Wenn die Nacht zum Tag wird - Riccardo A. Stoohs - E-Book

Wenn die Nacht zum Tag wird E-Book

Riccardo A. Stoohs

4,5

  • Herausgeber: mvg
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2014
Beschreibung

Bei seinen Untersuchungen über die Besonderheit des Schlafs in der zweiten Lebenshälfte differenziert der Experte Riccardo A. Stoohs zwischen Männern und Frauen, erläutert die Ursachen und Formen der unterschiedlichen Störungen und erklärt die zur Verfügung stehenden Medikamente und widmet sich darüber hinaus dem Schlafen im Seniorenheim. Ein umfangreicher Praxisteil zeigt u. a. wo man sich informieren und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen kann.

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Seitenzahl: 227

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Riccardo A. Stoohs

Wenn die Nacht zum Tag wird

Riccardo A. Stoohs

Wenn die Nacht zum Tag wird

Schlafstörungen in der zweiten Lebenshälfte und was Sie dagegen tun können

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:[email protected]

Nachdruck 2013 © 2007 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH Nymphenburger Straße 86 D-80636 München Tel.: 089 651285-0 Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Atelier Seidel, Teising Idee und Konzept: Marion Appelt, Wiebaden Realisation: Ariadne-Buch, Christine Proske, München Redaktion: Kathrin Stachora, Landsberg am Lech Satz: J. Echter, Redline GmbH Druck: Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN Print 978-3-86882-395-0 ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-116-3

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.mvg-verlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unterwww.muenchner-verlagsgruppe.de

INHALT

Danksagung

Vorwort

Einleitung

1 Normaler Schlaf

Was ist Schlaf?

Geschichte der Schlafmedizin

Die innere Uhr

Gehirn und Schlaf

Schlaf ist wie ein Computerprogramm

REM-Schlaf (Traumschlaf) und Träumen

Körper und Schlaf

Schlaf und Immunsystem

Schlaf und Gedächtnis

Schlafbedürfnis und Schlafschuld

2 Schlafstörungen

Schlaf: Freund und Feind

Formen der Schlafstörung

Häufigkeit der Schlafstörungen

Untersuchungen im Schlaflabor

Typische Zeichen eines gestörten Schlafes

3 Schlaf im dritten Lebensabschnitt

Normaler Schlaf und Schlafstörungen im dritten Lebensabschnitt

Unterschiede zwischen Mann und Frau

Störungen der inneren Uhr

Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnien)

Schlafbezogene Atmungsstörungen

Unruhige Beine und periodische Bewegungsstörungen

REM-Schlaf-Verhaltensstörung

Albträume

Zähneknirschen (Bruxismus)

Schlafwandeln

Fibromyalgiesyndrom (Diffuser Muskelschmerz)

Das chronische Mattigkeitssyndrom (CFS)

Schlaf in den Wechseljahren der Frau

Schlaf und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Natürliches Atmen und Schlaf

Schlaf und neurologische Erkrankungen

Metabolisches Syndrom – das tödliche Quartett

Schmerzen und Schlaf

Medikamente und Schlaf

Inkontinenz

Schlaf im Seniorenheim

4 Was tun, wenn die Nacht zum Tag wird?

Ursachen erkennen und richtig handeln

Woher weiß ich, ob ich müde bin?

Woher weiß ich, ob ich schlecht schlafe?

Was kann ich selbst tun, um besser zu schlafen?

Entspannung

Ernährung und Schlaf

Mittags- und Büroschlaf

Selbsthilfe bei den drei häufigsten Schlafstörungen

Pharmakologische und pflanzliche Schlafmittel

Scharlatanerie in der Schlafmedizin

Antworten auf häufig gestellte Fragen

5 Wo gibt es Hilfe?

Wo und wie finde ich einen Schlafspezialisten?

Welche Kosten übernimmt die Krankenkasse?

Spezialisten für eine operative Behandlung des obstruktiven Schlafapnoesyndroms und des Schnarchens

Schlafschulen

Die Schlafmedizin 2011

Rechtliche Aspekte

Informationen im Internet

Schlafmedizinische Gesellschaften

Selbsthilfegruppen

6 Anhang

Fragebögen und Listen

Stichwortverzeichnis

Über den Autor

DANKSAGUNG

Ganz besonders möchte ich Frau Dr. Annette Bussmann für ihre einfühlsamen Korrekturen meines mitunter zu wissenschaftlichen und mit Amerikanismen durchsetzten Manuskripts danken. Sie hat den Text in etwas für jedermann Lesbares verwandelt.

Herrn Betram von der Selbsthilfeorganisation Schlafapnoe-Online sei für die Anregungen und wesentlichen Passagen zum Abschnitt „Selbsthilfe“ gedankt. Meinem Kollegen Dr. Hans-Christian Blum danke ich für das Kapitel „Schlafmedizin 2011“. Frau Birgit Bataryk von der Firma Linde Gas Therapeutics sei für zahlreiche Informationen zu krankenkassenbezogenen Informationen gedankt.

Herzlich möchte ich auch allen anderen ärztlichen Kollegen und nichtärztlichen Mitarbeitern der Somnolab-Schlaflabore für ihre unermüdliche Arbeit danken – ganz besonders denen, die bewusst ihre Nacht zum Tag machen und damit einen wesentlichen Beitrag leisten, um das Wissen über Schlafstörungen voranzubringen.

VORWORT

Es klingelt an Ihrer Tür. Sie machen auf und vor Ihnen stehen zwei Männer in dunklen Anzügen und schwarzen Krawatten. „Sind Sie Herr Schmidt?“ „Ja“, antworten Sie, und bevor Sie verstehen können, wer diese beiden Männer sind und was sie von Ihnen wollen, werden Sie in ein dunkles Fahrzeug gezerrt. Sie bekommen keine Gelegenheit, zu fragen, was man eigentlich von Ihnen will oder wo man Sie hinbringen wird. Eine dicke Scheibe trennt Sie von den Eindringlingen. Die Fahrt dauert über eine Stunde. Panikartig versuchen Sie zu verstehen, was dies bedeuten könnte.

Das Fahrzeug stoppt, man zerrt Sie heraus und bringt Sie in ein Gebäude, das Sie nie zuvor gesehen haben. „Wo bin ich? Was haben Sie mit mir vor?“ Keine Antwort. Innerhalb von fünf Minuten bringt man Sie in einen kleinen Raum: ein Tisch, vier Stühle. Die Tür schließt sich hinter Ihnen. Der Raum ist nicht hell, er hat kein Fenster, eine schwache Glühbirne brennt. Nach einer halben Stunde kommt ein Mann herein, Sie können hören, wie die Tür hinter ihm wieder verschlossen wird. Er setzt sich auf einen Stuhl und beginnt Sie zu befragen.

„Wer sind Sie und was machen Sie?“ „Wo waren Sie gestern zwischen 14 und 18 Uhr?“ Weitere Fragen folgen für Stunden am Stück. Waren es zwei oder gar sechs Stunden? Ein zweiter Mann kommt in den Raum. Er hat die Tür nicht geöffnet. Irgendwie ist er durch sie hindurchgegangen. Sie erkennen ihn erst, als er direkt vor Ihnen steht, sich setzt und anfängt, die gleichen Fragen zu stellen wie jener Mann zuvor. Ebenso mysteriös verlässt der erste Mann den Raum. Es wundert Sie nicht, dass auch er nicht die Tür geöffnet hat, sondern einfach durch sie hindurchgegangen ist.

Die Fragen hören nicht auf, oft sind es dieselben, auf die Sie schon geantwortet haben. „Der Anschlag auf den Zug nach Berlin! Gestern! Glauben die etwa, dass ich etwas damit zu tun habe?“ Sie werden müde. Es muss schon weit nach Mitternacht sein oder vielleicht Mittagszeit? Man gönnt Ihnen keine Ruhe, immer wieder diese Fragen! Ihr Kopf wird schwerer, Sie schließen Ihre Augen und legen Ihren Kopf in die verschränkten Arme auf den Tisch. „Schlafen“, denken Sie, „wenn ich nur schlafen könnte!“

Im selben Augenblick schrecken Sie hoch: Der Mann, der Ihnen gegenübersitzt, hat mit der flachen Hand auf den Tisch geschlagen – so heftig, dass jeder Wunsch nach Schlaf vergessen ist. Stundenlang geht es so weiter, die Männer wechseln sich ab. Sie können sich nicht erinnern, wen Sie schon einmal gesehen haben. War der nicht gerade im Raum? Ist er weggegangen, hat sich die Tür geöffnet? Sie schauen zur Tür und sind so erleichtert: „Da steht sie, meine Frau!“ Sie rufen sie bei ihrem Namen, und schon ist sie wieder verschwunden. „Komm zurück! Wo bist du?“, schreien Sie. Sie richten sich auf, sind ganz verschwitzt.

Ein Traum, gütiger Gott, es war nur ein Traum!

Was wie ein Traum erscheint, ist pure Wirklichkeit. Im Oktober des Jahres 2006 wurde in den USA ein neues Anti-Terror-Gesetz verabschiedet. Ein Teil dieses Gesetzes beschäftigt sich mit den Methoden, die zur Befragung von Verdächtigen eingesetzt werden können. Während Schlafentzug in der Vergangenheit immer wieder als probates Mittel im Verhör benutzt wurde besonders gern vom KGB im Kalten Krieg und vermutlich auch heute in den USA, ist inzwischen eine Diskussion darüber entbrannt, ob Schlafentzug als Folter aufzufassen ist und nach der Genfer Konvention von 1949 als unzulässig einzustufen ist. Es gibt Befürworter und Gegner.

Schlafentzug kann aber auch ungewollt entstehen. Menschen, die nächtelang, gar wochen- und jahrelang nicht gut schlafen können, werden die Pein des Träumers im Traum verstehen. Oft werden sie dafür belächelt: Nicht schlafen können, das ist doch keine Krankheit, heißt es oft. Sie gehen von Arzt zu Arzt, doch nirgendwo kann ihnen wirklich geholfen werden. Sie empfinden Ihre Schlafstörung vielleicht nicht direkt als Folter, wenngleich es dem doch sehr nahekommt. Sie sind bereit, alles zu tun, um von Ihrem Leid befreit zu werden. Sie schlucken Tabletten, in der Hoffnung, wieder einmal richtig gut schlafen zu können. Mehr als 30 Prozent aller Erwachsenen in der zweiten Lebenshälfte leiden unter chronischen Schlafstörungen. Je älter wir werden, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir an einer Schlafstörung leiden werden. Aber die gute Nachricht ist, dass sich fast alle Schlafstörungen behandeln lassen. Je früher man sich in die Behandlung eines Schlafspezialisten begibt, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Störung behoben werden kann.

EINLEITUNG

Wir alle schlafen manchmal schlecht. Entweder können wir überhaupt keinen Schlaf finden und wälzen uns von einer Seite auf die andere. Oder wir schlafen rasch ein, erwachen jedoch nach kurzer Zeit, starren hellwach ins Leere und beginnen zu grübeln. Manchmal fühlen wir uns am Tag wie gerädert, obwohl wir glauben, eigentlich ausreichend geschlafen zu haben. Doch wann handelt es sich um eine harmlose, vorübergehende Schlafstörung und wann ist der Besuch eines Arztes ratsam? Was können wir selbst tun, um unsere Schlafqualität zu verbessern? Wer ist besonders empfänglich für Schlafstörungen? Welche Schlafstörungen gibt es überhaupt und wie können sie behandelt werden?

Schlafstörungen haben viele Gesichter und Ursachen. Sie können jeden treffen, egal ob jung oder alt, Mann oder Frau. Gleichwohl treten Schlafstörungen in der zweiten Lebenshälfte, das heißt nach dem 50. Lebensjahr, besonders häufig in Erscheinung. Erst in den letzten Jahren hat sich die Wissenschaft vermehrt der Erforschung der Zusammenhänge von Schlaf und Alter gewidmet – nicht ohne Grund, denn wir Menschen werden immer älter. Deutliche Verbesserungen der sozioökonomischen Gegebenheiten und die Fortschritte in der medizinischen Forschung und Versorgung während der letzten Jahrzehnte haben hierzu maßgeblich beigetragen.

Im Jahr 1998 waren 16 Prozent der Deutschen älter als 64 Jahre. Dieser Anteil wird bis zum Jahr 2020 auf 23 Prozent und bis zum Jahr 2050 auf 32 Prozent anwachsen. Die Lebenserwartung wird bis zum Jahr 2050 um weitere zehn Jahre steigen.

Während unsere Politiker verzweifelt versuchen, an der Geburtenschraube zu drehen und Konzepte zur Erhöhung des Renteneinstiegsalters zu entwickeln, machen sich Forscher Gedanken darüber, wie die natürlichen biologischen Veränderungen, die mit dem Altern einhergehen, in der Form beeinflusst werden können, dass Älterwerden nicht zwangsläufig mit einer Einschränkung der Lebensqualität gleichzusetzen ist. Zentraler Bestandteil der viel beschworenen Lebensqualität ist zweifelsfrei der Schlaf. Zahlreiche Studien belegen, dass Komponenten von Lebensqualität wie die Fähigkeit, tägliche Einkäufe selbst zu verrichten, sich selbst anzuziehen, die Zähne zu putzen und soziale Funktionen wahrzunehmen, davon abhängen, wie gut man schläft. Bekommt man während der Nacht kein Auge zu, ist man morgens wie gerädert, kann sich nicht konzentrieren und möchte auch nicht so recht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Doch was bedeutet Schlaf eigentlich für unser Leben, wie lange schlafen wir, wer außer uns Menschen ist auf ein erholsames Nickerchen angewiesen und seit wann ist das Phänomen „Schlaf“ überhaupt nachweisbar?

Der Schlaf – älter als die Menschheit

Die Forschung geht davon aus, dass der Schlaf mit der Entwicklung des Lebens außerhalb des Wassers vor 600 Millionen Jahren entstanden ist. Zwar gibt es keine Anzeichen dafür, dass Fische wie Menschen schlafen, doch zeigen auch sie Phasen geringerer Aktivität. Bei Säugetieren wie Delfinen oder Walen indes ist Schlaf eindeutig nachweisbar. Auch die meisten anderen Lebewesen auf der Erde brauchen Schlaf. Wäre der Schlaf nicht für das Überleben des Menschen wichtig, hätte die Evolution ihn schon lange wegrationalisiert.

Kostbares Lebenselixier

Seit Menschengedenken verbringen wir ein Drittel unserer wertvollen Lebenszeit schlafend. Wie viel mehr könnten wir schaffen, wenn wir nicht schlafen müssten! Sicherlich haben auch Sie schon einmal versucht, mit weniger Schlaf auszukommen, etwa wenn Sie aufgrund beruflicher Erfordernisse weniger schlafen oder eine weite Reise mit dem Auto antreten wollen und dafür einige Stunden früher als üblich aufstehen. Der Preis, den Sie dafür entrichten müssen, ist immer derselbe: Müdigkeit. Müdigkeit ist ein Alarmsignal unseres Körpers. Dieses Signal sagt uns, dass wir Schlaf brauchen. Je länger wir dieses Signal ignorieren, desto stärker wird es. Damit ist Schlaf ein Grundbedürfnis unseres Körpers wie Essen und Trinken. Experimenteller Schlafentzug bei Tieren führt nach 20 bis 30 Tagen unweigerlich zum Tod.

Schlaf und Lebensalter

Ob Jung oder Alt, alle brauchen Schlaf. Allerdings ändert sich das Schlafbedürfnis mit zunehmendem Alter. Je älter wir werden, desto weniger Schlaf benötigen wir.

Entgegen anders lautenden Behauptungen ändert sich das Schlafbedürfnis nach dem 50. Lebensjahr jedoch nicht mehr wesentlich. Es liegt derzeit bei siebeneinhalb Stunden. Diese siebeneinhalb Stunden beanspruchen aber immerhin noch fast ein Drittel des gesamten Tages.

Obwohl die Schlafdauer nach dem Erwachsenwerden nahezu gleich bleibt, beeinflussen wichtige Veränderungen des Lebensrhythmus während der zweiten Lebenshälfte dennoch entscheidend unser Schlafverhalten und unsere Schlafqualität. Zahlreiche Studien belegen, dass ältere Menschen verstärkt Probleme mit dem Durchschlafen haben. Sie wachen nachts häufiger auf und haben mitunter erhebliche Schwierigkeiten, wieder einzuschlafen. Eine vor wenigen Jahren durchgeführte Studie ergab, dass 15 bis 45 Prozent der älteren Menschen Probleme mit dem Einschlafen und 20 bis 65 Prozent Probleme mit dem Durchschlafen haben. Frauen sind überdurchschnittlich häufiger von Ein- und Durchschlafstörungen betroffen als Männer. Die Ursachen unzureichenden Schlafes während der zweiten Lebenshälfte sind mannigfaltiger Natur. So können beispielsweise zugrunde liegende Erkrankungen, die Einnahme bestimmter Medikamente oder schwierige Lebenssituationen unsere Schlafqualität erheblich beeinträchtigen.

Sie haben vielleicht auch schon erlebt, was es bedeutet, wenn man nicht gut schlafen kann. Dieses Buch soll Ihnen verdeutlichen, dass Sie mit Ihrem Problem keineswegs allein dastehen. Aus der Sicht eines Schlafforschers und klinisch tätigen Arztes möchte ich Ihnen die Welt des Schlafes näher-bringen. Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie verstehen, dass der Schlaf kein inaktiver Zustand ist, sondern ein strukturiert ablaufendes Programm, das Ihren Körper auf die Anforderungen des bevorstehenden Tages vorbereitet. Sie werden erfahren, dass Schlafstörungen in der zweiten Lebenshälfte keineswegs eine Ausnahmeerscheinung verkörpern.

Ich möchte Sie über besonders häufige Formen der Schlafstörung sowie deren potenzielle Ursachen und Erscheinungsformen informieren und Ihnen Tipps vermitteln, wie Sie diesen Schlafstörungen vorbeugen können. Das Buch soll Sie darin unterstützen, zu erkennen, wann es an der Zeit ist, sich in die Obhut eines Arztes zu begeben, und wie Sie geeignete Spezialisten finden können, damit am Ende Ihrer Bemühungen der Behandlungserfolg steht. Ich werde mir in diesem Buch jederzeit Mühe geben, Sie nur über die medizinischen Methoden zu informieren, die als wissenschaftlich anerkannt gelten. Denn nur was nachprüfbar Erfolg beschert, wird Ihnen am Ende etwas nützen. Wenn ich auf „alternative Methoden“ eingehe, werde ich sie auch so kennzeichnen, damit Sie wissen, was belegt und was nicht belegt ist.

1 NORMALER SCHLAF

Ohne Schlaf würden wir sterben – schliefen wir dauernd, könnten wir nicht leben.

Was ist Schlaf?

Schlaf ist ein umkehrbarer Verhaltenszustand, der mit einer weit gehenden Sinnesabkopplung von der Außenwelt verbunden ist. Im Schlaf können wir auf äußere Reize nur bedingt reagieren. Der Schlaf selbst gliedert sich in zwei Zustände: den REM-Schlaf (aus dem Englischen: Rapid Eye Movement, was so viel heißt wie schnelle Augenbewegungen) und den NREM-Schlaf (Non Rapid Eye Movement, übersetzbar als ohne schnelle Augenbewegungen). Unser Schlaf kann also in den traumlosen Schlaf und den Traumschlaf untergliedert werden. Starke äußere Reize wie sehr laute Geräusche oder sehr helles Licht können zum Erwachen führen, bestimmte Gerüche hingegen reißen uns seltener aus dem Schlaf. Die Fähigkeit, bedingt starke Reize auch im Schlaf wahrzunehmen, trägt wesentlich zur Überlebensfähigkeit der Menschen und Tiere bei. Der Schlaf vereint sowohl die lebenswichtige Erholung des Körpers als auch die Fähigkeit, auf Gefahrensituationen zu reagieren. Die Mechanismen, die diese Fähigkeiten steuern, befinden sich im entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil des menschlichen Gehirns, dem Stammhirn.

Wenn die äußeren Reize eine gewisse Schwelle überschreiten, leiten Zellen im Stammhirn diese an das Großhirn weiter. Umgehend erwachen wir, damit unser Körper auf den Reiz, das heißt auf die potenzielle Gefahr, reagieren kann. Im Gegensatz zu nachtaktiven Tieren ist der Mensch in der Dunkelheit ziemlich hilflos. Seit Beginn der Menschheit war er daher gezwungen, sich einen möglichst sicheren Platz in der Dunkelheit zu suchen, um in aller Ruhe seine Batterien aufladen zu können – mit anderen Worten: zu schlafen. Wenn wir schlafen, haben wir einen verminderten Energiebedarf. Würden wir nicht schlafen, müssten wir mehr Nahrung zu uns nehmen – in Zeiten vermehrter Nahrungsknappheit durchaus ein Problem! Alles in allem sind Wachheit und Schlaf Ereignisse, die eng mit Rhythmen verknüpft sind, die von außen auf uns einwirken. Die Erdumdrehung verursacht den Wechsel von Licht und Dunkelheit, an den sich der Mensch mit seinem Schlaf-Wach-Verhalten angepasst hat. Und es bedarf ungefähr 16 Stunden Wachheit, damit sich langsam ein Gefühl der Müdigkeit aufbauen kann, das uns signalisiert: Es ist Zeit, zu schlafen. Während des Schlafes wird dieses Gefühl der Müdigkeit langsam wieder abgebaut, bis wir uns am Morgen wieder frisch fühlen. Je länger wir wach sind, desto ausgeprägter ist unser Müdigkeitsgefühl.

Im Laufe der vergangenen 40 Jahre haben sich zahlreiche Forscher mit den Abläufen im Körper beschäftigt, die zum Verhaltenszustand des Schlafes führen. Während unsere Muskeln im Schlaf nur zehn Prozent der Energie verbrauchen, die sie bei Höchstleistung am Tag beanspruchen würden, sind die Unterschiede beim Energieverbrauch des Gehirns viel geringer ausgeprägt: Im Ruhezustand beansprucht das Gehirn immerhin 20 Prozent des gesamten Körperenergiebedarfs, obwohl es nur zwei Prozent des Gesamtkörpergewichts ausmacht. Das Gehirn bleibt im Schlaf äußerst aktiv, obgleich sich unser Körper in einem inaktiven Zustand zu befinden scheint. Diese Hirnaktivität ist messbar und in bestimmten Phasen des Schlafes sogar größer als im Wachzustand.

Warum schlafen wir?

Wenn man bedenkt, dass die menschliche Evolution mehr als eine Million Jahre überbrückt und wir immer noch schlafen müssen, stellt sich die Frage, warum. Tatsache ist, dass die Schlafforschung immer noch keine eindeutige Antwort darauf gefunden hat. Es gibt eine Reihe verschiedener Theorien, von denen eine zurzeit besonders plausibel erscheint. Vergleichende Untersuchungen an Säugetieren haben ergeben, dass die Schlafdauer eng mit der Größe des Organismus verbunden ist: Je größer ein Organismus, desto weniger Schlaf braucht er. Während Menschen sieben bis acht Stunden pro Tag schlafen, schläft ein Elefant nur drei Stunden. Je größer ein Säugetier ist, desto höher ist sein Stoffwechsel.

Stoffwechsel produziert Wärme und dabei entstehen Substanzen, die Zellen schädigen können. Wenn man Fleisch auf dem Grill zu stark erhitzt und es anbrennt, entstehen Stoffe, die Krebs erregend sind. Im Schlaf hingegen wird die Körpertemperatur reduziert. Das ermöglicht, schadhafte Zellen auszuwechseln. In den vergangenen Jahren wurden im Gehirn des Menschen Zellen entdeckt, die den Schlaf einleiten können. Je höher die Körpertemperatur ist, desto mehr dieser Zellen sind aktiviert. Somit ist es nicht verwunderlich, dass wir nach einem warmen Bad müde sind.

Diese Fortschritte im Verständnis über den Schlaf des Menschen verdanken wir maßgeblich der Entwicklung verschiedener schlafmedizinischer Untersuchungsmethoden. Doch obgleich der Schlaf für den Menschen schon immer eine große Bedeutung hatte, gilt die Schlafmedizin in den USA erstaunlicherweise erst seit 1996 und in Deutschland sogar erst seit 2005 als anerkannte medizinische Fachrichtung.

Geschichte der Schlafmedizin

Licht im jahrtausendelangen Dunkel menschlichen Verhaltens

Die Vorstellungswelt früher Kulturen brachte den Schlaf in eine enge Verbindung mit dem Tod. So war der griechische Gott des Schlafes, Hypnos, ein Zwillingsbruder des Gottes des Todes, Thanatos. Immer wieder wurde versucht, eine Erklärung für das Phänomen „Schlaf“ zu liefern. Frühe Erklärungsversuche in vorchristlicher Zeit besagten, dass sich die Blutgefäße des Gehirns im Laufe des Tages immer stärker füllen und so der Schlaf entsteht. Mit dem Schlaf würde dann eine langsame Entleerung stattfinden, die zu einer Rückkehr des Wachzustandes führt. Der Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und Müdigkeit veranlasste andere zu glauben, dass Verdauungsdämpfe langsam in das Gehirn aufsteigen und so den Schlaf hervorrufen. Im frühen 20. Jahrhundert kam eine Theorie auf, die besagte, dass sich während der Wachphase zunehmend ein Giftstoff bildet, der als Hypnotoxin bezeichnet wurde und von dem man annahm, den Zustand des Schlafes auszulösen. Um dies zu beweisen, wurde das gesamte Blut eines wachen Hundes mit dem eines müden Hundes ersetzt. Als dieser Hund keine Anzeichen von Müdigkeit, geschweige denn Schlaf bot, musste diese Theorie verworfen werden.

Grundlagen der modernen Schlafforschung

Die Geburt der modernen Schlafforschung wurde erst durch die Entdeckung der elektrischen Aktivität des Gehirns durch Caton im Jahr 1887 möglich. Er verstärkte die geringen elektrischen Ströme im Großhirn von Tieren und konnte so die Aktivität der Hirnzellen sichtbar machen. Im Jahr 1929 gelang es dem Jenaer Psychiater Hans Berger, diese elektrischen Ströme auch von der Kopfhaut des Menschen abzuleiten. Das EEG (Elektroenzephalogramm) wurde so zur Grundlage der Erforschung des Schlafes, da die hirnelektrische Aktivität in Abhängigkeit vom Bewusstseinszustand unterschiedliche Muster bietet.

Als unumstrittener Pionier der Schlafmedizin gilt jedoch Nathaniel Kleitman. Er wurde im Jahr 1895 in Russland geboren und war als Arzt in Palästina tätig. Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges flüchtete er in die USA und wurde Professor für Physiologie an der Universität von Chicago. Er war der Erste, der die Erforschung des Schlafes kontinuierlich betrieb, und veröffentlichte im Jahr 1939 das damals umfassendste Werk über den Schlaf: „Sleep and Wakefulness“. Endgültigen Ruhm erlangte er durch die Entdeckung der schnellen Augenbewegungen (Rapid Eye Movements, REM) im Traumschlaf.

Schon zuvor war vereinzelt darüber berichtet worden, dass bei einschlafenden Menschen unter den geschlossenen Augenlidern langsame, rollende Augenbewegungen zu beobachten sind. Um nicht die ganze Nacht die Augen kontrollieren zu müssen, kam Kleitman auf die Idee, einen seiner Studenten damit zu beauftragen, Sensoren dicht an den Augen zu positionieren, die die elektrische Aktivität der sich bewegenden Augen aufzeichnen konnten. Dabei stellten sie fest, dass sich die Augen unter den Lidern nicht nur beim Einschlafen bewegen. Auch während des Schlafes kam es wiederholt zum Auftreten von Augenbewegungen. Allerdings waren die Augenbewegungen während des Schlafes viel schneller als beim Einschlafen.

Anfangs wurde dieser Entdeckung keine besondere Bedeutung zugeschrieben. Dann jedoch begannen die Forscher zu mutmaßen, dass die schnellen Augenbewegungen (REM) mit dem Träumen in Verbindung stehen könnten. Zu dieser Zeit (1952) wurden die Hirnströme und Augenbewegungen nicht während der gesamten Nacht aufgezeichnet. Die Schlafprobanden wurden in einer Phase mit schnellen Augenbewegungen geweckt und berichteten auffallend häufig von unmittelbar vorangegangenen Träumen. Erst als ein weiterer Student Kleitmans, William Dement, 1953 die Hirnströme und Augenbewegungen während der gesamten Nacht aufzeichnete, stellte er fest, dass bestimmte Muster der Hirnströme während einer gesamten Nacht eine eigentümliche, organisierte Abfolge aufwiesen. Er unterteilte die Muster in vier verschiedene Kategorien. In keinem dieser vier Schlafstadien konnte er schnelle Augenbewegungen beobachten. Diese traten isoliert von den anderen vier Hirnstrommustern auf. Zudem entdeckten die Forscher, dass die elektrischen Hirnstromkurven während der Schlafphasen dem elektrischen Hirnstrommuster bei Wachheit ähnelten. Sie hatten damit ein fünftes Hirnstrommuster im Schlaf entdeckt: den REM-Schlaf. Sie bezeichneten die Hirnstrommuster als Schlafstadien und betitelten die vier ersten als Schlafstadien ohne schnelle Augenbewegungen: Non-REM-Schlaf (NREM).

Schnell erkannten sie, dass die beiden Schlafzustände NREM- und REM-Schlaf unterschiedliche Funktionszustände des Gehirns im Schlaf darstellten, die verschiedene Auswirkungen auf den Gesamtorganismus haben und durch unterschiedliche Mechanismen im schlafenden Gehirn eingeleitet und aufrechterhalten werden. Auf Basis dieser neuen Erkenntnisse konnte sich die Schlafmedizin in den letzten 50 Jahren rasant entwickeln und als anerkannte Fachrichtung in der ganzen Welt verbreiten.

Von der Entdeckung des Traumschlafes im Jahr 1952 an sollten noch weitere zehn Jahre vergehen, bis William Dement die erste Klinik für Schlafstörungen an der Stanford Universität in Kalifornien eröffnete. Im Jahr 1970 trat ein junger französischer Neurologe, Christian Guilleminault, dem Stanford-Team bei. Guilleminault hatte zuvor an der Universität von Paris beobachtet, dass es Menschen gibt, bei denen sich während der Nacht lange, häufig wiederkehrende Atemstillstände nachweisen lassen. Da der Leiter seiner Abteilung nicht an eine solche Atmungsstörung im Schlaf glaubte und es ihm untersagte, auf diesem Gebiet weiterzuforschen, entschied er sich 1970, an die Stanford Universität zu wechseln. Dort beschrieb er dann in den folgenden Jahren das Obstruktive Schlafapnoesyndrom, das durch periodische Verschlüsse im Bereich des Schlundes zu Atemstillständen im Schlaf und zu Müdigkeit am Tag führt. Viele Menschen, insbesondere in höherem Lebensalter, sind vom Schlafapnoesyndrom betroffen.

Ich selbst hatte das Glück, während meines Medizinstudiums an der Philipps Universität in Marburg im Schlaflabor zu arbeiten und dort meinen späteren Freund und langjährigen Mentor Christian Guilleminault als Gastprofessor im Jahr 1986 persönlich kennen zu lernen. 1988 wechselte ich an die Stanford Universität, wo ich gemeinsam mit William Dement und Christian Guilleminault an verschiedenen schlafmedizinischen Forschungsprojekten arbeitete.

Die Entwicklung der Schlafmedizin als eigenständiges Fach in der Medizin wurde entscheidend durch die Möglichkeit der Ableitung von Hirnstrommustern während des Schlafes geprägt. Bis in die Mitte der 1960er-Jahre waren die Forscher meistens mit beschreibenden Untersuchungen beschäftigt. Erst in den 1970er-Jahren begann man, die Auswirkungen von Störungen im Schlaf auf den Gesamtorganismus und seine Funktion am Tag zu untersuchen. In der Folge wurden mehr als 80 Schlafstörungen beschrieben. Ihre Ursachen sind ebenso vielfältig wie ihre Behandlungsmöglichkeiten. Widmeten sich früher Ärzte verschiedenster Fachrichtungen dem gestörten Schlaf ihrer Patienten, stehen uns heute mit den Schlafmedizinern Ärzte zur Verfügung, die sich auf diesen wichtigen Bereich der Medizin spezialisiert haben.

Die innere Uhr

Wecker in unserem Gehirn

Seit 1972 kennen wir die Zellen im Gehirn, die die innere Uhr steuern. Dabei handelt es sich um ca. 20.000 Hirnzellen (suprachiasmatische Kerne), die sich sehr nah an den Sehnerven befinden. Diese Lage erklärt, warum die innere Uhr auf Lichtreize reagieren kann. Die Nervenzellen der inneren Uhr haben einen inneren Schwingungsrhythmus, der auf äußere Reize wie Licht, Nahrungsaufnahme und soziale Interaktionen ansprechen kann. Diese äußeren Faktoren werden auch als Zeitgeber bezeichnet.

Die suprachiasmatischen Kerne können so Einfluss auf die Bildung und den Abbau verschiedener Substanzen im Gehirn nehmen, die unser Schlaf-Wach-Verhalten steuern. Dazu sind diese Zellen mit anderen Strukturen im Gehirn verbunden, wie zum Beispiel mit der Zirbeldrüse, welche die Ausschüttung des wichtigen Schlafhormons Melatonin steuert. Die Konzentration dieses Hormons im Gehirn steigt in der Nacht und fällt mit Tagesanbruch bzw. bei Tageslicht.

Im Gegensatz zu käuflichen Uhren hat unsere innere Uhr einen Rhythmus von 25 Stunden. Dieser Rhythmus wird auch als zirkadianer Rhythmus bezeichnet und bedeutet so viel wie „ungefähr ein Tag“. Würden wir unsere innere Uhr nicht jeden Tag mithilfe der Zeitgeber wieder um eine Stunde zurückstellen, würden wir jeden Tag eine Stunde später ins Bett gehen und eine Stunde später aufstehen. Genau dies würde passieren, wenn Sie sich für mehrere Tage und Nächte in eine dunkle Höhle ohne Uhr begeben würden. Der Tag-und-Nacht-Rhythmus, der sich dann einstellt, wird als freilaufender Rhythmus bezeichnet.

In unserem täglichen Leben können Situationen entstehen, in denen unsere innere Uhr falsche Informationen erhält. Störungen des Schlaf- Wach-Rhythmus können auftreten. Die wichtigsten Ursachen für zirkadiane Störungen sind Schichtarbeit und Jetlag. Unter beiden Bedingungen ist der Körper im Wachzustand, während die innere Uhr auf Ruhe und Schlaf steht. Hat der Schichtarbeiter seine Arbeit verrichtet und möchte sich endlich schlafen legen, signalisiert ihm seine innere Uhr leider Aktivität. Dies führt dazu, dass Schichtarbeiter schlechter durchschlafen und unter chronischem Schlafmangel leiden können.

Studien haben gezeigt, dass helle Lichteinwirkung am nächtlichen Arbeitsplatz und strikte Dunkelheit und Geräuschdämmung während der Schlafphase die innere Uhr schneller an die arbeitsbedingten Erfordernisse anpassen können. Ebenso verhält es sich mit dem Jetlag. Wenn Sie mehrere Zeitzonen innerhalb kurzer Zeit mit dem Flugzeug zurücklegen, hat Ihre innere Uhr eine andere Einstellung als die Uhren der neu bereisten Region. Die innere Uhr braucht etwa einen Tag, um sich um eine Stunde zu verschieben. Wenn Sie also nach New York fliegen würden (sechs Stunden Rückverschiebung), bräuchten Sie ca. sechs Tage, um sich an die dortigen Tag- und Nachtzeiten zu gewöhnen. Diese Anpassungsdauer kann durch Lichteinwirkung verkürzt werden. Daher sollten Sie sich bei Reisen in andere Zeitzonen möglichst häufig hellem Tageslicht aussetzen.

Gehirn und Schlaf

Schlafen ist wie Urlaub für das Gehirn

Der Schlaf ist für den Körper ein Ruhezustand und für das Gehirn ein Zustand der Bewusstlosigkeit. Trotzdem müssen wichtige Körperfunktionen wie Atmung und Blutkreislauf aufrechterhalten werden, die Organe weiterarbeiten. Außerdem werden im Schlaf die wesentlichen Voraussetzungen für den Austausch beschädigter Zellen geschaffen. Speziell das Gehirn reduziert seine Aktivität zwar zu Beginn der Schlafphase, doch während der Nacht verändert es mehrfach sein Aktivitätsniveau. Als übergeordnete Schaltzentrale unseres Körpers bestimmt es, wann wir aktiv sind und wann wir ruhen müssen. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, sind die Nervenzellen im Gehirn miteinander verschaltet. Informationen zwischen den Nervenzellen werden mittels biochemischer Botenstoffe, die als Neurotransmitter bezeichnet werden, ausgetauscht.

Die schlafmedizinische Forschung der vergangenen 20 Jahre hat sich darauf konzentriert, bestimmte Areale oder Nervenzellen und Neurotransmittter im Gehirn zu identifizieren, die den Schlaf einleiten und aufrechterhalten. Bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts hatte ein österreichischer Arzt rumänischer Herkunft, Konstantin von Economo, festgestellt, dass bei der Schlafkrankheit, die durch eine Entzündung des Gehirns ausgelöst wird, bestimmte Areale im Zwischenhirn geschädigt werden können. Er schloss daraus, dass sich das Schlafzentrum im Zwischenhirn befinden muss. Heute wissen wir, dass der Hirnstamm eine einleitende Funktion für den Schlaf besitzt und das Zwischenhirn den Schlaf-Wach-Rhythmus regelt. Das Großhirn, das entwicklungsgeschichtlich jünger ist als das Stamm- und Zwischenhirn, stellt ein übergeordnetes System dar, welches abstrakte Funktionen und komplexe Vorgänge wie die sprachliche Kommunikation regelt.

Die wissenschaftlichen Untersuchungen der vergangenen 50 Jahre beweisen, dass der Schlaf nicht durch eine einfache Verminderung der allgemeinen Hirnaktivität zustande kommt, sondern durch ein spezielles Muster von Hemmung und Aktivierung bestimmter Areale und Nervenzellen in verschiedenen Regionen des Gehirns.

Schlaf ist wie ein Computerprogramm

Unterschiedliche Schlaftiefen

Computer werden gern mit dem menschlichen Gehirn verglichen und zunehmend dem menschlichen Gehirn vorgezogen. Ein wesentlicher Grund dafür ist vielleicht, dass unsere PCs nicht schlafen müssen, 24 Stunden rund um die Uhr arbeiten können und recht preisgünstig geworden sind. Allerdings sind sie nur so gut wie die Programme, die auf ihnen abgespeichert werden, und diese werden immer noch von Menschen entwickelt. Auch ist unser Gehirn jedem auf der Welt befindlichen Computer bis heute auf zwei zentralen Sektoren überlegen: der „Speicherkapazität“ und der „Prozessorengeschwindigkeit“.

Ein Computerprogramm läuft nach festgelegten Regeln ab. Diese müssen programmiert werden und können anschließend unzählige Male in derselben Form ablaufen. Mit unserem Schlaf ist es ähnlich. Sind wir eingeschlafen, läuft ein biologisches Programm ab, in dem die unterschiedlichen am Schlaf beteiligten Nervenzellen verschiedener Hirnareale miteinander ein Konzert veranstalten. Dabei spielen die Teilnehmer des Konzertes auf Anweisung eines Dirigenten harmonisch miteinander. Je mehr Nervenzellen die gleiche Note spielen, desto synchronisierter ist ihr Zusammenspiel. Dies geschieht besonders im Tiefschlaf der NREM-Schlafstadien 3 und 4. Im EEG, dem elektrischen Summenpotenzial des Großhirns, kann dies in Form langsamer Wellen hoher elektrischer Amplitude sichtbar gemacht werden.

Im Leichtschlaf der Stadien NREM 1 und 2 ist die Aktivität der Nervenzellen des Gehirns weniger synchronisiert.Dies schlägt sich in niedrigeren und schnelleren Summenpotenzialen der elektrischen Aktivität des Gehirns nieder.