Wenn die Welt plötzlich kopfsteht - Caroline Bohn - E-Book

Wenn die Welt plötzlich kopfsteht E-Book

Caroline Bohn

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Beschreibung

Die Gefühle sind im Wandel und innerlich herrscht Aufruhr. Und dabei stehen familiäre Veränderungen, berufliche Umbrüche, neue Lebensentwürfe, die Wechseljahre, das eigene Älterwerden an. Wie können Frauen mit der Sehnsucht nach Rückzug, erhöhter Empfindsamkeit, mit der neuen Unruhe, aber auch den Versprechungen eines Neuanfangs gut umgehen? - Caroline Bohn weist Leserinnen einen Weg durch die Gefühlswelt in der Lebensmitte und gibt Impulse, wie Frauen in dieser Zeit gut für sich sorgen können.

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Caroline Bohn

Wenn die Welt plötzlich Kopf steht

Gefühle in der Lebensmitte

In Liebe und stiller Erinnerung an

Thomas Bohn

Impressum

Titel der Originalausgabe: Entdecken, was wirklich zählt. Gefühle in der Lebensmitte

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011

ISBN: 978-3-451-61053-0

© Taschenbuchausgabe

Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015

ISBN: 978-345-106781-5

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © shutterstock

Autorinnenfoto: © privat

E-Book-Konvertierung: epublius GmbH, Berlin

ISBN (Buch): 978-3-451-06781-5

ISBN (E-Book): 978-3-451-80534-9

Inhalt

Vorwort

Teil I: Wenn die Welt plötzlich kopfsteht

Veränderungen wühlen auf

Übergangsphasen – Leben im Schwebezustand

Der erste Impuls – oder: Wie alles beginnt

Die Themen: Familie, Job und Freizeit

Teil II: Die große Welt der Gefühle

Von Selbstansprüchen und Werten

Teil III: Was sind das für Gefühle und wie gehe ich damit um?

1. Selbstzweifel: Das Gefühl, nicht richtig zu sein

2. Überrumpelungsfalle: Das Gefühl, ständig zu tun, was andere wollen

3. Sehnsucht nach Rückzug: Das Gefühl, viel mehr Ruhe und Zeit für sich zu brauchen

4. Empfindsam und empfindlich: Das Gefühl der tausendfach geschärften Sinne

5. Sexualität – im Moment, nein Danke: Das Gefühl einer veränderten Körperlichkeit

6. Einladungen und Treffen? Ohne mich: Das Gefühl »Ich möchte nicht«

7. Unruhe und Getriebenheit: Das Gefühl der Hamsterfrau im Rad

8. Sorgen und Gedankenkreisen: Das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein

9. Altern? Ja, aber bitte mit Würde: Das Gefühl vor einer Reise durch ein unbekanntes Land

10. Neuanfang? – Ein verlockender Gedanke: Das Gefühl »Jetzt will ich es wagen«

Zum Schluss

Mein inniger Dank gilt

Empfehlungen und Hinweise

Literatur

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Vorwort

Sie stellen gerade Ihr ganzes Leben infrage? Sie fühlen sich ständig unruhig und getrieben? Sie sehnen sich nach Ruhe und Rückzug? Sie sind zurzeit unglaublich empfindlich? Vermutlich sind Sie in einem Alter um die 40, 45Jahre oder auch älter. Dann ist dieses Buch genau richtig für Sie. Warum? Weil sich gerade in der Mitte des Lebens vieles verändert – aber vor allem Ihr Gefühlsleben.

Vielleicht merken Sie: Was sonst immer in Ordnung war, ist nun auf einmal nicht mehr im Lot. Und das, was Sie bisher toleriert haben, wollen Sie sich nun nicht mehr gefallen lassen. Sie spüren, wie Ihre Gefühlswelt immer stärker in den Mittelpunkt rückt und Sie immer öfter unzufrieden sind. Möglicherweise wundert Sie dieses seltsame Innenleben und Sie fragen sich: »Sind das vielleicht schon die Wechseljahre?« Schließlich zieht sich die Zeit bis zur Menopause ja eine ganze Weile hin. Nur wie lange? Und wann beginnt sie eigentlich genau? Oder gehören Sie zu den Frauen, die gar nicht weiter nachfragen, sondern einfach nur denken: »Hoffentlich ist dieses heillose Durcheinander bloß bald vorbei.«

Aus meiner Arbeit weiß ich, dass viele Frauen in der Lebensmitte sehr verunsichert sind. Da tauchen Fragen auf wie: »Was ist nur los mit mir? Warum fühle ich mich auf einmal so anders? Warum bin ich so oft gereizt und angespannt? Und weshalb bin ich bloß so häufig niedergeschlagen und erschöpft?« Die meisten wissen darauf keine Antwort. Dabei sind dies die Vorboten der Gefühlsveränderungen, die sich in der Mitte des Lebens einstellen. Und ja, auch wenn es seltsam für Sie klingt: Ab 40, 45Jahren sind Sie in der Lebensmitte.

In dieser Zeit vollziehen sich auch hormonelle Veränderungen, die für manche Frauen zu mehr oder weniger starken körperlichen Beschwerden führen. Was allerdings viel zu wenig beachtet wird: Auch unsere Gefühle wandeln sich – und das oft mit erheblichen Turbulenzen. Die enorme Veränderung der Gefühlswelt wird jedoch erstaunlicherweise im Zusammenhang mit dem Thema Wechseljahre oft nur am Rande diskutiert. Dabei geraten doch gerade jetzt die Emotionen in Wallung.

»Lebensmitte? Da geht es mit den Gefühlen doch erst richtig los«, brachte es eine Frau aus meinem Coaching auf den Punkt. Denn die eigene Gefühlswelt wird in dieser Zeit von vielen Frauen besonders intensiv und oft überwältigend erlebt. Geringste Ereignisse bekommen auf einmal eine viel größere Bedeutung als bisher. Und von jetzt auf gleich braust die Stimmung unkontrolliert nach oben oder rutscht unerklärlich in den Keller. Die Gefühle nehmen nun insgesamt viel mehr Raum ein. Und obwohl das für viele Frauen sehr belastend ist, werden sie mit ihren Problemen und Sorgen in dieser Zeit ziemlich alleine gelassen. Vielleicht erleben Sie das ähnlich. Haben Sie auch hin und wieder das Gefühl, als steckten Sie in einem Niemandsland? Während junge Frauen in Hinblick auf Familienplanung und berufliche Perspektiven inzwischen politisch stärker gefördert werden, scheinen Sie auf der Strecke zu bleiben. Es drängt sich der Gedanke auf, als bliebe die Lebensspanne von Frauen zwischen 40 und 65Jahren geradezu ausgespart.

»Ich weiß irgendwie überhaupt nicht mehr, wo ich hingehöre. Ich bin zwar nicht mehr jung, aber alt fühle ich mich auch nicht«, sagte eine Teilnehmerin mit Anfang 50 aus meinem Seminar.

Beruflich kämpfen viele Frauen in der Lebensmitte um den Wiedereinstieg oder sie konkurrieren – offen oder verdeckt – in der Firma mit jüngeren Kolleginnen. Und privat sieht es oft nicht besser aus. Viele Sorgen breiten sich anscheinend immer stärker aus. Das erkennbare Altern verunsichert und manches wird hinterfragt, was bislang selbstverständlich war. In dieser Zeit wären Unterstützung, Verständnis und Rücksicht von Partner und Familie eine große Hilfe. Doch viele Frauen erfahren genau das Gegenteil. Denn Sie werden mit dem, was sie fühlen, häufig überhaupt nicht ernst genommen. Statt Verständnis und Hilfe erhalten Sie abfällige Bemerkungen oder negative Kommentare. Kein Wunder, dass sie sich manchmal einsam und ausgegrenzt fühlen.

In der Lebensmitte findet ein Wandel der Gefühle statt, den wir alle nicht umgehen können. Und es geht hier um weitaus mehr als eine Hormonumstellung in den Wechseljahren! Wir erlangen viele neue Einsichten, aber auch alte Wunden treten plötzlich wieder deutlicher hervor, um sie in dieser Zeit endgültig zu heilen.

Doch viele Frauen meinen, sie müssten all das nur irgendwie ganz schnell hinter sich bringen. Wenn Sie auch dazugehören, dann sollten Sie Folgendes bedenken: Diese Lebensphase, in der Sie sich befinden, ist eine ganz besondere Zeit. Es ist kostbare Lebenszeit – und zwar Ihre Lebenszeit! Und Lebensphasen, in denen sich viel verändert, in denen Sie spüren, da wandelt sich etwas in mir, sind immer intensiv. Denn zurzeit geschieht etwas in Ihnen, von dem Sie manchmal weder wissen, woher es kommt, noch wohin es Sie führt. Doch statt diese Phase intensiven Lebens nur ganz schnell überstehen zu wollen, sollten Sie diese Jahre vielmehr ganz bewusst erleben und für die Veränderungen in Ihnen ganz besonders achtsam sein.

Seien Sie also im Moment vor allem freundlich zu sich selbst und hören Sie auf, gegen sich selbst zu kämpfen. Lassen Sie sich auf die Entdeckungsreise durch Ihre veränderte Gefühlswelt ein. Sie müssen keineswegs alles gut finden, was in Ihnen passiert. Und doch ist diese Zeit ein wichtiger Teil Ihres Lebens, der schließlich zu Ihrer einzigartigen Lebensgeschichte gehört.

Ich möchte Sie dazu ermutigen und dazu einladen, zunächst ganz ruhig und mit ein wenig Abstand, auf Ihre veränderten Gefühle zu schauen. Beobachten Sie, was in Ihnen geschieht. Forschen Sie nach. Und werden Sie zur Entdeckerin Ihrer sich wandelnden Gefühlsgeschichte.

Caroline Bohn

Teil I: Wenn die Welt plötzlich kopfsteht

Veränderungen wühlen auf

Es gibt Lebensphasen, die starke Veränderungen mit sich bringen. Die Mitte des Lebens gehört auf jeden Fall dazu. Manche Veränderungen, die sich einstellen, sind leichter zu ertragen, andere sind hingegen schwerer zu bewältigen. Die schweren sind häufig mit viel Leid und Sorge verbunden: Eine schwere Krankheit, die uns selbst oder nahestehende Menschen trifft. Tiefe Kränkungen und Enttäuschungen. Schmerzvolle Abschiede und Verluste, wie Trennung, Scheidung oder der Tod engster Verwandter oder Freunde. Die Pubertät oder der Auszug der Kinder. Unerwartete Arbeitslosigkeit und Existenzsorgen, die zunehmende Gebrechlichkeit oder Pflegebedürftigkeit der Eltern. Vielleicht stellt sich aber auch eine allgemeine, kaum erklärbare Erschöpfung und Lebensmüdigkeit ein. All das zehrt an unseren Kräften.

Natürlich wissen wir, dass Veränderungen zum Leben gehören. Aber wenn wir dann selbst davon ergriffen werden, wenn wir völlig unerwartet von Ereignissen und Gefühlen überwältigt werden, dann merken wir, wie dünnhäutig und durchlässig wir letztlich sind. Wir stellen fest: Auf vieles, was uns widerfährt, gibt es letztlich keine Vorbereitung. Und so finden wir uns plötzlich in einer verunsichernden Lebensphase wieder. Wir fühlen uns dann besonders schutzlos, weil wir nun viel verletzlicher sind. Vielleicht funktionieren wir noch. Aber wir merken, wir sind unzufrieden, manchmal auch einsam, und wir wissen oft nicht, wie vieles weitergehen soll. Das soll es gewesen sein? Ist das mein Leben? Bleibt das nun alles so?

Insgeheim wissen auch Sie vielleicht: Alle Veränderungen in Ihrem Leben tragen letztlich immer zu Ihrer persönlichen Entwicklung bei. Eigentlich könnten Sie also ganz beruhigt sein und denken: »Das geht vorbei. Ganz gleich, was es ist, ich werde daran wachsen!« Das sind kluge, weise Sätze, die sicherlich stimmen. Denn denken Sie einmal einen kurzen Moment nach: Hat Ihnen so mancher Blick zurück nicht auch schon oft gezeigt, dass alles eigentlich ganz gut und richtig war, wie es letztlich gelaufen ist? Und haben Sie im Nachhinein nicht auch schon oft gedacht, dass Sie ohne dieses oder jenes Ereignis nicht dahin gekommen wären, wo Sie heute sind? Aber diese Einsichten haben Sie vermutlich erst viel später gewonnen. Dann, als die akute Krise überstanden war, als der erste Schmerz der Kränkung sich langsam legte oder die größte Trauer überwunden war. Erst dann setzte sich ganz langsam der Gedanke durch: »Ja, es hatte auch etwas Gutes. Ich bin daran gereift. Ich bin trotz alledem daran gewachsen.«

Doch von diesem Punkt sind Sie jetzt vermutlich noch weit entfernt. Und so denken Sie vielleicht, dass Ihnen in all der Unruhe und Unentschlossenheit oder auch Sorge, in der Sie sich hin und wieder befinden, die Gewissheit, dass alles seinen Sinn hat, zwar bekannt ist, aber im Moment nicht sehr viel nützt. Kein Wunder, denn schließlich werden Ihre Gefühlsturbulenzen nur selten durch kurzfristige Einsichten gestoppt. Und wie sollen Sie auch erkennen, was Ihr aktueller Lebensumstand denn letztlich Gutes für Sie bringt, wenn Sie ständig von einem Gefühl ins andere stürzen – und das womöglich in recht kurzen Intervallen?

Vielleicht fühlen Sie sich von anderen Menschen sogar unverstanden, wenn diese in dieser aufwühlenden Zeit auch noch vom Sinn Ihres Gefühlschaos oder von der Chance einer Krise reden. Denn im Moment stecken Sie mittendrin. Mal mehr und mal weniger intensiv. Und deshalb geht es nun darum, das, was sich in Ihrem Innenleben gerade entwickelt, zunächst einmal aufzuspüren.

Denn ob Sie nun wollen oder nicht: Veränderungen klopfen an und wollen, dass Sie ihnen die Tür öffnen. Das muss so sein und das soll so sein. Auch wenn es mit Unwohlsein, Sorgen und innerer Wankelmütigkeit verbunden ist. Sie wissen und spüren es wahrscheinlich genau: Widerstand leisten ist zwecklos. Ihre Lebensthemen haben Sie gesucht und längst gefunden. Jetzt ist die Zeit gekommen, genauer hinzusehen. Denn nur so entwickeln Sie sich von einer erwachsenen zu einer reifen Frau.

Übergangsphasen– Leben im Schwebezustand

Wenn neue Lebensentwürfe in unser Leben drängen, dann sind wir vor allem aufgewühlt und unruhig. Genau das kennzeichnet schließlich Übergangsphasen. In dieser Zeit hängen wir in der Luft. Wir wissen nicht, wo die Reise hingeht. Wir haben das Gefühl, auf wackeligem Boden zu stehen – und schlimmstenfalls den Eindruck, überhaupt keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben. In der Lebensmitte befinden wir uns daher in einem Schwebezustand, auf den uns niemand vorbereitet hat. Plötzlich treffen wir auf bestimmte Themen, die uns – erneut oder erstmalig – intensiv beschäftigen. »Wie will ich leben? Was möchte ich noch beruflich machen? Mit wem will ich zusammen sein? Wie viel Freiraum und Rückzug brauche ich für mich?« Etliche Fragen, die aufwühlen und irritieren. Doch für diese Fragen sind Übergangszeiten da. Die Fragen fordern Sie dazu auf, sich nun vertiefend zu besinnen, wieder zu sich selbst zu kommen und bewusst in sich hineinzuhorchen. Es geht darum, Bilanz zu ziehen, um dann vielleicht die eine oder andere Veränderung vorzunehmen.

Die Mitte des Lebens ist eine ganz besonders exklusive Phase im Leben einer Frau. Sie löst Gefühlsveränderungen aus, die dazu führen, dass wir manchmal unser ganzes Leben – oder zumindest Teilbereiche – auf den Prüfstand stellen. Wir verwandeln uns. Und diese Wandlung ist ein langsamer Prozess. Doch sanft und stetig verläuft diese Entwicklung in der Regel leider nicht. Viele Frauen erleben diese Zeit deshalb als persönliche Krise, die sie sich selbst oft nicht erklären können. Vielleicht geht es Ihnen genauso und Sie spüren: »Ich bin in meiner bisherigen Lebenswelt nicht mehr zuhause. Ich empfinde keine richtige Freude mehr. Ich fühle mich irgendwie heimatlos. Ich weiß nicht mehr genau, wo ich wirklich hingehöre – oder: zu wem ich gehöre. Was will ich denn eigentlich? Wo finde ich Halt?« Dieses Schweben im »Vakuum Lebensmitte« macht es so schwer, diesen Zustand auszuhalten. Und gerade weil wir manchmal das Gefühl haben, dass nichts mehr in unserem Leben klar und eindeutig ist, möchten wir diese Zeit natürlich am liebsten ganz schnell hinter uns bringen. Aber Übergänge können nicht gut gelingen, wenn wir so schnell wie möglich zur Tagesordnung übergehen wollen, schreibt die Autorin Ursula Nuber in Psychologie Heute (Ausgabe 12/​2008). Denn wir benötigen Zeit auf unserer Reise von dem »Nichtmehr« ins »Nochnicht«. Und wie heißt es so schön? Das Gras wächst auch nicht schneller, indem wir daran ziehen. Sie sollten also vor allem Geduld aufbringen und diese Lebensphase bedächtig durchleben, um die reifen Früchte zu ernten, die sie Ihnen schenkt.

Wenn wir es genau nehmen, so befinden wir uns eigentlich unser ganzes Leben lang in irgendwelchen Übergangsphasen. Vom Kindergarten geht es in die Schule, in Ausbildung und Beruf. Wir sind Kinder, dann Jugendliche und irgendwann Erwachsene. Wir sind Tochter, Schwester, Freundin, Ehefrau und vielleicht Mutter. Das heißt, wir durchqueren immer wieder unsichere Zeiten. Doch wir wachsen an unseren Aufgaben und verschiedenen Rollen und wir bewegen uns ständig auf unterschiedlichen Schauplätzen des Lebens, die sich verändern – und die uns verändern.

Manches ist im Leben vorhersehbar, manches nicht. Das eine tritt unverhofft ein: Trennung, Scheidung, Arbeitslosigkeit, beruflich bedingte Umzüge, der Tod des Partners, der Geschwister, Erkrankungen der Eltern oder eigene körperliche Leiden. Anderes bleibt unverhofft aus: keine Schwangerschaft, keine Hochzeit, kein Studium, keine Führungsposition, kein Auslandsaufenthalt. Zu spät. Wir merken: Unsere Entscheidungsspielräume werden enger. Und wir spüren, wir müssen uns von einigem – und von einigen – verabschieden, auch wenn wir glaubten, dass alles sicher sei.

Natürlich macht uns das traurig, niedergeschlagen, ängstlich und auch einsam. Schließlich sind wir auf der Suche. Wir suchen nach einer neuen Identität. Denn in der Mitte des Lebens werden wir gerufen. Das heißt, etwas in Ihnen fragt nun wieder genauer nach: »Wer bin ich?« Wo will ich hin? Wie möchte ich die nächsten Jahrzehnte verbringen?« Und Sie sind erfahren genug, um zu wissen: Jeder Tag ist kostbar. Deshalb merken Sie: »Ich will nichts mehr verschenken! Jetzt habe ich noch einmal die Möglichkeit, die Weichen umzustellen und Grundlegendes in meinem Leben zu verändern. Wenn, dann jetzt!« Das heißt, Sie suchen nach einem neuen Sinn und Halt in Ihrem Leben und hinterfragen kritisch, was oder wer Ihnen bislang genau das gegeben hat und ob das alles wirklich noch Bestand hat. Zurückgeworfen auf sich selbst, sehen Sie Ihr bisheriges Leben an und erkennen: »Es gibt vieles, was ich jetzt neu überdenken muss.«

Eines ist an dieser Stelle entscheidend: Es gibt zwar vieles, über das Sie nun nachdenken, aber es geht nicht gleich darum, tragweite Entscheidungen zu treffen! Das ist ein Irrglaube, dem viele Frauen immer wieder unterliegen. Denn viele koppeln an das Nachsinnen über ihr Leben, dem Aussprechen ihrer Unzufriedenheit, dass sie nun zeitgleich mehr oder weniger radikale Entscheidungen treffen müssen. Doch dieser Schritt ist noch gar nicht dran. Es geht vielmehr um den Schritt davor. Es geht zunächst darum, sich selbst neu zu erkennen. Es geht darum, dass Sie sich beobachten und die wegweisende Spur Ihrer Gefühle verfolgen. Und dabei geht es auch um Folgendes: in dieser turbulenten und aufwühlenden Zeit ganz besonders gut für sich zu sorgen.

Es ist unbestritten eine unruhige Zeit, voll scheinbarer Widersprüche und emotionaler Sprunghaftigkeit. Und gelegentlich toben sicher auch zwei Seelen in Ihrer Brust. Der Wunsch nach Klarheit und Orientierung ist daher verständlich. Doch im Moment geht es nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Das heißt, Ihre inneren Widersprüchlichkeiten dürfen und sollen sogar nebeneinanderstehen. Warum? Weil sie zum Leben gehören. Wir sind oft unschlüssig und hin- und hergerissen. Und wir sollten uns endlich damit aussöhnen, dass das so ist.

Schauen Sie sich daher zunächst Ihre aktuellen Stimmungen und Gefühlslagen an. Und nehmen Sie den Druck heraus, jetzt etwas entscheiden oder verändern zu müssen. Niemand verlangt von Ihnen Entscheidungen, die Sie in dieser aufwühlenden Übergangszeit noch gar nicht treffen können. Also tun Sie es auch nicht.

Ich lade Sie deshalb herzlich ein. Lehnen Sie sich zurück und schauen Sie auf die Bühne Ihres Lebens. Der Vorhang geht auf. Es ist Ihre Premiere. Eine ganz persönliche Aufführung: nur für Sie!

Der erste Impuls – oder: Wie alles beginnt

Veränderungen vollziehen sich in der Regel schleichend. Sie wachen nicht plötzlich morgens auf und sind ein anderer Mensch. Doch eines Tages stellen Sie vermutlich fest: Irgendetwas ist jetzt anders. Vielleicht fühlen Sie sich auf einmal alt – oder zumindest älter. Und Ihnen fällt auf, dass die Spuren Ihrer Lebenserfahrung in Ihrem Gesicht und an Ihrem Körper immer deutlicher werden. Eine schlaflose Nacht ist auch zwei Tage danach noch unübersehbar. Die Arbeit im Büro kostet im Moment mehr Kraft. Und trotz Sport formt sich der Körper ganz anders, als er soll. Ja, schauen Sie ruhig hin: Sie verändern sich – innerlich wie äußerlich. Sie sehen schneller müde und erschöpft aus und Ihre Haut wird weicher. Das gehört dazu. Das ist jetzt so. Ja, das sind Sie jetzt!

Viele Frauen merken in dieser Zeit, dass sie auf einmal ein verstärktes Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug haben. Ihre gesamte Stimmungslage erscheint ihnen selbst plötzlich völlig verändert. Und manchmal haben sie den Eindruck, ihre ganze Freude am Leben sei wie weggeblasen. Freizeitunternehmen aller Art werden anstrengender. Der Aufenthalt in Menschenmassen ist auf einmal stressig und belastend. Der Straßenlärm macht sie immer empfindlicher und regt sie weitaus mehr auf als zu früheren Zeiten. Ungeduld und Gereiztheit sind inzwischen Gefühle, die sie ständig begleiten; ob an der Kasse, im Auto oder in Gesprächen mit anderen. Kurzum: Ihnen wird alles zu viel, zu schnell und zu laut. Und dann wird es insgesamt mühsamer, sich aufzuraffen und all die Dinge des täglichen Lebens zu bewältigen. Kennen Sie das auch? Alles, was Sie tun, kostet Sie irgendwie mehr Kraft.

Das alles sind deutliche Zeichen: Der Prozess beginnt. Ob Wechseljahre oder nicht – Veränderung will in Ihr Leben. Das heißt vor allem: Jetzt steht etwas anderes an. Privat geht es darum aufzuräumen, sich von gewohnten Aufgaben und Zwängen zu befreien, um das Gefühl zu haben, endlich wieder atmen zu können. Und auch beruflich kann es Wendungen geben: Ein Stellenwechsel, eine andere Aufgabe in der Firma, und manchmal erscheint selbst eine Selbstständigkeit gar nicht mehr so abwegig. Aber es müssen nicht gleich grundlegende oder radikale Veränderungen sein. Und vor allem: Jetzt im Moment müssen Sie noch nichts entscheiden! Sehen Sie einfach nur hin, hinterfragen Sie, was Sie in Ihrem Leben noch gut finden und was nicht. Und gehen Sie sorgsam mit sich um!

Die Themen: Familie, Job und Freizeit

Bei den meisten Frauen beginnt der Veränderungsprozess damit, dass sie viel nachdenklicher sind als sonst. Sie hinterfragen plötzlich vieles, was bislang vertraut und selbstverständlich war. Dazu zählen vor allem eingespielte Gewohnheiten und enge Beziehungen. Vielleicht sind es die alltäglichen Aufgaben, die auch Sie in Frage stellen: einkaufen, putzen, den Haushalt wie immer organisieren – den Spagat zwischen Familie, Beruf und Freizeit meistern. Doch dann kommt der Gedanke: »Und wo bleibe ich?«

Auch Ehe oder Partnerschaft kommen auf den Prüfstand: Da sind die Eigenheiten und Gewohnheiten nahestehender Menschen, die Ihnen zurzeit viel schneller auf die Nerven gehen: Immer dieselben Geschichten des Partners, die mangelnden Tischmanieren der Kinder oder ständig die gleichen aufreibenden Diskussionen.

Vielleicht tauchen bei Ihnen aber auch schleichend solche seltsamen Grundsatzfragen auf:

»Lebe ich alleine nicht eigentlich viel besser?«

»Was bringt mir die Beziehung eigentlich?«

»Liebe ich meinen Mann wirklich noch?«

Und beruflich? Einige der Kolleginnen und Kollegen müssen sich immer wieder aufspielen und durch Belanglosigkeiten hervortun. Sicher, das kennen Sie schon. Aber jetzt nervt Sie dieses Gebaren eben noch viel mehr als sonst. Und es fällt Ihnen weitaus schwerer, Ihren Unmut darüber zu unterdrücken und Ihre Gefühle in Schach zu halten. Oder merken Sie vielleicht, dass Sie sich morgens nur noch aus dem Bett quälen und am liebsten gar nicht mehr in die Firma gehen wollen? Dabei waren Sie bislang doch immer ganz zufrieden mit Ihrem Job. Aber alles wird schneller und hektischer und Sie immer müder. »Wie soll ich das alles nur schaffen?«

Und wie steht es mit Ihren Freundschaften? Werden die gemeinsamen Treffen, die Sie doch immer so unterhaltsam und kurzweilig fanden, auf einmal anstrengender für Sie? Vielleicht stellen Sie ja auch fest, dass die Zusammenkünfte schon längst nicht mehr so unbeschwert und heiter sind wie zu früheren Zeiten. Was haben Sie sich eigentlich noch zu sagen? Und müssen Sie sich überhaupt noch so oft sehen oder ständig miteinander telefonieren? Oder wünschen Sie sich gerade jetzt Ihre alten Freundinnen näher herbei? Besonders die, die auch auf einmal so nachdenklich sind. Und würden Sie am liebsten mal ein Wochenende mit ihnen verreisen, um, abseits von Familie und Beruf, Zeit füreinander zu haben und mal wieder diese intensiven Frauengespräche zu führen? Aber dann kommen auch schon die Zweifel: »Wie reagiert wohl mein Mann darauf, wenn ich mit meinen Freundinnen wegfahren will?«

Solche vielfältigen Eindrücke, Zweifel und Wünsche treten in der Lebensmitte verstärkt auf. Und sie entwickeln sich oft zu einer nagenden Unzufriedenheit oder inneren Quengelei. Doch es ist keineswegs ungewöhnlich, was Sie fühlen. Vielmehr sollten Sie diesen Gefühlen nachgeben, um ihnen ihre verdiente Weite und Raum zu geben. Denn in ihnen liegen wertvolle Hinweise für Ihre ganz persönliche Entwicklung. Indem Sie Gewohntes hinterfragen, stoßen Sie auf Ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse, die vielleicht längere Zeit zurückstehen mussten oder die sich jetzt neu herausbilden. Denn im Laufe unseres Lebens überprüfen wir immer wieder, wie wir leben wollen. Und in der Mitte der Lebens mit einer besonderen Intensität, weil unser Gefühlsleben so stark in den Vordergrund rückt.

Teil II: Die große Welt der Gefühle

Warum faszinieren und beschäftigen uns Gefühle eigentlich so sehr? Ganz einfach, weil sie uns immer und überall betreffen. Unsere Gefühle machen uns aus. Durch sie sind wir lebendig. Ob im Privatleben oder im Beruf – überall stoßen wir auf unterschiedliche Stimmungen, Befindlichkeiten und Gefühle anderer Menschen. Und ständig sind wir damit beschäftigt herauszufinden, wie wir uns selbst gerade fühlen, warum wir uns so und nicht anders fühlen oder wie wir unsere Gefühle verändern können.

Die Vielfalt unserer Gefühle ist groß: Wir sehnen uns nach etwas oder nach jemandem. Wir sind wütend, verliebt, erfreut, gerührt, enttäuscht, verärgert, gekränkt, verängstigt oder einsam. Wir fühlen uns wohl oder unwohl, unbehaglich oder geborgen, betrogen oder geschützt.

Unsere Gefühle steuern unser Leben und sie zeigen uns die Richtung an. Ohne sie wären wir orientierungslos und ohne Warnsystem. Denn durch das, was wir fühlen, wissen wir, wer oder was uns guttut und wer oder was uns schadet.

Gefühle verbinden und trennen uns von anderen Menschen. Sympathie, Zuneigung und Liebe lassen Beziehungen entstehen. Neid, Eifersucht und Hass können sie wieder zerstören. Es gibt Gefühle, die dafür sorgen, dass wir uns zurückhalten, wie Angst oder Ekel. Und es gibt Gefühle, die uns herauslocken, wie Liebe oder Stolz.

Gefühle stecken auch an. So springt die gute Stimmung der Kollegin manchmal ebenso auf uns über wie die schlechte Laune des Partners. Und selbst gespielte Gefühle können auf uns übergreifen. Denken Sie nur an rührselige Filmszenen, die uns sogar zum Weinen bringen oder tiefe Sehnsüchte in uns erwecken können.

Häufig sind wir damit beschäftigt, unsere eigenen Gefühle und die anderer zu verstehen oder auf sie zu reagieren. Wir fühlen uns in uns selbst oder in andere hinein und wir teilen unsere Gefühle mit. Wir können manche Gefühle vorspielen und andere trotz aller Mühe nicht verbergen. Wir können Gefühle verdrängen und versuchen, sie wieder zu erwecken.

Im Laufe unseres Lebens schaffen wir es in der Regel recht gut, unsere Gefühle zu kontrollieren und zu managen. Das ist nicht immer leicht. Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild bezeichnet diesen Versuch daher als Gefühlsarbeit. Und diese Arbeit an unseren Gefühlen gelingt uns an manchen Tagen besser und an manchen eben weniger gut.

Meistens versuchen wir, uns in eine andere, bessere Gefühlslage zu versetzen. Denn unser Ziel sind vor allem die positiven Gefühle. Das heißt, wir wollen, dass es uns ständig gut geht. Das ist verständlich. Nur was muten wir uns da eigentlich zu? fragt auch die Psychotherapeutin Alice Holzhey in Psychologie Heute (Ausgabe 05/​2008). Denn ist es nicht zu viel verlangt, dass wir uns selbst in schwierigen Zeiten auch noch gut fühlen wollen? Und trotzdem versuchen wir es, obwohl wir insgeheim genau wissen, dass das in Wirklichkeit gar nicht möglich ist. Ob es uns also passt oder nicht: Wir alle müssen auch negative Gefühle aushalten und ertragen. Denn negative wie positive Gefühle sind wichtig, und seelisch gesund sind wir letztlich erst dann, wenn unsere Gefühle der jeweiligen Situation angemessen sind, meint Alice Holzhey.