. Patrick hat einen Kuchen mit Neuseeland Zuckerschrift gebacken und hält ihn mir hin, als wäre es mein fünfter Geburtstag und er wäre nicht eingeladen. Christian holt ein Geschenk aus seinem Gitarrenkoffer und überreicht es mir.

»Wir dachten, du könntest ein Büchlein für deine Texte gebrauchen, in dem du deine Erinnerungen festhalten kannst. Wir hoffen, du schreibst ein paar gute Zeilen ...«

Auf der ersten Seite ist ein Bandfoto von »Orange« und alle haben unterschrieben. Ich werde das hier vermissen. Ein feiner Zug der Jungs und ich umarme jeden. Bei Samuel achte ich darauf, dass es nicht zu lang ist. Umarmungen können falsch verstanden werden. Hier geht es um Millisekunden.

»Lasst uns skypen, Jungs, ich werde euch auf dem Laufenden halten, der alte Schuppen wird hoffentlich W-Lan haben. Überlegt euch ein paar geile Songs, bis ich wiederkomme. Und nicht nur diese C-Dur-G-Dur-A-Moll-Radio-Nummern, verstanden?«

Die Worte sind für den Eimer, aber ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll.

»Bis bald?«

»Ciaosen?«

Was sagt man vor einem Auslandsjahr?

»Bis in einem Jahr?«

»Auf Wiedersehen.«

Ich entscheide mich für »Baut keinen Scheiß und sucht euch ja keine neue Sängerin, sonst reiß ich euch die Eier ab.«

Nicht charmant, nicht zu gefühlvoll. Musiker-Jungs brauchen solche klaren Sprüche.

Ich werde mein Rennrad vermissen, stelle es in der Garage nach hinten und fange an zu packen. Ich habe immer erst abends angefangen zu packen. Egal ob Weltreise oder Landschulheim. Ein völlig überschätzter Prozess. Das Packen dauert bei mir nicht länger. Ein Wochenende oder ein Jahr, das ist bei mir egal.

Ich kann die Sprüche meiner Mutter nicht mehr hören. Reisen bedeutet für mich, sich nur auf das Nötigste zu beschränken.

»Willst du nicht noch dies und jenes mitnehmen?!«

Nein, ich werde keine komplette Apotheke mitnehmen und die Kissenauswahl eines ganzen Bettenlagers.

Es ist kurz vor Mitternacht. Ich lege die Flugtickets auf meinen Nachttisch und muss jetzt noch eine epische Zigarette rauchen (jetzt wirklich die allerletzte!). Ich höre danach auf. Einfach so. Weil ich es kann. Das Durchziehen eines Ziels. Mit angewinkelten Beinen sitze ich im Fensterrahmen und blase meine Vorfreude auf den Trip in die schmierige Luft hinaus, hinter der sich die Lichter der Stadt verstecken.

Ich suche nach einer Neuseeland-Playliste und tanze im Schlafanzug, der nur aus Boxershorts und Bandshirt besteht. Ukulele-Sounds, die nach Südsee klingen. Somewhere over the rainbow.

Dann wollen wir mal nach Neuseeland. Ich spüre ein leichtes Ziehen im Bauch. Einen Grund dafür kenne ich, der andere Teil davon liegt wohl in dem großen Unbekannten auf der anderen Seite der Welt.

Gute Nacht, München.

In 48 Stunden bin ich schon auf der anderen Seite der Welt. Ich schlage das Buch der Jungs auf und schreibe auf Seite 2:

Upside down.

The night is like a hidden game

Now the day has come

Tomorrow is far away

The world is out of order

Upside down

I'll be an unknown-lover

EIN LIED IM MEER - AIO KI TE AORANGI

Der Morgen am Ende der Welt ist stürmisch. Eine Kaltfront kündigt einen Wetterumschwung an. Flynn muss raus auf das Meer und holt das Kanu aus dem Schuppen, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Er muss nahe der Küstenlinie bleiben. Die Strömung ist heute gefährlich. Das spürt er an den unruhigen Vögeln. Wie soll er das alles ertragen? Es ist ein sinnloses Unterfangen, aber die Verzweiflung zieht ihn raus aufs Meer. Ein Magnet, gegen den er nichts tun kann. Er ist auf der Suche nach Antworten. Aber das Meer gibt keine Antworten. Es versteckt das, wonach wir Menschen suchen. Und kaum denken wir, eine Lösung gefunden zu haben, kommt weiße Gischt an die Oberfläche und ein neuer Schwall Wasser zerstört das Bild von der Welt. Es ist die ständige Veränderung der Form, die Bewegung und die Unruhe, die eine magische Kraft auf die Menschen ausübt. Erst recht auf die Menschen, die auf der Suche nach anderen Menschen sind. Wenn Gesichter auf den Wellen auftauchen und du nicht mehr genau weißt, wie der Mensch aussieht. Die Zeit ist wie das Meer. Es wird alles verwischt und überschwemmt. Kommt nicht mehr zurück.

Das Kanu ist aus dem Holz seiner Vorfahren. Polynesische Ureinwohner, die in Kanus das neue Land entdeckten.

Neuseeland.

Ein Land der Kontraste und der Natur. Traditionen und die Kultur seiner Väter prägen jeden Zentimeter dieses kostbaren Stückchens Erde.

Über seinem Kopf kreist eine Möwe, als das Boot ins Wasser gleitet. Sie hat rechts einen krummen Flügel, er ist fest davon überzeugt: Die Möwe wird ihm helfen. Sie begleitet ihn. Er hat sie schon so oft hier gesehen. Seine Möwe Sally. Sie ist mehr als nur eine Möwe. Wie gerne würde er mit ihr davonfliegen und das alles hinter sich lassen.

In tiefster Seele ist er Maori. Auch wenn er sein Leben mit vielen Dingen des westlichen Lebens verbringt. Er muss den Traditionen seines Großvaters folgen. Ein Volk, das auch Kriege geführt hat. Flynn tanzt heute noch den Haka-Tanz. Wenn er alleine im Leuchtturm ist, das Meer ihn angreifen will und die Wellen als gewaltige Brandung ans Ufer schlagen. Da tut es ihm gut, das Tattoo mit Farbe zu verstärken und Urlaute in den Wind zu schreien. Als wäre dieser beeindruckt von den grässlichen Geräuschen, die der Mensch mit seinen Stimmbändern erzeugen kann. So kann er seine inneren Ängste und seinen Hass ausleben. Seinen Hass auf das Schicksal. So können Gefühle eine Schwingung des Inneren nach außen tragen. So wird Spannung spürbar, und ein Gefühl der Entspannung kann sich danach in seinem Körper ausbreiten.

Sally fliegt vor. Am Himmel hängen die Wolken mal tief, mal hoch. Es ändert sich stetig. Neuseeland. Das Land der langen weißen Wolke.

Flynn spürt die Tiere unter sich. Die Fische im Meer, die seinem Volk Jahrhunderte schon als Nahrungsquelle dienen. Die Wale, die sich zu Gelegenheitsbesuchen am Horizont mit Fontänen bemerkbar machen. Wie ein Zeigefinger-Gruß unter Menschen im Vorbeigehen oder die Mütze anheben. Die Vögel über ihm. Die Robben am Strand. Die Schildkröten, die im Sand Schutz suchen.

Er stellt nach einer Weile den Ruderbetrieb ein. Ist eins mit den Wellen. Lässt sich treiben und hat das Paddel im Inneren des Boots verstaut.

Dann stimmt er ein Lied an. »Aio ki te Aorangi.«

A-i-o ki te Ao-ra-ngi

Ar-o-ha ki te Aorangi

Koa, koa, koa ki te Aorangi

Po-o-no ki te Aorangi

A-i-o ki te Aorangi.

Love to the Universe

Joy to the Universe

Truth to the Universe

Peace to the Universe

Immer gleiche Sätze, immer gleiche Wiederholungen. Er spricht ein Gebet. Dann tut er das, warum er hier ist. Er gibt ihr einen Kuss zum Abschied. Er kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Aber Tränen sind salzig wie das Meer und daher kein Grund sich als Krieger zu schämen. Vor Mutter Natur darf er weinen. Mit Mutter Natur darf er weinen. Dann gibt er einen Teil von sich frei, lässt los und verbeugt seinen Oberkörper knieend im Kanu. Seine Stirn berührt die Sitzbank des Bootes. So spürt er die direkte Übertragung der Wellen an seinem Körper. Er sieht sie verschwinden. Die Kraft des Meeres und die Unendlichkeit in jedem Lebewesen. Die Vergänglichkeit des Holzes, aus dem dieses Boot gemacht ist, und die Begrenztheit aller Lebewesen.

Irgendwann sind wir alle wie das Meer. Fortgetragen und aufgelöst. In einem größeren Ganzen, was der Mensch jetzt noch nicht versteht. Er sieht nur die Oberfläche des Meeres. Niemals den ganzen Inhalt.

Er ballt die Fäuste. Kniet noch immer. Seine Tränen rinnen auf das Boot.

Dann streckt er die Arme in den Himmel. Stellt sich in seinem Kanu aufrecht hin. Er bleibt im Gleichgewicht. Er umarmt Mutter Natur mit seinen tätowierten Armen.

Haere ra! Dann lässt er los, was ihm am meisten bedeutet hat.

CHRISTCHURCH - JOEY

Meine Reise ans Ende der Welt dauert sieben Filme, sechs Fragen (»Chicken or Pasta«) und vier Tampons. Ich sehe es als gutes Zeichen, dass das Jahr in Neuseeland bestimmt genauso stark wird wie die Intensität meiner Tage in fast 10.000 Meter Höhe. Ein Traum diese Flugzeugtoiletten. Mein Vater hat mir von seiner Sekretärin den Flug buchen lassen. Daher war es nicht verwunderlich, dass ich den Flughafen meiner Zwischenlandung schon fast vergessen habe. Er hat nicht nur den Schlaf der Weltreisenden gebrochen, sondern auch fast meinen Kiefer beim Aussprechen.

Irgendwann habe ich dann kapiert, dass »Beijing« in meiner Welt »Peking« ist und somit die Hauptstadt von China. Wieder etwas gelernt. Ein weiterer Beweis, wie wertlos ein mittelmäßiges Abitur ist. Wie ein Zombie wandle ich seit Stunden von Flugsteig zu Flugsteig, vertausche die Bordkarten und hoffe, dass mein Gepäck mehr Ahnung vom Umsteigen hat als ich. In Gedanken sehe ich mich schon eine Woche in den gleichen Klamotten rumrennen, ehe mein Koffer in Neuseeland ankommt.

So schön das Fliegen auchh ist, beim letzten Flug von Auckland nach Christchurch ging mir dann doch die Luft aus, was die Freude daran betrifft. Der kleine Flieger sackte immer wieder durch, und die Propeller wirkten überfordert im Vergleich zu den großen Maschinen zuvor.

Ich bin froh, wieder festen Boden unter meinen Sambas zu haben.

Der Zoll in Neuseeland nimmt es sehr genau. Unzählige Fragen: Nein, ich habe keine Früchte dabei. Nein, auch keine ansteckende Krankheit. Bei der letzten Kontrolle kläfft mich ein Köter derart an, dass ich aufschrecke. Riecht er Grasreste an meiner Jacke? Ist es ein Bluthund, der mich wegen meiner Monatsblutung zerfleischen will? Kann er mich nicht riechen?

»Follow me, please.«

Ich muss mein komplettes Gepäck auf einem Tisch ausräumen. Und da ist der Grund, warum der Hund anschlug. Welch Todsünde.

Ein Apfel.

Der Apfel meiner Mutter lag ganz unten in meinem Rucksack. Er sieht genauso mitgenommen aus wie ich. Braune Ecken, Druckspuren und ihm fehlt jede Farbe. Du armer, blasser Apfel, du.

Nun habe ich auch schon die erste Empfindlichkeit Neuseelands erfahren. Früchte sind ein heikles Thema. Nicht umsonst heißen die Einwohner Kiwis. Aus Angst vor der Einschleppung irgendwelcher Keime, die ihrem Land schaden könnten, darf man keine Früchte aus anderen Ländern einführen.

Bestimmt liegt vor mir ein Weltreiseapfel. Er stammt aus Neuseeland, flog dann nach Deutschland, zu uns nach München in den Laden, dann in den Einkaufskorb meiner Mutter, danach zu mir in den Rucksack und jetzt ist er wieder in Neuseeland. Die Ökobilanz stimmt also. Armer Apfel!

Ich rechne mit einer Strafkolonie im Südpazifik für Fruchtgefangene. Jedenfalls sieht die Miene des Beamten so aus. 46 Jahre lang Apfelernte in der Sonne ohne Schatten. Danach Regale sortieren auf dem Festland. Ich frage mich wirklich, wie ich diesem Beamten ein Lächeln auf das Gesicht zaubern könnte. Gebe aber schnell auf, als er mich mit einer Verwarnung gehen lässt.

Eine automatische Tür öffnet sich, Taxis fahren im Linksverkehr und ich rieche die erste neuseeländische Luft. Der ganze Flughafen wirkt nicht so gestresst wie in Deutschland. Mir fällt ein, dass ich vorher noch ein Hostel für die Nacht buchen wollte, ehe ich hierher fliege.

Ein großgewachsener Kerl mit australischem Akzent (wirkt zumindest sehr breit und bauernhaft) sieht mir an, dass ich etwas verloren herumstehe.

Wir teilen uns ein Taxi, und ich fahre mit zu seinem Hostel. Ich habe noch nicht mal NZ-Dollar und steige mit irgendjemand ins Taxi. Mama, was habe ich nur alles von dir gelernt – nicht. Fängt ja gut an. Er lädt mich ein, und wir halten vor dem »Backpackers Heaven.« Ich könnte ihm als Dankeschön jetzt den heiligen Apfel geben, den ich mir extra für diesen Moment aufsparen wollte. Nix is.

Ein Hostel ist ein seltsamer Ort. Waschmaschinentrommeln kreisen im Eck, und irgendwas kratzt an der Scheibe der Waschmaschine. Vor einem Holztisch mit unzähligen Aufklebern aus aller Welt sitzt ein junger Kerl mit Gelfrisur und hakt Listen ab, Billardkugelgeräusche und das W-Lan-Passwort »Kiwisruletheworld123456« heißen mich willkommen.

»Kia ora!«

Das Wort gefällt mir auf Anhieb. Weil es erstens so ein bissal bayrisch klingt, das ist Heimat, und zweitens, weil man es laut des Taxifahrers zur Begrüßung und zur Verabschiedung sagen kann. Also das »Servus« Neuseelands.

Servus Hostel. Servus Neuseeland.

Bierkisten wandern die Treppen hoch. Dem Typ mit den Listen scheint das egal zu sein. In Deutschland undenkbar. Ob er so was wie die Rezeption ist? Bestimmt nur die Vertretung von der Vertretung, weil auch die Vertretung der Rezeption gerade auf dem Klo ist. Aber die Fähigkeit, Menschen auf Zimmer zu verteilen, danach sieht der nicht aus.

Mein Breitmaul-Ochsenfrosch aus dem Taxi macht den Anfang und legt ihm seine Reservierungsbestätigung hin.

Ein lässiger Haken in der Liste.

Klappt doch.

Jetzt brauch ich nur noch auch einen Haken, obwohl ich nicht auf der Liste stehe.

Und da merke ich, dass ein Neigungskurs Englisch und Biologie nicht unbedingt eine Garantie sind, im »Backpackers Heaven« ein Zimmer zu bekommen.

Wie deppert kann man eigentlich sein.

Ich sag auch noch »Servus!«, hänge aber schnell noch ein »Kia Ora« hinten an.

Mit Händen und Füßen schaffe ich es, ein Zimmer zu bekommen. Mehrbettzimmer. Mein Bayern-Englisch scheint wohl für Aufregung im Hostel zu sorgen.

Als ich nämlich Mr. Check-in mein Herkunftsland und die Stadt »Tschörmany and Munich« verrate, linst eine Gruppe Jungs vom Billardtisch rüber und grölt.

»Baby Bayern Munich.«

Nette Begrüßung. Originell, das taugt sogar als Schlachtruf für nachmittägliche Billardturniere im Hostel.

»Ohhho hohoho, Baby Bayern Munich.«

Der Listentyp ist genervt und mahnt, dass sie aufhören sollen zu grölen.

Ehe ich nach dieser stundenlangen Reise mit einem Bier in der Hand den Jungs bayrische Schimpfwörter und die Sache mit dem Eichhörnchen auf Bayrisch erkläre, entscheide ich mich lieber für eine heiße Dusche und eine Mütze Schlaf. Genug Zeit, um noch am Abend Christchurch anzuschauen. Ich werde von der Organisation erst morgen abgeholt.

Gute Nacht vom anderen Ende der Welt, Baby Bayern Munich ist derbe kaputt.

DAS KLAVIER - SARAH

Zwischen den Flügen. Zwischen den Welten. Ich hätte die Flüge in mehrere Tage unterteilten sollen. Als wäre diese erste Prüfung nicht schon schwer genug.

Am Bildschirm zu Hause kann man Reisen planen, Tickets buchen, Distanzen messen und Packlisten schreiben. Das alles hat aber nichts damit zu tun, was es heißt, alleine in einer riesigen Empfangshalle in Kanada zu stehen.

Ein Wasserfall plätschert vor sich hin. Er scheint sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, nicht von dem ganzen Menschengewusel und nicht von den Durchsagen, die einen daran erinnern, kein Gepäckstück stehen zu lassen. So fühle ich mich, stehengelassen in einer neuen Halle, in einer neuen Welt, kann es nicht fassen, dass ich alleine diesen Flug geschafft habe. Wie gern würde ich jetzt am Ausgang meine Mutter umarmen und mit ihr einen Cappuccino trinken gehen. Neue Parfums ausprobieren und keines davon kaufen. Meinem Vater von den technischen Lernerfolgen erzählen, die ich jetzt über Flugzeuge berichten kann.

Ich erinnere mich, wie ich mit ihm als kleines Mädchen immer Truck-Quartett spielen musste und wie sein Gesicht sich in die Länge zog, wenn sein Truck schwerer war. Seine Reichweite größer. Er mehr Zylinder hatte als ich.

Ich suche einen kleinen Snack und laufe die Halle entlang. Eine Menschentraube hat sich um einen Flügel versammelt. Ein junger Mann mit roten Haaren und einer Umhängetasche neben sich unterhält die Reisenden, die für einen Moment schweigen. Ich war mit so vielen Kilometern pro Stunde unterwegs. Da finde ich es gut, einen Moment die Augen zu schließen und seinen Liedern zuzuhören.

Und dann taucht Nazar zwischen den Wassergeräuschen in meinen Gedanken auf. Wir haben zusammen den gleichen Klavierlehrer gehabt, und er wohnt drei Häuser weiter. Er hat schon in der Elbphilharmonie gespielt, und ich glaube, ich habe wegen ihm Klavier nicht gleich aufgegeben. Er war so anders als die Jungen in meiner Klasse. So höflich und schüchtern. Er konnte mit seinen Fingern wie ein Tausendfüßler über alles drüber huschen. Er begeistert mit seinen Händen, nicht mit dem Gesicht. Vielleicht liegt es an mir, dass mir Hände viel bedeuten.

Ich kam nicht mit den Augen hinterher, bei dem, was er mit seinen Fingern anstellte. Er wurde immer besser und bekam Einladungen zu Vorspielen. Er hat mich mal zu einer Probe mitgenommen in die Elbphilharmonie. Als alle weg waren haben wir »Hejo, spann den Wagen an« ganz laut gesungen. Nur um zu testen, wie unsere Stimmen in diesem teuren Gebäude klingen. Man hätte das Ding wieder abreißen können. Es klang genauso schlecht wie eine halbe Stunde später an den Landungsbrücken, als wir eine Flasche Wein getrunken haben und ich fast ins Wasser gefallen wäre, weil wir ein Hafenselfie machen wollten. Er wollte mich küssen. Dabei haben wir doch früher immer nur zusammen Ausflüge gemacht und er durfte zu mir, wenn seine Eltern weg waren. Wir haben dann das Kochtopfset meiner Mutter zum Schlagzeug umfunktioniert und Musikvideos mit der alten Kamera von meinem Vater gedreht. Ich würde gerne wissen, wo die abgeblieben ist. Bestimmt ein Opfer meines Kisten-Wahns, jede Erinnerung zu verpacken.

Es lässt sich im Leben aber nicht alles in Kisten verpacken. Mama und Papa nicht. Nazar auch nicht. Sein herrliches Hamburger Platt mit ukrainischem Unterton.

Manche Kisten sind viel zu klein für die Erinnerungen, die wir hineinpacken müssten.

Nazar. Wie du dein pechschwarzes Haar immer zur Seite gekämmt hast und so Jacketts trugst, wie ein Oberstudienrat. Nur ohne Kreideflecken. Ich frage mich wirklich, was uns auseinandergebracht hat. Vielleicht hätte ich ein bisschen mehr Zeit gebraucht. Aber das ging dir nicht schnell genug. Geduld war nicht deine Stärke, und die hätte ich am meisten gebraucht.

Wir saßen wortlos in der U-Bahn, und dein »Gute Nacht« hatte eintausend ukrainische Winter im Klang. So hart und unmissverständlich. Ich kenne deine Worte, wie du sie aussprichst. Du grüßt seither nicht mal mehr. Als hätten wir beide nicht unsere Liebe zur Musik geteilt. Jetzt sehe ich deinen Haarscheitel immer nur von der anderen Seite, weil du dein Gesicht wegdrehst. Du nimmst eine Bahn später, wenn wir an den Landungsbrücken stehen. Du schickst mir keine Barcodes mehr mit digitalen Konzertkarten, mit denen ich in die Elbphilharmonie hineinkomme. Ich habe noch unsere Weihnachts-Klavier-CD, die wir zusammen eingespielt haben. Duett. Für unsere Eltern. Ich höre sie doppelt so oft an, da meine Eltern ja nicht mehr da sind und ich für sie mithören muss.

Aber du willst nicht mehr, dass ich zuhöre, was du spielst. Ich habe dir doch immer gern zugehört. Auch als deine Eltern Knatsch hatten und du mit deiner Isomatte bei mir neben dem Bett geschlafen hast. Wie du mir geschworen hast, dass du ein berühmter Konzertpianist wirst und bei jedem Konzert die erste Reihe nur für mich absperren willst. Deine Kreativität in deinen Händen und Worten ist unglaublich. Etwas sehr Reizvolles, was mich immer angezogen hat. Vielleicht nicht in so einer liebenden Art und Weise, wovon ich eh keine Ahnung habe. Jedenfalls fehlt mir unser Ritual. Die Klavierstunden. Die Begrüßung, deine Duftkerzen und dein Keksteller, der immer auf dem Klavier stand. Bei dem ich immer zuerst »Nein, danke« gesagt habe und am Ende der Stunde war der Teller leer. Ich habe so schnell gelernt von dir, habe zu Hause geübt – fast mehr als für die Schule. Da hatte ich nicht so viel Luft nach oben wie beim Klavierspiel. Ich wollte, dass du siehst, dass ich besser werde. Habe die schwersten Stücke vorgeschlagen. Und ich habe dir auf deine Klabauterfinger geschaut. Habe dich versucht zu kopieren. Habe Gänsehaut bekommen, wenn sich unsere Tentakeln kreuzten beim Duett. Ich habe noch nie Sex mit einem Jungen gehabt, aber wenn ich einen Wunsch habe, dann sollte es so sein wie zusammen an einem Klavier sitzen. Ein paar weiße Tasten und ein paar schwarze. Ein paar Pedale und zwei Menschen, die zusammen harmonieren und die Töne sich in einem Guss aneinanderreihen. Ein Schwingen im Raum, der das Schlafzimmer erfüllt.

Ich schaue dem jungen Rotschopf in Vancouver am Flughafen auf den Hintern, wie er sich ganz leicht bewegt und Chopin spielt. Kanada gefällt mir.

Ich denke an dich, Nazar! Und ich werde dir eine Postkarte aus Vancouver schreiben!

PAPIERWORTE - JOEY

Ich bin müde, trotzdem fühlt es sich an, als würde mein Kopf aus der Steckdose Strom ziehen. Dauernd geht die Tür des Schlafsaals auf und zu, die Billardgang hat das Hostel fest im Griff. Gegröle und Musik aus Bluetooth-Boxen. Ich krame im Deckelfach meines Rucksacks nach meinen Ohrstöpseln, lese im Lonely Planet die Einträge über Christchurch und die Südinsel. Hier in Neuseeland prallen zwei Welten aufeinander, die Zeit des Kolonialismus und die Welt der Maori, der ursprünglichen, naturverbundenen Bewohner Neuseelands. Englisches Flair mit westlicher Infrastruktur bei anderem Klima und in anderer Natur.

Ich habe keine Zeitorientierung, bin aufgedreht wie im Drogenrausch, aber gleichzeitig auch sterbensmüde. Mein Gepäck liegt neben meinem Stockbett. Ich baue es als kleinen Sichtschutz auf. Irgendwann nicke ich weg.

Das Vibrieren meines Smartphones weckt mich. Ich habe es kurz nach dem Flieger wieder angemacht und wegen ständiger Netzsuche wieder verstaut. Aber anscheinend hat es jetzt Netz. Eine unbekannte Nummer.

»Flynn Mcmorrow von »a green year«. Dein Host. Bist Du gut angekommen?«

Ich schlage meinen Kopf am oberen Bett an.

»Alles bestens.«

»Ich bin auf dem Weg zum Flughafen. Deine Partnerin aus Deutschland kommt in einer Stunde an, und ich hole sie vom Flughafen ab. Hast du schon Pläne für heute Abend? Ich könnte euch ein Pub zeigen in South New Brighton. Direkter Blick aufs Meer. Da könnten wir uns alle drei kennenlernen.«

»Soll ich dort hinkommen und wann?«

»Wo bist du gerade?«

»In einem Hostel, habe eine Runde geschlafen.«

»Oh, sorry für die Störung.«

»Nein, nein, alles gut, ich bin im Backpackers Heaven.«

»Oh Gott, das Heaven. Ich hol dich gegen 17 Uhr.«

Das war sie also. Die Stimme meines Hosts. Mein Betreuer für das Freiwillige Ökologische Jahr. Auf was habe ich mich da nur eingelassen. »Ökologisch« ist auch so ein furchtbar moderner Begriff. Du musst ökologisch handeln. In Gedanken habe ich für mich den Begriff gestrichen. Er klingt genauso künstlich aufgeladen wie »Verantwortung« und »Nachhaltigkeit«. So ein Wort aus dem Lexikon. Ansprüche aus dem Jenseits. Wörter, die auf dem Papier gut klingen, um uns Menschen zu beruhigen, wo wir doch so beschissen mit der Natur umgehen. Wörter, die nicht für den Menschen im Alltag zählen, sondern für die Menschen auf Papier. Menschen, die auf Papier leben und Papier schreiben. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich für dieses Jahr entschieden habe. Sicher nicht, um zu so einer Greenpeace-Tante zu werden, die mit Schildern in der Fußgängerzone steht oder sich an Gleise kettet. Herrje! Ich bin zwar verrückt. Aber so doch nicht. Ich denke, ich will diesen Begriffen mehr Leben einhauchen und selbst was von der Natur sehen und von einem anderen Land erfahren. »Den eigenen Horizont erweitern.« Noch so ein Papierausdruck. »Über den Tellerrand hinausschauen.« Mein Gott, ich möchte Action. Die Alpen kenne ich. Zu Fuß. Mit dem Mountainbike. Aber ich will das Meer kennenlernen, die Tierarten in Neuseeland, unter freiem Himmel schlafen, unterirdische heiße Quellen aufspüren und einen Pool daraus machen. Robbenbabys aufziehen. Einen Bootstrip machen. Die Natur und ihre Bedeutung für mich und die Menschen an meinem Körper spüren. Ich kann nicht nur über die Natur reden, ohne sie zu spüren. Vielleicht will ich Natur auch mehr im Bauch fühlen, weniger im Kopf. Ich glaube, ich bin stärker mit dem Bauch als mit dem Kopf. Nach dem Abitur sehnt sich mein Körper sowieso mehr nach Gefühl und weniger nach Wissen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es in dieser Welt nur noch um die Zahlen und die Theorie geht. Nicht mehr um das Erleben und das Unzählbare.

Bei meinem Motivationsschreiben habe ich natürlich die Papierbegriffe benutzt. Ich hoffe, meine Kollegin aus Deutschland hat keinen Stock im Arsch und ähnliche Ansichten von der Sache wie ich. So eine überkluge Weltverbesserin, die sogar Bürgersteig zu Bürgerinnensteig gendert, auf so eine Zicke habe ich gar keine Lust. Und ich hoffe, dieser Betreuer Flynn kennt nicht nur gute Pubs in Neuseeland, sondern auch Abenteuer. Ich denke da an einsame Buchten und Schnorchel-Spots. Fürs Erste klang er ja nett.

Die Organisation »a green year« hat mir die E-Mail-Adresse von meiner Partnerin zugeschickt, und wir haben geschrieben. Aber nur Blabla. »Ich bin gespannt. Könnten mal skypen.« Beim ersten Termin hatte ich ein Gig im Foxy mit den Jungs und musste wieder absagen, da ich meinen Terminkalender verrafft habe. Beim zweiten Termin hat es technisch nicht geklappt, weil ihr Laptop kaputt war. Bestimmt nur so eine Ausrede, weil sie angepisst war, dass ich sie beim ersten Mal versetzt hatte. Ich hoffe echt, dass sie in Ordnung ist. Auf solche Frauenspielchen habe ich gar keinen Bock.

Ich möchte noch etwas von Christchurch sehen, bevor ich abgeholt werde, auch wenn ich nicht mehr viel Zeit habe. Ein kleiner Spaziergang ist drin.

Der Hagley Park ist direkt um die Ecke. Christchurch kenne ich seither nur durch diesen verrückten Attentäter und die Erdbeben. Nun bin ich da. Mache mir mein eigenes Bild. Es ist schön allein zu sein. Hinter jedem Haus ein kleiner Garten. Grünpflege ohne übertriebene Perfektion. Hügel, Strand und ein Fluss durch die Stadt. Freundliche Blicke. Menschen grüßen und vor allem Gelassenheit. Hier scheint keiner Angst zu haben, den Termin für die nächste Müllleerung zu vergessen.

Ich sitze in der Lobby, habe meinen Kulturbeutel zum ersten Mal nach der Reise aktiviert und mich von oben bis unten vorzeigefähig gemacht (Was ein Papierwort!). Ich will gut aussehen. Nicht zu gammlig, nicht zu förmlich. Ich habe mich ja nicht für ein Auslandsstipendium beworben. Wahrscheinlich muss ich Seelöwenkacke analysieren und Vogelhäuser sägen. Da braucht man nicht die allerschickste Kleidung.

Ich sitze in der Lobby und lese ein fettes Gästebuch, das auf einer alten Kommode liegt. Reiseroutenempfehlungen, Sehenswürdigkeiten, Burgerläden. Auf einer Seite steht, welche Dusche den besten Strahl und welches Zimmer den besten W-LAN-Empfang hat. Meine Güte. So bescheuert sind wir. Wir reisen um die Welt und machen uns darüber Gedanken, wie man am besten und schnellsten in unsere Parallelwelt kommt. Das Internet.

Ich bin so froh, die Entfernung real zu spüren. Das Andere jeder unbekannten Stadt.