Wenn der Schmerz uns verbindet - Natascha K - E-Book

Wenn der Schmerz uns verbindet E-Book

Natascha K

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Beschreibung

Diese Dark-Romance-Geschichte spielt in der norddeutschen Kleinstadt Barmstedt, einem Ort, der nach außen ruhig wirkt, aber unter seiner Oberfläche von Enge, Gerüchten und unausgesprochenen Konflikten geprägt ist. Im Mittelpunkt stehen Jessica und Sascha, zwei Jugendliche, die auf unterschiedliche Weise an Depressionen leiden und sich gerade deshalb zueinander hingezogen fühlen. Was als vorsichtige Nähe beginnt, entwickelt sich zu einer intensiven, toxischen Beziehung, in der Macht, Kontrolle und emotionale Abhängigkeit eine immer größere Rolle spielen. Die Geschichte zeigt realistisch, wie psychische Erkrankungen Beziehungen beeinflussen können, wie Nähe gleichzeitig Trost und Gefahr wird und wie schwer es ist, Grenzen zu erkennen, wenn man sich nach Bedeutung und Halt sehnt. Eine wichtige Nebenfigur ist Natalie, ein junges Mädchen aus zerrütteten Familienverhältnissen, das bei seinem Onkel Günther lebt und durch einen ehrenamtlichen Betreuer aus der Familie begleitet wird. Auch hier zeigt sich, wie fragile soziale Strukturen, Überforderung und fehlende Unterstützung Menschen verletzlich machen. Die Wege von Jessica, Sascha und Natalie kreuzen sich immer wieder an realen Orten in und um Barmstedt, die nicht nur Kulisse, sondern emotionales Drucksystem der Handlung sind. Das Buch erzählt von Depression in unterschiedlichen Ausprägungen, von Manipulation ohne offene Gewalt, von Besitzdenken, Schuldgefühlen und der Schwierigkeit, sich aus toxischen Dynamiken zu lösen. Gleichzeitig zeigt es, dass Liebe auch anders aussehen kann und dass Nähe nicht zwangsläufig zerstören muss. Die Geschichte beschönigt nichts, sondern bleibt konsequent, emotional intensiv und authentisch. Achtung: Der Autor verwendet zum Erstellen seiner Texte meistens künstliche Intelligenz (und muss das angeben, was er hiermit macht)! Das Cover und die Geschichte wurden mit Chatgbt generiert.

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EPUB
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Seitenzahl: 488

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Wenn der Schmerz uns verbindet

Untertitel:

Eine Dark-Romance-Geschichte über Nähe, Depression, Macht und Verlust in den Straßen von Barmstedt

Vorwort

Diese Geschichte spielt in Barmstedt, einer kleinen Stadt, die nach außen ruhig wirkt. Kopfsteinpflaster, alte Häuser, vertraute Wege. Doch unter dieser Oberfläche liegen Brüche, Verletzungen und unausgesprochene Geschichten. Genau dort beginnt diese Erzählung.

Im Mittelpunkt stehen Jessica und Sascha. Zwei junge Menschen, die auf unterschiedliche Weise an Depressionen leiden. Beide tragen ihre Dunkelheit nicht offen vor sich her. Sie verstecken sie hinter Gesten, Blicken, Schweigen oder falschem Lächeln. Was sie verbindet, ist nicht nur Anziehung, sondern ein tiefes Erkennen im Anderen. Ein Gefühl von: Du siehst mich, auch wenn ich mich selbst kaum ertrage.

Diese Geschichte erzählt nicht von einer heilen Liebe. Sie erzählt von Nähe, die rettet und zerstört. Von Macht und Abhängigkeit. Von Momenten, in denen Berührung Trost ist, und anderen, in denen sie zur Waffe wird. Sie erzählt davon, wie psychische Erkrankungen Menschen zusammenführen können, sie aber auch voneinander entfernen, wenn Hilfe, Stabilität und Selbstwert fehlen.

Neben Jessica und Sascha spielt Natalie eine wichtige Rolle. Sie ist jünger, verletzlich, geprägt von zerrütteten Familienverhältnissen. Sie lebt bei ihrem Onkel Günther, nicht aus freier Entscheidung, sondern weil es keinen anderen sicheren Ort für sie gibt. Ein ehrenamtlicher Betreuer aus der Familie versucht, Halt zu geben, wo staatliche und familiäre Strukturen versagt haben. Auch diese Beziehung ist nicht einfach. Sie ist geprägt von Fürsorge, Überforderung und stiller Angst, etwas falsch zu machen.

Die Geschichte bewegt sich durch reale Straßen, Plätze und Orte in und um Barmstedt. Diese Schauplätze sind mehr als Kulisse. Sie spiegeln die inneren Zustände der Figuren wider. Regen, Dunkelheit, Stille und Enge werden Teil der Erzählung. Mimik, Gestik und kleine Handlungen tragen oft mehr Bedeutung als gesprochene Worte.

Diese Dark-Romance-Geschichte will nichts beschönigen. Sie will zeigen, wie Depression sich unterschiedlich äußern kann. Wie sie Denken, Fühlen und Handeln verändert. Und wie Liebe in diesem Spannungsfeld gleichzeitig Zuflucht und Gefahr sein kann.

Trigger Warnung / Wichtiger Lesehinweis

Dieses Buch enthält sehr intensive Darstellungen von Depression, psychischer Instabilität, suizidnahen Gedanken, innerer Leere, emotionaler Abhängigkeit, Macht- und Kontrollverhältnissen, Manipulation, Stalking-ähnlichem Verhalten, Bedrohung, Angstzuständen sowie Situationen, in denen Nähe nicht schützt, sondern bindet, verunsichert oder gefährlich wird. Die Geschichte zeigt außerdem familiäre Überforderung, Betreuungssituationen, Drohungen gegenüber Schutzpersonen, Grenzverletzungen sowie Dynamiken, in denen Verletzlichkeit gezielt ausgenutzt wird.

Ich schreibe diese Trigger Warnung ganz bewusst und ausdrücklich. Ich möchte nicht, dass dieses Buch von kleinen Jungen oder kleinen Mädchen gelesen wird. Ebenso möchte ich nicht, dass psychisch kranke, seelisch instabile oder akut belastete Menschen diese Geschichte lesen. Ich will nicht, dass jemand durch meine Bücher einen Knacks in der Seele bekommt. Ich will nicht, dass sich jemand durch die dargestellten psychischen Abgründe, Machtmechanismen, Drohungen oder Nähe-Dynamiken innerlich verliert oder sich im schlimmsten Fall selbst etwas antut.

Ich übernehme mit dieser Trigger Warnung Verantwortung. Worte wirken. Geschichten wirken. Gerade Geschichten über Depression, emotionale Abhängigkeit, Kontrolle, Stalking und suizidnahe Gedanken können sehr tief nachwirken und bestehende innere Verletzungen verstärken. Deshalb soll dieses Buch nicht von Minderjährigen oder besonders schutzbedürftigen Personen gelesen werden. So wie man keine Zigaretten an zwölfjährige Kinder verkauft, sollen auch diese Inhalte nicht ungeschützt oder unreflektiert konsumiert werden.

Dieses Buch ist keine romantische Verklärung von Depression, Kontrolle oder emotionaler Abhängigkeit. Es ist keine Anleitung für Beziehungen und kein Ersatz für medizinische, therapeutische oder psychologische Hilfe. Psychische Erkrankungen werden nicht ästhetisiert, sondern als reale, gefährliche und belastende Zustände dargestellt, die Stabilität, Unterstützung und professionelle Hilfe erfordern. Nähe wird nicht als Lösung gezeigt, sondern als etwas, das ohne klare Grenzen und Selbstschutz zerstörerisch wirken kann.

Bitte lesen Sie dieses Buch nur, wenn Sie volljährig sind, sich psychisch stabil fühlen und wissen, dass Sie mit sehr intensiven, düsteren und realitätsnah belastenden Themen umgehen können. Wenn Sie unsicher sind, ob diese Inhalte für Sie geeignet sind, lesen Sie dieses Buch bitte nicht.

Ihre seelische Gesundheit ist wichtiger als jede Geschichte.

Haftungsausschluss

Dieses Buch ist ein literarisches Werk der Fiktion. Alle dargestellten Personen, Handlungen und Dialoge sind erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Die beschriebenen psychischen Erkrankungen, insbesondere verschiedene Formen der Depression, dienen der erzählerischen Darstellung und ersetzen keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung. Dieses Buch ist kein Ratgeber und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder klinische Genauigkeit. Bei psychischen Belastungen oder Krisen sollte stets professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.

Diese Geschichte enthält dunkle, emotionale und teilweise belastende Inhalte, darunter Themen wie Depression, toxische Beziehungen, Macht, emotionale Abhängigkeit und selbstzerstörerische Dynamiken. Leserinnen und Leser werden gebeten, dies vor der Lektüre zu berücksichtigen.

Dieses Buch wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt. Die Inhalte wurden generiert, strukturiert und ausgearbeitet mithilfe eines KI-gestützten Textsystems. Verantwortung für Auswahl, Gestaltung und Veröffentlichung liegt bei der Autorenschaft.

Imprint:

V. i. S. d. P.: Marcus Petersen-Clausen, Ginsterweg 7, 30900 Mellendorf/Wedemark (DE) - Tel.: 491796162178

Dieses Dokument ist lizenziert unter dem Urheberrecht!

(c) 2026 Marcus Petersen-Clausen

(c) 2026 Köche-Nord.de

Achtung: Der Autor verwendet zum Erstellen seiner Texte meistens künstliche Intelligenz (und muss das angeben, was er hiermit macht)! Das Cover und die Geschichte wurden mit Chatgbt generiert.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Die Stelle, an der alles begann

Kapitel 2 – Schlossinsel, kaltes Licht

Kapitel 3 – Rantzau 9, Stimmen hinter Glas

Kapitel 4 – Kircheninsel, Atem im Dunkeln

Kapitel 5 – Hintertür, kalte Hände, heiße Lügen

Kapitel 6 – Vanessa, der Schlüssel, der nicht klirrt

Kapitel 7 – Der Preis für ein Nein

Kapitel 8 – Am Markt, ein ruhiger Moment, der nicht ruhig bleibt

Kapitel 9 – Licht macht nichts harmlos

Kapitel 10 – Zwischen Atem und Entscheidung

Kapitel 11 – Kälte trägt keine Spuren

Kapitel 12 – Formulare, Stille und ein Plan ohne Namen

Kapitel 13 – Zwei Zimmer, ein Schlüssel, der nichts verspricht

Kapitel 14 – Ein Umschlag, der nichts sagt und alles verändert

Kapitel 15 – Geräusche hinter geschlossenen Türen

Kapitel 16 – Wenn Nähe zur Falle wird

Kapitel 17 – Die falsche Entscheidung, die sich richtig anfühlt

Kapitel 18 – Der Schlüssel, der nicht öffnet, sondern bindet

Kapitel 19 – Papier brennt nicht, es klebt

Kapitel 20 – Zwei Stühle, ein Formular und ein Satz, der zu früh kommt

Kapitel 21 – Ein Stempel, ein Haarband und die Art, wie man verschwindet

Kapitel 22 – Wenn die Stadt zu klein wird für ein Geheimnis

Kapitel 23 – Der Umschlag, der nichts sagt, aber alles verschiebt

Kapitel 24 – Freundlichkeit, die wie ein Messer auf dem Tisch liegt

Kapitel 25 – Der Preis der Ruhe

Kapitel 26 – Die Küche, in der nichts neutral ist

Kapitel 27 – Schneiden ohne Blut

Kapitel 28 – Wenn etwas anbrennt, das niemand angezündet hat

Kapitel 29 – Der Moment, in dem er nichts mehr tut

Kapitel 30 – Der Fehler, der sich kurz wie Erleichterung anfühlt

Kapitel 31 – Der Tag, an dem sie bleibt, obwohl sie gehen will

Kapitel 32 – Das Gespräch, das keine Antwort braucht

Kapitel 33 – Der Bescheid, der nicht laut wird

Kapitel 34 – Ein Ring aus nichts als Trotz

Kapitel 35 – Zwei Kerzen, die nicht brennen dürfen

Kapitel 36 – Ein Gerücht, das nach ihm schmeckt, und ein Kuss, der bleibt

Kapitel 37 – Der Bruch, der niemandem gehört

Kapitel 38 – Das Gerücht, das plötzlich verstummt

Kapitel 39 – Jessicas Geburtstag, an dem sie lügt, um die Wahrheit zu retten

Kapitel 40 – Achtzehn, und plötzlich der Altar

Nachwort

Kapitel 1 – Die Stelle, an der alles begann

Barmstedt wirkte an diesem Nachmittag wie festgefahren in sich selbst. Der Himmel hing tief über der Stadt, ein graues, gleichmäßiges Gewicht, das auf den Dächern lastete und selbst die Farben der Fassaden stumpf erscheinen ließ. Es hatte geregnet, nicht stark, eher dieses feine, zähe Nieseln, der sich in Kleidung festsetzte, ohne dass man genau sagen konnte, wann man eigentlich nass geworden war. Die Straßen glänzten dunkel, spiegelten Laternen, Autos und die Umrisse der Menschen, die hastig vorbeigingen, als wollten sie dem eigenen Spiegelbild entkommen.

Jessica ging langsam. Zu langsam für diese Stadt, in der alle immer irgendwohin mussten. Ihre Schritte waren klein, beinahe zögerlich, als würde jeder einzelne eine bewusste Entscheidung erfordern. Sie trug eine dunkle Jacke, die ihr zu groß war, ein altes Modell, das einmal jemand anderem gehört hatte. Die Ärmel reichten fast über ihre Hände. Sie mochte das. Es gab ihr das Gefühl, weniger sichtbar zu sein.

Ihr Blick war auf den Boden gerichtet, auf das Pflaster, auf Risse und Unebenheiten, die sie auswendig kannte. Sie ging diesen Weg oft. Vom kleinen Park nahe der Krückau zurück Richtung Innenstadt, vorbei an Häusern, die sie seit ihrer Kindheit kannte. Früher hatte sie geglaubt, Orte könnten Sicherheit geben. Heute wusste sie, dass Erinnerungen auch schneiden konnten.

Jessica litt an einer Depression, die sich leise zeigte. Keine Wutausbrüche, kein dramatisches Weinen. Es war eher eine bleierne Schwere, die sich jeden Morgen auf ihre Brust legte. Ein Gefühl von Sinnlosigkeit, das sich durch alles zog. Sie funktionierte. Ging zur Schule, sprach, wenn man sie ansprach. Aber innerlich war da oft nichts als Leere. Ein grauer Raum, in dem Gedanken verhallten, ohne Widerhall.

Sie blieb stehen, als sie bemerkte, dass jemand auf der Bank nahe der alten Brücke saß. Die Brücke war kein besonderes Bauwerk, aber sie verband zwei Teile der Stadt, so wie Jessica oft das Gefühl hatte, zwischen zwei Versionen ihrer selbst zu stehen. Der Junge auf der Bank saß vornübergebeugt, die Ellbogen auf den Knien, die Hände locker ineinander verschränkt. Sein Blick war nicht auf das Wasser gerichtet, sondern irgendwo darüber hinaus, als würde er etwas sehen, das für andere unsichtbar war.

Sascha.

Sie kannte ihn vom Sehen. Man kannte sich in Barmstedt. Nicht richtig, aber genug, um Namen zuordnen zu können. Er war ein Jahr älter als sie, vielleicht zwei. Er hatte dunkle Haare, die ihm oft unordentlich ins Gesicht fielen, und eine Art, den Kopf leicht schief zu halten, wenn er nachdachte oder zuhörte. Was sie immer irritiert hatte, war sein Blick. Er war intensiv, fast schon zu direkt, und gleichzeitig wirkte er, als wäre er innerlich weit weg.

Sascha litt an einer anderen Form von Depression. Seine war laut, auch wenn er selbst nicht viel sprach. Sie zeigte sich in innerer Unruhe, in Reizbarkeit, in plötzlicher Leere nach Momenten von Übersteuerung. Er hatte Phasen, in denen er alles wollte, alles fühlte, alles riskierte, und dann wieder Tage, an denen er kaum aus dem Bett kam. Seine Gedanken waren oft dunkel, selbstabwertend, von einem Gefühl der Wertlosigkeit durchzogen, das er nach außen mit Zynismus und Rückzug überdeckte.

Jessica zögerte. Ihr erster Impuls war, weiterzugehen. Nähe bedeutete Risiko. Fragen, auf die sie keine Antworten hatte. Doch etwas hielt sie zurück. Vielleicht war es die Art, wie Sascha da saß, so verloren in sich selbst, dass es fast schmerzte, hinzusehen. Vielleicht erkannte sie etwas von sich selbst in seiner Haltung.

„Hi“, sagte sie schließlich, leise, fast zaghaft.

Sascha hob den Kopf. Seine Bewegung war langsam, als müsste er sich erst sammeln. Sein Blick traf ihren, und für einen Moment sagte keiner etwas. Dieser Augenblick dehnte sich, wurde schwer, geladen mit unausgesprochenen Dingen.

„Hi“, antwortete er dann. Seine Stimme war tiefer, als sie erwartet hatte, rau, als hätte er lange nicht gesprochen.

Jessica trat näher, blieb aber stehen. Ihre Hände verschwanden noch tiefer in den Ärmeln der Jacke. Sie spürte ihr Herz schneller schlagen, nicht aus Freude, sondern aus dieser nervösen Unsicherheit, die sie oft überkam, wenn sie mit anderen Menschen interagieren musste.

„Ist hier frei?“, fragte sie, obwohl es offensichtlich war.

Sascha nickte und rückte ein Stück zur Seite. Seine Bewegung war mechanisch, fast automatisch. Jessica setzte sich ans andere Ende der Bank, ließ bewusst Abstand. Der Regen hatte aufgehört, aber die Luft roch noch feucht, kalt, nach nassem Laub und Asphalt.

Eine Weile schwiegen sie. Das Wasser unter der Brücke floss ruhig, gleichmäßig. Ein Geräusch, das etwas Beruhigendes hatte, aber auch etwas Unaufhaltsames.

„Ich sitze hier oft“, sagte Sascha schließlich, ohne sie anzusehen. „Manchmal hilft es.“

Jessica nickte, obwohl er es nicht sehen konnte. „Mir auch.“

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. Etwas huschte über sein Gesicht. Überraschung vielleicht. Oder Anerkennung.

„Du wirkst nicht so, als würdest du viel reden“, sagte er.

Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Ich denke mehr, als mir lieb ist.“

Ein schiefes Lächeln zog über seine Lippen. Es war kein fröhliches Lächeln. Eher eines, das aus Müdigkeit geboren war. „Kenn ich.“

Sie sah ihn jetzt genauer an. Die dunklen Schatten unter seinen Augen, die Spannung in seinem Kiefer, als würde er die Zähne unbewusst aufeinanderpressen. Seine Hände waren nervös, seine Finger bewegten sich leicht, als könnten sie nicht stillhalten.

„Alles okay?“, fragte sie, obwohl sie wusste, wie banal diese Frage war.

Sascha lachte leise, kurz. Es war ein trockenes Geräusch, ohne Humor. „Kommt drauf an, was man unter okay versteht.“

Jessica nickte wieder. Sie verstand. Dieses Gefühl, nicht erklären zu können, wie es einem ging, weil die Sprache dafür fehlte oder weil man befürchtete, ohnehin nicht verstanden zu werden.

„Manchmal“, begann sie zögernd, „fühlt sich alles so… gedämpft an. Als würde ich durch Watte laufen.“

Sascha drehte den Kopf zu ihr. Diesmal sah er sie direkt an. Sein Blick war aufmerksam, ernst. „Bei mir ist es eher wie ein Sturm. Und danach ist alles leer.“

Ihre Worte hingen zwischen ihnen, roh und ehrlich. Jessica spürte, wie sich etwas in ihr veränderte. Eine vorsichtige Öffnung. Es war selten, dass sie so direkt über ihre innere Welt sprach, vor allem mit jemandem, den sie kaum kannte.

„Das klingt anstrengend“, sagte sie leise.

„Ist es“, antwortete er. „Vor allem, weil die Leute denken, ich wäre einfach schwierig oder launisch.“

Sie presste die Lippen aufeinander. Sie kannte das. Diese Missverständnisse. Diese Blicke, die sagten: Reiß dich doch zusammen.

„Bei mir sagen sie oft, ich sei unmotiviert“, sagte sie. „Oder faul.“

Sascha schnaubte leise. „Klassiker.“

Ein kurzer Moment von Nähe entstand. Kein Lächeln, kein Berühren. Nur dieses geteilte Verstehen. Es war intensiv, fast zu intensiv für einen ersten Kontakt.

Jessica merkte, wie ihr Körper reagierte. Ein warmes Ziehen in der Brust, aber auch Angst. Denn sie wusste, wie gefährlich solche Verbindungen sein konnten. Wenn zwei Menschen sich nicht über ihre Stärke, sondern über ihre Verletzungen fanden.

„Ich bin Sascha“, sagte er schließlich.

„Jessica“, antwortete sie.

Sie sagten ihre Namen wie ein Versprechen und wie eine Warnung zugleich.

Als sie später aufstand, um zu gehen, war es schon dunkler geworden. Die ersten Laternen brannten. Sascha blieb sitzen, sah ihr nach, als sie sich entfernte. Jessica spürte seinen Blick im Rücken, auch als sie ihn nicht mehr sehen konnte.

Beide ahnten nicht, dass dieser Nachmittag der Anfang von etwas war, das sie verändern würde. Etwas, das trösten und zerstören konnte. Etwas, das sie tiefer in ihre Dunkelheit führen würde, als ihnen lieb war.

Aber für diesen Moment war da nur das Gefühl, nicht ganz allein zu sein. Und das reichte, um den ersten Schritt zu tun.

Kapitel 2 – Schlossinsel, kaltes Licht

Am nächsten Tag war die Stadt nicht freundlicher. Barmstedt konnte an hellen Tagen fast harmlos wirken, mit kleinen Geschäften, vertrauten Wegen und dem Geräusch von Autos, die auf nassem Asphalt vorbeizogen. Aber heute lag ein kaltes Licht über allem, als hätte jemand die Sättigung aus der Welt gezogen. Der Himmel war klarer als am Vortag, doch diese Klarheit machte es nicht leichter. Sie machte alles schärfer. Jede Kante, jedes Geräusch, jedes Zucken in einem Gesicht.

Jessica wachte zu früh auf. Nicht weil sie ausgeschlafen war, sondern weil ihr Körper es nicht mehr aushielt, still im Bett zu liegen, während ihr Kopf sich in Kreisen drehte. Sie starrte an die Decke und fühlte dieses bekannte Nichts, das sich wie ein schwerer Mantel über sie legte. Es war keine Traurigkeit im klassischen Sinn. Traurigkeit hätte wenigstens eine Farbe gehabt. Das hier war stumpf. Gleich. Als wäre sie schon seit Wochen ein Raum, den niemand betrat.

Sie stand auf, zog sich an, ohne darüber nachzudenken, was sie trug, und ging hinaus. Die Luft war kühl, frisch, und sie spürte sofort, wie ihre Haut darauf reagierte. Kälte war wenigstens echt. Sie war ein Gefühl, das nicht verhandelte. Sie biss, sie weckte, sie war da. Auf dem Weg Richtung Rantzauer See ging Jessica durch Straßen, die sie kannte, und doch fühlten sie sich fremd an. In manchen Fenstern brannte Licht, in anderen nicht. In manchen Häusern lebten Familien, die morgens gemeinsam frühstückten, in anderen Menschen, die sich kaum ansahen. Jessica fragte sich, zu welcher Sorte Haus sie gehörte. Die Frage blieb ohne Antwort, so wie vieles in ihr ohne Antwort blieb.

Am Rantzauer See war es stiller. Der See lag ruhig da, die Oberfläche dunkler als der Himmel darüber. Am Rand standen Bäume, nackt oder halb nackt, und zeichneten ihre Äste wie schwarze Linien in die Luft. In der Nähe lag die Schlossinsel, dieser besondere Ort in Barmstedt, den viele als Ausflugsziel kannten, als Postkartenmotiv, als etwas Hübsches. Für Jessica war die Schlossinsel heute kein romantischer Ort. Sie war eine Insel inmitten von Wasser, getrennt vom Festland, erreichbar, aber immer noch abgeschnitten. Das passte zu ihrem inneren Zustand, und sie hasste es, wie gut es passte.

Sie ging am Seepark entlang, den Weg, der die Schlossinsel mit dem Ufer verband, und merkte, dass sie schneller ging, als sie es geplant hatte. Nicht weil sie wohin wollte, sondern weil Stillstand gefährlich war. Wenn sie stehen blieb, kamen die Gedanken. Wenn sie weiterging, konnte sie so tun, als liefe sie vor etwas davon, das man nicht sehen konnte. Der Seepark war am Morgen fast leer. Ein paar Leute mit Hunden, eine ältere Frau mit einer Thermoskanne, die auf einer Bank saß, als würde sie sich selbst Gesellschaft leisten.

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Jessica blieb kurz stehen und blickte auf das Wasser. Sie fragte sich, wie es wäre, einfach hineinzulaufen. Nicht als dramatische Handlung, nicht als großer Abschied, sondern als ruhige Entscheidung. Der Gedanke erschreckte sie nicht so sehr, wie er vielleicht sollte, und das war der Moment, in dem sie merkte, dass sie dringend etwas anderes brauchte. Nicht eine Antwort. Nicht eine Lösung. Nur einen Beweis, dass sie noch reagieren konnte, wenn etwas Unerwartetes geschah.

Sie drehte sich um, und da war er.

Sascha stand einige Meter entfernt, am Rand des Weges, als hätte er schon länger dort gestanden. Er trug eine dunkle Jacke, zu dünn für die Kälte, und seine Hände steckten nicht in den Taschen, sondern hingen locker an seinen Seiten. Das wirkte nicht entspannt. Es wirkte, als müsste er sich zwingen, ruhig zu bleiben. Sein Blick war sofort auf ihr Gesicht gerichtet, als wolle er prüfen, ob sie echt war oder nur eine Erinnerung.

Jessica spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Es war keine reine Freude, ihn zu sehen. Es war ein Stoß von etwas, das sie nicht kontrollieren konnte. Aufmerksamkeit. Gefahr. Möglichkeit.

„Du bist wirklich hier“, sagte Sascha. Seine Stimme klang, als hätte er die Worte schon mehrfach im Kopf gesagt.

Jessica hob die Schultern, ein kleines Zucken. „Ich komme oft her.“

„Ich auch“, sagte er. Dann machte er einen Schritt näher. Nicht schnell. Aber entschieden. Jessica merkte, wie sie instinktiv den Atem anhielt. Sie sagte sich, dass das albern war. Er tat nichts. Er kam nur näher. Und trotzdem fühlte es sich an wie eine Grenzverschiebung.

„Gestern…“, begann er und brach ab. Seine Augen wurden schmal, als würde er etwas in ihr lesen. „Gestern warst du nicht… wie die anderen.“

Jessica spürte, wie sich in ihr etwas zusammenzog. Dieses Bedürfnis, nicht gesehen zu werden. Und gleichzeitig der Hunger danach, endlich gesehen zu werden.

„Wie meinst du das?“, fragte sie.

Sascha lächelte kurz, aber es war wieder dieses harte Lächeln, das eher ein Schutz war als Wärme. „Die anderen stellen Fragen, damit sie sich gut fühlen. Du hast nicht gefragt, um dich gut zu fühlen. Du hast gefragt, weil du es wissen wolltest.“

Jessica wusste nicht, ob das ein Kompliment war oder eine Art Anspruch. Beides fühlte sich gefährlich an.

Sie gingen nebeneinander am See entlang. Nicht direkt Schulter an Schulter, aber nah genug, dass Jessica die Wärme seines Körpers im kalten Wind spürte. Sascha redete nicht viel. Er hatte eine Art, Pausen zu lassen, die nicht peinlich waren, sondern dicht. Als würden die Pausen mehr sagen als Worte.

„Ich habe heute Nacht nicht geschlafen“, sagte Sascha plötzlich.

Jessica sah ihn kurz an. Sein Gesicht war ruhig, aber seine Augen waren es nicht. „Weil du nicht konntest?“

„Weil ich nicht wollte“, sagte er. Dann lachte er einmal kurz, und es klang fast wütend. „Wenn ich schlafe, träume ich. Und wenn ich träume, werde ich wieder weich.“

Jessica verstand nicht sofort. Dann begriff sie. „Und das willst du nicht sein?“

Sascha blieb stehen. So abrupt, dass Jessica automatisch auch stehen blieb. Er drehte sich zu ihr, und in seinem Blick war etwas, das sie gleichzeitig anzog und abwehrte. „Weich sein macht kaputt“, sagte er leise. „Weich sein bedeutet, dass du denkst, irgendwer bleibt.“

Jessica spürte, wie ihr Hals eng wurde. Sie wollte etwas sagen, etwas Beruhigendes, etwas Richtiges. Aber sie hatte gelernt, dass Beruhigung manchmal nur ein anderes Wort für Lüge war.

„Ich will nicht, dass du mich bemitleidest“, sagte Sascha, als würde er ihre Gedanken erraten.

„Tue ich nicht“, sagte Jessica sofort. Zu schnell. Zu hart.

Sascha trat näher. Ein halber Schritt, der die Luft zwischen ihnen veränderte. Jessica merkte, dass sie rückwärts hätte gehen können. Sie tat es nicht. Ihr Körper blieb wie festgenagelt.

„Dann sag es“, sagte Sascha. „Sag, was du wirklich denkst.“

Jessica schluckte. „Ich denke…“, begann sie, und dann stockte sie, weil sie plötzlich spürte, wie schwierig es war, die Wahrheit auszusprechen. „Ich denke, du hast Angst, verlassen zu werden. Und du tust so, als wäre es dir egal. Aber es ist dir nicht egal.“

Saschas Kiefer spannte sich. Seine Hände bewegten sich minimal, als hätte er den Impuls, etwas zu zerstören oder etwas festzuhalten. Dann lachte er wieder, und diesmal war es gar nicht freundlich. „Du redest, als wärst du meine Therapeutin.“

„Ich bin nicht deine Therapeutin“, sagte Jessica. Ihre Stimme war leiser, aber nicht schwach. „Ich bin nur… hier.“

Sascha sah sie an, lange, und Jessica hielt den Blick aus. Es kostete sie Kraft, aber sie blieb. Sie wollte nicht wieder in dieses Nichts zurückfallen, in dem nichts sie berührte. Sascha berührte. Selbst wenn es schmerzhaft war, war es echt.

„Hier“, wiederholte Sascha. „Das Wort ist gefährlich.“

Jessica hob eine Augenbraue. „Warum?“

Sascha machte noch einen Schritt, so nah, dass Jessica sein Atmen hören konnte. „Weil ich dann anfange zu glauben, dass du bleiben könntest.“

Jessica spürte, wie sich ihr Herz beschleunigte. In ihrem Kopf ging ein Warnlicht an. Dieser Satz war keine romantische Einladung. Er war eine Klammer.

„Sascha…“, sagte sie, aber sie wusste nicht, was sie damit wollte. Abstand? Oder Nähe?

Sascha hob eine Hand. Er berührte sie nicht sofort. Er hielt die Hand in der Luft, als würde er sich selbst prüfen. Dann legte er zwei Finger an ihr Handgelenk, ganz leicht. Für einen Moment war es beinahe zärtlich. Aber es blieb nicht zärtlich. Seine Finger schlossen sich fester, nicht schmerzhaft, aber deutlich. Besitz, als Geste. Ein Zeichen, das zu früh kam.

Jessica erstarrte. Sie spürte, wie ihr Körper automatisch reagieren wollte. Wegziehen. Grenzen setzen. Aber gleichzeitig war da dieses kranke, gefährliche Gefühl, dass sie endlich nicht mehr allein war, wenn jemand sie festhielt.

„Du bist kalt“, sagte Sascha. Sein Daumen bewegte sich minimal über ihre Haut, als würde er testen, ob sie wirklich lebendig war. „Du frierst immer.“

„Ich friere nicht“, log Jessica. Sie fror ständig, innen wie außen.

Sascha beugte sich ein Stück vor, und Jessica merkte, wie nah seine Lippen an ihrem Ohr waren. Seine Stimme wurde leiser. „Ich kann dich warm machen“, sagte er.

Der Satz traf sie wie ein Schlag. Er klang wie ein Versprechen. Und wie eine Drohung.

Jessica zog ihre Hand ruckartig zurück. Nicht so stark, dass es dramatisch gewesen wäre, aber stark genug, dass Sascha es spürte. Für einen Moment blitzte etwas in seinem Gesicht auf. Ärger. Kränkung. Oder beides.

„Du musst nicht…“, begann Jessica.

„Doch“, unterbrach Sascha. Seine Stimme war plötzlich schärfer. „Du musst nicht so tun, als würdest du Regeln kennen. Diese Regeln haben dich auch nicht gerettet.“

Jessica spürte, wie ihr Atem schneller wurde. Der Kontrast, der plötzlich da war, machte ihr schwindelig. Gerade eben war es Nähe gewesen, fast weich. Jetzt war es Härte.

„Sprich nicht so, als würdest du alles über mich wissen“, sagte Jessica. Ihre Stimme zitterte leicht, aber sie blieb stehen.

Sascha starrte sie an, und in seinem Blick war jetzt etwas Dunkleres. Nicht nur Schmerz. Auch Herausforderung.

„Dann zeig mir, dass ich falsch liege“, sagte er.

Jessica wollte antworten, wollte sich wehren. Doch bevor sie konnte, vibrierte Saschas Handy in seiner Jackentasche. Er griff danach, blickte kurz drauf, und Jessica sah, wie sich sein Gesicht veränderte. Es war nur ein Sekundenbruchteil, aber sie bemerkte es. Sein Blick wurde hart, und seine Lippen pressten sich zusammen.

„Was ist?“, fragte Jessica.

Sascha steckte das Handy weg, zu schnell. „Nichts.“

„Das war nicht nichts“, sagte Jessica.

Sascha machte einen Schritt zurück, als würde er sich wieder in Kontrolle bringen. „Es ist egal.“

Jessica spürte, dass es nicht egal war. Sie spürte, dass da etwas war, das nicht zu ihr gehörte, aber das sich trotzdem wie ein Schatten über sie legte.

„Wer schreibt dir?“, fragte sie.

Sascha lachte wieder, und diesmal war es kalt. „Seit wann willst du wissen, wer mir schreibt?“

Jessica merkte, wie sie rot wurde, nicht vor Scham, sondern vor Ärger. „Ich will nur wissen, warum du plötzlich so bist.“

Saschas Blick wurde schmal. „So bin ich immer.“

Das war die Lüge. Oder die Wahrheit, die noch schlimmer war.

Sie gingen weiter, aber die Nähe hatte sich verändert. Jessica spürte, wie sie vorsichtiger wurde. Sie sah ihn aus den Augenwinkeln an und merkte, dass Sascha nervöser war als zuvor. Sein rechter Fuß tippte manchmal unbewusst auf den Boden, ein Tick, den sie gestern nicht bemerkt hatte. Ein kleines, ständiges Klopfen, als müsste er sich selbst daran erinnern, nicht zu kippen.

„Du musst gleich wieder weg“, sagte Sascha plötzlich.

Es war keine Frage. Es war eine Feststellung, als hätte er beschlossen, wie ihr Tag weiterging.

„Warum?“, fragte Jessica.

„Weil du sonst denkst, das hier ist normal“, sagte er.

„Und was ist es dann?“, fragte sie, und sie hasste, wie sehr sie die Antwort brauchte.

Sascha blieb wieder stehen. Sie waren jetzt an einem Abschnitt, von dem aus man die Schlossinsel gut sehen konnte. Das Wasser dazwischen wirkte wie eine Grenze, die man nicht einfach übertrat. Sascha sah auf die Insel, dann zurück zu Jessica.

„Das hier“, sagte er leise, „ist der Anfang von etwas, das dich kaputt machen kann.“

Jessica spürte, wie ihr Bauch sich zusammenzog. Ein Teil von ihr wollte weglaufen. Ein anderer Teil dachte: Endlich.

„Warum sagst du mir das?“, flüsterte sie.

Sascha trat wieder nah an sie heran. Diesmal berührte er nicht ihr Handgelenk. Er legte die Hand flach gegen ihre Jacke, knapp über ihrem Herzen. Nicht fest. Aber bestimmt. Jessica spürte die Wärme seiner Hand durch den Stoff. Und sie spürte, wie ihr Körper darauf reagierte, wie auf einen Stromschlag. Ihr Herz schlug schneller, nicht nur aus Angst.

„Weil ich dich warnen will“, sagte Sascha. „Und weil ich gleichzeitig will, dass du es trotzdem tust.“

Jessica starrte ihn an. Seine Augen waren ruhig, aber dahinter war Unruhe, wie ein Tier, das im Käfig hin und her ging.

„Was soll ich tun?“, fragte sie.

Sascha beugte sich vor, und für einen Moment dachte Jessica, er würde sie küssen. Ihr Körper spannte sich an. Ihr Kopf sagte Nein. Ihr Inneres sagte Ja, weil Ja leichter war als Nein, weil Ja Nähe bedeutete, weil Ja bedeutete, dass sie für einen Moment nicht alleine in diesem grauen Raum war.

Aber Sascha küsste sie nicht. Er hielt nur inne, so nah, dass seine Stirn fast ihre berührte, und flüsterte: „Sag, dass du heute Abend kommst.“

Jessica schluckte. „Wohin?“

Sascha lächelte, langsam, und dieses Lächeln war nicht nett. Es war ein Lächeln, das sagte: Jetzt bist du schon drin. „Zur Kircheninsel“, sagte er. „Da, wo die Heiligen-Geist-Kirche steht. Da ist es abends still. Da hört man Dinge.“

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Jessica spürte ein Frösteln, das nichts mit der Luft zu tun hatte. „Welche Dinge?“

Sascha sah sie an, und seine Hand blieb einen Moment zu lange auf ihrer Brust, als würde er die Grenze absichtlich testen. „Dinge, die man nicht hören sollte“, sagte er.

Jessica wollte sich lösen, wollte Abstand schaffen. Aber Sascha zog die Hand nicht weg. Er ließ sie dort, als wäre es selbstverständlich. Als wäre sie schon sein.

„Sascha“, sagte Jessica, und diesmal war es nicht nur sein Name. Es war ein Versuch, ihn zu bremsen. Und vielleicht auch sich selbst.

Sascha nahm die Hand endlich weg, aber seine Augen blieben wie ein Griff. „Ich hole dich nicht ab“, sagte er. „Du kommst allein. Wenn du kommst, dann kommst du, weil du es willst.“

Jessica merkte, wie ihr Kopf protestierte. Das war unfair. Das war Druck. Und gleichzeitig war es eine Falle, weil ein Teil von ihr genau das hören wollte. Dass es ihre Entscheidung war, auch wenn sie wusste, dass es nicht wirklich ihre Entscheidung war.

„Ich weiß nicht…“, begann sie.

Sascha griff in seine Tasche, zog das Handy heraus, tippte etwas und hielt es ihr hin. Auf dem Display stand eine neue Nachricht, aber nicht von ihm an jemanden, sondern an ihn. Jessica konnte nur kurz lesen, bevor Sascha das Display wieder wegzog. Trotzdem reichte der Blick. Es war ein Satz, der wie ein Messer wirkte.

„Du gehörst nicht zu ihr.“

Jessica sah Sascha an. „Wer schreibt dir sowas?“

Saschas Gesicht war jetzt leer. Nicht ruhig. Leer. „Niemand“, sagte er, aber seine Stimme verriet ihn. Sie war zu kontrolliert.

Jessica spürte, wie die Haut an ihren Armen prickelte. „Das ist krank“, sagte sie.

Sascha trat einen Schritt zurück, und sein Blick wurde plötzlich weich, so unerwartet, dass Jessica fast den Atem verlor. „Willst du jetzt gehen?“, fragte er.

Es war eine einfache Frage, und doch war sie eine Prüfung. Jessica spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog. Sie wusste, dass sie gehen sollte. Sie wusste, dass diese Situation schon jetzt Grenzen überschritt. Und trotzdem blieb sie stehen.

„Ich…“, sagte sie.

Sascha nickte langsam, als hätte er ihre Unfähigkeit zu antworten bereits verstanden. Dann drehte er sich um und ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Seine Schritte waren schnell, fast hart, als würde er gegen etwas anrennen, das nur er sehen konnte.

Jessica blieb am Ufer des Rantzauer Sees stehen und starrte auf die Schlossinsel. Das Wasser wirkte dunkler, als hätte es die Worte verschluckt. In ihrem Kopf wiederholte sich der Satz von der Nachricht, immer wieder, wie ein Echo.

Du gehörst nicht zu ihr.

Jessica spürte, wie ihr Herz pochte, als würde es gegen einen unsichtbaren Käfig schlagen. Und in dem Moment, in dem sie endlich losgehen wollte, bemerkte sie am Rand des Weges eine Gestalt, die dort nicht gewesen war, als Sascha noch bei ihr stand. Eine Person, halb hinter einem Baum, zu still, zu aufmerksam. Jessica konnte das Gesicht nicht erkennen, aber sie spürte den Blick auf sich, so deutlich wie eine Hand auf der Haut.

Sie ging schneller, ohne sich umzudrehen. Und während sie sich entfernte, vibrierte ihr eigenes Handy in der Jackentasche, obwohl sie niemandem ihre Nummer gegeben hatte.

Als sie das Display sah, blieb ihr kurz die Luft weg.

Eine unbekannte Nummer.

Nur ein Satz.

„Bleib von Sascha weg.“

Kapitel 3 – Rantzau 9, Stimmen hinter Glas

Jessica trug die Warnung in sich wie eine kalte Münze in der Hosentasche. Schwer, klein, ständig spürbar. „Bleib von Sascha weg.“ Der Satz klebte an ihren Gedanken, als hätte ihn jemand mit nassen Fingern auf ihre Stirn gedrückt. Sie versuchte, ihn wegzuschieben, indem sie sich auf Alltägliches konzentrierte, auf Matheaufgaben, auf Stimmen im Flur, auf den Geruch von nasser Jacke im Klassenzimmer. Aber je mehr sie so tat, als sei alles normal, desto stärker wurde das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Nicht nur an Sascha. An der ganzen Situation. An dieser plötzlichen Nähe, die sich nicht anfühlte wie ein Zufall, sondern wie ein Ablauf, den jemand angestoßen hatte.

In der großen Pause stand sie am Rand des Schulhofs, ein Stück abseits. Sie knetete unbewusst den Saum ihres Ärmels zwischen Daumen und Zeigefinger, immer wieder, bis der Stoff sich warm und dünn anfühlte. Das war ein Tick, den sie nicht mochte, weil er verriet, wie angespannt sie war. Aber wenn sie ihn unterdrückte, wurde die Spannung im Körper nur schlimmer. Ihre Augen wanderten über die Gruppen von Mitschülern, über die, die lachten, die sich drängten, die in ihr Handy starrten. Jessica fühlte sich, als stünde sie hinter einer Scheibe. Sie sah alles, aber sie war nicht richtig Teil davon.

Als der Gong ertönte, vibrierte ihr Handy in der Jackentasche. Sie hatte es stumm gestellt, aber das vibrierende Summen reichte, um ihr Herz schneller schlagen zu lassen. Sie zog es heraus, schaute auf das Display und spürte sofort diesen kleinen Stromstoß, der durch den Bauch ging.

Unbekannte Nummer. Wieder.

Diesmal stand da nicht nur ein Satz. Diesmal stand da eine genaue Zeit und ein Ort.

„18:40. Schlossinsel. Rantzau 9.“

Jessica las es zweimal. Der Ort sagte ihr etwas, auch wenn sie ihn nicht ständig benannte. Rantzau 9 war auf der Schlossinsel, in der Nähe der historischen Gebäude. Sie kannte die Schlossinsel als Spazierort, als Platz, an dem man im Sommer Eis aß oder sich ans Wasser setzte. Aber die Art, wie diese Nachricht formuliert war, machte aus dem Ort etwas anderes. Kein Treffpunkt. Eine Vorladung.

Sie steckte das Handy wieder weg, als hätte es sie verbrannt. Ihr erster Impuls war, nicht hinzugehen. Ganz klar. Doch dann kam der zweite Impuls, der gefährlichere: Wenn sie nicht hinging, würde sie nie wissen, wer das war. Wenn sie hinging, konnte sie vielleicht Kontrolle zurückholen. Und Kontrolle war etwas, wonach sie sich sehnte, weil sie in ihrem Inneren oft das Gefühl hatte, dass alles nur passierte, ohne dass sie mitentscheiden durfte.

Der restliche Schultag fühlte sich an wie ein zäher Film, in dem sie zwar anwesend war, aber nicht wirklich mitspielte. Ihr Blick blieb an Dingen hängen, die nichts bedeuteten: ein Riss im Tisch, die Kreide an den Fingern der Lehrerin, ein Stück Papier, das unter einem Stuhl klemmte. Sie hörte Worte, aber sie drangen nicht richtig ein. Immer wieder sah sie stattdessen Saschas Gesicht vor sich. Sein Blick auf der Schlossinsel am See. Die Hand auf ihrer Brust. Der Satz: „Sag, dass du heute Abend kommst.“

Er hatte nicht gesagt, wohin genau, und doch hatte er die Kircheninsel erwähnt, die Heiligen-Geist-Kirche, die abends still war, wo man Dinge hören konnte. Das war wie eine Kulisse für einen Test. Für eine Grenze. Und jetzt war da Rantzau 9. Schlossinsel. Ein anderer Teil der gleichen Landschaft, aber mit einem härteren Klang.

Als Jessica am späten Nachmittag nach Hause kam, stand ihre Mutter in der Küche, die Bewegungen routiniert, die Augen müde. Es war nicht so, dass ihre Mutter böse war. Sie war nur oft nicht da, selbst wenn sie im gleichen Raum stand. Jessica sagte „Hallo“, bekam ein halb abwesendes „Mhm“ zurück und ging in ihr Zimmer. Sie setzte sich aufs Bett, starrte auf ihre Hände und spürte wieder dieses alte, vertraute Nichts. Die Depression, die bei ihr wie ein gedämpftes Licht war, machte alles gleich. Entscheidungen fühlten sich an wie Berge. Gleichzeitig war da etwas Neues, etwas, das gegen dieses Nichts ankämpfte: Nervosität. Angst. Auch Neugier. Und ein peinlicher, fast wütender Wunsch nach Saschas Nähe, obwohl sie wusste, dass Nähe bei ihm nicht einfach Nähe war.

Um halb sechs zog sie die Jacke an und ging los. Draußen war es kalt und klar. Der Himmel hatte diese frühe Dämmerung, in der alles blau wirkt, bevor es schwarz wird. Die Straßen waren stiller als tagsüber, und genau das machte sie lauter. Jeder Schritt klang deutlicher. Jedes Auto, das vorbeifuhr, schien kurz zu langsam zu werden, als würde es sie beobachten.

Jessica nahm nicht den direkten Weg. Sie ging ein paar Umwege, ohne genau zu wissen warum. Vielleicht, um zu prüfen, ob jemand ihr folgte. Vielleicht, um sich selbst zu beweisen, dass sie jederzeit umdrehen konnte. Als sie am Rand des Rantzauer Sees ankam, wirkte das Wasser dunkel, fast wie eine Fläche aus Glas. Die Schlossinsel lag wie ein Schatten darauf, mit den Umrissen der Gebäude, die im Winterlicht besonders streng wirkten.

Der Weg zur Insel war offen, kein Tor, keine Absperrung. Das machte es unheimlicher, weil es keine klare Grenze gab. Jessica ging hinüber, spürte den Wind, der von der Wasserfläche herüberkam, und merkte, wie ihre Finger kalt wurden. Sie steckte die Hände in die Jackentaschen und drückte die Nägel in die Handflächen, um sich zu spüren.

Rantzau 9 war nicht schwer zu finden. Als sie näher kam, sah sie das Gebäude, und es wirkte nicht wie ein romantischer Ort. Es hatte etwas Abweisendes. Etwas, das sagte: Hier hat man Menschen festgehalten. Hier hat man entschieden, wer rein darf und wer raus. Schlossgefängnis, dachte Jessica, und der Gedanke machte ihren Magen eng.

Schlossgefängnis

Sie blieb ein paar Schritte entfernt stehen. Sie hörte Stimmen. Zwei, vielleicht drei. Nicht laut. Eher gedämpft. Dann ging eine Tür auf, und warmes Licht fiel kurz nach draußen, ein harter Kontrast zur Kälte. Jessica blinzelte. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als sei sie an der falschen Stelle, als hätte jemand sie in ein Theaterstück gelockt, dessen Rollen sie nicht kannte.

Eine Gestalt trat heraus. Klein, schmal, mit einer Kapuzenjacke, die viel zu dünn aussah. Die Person blieb stehen, als würde sie nach Luft schnappen. Dann hob sie den Kopf, und Jessica erkannte ein Gesicht, das sie nicht erwartet hatte.

Natalie.

Natalie war jünger als Jessica, vielleicht zwei, drei Jahre. Sie kannte sie vom Sehen aus der Stadt, von Busfahrten, vom Edeka-Parkplatz, von einem kurzen Austausch vor Monaten. Natalie hatte dieses Aussehen, das bei manchen Menschen wie ein stilles „Bitte sei vorsichtig mit mir“ wirkt. Große Augen, die schnell wegschauten, wenn man sie zu lange ansah. Lippen, die sie oft zusammenpresste, als würde sie verhindern wollen, dass Worte herausrutschen. Heute wirkte sie noch blasser als sonst.

Jessica trat einen Schritt näher, zögernd. „Natalie?“

Natalie fuhr zusammen, als hätte Jessica sie angeschrien, obwohl sie leise gesprochen hatte. Dann erkannte Natalie sie, und ihr Gesicht entspannte sich minimal. Nicht richtig, nur ein winziges Stück. „Jessica“, sagte sie, und ihre Stimme war so dünn, dass sie fast im Wind verschwand.

„Was machst du hier?“, fragte Jessica, und sie merkte sofort, wie falsch die Frage war. Zu direkt. Zu neugierig. Zu nah.

Natalie sah kurz zurück zur Tür, die sich gerade wieder geschlossen hatte. In dem Moment trat ein Mann heraus. Mitte vierzig vielleicht. Breite Schultern, eine Jacke, die nach Arbeit aussah, nicht nach Freizeit. Sein Gesicht war nicht unfreundlich, aber es war angespannt, als wäre er ständig dabei, die richtige Entscheidung zu suchen und Angst zu haben, die falsche zu treffen.

„Natalie“, sagte der Mann. Seine Stimme war kontrolliert, bemüht ruhig. „Du bleibst hier nicht allein draußen.“

Natalie zuckte zusammen, und Jessica sah, wie sie unbewusst mit der Innenseite der Finger an ihrem Daumen rieb. Ein Nerventick. Als würde sie sich selbst beruhigen müssen.

„Ich bin nicht allein“, sagte Natalie schnell und deutete auf Jessica, als wäre Jessica jetzt ein Schutzschild.

Der Mann sah Jessica an. Sein Blick war prüfend, nicht misstrauisch, eher abwägend. Dann nickte er knapp. „Wer bist du?“

„Jessica“, sagte sie. Sie fühlte sich plötzlich wie in einer Befragung, obwohl sie nichts getan hatte.

„Andreas“, sagte der Mann. „Ich bin… Familie. Ehrenamtlich. Ich helfe mit, dass das hier läuft, ohne dass alles eskaliert.“

Jessica verstand erst nach einem Moment. Familie. Ehrenamtlicher Betreuer. Das musste der sein, von dem Natalie manchmal in der Stadt gesprochen hatte, als hätte sie einen Namen auf der Zunge, den sie nicht aussprechen wollte. Andreas war ein typischer Name, einer, der nach den neunziger Jahren klang, nach Leuten, die jetzt erwachsen waren, die selbst vielleicht schon kaputt waren, aber funktionierten.

„Natalie wohnt bei meinem Onkel“, sagte Andreas, als würde er Jessica damit auf Abstand halten wollen. „Bei Günther. Und wir versuchen, das… stabil zu halten.“

Natalie verzog das Gesicht bei dem Wort stabil, als wäre es eine Lüge, die man höflich aussprach.

„Warum seid ihr im Schlossgefängnis?“, fragte Jessica, und diesmal war es nicht nur Neugier. Es war dieses Gefühl, dass alles hier zusammenhing.

Andreas’ Mund wurde zu einer schmalen Linie. „Weil hier ein Raum ist, in dem man reden kann. Neutral. Und weil die Leute hier zuhören, wenn es offiziell wirkt.“

Natalie schnaubte leise, ein Geräusch, das fast wie Spott klang. „Offiziell heißt nur, dass sie dir glauben“, sagte sie, und der Satz hing wie ein kleiner Splitter in der Luft.

Jessica sah Natalie an. Natalie starrte nicht zurück. Natalie sah auf den Boden, als hätte sie Angst, dass ihr Blick zu viel verriet.

„Hat dir jemand geschrieben?“, fragte Natalie plötzlich, ohne Übergang. Sie sah Jessica jetzt doch an, und in ihren Augen lag etwas wie Panik. „So eine Nachricht?“

Jessica erstarrte. „Woher weißt du das?“

Natalies Finger rieben noch schneller an ihrem Daumen. „Weil ich auch welche kriege“, flüsterte sie. „Und weil sie jetzt… anders sind. Früher waren sie nur dumm. Jetzt sind sie… sie wissen Dinge.“

Andreas hob die Hand, als wolle er Natalie stoppen, aber Natalie machte einen Schritt zurück, als hätte sie Angst vor seiner Berührung. Das war ein Moment, der Jessica verstörte, weil er so viel über Natalie erzählte, ohne dass jemand es erklärte. Diese Abwehr. Diese winzige Fluchtbewegung. Als hätte Natalie gelernt, dass sogar gut gemeinte Nähe gefährlich sein kann.

„Natalie“, sagte Andreas leise, und diesmal klang er tatsächlich besorgt. „Nicht hier draußen.“

„Doch hier draußen“, fauchte Natalie, plötzlich laut genug, dass Jessica zusammenzuckte. Dann schien Natalie selbst zu merken, wie laut sie war, und sie wurde wieder kleiner, zog die Schultern hoch, als würde sie sich in die Jacke verstecken. „Ich will nicht wieder in so einen Raum, wo alle tun, als wäre ich das Problem.“

Jessica spürte, wie sich etwas in ihr verschob. Der Kontrast war da. Gerade noch war es Kälte und Stille gewesen, jetzt stand eine echte Krise vor ihr, roh und ungeschönt.

„Wer schreibt dir?“, fragte Jessica, diesmal an Natalie gerichtet. „Ist es… wegen Sascha?“

Natalie zuckte, als hätte Jessica ihr eine Nadel in die Haut gestochen. Ihr Blick huschte zur Seite, weg von Jessica, weg von Andreas, hinüber zu den dunklen Wegen der Schlossinsel. „Sag seinen Namen nicht so“, flüsterte Natalie. „Das zieht ihn an.“

Jessica wollte fragen, was das bedeuten sollte, doch in diesem Moment vibrierte ihr Handy erneut. Sie zog es heraus, und diesmal war es keine unbekannte Nummer. Es war Sascha.

Nur ein Satz.

„Du bist da. Ich sehe dich.“

Jessica’ Herz machte einen Sprung, als würde es gegen die Rippen schlagen. Sie sah sich um, ruckartig, suchte Schatten, suchte Bewegungen. Ihr Blick blieb an einem dunkleren Bereich hängen, dort, wo ein Baum den Weg teilweise verdeckte. Sie konnte niemanden klar erkennen. Und genau das machte es schlimmer.

Natalie sah Jessicas Gesicht und wusste sofort, was passiert war. „Er macht das“, sagte Natalie, und ihre Stimme war jetzt nicht mehr dünn, sondern bitter. „Er stellt dich hin, und dann guckt er, wie du zappelst.“

„Das stimmt nicht“, sagte Jessica automatisch, obwohl sie nicht wusste, ob es stimmte oder nicht. Sie spürte nur, wie ein Teil von ihr sich verteidigen wollte. Nicht Sascha verteidigen, sondern das Gefühl, das Sascha in ihr auslöste. Dieses Gefühl von Bedeutung.

Andreas trat näher, sah kurz auf Jessicas Handy, ohne es ihr aus der Hand zu nehmen. Sein Blick wurde hart. „Das ist nicht okay“, sagte er. Und in seinem Ton lag etwas, das Jessica kurz beruhigte, weil es klar war. Grenzen. Ein Erwachsener, der eine Grenze zieht. Doch Natalie lachte leise, kalt.

„Grenzen“, sagte Natalie. „Er geht durch Grenzen wie durch Papier.“

Jessica spürte, wie sich ihr Nacken anspannte. „Wo ist er?“, fragte sie, und sie erschrak über ihre eigene Stimme. Sie klang nicht ängstlich. Sie klang wütend. Und darunter lag etwas anderes, etwas, das sie nicht benennen wollte: Sehnsucht.

Natalie schüttelte den Kopf. „Wenn du ihn suchst, hat er gewonnen.“

Andreas atmete aus, als würde er sich zusammenreißen. „Jessica, hör zu“, sagte er, und jetzt klang er wie jemand, der schon zu viele Gespräche geführt hatte, die nichts verändert hatten. „Natalie ist in einer Situation, die… schwierig ist. Familienverhältnisse. Onkel Günther versucht sein Bestes, aber er ist kein Therapeut. Und ich bin auch keiner. Ich mache das ehrenamtlich, weil sonst keiner da ist. Verstehst du? Wir versuchen nur, dass Natalie nicht untergeht.“

Natalie verzog wieder das Gesicht. „Ich gehe nicht unter“, sagte sie, aber ihre Hände zitterten leicht.

„Doch“, sagte Andreas, und das Wort war so leise, dass es mehr wehtat als Schreien. „Wenn du niemanden reinlässt, gehst du unter. Und wenn du die Falschen reinlässt, erst recht.“

Jessica wusste nicht, ob er gerade Natalie meinte oder sie.

In der Ferne hörte man Schritte auf Kies. Nicht viele. Eine Person. Langsam. Absichtlich. Jessica spürte, wie ihr Körper sofort reagierte. Ihre Schultern spannten sich, ihr Atem wurde flach.

Aus dem Halbdunkel trat Sascha hervor, als wäre er schon die ganze Zeit da gewesen. Seine Jacke war offen, obwohl es kalt war. Er wirkte nicht, als würde ihn die Kälte beeindrucken. Sein Blick ging zuerst zu Jessica. Er ignorierte Andreas. Als wäre Andreas Luft. Das war eine Machtdemonstration ohne Worte.

Jessica spürte, wie ihr Herz schneller schlug, und gleichzeitig wurde ihr Körper warm, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Dieser Kontrast machte sie wütend auf sich selbst. Sie hasste, dass er so eine Wirkung hatte.

Sascha blieb stehen, ein paar Meter entfernt. Seine rechte Hand war locker, aber der Fuß tippte leicht auf den Boden, dieses unruhige Klopfen, das Jessica bereits kannte. Es wirkte wie ein Zeichen von Nervosität, aber auch wie ein Countdown.

„Komm“, sagte Sascha zu Jessica. Nur dieses Wort. Kein Bitte. Kein Hallo.

Andreas machte einen Schritt vor, stellte sich nicht direkt zwischen sie, aber nah genug, dass Sascha es bemerkte. „Wer bist du?“, fragte Andreas, und sein Ton war ruhig, aber fest.

Sascha lächelte, als hätte Andreas gerade einen schlechten Witz gemacht. Dann sah er doch kurz zu ihm, langsam, von oben nach unten, als würde er Andreas bewerten. „Nicht dein Problem“, sagte Sascha.

Natalie stieß ein leises Geräusch aus, irgendwo zwischen Angst und Abscheu. Jessica sah sie kurz an, und Natalie schüttelte kaum merklich den Kopf. Ein winziger, verzweifelter Hinweis: Gehen Sie nicht.

Jessica’ Kopf schrie dieselbe Warnung. Aber Sascha stand da, und in seinem Blick lag etwas, das sie gleichzeitig verachtete und brauchte. Als wäre sie für ihn interessant, aber nur, solange sie nach seinen Regeln spielte.

„Du hast mir geschrieben“, sagte Jessica, und sie merkte, wie ihre Stimme zitterte. „Du sagst, du siehst mich. Du schickst mir Orte. Was soll das?“

Sascha machte einen Schritt näher, und die Luft wurde sofort dichter. „Weil ich nicht rate, wo du bist“, sagte er leise. „Ich weiß es.“

„Das ist krank“, sagte Jessica, und sie hörte sich selbst sprechen, als würde sie jemand anderem zuhören.

Sascha’ Blick blieb ruhig. Zu ruhig. „Sag das nicht“, sagte er. „Nicht dieses Wort.“

Andreas legte eine Hand auf Jessicas Arm, leicht, nicht fest. Eine vorsichtige Geste. Und genau in diesem Moment veränderte sich Saschas Gesicht. Nur ein Sekundenbruchteil, aber Jessica sah es. Etwas Dunkles, Besitzendes, als hätte Andreas etwas genommen, das ihm gehörte.

„Fass sie nicht an“, sagte Sascha. Seine Stimme war immer noch leise, aber sie schnitt.

Andreas zog die Hand nicht ruckartig weg, aber er ließ sie sinken. Er sah Sascha direkt an. „Sie entscheidet selbst“, sagte Andreas.

Sascha lachte kurz. „Nein“, sagte er. „Sie denkt, sie entscheidet selbst. Das ist was anderes.“

Jessica’ Magen krampfte sich zusammen. Der Satz traf sie, weil er zu nah an etwas war, das sie selbst spürte, aber nicht zugeben wollte.

Natalie flüsterte: „Siehst du?“

Sascha hörte es trotzdem. Sein Blick ging zu Natalie, und Jessica spürte, wie Natalie neben ihr noch kleiner wurde. „Du redest zu viel“, sagte Sascha zu Natalie, und jetzt war seine Stimme nicht mehr ruhig. Jetzt war da Härte.

Andreas trat wieder vor. „Lass Natalie in Ruhe“, sagte er, und zum ersten Mal klang er wirklich wütend.

Sascha’ Mundwinkel zuckte. „Ach“, sagte er, „du bist der Betreuer.“

Das Wort Betreuer sprach er aus, als wäre es etwas Lächerliches. Als wäre Fürsorge nur ein anderes Wort für Schwäche.

Jessica spürte, dass sie jetzt etwas tun musste. Dass sie, wenn sie jetzt nichts sagte, in diese Dynamik hineingezogen wurde, wie in einen Strudel.

„Sascha“, sagte sie, und sie versuchte, ruhig zu bleiben. „Wenn du willst, dass ich komme, dann hör auf, so zu sein.“

Sascha’ Blick traf sie wie ein Griff. „So zu sein?“, wiederholte er. „Du meinst ehrlich?“

„Nein“, sagte Jessica. „Ich meine… manipulativ.“

Ein kurzer Moment Stille. Der Wind über dem See, das knirschende Geräusch eines Astes, der sich bewegte. Sascha stand da und sah sie an, als würde er entscheiden, ob er sie belohnt oder bestraft.

Dann trat er ganz nah an Jessica heran, so nah, dass Andreas instinktiv wieder die Hand hob, als wollte er eingreifen. Sascha ignorierte Andreas. Er beugte sich zu Jessica, und seine Stimme wurde so leise, dass nur sie sie hören konnte.

„Du bist schon hier“, flüsterte er. „Du bist schon gekommen. Also tu nicht so, als wärst du besser als ich.“

Jessica spürte Wärme in ihrem Gesicht, Scham, Wut, und darunter diese gefährliche, dunkle Erregung, die nichts mit Liebe zu tun hatte, sondern mit Macht. Sascha legte zwei Finger an ihr Kinn und drehte ihren Kopf leicht, als würde er prüfen, ob sie ihm folgt. Es war keine grobe Bewegung. Gerade das machte sie so schlimm. Diese Selbstverständlichkeit.

Jessica schlug seine Hand weg. Ein kurzer, klarer Schlag. Nicht stark genug, um ihn zu verletzen, aber stark genug, um eine Grenze zu ziehen.

Sascha’ Augen wurden einen Moment lang groß. Dann lächelte er. Und dieses Lächeln war das Verstörendste an allem, weil es zeigte, dass ihn ihr Widerstand nicht abschreckte. Im Gegenteil. Es gefiel ihm.

„Da ist sie ja“, sagte er leise. „Die echte Jessica.“

Natalie atmete scharf ein, als hätte Sascha gerade etwas ausgesprochen, das man nicht aussprechen darf.

Andreas trat jetzt entschieden zwischen Sascha und Jessica. „Genug“, sagte er. „Geh.“

Sascha sah Andreas an, lange. Dann tat er etwas, das Jessica nicht erwartet hatte: Er ging tatsächlich einen Schritt zurück. Aber nicht, weil er sich beugte. Sondern weil er es sich leisten konnte, zurückzugehen. Weil er wusste, dass er etwas in Jessica hinterlassen hatte.

„Komm später“, sagte Sascha zu Jessica, und seine Stimme war wieder weich, fast verführerisch. „Kircheninsel. Du weißt ja, wo.“

Jessica wollte sagen, dass sie nicht kommt. Sie wollte es laut sagen, damit es wahr wird. Doch in dem Moment vibrierte Natalies Handy, und Natalie starrte auf das Display, als wäre dort eine Schlange.

Natalie zeigte es niemandem, aber Jessica sah ihr Gesicht, dieses Wegkippen der Farbe, diese plötzlich feuchten Augen, die sie sofort wegblinzelte. Natalie flüsterte: „Er hat’s schon wieder gemacht.“

Andreas griff nach Natalies Handy, nicht brutal, aber bestimmt, und Natalie ließ es zu, als hätte sie keine Kraft mehr. Andreas las, und sein Gesicht verhärtete sich.

„Was steht da?“, fragte Jessica.

Andreas sah Jessica an. Seine Augen waren ernst, schwer. Dann sagte er langsam: „Da steht, dass Natalie heute Nacht nicht nach Hause gehen soll. Weil Günther sonst ‘einen Unfall’ haben könnte.“

Jessica spürte, wie ihr Magen sich drehte. Das war keine dumme Nachricht. Das war eine Drohung. Eine, die in die Familie schnitt, in den einzigen Ort, den Natalie gerade noch hatte.

Natalie begann zu zittern, und diesmal versuchte sie nicht einmal mehr, es zu verbergen. Sie presste die Lippen so fest zusammen, dass sie weiß wurden, und trotzdem rutschte ein Laut aus ihr heraus, ein kleiner, gebrochener Ton, der mehr sagte als jedes Wort.

Jessica drehte sich ruckartig um, suchte Sascha. Aber er war schon weg. Keine Schritte mehr, keine Silhouette. Nur der dunkle Weg, die Bäume, das Wasser.

Und in Jessica’ Jackentasche vibrierte ihr Handy ein letztes Mal, als hätte jemand genau auf diesen Moment gewartet.

Sascha.

„Wenn du mich verrätst, wird es nicht nur dunkel in deinem Kopf.“

Jessica starrte auf den Satz, und zum ersten Mal war da nicht nur Angst, nicht nur Anziehung, nicht nur Verwirrung. Zum ersten Mal war da eine klare, kalte Erkenntnis: Das hier war nicht mehr nur eine Geschichte über zwei depressive Teenager, die sich ineinander flüchten. Das hier war eine Geschichte über Kontrolle. Über Besitz. Und über jemanden, der bereit war, die Schwächsten als Druckmittel zu benutzen.

Jessica hob den Kopf, sah Natalie, sah Andreas, sah die Schlossinsel im Dunkel liegen, und sie wusste: Wenn sie jetzt nichts tat, würde sie Teil von etwas werden, das sie nicht mehr stoppen konnte.

Kapitel 4 – Kircheninsel, Atem im Dunkeln

Der Weg von der Schlossinsel zurück wirkte länger, als er sein konnte. Jessica ging nicht schnell, obwohl ihr Körper es wollte. Ein Teil von ihr wollte rennen, weg von dem Satz auf ihrem Display, weg von Saschas Blick, weg von der Drohung, die plötzlich nicht mehr nur in der Luft hing, sondern einen Namen hatte, einen Menschen, eine Familie. Ein anderer Teil von ihr wollte stehen bleiben und sich umdrehen, weil sie es nicht ertrug, dass Sascha einfach verschwunden war, als hätte er nie dort gestanden. Dieses Verschwinden war fast schlimmer als seine Nähe. Nähe konnte man greifen. Verschwinden ließ einen zurück mit Fragen, die wie kleine Tiere im Kopf herumrannten.

Natalie lief neben ihr, nicht ganz auf gleicher Höhe, eher ein Stück hinter ihr, so wie jemand geht, der ständig bereit ist, sich zu ducken. Andreas ging auf der anderen Seite, breiter, schneller, wie ein Schutzschirm, der weiß, dass er eigentlich zu dünn ist. Jessica merkte, wie Andreas immer wieder den Kopf drehte, als würde er prüfen, ob jemand hinter ihnen war. Das war kein dramatisches Umsehen. Es war dieses kontrollierte, unauffällige Scannen, das Menschen machen, die gelernt haben, dass Gefahr nicht immer laut kommt.

Natalie sagte kaum etwas. Aber ihr Körper sprach. Ihre Hände waren in den Ärmeln versteckt, die Schultern hochgezogen, und sie machte dieses kleine Reiben am Daumen, das Jessica inzwischen kannte. Immer wieder, schneller, dann wieder langsamer, als würde der Rhythmus ihr helfen, nicht auseinanderzufallen. Wenn Natalie kurz Luft holte, klang es, als hätte sie Angst, zu laut zu atmen.

„Wir bringen dich jetzt nach Hause“, sagte Andreas nach einer Weile, und seine Stimme war ruhig, aber nicht weich. Eher so, als hätte er entschieden, dass Ruhe jetzt eine Art Waffe sein musste.

Natalie lachte kurz, ohne Freude. „Nach Hause“, wiederholte sie, als wäre das Wort ein schlechter Witz.

Andreas sah sie an, und Jessica spürte, dass er sich zusammenriss. „Zu Günther“, sagte er stattdessen. „Wir gehen zu Günther. Und dann schauen wir weiter.“

Natalie biss sich auf die Innenseite der Wange, so stark, dass sich die Muskeln in ihrem Gesicht bewegten. „Er wird ausrasten“, murmelte sie.

„Günther wird gar nichts ausrasten“, sagte Andreas schnell, vielleicht zu schnell. Und Jessica merkte, dass er es nicht nur zu Natalie sagte. Er sagte es auch zu sich selbst.

Jessica hörte die Worte, aber ihr Kopf hing immer noch an dem letzten Satz von Sascha. Wenn du mich verrätst, wird es nicht nur dunkel in deinem Kopf. Er war nicht explizit. Er war nicht eindeutig. Gerade das machte ihn so wirkungsvoll. Sascha hatte verstanden, wie man mit Andeutungen Macht erzeugte. Wie man Menschen dazu brachte, ihre eigenen schlimmsten Vorstellungen zu füllen. Jessica spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, weil sie wusste, dass ihr eigener Kopf darin sehr gut war.

Sie gingen durch Straßen, die Jessica kannte, und die plötzlich anders wirkten. Barmstedt war klein. Das machte alles enger. Der Markt, die Wege am Rantzauer See, die Brücken, die Abzweigungen, die man seit Jahren nahm, ohne darüber nachzudenken. Jetzt fühlte es sich an, als könnte hinter jeder Ecke jemand stehen, nicht unbedingt Sascha, vielleicht auch jemand, der zu ihm gehörte, oder jemand, der sich von ihm angesprochen fühlte. Jessica dachte an die Gestalt hinter dem Baum, die sie am Ufer gesehen hatte. Vielleicht war es Einbildung gewesen. Vielleicht auch nicht. Das Schlimme war: Beides fühlte sich gleich real an.

Als sie in die Nähe von Günthers Straße kamen, verlangsamte Natalie. Nicht bewusst, nicht sichtbar als Entscheidung, eher so, als würde ihr Körper sich weigern, näher zu gehen. Andreas bemerkte es und blieb ebenfalls stehen. Er drehte sich zu Jessica.

„Du musst nicht mit“, sagte er.

Jessica war überrascht von der Direktheit. „Ich kann… ich kann helfen“, sagte sie, und sie hörte selbst, wie unsicher es klang.

Andreas musterte sie kurz. Seine Augen waren müde. „Man hilft nicht, indem man sich mit reinziehen lässt“, sagte er leise. Dann sah er zu Natalie. „Natalie braucht Stabilität, nicht Zuschauer.“

Natalie hob den Kopf, und ihr Blick war plötzlich scharf. „Ich brauche niemanden“, sagte sie, und der Satz war so klar, dass er fast wie eine Drohung klang. Dann brach ihre Stimme beim letzten Wort minimal ab, und Jessica sah, wie Natalie sich dafür hasste.

Jessica wollte etwas sagen, irgendwas, das nicht dumm klang. Aber sie merkte, dass jede tröstende Floskel hier falsch wäre. Also nickte sie nur, ein kleines Zeichen, dass sie verstanden hatte, ohne zu tun, als hätte sie eine Lösung.

„Okay“, sagte Jessica. „Aber wenn irgendwas ist…“

Andreas hob die Hand, als würde er sie stoppen. Nicht unfreundlich. Nur bestimmt. „Wenn irgendwas ist, dann rufe ich Hilfe“, sagte er. „Echte Hilfe.“

Jessica schluckte. Echte Hilfe. Das Wort traf sie, weil es implizierte, dass sie keine echte Hilfe war. Und das stimmte. Sie war selbst ein Mensch, der gerade so funktionierte. Sie war nicht stabil. Sie war nur da. Und vielleicht war genau das der Grund, warum Sascha sie so schnell an sich gezogen hatte. Er roch Instabilität wie andere Menschen Parfum.

Natalie ging weiter, Andreas an ihrer Seite. Jessica blieb stehen und sah ihnen nach, bis sie um die nächste Ecke verschwanden. Dann atmete sie aus, und erst da merkte sie, wie sehr sie die Luft angehalten hatte.

Ihr Handy vibrierte.

Jessica zuckte so stark zusammen, dass ihre Finger fast das Gerät fallen ließen. Sie zog es heraus. Sascha.

„Kircheninsel. 20:30.“

Nur das. Keine Erklärung. Kein Smiley. Kein Bitte. Eine Uhrzeit als Leine.

Jessica starrte auf das Display. Ein Teil von ihr wollte das Handy ausschalten, wegwerfen, als hätte sie damit die Kontrolle zurück. Aber Kontrolle war bei Depression oft eine Illusion. Ihr Kopf war müde, ihr Körper müde, und trotzdem brannte in ihr etwas, das nicht müde war: dieser Wunsch nach Intensität. Nach einem Moment, der so stark war, dass er das Grau durchbrach. Sascha war ein Kontrast. Sascha war Sturm. Jessica war Watte. Und etwas in ihr verwechselte Sturm mit Leben.