Wenn der Schmetterling landet - Gisi von Sima - E-Book

Wenn der Schmetterling landet E-Book

Gisi von Sima

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Beschreibung

Nita fühlte sich wie im Traum. Wie war sie denn bloß an dieses viele Geld gekommen? Und die Gesellschaft, in der sie sich plötzlich bewegte. War sie besser? Da war sie sich nicht unbedingt sicher. Irgendwie schien es überall das Gleiche zu sein und Beziehungen waren definitiv nicht einfacher, nur weil man Geld hatte. Nita war eine Meisterin darin, das Gute im Menschen zu sehen und das Beste aus allem zu machen. Aber was wenn die Gefühle auch ständig mitreden wollten und das Beste plötzlich nicht mehr das Beste war.

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Seitenzahl: 421

Veröffentlichungsjahr: 2026

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"Lotteliese ist gestorben."

"Wer?" Torsten sah kurz von seinem Tablet auf, war aber im nächsten Moment schon wieder in seinen Börsenbericht vertieft. ‚Na immerhin‘, dachte Nita, der Tod eines Menschen war also immerhin ein kurzes Aufhorchen wert. Auch wenn ihr Freund offensichtlich überhaupt nichts mit dem Namen Lotteliese anfangen konnte.

Lotteliese, hm, wie viele Lotteliesen begegneten einem denn wohl im Leben? ‚Nicht sehr viele', gab Nita sich selbst die Antwort. Wie kann man das denn vergessen? Wie kann man vergessen, dass seine Lebensgefährtin seit Monaten in regelmäßigen Abständen eine gewisse Lotteliese erwähnt? Auch wenn man sie nicht kennt und noch nie gesehen hat. Der Name müsste doch zumindest irgendwie in Zusammenhang gebracht werden können. Völlig unverständlich für jemanden wie Nita, die sogar wußte wer Punxsutawney Phil oder Professor Habakuk Tibatong waren. Sie konnte dafür absolut kein Verständnis aufbringen. Die einzige Erklärung, die ihr für derartige Ignoranz einfiel war, dass Torsten ihr entweder nicht zuhörte, wenn sie ihm etwas erzählte, oder dass es ihm schlichtweg piepegal war, was in ihrem Leben passierte.

‚Ja genau! Es war ihm piepegal‘, schloss sie.

Sie auf der anderen Seite mußte sich jeden Tag in aller Ausführlichkeit anhören, welch tolle Geschäfte ihr Liebster abgeschlossen hatte, wie genau er die Bewegungen des DAX vorhergesehen hatte und auf welch geniale Weise er seinem Kontrahenten noch die vierte Stelle hinter dem Komma abgeluchst hatte.

Toll! Einfach toll!

Nita wurde einmal mehr klar, dass sie ihre Lebensumstände und vor allem ihre Partnerschaft mit diesem Mann dringend überdenken sollte. Gutes Aussehen war halt doch nicht alles und kam zu oft mit Arroganz und Selbstüberschätzung daher.

Das war nicht das erste Mal, dass Nita diese Gedanken hatte, aber wie fast immer wischte sie sie vorerst mal beiseite und tat so, als ob alles in bester Ordnung wäre. Sie schluckte zweimal und erklärte in unglaublich normalem, ruhigem Ton: „Lotteliese. Die alte Dame, die ich ab und zu besucht habe."

"Ah ja!", Torsten stand auf und drückte Nita einen Kuss auf die Wange. "Ich muß los. Sag' Grüße."

Und weg war er. Nita starrte ihm hinterher.

Sag' Grüße? Ernsthaft?

Ach, was soll's, sie wollte darüber jetzt nicht nachdenken, da waren andere Dinge, die ihre Aufmerksamkeit erforderten.

Sie hatte einen Anruf bekommen von einem Herrn Dr. Hebestreit. Anwalt sei er, hatte er gesagt und gefragt, ob sie Lotteliese Ullrich kenne. Als sie die Frage bejaht hatte, wollte er genau wissen, woher sie sie kannte, wie gut sie sie kannte, usw. Es war ihr komisch vorgekommen, nicht zuletzt weil sie in den letzten Tagen schon mehrfach versucht hatte Lotteliese zu erreichen, aber nie jemand ans Telefon gegangen war. Sie hatte sich vorgenommen gehabt, baldmöglichst einmal vorbeizuschauen, aber hatte es leider bisher nicht geschafft. Nach langem Hin und Her hatte er ihr schließlich eröffnet, dass Lotteliese gestorben war und sie gebeten zu ihm in die Kanzlei zu kommen. Glücklicherweise war sie momentan recht flexibel was ihre Arbeitszeiten betraf und so hatten sie sich gleich für heute Vormittag 10 Uhr verabredet.

Nita war traurig, sie hatte Lotteliese wirklich gemocht, aber wenn sie ganz ehrlich war, dann hatte es sich vielleicht doch in letzter Zeit angekündigt. Die alte Dame war ihr sehr müde vorgekommen und die Augen hatten nicht mehr so gefunkelt wie früher.

Sie räumte das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine und ging dann ins Bad.

Eine Stunde später machte sie sich auf den Weg in die Innenstadt, wo Dr. Hebestreit sein Büro hatte.

Die Kanzlei war ziemlich groß und machte einen modernen, professionellen Eindruck. Am Empfang saß eine gestylte Blondine, auf die Nita jetzt zuging.

"Guten Morgen. Nita Karmann, ich habe einen Termin bei Herrn Dr. Hebestreit."

Die Blondine scannte Nita von oben bis unten ab und antwortete in eingeübt freundlichem Tonfall: "Guten Morgen Frau Karmann, bitte nehmen Sie einen Moment Platz. Herr Dr. Hebestreit wird sofort für Sie da sein."

Sie zeigte auf eine bequeme Sitzgruppe und nahm den Telefonhörer zur Hand.

Nita hatte sich kaum niedergelassen, da kam auch schon die nächste Blondine gelaufen.

"Frau Karmann, wollen Sie mir bitte folgen, Herr Dr. Hebestreit erwartet Sie."

Nita war froh, dass sie sich heute morgen für das Business Outfit entschieden hatte. In Jeans und Sweater wäre sie sich hier hoffnungslos underdressed vorgekommen. Auch der Anwalt war nicht unbedingt das, was Nita sich vorgestellt hatte.

Naja, was hatte sie sich denn vorgestellt?

Irgendwie war ihr Gehirn bei dem Telefongespräch mit einem alten, verstaubten, holzgetäfelten Büro und einem älteren Herrn in langweiligem Grau dahergekommen. Genauso wie das Büro, war auch Dr. Hebestreit weder verstaubt noch langweilig und schon gar nicht alt. Er war schätzungsweise nicht viel älter als Nita, trug einen stylischen, schmalgeschnittenen Anzug und machte mit seinem gesamten Auftritt schon einmal klar, dass er genau wußte was er wollte und nichts dem Zufall überließ. Mit relativ kühler Miene begrüßte er Nita und zeigte auf einen der Cocktailsessel, die seitlich von seinem Schreibtisch in einer Dreiergruppe um ein kleines Nierentischchen angeordnet waren.

Schon bei den ersten Worten, die der Anwalt an sie richtete, konnte Nita eine gewisse misstrauische, leicht feindselige Haltung in ihm erkennen, die sie auch schon bei ihrem Telefonat gespürt hatte und die sie auch jetzt wieder irgendwie automatisch in eine vorsichtige Defensive gleiten ließ.

"Vielen Dank, dass Sie es so kurzfristig einräumen konnten," eröffnete er das Gespräch, "ich gehe davon aus, dass Sie den Grund für ihr Hiersein kennen."

Nita fühlte sich unwohl. Sie hatte alle Mühe nicht nervös auf ihrem Sitz hin und her zu rutschen. Was wollte dieser Typ denn überhaupt von ihr? Sie hatte keine Ahnung womit sie sich seinen Unmut zugezogen hatte.

Sie war keiner dieser überzogen harmoniebedürftigen Menschen, die alles dafür taten, keine schlechten Schwingungen aufkommen zu lassen. Wenn es sein musste, konnte sie ganz gut mit schlechten Schwingungen umgehen, aber die Voraussetzung dafür war, dass sie zumindest wusste, warum der Andere sie auf dem Kieker hatte. Die Tatsache, dass dies hier nicht der Fall war, ließ die vorsichtige Defensive in Nita ihren Platz allmählich mit einem aufmüpfigen Fragezeichen tauschen.

"Nein, Herr Dr. Hebestreit, das weiß ich nicht“, sagte sie deshalb leicht schnippisch, „Es wäre nett, wenn Sie mich diesbezüglich aufklären könnten."

Sie erntete einen abschätzenden Blick und ein kurzes Zögern bevor sich der Anwalt auf seine Professionalität besann und antwortete:" Meine Klientin, Lotteliese Ullrich, hat Sie in ihrem Testament bedacht."

Nita wartete auf weitere Information. Als diese nicht kam, erwiderte sie: „Ok. Was heißt das?"

Sie war etwas genervt von der Einsilbigkeit des Anwalts, versuchte dies aber, so gut es ging, für sich zu behalten. Mit ruhiger Miene saß sie da und wartete auf eine Antwort.

„Es gibt noch zwei weitere Erben," sagte Dr. Hebestreit schließlich, „Die Testamentsverkündung ist für heute Morgen 10:30 Uhr angesetzt worden. Ich weiß, das ist etwas kurzfristig, aber wir konnten Sie leider nicht früher ausfindig machen. Wenn Sie keine Einwände haben, würde ich den Termin gerne beibehalten."

Nita nickte und zuckte gleichzeitig mit den Schultern.

"Ja klar, warum nicht?"

Sie konnte keinen Grund sehen, warum das ein Problem sein sollte. Im Gegenteil, so mußte sie schließlich nicht noch einmal herkommen.

"Gut", fuhr Dr. Hebestreit fort, "ich würde gerne die verbleibende Zeit nutzen, noch ein paar Fragen zu klären. Sie haben mir am Telefon gesagt, Sie hätten Frau Ullrich auf einer Urlaubsreise kennengelernt. Wie kam es dazu, dass Sie danach in Kontakt blieben? Sie müssen zugeben, dass das einigermaßen außergewöhnlich ist, bei Ihrem Altersunterschied."

Nita sah den Anwalt verblüfft an. Was sollte das denn? Warum wollte er das so genau wissen?

Sie konnte sich auf all das keinen Reim machen, also würde sie ihn wohl fragen müssen.

"Ich verstehe nicht, warum das so wichtig ist. Warum fragen Sie das alles?"

"Naja", erwiderte Hebestreit und warf ihr einen strengen Blick zu, "wir reden hier von einer erklecklichen Summe. Da sehe ich es als meine Pflicht, als Anwalt der Familie, die Zusammenhänge zu erfragen."

Nita horchte auf. Eine erkleckliche Summe?

So langsam dämmerte ihr, dass dieses ganze Misstrauen womöglich mit der Tatsache zu tun haben könnte, dass sie hier in einem Testament genannt war, ohne zur Familie zu gehören, oder sonst irgendeinen sichtbaren Anspruch zu haben. Wenn es hier um 'erkleckliche Summen', was immer das auch heißen mochte, ging, hatte womöglich jemand etwas dagegen, ihr etwas davon abzugeben.

Nita dachte kurz nach. Sie wollte keinen Ärger.

Lotteliese hatte es wahrscheinlich gut gemeint, aber wenn sich das hier als Problem herausstellen sollte, würde sie einfach ablehnen und sich aus dem Staub machen.

Sie entschloss, sich auf jeden Fall erst einmal anzuhören, was Lotteliese ihr hinterlassen hatte und dann zu entscheiden. Inzwischen sah sie keinen Grund dem Anwalt ihre Geschichte zu verschweigen.

"So außergewöhnlich war das eigentlich gar nicht", begann sie, "Wir hatten beide eine Gruppenreise mit halbem Doppelzimmer gebucht und der Zufall hat uns zwei Wochen lang diverse Hotelzimmer teilen lassen. Wir haben uns trotz Altersunterschied super verstanden. Ich war leise, wenn ich erst spät nachts aufs Zimmer kam und sie war rücksichtsvoll wenn sie morgens früher aufstand als ich. Danach haben wir uns gegenseitig Ansichtskarten von weiteren Reisen geschickt und sind so in Kontakt geblieben.

Wir haben uns jahrelang nicht gesehen, bis sie mir eines Tages schrieb, dass sie nicht mehr reisen könne, weil es ihre Gesundheit nicht mehr zuließe. Ich habe sie daraufhin besucht und da es wohl sonst nicht viele Besucher gab, bin ich schließlich regelmäßig zweimal im Monat hingefahren und habe ihr etwas Gesellschaft geleistet. Meistens hat sie mich gebeten, ihr etwas vorzulesen, da ihre Augen nicht mehr gut waren und sie das zu sehr anstrengte."

Dr. Hebestreit war Nitas Ausführungen aufmerksam gefolgt und hatte sie während der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen. Nita konnte nicht sagen, ob sie sich das nur einbildete, aber sie hatte den Eindruck, dass seine Gesichtszüge etwas weicher geworden waren.

Gerade als er zu einer Antwort ansetzen wollte, kam seine Assistentin ins Zimmer und kündigte an, dass die beiden weiteren Parteien für die Testamentseröffnung eingetroffen seien. Er nickte Nita noch einmal kurz zu und erhob sich dann, um einige Unterlagen von seinem Schreibtisch zu holen.

Die Assistentin bat Nita ihr zum Konferenzraum zu folgen.

In dem Raum, der eine volle Fensterfront mit Blick auf die Taunusanlage hatte, saßen zwei Leute als Nita mit der Assistentin den Raum betrat. Ein Mann in dunkelblauem Businessanzug ungefähr in Nitas Alter, Anfang dreißig mit blonden kurz geschnittenen Haaren und einem Bart. Seine Versuche geschäftsmäßig, souverän und eher gelangweilt zu wirken wurden von seinen Händen untergraben, die sich nervös mit den Lehnen seines Stuhles beschäftigten. Nita hatte den Mann noch nie gesehen, vermutete aber, dass es sich um Lottelieses Neffen, den diese ab und zu erwähnt hatte, handelte. Die andere Person im Raum war Agnieza, Lottelieses Haushälterin. Als sie Nita sah, sprang sie auf und kam mit einem lauten Schluchzer auf sie zugerannt.

"Frau Nita! Frau Nita! Einfach gestorben. Ich darf nicht mehr in die Haus, um Sie anzurufen. Keiner weiß, niemand hört."

Nita umarmte die aufgeregte Frau. Wenn sie richtig verstand, hatte man sie wohl nach Lottelieses Tod nicht mehr ins Haus gelassen und deshalb hatte sie Nita nicht informieren können.

Meine Güte, da war aber jemand panisch paranoid. Was dachten sie denn? Dass die polnische Aushilfe das wertvolle Tafelsilber einpackt und bei Nacht und Nebel über die Grenze verschwindet?

"Agnieza", sagte sie, "wie gut Sie zu sehen. Es ist so traurig."

"Ja", presste die Polin unter Tränen hervor, "habe gefunden in Sessel am Morgen."

Dr. Hebestreit betrat den Raum und begrüßte den Neffen, dann kam er zu den beiden Frauen herüber und schüttelte Agnieza die Hand.

"Wollen wir anfangen?", fragte er geschäftsmäßig und ignorierte dabei bewußt Agniezas Tränen.

"Wir gehen mal einen Kaffee trinken, ja? Da können wir reden", flüsterte Nita der Polin noch zu, bevor sie alle Platz nahmen.

Der Anwalt räusperte sich kurz und dankte noch einmal allen Anwesenden für ihr Kommen, dann ging er ohne Umschweife zur Testamentseröffnung über.

Zuerst wurde Agnieza für ihre langjährige Treue gewürdigt. Lotteliese hatte bestimmt, dass ihr wahlweise entweder ihr Lohn lebenslang ausgezahlt, oder sie einmalig eine Summe von 500.000 Euro erhalten sollte. Die Polin war sehr gerührt und freute sich riesig über diese Anerkennung ihrer Dienste.

Als nächstes wurde der Familienwohnsitz, also die Villa im Holzhausenviertel, in der Lotteliese bis zum Schluß gewohnt hatte, mit Grundstück, Nebengebäuden und sämtlichem Inventar dem Neffen, der wie Nita jetzt erfuhr Antonio Lichtenberg hieß und tatsächlich wohl ihr Großneffe war, übereignet.

Für Nita hörte sich das alles unverdächtig und normal an, aber der Neffe schien nicht zufrieden zu sein und machte ein mürrisches Gesicht. Der nächste Satz, den Dr. Hebestreit nun verlas brachte allerdings die Bombe erst zum Platzen.

„Alle weiteren Besitztümer und Vermögenswerte vermache ich Frau Nita Karmann.“

Antonio Lichtenberg sprang auf.

„Was soll dieser Blödsinn? Das kann doch gar nicht sein!“,

rief er aufgebracht und ging auf Nita los.

„Denken Sie bloß nicht, dass Sie damit durchkommen! Widerlich, die Unzurechnungsfähigkeit alter Menschen so auszunutzen!“, brüllte er und hätte der Anwalt nicht geistesgegenwärtig eingegriffen, wäre der Neffe wohl noch handgreiflich geworden.

„Reißen Sie sich zusammen, Mann!“, rief er und griff nach der Hand, die gerade in Richtung Nita ausfahren wollte, „Das ist ein notariell beurkundetes, rechtsgültiges Testament. Sie können es anfechten, wenn Sie wollen.“

„Allerdings!“, schrie Lichtenberg, „das werde ich, darauf können Sie sich verlassen!“

Wutentbrannt stürmte er daraufhin aus der Kanzlei.

Nita wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie war geschockt. Nachdem Lottelieses Neffe unter lautem Protest gegangen war und auch Agnieza sich verabschiedet hatte, saß sie immer noch wie angewurzelt auf ihrem Stuhl und fragte sich, was da gerade vor sich ging. Sie war nicht viel schlauer als vor der Testamentseröffnung.

Die Villa, die der Neffe bekommen hatte, war nach Nitas Ermessen ein Vermögen wert, aber offensichtlich hatte er mit mehr gerechnet. Nita hatte keine Ahnung was die weiteren Besitztümer und Vermögenswerte, die ihr Lotteliese hinterlassen hatte, waren. Wenn sie jedoch bedachte, dass die Haushälterin eine halbe Million einfach so überwiesen bekam, dann regte sich in ihr langsam der Verdacht, dass es dabei nicht um Kleinigkeiten ging.

Dr. Hebestreit kam zurück in das Besprechungszimmer und stellte ein Glas Wasser vor Nita auf den Tisch, dann zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. Bei dem kurzen Handgemenge mit Lichtenberg hatte sich eine Strähne aus seinem dunklen Haar, das ansonsten mit Wachs oder Gel nach hinten gekämmt war, gelöst, was seinem eher strengen Businesslook einen verwegen, sympathischen Touch verlieh.

„Puh“, er atmete hörbar aus, „da hat Frau Ullrich einen ganz schönen Erdrutsch verursacht.“

Nita sah den Anwalt an.

„In was für einen Schlamassel bin ich denn da geraten?“, fragte sie, „sollte ich vielleicht einfach das Ganze ablehnen? Ich habe keine Lust auf Ärger.“

Dr. Hebestreit beobachtete sie genau und ließ sich Zeit mit der Antwort.

„Sie haben wirklich keine Ahnung was Sie da gerade bekommen haben, oder?“, fragte er schließlich und seine Stimme klang dabei sehr milde und wohlwollend.

Nita sah ihn nur ratlos an und zuckte mit den Schultern.

Er lächelte und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Frau Karmann ab heute sind Sie eine sehr reiche Frau mit noch viel mehr Verantwortung“, sagte er und fügte dann aber hinzu, „das heißt, sofern Sie das Erbe antreten. Aber bevor Sie eine diesbezügliche Entscheidung treffen, werde ich Ihnen jetzt einmal zeigen, womit Sie es überhaupt zu tun haben.“

Der Anwalt führte Nita zurück in sein Büro und legte ihr eine komplette Vermögensaufstellung, die er schon

vorbereitet hatte, vor. Da Nita viel zu aufgewühlt war und sich auch nicht unbedingt mit solchen Dingen auskannte, bat sie Dr. Hebestreit, ihr das Ganze zu erklären.

Er fing mit den drei Häusern an, die Lotteliese außer der

Villa, die der Neffe bekommen hatte, noch hinterließ.

Da waren jeweils ein Ferienhaus am Starnberger See und auf Sanibel Island in Florida.

Nita konnte nicht umhin sich schon auf einer großzügigen Terrasse in der Sonne sitzen zu sehen. So langsam sickerte die Erkenntnis in sie ein, dass sie wohl gerade einen Sechser im Lotto gewonnen hatte und das, obwohl sie nicht einmal einen Zettel abgegeben hatte.

Wie verrückt war das denn!?!

Das dritte Haus war ein 6-stöckiges Bürogebäude in der Innenstadt von Frankfurt.

Nita blies die Backen auf. Was sollte sie denn damit bloß anfangen? So etwas musste verwaltet werden. Ganz zu schweigen von den Unterhaltungskosten. Woher sollte sie das nehmen?

Aber Hebestreit war noch nicht fertig.

„Außerdem war Frau Ullrich alleinige Inhaberin der Loli Fairtrade GmbH, das ist eine Importfirma für Fairtradeprodukte aller Art. Sie ist in einem Stockwerk des Bürogebäudes hier um die Ecke untergebracht. Das war ihr Baby, sie hat sie vor zirka 30 Jahren gegründet.“

„Wow“, machte Nita, „das könnte mich tatsächlich auch interessieren. Jetzt wo Sie es sagen, fällt mir ein, dass Lotteliese auf unserer Reise vor etlichen Jahren davon erzählt hat. Sie hat, glaube ich, sogar unterwegs ein paar Kontakte dafür geknüpft.“

Der Anwalt nickte. „Ja, das kann gut sein. Meines Wissens lief die Firma auch immer ganz gut. Die letzten Jahre konnte sie sich allerdings nicht mehr so darum kümmern und musste schweren Herzens viele Aufgaben delegieren.“

„Jetzt kommen wir zu dem schwierigsten Posten“, fuhr Dr. Hebestreit fort.

Nita sah ihn fragend an. Was, da war noch mehr?

„Das eigentliche Vermögen kommt von der Seite des Ehemannes, der vor einigen Jahren verstorben ist. Egbert Ullrich war Geschäftsführer einer millionenschweren Baufirma, der Ullmag GmbH, von der er auch die Mehrheitsanteile hielt. Diese zusammen mit einem Sitz im Aufsichtsrat hat er bei seinem Tod an seine Frau vererbt und diese nun wiederum an Sie, Frau Karmann.“

Nita schluckte.

Da kam sie nun, die angekündigte Verantwortung. Eine Baufirma? Wie sollte sie das denn bewerkstelligen? „Und schließlich“, kam der Anwalt zu dem letzten Teil des Erbes, „erhalten Sie noch ein Barvermögen von 26 Millionen Euro.“

Nitas Unterkiefer klappte nach unten. Sie starrte ihr Gegenüber mit offenem Mund an.

„26 Millionen?“, rief sie fast schon entsetzt, „wer hat denn so viel Geld auf dem Konto?“

Dr. Hebestreit lachte.

„Sie Frau Karmann“, erwiderte er, „Sie müssen nur ‚ja‘ sagen.“

Sie musste nur ‚ja‘ sagen.

Ha, das war so leicht gesagt. Aber was hieß das für sie? Was würde das alles mit sich bringen? Nita wusste es nicht und fühlte sich in dem Moment komplett überfordert. Eins war klar, ihr Leben, wie sie es gewohnt war, würde es in dieser Form nicht mehr geben.

Würde es besser werden?

Hm, mit so viel Geld sollte man das wohl annehmen. Das Geld sollte nicht das Problem sein, aber diese Firmen. Sie war nicht dumm und sie hatte bisher alles in ihrem Leben selbst geregelt, aber das war dann doch nochmal eine Nummer größer, das traute sie sich nicht unbedingt zu. Sie würde auf jeden Fall Hilfe brauchen. Könnte vielleicht………?

Sie hob den Kopf.

„Ich habe keine Ahnung was ich mit einer Baufirma anfangen soll“, sagte sie und fügte zögerlich hinzu, „Können Sie mir vielleicht dabei helfen, Herr Dr. Hebestreit?“

Der Anwalt verzog das Gesicht.

„Das ist eigentlich nicht meine Aufgabe“, erwiderte er, „außerdem sind wir ziemlich ausgebucht.“

„Verstehe“, sagte Nita mit enttäuschter Stimme und erhob sich. Sie seufzte.

„Ich werde es mir überlegen und gebe Ihnen dann Bescheid. Wie lange habe ich Zeit das zu entscheiden?“ „Die übliche Frist für so etwas liegt bei sechs Wochen, aber ich würde sagen, je früher Sie eine Entscheidung treffen desto besser. Für die beiden Firmen wäre es sicherlich nicht dienlich, wenn die Besitzverhältnisse über längere Zeit nicht geklärt wären.“

Nita nickte und wandte sich zum Gehen.

„Ok, vielen Dank“, sie reichte ihrem Gegenüber die Hand, „ich melde mich.“

Dr. Hebestreit begleitete sie zur Tür. Nita hatte den Eindruck als wolle er noch etwas sagen. Sie wartete einen Moment, aber offensichtlich hatte er sich dann doch dagegen entschieden.

Unten auf der Straße musste Nita erst einmal tief durchatmen.

Was war das?

Was passierte da gerade?

War das wirklich alles echt?

Wie auch immer - es war jedenfalls unglaublich.

Sie setzte sich in Bewegung und überlegte.

Einerseits fühlte es sich total gut an. Sie würde nie mehr Geldsorgen haben und konnte sich endlich eine schicke kleine, eigene Wohnung kaufen. Davon hatte sie schon lange geträumt.

Andererseits bereitete ihr diese Sache aber auch Bauchschmerzen. Mit Besitz war wahrscheinlich auch sehr viel Verantwortung verknüpft. Man musste sich kümmern.

Konnte sie das?

Wollte sie das?

Sie beschloß jetzt erst einmal nach Hause zu gehen und eine Nacht darüber zu schlafen. Morgen würde sie dann vielleicht schon klarer sehen.

Zu Hause angekommen begrüßte sie ihr Freund Torsten, bei dem sie seit ungefähr einem Jahr wohnte, völlig ahnungslos.

„Hallo Schatz, wie war dein Vormittag?“

„Ich war bei diesem Anwalt. Du glaubst nicht, was mir passiert ist!“, platzte Nita, voller Ungeduld ihm diese unglaubliche Geschichte zu erzählen, heraus.

Aber natürlich lief es wieder vollkommen anders und ihr Enthusiasmus wurde, wie schon so oft, total ausgebremst. „Ah, ja“, erwiderte ihr Liebster nur und tippte etwas in seine Tastatur ein, „hier war auch die Hölle los.“

Nita konnte sehen, dass er mal wieder überhaupt nicht bei der Sache war und ihr gar nicht zuhörte.

‚Ok, mein Guter, letzte Chance!‘ , dachte sie und sagte: „Ich war Kaffee trinken mit Donald Duck und dann bin ich nackt über die Zeil gelaufen und habe die ‚Marseillaise‘ gesungen.“

Er schaute kurz von seinem Laptop auf.

„Sehr schön! Magst du etwas kochen oder sollen wir ‚Lieferando‘?“

Das war‘s! Jetzt reichte es!

Nita ließ ihn einfach stehen und lief ins Schlafzimmer. Sie knallte die Tür mit voller Wucht hinter sich zu.

Was für ein Idiot. Sie hatte die Nase gestrichen voll.

Sie kramte im Schrank nach ihrer großen Reisetasche und warf sie auf’s Bett. Während sie ihre Sachen hineinstopfte, kam Torsten ins Zimmer und schaute sie verblüfft an.

„Was ist los? Was machst du da?“

„Ich gehe!“, rief Nita aufgebracht.

„Warum?“

Der Kerl hatte tatsächlich keine Ahnung und war sich natürlich einmal wieder keinerlei Schuld bewusst.

„Du denkst nur an dich!“, schleuderte ihm Nita entgegen, „ich bin dir vollkommen egal!“

„Das stimmt doch gar nicht“, versuchte der verdutzte Torsten sie zu beruhigen. Aber ohne Erfolg.

„Doch!“, tobte Nita weiter, „Was in meinem Leben los ist, interessiert dich nicht die Bohne. Du hast immer nur deine blöden Börsenkurse im Kopf.“

„Das ist nicht fair!“, verteidigte er sich und seine Stimme wurde jetzt auch lauter. „Was denkst du denn, wofür ich das alles mache? Ich bin ein ehrgeiziger Mensch, der vorankommen will im Leben. Ich will mir etwas leisten können.“

Nita hörte auf mit dem Packen und hob den Blick. Kurz sah sie den netten gutaussehenden Kerl in den sie sich einmal verliebt hatte. Aber dann fielen ihr all die Momente ein, in denen sie sich gefragt hatte, was denn bloß aus ihm geworden war. Ein geldgeiler, arroganter Karrierefuzzi, der sie behandelte, als könne sie nicht bis drei zählen und für den sie nur das vorzeigbare +1 war. Nein, darauf konnte sie verzichten. Sie hatte keine Lust mehr.

Ihr Blick verhärtete sich und sie zischte: „Was nützt dir alles Geld der Welt, wenn du ein menschlicher Niemand bist!“ Bamm! Das hatte gesessen.

Torstens Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen als er sagte: „Wenn du das so siehst, dann ist es wohl besser, wenn du gehst.“

Nita nickte und schloß den Reißverschluss ihrer Tasche. Ein letztes Mal sah sie Torsten an. Es tat weh, aber es war einfach nicht mehr schön.

„Viel Spaß beim Reich werden“, sagte sie mit eisiger Stimme und verließ die Wohnung.

Nita blieb stehen und schloß die Augen. Hinter sich hörte sie, wie die Haustür ins Schloss fiel.

Puh, was für ein Tag. Ein Ereignis jagte das Nächste und sie hatte noch nicht einmal das Erste verdaut. Wie sollte es jetzt weitergehen?

Sie schulterte die große Tasche und lief los.

Wohin? - Keine Ahnung.

Einfach laufen, da konnte sie am besten denken.

Zuerst purzelten die tausend Gedanken in Nitas Kopf noch wild durcheinander, aber nach einer Weile, als würden sie durch den Rhythmus der Schritte sortiert und an ihren Platz gerüttelt, wurde das Ganze überschaubarer und klarer.

Zwei Dinge gab es, die sie zu verarbeiten hatte. Die Trennung und das Erbe. Eines davon war auf den ersten Blick etwas Gutes, hatte aber auch Schattenseiten. Das Andere war eigentlich negativ, aber Nita war nicht sicher, ob es das wirklich war.

Vielleicht war das Gute das Schlechte und das Schlechte das Gute.

‚Pff‘, machte Nita in Gedanken.

Das hatte nicht geholfen, jetzt war es wieder da, das Chaos im Kopf.

Sie war an der nächsten Straßenecke angekommen und bog rechts ab in Richtung Innenstadt.

Ok, nochmal, gab sie sich selbst das Kommando. Zuerst das Erbe:

Nita hatte schon einmal geerbt. Vor ungefähr drei Jahren. Ihre Eltern waren bei einem Unfall ums Leben gekommen und da sie keine Geschwister hatte, war es klar gewesen, dass alles was ihre Eltern besessen hatten, nun ihr gehören würde. Es war nicht viel gewesen und keiner hatte es ihr streitig gemacht, also in keinster Weise war es mit dieser jetzigen Situation zu vergleichen.

26 Millionen - Nita versuchte sich diese Summe bildlich vorzustellen. Wenn sie lauter 100€ Bündel hätte und diese aufeinander stapeln würde. Wie hoch wäre dieser Turm wohl?

Mal sehen - In einem Bündel waren 100 Scheine, das wusste sie noch von einem Praktikum bei der Sparkasse. Also 100 x 100€ waren 10.000€. 26 Mio geteilt durch 10.000 ergaben 2600 Bündel. Wenn jedes Bündel etwa 2cm dick war, dann waren das - sie rechnete kurz im Kopf - na immerhin - 52 Meter hoch war der Turm. Nita schüttelte den Kopf und rollte mit den Augen. Hatte sie jetzt tatsächlich diese blöde Rechenaufgabe gelöst, statt über das eigentliche Problem nachzudenken? So kam sie nicht vorwärts. Torsten fiel ihr ein.

Oh Mann, der Arme. Er wollte so gerne reich werden. Wenn er erfahren würde, dass sie ihn am selben Tag verlassen hatte, an dem sie zu diesem ganzen Geld gekommen war. Sie blies die Backen auf und ließ die Luft langsam wieder entweichen.

Er würde sie so hassen.

Nita blieb stehen und schaute sich um. Die Straße runter sah sie den Eschersheimer Turm. Sie überlegte.

Wo sollte sie hin? Sie hatte keine Wohnung. Ihre beste Freundin Lill würde sie wahrscheinlich aufnehmen, aber deren Apartment war klein, zu klein auf Dauer. Ihr Blick schweifte weiter und landete schließlich auf dem großen Gebäude auf der rechten Seite. Das Hilton Hotel. Nita ging darauf zu.

‚Warum nicht?‘, dachte sie. Geld hatte sie ja jetzt, dann konnte sie es auch nutzen.

Naja, noch hatte sie es nicht, aber irgendwo musste sie ja hin und zwar jetzt.

Sie zögerte noch einen kurzen Moment und entschied sich schließlich, es einfach zu tun.

Die Automatiktür öffnete sich und sie ging auf die Rezeption zu.

Eine Viertelstunde später stand Nita am Fenster ihres Zimmers und schaute auf den angrenzenden Park hinunter. Sie hatte ein einfaches Standardzimmer gewählt. Die Suite hätte sie sich vermutlich auch leisten können, aber darüber hatte sie gar nicht nachgedacht. Sie war Luxus nicht gewohnt und brauchte ihn auch nicht wirklich.

Sie wollte Lill anrufen, aber sie wusste, dass die noch bei der Arbeit war und dort nicht so gerne gestört wurde. Also musste sie sich wohl oder übel noch etwas gedulden. Apropos Arbeit - siedend heiß fiel ihr plötzlich ein, dass sie vielleicht auch mal ihre E-Mails auf dem Arbeitshandy checken sollte. Sie hatte die Kollegen zwar informiert, dass sie heute im Homeoffice sein würde, aber das hieß ja nicht, dass sie nichts arbeiten musste.

Oh ja, da hatte sich einiges angesammelt. Bis sie das Wichtigste abgearbeitet hatte, war es später Nachmittag geworden.

Jetzt konnte sie Lill erreichen.

Lill war ihre beste Freundin schon seit Schulzeiten und wenn sie es richtig bedachte, auch ihre einzige.

Nita war eigentlich nicht der Typ, der ständig jemanden brauchte und täglich telefonieren wollte. Da Lill das genauso sah, passte das ganz gut.

Wenn Nita an den Tag zurückdachte, an dem sie Lill das erste Mal getroffen hatte, musste sie jedes Mal schmunzeln. Es war in der Schule gewesen. Lill war in der Pause auf sie zugekommen und hatte sie nach ihrem Namen gefragt. Nita hatte geantwortet und Lill hatte gestutzt. „Nita?“, hatte sie verdutzt gefragt, „Fehlt da nicht ein A vornedran?“ Nita hatte geantwortet, dass ihr das A noch nie gefehlt habe und dass sie es gut fand, weil sie deshalb weniger schreiben müsse. Das hatte Lill so gut gefallen, dass sie kurzerhand das Y von ihrem Namen gestrichen hatte und aus Lilly Lill wurde.

Nach der Schule waren sie glücklicherweise beide in Frankfurt gelandet und unternahmen viel miteinander. Nita konnte mit Lill über alles reden und tat das auch, aber heute wusste sie nicht womit sie anfangen sollte. Es war so viel passiert.

Sie wählte Lills Nummer.

„Waaas hast du?“, rief Lill entsetzt ins Telefon.

„Ich bin weg von ihm, hab Schluss gemacht“, erwiderte Nita.

„Wie geht es dir? Wo bist du? Sollen wir uns treffen?“ Lills Stimme überschlug sich fast vor Aufregung.

„Ich bin ok. Ich habe mich im Hilton einquartiert.“

Das beruhigte Lill ganz und gar nicht.

„Oh je“, rief sie, „es ist noch schlimmer als ich dachte. Du bist durchgedreht, wie willst du das bezahlen? Ich komme sofort zu dir.“

Zwanzig Minuten später klopfte sie an Nitas Zimmertür.

„Hey Süße“, rief Lill als Nita die Tür öffnete und wedelte mit einer kleinen Papiertüte, „ich habe uns einen J.S. besorgt. Für die Nerven.“

Nita musste sofort lachen.

J.S., das war ein Insider der beiden.

Einmal waren sie in einer Chocolaterie an der Hauptwache gewesen und hatten einen außergewöhnlich großen Trüffel bewundert. Er war mit goldener Lebensmittelfarbe verziert und die geschwungenen Linien hatten sie als J und S identifiziert. Sie hatten sich gefragt, was das wohl zu bedeuten habe und Lill hatte gerufen: „Klarer Fall, der Gute heißt ‘Josef Schmitt‘.“ Nitas Fantasie hatte gleich den Faden aufgenommen. „Ja genau, das ist der ‚Josef Schmitt Dekadenztrüffel‘ - Helfer in allen Lebenslagen, mit ihm wird jedes Problem zu einer Lappalie.“

Sie hatten sich ausgeschüttet vor Lachen und seitdem war der ‚J.S‘ zum Allheilmittel für jegliches Problem geworden.

Sie setzten sich auf Nitas großes Bett und während jede sich einen Trüffel gönnte, erzählte Nita von den Ereignissen des Tages. Lill hörte geduldig zu und hatte auch die ein oder andere Zwischenfrage.

Nita hatte sich mit der Zeit in einen regelrechten Problemmodus geredet. Sie wurde immer negativer in ihrer Sichtweise der Dinge und alles schien plötzlich wie ein riesengroßer, unüberwindbarer Berg vor ihr zu liegen. Lill folgte ihren Ausführungen und traute ihren Ohren nicht. Das war ja mal wieder typisch Nita, so etwas konnte nur ihr passieren. Lill war hin und hergerissen in ihren Gefühlen. Zuerst war sie aufs Äußerste verwundert, dann freudig erregt bis sie schließlich vollkommen genervt ausrief: „Kannst du mal aufhören mit diesem Gejammer. Ich kann es echt nicht mehr hören.“ Nita sah sie entgeistert an.

„Oh, dir geht’s ja so schlecht!“, wetterte Lill mit Ironie in der Stimme weiter, „Dieser furchtbare, unerträglich gutaussehende Investmentbanker, der dich in seiner schicken Wohnung wohnen ließ, war ja wirklich nicht mehr zu ertragen.“

Ihre Stimme wurde noch um einen Tick schärfer.

„Oh, er hat mir heute nur drei Wünsche von den Augen abgelesen, den vierten hat der Idiot voll übersehen, das geht ja gar nicht.“

Die perplexe Nita fand ihre Sprache wieder.

„Du übertreibst“, unterbrach sie ihre Freundin, „Hättest du ihn etwa haben wollen?“

Lill funkelte sie mit großen Augen an.

„Ja, ich übertreibe“, erwiderte sie, „und ja, ich hätte ihn genommen.“

Sie baute sich vor Nita auf und rief:

„Weißt du was ich dafür geben würde, wenn mich einmal so ein Kerl ernsthaft in Erwägung ziehen würde? Und du schickst ihn einfach zum Teufel. Na was soll‘s - dann nimmst du dir halt einen von den nächsten fünfzig, die schon Schlange stehen.“

Jetzt hatte sie sich richtig in Rage geredet. „Ich bin es echt leid, mit dir um die Häuser zu ziehen und immer den zweitbesten abzukriegen, der eigentlich auch dich will, aber aus irgendwelchen Gründen dem anderen den Vortritt lassen muss.“

Lill hatte braunes glattes Haar und eine gute Figur. Wenn sie sich entsprechend zurecht machte, konnte sie durchaus ein Hingucker sein. Nita hingegen war immer ein Hingucker, ohne etwas dafür tun zu müssen. Sie hatte knallrotes Haar. Das dunkelste natürliche Rot, das man sich vorstellen konnte und dazu noch schöne großzügige Locken, die ihr hübsches Gesicht und ein paar vereinzelte Sommersprossen auf der Nase perfekt umrahmten und zur Geltung brachten.

Das war natürlich schwer zu toppen und man konnte verstehen, dass das nicht immer einfach war für Lill.

Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann mit einer etwas weniger schneidenden Stimme fort:

„Seit dem Unfall deiner Eltern bist du nicht mehr dieselbe. Du hast deine Ideale verloren.“

Sie sah Nita eindringlich an.

„You lost it, girl! Krieg dich mal wieder ein.“

Nita war ganz ruhig geworden. Lill setzte sich neben sie und nahm ihre Hände in ihre.

„Ich weiß, das war sehr schlimm und es steht dir auch zu, eine Weile auszurasten, aber irgendwann musst du wieder in die Spur kommen.

Die meisten Menschen haben in ihrem Leben eine Phase, in der das Schicksal zuschlägt. Entweder sie haben eine Scheiß-Kindheit, sind arm oder der Partner ist schwierig, oder bei der Arbeit läuft es Kacke. Sie haben Unfälle oder Krankheiten. Such‘ es dir aus. Mit irgendetwas hat jeder zu kämpfen.“

Lills Stimme war jetzt wieder freundlich geworden und sie lächelte Nita aufmunternd zu.

„Konzentriere dich doch mal auf das was gut läuft.

Du siehst gut aus, hast ˋnen Job und alle mögen dich.

Ach ja, und nicht zu vergessen, jetzt hast du auch noch Kohle ohne Ende. Oh jemine!“

Da war sie wieder die Ironie. Ihre Stimme war jetzt eine Oktave höher als sie rief:

„Soviel Geld, was soll ich denn damit bloß anfangen. Und die ganzen Häuser! Was für eine Bürde!“

Sie sahen sich an und prusteten los.

Als sie sich schließlich wieder beruhigt hatten, sagte Lill:

„Entschuldige, ich hätte das nicht sagen sollen.“

„Doch Lill“, erwiderte Nita mit ernster Miene, „das hättest du. Du bist die Einzige, die mir die Wahrheit sagt und mir den Kopf zurechtrücken kann.

Du bist die aller allerbeste Freundin, die es gibt. Ohne dich wäre ich ganz alleine auf dieser Welt.“ Sie fielen sich in die Arme und weinten.

Zwei Tage später saß Nita im Büro bei der Arbeit als ihr Phone klingelte.

Der Anwalt? Was wollte der denn? Sie meldete sich. „Hallo Frau Karmann, wie geht es Ihnen“, begrüßte sie Dr. Hebestreit.

„Gut, danke“, antwortete Nita mit leichtem Misstrauen und fragte sich, was jetzt wohl kommen würde. Warum rief er an?

„Ich habe mir noch einmal Gedanken um Ihren Fall gemacht und wollte Ihnen sagen, dass ich entschieden habe, Ihnen doch zu helfen, falls sie das Erbe annehmen werden.“

„Ok“, Nita war leicht irritiert. Wie? Jetzt doch? Einfach so?

„Wie wollen Sie mir helfen?, fragte sie vorsichtig, „Und was wird es mich kosten?“

Dr. Hebestreit zögerte einen Moment, dann sagte er:

“Können wir uns vielleicht kurz treffen? Sie arbeiten doch auch hier in der Nähe.“

Er überlegte kurz.

„In dem Café an der Alten Oper?“, schlug er vor.

„Ja“, antwortete Nita, „ich kann in einer halben Stunde Mittagspause machen.“

„Gut. Dann bis gleich.“

Als Nita bei dem Café ankam, sah sie Dr. Hebestreit schon an einem der Tische im Außenbereich sitzen.

Er trug heute einen hellgrauen Anzug und darunter ein petrolfarbenes Hemd. Das passte extrem gut zu seinem dunklen, nicht allzu kurz geschnittenen Haar. Irgendwie kam Nita sofort die Frage in den Sinn, ob er wohl verheiratet war. Sie schüttelte sich kaum wahrnehmbar und tadelte ihr Gehirn für diesen Alleingang. Was sollte der Unfug? Musste jedes männliche Wesen immer gleich als potentieller Partner abgescannt werden? Sein Familienstand ging sie überhaupt nichts an, er war ihr Anwalt und sonst nichts.

Sie ging auf ihn zu und setzte sich mit einem kurzen Kopfnicken und einem kleinen Lächeln auf den Stuhl ihm gegenüber.

„Hat sich dieser Lichtenberg bei Ihnen gemeldet?“, fragte er ohne Umschweife.

„Nein“, antwortete Nita.

„Falls er das tut, seien Sie bitte sehr vorsichtig. Er ist total aggressiv. Er hat jetzt die angekündigte Klage eingereicht und mich hat er schon mehrfach bedroht.“

Nita blies die Backen auf und nickte. Na toll, was hatte sie sich da bloß eingebrockt.

„Er wird nicht durchkommen mit seinen Forderungen“, fuhr der Anwalt fort, „aber Sie werden eventuell nicht so schnell an die Gelder kommen, beziehungsweise, Sie werden sich nicht um die Firmen kümmern können, so wie das eigentlich nötig wäre.“

Die Bedienung brachte ihnen den bestellten Kaffee. Dr. Hebestreit nahm einen Schluck aus seiner Tasse und beugte sich dann ein wenig vor. Mit entschlossenem Blick sah er Nita an.

„Frau Ullrich war nicht dement. Irgendetwas wird sie sich dabei gedacht haben, als sie Ihnen das Ganze vermacht hat. Ich werde nicht zulassen, dass der Wille meiner Klientin missachtet wird.“

Einerseits verursachte diese Situation bei Nita ein immer größeres Unwohlsein, andererseits dachte sie aber, dass sie nicht einfach das Feld räumen und diesem Neffen alles überlassen würde.

Was dachte der eigentlich, wer er ist?

Was dachte er, wer sie ist?

Ihr Kampfgeist und ihr Stolz meldeten sich.

Das Recht war wohl auf ihrer Seite. Das fehlende Fachwissen konnte sie sich irgendwie aneignen und wenn ihr der Anwalt tatsächlich helfen würde, dann wäre die Lage ja wohl recht aussichtsreich. Allerdings war sie noch etwas skeptisch was seine Motivation anging, deshalb fragte sie: „Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?“

Hebestreit sah ihr direkt in die Augen und antwortete: „Ich möchte, dass der Wille von Frau Ullrich respektiert wird. Außerdem finde ich Ihren Fall sehr interessant und möchte, dass Sie das alles bekommen.“

Er verzog den Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln.

„Und es wird den kleinen Nebeneffekt haben, dass Lichtenberg es nicht bekommt.“

Nita hob die Augenbrauen.

„Sie scheinen kein Fan von ihm zu sein.“ „Grundsätzlich habe ich nichts gegen ihn“, erwiderte der Anwalt, „aber mit seinen Drohungen ist er zu weit gegangen. Das habe ich persönlich genommen.“

„Ja, er schien ziemlich wütend zu sein“, nickte Nita. „Sie wollen ihm also eins auswischen. Was wird mich denn dieser kleine Racheakt kosten. Soviel ich weiß werden Anwaltskosten doch nach Streitwert berechnet. Da kommt ganz schön was zusammen, oder?“

Dr. Hebestreit lehnte sich in seinem Sitz zurück. Er schmunzelte leicht. Es schien ihm zu gefallen, dass Nita nicht einfach so alles schluckte, was er sagte.

„Naja“, antwortete er schließlich, „umsonst kann ich es natürlich nicht machen. Ich werde schon einige Zeit investieren und dafür andere Verpflichtungen aufgeben müssen.“ Jetzt beugte er sich wieder vor und sah Nita mit ernstem Gesichtsausdruck an.

„Hören Sie, ich will mich nicht an Ihnen bereichern. Ich werde Ihnen einen fairen Preis machen, aber wenn Lichtenberg mit seinen Anwälten kommt, möchte ich nicht, dass Sie denen alleine gegenüber treten müssen.“

„Ja“, Nita erwiderte seinen ernsten Blick, „diesen Anwälten ist nicht zu trauen.“

Er musste lachen und schüttelte dabei den Kopf.

„Nein, vor allem denen der Gegenseite.“

Nita nahm einen Schluck Kaffee und lehnte sich zurück. Er schien ihr wirklich helfen zu wollen. Nicht ganz uneigennützig, aber dennoch.

Sie beschloß den Kampf anzunehmen.

„Was können wir tun?, fragte sie.

Dr. Hebestreit konnte wohl in ihrem Gesicht erkennen, dass sie sich entschieden hatte und lächelte ihr aufmunternd zu.

„Fürs Erste müssten Sie sich mit den Gegebenheiten vertraut machen. Ich werde den Kontakt zu den beiden Firmen herstellen. Wir werden Unterlagen anfordern und uns auch vor Ort ein wenig umsehen.“

„Ok“, Nita nickte, „sagen Sie mir, was ich tun muss.“ „Zuerst müssen Sie jetzt offiziell das Erbe antreten und die notwendigen Papiere unterschreiben. Meine Assisstentin wird sich bei Ihnen wegen eines Termins melden.“

Er stand auf und streckte ihr die Hand entgegen.

„Ich muss jetzt los. Bis bald.“

„Bis bald“, erwiderte Nita, „und Danke.“

Er lächelte noch kurz und dann war er auch schon verschwunden.

Nita blieb noch einen Moment sitzen. Jetzt hatte sie sich also entschieden. Jetzt war sie offiziell reich.

Am Abend war Nita mit Lill verabredet. Es war ein schöner lauer Sommerabend und sie entschieden sich in die Summer Lounge auf dem Dach des Börsenparkhauses zu gehen. Sie hatten schon ein paar Runden getanzt, ihre Füße in dem kleinen Pool in der Mitte abgekühlt und saßen nun an einem Ende der Bar auf zwei Hockern und ließen sich ihre Margaritas schmecken.

Nita hatte sich Lills Worte zu Herzen genommen und sich nicht ganz so aufgebrezelt wie sonst. Sie trug eine helle, leichte Leinenhose und ein dezent rückenfreies Glitzertop. Lill hatte ihr momentanes Lieblingsoutfit an. Einen weißen Lederminirock mit einem tiefausgeschnittenen regenbogenfarbenen Shirt dazu, in dem sie ziemlich heiß aussah.

Mittlerweile hatte sich die Lounge gefüllt und es war viel los an der Bar.

„Da hinten winkt ein unglaublich gutaussehender Mann zu uns herüber“, sagte Lill plötzlich und schubste Nita an,

„kennst du den?“

„Wo?“

Nita drehte sich um und sah Dr. Hebestreit am anderen Ende der Bar stehen wo er wohl auf seine Bestellung wartete.

Sie winkte zurück.

„Das ist mein Anwalt“, sagte sie erklärend zu Lill.

„Oh Mann“, Lill verdrehte die Augen, „Kannst du dich da konzentrieren, wenn er etwas sagt?“ Nita lachte.

„Es ist mir noch gar nicht so aufgefallen, aber jetzt wo du es sagst“, sie schaute nochmal genauer hin, „Ja, wirklich ganz nett.“

Inzwischen hatte er seine Drinks erhalten und hielt auf dem Weg zurück an seinen Tisch bei ihnen an.

„Na“, begrüßte er Nita mit einem Augenzwinkern, „gibt es etwas zu feiern?“

„Das wird sich noch herausstellen“, antwortete sie lächelnd.

Er stellte ein Glas ab und gab ihnen die Hand.

„Hebestreit“, stellte er sich Lill vor und warf ihr ein breites Lächeln zu. Dann wandte er sich an Nita.

„Ich habe nach unserem Treffen heute Mittag bei der Ullmag angerufen und um einige Unterlagen gebeten. Ein Kurier hat sie schon vorbeigebracht, also wenn Sie wollen, können Sie die morgen bei mir abholen.“ Nita überlegte kurz. Bevor sie antworten konnte, schlug er vor: „Wenn Sie möchten, können wir uns auch wieder um die Mittagszeit in dem Café treffen.“

Nita nickte. Das war unkompliziert und in die Mittagspause würde ihr auch keiner einen kurzfristigen Termin einstellen.

„Gut, dann so viertel nach zwölf?“ Er nahm seinen Drink wieder auf und verabschiedete sich. Die beiden Frauen blickten ihm nach und sahen, wie er sich an einem der hinteren Tische neben eine blonde Frau setzte, der er wohl auch den Drink mitgebracht hatte.

„Oh“, machte Lill enttäuscht und fügte mit Schulterzucken hinzu, „nicht dass es mich wundern würde. Klar dass der vergeben ist.“

„Kein Grund zur Trauer Ladies“, hörten sie eine Stimme hinter sich sagen, „wir beide sind noch zu haben.“ Sie drehten sich um und schauten auf zwei, von Ohr zu Ohr grinsende, ziemlich junge Männer.

Oh nee! Nita schlug die Augen auf. Hatte sie sich allen Ernstes von diesem Grünschnabel abschleppen lassen? Was hatte sie sich denn dabei gedacht? Hm, wahrscheinlich hatte sie mit der letzten Margarita auch das letzte bisschen Verstand hinuntergespült.

Eigentlich hasste sie es, in einem fremden Bett aufzuwachen. Sie war ein Morgenmuffel und brauchte ihre Routine. Und wenn sie es recht bedachte, hatte sie auch lieber geregelte Verhältnisse und eine feste Beziehung. Dieses ‚Schmetterlingsdasein‘ war eher Lills Ding. Ihr zuliebe machte sie das ab und zu mit. Meist war der Plan, dass sie dem Kerl gerade soviel gab, dass er die Rothaarige auf seiner To-do-Liste abhaken konnte - sie wollte ja kein Spielverderber sein - und ihn dann irgendwie loswurde. Aber manchmal kam es dann doch anders.

Sie drehte langsam den Kopf und schaute zu ihm hinüber. Er schien noch fest zu schlafen. Unschuldig und harmlos wie ein kleiner Junge. Vielleicht hatte er gar keine To-do-Liste, vielleicht war er nur ein lieber Kerl, der mal ein bisschen Spaß haben wollte.

Nein, entschied Nita, dazu hatte er sich zu gut angestellt. Er wusste, was er tat. Vorsichtig stand sie auf und sammelte ihre Klamotten ein. Dann verließ sie leise das Zimmer.

Kurz nach zwölf verließ Nita ihr Büro und machte sich auf den Weg zur Alten Oper. Sie wollte sich auf keinen Fall verspäten. Schlimm genug, dass Dr. Hebestreit sie gestern in der Lounge ganz offensichtlich beobachtet hatte - sie hatte mehrfach bemerkt, dass er zu ihr herüber geschaut hatte - dann war er auch noch genau in dem Moment mit seiner Frau vorbeigelaufen, als sie mit dem Jüngling im Fahrstuhl verschwunden war. Das hatte sicher nicht den seriösesten Eindruck gemacht, deshalb musste sie jetzt umso professioneller wirken, um das Bild, das der Anwalt von ihr hatte, wieder gerade zu biegen. Irgendwie war ihr das wichtig.

Diesmal war sie vor ihm da. Sie platzierte sich an einem freistehenden Tisch im Schatten und bestellte einen Cappuccino mit Extra-shot für Hebestreit - den hatte er letztes Mal auch getrunken - und für sich einen Crodino mit Soda.

Es dauerte nicht lange, da sah sie ihn über den Opernplatz kommen. Er redete noch kurz mit einem älteren Herrn und kam dann zu Nita an den Tisch, schüttelte ihr die Hand zur Begrüßung und setzte sich ihr gegenüber. Genau in dem Moment kam die Bedienung und stellte den Crodino vor Nita ab.

„Einen Cappuccino mit Extra-shot bitte“, gab er seine Bestellung auf. Die Frau zwinkerte Nita zu und griff nach der Kaffeetasse, die noch auf ihrem Tablett stand.

„Bitteschön“, sagte sie und stellte ihm die Tasse hin.

„Wie……?“ Er schaute irritiert.

„Ich habe mir erlaubt schon einmal die Bestellung aufzugeben“, erwiderte Nita mit einem freudigen Grinsen.

Dr. Hebestreit sah sie verblüfft an.

„Und Sie haben ganz zufällig genau das bestellt, was ich haben wollte?“

„Das haben Sie letztes Mal auch getrunken“, antwortete Nita und fügte lächelnd hinzu, „die meisten Menschen sind Gewohnheitstiere, das Risiko war nicht sehr hoch.“

Seinem amüsierten Blick nach zu urteilen, schien ihm das zu gefallen, aber er sagte nichts.

Stattdessen holte er eine Aktenmappe aus seiner Tasche und reichte sie Nita über den Tisch.

„Hier sind die versprochenen Unterlagen von der Ullmag GmbH. Da können Sie sich einmal einlesen.“ Er zögerte kurz. „Wie ist Ihr Verständnis in solchen Dingen? Können Sie damit etwas anfangen?“

Nita hob die Augenbrauen und sah ihr Gegenüber streng an. Das war ein heikles Thema für sie.

Sie hatte kein Abitur gemacht und auch nicht studiert, obwohl das ihrem Intellekt zufolge, kein Problem dargestellt hätte. Sie hatte es damals schlichtweg nicht für nötig gehalten noch länger die langweilige Schulbank zu drücken und war gleich über eine kaufmännische Ausbildung ins Arbeitsleben getreten. Später hatte sie dann feststellen müssen, dass man Andere, die eine wesentlich schlechtere Arbeit ablieferten, bevorzugte, nur weil sie das ein oder andere Diplom vorweisen konnten.

„Ich kann lesen“, antwortete sie eine Spur schnippischer als gewollt, „der Rest wird sich herausstellen.“

Jetzt hob der Anwalt die Augenbrauen und erwiderte Nitas strengen Blick.

„Hören Sie, das ist wichtig. Sie werden sich übernächste Woche bei der Gesellschafterversammlung den Herren vorstellen müssen. Je mehr Sie da mit Wissen glänzen können, desto einfacher wird es sein“, sagte er mit eindringlicher Stimme und fügte dann noch wie nebenbei hinzu, „ich weiß ja nicht, welche Ausbildung Sie genossen haben.“

„Was das wissen Sie nicht?“, konterte Nita, „Sie wussten doch auch wo ich arbeite, ohne dass ich es Ihnen gesagt habe.“

Eine kleine Falte bildete sich zwischen Hebestreits Augen, die Nita nicht unbedingt deuten konnte. War sie fragend, skeptisch, vielleicht auch leicht verärgert? Sie konnte es nicht genau sagen.

Verärgern wollte sie ihn auf gar keinen Fall, wo sie doch froh war, dass er ihr half, also sagte sie schließlich: „Ich war nicht an der Uni, aber nur weil ich keinen Master in Ägyptologie habe, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht weiß, wo die Pyramiden sind“, und dann fügte sie noch selbstbewusst hinzu, „Keine Sorge, ich kriege das schon hin.“

Nita stellte mit Erleichterung fest, dass die Falte zwischen den Augen des Anwalts verschwand und er wieder lächelte.

„Gut“, sagte er, „diese Einstellung gefällt mir. Es gibt mehrere Arten von Bildung - ein armer Mensch, der nur das weiß, was er in der Schule gelernt hat.“

Wow, jetzt war Nita beeindruckt.

Das hätte sie ihm nicht zugetraut. Anwälte waren doch immer so korrekt und legten so viel Wert auf den ganzen Papierkram.

Kaum hatte sie das gedacht, ermahnte sie sich auch schon selbst für diesen unmöglichen Gedanken.

‚Hey, was fiel ihr ein. Da waren sie doch schon wieder, die ollen Vorurteile. Unglaublich was das unterbewusste Gehirn da manchmal fabrizierte. Anwälte, Banker, Nichtakademiker, Blondinen, wer wusste denn schon wie die alle waren? Waren sie alle gleich? Nein, ganz sicher nicht. Also lass das gefälligst!‘

Dr. Hebestreit bekam von Nitas stummem Selbstgespräch nichts mit und redete weiter.

„Ich habe die Unterlagen kurz überflogen. Es sind allgemeine Informationen über die Firmenstruktur und die aktuellen Bauprojekte. Dann noch einige wichtige Namen und ein paar Zahlen.“

Nita nickte.

„Wann sagten Sie ist die Gesellschafterversammlung?“

„Übernächste Woche, am zwölften“, erwiderte der Anwalt,

„Waldmann, der momentane Geschäftsführer, wollte nicht mit mir reden, aber Berger, der hat noch mit Herrn Ullrich zusammen gearbeitet, zeigte sich kooperativ. Er hat mir gleich die Unterlagen zukommen lassen und er hat Ihre Vorstellung als Tagesordnungspunkt aufgenommen, das heißt, Sie werden an dem Tag offiziell vorgestellt.“

„Gut“, Nita holte tief Luft, „dann werde ich mich mal darauf vorbereiten. Was wird von mir erwartet? Eine Rede, oder sitze ich nur dabei und höre zu?“

Hebestreit wiegte den Kopf leicht hin und her.

„Ich denke, es wird niemanden verwundern, wenn Sie nichts sagen, aber wenn es etwas gibt, das Sie beitragen möchten, können Sie das natürlich tun. Also Sie müssen nicht, aber Sie dürfen“, er warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu, „die Herren müssen sich das auf jeden Fall anhören, schließlich gehört Ihnen der Laden.“

„Pff“, machte Nita und lachte, „ich schätze, daran muss ich mich erst noch gewöhnen“, und dann fügte sie mit leicht ironischem Unterton hinzu, „Die werden begeistert sein.“

„Ja“, stimmte der Anwalt zu, „der ein oder andere wird Sie vielleicht nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Darauf sollten Sie sich einstellen. Lichtenberg wird auch da sein.“

Nita nickte nachdenklich.

„Und Sie? Werden Sie dabei sein?“

„Ja, wenn Sie das möchten, kann ich das einrichten.“

Dankbar schaute Nita ihr Gegenüber an und sagte: „Ich würde mich schon sehr viel wohler fühlen mit Ihnen an meiner Seite.“

Hebestreit nickte.

„Gut, dann machen wir das so“, sagte er und lächelte zu ihr herüber, „wie Sie schon sagten; Sie kriegen das schon hin. Sehen Sie sich die Unterlagen an und scheuen Sie sich vor allem nicht zu fragen, wenn Ihnen etwas nicht klar ist. Das ist keine Schande und niemand wird Sie schief ansehen, am allerwenigsten ich.“

Zweimal noch telefonierte Nita mit ihrem Anwalt, weil Sie sicher gehen wollte, dass Sie alles richtig verstanden hatte. Er nahm sich immer Zeit für sie und beantwortete geduldig all ihre Fragen. Sie war so froh, dass er ihr doch noch seine Hilfe angeboten hatte. Ohne ihn wäre die Sache auf wesentlich wackeligeren Beinen gestanden.

Am Tag der Sitzung war Nita extrem aufgeregt. Sie traf sich mit Dr. Hebestreit vor dem Gebäude, in dem die Ullmag ihre Büros hatte.

„Guten Morgen Frau Karmann, wie fühlen Sie sich?“, begrüßte er sie freundlich.