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In einem Hotel in Zürich stirbt der König eines namenlosen kleinen Landes. Der Trubel der Trauerkundgebung erfasst die Deutsche Hanni Gretl und ihren somalischen Liebhaber Sulejman, die bald darauf von mehreren Leuten, darunter dem grimmigen Dragan, verfolgt werden. Doch statt in einer Schlägerei landen sie allesamt in einem Café, wo sie wild über den Balkan diskutieren und darüber, was der so alles mit Afrika zu tun hat. Auch der König mischt sich ein, teilt seine Erinnerungen an die Anfangszeiten der UNO und gibt außerdem Anekdoten von skurrilen Begegnungen mit Vladimir Nabokov und Jorge Luis Borges zum Besten. Wenn der König stirbt ist ein Vexierspiel voller unerwarteter Wendungen, kapriziöser Einfälle und doppelbödigem Humor. Mit diesem Roman hat der große Romancier David Albahari der Welt ein literarisches Vermächtnis voll unbändiger Fabulierlust hinterlassen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
David Albahari
Roman
Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann unter Mitarbeit von Florian Grundei
Schöffling & Co.
Der König starb in der Nacht von Montag auf Dienstag. Die Uhr auf dem Turm der Kathedrale zeigte 00.43.
Zur gleichen Zeit, in genau demselben Augenblick, beendeten in einem der bescheiden eingerichteten kleinen Zimmer eines Jugendhotels der Somalier Sulejman und seine Freundin Hanni Gretl ihren mehrstündigen Erotikmarathon und prosteten einander mit billigem eisgekühltem Sekt zu, völlig überzeugt, dass der plötzliche Glockenklang aller Kirchen einzig und allein ihrem Akt galt. Sie traten triumphierend ans Fenster, vor dem ein dünner durchsichtiger Vorhang hing, und begannen wild springend ihre Namen hinauszuschreien, obwohl es sie irritierte, dass es außer ihnen keiner tat und bei einem so majestätischen Akt, wie es die erotische Vereinigung eines Somaliers und einer Deutschen war, vielmehr irgendwelche gewöhnlichen, fast primitiven Namen ausgerufen wurden.
Hätten sie aber die Rituale und die Geschichte ihrer Gastgeber nur ein wenig besser gekannt, hätten sie gewusst, dass sie soeben dem historischen Akt eines kleinen Königs und seines noch kleineren Königreichs beigewohnt hatten. Sie hätten auch den Namen dieses Königs erfahren, der ihnen allerdings nicht das Geringste gesagt hätte, weil über diesen unglücklichen kleinen Herrscher nicht einmal die örtliche Presse viel berichtete, geschweige denn die Zeitungen und die Fernsehsendungen, die die interessierten Menschen außerhalb seines Landes erreichten. Obwohl das Heulen und die Rufe auch weiterhin deutlich zu hören waren in der Fußgängerzone, die fast alle Straßen um die Kathedrale herum umfasste, konnte man alles in allem schwerlich behaupten, dass auch nur das Geringste davon direkt dem verstorbenen König galt.
Aber wie die alten Denker treffend zu sagen pflegten: Sic transit gloria mundi. Der König war mit diesem Spruch zwar nicht einverstanden, besser gesagt, er war nicht ganz mit ihm einverstanden, vor allem, weil der alte Hoflehrer ihn immer damit begrüßt hatte, um dann zu dem berühmten Periculum in mora überzugehen und am Ende alles mit Homo homini lupus zu besiegeln. Insbesondere dieser letzte Spruch störte den König, weil er, schon als junger Prinz mit der Übersetzung von Mark Twains Der Prinz undder Bettelknabe aufgewachsen, zutiefst davon überzeugt war, dass es auf der Welt nur gute Menschen gab. Oh, mein König, wie naiv du warst. Statt über deine wenigen, aber doch vernünftigen Untertanen zu regieren, hast du deine Zeit mit irgendwelchen schöngeistigen Romanen vertrödelt und wahrscheinlich heimlich und ungestraft auch noch die nahe gelegenen Kinos und Theater besucht und dir dort laienhafte Vorstellungen von studentischen Theatergruppen und sogar, so behauptet man, erotische Filme angeschaut, wobei du, wie man später von Menschen erfahren konnte, die für diese Art der Überwachung zuständig waren, in kollektive Ausbrüche von Vergnügen verfielst. Um welche Vergnügungen ging es dabei? Das konnte niemand mit Sicherheit beantworten. Je kleiner ein Land, lässt sich sagen, umso größer ist die Abneigung der Untertanen ihm gegenüber, sogar wenn es sich um ein Land wie dieses handelt, über das wir gerade sprechen. Die Kenner werden uns auf den offensichtlichen Widerspruch zwischen solchen Behauptungen und tatsächlich kleinen Ländern aufmerksam machen, die es in unserer jämmerlichen Wirklichkeit gibt. Man braucht nur an Monaco, Liechtenstein oder Andorra zu denken, um einzusehen: Je größer das Land, umso mehr müssen sich die Regierenden bemühen, ihre Vorstellung von einer guten Regierung in die Tat umzusetzen. Allerdings darf man den König des Landes, um das es hier geht, nicht für Fehler in der Politik und in der Ausübung seiner Herrschaft verantwortlich machen, denn Fehler hat es entweder nicht gegeben, oder sie können mit Sicherheit einem der anderen Beteiligten der parlamentarischen Demokratie zugeschrieben werden, an deren Spitze Monika von Schadow mit ihrem Gatten Maxim von Schadow stand. »Wir, eigentlich ich und mein Mann, verfolgen konsequent jede Entwicklung in der Welt der Demokratie und deren Institutionen. Wir sind ganz sicher, dass wir uns in diesem Moment auf dem Weg befinden, der mit immer gleicher Geschwindigkeit alle möglichen Inkonsequenzen hinter sich lässt, vor allem solche, die an ein breiteres Wertesystem gebunden sind, worüber Maxim Sie im Einzelnen unterrichten wird.«
Sulejman hatte schon seit Langem aufgehört, im Radio zu verfolgen, was Monika von Schadow so delikat bis zum Morgengrauen zu erzählen wusste. Seine Freundin Hanni Gretl versuchte, die Schweißtropfen von ihren Dreadlocks abzuschütteln. Seit er vor etwa zehn Jahren in dieses Königreich gekommen war, konnte, wollte und schaffte er es, sich für seine nackte Existenz völlig auf sein schlangenartiges Gerät zu verlassen, für das sowohl Männer als auch Frauen ein gleich großes Interesse zeigten, und er versuchte auch gar nicht erst, seine Bereitschaft zu leugnen, beide Geschlechter zusammen oder jedes gesondert für sich zu bedienen. »Alles Mögliche hatte ich damals erzählt, vor allem jenem Inspektor mit den reizenden Sommersprossen auf den Wangen. Ich liebe Sommersprossen, vor allem natürlich, wenn sie sich an den richtigen Stellen befinden.« Er winkte Hanni Gretl zu und ging duschen. Die Urlaubssaison war noch nicht angebrochen, und er hatte Zeit genug, sich gründlich für den nächtlichen Ausgang vorzubereiten.
Inzwischen trug Hanni Gretl ihre überall hingeworfenen Kleidungsstücke zusammen, hängte sie in den Schrank und schaltete den Fernseher ein. Dort gab es nichts Neues, nur Werbung und Zerstreuung, dachte sie, und es fiel ihr gleich ein, dass sie diese Bemerkung schon einmal irgendwo gehört hatte, aber bestimmt nicht in diesem Loch von einem Hotel, wo nur Idioten wie Sulejman und sie wohnten! Wie viel besser war es ihr im vorigen Jahr auf den kroatischen Kornaten-Inseln ergangen. »Selten ist es irgendwo so schön wie dort«, sagte sie laut zu ihrem Bild im Spiegel, dann wiederholte sie es noch zwei-, dreimal, jedes Mal lauter, bis endlich aus dem Bad Sulejmans Stimme drang: »Schon gut, verstehe schon: Ich bin zu lange im Bad.« »Du hast mir versprochen, dass das nicht mehr vorkommt!« »Und du hast mir versprochen, mich nicht mehr mit den Geschichten von meinem Gefängnis zu quälen!« »Gefängnis? Wann warst du überhaupt im Gefängnis?« »Das ist eine lange Geschichte, aber nicht für eine wie dich.« »Was fehlt mir denn? Vielleicht habe ich für deinen Geschmack einen zu regelmäßigen Stuhlgang?« »Ich zeig’ dir gleich, was ein richtiger Geschmack ist!«
Mit einem Aufschrei erschien Sulejman in der Öffnung der Duschkabine, aber er kam nicht dazu, seinen furchterregenden Angriff auszuführen, weil ihn eine laute Stimme aus dem Nebenzimmer unterbrach: »Gleich komme ich und ziehe diesem schwarzen Affen das Fell über die Ohren!« »Schwarz«, sagte Sulejman, »woher weiß der, dass ich ein Schwarzer bin?« Hanni Gretl wollte etwas sagen, wusste aber nicht, was, und blieb einfach regungslos mit offenem Mund stehen. Ein Unbeteiligter hätte meinen können, dass sie zu einer langen und heftigen Tirade ansetzen würde, stattdessen brachte sie nur einen lahmen Fluch hervor: »Gott soll dich ficken, aber ich weiß wirklich nicht!« »Fluche nicht auf Gott, Kleine, das ist eine Sünde.«
Sulejman begann im Zimmer auf und ab zu gehen, feuchte Spuren hinterlassend, weswegen sie am Morgen vom Zimmermädchen saftig ausgeschimpft worden waren. »Was hat sie bloß«, hatte Sulejman daraufhin gesagt, »sie schreit, als sei das hier ihr Erbe.« Hanni war nicht an der Fortsetzung dieses Gesprächs interessiert. Sie hatte sich höflich bei dem Zimmermädchen entschuldigt und diese, nachdem sie das Zimmer verlassen hatte, zur Hölle geschickt. Das bezog sich natürlich auf das Erbe, wovon jeder von ihnen eine andere traurige Geschichte zu erzählen hatte. Sulejman zum Beispiel musste sein Land verlassen, nachdem die Einigung mit seinen Geschwistern über die Teilung des väterlichen Erbes gescheitert war. Andererseits sollte Hanni Gretl nie erfahren, was mit dem Erbe geschehen war, das ihr Vater mal bekam und mal verlor – je nachdem, ob einige östliche Teile Deutschlands zu westlichen wurden oder umgekehrt.
Dem König waren solche Probleme fremd. Das Erbe spielt ja normalerweise eine wichtige Rolle in den Beschreibungen der Lebenswege von Königen, Königinnen und ihren Nachkommen, aber dieser König war ganz auf sich allein gestellt. Er wusste nicht einmal, wie er den königlichen Titel erworben hatte, wenn er ihn überhaupt erworben hatte. Seit er sich zurückerinnern konnte, wurde er mit Worten angesprochen, die zu bestimmten Herrschertiteln gehörten. Der König konnte sich lediglich an eine korpulente Frau, seine Amme, erinnern, die sich mit ihm in drei Sprachen – Französisch, Deutsch und Englisch – unterhielt. Jede von den drei Sprachen erzeugte in seinem Bewusstsein unendlich schöne, feurige Bilder; dasselbe in Deutsch gesagt ließ erloschene Feuerstellen sehen, während es in Englisch zur Entstehung ganzer Serien verschiedener Farben führte. Einige Jahre später kam der König in die Schule. Er ging allein dorthin. Die besagte Amme unterrichtete ihn in mehreren Sprachen, eröffnete ihm attraktive Welten der Chemie und der Physik und nötigte ihn gelegentlich, sich eigenständig auf eine Kontrollprüfung in Biologie, des Königs Lieblingsfach, vorzubereiten.
Und damit kommen wir zu dem Paradox, das in klaren Farben den Konflikt des Königs mit sich selbst illustriert: Man kann etwas noch so lieben, es gibt immer etwas, was man noch mehr liebt … Der Stapel der Lehrbücher und Biografien aus verschiedenen Gebieten der Biologie unter seinem Bett wurde immer kleiner, während die Sammlung von Büchern, in deren Mittelpunkt das Wort »Liebe« stand, rasant wuchs. Höchst sonderbar, was für Bücher es da gab! Von wollüstigen Groschenromanen mit Einbänden, auf denen muskulöse Rücken und üppige Brüste dominierten, bis zu ernsten Studien über die Bedeutung der Liebe für unser Leben, in denen die Liebe mithilfe komplizierter und verworrener Denksysteme von Philosophen wie Schopenhauer, Kierkegaard, Plato und Freud erforscht wurde. Einige Monate später, als des Königs Auswahl der Philosophen in der Öffentlichkeit bekannt wurde, hat nur die Tatsache, dass sein persönliches Zimmermädchen den Besen bis jetzt nicht weit genug unter das Bett bemüht hatte – offensichtlich ein Skandal erster Ordnung –, Kommentare hervorgerufen wie: »Was wäre erst passiert, wenn sich unter dem Bett die Angaben über die Systeme der Raketenabwehr befunden hätten?«, oder: »Wer braucht schon einen solchen König?«, obwohl der König gar niemandes König war und sein Königreich im Laufe dieses bösen Skandals immer kleiner wurde. Aber so sieht die Wirklichkeit aus, wenn man ganz allein ist, worüber der Volksdichter Dž. M. in einigen seiner Liebesgedichte überzeugender berichtet hatte als alle Philosophen des Königs mit ihren Büchern zusammen.
Das mag einem jetzt wie eine naive Geschichte vorkommen, aber in der Zeit, als dem König ständig der Boden unter den Füßen schwankte, waren die Folgen weit gefährlicher, vor allem die, dass sein Reich wie in einem Katz-und-Maus-Spiel immer kleiner wurde, bis ihm buchstäblich nur eine Etage in einem Zürcher Hotel blieb, wo er von da an die restlichen Tage seines Lebens in vollkommener Einsamkeit fristen sollte. Der König starb also an gebrochenem Herzen. Das heißt, er wachte jeden Morgen mit einem Erstickungsgefühl auf, das langsam, aber sicher seinen ganzen Brustkorb einnahm, manchmal auf die Speiseröhre überzugreifen und sich über die gute alte Außenwelt zu verbreiten drohte. Gelegentlich aber verwandelte sich dieses Gefühl in einen Wermutstropfen, einen Tropfen, der die größte Konzentration aller Kriegsgifte aufwies und sich jeden Augenblick vom oberen Rand der Lunge lösen und dadurch ein schmerzhaftes Loch aufreißen könnte, das dem Gift erlauben würde, sich über den ganzen Kosmos des königlichen Inneren zu ergießen.
Man könnte aber sagen, dass dies erst der Anfang der Geschichte ist, denn bei der Krankheit des gebrochenen Herzens ist es unvermeidlich, dass sie zusammen mit dem ganzen Herzen, wenn man so sagen kann, die erkrankte Person verlässt und hinaus in die große weite Welt geht. Ach, die große weite Welt! Der König hatte schon vor langer Zeit in seinen Block notiert: »Anstatt mit jedem Augenblick heller zu werden, verdunkelt sich unsere große weite Welt immer mehr, sodass der Mensch am Ende des Ganzen, genauer am Ende seines Lebens, nicht das Licht, sondern die Finsternis betritt.«
Nichts von alledem war Sulejman und Hanni bekannt. Für sie war das Licht Licht und die Finsternis Finsternis. »Und das kann niemand ändern«, sagte Hanni. »Mit einer Ausnahme«, erwiderte Sulejman und drohte ihr scherzhaft mit seinem schlanken Zeigefinger, den er anschließend in Richtung Himmel hob, »dessen dort oben.« Aus Angst, die Fortsetzung dieses Gesprächs würde sie zu einem fruchtlosen Wettstreit über den Sinn und die Bedeutung religiöser Zugehörigkeiten führen, warf Hanni ihm einen vermeintlich betretenen Blick zu, beschleunigte aber für alle Fälle ihr Tempo, denn Sulejman war dafür bekannt, dass er plötzlich seine Predigten fortsetzte, ohne zu fragen, ob ihm jemand zuhört. »Du sollst nicht mich dafür verantwortlich machen«, sagte Sulejman zu ihr, »euer Herr selbst hat bei der Erschaffung der Welt lange zwischen dem Licht und der Finsternis gezögert, bis er erkannte, dass das Licht viel besser sei, weil es ihm die Entscheidung überließ, wohin er seine Füße unter dem Tisch ausstreckte, während er in jener verdammten Finsternis immer wieder mit der großen Zehe gegen die scharfe Kante des Küchenhockers stieß.« Hanni schwieg. Nach so viel Hüpfen würde ein Croissant guttun, mit Schinken oder ohne. Als Sulejman erfuhr, wovon sie träumte, sagte er prompt, eine abgenutzte Sitzgarnitur wäre das Höchste, was ihr werter Herrgott im Paradiesgarten zu besitzen verdiente. Daraufhin schnaufte Hanni nur, winkte ab und ging zur Zimmertür. Nach so viel Hüpfen würde nicht nur ein Croissant, sondern auch etwas Salzgebäck guttun, was sie überraschte, weil sie bisher in Paris oder Zürich nie an Salzgebäck gedacht hatte. Dann aber stellte sie fest, dass ihr vom vielen Hüpfen übel wurde, und sie sah vor sich nur das Bild ihres gemeinsamen Schlafzimmers mit dem Duft des Lavendels und der frischen Bettwäsche. Dann dachte sie daran, dass ihr auch das leichter fiele, wenn diese Leute draußen vor dem Hotel aufhörten, derart zu grölen, als hätte ihre Nationalmannschaft soeben die Auswahl Englands oder Frankreichs im Qualifikationsspiel für die Fußballweltmeisterschaft besiegt. Auf diesen Gedanken hätte sie sofort mit einem schnelleren Hüpfrhythmus antworten können, aber da dieser Gedanke mit dem Bild Sulejmans endete, der ihre noch warme Spucke von der schmutzigen Bettwäsche entfernte, ließ sie ihn fallen.
Die ganze Zeit hörte die hüpfende Menschenmenge nicht mit ihrem Hüpfen auf, als würde sie von jetzt an bis in alle Ewigkeit ihr Leben auf riesengroßen Trampolinen verbringen, wo sie sich mal als aufgeblasene Frösche, mal als schlaff auf der Wäscheleine hängende Liebestöter fühlten. Die Menge schrie: »Le roi est mort cette nuit!« Hanni dachte, es wäre für sie viel einfacher, wenn sie wenigstens annähernd wüsste, was die entfesselte Meute ihr mitteilen wollte, sonst käme sie noch auf den Gedanken, sie wohne dem Beginn einer Revolution bei. »Sag mal«, fragte sie Sulejman, »warum brüllen diese Menschen so? Ist etwa ein neuer Weltkrieg ausgebrochen?« Sulejman schaute sie an, als sähe er sie zum ersten Mal. »Verstehst du wirklich nicht, was sie rufen?« Hanni schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nur, dass es um den König geht! Mich stören die Trompeten, in die diese Idioten vor der Kathedrale blasen. Die hören sich an wie ein Haufen Amateure!« Sulejman lachte und sagte: »Du dummes Huhn! Sie brüllen, weil der König gestorben ist!« Hanni zuckte zusammen. »Der König ist gestorben? Wie konnte das passieren?« »Hätte er dich etwa um Erlaubnis bitten sollen?« »Warum auch nicht? Übrigens, soviel mir bekannt ist, bin ich die einzige Person, die ihn geliebt hat.«
Sie nahm ihre Jacke vom Kleiderständer und schaute hinein, als suche sie einen Zettel mit dem Hinweis, welches Schicksal sie noch zu erwarten habe. Sie verließ das Hotel, überquerte den Platz und geriet mitten ins Zentrum des Trubels. Ein groß gewachsener junger Mann trat hinter sie, packte sie an den Schultern und begann, sie vor Freude schreiend um sich herumzuwirbeln. »Dragan, hör bitte auf, gleich falle ich in Ohnmacht!«
Sie wollte ihm auch sagen, er sollte sich besser auf angemessenere Weise von seinem König verabschieden, dann aber bemerkte sie einige junge Somalier, die sich den Weg zu ihnen bahnten, genauer zu Sulejman, der gerade am Hoteleingang erschienen war. Hanni war nie sicher, welche Gefühle Sulejman für sie hegte, wusste aber, dass er fähig war, lange davonzurennen, bevor er aufgab. An dem Nachmittag hatte er eine Schachtel mit wunderbaren belgischen Pralinen gekauft, von denen er wusste, dass Hanni sie gerne mochte, während er selbst überzeugt war, dass man in Pralinen, Kapuzenjacken und den mit Werbesprüchen verzierten Sweatshirts jede Menge Waffen, Plastikbomben und wer weiß was noch alles finden könne, das in den geschickten Händen eines jungen Bombenwerfers geeignet wäre, die Welt ernsthaft zu erschüttern. Oh, wie groß, lieb, und gutmütig alle diese Schwarzen aus dem frankofonen Teil Afrikas waren. Sie hatten es auch gar nicht nötig, zu zeigen, welch große Macht sie sind, denn sie waren es wirklich. Sulejman wusste noch viele Gründe, weswegen sie ihn verprügeln wollten, und konnte auch viele Gründe dafür nennen, weswegen er ihre Deutungen seiner Gründe ablehnte. Es stimmt, es gab viele wohlmeinende Afrikaner aus frankofonen Stämmen, aber über all das wird er gründlich an einem anderen, ruhigeren Ort nachdenken können und müssen, wo man weniger geneigt ist, sich für das Schicksal von Bürgern aus den ehemaligen französischen Kolonien einzusetzen. Er schaute nach links, schaute nach rechts, sah aber keine Möglichkeit, sich zu verdrücken, außerdem gingen ihm Hanni und Dragan besonders auf die Nerven, die, wie er ahnte, bereit waren, ihren verrückten Tanz im selben Augenblick fortzusetzen. Es ist möglich, dachte Sulejman, dass jemand wie Dragan, dessen Name, egal, wie er ausgesprochen wurde, immer wie das englische Wort für Drache klang, in den Konflikten mit Menschen ähnlicher oder aber anderer Meinung zusätzliche Sicherheit gewinnt. Aber er war nicht Dragan, und deshalb musste er sofort reagieren. Zuerst gab er Hanni eine saftige Ohrfeige, um ihr erotisches Gesäusel zu unterbinden, danach vereitelte er jeden Versuch von ihr, ihre Fingernägel in seine Augen zu bohren, und versuchte gleichzeitig jeden Angriff der Drachenkrallen von Hannis Freund zu verhindern. Dragan war gefährlich, und Sulejman wusste, dass mit ihm nicht zu spaßen war. Er sprang mehrfach hoch, um das Herankommen seiner Verfolger besser abzuschätzen, sah jedoch ein, dass es für ihn keine Alternative mehr gab. Er konnte natürlich abwarten, bis die Dinge wieder so würden wie früher, aber Sulejman erkannte, dass er keine Zeit mehr für einen Neuanfang, sondern nur noch für das Weitermachen hatte. Deshalb blieb er stehen. Seine Verfolger waren schon sehr nahe. Wenn sie so weitermachen, wird der Mob, der sichselbst hervorhob, jetzt sie zu den Hauptschuldigen am Tod unseres zarten Königs erklären.
